Donnerstag, 16. Juni 2022

Retten

 

                                                                  Foto: pixybay


Es ist gut mitfühlend zu sein. Es ist gut auf die Gefühle anderer zu achten. Es ist aber auch gut mitfühlend mit uns selbst zu sein und auf uns selbst zu achten.
Manchmal kommt unser Mitgefühl an eine Grenze. Diese kann dort sein, wo uns andere immer wieder in ihr Drama hineinziehen.
Dann müssen wir eine Entscheidung treffen, um gut für uns selbst zu sorgen.

Wir können nicht gleichzeitig eine Grenze setzen und auf das Drama anderer eingehen. Schon gar nicht, wenn der andere sein Drama partout nicht lösen will und jede Hilfe verweigert. Wir können andere auch nicht retten, wenn sie es nicht zulassen.
Es ist gut anderen zu helfen. Und es ist gesund zuerst uns selbst zu helfen.

Dann eine klare Grenze zu setzen kann uns in einen inneren Konflikt bringen.Wir wollen beides, für den anderen da sein und uns schützen. Und beides geht nicht.

Viele von uns tragen die Überzeugung in sich, dass wir die Gefühle anderer nicht verletzen dürfen. Das ist wahr. Aber wahr ist auch: Es ist nicht gesund uns selbst zu verletzen.
Es ist wahr, dass wir andere retten dürfen, wenn sie es zulassen, aber es ist auch wahr, dass wir zuerst uns selbst retten müssen, bevor wir den Retter geben.

Ins Rettungsboot gehören nur die, die das Boot nicht zum Kentern bringen.

Dienstag, 14. Juni 2022

Aus der Praxis: Verstrickung

 

                                                            Zeichnung: A.Wende


Immer wieder erlebe ich in der Praxis Menschen die in abhängig verstrickten Beziehungen gefangen sind. Sie leiden unvorstellbar. Sie wollen die Verstrickung lösen, aber sie schaffen es nicht, obwohl sie seelisch und körperlich am Ende sind. Das Loslassen scheint unmöglich. "Es fühlt sich an wie sterben", sagte neulich ein Klient zu mir. 
Verstrickungen zu lösen ist eine immense Herausforderung für den Klienten und den Helfer. Es ist ein langer Prozess, der die unbedingte Bereitschaft zur inneren Befreiung, Selbstreflektion, Geduld und Zeit erfordert. Vor allem aber bedeutet dieser Prozess: Erwachsen zu werden und ein stabiles Ich zu formieren, dass sich seiner Autonomie, seiner Eigenverantwortung und seines Selbstwertes bewusst wird. 
 
Was bedeutet es, wenn wir emotional verstrickt sind?
Wenn wir uns in eine emotionale Abhängigkeit verstricken, geben wir die Verantwortung für das eigene Befinden an den Partner ab und zugleich übernehmen wir die Verantwortung für den anderen. Wer emotional verstrickt ist, lebt sich selbst durch den anderen. Wer verstrickt ist, ist nicht bei sich selbst.
Typisch für Verstrickungen sind Gedanken und Gefühle wie: „Erst durch Dich bin ich komplett. Ich brauche Dich. Ohne Dich kann ich nicht leben. Wenn Du mich verlässt, gehe ich zugrunde.“
Wer verstrickt ist lebt in der ständigen Angst, den anderen zu verlieren. Diese Verlustangst führt dazu, dass diese Menschen die persönlichen Grenzen des anderen, als auch die eigenen ständig überschreiten. Sie klammern, fordern, erwarten, manipulieren und spionieren um den anderen unter Kontrolle zu behalten. Sie tun alles um dem anderen zu gefallen und erwarten ständige Aufmerksamkeit und Liebesbeweise vom anderen. Sie brauchen das Gefühl gebraucht zu werden und zugleich brauchen sie den anderen um einen Lebenssinn zu haben, den sie in sich selbst nicht finden.
Menschen in abhängig verstrickte Beziehungen sind emotional und in Gedanken ständig beim anderen und nicht bei sich selbst. Der andere, sein Leben oder sein inneres Drama haben mehr Einfluss auf ihre Gefühle und ihre Gemütslage, als es für sie gesund ist. Jeder Versuch des anderen etwas für sich selbst zu tun, wird als Bedrohung für die Beziehung empfunden und mit Anklagen, Kritik, Drohungen, Bitten, Weinen, Streit und Schuldgefühlen belegt.
 
