Foto: A.Wende
Du spürst ein Fehlen von Sinnhaftigkeit, als wärst du für niemanden mehr der Mensch, der du einst warst. Du weißt nicht mehr, wer du eigentlich bist. Weder für dich selbst noch für den verbliebenen Teil deiner Familie und deiner Freunde.
Du weißt nicht, wie du nach all den Verlusten jemals heilen sollst. Du versuchst es herauszufinden, doch du steckst völlig fest. Du bist antriebslos, emotional aufgewühlt und voller Trauer. Du ziehst dich in dich selbst zurück. Du weißt nicht mehr, wem du noch vertrauen kannst – dabei warst du sein Mensch, der vertraute und sich sicher fühlte. Du weißt nicht, wie du den Weg zurück nach Hause zu dir selbst, finden sollst.
Es fühlt sich an, als säßest du in einer Zwischenwelt – zwischen dem Leben, das war, und dem Leben, von dem du nicht weißt, wie es sein könnte. Du versuchst, dich daran zu erinnern, wer du bist, doch du weißt es nicht mehr.
Du weißt auch nicht, wer du sein wirst.
Die alten Muster, vertraute Verhaltensweisen und Strategien, funktionieren nicht mehr. Neue hast du noch nicht gefunden. Es ist, als säßest du in einem Kokon und wartetest darauf, aus ihm auszubrechen. Doch selbst dafür fehlt die die Kraft.
Eine alte Geschichte ist zu Ende gegangen, und es gelingt dir nicht, deine Geschichte aus einer völlig neuen Perspektive weiterzuschreiben.
Du kämpfst mit deiner Ungeduld. Mit Angst und Unsicherheit.
Du machst dir Druck, obwohl du weißt, dass gerade jetzt vor allem Geduld gefragt wäre. Du bist es leid, so viel Zeit in einem Zustand zu verbringen, in dem sich nichts bewegt. Leid, festzustecken, ohne auch nur die leiseste Ahnung davon zu haben, wie das nächste Kapitel aussehen könnte.
Du bist müde. So unendlich müde.
Und trotzdem ist da etwas in dir, das noch nicht aufgegeben hat.
Vielleicht ist es genau diese Hoffnung, die dich durch die Zwischenwelt trägt. Nicht laut, nicht kraftvoll, sondern leise und beharrlich. Sie erinnert dich daran, dass nicht alles verloren ist, auch wenn du den Weg gerade nicht sehen kannst.
Vielleicht geht es im Moment nicht darum, zu wissen, wer du sein wirst. Vielleicht reicht es, darauf zu vertrauen, dass du dich Stück für Stück neu entdecken darfst. Dass Heilung nicht bedeutet, zu dem Menschen zurückzukehren, der du einmal warst, sondern Raum für den Menschen zu schaffen, der du werden kannst.
Der Kokon ist kein Gefängnis. Die Zwischenwelt ist nicht das Ende der Welt, sie ist ein Ort der Verwandlung. Und auch wenn sich heute noch alles starr und still anfühlt, bedeutet Stille nicht, dass nichts geschieht. Tief in dir arbeitet etwas. Es ordnet, es heilt, es lässt los und bereitet vor.
Du kennst das nächste Kapitel deiner Geschichte noch nicht. Aber dass du noch hier bist, dass du trotz allem weitersuchst, hoffst und fühlst, ist vbereits der erste Satz davon.
Und vielleicht wirst du eines Tages zurückblicken und erkennen, dass diese Zwischenwelt nicht das Ende war, sondern der Ort, an dem du begonnen hast, dir selbst neu zu begegnen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de