Dienstag, 16. Februar 2016

Über Liebe





Liebe 
klagt nicht an
mahnt nicht
verurteilt nicht
macht keine Vorwürfe
verlangt nicht
erwartet nicht
fordert nicht
straft nicht

Liebe 
versteht

Montag, 15. Februar 2016

Es braucht Zeit ...



Aber wie schaffen wir loszulassen, was nicht mehr ist?
Wir schaffen es, wenn wir unserer Seele einen Winterschlaf gönnen, wenn wir uns selbst erlauben einmal nicht zu funktionieren, wenn wir nicht mehr über unsere längst aufgebrauchten Kräfte hinauszugehen versuchen, wenn wir akzeptieren: Ja, ich bin jetzt müde und ich brauche eine Auszeit.
Und das bedeutet nicht in Lähmung verharren, denn in dieser Auszeit werden die richtigen Fragen schon auftauchen. Fragen wie: Was will das Leben jetzt von mir? Wozu ist das gut, was da gerade geschieht? Was daran ist sinnvoll und richtig für mein weiteres Leben? Was ist die Chance, die in dieser Situation verborgen liegt? Was sind die Möglichkeiten, die der Verlust des Gewesenen mit sich bringt? Was ist der erste wichtige Schritt um mein Leben neu zu gestalten?

So bitter Verluste sind, das Leben straft uns nicht ab, weil wir etwas versäumt haben, es nimmt uns nichts, was wir uns nicht schon längst selbst genommen haben. Jedem Abschied, jedem Verlust, der uns wie von Außen auferzwungen scheint ist längst ein innerer Abschied vorausgegangen, wenn auch unbewusst. Eine Ausnahme ist der Tod eines geliebten Menschen.

Auch wenn es sich anders anfühlt - das Leben will, dass wir das alte Überholte verlassen um der Mensch zu werden, der über das Alte hinaus in uns angelegt ist und sich weiter entfalten will.
Loslassen tut weh. Es ist für uns alle eine schwere Aufgabe. Loslassen heißt: Etwas sein lassen wie es nun mal ist.

Das tut weh. Die Franzosen haben wunderbare Worte dafür: partir c ´est toujours un peu mourir. Jeder Abschied ist ein kleiner Tod im Leben, aber er ist zugleich eine Neugeburt, solange wir leben. Es braucht Zeit ihn zu betrauern.

Mittwoch, 10. Februar 2016

Aus der Praxis – Es ist heilsam sich Gefühlen zu öffnen




Ungelöste Probleme aus der Vergangenheit verschwinden nicht. Sie wiederholen sich in Variationen so lange bis wir ihnen Aufmerksamkeit schenken. Die in der Vergangenheit nicht bewältigte Wut, Angst oder Trauer kann verhindern, dass wir Freude oder Liebe empfinden. Sie kann uns schwächen und uns unsere Lebensenergie rauben. Viele von uns reden sich ein: Das ist nicht so schlimm. Das tut nicht so weh. Es gibt Schlimmeres.

Aber das ist nicht wahr. Das ist Verdrängung. Verdrängung ist nicht heilsam. Es ist heilsam sich unseren Gefühlen zu öffnen, allen Gefühlen, auch den schmerzlichen. 

Viele Menschen haben Angst davor. Sie haben Angst die Kontrolle zu verlieren, wenn sie endlich fühlen was ist. Sie haben Angst zu erkennen, dass sie über Jahrzehnte ein Leben gelebt haben, das sie nicht zufrieden gemacht hat, sie haben Angst ihre Selbstlüge zu entlarven, sie haben Angst, dass ihr Lebenskonstrukt ins Wanken gerät, sie haben Angst, dass Beziehungen zerbrechen können.