Verstrickungen sind unheilsame Machtspiele.
Wenn wir verstrickt sind geben wir einem anderen Menschen Macht über uns selbst und üben zugleich Macht über den anderen aus. Die Grenzen zwischen Ich und Du lösen sich auf. Das eigene Ich kommt kaum noch vor. Das unbewusste Ziel jeder Verstrickung ist die symbiotische Verschmelzung zu einem gemeinsamen ICH, die der Bedürftigkeit des inneren Kindes entspringt.
Dieses bedürftige Kind hat kein gesundes Selbstwertempfinden, kein Selbstbewusstsein und kein Selbstvertrauen erlernt. Wer dies nicht besitzt, kann nicht bei sich selbst sein und nicht bei sich selbst bleiben. Er braucht die emotionale Zufuhr von außen, die ihm spiegelt: „Du existierst. Du bist wertvoll und liebenswert.“ Fatalerweise gibt er damit die Verantwortung für sein eigenes Sein an den Partner ab. 
 
Verstrickung ist die unbewusste Strategie des Inneren Kindes, um das verlorene oder nie erlebte Paradies der Kindheit von Annahme, Zuneigung, Liebe, Geborgenheit, Sicherheit, Halt, Schutz zu erreichen. Je weniger ein Mensch dies erfahren hat, um so mehr braucht er für seine innere Stabilität die Aufmerksamkeit und Liebe des anderen. Der Partner ist zuständig für das eigene Selbstwertgefühl. In der Verstrickung zeigt sich: Ich brauche von dir, was ich mir selbst nicht geben kann. Und das um jeden Preis.
Eine Verstrickung ist für den Verstrickten immer eine schwere seelische Belastung und für die Beziehung unheilsam und auf Dauer zerstörerisch. Sie wird zum emotionalen Gefängnis. Verstrickte leiden oft Höllenqualen, weil sie sich ihres Zustandes bewusst sind, aber nicht aus ihrem Gefängnis herausfinden.
 
Wenn wir verstrickt sind fehlt uns das Kohärenzgefühl, was bedeutet, dass wir mit uns selbst im Einklang stehen und uns unseres Selbstwertes und unserer Selbstwirksamkeit bewusst sind.
Nur wenn ich ganz bei mir bin, bin ich eins mit mir. Ich kenne mich hinreichend gut. Ich spüre mich. Ich weiß um meine Gefühle, Bedürfnisse und Fähigkeiten. Ich bin klar und mit mir selbst im Einklang. Ich bin mir der Grenze bewusst, die zwischen mir und anderen verläuft und an der die Ansprüche der anderen an mich enden und die meinen an andere. Dann bin ich es, der diese Grenze definiert. Ich lasse sie nicht überschreiten und überschreite die Grenzen der anderen nicht. Ich bin nicht verstrickt in das Drama anderer. Dazu muss ich es spüren, dieses Ich, das ich bin.
 
Wie kann ich Nähe zulassen und dennoch bei mir bleiben?
Indem ich nachspüre:
Wo genau verläuft die Grenze zwischen ich und du?
Was ist das meine und was ist das deine?
Wo stehe ich und wo stehst du?
Das zu wissen, ist die Grundvoraussetzung um bei uns selbst anzukommen und bei uns selbst zu bleiben.
Also: Wo stehe ich – und wo stehst du?
Und weiter:
Wer bin ich und wer bist du?
Spüre ich mich selbst, auch in der Gegenwart eines Du?
Und: In welchem Moment beginne ich mich zu verlieren?
Was will ich? Und was willst du?
Und wenn wir beide etwas wollen, beinhaltet das dann auch mich selbst und mein Wollen?
Je besser wir uns selbst kennen, umso leichter fällt es uns, zu unterscheiden. Nur wenn ich weiß, wo ich stehe und mich aus diesem Wissen heraus entscheide und auf das Wesentliche konzentriere, bleibe ich bei mir selbst.
Das zu lernen ist für Menschen, die sich verstricken, wesentlich. 
 
