Dienstag, 23. Oktober 2012

Stroh zu Gold spinnen ...



 
ich reiße die form auf und reduziere die figur.
das aufgerissene ist symbol meiner eigenen zerrissenheit.
ich spachtle, ich kratze.
ich wische und verwische, ich zerstöre und baue auf.
ich hinterlasse narben auf der leinwand. 
es ist ein immer wieder neues zerstören des bildes.
es hat etwas unheiliges und etwas unheimliches. 
es hat etwas verletzendes und etwas schöpfendes.

ich mache das solange bis auf der leinwand eine fragile schönheit zum vorschein kommt. es ist wie stroh zu gold spinnen.

Dienstag, 9. Oktober 2012

DISSOZIATION

  




Dissoziation – nicht von ungefähr entstammt der Ausstellungstitel zu Angelika Wendes Malerei dem Reich der Psychologie. Was hier formal und vordergründig als Porträts erscheint, bildet nicht Personen oder Persönlichkeit ab, sondern nutzt die Chiffren menschlicher Erscheinung als Vokabular einer Beschreibung seelischer Zustände. 

Wendes Arbeiten sind Psychogramme, künstlerische Auslotungen innerer Zustände. Das Wesentliche befindet sich dabei im Nicht-Dargestellten, im Nicht-Sichtbaren – im Abgespaltenen. Die aufs Archetypische verweisenden Figuren und Beziehungskonstrukte definieren sich durch das Abgetrennte, Verlorene, durch Verletzungen und Wunden. 

„Es gibt kein größeres Verlangen, als das eines Verwundeten nach einer anderen Wunde“, schrieb Georges Bataille. In diesem Sinne verweisen die Protagonisten in den Bildern Angelika Wendes auf den Erfahrungsraum außerhalb der eigenen verwundeten Welt. In diesem Sinne öffnen sie den Bild- und Interpretationsraum in das Unendliche. 

Platons berühmtes Gleichnis von den „Kugelmenschen“ drängt sich auf. Menschen, die sich als Fragmentierte, als Halbwesen erfahren und getrieben werden von der Suche nach dem Ergänzenden. In Wendes Bildern wird deutlich, wo dieses ergänzende Andere nicht zu finden ist – im Außen, im Anderern. 

Die Dargestellten bleiben sich auch in Beziehung gestellt fremd, ihre Unvollständigkeit steht nebeneinander, spiegelt sich, potenziert sich, doch eine Verschmelzung, eine Ergänzung und somit eine Heilung gibt es nicht. 

Keine Hoffnung also? 
Durchaus. Sie liegt in dem, was jenseits des Fehlenden auch ist. Ein oft trotziger, kraftvoller Blick aus der Verletzung heraus. Oft scheint dieser Blick wie hinter einer Maske zu wirken. Doch er ist da. Und verweist auf das Innere – auf den Bereich der Möglichkeit. Auch der Möglichkeit zur Ganzwerdung. Denn nur dort sieht Wende den Weg, als Halbmensch zur Ganzheit zu gelangen – im eigenen Inneren, im Selbst. Das Selbst ist das größte Rätsel, schrieb Max Beckmann. Angelika Wende weiß das. Sie stellt sich diesem Rätsel. Mit allen Mitteln. Vor allem aber mit dem Mittel, das auch ihren Figuren offenbar als letzter Lösungsweg erscheint – mit dem Blick, der das Innen mit dem Außen verbindet.

Als langjährige Ansagerin und Moderatorin beim ZDF und anderen Fernsehsendern entwickelte Angelika Wende ein besonderes Verhältnis zur vordergründigen Abbildbarkeit des (eigenen) Gesichts. In ihren psychologischen Studien und ihrer Arbeit als psychologische Beraterin bewegt sie sich in den Bereich weit hinter diesen Fassaden. Ihre künstlerische Entwicklung – unter anderem begleitet durch Studien bei Matthias Rüppel und Christian Felder – entwickelte sie eine eigene Bildsprache, jenseits künstlerischer Konvention. In diesem Sinne sind Wendes Arbeiten im besten Wortsinn „naiv“ – sie wenden sich dem Ursprünglichen zu, gehen zurück zur Geburtsstunde von Eindruck und Ausdruck. Dorthin, wo das Neue entsteht. Jenes Neue, das getrieben von der Sehnsucht nach Ganzheit Welten erschafft – und Möglichkeiten.