Das ist verständlich. Keiner von uns mag eine Wahrheit über sich selbst herausfinden, die ihn erschreckt. Aber das Leiden hört dann auf, wenn wir beginnen ehrlich zu uns selbst zu sein. Es hört dann auf, wenn wir uns erlauben zu fühlen, was wir lange verdrängt haben. Nicht um uns anzuklagen, oder uns zu schämen, sondern um uns von dem zu entlasten, was wir schon so lange angestaut haben. Leiden hört auf, wenn wir unseren verdrängten Gefühlen den Raum geben, den sie schon so lange beanspruchen. Gefühle, die sein dürfen, spüren, dass wir uns mit ihnen befassen. Dann können sie sich wandeln und dann können wir langsam über sie hinwegkommen.

Alles was fließen darf
 kann sich verändern.
Was nicht fließen darf 
staut sich an.
Was sich anstaut 
versumpft.
Was versumpft 
wird starr.
Was starr ist 
wird leblos.
Wie viele Leblose leben unter uns?
Zu viele.

Sonntag, 7. Februar 2016

Warum ich Sonntage liebe






Heute ist Sonntag, mein Lieblingstag. Der Tag, an dem mich die Welt da draußen mal gern haben kann, der Tag, an dem ich nur das mache, was ich will und an dem alles so ist, wie ich es mir mache. Sonntage sind für mich ein Geschenk. Alle sieben Tage wieder. Sie schenken mir freien Raum, Zeit ohne Pflichten, ohne Termine, Stunden ohne raus zu müssen, egal ob die Sonne vom Himmel lacht oder nicht. Der Sonntag ist mir heilig, wie er dem lieben Gott heilig ist. An den Sonntagen genieße ich meine heilige Ruhe.

Manche Menschen fürchten sich vor dem Sonntag, vor allem Singles mögen ihn nicht sonderlich gern. Das Alleinsein an Sonntagen fällt nicht jedem leicht. Irgendwie sitzt in den Hinterköpfen so mancher Alleinlebender ein Gedanke wie: Boah, keiner da mit dem ich etwas Schönes machen kann, keiner da, der mit mir die vielen freien Stunden verbringt, keiner da, der sich freut wenn ich etwas Leckeres koche oder der mir etwas Leckeres kocht und vor allem - keiner da mit dem ich reden kann. "Irgendwie sind diese Sonntage mir unheimlich, die ziehen mich total runter", sagte kürzlich eine Bekannte zu mir. Sonntage sind also nicht jedermanns Lieblingstag. Bisweilen wecken sie Sehnsüchte nach Etwas was gerade im Leben nicht ist, was Mensch schmerzlich vermisst oder gerne hätte. Meist ist das ein Jemand, der Sonntagsfreude bereiten soll, die man sich selbst nicht bereiten kann. Sehnsucht, natürlich kenne ich die auch und ich mag sie, weil sie mir sagt, was mir fehlt und ich dann überlegen kann, wie ich das bekomme, was mir fehlt.

Die Sehnsucht wird immer dann laut, wenn die Stille in die Räume kriecht und anfängt zu uns zu sprechen. Die Stille, die in der Hektik des Alltags schweigt, weil sie da gar nicht zu Wort kommen kann, inmitten der Betriebsamkeit des täglichen Hamsterrades. Wenn die Stille spricht kann das mitunter schon unheimlich werden, denn dann wird plötzlichall das Gedankengerümpel laut, das wir unter der Woche so schön verdrängen können. Das ist nicht angenehm, aber es ist notwendig. Es ist notwendig um herauszufinden was es in unserem Leben so alles an innerem und äußeren Gerümpel gibt, das danach schreit endlich aussortiert zu werden um Platz zu schaffen für Neues.

Sich vom Gerümpel befreien ist eine wunderbare Beschäftigung für all jene, die nicht wissen was sie an so einem Sonntag mit sich allein anstellen könnten. Gerümpel wegschaffen, genau das mache ich heute. Das ist für mich eine Kunst - die Kunst des Klärens, genauer gesagt. Und es ist die Kunst des Wiederbelebens all dessen, was wir vor lauter Gerümpel nicht mehr sehen können.