 
Wenn Du Unterstützung möchtest, bist Du herzlich willkommen.
In einem unverbindlichen, 20 minütigen Erstgespräch können wir uns kennenlernen und ein Gefühl füreinander bekommen.
 
Melde dich gerne unter
aw@wende-praxis.de

Montag, 13. Juni 2022

Blau

 


 

Sie ist blau, die Tür zum Hausflur meiner Wohnung. Ein besonderes Blau, ein strahlendes Blau. Ein Blau, das an Frida Kahlos Casa Azul erinnert.

Ich verehre Frida Kahlo. Ich fühle mich mit ihr verbunden. Ich habe alles über sie gelesen, kenne ihre Bilder, jedes Einzelne. Ich fühle ihren Schmerz, ihre Liebe, ihre Verzweiflung, ihre Liebe, ihre Freude, ihre Leidenschaft und ihre Lust am Leben. „Viva la Vida!“ Das ist Frida. Pro Leben, trotz all dem Leid, was sie erfahren musste. Sie hat es sie in Kunst verwandelt.

Blau. Franz Marc soll gesagt haben: "Blau ist die einzige Farbe, bei der ich mich wohl fühle.“

Blau, das Ewige, das Grenzenlose. Tiefes Blau zieht ins Untergründige, auf den Grund der Seele. Blau, die Weite, der Himmel, das Meer, der Sog ins Unendliche, die Sehnsucht. Oben und Unten ist Blau. 

Ich dazwischen. Hinter der blauen Tür.

Sonntag, 12. Juni 2022

Weiß

 


Sonntagmorgen. Ich sitze im meinem Bett, in den weißen Laken, die nach Reinheit duften. Ein Duft, den ich liebe, weil er meiner Sehnsucht den Namen gibt: Mutter. Mutter, die weiße Laken liebte, die jeden Samstag die Betten frisch bezog und mich zu sich rief an mein Kinderbett: "Riech mal, wie sauber sie duften. Die Mutter, die mich verstoßen hat. Ich begreife es nicht, bis heute begreife ich es nicht. Dabei müsste ich längst begriffen haben, seit dem Tag an dem wir mit dem Hund über das blühende Weizenfeld liefen und sie zu mir sagte: "Kind, ich konnte dich nicht lieben." Keine Erklärung warum, kein: Es tut mir leid, das meine Fassungslosigkeit in etwas hätte verwandeln können, das mir Hoffnung hätte geben können. Nur dieses: Ich konnte nicht. Es ist wie es ist, denke ich, weil kein anderes Denken einen Sinn macht. Es ist wie es ist. Aber es nimmt mir den Schmerz nicht. Ich vermisse meine Mutter.

Ich vermisse die Liebe , die ich bis heute suche, in all der Unliebe, die sie mir nannte  und die ich erfahren habe, immer wieder in meiner endlosen Suche. Heute weiß ich, dass ich diese Liebe in keinem anderen finden kann. Ich suche sie in mir selbst, für mich selbst. An guten Tagen finde ich sie. Längst bin ich selbst Mutter. Ich liebe mein Kind, fasse bis heute nicht, wie ein Mensch sein Kind nicht lieben kann, wo ich doch weiß, dass es möglich ist, weil es meine Geschichte ist. Eine Geschichte von so vielen Geschichten, die hörte und höre vom Ungeliebtsein der Kinder, die längst erwachsen sind und suchen. Mein Wissen um die Möglichkeit der Unliebe tröstet mich an diesem Morgen nicht. Es wird mich auch morgen nicht trösten, wenn der neue Tag anbricht. In dieser Sache bleibe ich untröstlich. Es ist wie es ist.

