Zeichnung: A.W.
Wir glauben oft, dass unsere Gefühle die Wahrheit sagen. Doch das tun sie nicht immer. Das Gehirn ist nicht in erster Linie darauf ausgelegt, die Realität objektiv abzubilden. Seine wichtigste Aufgabe ist es, uns zu schützen. Dafür entwickelt es Strategien, die uns kurzfristig entlasten, selbst wenn sie uns langfristig im Weg stehen.
Manchmal erschafft unser Geist Gefühle, die leichter auszuhalten sind als die eigentliche Verletzung. Hinter Wut verbirgt sich nicht selten tiefe Trauer. Hinter übermäßiger Kontrolle steckt häufig Angst. Hinter Gleichgültigkeit kann Enttäuschung liegen. Und hinter dem ständigen Bedürfnis, stark zu sein, verbirgt sich oft die Angst, wieder verletzt zu werden.
Wir täuschen uns dabei nicht bewusst.
Diese Prozesse laufen automatisch ab. Die Psyche schützt uns vor Erfahrungen, die sie als überwältigend empfindet. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Gefühle, mit denen wir besser umgehen können, während andere ins Unbewusste verdrängt oder abgespalten werden.
Auch unsere Gedanken spielen dabei eine entscheidende Rolle. Wir erzählen uns Geschichten, die zu unseren Gefühlen passen. Wer sich wertlos fühlt, findet überall Beweise dafür. Wer überzeugt ist, verlassen zu werden, deutet neutrale Situationen als Zurückweisung. Mit der Zeit wirken diese Gedanken so wahr, dass wir sie für Tatsachen halten.
Dabei übersehen wir leicht, dass Gefühle keine Beweise sind.
Sie spiegeln nicht zwangsläufig die Wirklichkeit wider, sondern unsere innere Verarbeitung der Wirklichkeit. Sie können von alten Erfahrungen, unbewussten Überzeugungen oder Schutzmechanismen geprägt sein.
Das bedeutet nicht, dass Gefühle falsch sind.
Sie sind immer echt, aber sie erklären nicht immer, was tatsächlich ist. Manchmal zeigen sie weniger die Gegenwart als vielmehr einen inneren Konflikt oder eine Wunde, vor der wir uns schützen.
Erst wenn wir bereit sind, hinter das offensichtliche Gefühl zu schauen, erkennen wir, was wirklich in uns vorgeht. Nicht jede Angst weist auf Gefahr hin. Nicht jede Wut hat ihren Ursprung im Gegenüber und nicht jede innere Leere bedeutet, dass in unserem Leben etwas fehlt. Manchmal sind diese Gefühle Ausdruck einer Psyche, die noch immer versucht, uns vor einem alten Schmerz zu bewahren. Statt jedem Gefühl blind zu vertrauen, lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und zu fragen: Wovor schützt mich dieses Gefühl?
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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