Gerümpel wegschaffen kann man Innen und Außen. Egal wo, Hauptsache man fängt erst einmal irgendwo damit an. Außen zum Beispiel, in den eigenen Räumen. Space Cleaning nennt das die Feng Shui Expertin Karen Kingston, die ein wunderbar hilfreiches Buch geschrieben hat, wie man sich vom äußeren Gerümpel befreit um beim Wesentlichen anzukommen. Das geht so: Alles raus aus den Schränken und Kramecken was belastet, alles weg was den äußeren Raum blockiert weil er zugestopft ist mit sinnlosen oder sinnlos gewordenen Dingen, die uns zu nichts mehr nütze sind, außer dass sie uns belasten. Das ist ein herrliches Gefühl, wenn nach so einer äußeren Entrümpelung plötzlich Raum frei wird für Dinge, die wir vor lauter Gerümpel nicht mehr sehen konnten, für Energie, die wieder frei durch den Raum fließen kann und durch unsere Seele.

Übrigens, wer nicht Außen mit dem Entrümpeln anfangen mag, der kann auch Innen anfangen und sich an so einem Sonntag mit sich allein einmal alles aufschreiben, was seinen inneren Raum belastet und seine Lebensenergie blockiert. Space Claening von Innen kann ein kleines Wunder bewirken.
In diesem Sinne: Genießt Euren Sonntag, genießt Euch, genießt, dass es Euch gibt. Vielleicht ist mein Sonntagstipp ja eine gute Alternative um die geschenkte freie Lebenszeit sinnvoller zu nutzen als zu bedauern, was es im Leben gerade nicht gibt.

Herzlich,
Angelika

Samstag, 6. Februar 2016

Aus der Praxis: Aushalten, was wir nicht ändern können



Zeichnung: AW

Kein Mensch ist immer nur stark. In jedem von uns ist Stärke angelegt und jeder von uns kennt auch Machtlosigkeit. Stärke sehen wir als etwas Gutes, wir und die Anderen. Ein starker Mensch ist sogar bewunderswert, sagt man, denkt man. Aber auch ein starker Mensch kennt das Gefühl von Machtlosigkeit. Gerade für starke Menschen ist es oft schwer dieses Gefühl zu akzeptieren. Aber nur indem wir unsere Machtlosigkeit akzeptieren machen wir einen Schritt auf unser wahres Selbst zu. Denn dieses Selbst beinhaltet alles was uns ausmacht, es ist nicht nur der Teil, den wir an uns mögen und den andere an uns mögen. Es ist heilsam die eigene Machtlosigkeit anzuerkennen, denn es bedeutet auch, das Leben anzuerkennen wie es ist. Es gibt Vieles, was wir nicht beeinflussen können, ganz gleich wie sehr oder wie lange wir uns abmühen. Dazu gehört vor allem: Die Veränderung anderer Menschen, das Lösen der Probleme anderer Menschen und die Kontrolle über andere Menschen.