Wie sie wohl lebt, frage ich mich, was sie wohl gerade macht, allein jetzt, nach dem Tod meines Vaters. Sie spricht nicht mehr mit mir. Ich kann sie nicht fragen. Und nicht einen Moment ist der Gedanke in mir sie könnte mich ebenso vermissen wie ich sie. Was, wenn sie stirbt? Ich werde ihren Tod nicht begreifen. Wie kann ich einen Tod begreifen, der längst im Leben stattfand?

Donnerstag, 9. Juni 2022

Aus der Praxis: Ausweg aus der Angst


 
                                                             Foto: A.Wende
 
 
„Angst haben“ ist ein Urinstinkt des Menschen. Zum Problem wird das biologisch angelegte Furchterleben aber wenn es ausartet und zu übertriebenen und krankhaften Ängsten führt.
Ganz gleich ob unsere Angst sich auf materielle oder existentielle Dinge bezieht, alle Ängste entstehen auf der emotionalen Ebene und sie entsprechen nicht notwendig der materiellen Wirklichkeit. Unsere Ängste sind meist alt. Alte Angst wandelt das Jetzt, in etwas, was es nicht ist. Angst wirkt von innen nach außen und kreiert ein Außen, das uns mehr Angst macht, als es uns machen müsste. 
 
Übertriebene oder krankhafte Angst beginnt im Kopf. Sie folgt aus Bewertungen von Objekten oder Situationen, die für sich allein zunächst nicht Angst auslösend sind. 
Was eigentlich ungefährlich und nicht bedrohlich ist, wird als gefährlich und bedrohlich eingestuft. Die Angst läuft aus dem Ruder, so dass sie statt Schutzmechanismus zu sein, zur Qual wird. Am mächtigsten ist die Angst die unseren Unbewussten entspringt, für die wir keinen Namen haben, der wir kein Gesicht geben können. Aber genau das ist es, was wir dann tun dürfen. Wir dürfen diese Angst erforschen, ihr ein Gesicht geben, sie benennen, sie fühlen und aushalten bis sie kleiner wird. Und das wird sie. 
 
Es gibt nur eine wirksame Strategie für den Ausweg aus der Angst: Wir müssen uns der Angst aussetzen, sie ertragen und nicht davonlaufen. Je früher dies erfolgt desto besser, denn mit der Zeit dehnt sich die Angst aus, sie greift auf weitere Situationen und Objekte über. Wie vermeiden immer mehr.
Die Angst erforschen, das ist die Vorrausetzung um sie in ihrem tiefsten Wesen zu erkennen und um ihre übergroße Macht zu bezwingen. Wir erforschen ihre Quelle damit wir wissen, womit wir es wirklich zu tun haben, damit wir wissen, was der Urgrund unserer Angst ist.
Und dann hören wie die Stimme, die uns einredet, dass wir uns schämen sollen oder schuldig sind, die uns sagt, wie klein wir sind, wie unfähig, wie feige und hilflos, wie wertlos und nicht liebenswert. Diese Stimme ist alt. Sie ist nicht die unsere, wir haben sie verinnerlicht. Sie hat in uns hineingeredet, von Kindesbeinen an, sie hat uns eingeredet, was oder wer wir sind, wer wir nicht sind und wer wir zu sein haben. Und wir haben ihr Glauben geschenkt. Wir haben uns mit ihr identifiziert, aber wir haben sie nicht identifziert.
Das tun wir jetzt.
Und dann nehmen wir Abstand von dieser Stimme, wir disidentifizieren uns, wir beobachten sie. Wir hinterfragen alles, was sie an unheilsamen, angstmachenden und bedrohlichem ausspuckt und dann sie fragen wir sie: Woher willst du das wissen?
Diese Frage ändert viel.