(c) Alexander Szugger, Oktober 2012









beauty


beauty is skin deep only
hinter der vordergründigkeit
hinter den masken 
im wesen des menschen und der dinge
nur da finden wir wahre schönheit

Donnerstag, 4. Oktober 2012

bisulcis



in der mitte
schmerz
in der mitte
öffnet der schmerz
die empfindsamste stelle
durch den riss in der mitte
dringt wort
dringt bild
aus der mitte
dringt innerstes nach aussen

Dienstag, 2. Oktober 2012

Aus der Praxis - Radikale Akzeptanz





Es gibt Momente im Leben, wo nichts mehr so ist, wie wir uns das wünschen. Momente in denen Vertrautes und Gewohntes zusammenbricht - wir verlieren, was uns selbstverständlich oder wichtig erscheint. Wir sind am absoluten Tiefpunkt angelangt.

Das sind Momente, die wir nicht erleben möchten. Aber das Leben fragt uns nicht immer was wir wollen. Wenn das Leben sprechen könnte, würde es sagen: Diese Momente gehören dazu. Und wenn wir ganz still sind und in uns hineinhören, hören wir das Leben wie es aus uns heraus zu uns spricht, denn, was da spricht ist unsere eigenes Innenleben.

Unser Innenleben weiß sehr gut: Diese Momente, die das Vertraute ins Wanken bringen oder sogar auflösen sind normal, so wie es normal ist Probleme zu haben. Auch wenn wir Ruhe, Sicherheit, Zufriedenheit oder gar Glück für normal halten, sind sie es nicht allein. Das Leben ist gut zu uns, wenn es uns diese "normalen" Dinge schenkt oder wenn wir sie uns erarbeiten. Aber das Leben ist auch normal und nicht schlecht zu uns, wenn es uns diese Dinge nimmt. 

Das Normale ist alles was uns geschieht. Das einzusehen ist nicht leicht. Aber wenn das Leben alles ist, was möglich ist, gehört auch alles dazu.

Momente, in denen unser Leben nicht mehr so ist, wie wir es gern hätten, läuten in den meisten Fällen den Beginn einer Krise ein. Manchmal sogar eine Lebenskrise. Wenn alles Gewohnte sich verändert, alles woran wir uns zu halten glauben konnten, weggbricht, wenn wir etwas, was uns wichtig erschien verlieren, bekommen wir es mit der Angst zu tun. Auch das ist normal. Angst ist absolut normal, sie ist menschlich. Wir haben Angst vor dem Unbekannten, Angst haltlos in der Luft zu hängen, Angst die Situation nicht meistern zu können, Angst allein zu sein und Angst zu klein zu sein um die Krise, die sich zeigt, zu bewältigen. 

Aber wir müssen sie bewältigen. Denn es nicht zu tun, heißt aufgeben. 
Wir Menschen geben so schnell nicht auf. Weil wir leben wollen. 

Wenn eine Krise in unser Leben tritt, bedeutet das, dass etwas in unserem Leben nicht stimmt, oder nicht mehr stimmt, oder wir noch immer nicht da angelangt sind, wo wir sein möchten.

Uns trifft keine Krise, wenn da nicht zuvor schon einiges im Argen lag. Die Krise ist die Folge einer Entwicklung, die ihren Höhepunkt erreicht hat. Im Grunde spüren wir das schon lange vorher, aber wir verdrängen es, weil wir Angst haben es zu spüren. Angst vor Veränderung. Eine kluge Frau sagte einmal zu mir: Eine Schlange, die sich nicht häutet, stirbt. Ein passendes Bild, finde ich.

Die Krise ist das Zeichen, dass wir etwas abwerfen müssen wie eine alte Haut, die uns zu eng geworden ist, oder einfach nicht mehr passt, eine Haut, in der wir uns schon lange nicht mehr wohl oder zuhause fühlen, die vielleicht sogar schmerzt.

Wie bei der Schlange, die sich häutet, läutet die Krise eine Veränderung ein, einen Akt der Transformation - ein Notwendiges  - um nicht in der alten Haut stecken zu bleiben und im Leben zu sterben. Krise bedeutet - das Alte, das Überkommene muss weichen, damit Platz für etwas Neues werden kann - für Entwicklung.