Auch wenn es dabei um einen  Menschen geht, der uns viel bedeutet, wir müssen uns unsere Machtlosigkeit eingestehen, wir müssen anerkennen: Wir sind nicht fähig für ihn zu tun, was er für sich selbst zu tun hat. Ich kenne Menschen, die verzweifelt sind, weil ein ihnen nahestehender Mensch sich selbst erheblich schadet. Ich kenne es selbst. Ich kenne die schmerzhaften, verzweifelten, ohnmächtigen, wütenden, lähmenden Gefühle, wenn trotz allen Redens, aller Appelle, aller Bitten, aller Hilfsangebote, ein Mensch, der uns viel bedeutet, sein Leben zum Unguten hin lebt und alles tut um sich selbst zu schädigen. Das kann der trinkende Partner sein, das kann das kiffende Kind sein, das kann die Mutter sein, die in einem Messiehaushalt lebt und vieles mehr. All diese Menschen übergeben sich ihrer Schwäche und sie verharren darin, weil sie, wie sie behaupten, nicht anders können. Wir aber glauben zu wissen wie sie anders könnten und können nicht begreifen, dass sie keinen Schritt in eine Veränderung machen, die zu ihrem Besten wäre. Sie tun es einfach nicht, sie tun es über Jahre hinweg nicht oder sie beginnen damit es zu tun und hören nach kurzer Zeit wieder damit auf. Und wir stehen ihnen dabei immer zur Seite, wie bringen ein hohes Maß an Mitgefühl und Verständnis auf, wir unterstützen sie emotional, mit Handlungen oder sogar finanziell um am Leben zu halten was sie leben. Wir geben unsere Stärke dem Anderen, der in sich selbst keinen Halt findet und seine innere Stärke sogar abtötet, indem er sich der Schwäche übergibt.

Jeder hat das Recht sein Leben zu leben, wie er will. Das wissen wir und das möchten wir auch. 

Aber wenn jemand sein Leben zum Unguten hin lebt vergessen wir dieses Recht und versuchen alles um ihm das Leben schmackhaft zu machen, das wir für gut und richtig halten. Wir tun das, weil wir es nicht ertragen dabei zuzusehen wie ein Mensch sich selbst nach und nach ins Unglück treibt. Und wir tun es vor allem, weil wir es nicht ertragen ihm dabei zuzusehen, weil es uns schwächt, weil es uns die Lebensfreude nimmt, weil es uns zornig macht und derart frustriert, dass wir unser eigenes Leben langsam aber sicher aus den Augen verlieren.

Die Erfahrung von Machtlosigkeit macht uns zu Opfern. Da nützt irgendwann keine Stärke mehr. Sie verbraucht sich und damit verbrauchen wir unsere Lebensenergie. Wir pumpen sie in die Vergeblichkeit. Im Spiegel sehen wir nurmehr Tag für Tag das bittere Gesicht, das sein Lächeln verloren hat, aus dessen Augen die Angst blickt: Die Angst den Anderen an seine Selbstzerstörung zu verlieren. Ich kenne es. Ich weiß wie schwer es ist, sich aus der Opferrolle zu befreien. Es ist so schwer, weil wir denken: Der Andere gibt mir das ohnmächtige Gefühl, der Andere bestimmt mit seinem Verhalten über mein Glück und über mein Unglück, der Andere zerstört mit seiner Selbstzerstörung mein Leben.
Ist das wahr?
Es ist nicht wahr!

Der Andere lebt sein Leben, wie er es leben will. Wir werden zum Opfer, weil wir nicht zulassen können, wie er es lebt.

Wir selbst machen uns zum Opfer, nicht der Andere uns. Und nicht der Andere kann uns aus der Opferrolle befreien, das können nur wir selbst. Der Andere ist nicht dafür verantwortlich wie wir uns fühlen, wir selbst haben die Verantwortung dafür wie es uns geht. Opfern geht es schlecht, sie sind nicht nur machtlos, sie sind Abhängige. Sie sind Abhängige von Abhängigen, sie sind co-abhängig. Das ist eine Sucht wie die Sucht des Süchtigen. Jede Sucht ist heilbar, wenn man das will. Aber wie wollen, wenn das Herz schmerzt, weil der Mensch, der uns viel bedeutet, sich selbst schadet, wie das Mitgefühl einfach sein lassen, wenn wir es doch fühlen, wie den Schmerz ignorieren, wenn er in der Seele brennt?

Der erste Schritt um aus der Opferrolle herauszutreten ist zu akzeptieren: Wir haben keine Macht über andere und deren Verhalten.