Freitag, 3. Juni 2022

About dealing with pain

 



It does something to us when others don't treat us as appreciatively as we would like. It does something to us when we are hurt, regardless of whether it is meant as a hurt or whether we just feel it that way. Feelings of powerlessness, anger, sadness and pain come up.
We all want to be seen, respected and loved.
But the reality is: we get hurt. Over and over again.
We will not go through this life unharmed.
Hurt is part of being human.
People hurt people.
Hurt people hurt people.
Injuries stir us up.
New wounds sit on top of old wounds and few of us are self-aware enough to know when a new injury triggers an old wound.
The wounded child in us is highly sensitive. His wounds are not all healed, even if we work on ourselves for years.
There are hurts that never heal. They are scarred like old wounds. When they are touched we feel them.
That's okay. It's not a drama if we don't make one.
Pain is part of being alive.
A central phrase in Buddhism is, "Suffering is part of being alive." Pain and suffering follow injury. Every living thing feels pain. Resisting it creates suffering.
So the question, "How can we protect ourselves from injury?" is unnecessary. We cannot. Just as we cannot protect ourselves from fate, which sometimes strikes without warning, like a bolt from the blue. That, too, is life. For me, being aware of this is a sign of human maturity.
A mature question is: How do I deal with injuries?
Quite contrary to the immaturity of today's time, which makes us believe: To be happy is the maxim. To be hurt, to cry, to mourn, to be disappointed, to be sad, for that we almost have to justify or even apologize today.
How uncool, he is unhappy. He's doing something wrong. He's thinking too negatively.
Most people try to hide their hurts and pain. They pretend to be happy and are unhappy. They fool themselves and others. They post happy-beaming selfies on Facebook and Instagram while sitting at home looking completely different.
Brave new world.
No, not beautiful. Dishonest new world.
A world that gives us the impression that pain and suffering are abnormal and something for the weak. Depression, anxiety disorders, compulsions are only for the weak.
Many of us try convulsively to deny pain and avoid it. We repress, compensate, deny and overplay it. If it catches us, we want it to go away again very quickly. And that is exactly what does not work.
There are injuries and emotional pain that accompany us for a long time. Some even for a lifetime.
That's how it is and that's how it is.
We cannot protect ourselves from injuries, but we can learn to deal with them in a healthy way.
The pragmatic way of Buddhism is helpful: "Understand the direct causes within yourself for your suffering. And stop contributing to the causes." Suffering is viewed and valued in Buddhism as an awakening moment. Pain as an indication of an opportunity for improvement in our lives.
Suffering is inevitable. We cannot escape it, but we can decide how to deal with it. We ourselves are responsible for whether we give pain power over us or whether we consciously look at it and ask ourselves: what am I doing with it? What can I learn from it? What is it perhaps even good for? How can I deal with it in such a way that my thoughts and actions do not unnecessarily intensify the pain? What do I have to let go of in order to feel better? What do I have to do more of, what is good for me?
The path through and out of pain is a path with the possibility of inner growth. Pain that is pushed away creates suffering. We turn off suffering by turning off what creates suffering within ourselves.
When we are hurt again, we may say: Yes, this is painful. That hurts. And we may let the feeling be there. We accept the feeling. We accept that we feel what we feel. We accept what is. We embrace the feeling. We comfort ourselves, we hold the feeling in our arms like a hurt little child. We cradle it. We soothe it as we would soothe a child. We practice acceptance and learn self-soothing skills. We learn to care for ourselves compassionately and lovingly precisely because we are hurting. 
 
"An empathetic attitude is not just always there, but always emerges when we take good care of ourselves and nurture ourselves."
(Marshall Rosenberg)

Mittwoch, 1. Juni 2022

„Du bist so anstrengend!“

 

                                                                     Foto: www


Eine Leserin meiner Texte bat mich vor einigen Tagen um meine Gedanken zum Thema „Du bist so anstrengend!“
Hier sind sie ...
 