Die Krise tut nichts anderes als einen inneren oder einen äußeren Konflikt nach oben zu bringen, ins Bewusstsein, in unser Leben, damit wir endlich schauen und verändern, damit wir weiter gehen und weiter wachsen. Bis es zur Krise kommt, hatten wir meist schon lange vorher die Chance etwas, was nicht in Ordnung ist oder uns nicht gut tut, zu verändern, aber wir haben es nicht getan - deshalb "brauchen" wir die Krise, damit das, was in unserem Leben ungut geworden ist endlich nach Oben kommt, damit wir nicht mehr wegschauen können. 

Das innere Wissen findet den Weg ins Aussen. 

Das Unbewusste wird bewusst und nimmt im Außen Gestalt an. Die Krise schleudert die Schatten aus dem Unbewussten und bringt sie ins Licht.Die Krise zeigt sich immer dann, wenn wir uns einer längst überfälligen Veränderung, einer dringend notwendigen Häutung, beharrlich verweigern. Sie hat einen Sinn.

Sicher wollen wir das nicht. Wir hassen Erschütterungen, wir wollen Gefühle wie Wut, Trauer, Schmerz und Angst vermeiden, die diese Erschütterungen mit sich bringen. Wir fühlen uns ohnmächtig in der Krise und all unsere Werkzeuge um mit dieser Herausforderung umzugehen, versagen. Wir sind gelähmt und sitzen da wie das geblendete Kaninchen im Licht. Und da ist immer nur dieser eine Gedanke: Ich will das nicht. Aber das interessiert das (Innen)Leben nicht, ob wir das Wollen.

Fakt ist aber: wir können nichts tun gegen das Nichtwollen. 
Aber ist das wirklich so? Können wir wirklich nichts tun?

In der Psychologie gibt es den Ausdruck der Radikalen Akzeptanz.
Die Radikale Akzeptanz ist das Gegenteil von Wollen.
Radikale Akzeptanz ist die Bereitschaft, sich nicht mehr gegen ungewollte Ereignisse und den damit verbundenen Schmerz aufzulehnen, sie zu bekämpfen oder verändern zu wollen. Radikale Akzeptanz gibt den Widerstand gegen das, was ist, auf -  radikal, ohne wenn und aber, ohne real oder in Gedanken etwas zu tun, was sich gegen den Ist-Zustand zur Wehr setzt.

Das Verständnis der radikalen Akzeptanz basiert auf einem aus dem Zen-Buddhismus inspirierten therapeutischen Ansatz, der dialektisch-behavioralen Therapie nach Marsha Linehan. Radikale Akzeptanz ermöglicht das Erleben und Erfahren dessen, was gerade ist, so wie es ist. Sie entspricht der inneren Haltung - es ist, wie es ist - inklusive unsere emotionalen Reaktionen darauf. Sie verdrängt nicht, auch nicht den Schmerz und nicht die Angst. Sie nimmt an, bedingunglos, im Bewusstsein nichts ändern zu wollen. Radikale Akzeptanz ist die Haltung, die uns rettet, wenn wir vor einem Problem stehen, das nicht gelöst werden kann, einer Situation, die unveränderbar ist. 

Der einzige Weg aus der Sackgasse führt über die Ergebung in die Dinge, wie sie nun einmal sind und dem Eingeständnis, dass wie keinerlei Vorstellung davon haben, was als Nächstes zu tun ist. Weise ist, wer annimmt, was nicht mehr zu ändern ist und bereit ist, den Veränderungsprozess mitsamt dem Schmerz, der Wut, der Trauer und der Angst zu durchleben, auch wenn er dauert.

Radikale Akzeptanz nimmt uns die Energie die wir aufwenden und verschwenden, wenn wir Widerstand leisten und setzt dann Energie für das Neue frei.Das ist eine schwere Übung, die, wenn sie gelingt, Zeiten der Krise leichter macht.

Radikale Akzeptanz bleibt nicht im WARUM hängen - sie fragt: WOZU ist das gut? 
Die Frage nach dem Warum ist destruktiv - die Frage nach dem Wozu ist konstruktiv. Denn mit der Frage Wozu? beginnen wir das Unveränderbare loszulassen um dann, wenn wir wieder zu Kräften gekommen sind, neue Wege zu suchen und das Leben wieder zu gestalten, anders zu gestalten. Und genau darum geht es, um das Herauslösen aus der alten Haut, damit wir nicht "sterben" in der alten Haut, die uns in die Krise geführt hat.
Wenn wir etwas vollends loslassen, zeigt sich auf magische Weise ein Aufgang, sagt die Erfahrung.