Wir können uns aber unsere eigene Stärke bewusst machen, um nicht mehr Opfer zu sein. Wir können wieder die Verantwortung für uns selbst übernehmen. Wir können uns und dem Anderen klar machen, dass wir uns nicht mehr zum Opfer machen lassen. Wir können uns und ihm klar machen, dass wie es nicht verdient haben zum Opfer gemacht zu werden. Wir können uns und ihm ihm klar machen, dass wir nicht mehr alles für ihn tun werden, dass wir uns nicht mehr alles bieten lassen, dass wir es leid sind Dinge zu tun, die sein selbstschädigendes Verhalten nur unterstützen und nicht ändern. Wir können uns selbst und dem Anderen unsere Machtlosigkeit eingestehen. Und wir können ihm sagen, dass wir ihm das Recht lassen aus seinem Leben zu machen, was er will, egal was es ist. Auch wenn wir im Tiefsten Angst davor haben, all das auszusprechen um dann auch danach zu handeln: Es gibt keinen anderen Weg um aus der Falle herauszukommen. Der andere Weg ist Fallen - mit dem Anderen, der nicht bereit ist seinen Fall aufzugeben.

Damit ist unser Schmerz nicht vorbei, aber damit beginnt der Weg zurück in die eigene Stärke. Stark sein bedeutet manchmal auch: Aushalten was wir nicht ändern können und uns dabei trotzdem gut um uns selbst zu kümmern.


Mittwoch, 3. Februar 2016

Dieses stark sein ...



"Ich fühle mich wie ein alter Ackergaul, ausgelaugt, krumm und buckelig, schwer und müde, sagte sie. Ich bin so unendlich müde vom Kämpfen, ich will mich ausruhen, aber es geht nicht, ich darf mich nicht ausruhen. Wenn ich mich ausruhe bricht alles zusammen. Ich muss für uns sorgen, für mich und mein Kind. Ich bin allein, ich war immer allein mit dem Kind. Der Vater hat sich nicht gekümmert, er hat uns allein gelassen, alles mir überlassen. Jetzt auch. Jetzt wo ich so müde bin, sind wir wieder allein und ich weiß nicht mehr wie ich weiter machen soll. Ich bin so müde. Ich kann nicht mehr!"

Ich hätte ihr sagen können wie stark sie ist, ihr sagen können wie stark sie all die Jahre gewesen war und dass sie da hinschauen soll, auf das, was sie schon alles geschafft hat und auf ihre Kraft und daraus neue Kraft schöpfen könne. Ich hätte ihr Mut machen können, ihr sagen können, dass Aufgeben keine Option ist, dass sie sich nicht aufgeben sollte, sich nicht in diesen müden Gedanken verfangen durfte, die müde Gefühle machen und dass es nur eine vorrübergehenede Schwäche war, gegen die wir gemeinsam etwas tun konnten.

Ich tat es nicht, weil es eine Lüge gewesen wäre. Ich tat es nicht, weil ich ihre Wahrheit sah. Die Frau war müde. So müde, dass jede Intervention nur einen weiteren Kraftakt für sie bedeutet hätte. Sie war so müde, dass sie kurz vor dem Umfallen stand. Sie war so unsagbar müde, dass ihr nur noch ein Wunder helfen konnte.

Ich war ratlos. Ich wusste nicht wie ich ihr helfen konnte. Ich wusste, jedes aufmunternde Wort wäre blanker Hohn gegenüber ihre müden Seele und ihren müden Körper gewesen. Ich sah ihr in die blassen Augen: "Ja, sie sind müde. Ich sehe es, ich fühle es und es tut mir leid." Ich nahm sie in die Arme. Die Frau ließ sich halten wie ein erschöpftes Kind. In jeder Faser meines Körpers spürte ich ihre Schwäche zu mir hin kriechen: "Wissen Sie, sagte sie unter Tränen: "Am meisten schwächt dieses stark sein."