Nicht jeder ist anstrengend. Aber viele von uns sind
auf ihre eigene Art und Weise anstrengend.
Es gibt Menschen, die sind sogar für sich selbst anstrengend.
Ihr Leben ist eine ständige Herausforderung. Sie leiden unter etwas, das ihnen das Dasein schwer macht. Sie sind meist keine Positivdenker, sondern eher melancholische, pessimistische Gemüter oder sie tragen einen Schmerz in sich, der nicht vergeht.
Die Anstrengenden sind besonders die, denen man eine Neurose zuspricht, oder andere psychische Defekte, Traumata Störungen und Erkrankungen bis hin zur Sucht. Oder sie sind passiv aggressiv, nicht kritikfähig, narzisstisch, zwanghaft, wissen alles besser, wollen, dass es immer nach ihrem Kopf geht, brauchen sehr viel Aufmerksamkeit, erwarten viel von sich selbst, dem Leben und anderen, sehen ihre eigenen Schwächen nicht oder projizieren sie auf andere, können nicht zuhören, klagen und jammern, können keine Entscheidungen treffen, sind selbstunsicher, leicht kränkbar, verbittert, leicht verletzbar, fühlen sich als Opfer und geben anderen oder dem Leben die Schuld, dass sie Opfer sind.
Anstrengend sind auch die, die in ihrer eigenen Welt leben, mit ihren eigenen Wahrheiten, die sich nicht nach den gesellschaftlichen Normen richten, anders sind, der Masse nicht hinterherlaufen, nicht mitlaufen, einen eigenen Moral- und Wertekodex haben, für das stehen, woran sie glauben und danach leben, in aller Konsequenz. Anstrengend sind Introvertierte, Extrovertierte und Hochsensible, Forschende, Fragende, Zweifelnde und Suchende.
Ich könnte die Liste endlos weiterschreiben.
 
Wer anstrengend ist voller Eigenschaften, die den Umgang mit sich selbst und anderen schwer machen. Wer anstrengend ist, strengt also an.  
Anstrengung bedeutet immer Kraft- und Energieaufwand, wo doch alles so viel einfacher und leichter sein könnte. Ist es aber nicht, jedenfalls nicht für die Anstrengenden unter uns.
Anstrengend sein bedeutet im Grunde: Ein Mensch ist kompliziert. Nicht einfach im Umgang, mit normalen Maßstäben nicht zu messen, schwer oder nicht zu greifen oder zu begreifen für Menschen, die es einfach haben wollen.
Es ist okay es einfach haben zu wollen und, fragt man die Anstrengenden, würden die Meisten sagen, ich hätte es gern weniger anstrengend. Mehr Leichtigkeit, mehr Pragmatismus, weniger Berührbarkeit, mehr Klarheit, weniger Ängste, weniger Tiefe, mehr Gelassenheit, eben weniger von all dem, was es mir schwer zu leben.
Okay, erkannt! Dann kann man etwas tun und an sich selbst arbeiten, um es weniger anstrengend zu haben, für sich selbst und seine Mitmenschen. 
 
Die andere Seite der Medaillie:
Begegnen wir anstrengenden Menschen können sie uns überfordern. Sie können uns sprachlos, frustriert, traurig und wütend machen.
Obwohl diese Menschen fühlbar anstrengend sind, wissen wir aber nicht, warum sie so sind. Bevor wir sie verurteilen, könnten wir versuchen sie zu verstehen. Wir können offen, höflich und respektvoll sein, was nicht heißt, wir müssen ihnen stundenlang zuhören oder uns selbst überfordern, wenn eine Begegnung auf Dauer unerträglich ist. Dann ist Abgrenzung und letztlich Distanz die Lösung, im Sinne unserer Selbstfürsorge. Übrigens:Anstrengende Menschen können auch große Lehrer sein, wenn wir das so sehen können. 
 
Fazit: Ich wage zu behaupten, dass die große Mehrheit der Menschen andere Menschen anstrengend findet. 
Weil jeder anders tickt und absolute Harmonie zwischen Menschen ein seltenes Geschenk ist. Manche Menschen fordern uns, provozieren uns, verärgern uns, enttäuschen und verletzen uns. Was uns am anderen anstrengt, ist individuell und es hat mit uns selbst zu tun, was wir als anstrengend empfinden und wie viel wir an Anstrengendem aushalten.
Das Leben ist nicht leicht. Es ist sogar eher schwer als leicht. Es ist für viele von uns anstrengend. Das zu leugnen hieße das Leben als Ganzes zu leugnen, uns selbst als Ganzes zu leugnen. Und ein anstrengendes Leben schafft auch anstrengende Menschen.