Dienstag, 2. Februar 2016

Das Böse - oder von der Gefährlichkeit des Menschen für den Menschen



Malerei: AW

Vom Bösen sprechen bedeutet von der Gefährlichkeit des Menschen für den Menschen sprechen. Wenn wir verstehen wollen, warum Menschen anderen Menschen "Böses" antun, müssen wir uns mit dem auseinandersetzen, was wir in uns selbst verabscheuen. Diesen Teil von uns wollen wir nicht sehen. Wir neigen dazu ihn zum Schweigen zu bringen, indem wir den bösen Fremden "vernichten", weil er uns ähnlich ist. Die Neigung zum Bösen entspricht der Natur des Menschen. Sie ist eine Empfindung wie das Gute. Das Böse ist das, was uns nicht lieb ist. Und das spalten wir ab.

Ob Völkermorde, Gewaltverbrechen, Fremdenhass, die Demütigung von Menschen durch Menschen - und das sind nur Beispiele für Hass und Gewalt - alle haben eine Gemeinsamkeit: Das Gefühl, das sie erzeugen: das Gefühl der Abscheu vor dem anderen, dem Fremden, der Böses tut. Die mit dem Finger auf das Böse zeigen, sehen sich selbst als "gute" Menschen. Das böse Gegenüber verdient ihres Erachtens die Bezeichnung Mensch nicht. Der andere wird zum Unmenschen degradiert, zum wertlosen, schlechten Subjekt, das nichts Gutes mehr verdient, nicht einmal eine Chance es zu versuchen. Es ist als würde man sich durch diese Anklage selbst reinigen.

Indem man andere als böse bezeichnet, befreit man sich vom Verdacht des eigenen Schmutzigseins.

Das Sauber sein, das Gutsein wird auf diese Weise zum Unterscheidungsmerkmal vom "Nichtmenschen". Dieser wird nicht einmal mehr in seiner individuellen Menschlichkeit wahrgenommen. Er wird verteufelt. Er gehört nicht mehr zur Gruppe Mensch. Er wird zum Subjekt des Hasses. "Am besten aufhängen!" Wie oft hören wir das, wenn ein Täter nicht die von der Gruppe Mensch als gewünscht gerechte Strafe bekommt. Die Gruppe der "Guten" solidarisiert sich. Im Kollektiv verschwinden die konkreten Gefühle des Einzelnen, seine Einstellungen, Moral und Ethik aus dem Blickfeld. Die Persönlichkeit wird auf eine einzige Eigenschaft reduziert: die Zugehörigkeit zur Gruppe und ihren Zielen. Besonnenheit und Empathie verschwinden. Besonnenenheit, die Fähigkeit zu reflektieren, die Fähigkeit zur Empathie sind Grundanlagen des Menschseins. Letztere ist abhängig von den Spiegelneuronen im menschlichen Gehirn. Frauen haben mehr als Männer, Gewalttäter, nach einer Untersuchung des Hirnforschers Gerhard Roth, weniger davon. Das nur nebenbei.

Empathielosigkeit ist die Schranke zur Unmenschlichkeit. Diese zu übertreten ist in der Gruppe leichter.

In der Gruppe verliert der Mensch seine moralischen Hemmungen. Die Gruppe, stets angeführt von einem Ersten, der Impulse setzt, der agiert, baut sich ein Feindbild auf. Gerichtet auf das Fremde, auf dessen Unreinheit, dessen Böses, verfällt der Mensch in die Projektion. Er hat endlich ein Außen, in das er das eigene Fremde, das eigene Böse und die Wut auf die eigene Unreinheit ergießen kann. Carl Gustav Jung nannte das: Die Projektion des Schattens auf das Gegenüber mit dem Ziel das eigene verdrängte Dunkle, Böse nicht sehen zu müssen.

Hitler war ein Meister der Instrumentalisierung diese Phänomens der menschlichen Unterbewussten. Er machte die Juden zum bösen Fremden, das sein Volk zersetzen würde. Er schuf ein kollektives Feindbild um ein Kollektiv zu beherrschen. Die Masse der Deutschen wurde zu Mittätern. Und wie die Gegenwart zeigt - sie ist noch heute zu dazu fähig es wieder zu werden. Heute ist es die Masse derer, die lauthals "Lasst sie alle rein" geschrieen haben und jetzt genau jene zum Feindbild erhebt, denen sie die Grenzen geöffnet haben, weil mit all diesen Fremden eben nicht nur Gutes ins Land getragen wird. Heute wie damals sind es Gruppenzusammenläufe, die sich einen Feind aussuchen, um all das eigene Abgespaltene unreflektiert und voller Hass abzugeben. In der Gestalt des vermeintlichen Feindes kann man den eigenen abgewiesenen Teil des Selbst, das eben nicht rein und gut ist, habhaft werden. Um sich auf diesem Weg vom eigenen Bösen zu befreien beschwören solche Menschen Ungeheuerliches herauf. Sie beurteilen, sie verurteilen, sie klagen an, machen alle gleich und alle zu potentiellen Tätern, die ihr beschauliches braves Leben attackieren wollen. Eine teuflische kollektive Psychose, die zum Selbstverrat des Menschlichen führt und zur inneren Entfremdung des Individuums.

Fremdenhass hat auch immer mit Selbsthass zu tun. Indem wir den anderen "töten" töten wir die Menschlichkeit in uns selbst.

Unter dem Deckmantel einer Law and Order Gesellschaft, die Gehorsam, Moral und Macht glorifiziert, wird der unreflektierte Mensch zum freiwilligen Knecht, im Zweifel zum Schergen einer faschistischen Ideologie. Das beschrieb schon der Philosoph Ètienne de la Boétie im Jahr 1550. Zitat:" Sie leiden darunter Knecht zu sein, aber diese Verlorenen, diese von Gott und den Menschen Verlassenen lassen sich das Unrecht gefallen und geben es nicht dem zurück, er es ihnen antut, nein, sie geben es an die weiter, die darunter leiden, wie sie und sich nicht helfen können."

Auf diese Weise funktioniert die Identifikation mit dem Agrressor, der das Feindbild aufbaut. Mit dieser Identifikation fällt der Mensch jedoch nicht nur auf seine eigenes inneres Nichtgutsein zurück, sondern auch auf die Wunden, die Verletzungen, die Demütigungen, die ihm im Laufe seines Lebens individuell und kollektiv zugefügt wurden. Verletzungen, die er vermeidet wahrzunehmen, vermeidet zu fühlen, denn die Ohnmacht auszuhalten ist unerträglich. Also spaltet er all das was er nicht ertragen will ab ab und übt den Gehorsam, den ihm die Idealisierung der Macht auferlegt, aus dem einen Grunde - um seine scheinbare Integrität zu sichern. Er baut sich ein Feindbild auf an dem er alles was er an sich selbst verachtet, festmachen kann. 

Wer will schon hinschauen auf das eigene Schlechte?

Es schmerzt. Zudem wäre es ein Verstoß gegen das Gebot des Gehorsams, das die Idealisierung der Macht ihm auferlegt.

Der lebenslange Versuch, das eigene Böse zu verdrängen, den eigenen Schmerz nicht zulassen zu wollen, macht den Menschen zum Opfer, das sich immer wieder Täter sucht, um sich selbst nicht in Verantwortung nehmen zu müssen. Und so werden Opfer wiederum zu Tätern.

Die Unvernunft, die Blindheit sich selbst im Ganzen erkennen und begreifen zu wollen, das mangelnde Bewusstsein über die Komplexität des Menschseins mit all seinen Defekten - darin besteht das Prinzip des Bösen. Und es besteht in der Dummheit, der Gefühllosigkeit Gedankenlosigkeit und der Kulturlosigkeit von Menschen. Wenn die Menschen zugrunde gehen, gehen sie an ihrer Dummheit zugrunde. Und wie heißt es so schön: Gegen die Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens.