Montag, 29. Juni 2026

Nach mir die Sintflut

 

                                                                Foto: pixbay


„Nach mir die Sintflut“. Kaum eine Redewendung beschreibt unsere Zeit treffender. Sie steht für eine Haltung, die kurzfristigen Komfort über langfristige Verantwortung stellt. Solange die negativen Folgen des eigenen Handelns erst morgen oder andere Menschen treffen, scheint alles in Ordnung zu sein. Genau diese Denkweise prägt viele Debatten über den Klimawandel.

Bertrand Russell formulierte bereits vor Jahrzehnten einen bemerkenswerten Gedanken: „Die Frage heute ist, wie man die Menschheit überreden kann, in ihr eigenes Überleben einzuwilligen.“ Das klingt zunächst paradox. Warum müsste man Menschen davon überzeugen, überleben zu wollen? Doch Russell erkannte etwas Grundsätzliches: Wissen allein verändert kein Verhalten. Menschen können die Risiken kennen und trotzdem so handeln, als beträfe es sie nicht. Diese Haltung zeigt sich besonders in den Reaktionen auf extreme Hitze. Da heißt es: „Ich bin doch in den 70ern auch mit 40 Grad im Juli aufgewachsen.“ Oder: „Ist doch nur Sommer.“ Und schließlich das, pardon, blödeste Argument: „Immerhin spart man Heizkosten.“

Natürlich gab es schon immer heiße Sommertage. Niemand bestreitet das. Doch persönliche Erinnerungen ersetzen keine wissenschaftlichen Daten. Entscheidend ist nicht, ob es früher einmal 40 Grad gab, sondern wie häufig, wie lange und mit welchen Folgen diese Temperaturen heute auftreten. Rekordwerte, Hitzewellen, Dürreperioden und tropische Nächte sind keine isolierten Ereignisse, sondern Teil einer langfristigen Entwicklung. Besonders bemerkenswert ist die Logik hinter solchen Aussagen. Früher gab es warme Sommertage, also kann es heute keinen Klimawandel geben. Und weil man die Heizung ausschaltet, sind 40 Grad plötzlich ein Vorteil. Wenn einfache Erklärungen alle Probleme lösen würden, wäre die Welt wirklich unkompliziert.Weil man sich gegen Hitze vermeintlich einfacher schützen könne als gegen Kälte, wird das eigentliche Problem klein geredet. Dabei werden die Folgen extremer Hitze für ältere Menschen, Kinder, Kranke, die Landwirtschaft, die Wasserversorgung und ganze Ökosysteme ausgeblendet. Aus einer komplexen globalen Herausforderung wird eine persönliche Strom- und Heizkostenabrechnung.

Genau hier zeigt sich das Prinzip „Nach mir die Sintflut“. Solange der eigene Alltag funktioniert und man persnlich nicht betroffen ist, werden Warnungen als Übertreibung dargestellt, wird  persönliches Empfinden mit gesellschaftlicher Realität verwechselt und kurzfristige Vorteile mit langfristigen Kosten. Der Sarkasmus liegt darin, dass ausgerechnet jene, die den Klimawandel für harmlos erklären oder ihn vehement und oft aggressiv leugnen, nicht selten behaupten, sie seien die Vernünftigen. Tatsächlich argumentieren sie aber gegen Maßnahmen, die ihre eigene Lebensgrundlage schützen sollen. Damit bestätigen sie unfreiwillig Russells Diagnose: Die größte Herausforderung besteht nicht darin, technische Lösungen zu finden, sondern Menschen davon zu überzeugen, ihr eigenes Überleben ernst zu nehmen.

 „Nach mir die Sintflut“ ist nicht nur eine Redewendung. Sie passt zur Beschreibung einer Gesellschaft,  die lieber über den Preis der Heizung diskutiert als über die Zukunft ihrer Kinder. Und genau darin liegt die eigentliche Tragik: Nicht der Mangel an Wissen gefährdet unsere Zukunft, sondern der Mangel an Bereitschaft, nach diesem Wissen zu handeln.

Sonntag, 28. Juni 2026

Freiheit?

                                                                      Foto: A.W.


Bei der Hitze sitze ich seit Tagen überwiegend unfreiwillig in der Wohnung. Ich könnte zwar rausgehen und das mache ich auch am frühen Morgen , aber alles, was ich sonst gern mache, lasse ich freiwillig bleiben, weil ich Hitze nicht gut vertrage. Und während ich so in der Wohnung vor mich hinschmore, frage ich mich: Wie frei bin ich eigentlich?
Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach zu sein. Natürlich bin ich frei. Niemand hält mich fest. Die Tür ist nicht verschlossen. Ich könnte jederzeit hinausgehen. Und doch tue ich es nicht. Meine Entscheidung wird durch etwas beeinflusst, das ich nicht kontrollieren kann: die Hitze.

Was ist Freiheit überhaupt?, frage ich mich, während ich vor mich hin schwitze. Fast jeder von uns wünscht sie sich, doch fragt man, was genau damit gemeint ist, bleibt die Antwort oft erstaunlich unklar. Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Suche nach Freiheit so leicht zu einem endlosen inneren Prozess werden kann. Solange wir nicht genau wissen, was unter Freiheit verstanden wird, jagen wir womöglich einem Ideal hinterher, das sich niemals erfüllen kann.

Eine verbreitete Vorstellung ist Freiheit als Kontrolle über das eigene Leben. Freiheit bedeutet dann: Ich bestimme, was passiert. Ich bin nicht abhängig von nichts und niemanden, nicht mal von mir selbst, meinem Ego und meinen inneren Dämonen. Das klingt zunächst ziemlich selbstbestimmt. Doch diese Vorstellung hat ihren Preis. Freiheit wird dann zur Aufgabe, alles im Griff haben zu müssen. Jede Unsicherheit, jede Unvorhersehbarkeit und jede Form von Abhängigkeit erscheint als Bedrohung. Was als Befreiungsgedanke beginnt, endet nicht selten in innerer Enge.

Eine andere Vorstellung versteht Freiheit als Entlastung.
Im Sinne von: Ich muss nicht funktionieren, mich nicht anstrengen, nichts leisten. Ich muss eigentlich nichts außer SEIN. Naja, außer essen trinken, verdauen und sterben. Diese Freiheit wäre dann ein radikales Loslassen, nicht mehr kämpfen, für nichts und gegen nichts. Das hat auch seine Tücken, denn selbst das Loslassen wird dann zur Aufgabe und verwandelt sich im Zweifel in ein Projekt, das gelingen muss.

Manche Menschen verbinden Freiheit mit einem Leben ohne innere und äußere Probleme. Nach dem Motto: Ich will keine inneren Konflikte, keine Ambivalenzen, keinen Stress. Alles soll eindeutig, klar und widerspruchsfrei sein. Doch wir Menschen sind von Natur aus von unterschiedlichen Bedürfnissen, Trieben Gefühlen und Gedanken ausgestattet. Wer Freiheit mit innerer Konfliktlosigkeit gleichsetzt, beginnt gegen Teile seiner selbst zu kämpfen. Alles, was nicht in das gewünschte Sebstbild passt, wird als Hindernis erlebt und soll verschwinden. Die Suche nach Freiheit wird dadurch zu einem Kampf gegen das eigene Erleben.

Eine weitere Vorstellung besteht darin, Freiheit als Authentizität zu verstehen. Ich will so denken, fühlen und handeln, wie es mir entspricht. Diese Form der Freiheit verlangt nicht, innere Widersprüche zu beseitigen. Sie setzt vielmehr voraus, die unterschiedlichen Stimmen, Anteile und Impulse in uns wahrnehmen und unterscheiden zu können, ohne eine davon sofort unterdrücken oder absolut setzen zu müssen. Freiheit bedeutet dann uns selbst im Ganzen anzunehmen, mit allem, was wir sind oder nicht sind. Das bedeutet nicht, frei von inneren Konflikten zu sein, sondern uns nicht vollständig von ihnen bestimmen zu lassen.

Doch was ist Freiheit nun eigentlich für mich?
Freiheit ist nicht die Abwesenheit aller Grenzen, Konflikte oder Abhängigkeiten. Freiheit bedeutet auch nicht, das Leben vollständig kontrollieren zu können oder jederzeit genau das zu tun, was ich möchte. Ein solcher Zustand ist weder erreichbar noch menschlich.
Freiheit beginnt für mich dort, wo ich nicht mehr ausschließlich von meinen inneren und äußeren Bedingungen bestimmt werde. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, bewusst wahrzunehmen, zwischen Möglichkeiten zu unterscheiden und entsprechend der eigenen Wahrheit zu handeln. Frei ist nicht derjenige, der keine Ängste, Zweifel oder Widersprüche in sich trägt, sondern derjenige, der sich von ihnen nicht vollständig beherrschen lässt.
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ Für mich bringt es dieser Satz von Viktor Frankl auf den Punkt: Freiheit besteht nicht darin, alle Umstände kontrollieren zu können, sondern darin, wie wir uns zu ihnen verhalten.

Freiheit schließt Grenzen daher nicht aus.
Jeder Mensch lebt in persönlichen, biologischen, sozialen und geschichtlichen Bedingungen. Niemand von uns hat sich seine Herkunft, seine Vergangenheit oder viele Umstände seines Lebens ausgesucht. Freiheit besteht vielmehr darin, innerhalb dieser Bedingungen einen Handlungsspielraum zu entdecken und verantwortlich zu nutzen.

Innere Freiheit entsteht, wenn Gedanken, Gefühle und Impulse nicht mehr automatisch unser Handeln bestimmen. Äußere Freiheit entsteht dort, wo Menschen ohne Zwang leben, denken und handeln können. Beide Formen gehören zusammen, sind aber nicht identisch. Ein Mensch kann äußerlich frei und innerlich gefangen sein, ebenso kann jemand unter schwierigen äußeren Umständen eine bemerkenswerte innere Freiheit entwickeln.

Vielleicht lässt sich Freiheit so beschreiben: Freiheit ist die Fähigkeit, dem Leben bewusst zu begegnen, anstatt ausschließlich von Gewohnheiten, Ängsten, Zwängen oder äußeren Umständen gesteuert zu werden. Sie ist kein Zustand völliger Unabhängigkeit, sondern die Möglichkeit, sich immer wieder neu und verantwortlich zum eigenen Leben zu verhalten.
Freiheit ist kein Ziel, das irgendwann endgültig erreicht wird. Sie ist auch kein Zustand vollkommener Kontrolle oder völliger Konfliktlosigkeit. Freiheit ist vielmehr die Fähigkeit, dem Leben zu begegnen, offen für das, was ist, bewusst im eigenen Denken und Handeln und bereit, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen. Vielleicht zeigt sich Freiheit gerade an diesen heißen Sommertagen besonders deutlich: Nicht darin, dass die Hitze verschwindet, sondern darin, wie wir mit ihr umgehen.

 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de

 

Donnerstag, 25. Juni 2026

Aus der Praxis: Anna und die Büchse der Pandora

 

                                                                Zeichnung: A.Wende

 

 

Als Anna zum ersten Mal in die Praxis kam, sprach sie über Ängste,  über depressive Schübe und über Selbstverletzung, die sie seit Jahren begleiteten. Sie beschrieb das Gefühl, nie wirklich zur Ruhe zu kommen, immer auf etwas gefasst zu sein, das sie nicht benennen konnte. Wie viele Menschen, die eine traumatische Kindheit überlebt haben, kam sie nicht mit ihrer Geschichte in die Therapie. Sie kam mit den Folgen. 

Erst nach und nach begann sich die Vergangenheit zu zeigen. Nicht auf einmal, sondern in Fragmenten. Eine Erinnerung hier, ein Gefühl dort. Einzelne Szenen, die zunächst zusammenhanglos wirkten und sich erst mit der Zeit zu einem ganzen Bild formten. Was wir sahen, war keine einzelne Verletzung, kein isoliertes Ereignis, sondern eine Kindheit, die von Kontrolle, Demütigung, emotionalem Missbrauch und körperlicher Gewalt geprägt gewesen war.

 

Besonders auffällig war dabei die Sprache, die Anna für ihre Vergangenheit verwendete. Jahrzehntelang hatte sie von schwierigen Situationen, strenger Erziehung oder schlimmen Erinnerungen gesprochen. Es waren Formulierungen, die das Geschehene umkreisten, ohne es wirklich zu benennen. Einer der tiefgreifendsten Schritte in der Therapie bestand darin, diese Sprache zu verändern. Nach eine Weile fand sie Worte, die der Realität näher kamen. Der Mann, den sie Vater nannte, hatte sie nicht nur verletzt. Er hatte Gewalt ausgeübt. Er war nicht nur eine problematische Vaterfigur gewesen. Er war ein Täter. Diese Erkenntnis war schmerzhaft, aber sie gab den Erinnerungen erstmals eine klare Kontur. Was zuvor diffus gewesen war, wurde benennbar. Und was benennbar wird, kann verarbeitet werden.

Mit dieser sprachlichen Klarheit veränderte sich auch Annas Blick auf ihre eigene Geschichte. Sie begann zu verstehen, dass viele ihrer Symptome keine persönlichen Schwächen waren, sondern Folgen einer Kindheit, in der es Sicherheit, Halt, Liebe und Geborgenheit nie gab. Gleichzeitig entstand in ihr das immer stärkere Bedürfnis, das familiäre Schweigen zu durchbrechen. Verstehen allein genügte ihr nicht mehr. Anna wollte die Wahrheit aussprechen.

 

Irgendwann beschrieb sie mir ihre Situation mit einem Bild, das mich beeindruckte. Sie sagte, es fühle sich an, als stünde seit einer Ewigkeit eine verschlossene Truhe in ihrem Inneren. Sie wisse, dass sie da sei, aber sie dürfe sie öffnen. Mit einem traurigen Lächeln sagte sie: „Es ist wie die Büchse der Pandora.“ Der Vergleich war treffend. Solange die Büchse geschlossen blieb, schien das Familiensystem stabil. Die Vergangenheit war zwar nie verschwunden, aber sie war eingesperrt. Als Anna begann, die Erinnerungen anzuschauen, hob sich langsam der Deckel. Mit ihm stiegen Angst, Ohnmacht, Scham, Wut, Trauer und Verzweiflung auf, all die Gefühle, die zuvor nie einen Platz gefunden hatten.

 

Je weiter dieser Prozess voranschritt, desto deutlicher wurde für Anna, dass sie ihren Vater konfrontieren wollte. Als sie ihm schließlich gegenübersaß, war er ein alter Mann. Die mächtige Gestalt ihrer Kindheit existierte nur noch in ihrer Erinnerung. Vor ihr saß ein gebrechlicher Mensch mit zittrigen Händen und müden Augen. Doch Traumata kennen keine Zeit. Der Körper erinnert sich nicht daran, wie alt jemand geworden ist. Er erinnert sich an das, was er für den Körper war. Anna sprach aus, worüber in ihrer Familie jahrzehntelang geschwiegen worden war, den Missbrauch druch den Vater. Lange sagte der Vater nichts. Dann entschuldigte er sich. Es war keine große Szene. Keine dramatische Beichte. Keine Rechtfertigung. Er sagte lediglich, dass er ihr Unrecht getan habe. Dass es ihm leid tue.

 

Als Anna mir später davon erzählte, war sie selbst überrascht über ihre Reaktion. Sie hatte jahrelang geglaubt, dieser Moment würde alles verändern. Doch als er schließlich eintrat, fühlte er sich weder wie Sieg noch wie Erlösung an. Es fühlte sich an wie Wahrheit. Wenige Wochen später starb der Vater.

Als die Nachricht kam, erlebte Anna etwas, das viele traumatisierte Menschen nach ähnlichen Ereignissen beschreiben: widersprüchliche Gefühle, die gleichzeitig existierten. Trauer. Erleichterung. Leere. Wut. Mitgefühl. Distanz.

Doch die Geschichte war damit nicht zu Ende.

 

Etwa ein Jahr später trafen sich Anna und ihre Geschwister mit der Mutter. Es war kein gewöhnliches Familientreffen. Alle wussten, warum sie dort waren. Zum ersten Mal sprachen die Kinder aus, was in der Familie geschehen war. Sie sprachen über die Gewalt des Vaters. Über die Angst. Über die Kälte, die herrschte. Und über die Rolle der Mutter.

Sie sagten, dass die Mutter alles gesehen hatte. Dass sie nie eingeschritten war. Dass sie emotional nicht erreichbar gewesen war. Dass sie immerzu Kontrolle über die Kinder ausübte. Dass ihr Schweigen Teil des Systems war. Die Mutter hörte zu. Sie widersprach nicht. Sie verteidigte sich nicht. Sie bat nicht um Verzeihung. Sie entschuldigte sich nicht. Sie schwieg. Als Anna mir später von diesem Schweigen erzählte, sagte sie: „Ich glaube, ihr Schweigen war ihre Antwort.“

Einige Wochen später starb die Mutter.

 

Die zeitliche Nähe dieser Ereignisse erschütterte die ganze Familie. 

Wie so oft in existenziellen Situationen begann unmittelbar die Suche nach Bedeutung. War es Zufall? Hatte das Gespräch etwas ausgelöst? Bedeutete diese Abfolge etwas?

In dieser Phase machte ich Anna mit C.G.Jung und seinem Konzept der Synchronizität vertraut, als sie sich fragte, ob es Ereignisse gebe, die nicht durch Ursache und Wirkung verbunden seien und dennoch einen tiefen Sinnzusammenhang besäßen. Aus therapeutischer Sicht sind solche Überlegungen interessant, weil sie etwas berühren, das wir häufig beobachten. Das menschliche Gehirn sucht nach Bedeutung. Es sucht nach Mustern, stellt Zusammenhänge her und konstruiert Geschichten, besonders dann, wenn wir mit Verlust, Trauma und tiefen existenziellen Fragen konfrontiert sind. Die zeitliche Nähe von Ereignissen wirkt dabei oft wie eine Einladung zur Sinnsuche.

 

Für Anna bekam in unserer gemeinsamen Arbeit die Idee der Synchronizität eine besondere Bedeutung. Nicht weil sie glaubte, das Öffnen der Büchse der Pandora hätte die Todesfälle verursacht. Sondern weil die Ereignisse für sie eine symbolische Qualität besaßen. Der Tod des Vaters nach seiner Entschuldigung erschien ihr wie das Ende des Täter Archetypen. Das Schweigen der Mutter und ihr kurz darauffolgender Tod wirkten wie das Verschwinden eines Systems, das jahrzehntelang vom Ungesagten gelebt hatte. Die zeitliche Nähe von endlich Gesagtem und dem Tod der Eltern verlieh diesen Ereignissen die Kraft eines Symbols.

Entscheidend für die Verarbeitung ist, dass Anna zunehmend lernt, Bedeutung und Schuld voneinander zu trennen. Sie muss nicht glauben, etwas verursacht zu haben, um anzuerkennen, dass sich die Ereignisse bedeutungsvoll anfühlen. Sie muss sich nicht zwischen Zufall und Schicksal entscheiden. Sie kann lernen beides nebeneinander stehen zu lassen: die Realität biologischer Endlichkeit und die psychologische Erfahrung eines tiefen Sinnzusammenhangs.

 

Vielleicht ist das letztlich die Hoffnung, die am Boden ihrer Büchse der Pandora zurückgeblieben ist. Nicht die Hoffnung auf Wiedergutmachung, auf Versöhnung und ein gutes Ende, sondern die Hoffnung, dass Wahrheit ausgesprochen werden darf, ohne dass sie uns zerstört, dass Schmerz benannt werden darf, ohne dass man an ihm zerbricht. Mit der Zeit hörte Anna auf nach einer endgültigen Erklärung zu suchen. Die Vergangenheit bleibt dieselbe. Der Vater bleibt Vater und Täter. Die Mutter bleibt Mutter und die Frau, die geschwiegen hat. Doch etwas hat sich verändert. Annas Geschichte ist nicht länger eingesperrt. Sie ist erzählt worden. Und manchmal, wenn Anna in unseren Sitzungen an ihre Eltern denkt, spricht sie nicht mehr zuerst über Angst, Wut, Scham oder Schuld. Sie spricht über etwas, das sie lange nicht gekannt hatte: Stille. Nicht die Stille des Verschweigens. Sondern die ruhige Stille nach der Wahrheit.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

Mittwoch, 24. Juni 2026

Die Tyrannei der Dummen

 

 
                                                                  Aquarell: A.Wende
 
 
Früher glaubte man, Denken sei eine Tugend. Heute scheint sie eher ein Kommunikationshindernis zu sein. Der Denkende spricht vorsichtig. Er wägt ab, er erkennt die Grenzen seines Wissens und formuliert seine Gedanken mit der Vorsicht eines Menschen, der die Komplexität der Welt begriffen hat. Der Dumme kennt diese Probleme nicht. Er steht auf dem Gipfel seiner Ignoranz und genießt die Aussicht. Wo der Denkende ein komplexes Ganzes aus Zusammenhängen, Widersprüchen und Unsicherheiten wahrnimmt, hat der Dumme eine einzige Erklärung. Wo die Wissenschaft Jahrzehnte forscht, findet er innerhalb von Sekunden eine Lösung. Wo Philosophen Jahrtausende ringen, hat er bereits eine Meinung. Und zwar eine sehr laute. 
 
Die Philosophie hat sich seit Jahrtausenden mit Wahrheit, Erkenntnis und Weisheit beschäftigt. Vergeblich, könnte man meinen.  
Denn parallel dazu existiert eine zweite Tradition - die Kunst, von Dingen zu sprechen, von denen man keine Ahnung hat. Der wahre Meister dieser Disziplin benötigt weder Wissen noch Erfahrung. Warum sollte er? Wissen ist schließlich nur Ballast. Wer nichts weiß, muss auch nichts überprüfen. Die Gedanken sind frei. Frei von Zweifeln, frei von Komplexität, frei von Tiefe und frei von jedem Bezug zur Realität. Es ist überhaupt die größte Leistung des Unwissenden, dass er aus Mangel an Erkenntnis eine Quelle unerschütterlicher Gewissheit macht. Andere benötigen Belege. Er benötigt lediglich die Überzeugung, recht zu haben. Philosophie begann mit dem Eingeständnis des Nichtwissens. Die Dummheit begann mit dessen Abschaffung. Dabei liegt der Unterschied nicht zwischen Wissen und Nichtwissen. Unwissenheit bedeutet: „Ich weiß etwas nicht.“ Dummheit bedeutet: „Ich weiß nicht, dass ich etwas nicht weiß“, oder noch krasser: „Ich halte mein Nichtwissen für Wissen.“ Der Dumme fragt nicht: „Ist das wahr?“ Er fragt: „Gefällt mir diese Vorstellung?“ Und wenn die Antwort ja lautet, ist die Angelegenheit für ihn erledigt.
 
Man könnte nun meinen, Dummheit sei ein Mangel an Intelligenz. Irrtum. 
Es gibt intelligente Dumme. Menschen mit akademischen Titeln, beeindruckenden Lebensläufen und einer erstaunlichen Fähigkeit, ihre Bildung als Deko für Vorurteile zu benutzen. Dummheit ist keine Schwäche des Verstandes, sie ist die Weigerung, ihn zu benutzen. Dummheit beginnt dort, wo das Bedürfnis, recht zu haben, größer wird als das Bedürfnis, die Wahrheit zu suchen. Besonders auffällig wird dies bei jener Spezies, die zu jedem Thema ihren Beitrag leisten muss. Sie weiß nichts über Medizin, aber äußert sich zur Medizin. Sie weiß nichts über Wirtschaft, aber erklärt die Wirtschaft. Sie weiß nichts über Geschichte, aber belehrt Historiker. Sie weiß nichts über Philosophie, aber belehrt Philosophen. Sie weiß nichts über Psychologie, aber korrigiert Psychologen. Man sollte meinen, Unkenntnis erzeugt Zurückhaltung. Das Gegenteil ist der Fall.
 
Wissen führt zu Demut. Je mehr man weiß, desto größer das Nichtwissen. 
Das wusste schon der weise Sokrates. Wer nichts weiß, bleibt von dieser Erkenntnis verschont.
Und so lebt der Dumme in einem Zustand geistiger Schwerelosigkeit. Keine Zweifel, die ihn belasten. Keine Selbstkritik, die seinen Frieden stört. Keine komplexe Tatsache, die sein einfaches Weltbild ankratzt. Kein Gedanke, der seinen Denkapparat herausfordert. Er hat Meinungen und Antworten. Immer und überall. Vor allem aber besitzt er eine seltene Gabe: die völlige Immunität gegen Argumente. Argumente setzen voraus, dass Wahrheit wichtiger ist als das eigene Ego. Für den Dummen eine unzumutbare Forderung. Man erklärt. Der Dumme widerspricht. Man belegt. Der Dumme ignoriert. Man widerlegt. Der Dumme fühlt sich missverstanden. 
 
Dummheit, ein geschlossenes System, das keinen Kontakt zur Wirklichkeit braucht.
Diese Beobachtung brachte einst Dietrich Bonhoeffer zu der These, Dummheit sei gefährlicher als Bosheit. Gegen das Böse könne man protestieren, gegen das Dumme nicht. Der Dumme ist nicht zugänglich für Gründe. Tatsachen, die seinem Weltbild widersprechen, werden einfach ignoriert oder umgedeutet. Er hat nicht aufgehört zu denken, sondern aufgehört, bzw. nie angefangen, selbst zu denken. Der Dumme ist nicht deshalb gefährlich, weil er nichts weiß, er ist gefährlich, weil er sein Nichtwissen mit der Entschlossenheit eines Propheten vorträgt. Bosheit braucht eine Absicht. Dummheit braucht lediglich ein Publikum.
Hier stellt sich für mich die eigentliche Frage: Ist Dummheit eher ein Erkenntnisproblem im Sinne von: „Ich verstehe die Welt nicht“?, oder ist sie ein Charakterproblem im Sinne von: „Ich will die Welt gar nicht verstehen“? Die zweite Möglichkeit ist die beunruhigendere. Gegen mangelndes Wissen hilft Lernen, Wissen, Forschen, Erfahrung und Denken. Gegen die bewusste Abwehr von Erkenntnis hilft nichts.
 
Die Tragik besteht darin, dass Dummheit ansteckend ist. Nein, nicht biologisch. Kulturell. 
Wo Lautstärke höher bewertet wird als Denken, wo Meinung wichtiger wird als Erkenntnis, wo jede sinnentleerte Eingebung denselben Rang hat wie jahrelange Forschung und Jahrhunderte altes Wissen, beginnt die Herrschaft der Ahnungslosen. Dann wird Kompetenz verdächtig. Dann gelten Zweifel als Schwäche. Dann wird Differenzierung als Gefahr empfunden und die einfachste Erklärung gewinnt gegen die richtige.
 
Dummheit zerstört nicht nur die Wahrheit. Sie macht die Wahrheit gesellschaftlich irrelevant. Der Dumme muss nicht recht haben. Er muss nur laut genug sein.Und so entsteht jene sonderbare Welt, in der Menschen auf Dinge verzichten, die früher als Tugenden galten: Bildung, Besonnenheit, Selbstreflexion und der altmodische Glauben, dass Fakten wichtiger sind als bloße Annahmen. Die Tragik besteht darin, dass ausgerechnet die, die am wenigsten verstehen, am seltensten merken, dass sie etwas nicht verstehen. Und während der Kluge noch überlegt, ob seine Argumente wahr genug sind, hat der Dumme bereits das Wort ergriffen. Nicht weil er mehr weiß, sondern weil ihm nie der Gedanke gekommen ist, dass er irren könnte.
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de
 

Montag, 22. Juni 2026

Meine Angst nimmt bei Hitze zu

 


Meine Angst nimmt bei Hitze zu. 

Das betrifft viele Menschen mit psychischen Erkrankungen. Hitzewellen sind nicht nur für uns alle eine extreme körperliche Belastung, sie wirken sich auch auf die psychische Gesundheit aus. Studien zeigen, dass längere Hitzeperioden auch die Symptome psychischer Erkrankungen verstärken können.

 

Warum ist das so?

Hitze ist nicht nur für alte, schwache und chronisch kranke Menschen und Kinder gefährlich. Extreme Hitze bedeutet maximalen Stress für den Körper. 

Durch die anhaltende Belastung können sich auch Angststörungen, Depressionen, Psychosen, Alkoholsucht, Demenz, Erschöpfungszustände, gedrückte Stimmung sowie aggressive Verhaltensweisen verschlimmern oder teilweise sogar neu auftreten. Zudem ist wissenschaftlich belegt, dass während Hitzeperioden die Suizidrate ansteigt.

 

Der Körper verbraucht bei hohen Temperaturen viel Energie für die Thermoregulation. Dadurch steht dem Gehirn weniger Energie zur Verfügung

Der Organismus ist permanent damit beschäftigt, die Körpertemperatur zu stabilisieren. 

Die Blutgefäße weiten sich, die Herzfrequenz steigt, der Blutdruck sinkt, es kommt zu vermehrtem Schwitzen und der Cortisolspiegel erhöht sich. Mein Zahnarzt spricht sogar von "Entzündungswetter". Zahnprobleme wie z.B. Zahnfleischentzündungen können sich verschlimmern, es kommt zudem vermehrt zu Abzessen. Bei Hitze erweitertet sich das Gewebe, kommt es zu Mundtrockenheit verstärkt sich das Bakterienwachstum. Wenn es lange heiß ist können zudem Kreislaufbeschwerden wie Schwindel oder Ohnmachtsgefühle auftreten. Der Schlaf wird schlechter und die Fähigkeit, Stresshormone abzubauen, nimmt ab. Das Nervensystem gerät aus der Balance. 

 

Viele körperliche Symptome ähneln den Sensationen von Angststörungen oder Panikattacken. Das Nervensystem interpretiert körperliche Stresssignale als Gefahr.  

Das ist für psychisch belastete Menschen der pure Stress. Dadurch steigt die Angst weiter an, ein Teufelskreis entsteht, in dem sich körperliche Anspannung und Angst gegenseitig verstärken. Häufig kommt zusätzlich ein Gefühl von Kontrollverlust hinzu: Ich kann der Hitze nicht entkommen.  

Gleichzeitig können hohe Temperaturen auch dämpfend auf die Psyche wirken. 

Die durch Hitzestress entstehende Erschöpfung zeigt sich oft in Antriebslosigkeit, gedrückter Stimmung und verminderter Konzentrationsfähigkeit. Bei Menschen mit Depressionen können sich diese Symptome dadurch verstärken. Zudem können Antidepressiva die Wärmeregulierung und das Durstgefühl des Körpers stören. Dadurch steigt das Risiko für Dehydration und Kreislaufprobleme deutlich an.   

Was dazu kommt ist der äußere Druck. Uns wurde eingetrichtert, dass es nicht normal ist, wenn man das sommerliche Wetter nicht ausnutzt. 

Der Depression und dem Nervensystem ist das aber egal.

Du "musst" nichts tun, was dir nicht gut tut, nur weil "man" es tut.

 

Leider gibt es nicht viel, was du als Betroffener tun kannst. Aber einige Maßnahmen können entlasten.

Dazu gehört: Viel trinken, leichte Kost essen, Alkohol und Koffein vermeiden, nicht in die pralle Sonne gehen, leichte, helle Kleidung tragen, alles was körperlich sehr anstrengt vermeiden, die Wohnung kühl halten, Ventilatoren aufstellen.


Zur Regulation des Nervensystems: 

Achtsam sein! Was mache ich gerade? Beobachte ich den Körper wieder? 

Dann laut STOPP sagen. 

Nicht ständig körperliche Signale kontrollieren oder überinterpretieren. Dich gezielt ablenken, wenn du wahrnimmst, dass die Angstspirale beginnt.

Die Hitze nicht als Bedrohung einordnen, das macht noch mehr Stress.

Kleine Kältereize setzen: Dir immer wieder die Handgelenke kühlen oder ein feuchtes Tuch in den Nacken legen. Das signalisiert dem Nervensystem Beruhigung 

 

Dir bewusst machen: Das Herzklopfen und der Schwindel kommen von der Hitze, dem Stress und der Angst, ich bin nicht in Lebensgefahr. 

 

Dich nicht überfordern. Bewusst Pausen machen. 

 

Wenn Panik hochkommt: Die 4-7-8-Atmung anwenden.

 

Auch wenn extreme Hitze Körper und Psyche stark belastet, erinnere dich daran: Du bist diesen Zuständen nicht hilflos ausgeliefert, mit kleinen, bewussten Schritten kannst du dein Nervensystem unterstützen und dir selbst durch die heißen Tage helfen, bis es wieder kühler wird. Tag für Tag. Nur für heute.

 

 

 

Samstag, 20. Juni 2026

Der Vergleich: Was hat Sie, was ich nicht habe?

 

                                                          Malerei: A.Wende

 

„Ich wurde wegen einer anderen Frau verlassen. Ich kann nicht aufhören mich mit ihr zu vergleichen. Sie ist nicht einmal hübscher als ich. Was hat sie, was ich nicht habe? Warum hat er sich für sie entschieden?“ Dies Fragen zerreißen meine Klientin innerlich. Diese Fragen trägt viel Schmerz in sich. Nicht nur den Schmerz des Verlassenseins, sondern auch die Erschütterung und die Fassungslosigkeit, ersetzt worden zu sein. Zur Trauer über die Trennung legt sich ein bohrender innerer Vergleich.

Was hat sie, was ich nicht habe? Warum hat er sich für sie entschieden?

Diese Fragen entstehen nicht aus Neugier, sondern aus der Verletzung heraus. Der Vergleich ist ein Versuch, etwas Unfassbares fassbar zu machen. Wenn eine Beziehung endet und ein Partner sich einer anderen Person zuwendet, entsteht oft ein Gefühl von Austauschbarkeit  und dieses Gefühl ist schwer auszuhalten. Der Vergleich mit der oder dem anderen wird dann zu einer Art innerer Suche nach einer Erklärung. Hinter all dem liegt die unausgesprochene Hoffnung, wenn ich den Unterschied finde, verstehe ich vielleicht, warum ich nicht genügt habe. Der Fokus verschiebt sich von der Beziehung hin zur anderen Person, sie wird zur scheinbaren Antwort. Doch genau hier beginnt zusätzliches Leiden. Aus einer  Entscheidung des anderen für einen anderen Menschen wird eine Bewertung der eigenen Person. Die Frage „Warum sie?“ verwandelt sich in die schmerzhafte Frage: Warum nicht ich? Was fehlt mir, dass ich verlassen wurde? Diese Schlussfolgerung ist menschlich, aber nicht hilfreich. Wir wählen einen Menschen nicht nach einer Rangliste von Eigenschaften. Bindungen entstehen aus komplexen Dynamiken, aus Anziehung, Bedürfnissen, Konflikten, Sehnsüchten, Wünschen, aus Dingen, die nichts mit objektiv besser oder hübscher zu tun haben.

Was macht den Vergleich so machtvoll?

Der Vergleich hat eine solche Macht, weil er kurzfristig eine scheinbare Ordnung in das emotionale Chaos bringt. Er gibt dem Schmerz eine Richtung. Er ist ein inneres Abtasten. „Wenn ich weiß, was die oder der andere mehr zu bieten hat als ich, dann verstehe ich, warum ich ersetzt wurde. Wenn ich das verstehe, verstehe ich  auch, was an mir nicht genügt hat."

Fatalerweise entsteht genau dadurch ein unheilsamer Kreislauf. Je mehr verglichen wird, desto stärker wird die innere Verunsicherung, desto stärker werden Selbstzweifel und Selbstabwertung. Denn der Maßstab bleibt unscharf und das eigentliche Thema, die Trauer, die Wut und der Schmerz über den Verlust, verschiebt sich immer weiter weg von der Beziehung, weg von dem, was in der Beziehung passiert ist, weg von dem, was in der Beziehung nicht mehr gut war, hin zu einem harten Urteil über uns selbst. Unter all dem liegt der Wunsch, dass es eine klare Erklärung gibt. Eine, die für uns nachvollziehbar und greifbar ist. Eine, die das zersetzende Gefühl von Austauschbarkeit wieder auflöst. Aber die Gründe für eine Trennung sind selten so eindeutig, wie der Vergleich sie gerne machen würde. 

Indem wir vergleichen versucht unser System, die Ohnmacht abzuwehren indem wir scheinbar die Kontrolle zurückzugewinnen über etwas, das sich uns völlig entzogen hat, über das wir keine Macht haben: die Entscheidung eines anderen Menschen. 

 Dieser Vergleich hat seinen Preis, er verzerrt die Realität und reduziert den Blick auf eine einzige Frage und zwar die nach unserem eigenen Wert. Der Vergleich sagt weniger etwas über die andere Frau oder den anderen Mann, als über die eigene Verletzlichkeit. Er berührt unser Selbstbild, unsere inneren Überzeugungen über uns selbst. Er berührt vielleicht alte Erfahrungen von Zurückweisung, Ablehnung und Verlassenwerden. Er berührt unsere Selbstzweifel, unsere Identität, unsere Unsicherheiten und die Frage, ob wir genug sind. Deshalb fühlt es sich so schmerzhaft an. Der Kern liegt nicht im Vergleich selbst, sondern in dem, was er in uns auslöst, den Wunsch zu verstehen, warum der andere nicht geblieben ist und die Angst, dass die Antwort etwas über unseren eigenen Wert aussagt. Dabei vergessen wir: Die Entscheidung eines anderen Menschen für einen anderen ist keine Aussage über unseren Wert als Mensch. 

Was ist hilfreich?

Hilfreich ist nicht, den Vergleich einfach „abzustellen“, das funktioniert nicht so einfach,  sondern ihn innerlich anders einzuordnen.

Es hilft, uns bewusst zu machen, dass unser Denkapparat gerade versucht, eine schwer aushaltbare Erfahrung verständlich zu machen und damit die Kontrolle zu erlangen. Aus einer emotionalen Erschütterung wird ein gedanklicher Vergleich, der kurzfristig Orientierung geben soll, aber unheilsamerweise in Selbstabwertung endet.

Es macht Sinn den Vergleich nicht als eine Wahrheit über uns selbst zu interpretieren, sondern als Reaktion auf eine maximale Verletzung. Statt „Sie ist besser als ich“ könnte der innere Satz meiner Klientin lauten: „Ich bin gerade in einem Zustand, in dem mein Kopf versucht, das Geschehene erklärbar zu machen.“ Diese kleine Verschiebung schafft Abstand zwischen Gefühl und Bewertung und nimmt dem Gedanken etwas von seiner Absolutheit.

Wichtig ist auch, die Aufmerksamkeit wieder stärker vom Außen auf unser eigenes Erleben zu lenken. Die Frage „Was hat sie, was ich nicht habe?“ wirkt zwar naheliegend, führt aber nicht zu echter Entlastung. Hilfreicher ist die Frage, was genau dieser Vergleich innerlich in uns auslöst: Geht es um Zurückweisung, um Kränkung oder um einen Verlust, den wir nicht akzeptieren können? Kommt da etwas sehr Altes wieder hoch? Und wie zeigt sich dieses Gefühl konkret im eigenen Erleben? Statt den Vergleich aktiv zu bekämpfen, ist es entlastender, ihn wahrzunehmen, ohne ihm weiter zu folgen, uns selbst zu beobachten und zu erkennen: „Aha, ich vergleiche mich gerade“, und dann bewusst wieder bei dem zu bleiben, was innerlich an Gefühlen da ist, ohne weiter zu bewerten. Dadurch verliert der Vergleich nach und nach seine Macht.

Letztlich verweist der Vergleich immer auf etwas Tieferes - auf unser verletztes Selbstwertgefühl, auf die Erfahrung von Verlust und auf das Bedürfnis nach Sicherheit in Bindung. Wenn wir das verstehen und es ernst nehmen, wird der Vergleich oft leiser, weil er nicht mehr die einzige Sprache für den Schmerz bleiben muss.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

 

Montag, 15. Juni 2026

Der persönliche Resilienzplan

 


 

Wie bewältigen Menschen herausfordernde Lebensereignisse und -erfahrungen, wie etwa den Tod eines geliebten Menschen, eine Trennung, den Verlust des Arbeitsplatzes oder die Diagnose einer schweren Krankheit?

Die meisten von uns reagieren auf solche Situationen zunächst mit starken negativen Gefühlen und einem Gefühl des Unbehagens oder mit Angst, doch mit der Zeit gelingt es uns irgendwie, uns anzupassen und zurechtzufinden. Dank unserer Resilienz können sich die meisten von uns von Widrigkeiten, Traumata, Tragödien, Bedrohungen oder Verlusten erheblichen wieder weitgehend erholen. 

 

Was ist Resilienz? 

Resilienz wird definiert als der Prozess, die Fähigkeit oder das Ergebnis einer erfolgreichen Anpassung trotz herausfordernder Umstände. Resilienz ist die Fähigkeit, mit allem fertigzuwerden, was das Leben uns entgegenwirft, und gestärkter als zuvor daraus hervorzugehen. Resiliente Menschen bewältigen Herausforderungen des Lebens mithilfe persönlicher Ressourcen. Dazu gehören soziale Unterstützung, Bewältigungsstrategien, Besonnenheit, Werte und Weisheit und Einsicht, die wir uns bewahren, sowie eine lösungsorientierte Haltung. Resilienz geht mit innerer Stärke, Kompetenz, Optimismus, Flexibilität und der Fähigkeit zur effektiven Bewältigung von Widrigkeiten einher. 

Zudem stärkt die Minimierung von Risikofaktoren wie belastende Lebensfaktoren, eine Umgebung, oder Menschen, die uns nicht gut tun und selbstschädigende Gewohnheiten unsere Fähigkeit die Herausforderungen des Lebens zu meistern.

 

Resilienz ist keine Eigenschaft, die man entweder besitzt oder nicht besitzt. Sie umfasst Verhaltensweisen, Gedanken und Handlungen, die nahezu jeder Mensch erlernen und entwickeln kann.

 

Eine Möglichkeit, Resilienz zu entwickeln, besteht darin, auf Erfahrungen aus früheren, ähnlichen Herausforderungen zurückzugreifen und sich an Dinge zu erinnern, die man zwar weiß, aber vielleicht vergessen hat. 

Wir können uns fragen: 

Was genau hat es mir in der Vergangenheit ermöglicht, einen Verlust, eine Trennung, eine Krankheit oder eine Kündigung zu überstehen?

Auf welche Unterstützung habe ich zurückgegriffen?

Welche Menschen in meinem Leben haben mich dabei unterstützt, durchzuhalten und weiter zu gehen, als es einfacher gewesen wäre, aufzugeben?

Welche Strategien habe ich angewandt, um mit den negativen Gedanken und Gefühlen umzugehen, die als Reaktion auf die Schwierigkeit auftraten? An welches Wissen und an welche Weisheiten habe ich mich gehalten?

Welche „Weisheit“ hat mir Hoffung gegeben geholfen, diese Schwierigkeit zu überwinden? 
Mit Weisheit ist jene Einsicht gemeint, an der wir uns festhalten. 
Sie kann aus Liedtexten, Romanen, Gedichten, spirituellen Schriften, Zitaten berühmter 
Persönlichkeiten, Sprüchen der Großeltern oder aus eigenen Erfahrungen stammen.

Welche Lösungen habe ich gefunden?

Welche lösungsorientierten Verhaltensweisen habe ich gewählt, um das Problem aktiv anzugehen? Haben ich beispielsweise neue Informationen gesucht  oder andere um Hilfe gebeten?

 

All das sind Resilienzressourcen und damit können wir uns einen persönlichen Resilienzplan erstellen, wenn wir in einer Krise stecken.

Wichtig ist: jeder von uns hat seine eigenen Ressourcen.

Das Entscheidende ist, dass wir Vertrauen in unsere inneren und äußeren Resilienzressourcen haben, da viele sich bereits in der Vergangenheit bewährt haben.

 

Ganz gleich, wie abwegig oder seltsam es auf andere wirken mag, immer wieder dieselbe Musik zu hören, ein Kinderbuch zu lesen, zu malen, Serien zu schauen, stundenlang zu laufen, Sport zu treiben, uns immer schöne Blumen auf den Schreibtisch zu stellen, ein Manta aufzusagen, zu Meditieren, regelmäßige Atemübungen machen, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen, Journaling, expressiv Schreiben, Menschen helfen, denen es schlecht geht, mit vertrauten Menschen sprechen oder ob wir eine Therapie zu beginnen: Wir selbst wissen ziemlich genau, was uns hilft. Auf diese Weise sind die Resilienressourcen nichts, was andere uns vorgeben oder predigen, sondern höchst individuell und somit von persönlicher Bedeutung und großem Nutzen wenn wir uns daran erinnern und darauf zurückgreifen.   

 

 

Sonntag, 14. Juni 2026

Versuchung

 

                                                                        Foto: A.Wende


Ich habe mich heute morgen gefragt, warum Versuchungen manchmal eine solche Macht über uns haben. Warum ein Stück fetter Kuchen interessanter erscheint als alle guten Vorsätze mich gesund zu ernähren. Warum ich genau dann ein Buch in die Hand nehme, wenn ich eigentlich konzentriert arbeiten möchte. Warum Menschen zu Orten und in Beziehungen zurückkehren, von denen sie längst wissen, dass sie ihnen nicht guttun. Warum wir manchmal Dinge tun, die nicht mit den eigenen Werten in Einklang sind.
Lange dachte ich, Versuchung habe etwas mit Willensschwäche zu tun. Ein starker Charakter widersteht. Wer schwach ist, gibt nach. Zum Teil stimmt das, aber es greift zu kurz. Die Versuchung ist selten das eigentliche Problem. Sie ist meist nur die sichtbare Oberfläche von etwas, das viel tiefer liegt.
Versuchungen tauchen fast immer dort auf, wo etwas in uns unerfüllt ist. Sie versprechen Entlastung, Genuss, Trost, Nähe, Intensität, Flucht oder Ablenkung. Sie bieten eine schnelle Lösung an. Nicht unbedingt eine gute Lösung, aber eine unmittelbare. Vielleicht liegt genau darin ihre Macht.
 
Die Versuchung spricht nicht zu unserem klaren Teil. 
Sie spricht zu dem Teil in uns, der müde ist, traurig, frustriert, gelangweilt, überfordert, einsam oder hungrig, nicht nach Nahrung, sondern nach etwas, das fehlt. Und dann beginnt der innere Kampf. Wir führen ihn, als wären Versuchungen Feinde, die besiegt werden müssten. Wir sprechen von Disziplin, Selbstkontrolle und Verzicht. Doch selten fragen wir bewusst, warum die Versuchung überhaupt da ist.
Die Frage lautet nicht: Wie widerstehe ich?
Die Frage lautet: Was suche ich eigentlich?
Vielleicht suche ich Ruhe im Kopf und stattdessen lenke ich mich ab. Vielleicht suche ich Verbundenheit und scrolle im Internet. Vielleicht suche ich Trost und finde ihn im Essen. Vielleicht suche ich Intensität und lande bei einem Menschen, der mir nur für den Moment das Gefühl gibt, lebendig zu sein, aber der Falsche ist. Und wieder einen Frosch geküsst. 
 
Versuchungen sind in diesem Sinne oft schlechte Antworten auf gute Fragen. Sie zeigen uns etwas über unsere Bedürfnisse, auch wenn sie diese Bedürfnisse nicht wirklich erfüllen.
Das bedeutet nicht, jeder Versuchung nachzugeben. Manche Versuchungen führen uns in Abhängigkeiten, andere in Beziehungen, die uns schaden, wieder andere in unheilsame Verhaltensweisen, die wir bereuen. Aber es bedeutet: Es lohnt sich, unsere Versuchungen zu ergründen, ihnen zuzuhören, bevor wir sie bekämpfen. Denn jede Versuchung erzählt eine Geschichte, darüber, was uns fehlt. Und damit beginnt Selbstverständnis, in dem Moment, in dem wir aufhören zu fragen, warum wir so schwach sind, und anfangen zu fragen, wonach wir uns in Wahrheit sehnen.

Donnerstag, 11. Juni 2026

Die Illusion vom besten Selbst


 
Werde zur besten Version deiner selbst!“, ist eine in den sozialen Medien verbreitete allgegenwärtige Idee. Zur „besten Version seiner selbst“ werden wollen ist durchaus problematisch, nicht weil Entwicklung oder Wachstum etwas Schlechtes sind, sondern weil dieses Konzept auf einer fragwürdigen Grundannahme beruht: dem Gedanken, dass der gegenwärtige Mensch, der man ist, noch nicht gut genug ist.
Das geht noch besser. Nach dem Motto: Wenn ich nur disziplinierter, attraktiver, erfolgreicher, gelassener, sportlicher, produktiver werde, werde ich endlich glücklich sein.
Das Problem dabei ist, dass das Selbst zum permanenten Optimierungsprojekt wird. Der Mensch ist, so wie er ist, nicht okay, sondern orientiert sich an einem idealisierten Zukunftsbild seines Selbst.
Aus psychologischer Sicht entsteht dadurch eine Spaltung zwischen dem realen Selbst und dem idealen Selbst. Je größer die Distanz zwischen beiden „Versionen“ erlebt wird, desto stärker werden Gefühle von Unzulänglichkeit oder Scham, desto härter wird die Selbstkritik und die Selbstabwertung. Man erlebt sich nicht mehr als jemand, der sich entwickelt, sondern als jemand, der ständig hinter seinem eigenen Anspruch zurückbleibt.
 
Übrigens, das sogenannte „beste Selbst“ existiert nicht.
Wir Menschen sind keine Maschinen mit einem optimalen Endzustand. Deshalb steckt in der Formulierung „die beste Version meiner selbst“ eine höchst fragwürdige Annahme. Sie suggeriert, es gäbe irgendwo eine ideale Endfassung des Selbst, die nur noch freigelegt oder erreicht werden muss. Es gibt kein endgültiges Selbst, sondern der Mensch selbst ist ein fortlaufender Prozess des Werdens.
By the way: Wer will eigentlich die beste Version von mir? Wer entscheidet überhaupt, welche Version meines Selbst die „beste“ ist?
 
Das Leben bleibt nicht plötzlich stehen, es geht weiter.
Immer wieder gibt es neue Herausforderungen, neue Erfahrungen, neue Grenzen, neue Konflikte, neue Verluste und neue Verletzungen. Wer glaubt, irgendwann die endgültig beste Version seiner selbst erreicht zu haben, jagt einem Phantom hinterher.
 
Besonders problematisch wird das Konzept bei Menschen mit unsicherem Selbstwert. Für sie wird Selbstoptimierung leicht zu einer verdeckten Form der Selbstablehnung. Hinter dem Wunsch nach Wachstum steht dann unbewusst der Gedanke: „So wie ich jetzt bin, bin ich nicht gut genug.“ Die Verbesserung dient dann nicht dem eigenen inneren Wachstum, sondern der Hoffnung, endlich Anerkennung, Liebe oder sonstwas zu bekommen.
 
Manche Menschen geraten nach Trennungen in diese Dynamik. Sie wollen die „beste Version ihrer selbst“ werden, um dem ehemaligen Partner und der (Instagram)Welt zu beweisen, was er verloren hat. Die vermeintliche Selbstoptimierung ist dabei psychisch an den Ex-Partner gebunden. Die Veränderung erfolgt nicht aus innerer Motivation heraus, sondern als Abwehrreaktion auf eine Kränkung.
Alles höchst ungesund.
Gesünder ist es, nicht die beste, sondern die vollständigere Version unserer selbst zu werden. Dazu gehört alles, was uns ausmacht, nicht nur das, was wir uns wünschen zu sein.
Selbstwerdung entsteht nicht dadurch, dass wir alles Schwache, Ungeliebte und Schmerzhafte überwinden, sondern dadurch, dass wir alles integrieren. Wir entwickeln uns nicht dadurch, dass wir uns in Teilen ablehnen, sondern dadurch, dass wir uns als der Mensch, der wir im Ganzen sind, annehmen und achten. 
 
Wachstum wird erst dann möglich, wenn wir uns nicht als Mängelexemplar begreifen. Veränderung entsteht dort, wo Selbstkritik durch Selbstverständnis und Selbstmitgefühl ersetzt wird. Reife entsteht nicht aus der Abwertung unseres gegenwärtigen Selbst, sondern aus der Fähigkeit, uns auch in unserer Unvollkommenheit zu achten und zu würdigen. Wer sich nur verändern will, weil er nicht sein möchte, wer er ist, bleibt im inneren Konflikt gefangen. Wirkliche Entwicklung beginnt dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Also nicht: Wie werde ich die beste Version meiner selbst?, sondern: Wie kann ich aufhören, gegen die Version meiner selbst zu kämpfen, die ich gerade bin? 
 
"Das Beängstigendste ist, sich selbst vollständig anzunehmen. Nicht sich zu verbessern. Nicht über sich hinauszuwachsen. Sondern sich anzunehmen." C.G.Jung
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 10. Juni 2026

Wenn ein tiefes Bedürfnis unerfüllt bleibt

 

                                                                   Foto: A.Wende

 
Wenn wir ein tiefes Bedürfnis nicht leben können, ist es möglich, dass wir in hochgradige Hoffnungslosigkeit abrutschen. Wenn etwas dauerhaft nicht gelebt werden kann, fordert das psychisch einen schweren Tribut. Wir leben wir in einer permanenten inneren Spannung. Wir fühlen einen permanenten Schmerz. Wir fühlen eine innere Leere, die sich nicht füllen lässt.
Da ist das Bedürfnis und da ist die Grenze, die uns von seiner Erfüllung trennt. Eine Grenze, die sich nicht beseitigen lässt. Je länger wir versucht haben diese Grenze zu überwinden und je öfter der Versuch zu keinem Erfolg führte, desto möglicher ist es, dass wir die Hoffnung verlieren, dass dieses Bedürfnis jemals erfüllt wird. Diese Hoffnungslosigkeit entsteht aber nicht allein aus dem unerfüllten Bedürfnis, sondern aus dem Gefühl, dass das ganze Leben dadurch seinen Sinn verliert.
Dieser Gedanke ist verständlich.
Gleichzeitig birgt er die Gefahr in sich, dass das wir unser gesamtes Lebensglück an eine Bedingung knüpfen: Erst wenn dieses Bedürfnis erfüllt ist, ist mein Leben gut. 
 
Wenn wir so empfinden hilft es uns zu fragen:
Welches Grundbedürfnis steckt dahinter, und gibt es andere Wege um uns dieses Bedürfnis zumindest teilweise zu erfüllen?
Also: Was ist das Bedürfnis selbst und was braucht es konkret um es zu erfüllen?
Wenn wir uns z.B. nach Liebe, Nähe und Verbundenheit sehnen und da niemand ist, den wir lieben und mit dem wir uns verbunden fühlen, könnten wir Verbundenheit auf anderen Wegen herstellen. Wir können z.B. anderen Menschen helfen, uns um ein Tier kümmern oder uns Orte suchen an denen Menschen mit ähnlichen Interessen zusammenfinden und sie teilen. Das ist zwar nicht das Gleiche wie eine liebevolle Beziehung, aber es ist ein wenig mehr als nichts. Schon dieses Wenige kann die Hoffnungslosigkeit abmildern. 
 
Manchmal aber gibt es keine Kompensation.
Wenn sich eine Frau ein Kind wünscht, wird sie nicht zufriedener, wenn sie sich ein kreatives Hobby sucht. Es ist auch nicht hilfreich, wenn sie sich einredet, das Bedürfnis sei unwichtig. Es ist wichtig zu trauern über das, was unerfüllt bleibt und anzuerkennen: „Ja, das fehlt mir wirklich.“ 
 
Das Problem ist nicht der Wunsch nach der Erfüllung des Bedürfnisses. Das ist zutiefst menschlich. Das Problem entsteht, wenn wir innerlich auf Wartestellung bleiben.
Paradoxerweise lässt die Hoffnungslosigkeit dann nach, wenn wir aufhören unseren Lebenssinn oder unsere Lebensqualität vollständig an die Erfüllung dieses einen tiefen Bedürfnisses zu knüpfen. Das bedeutet nicht, den Wunsch aufzugeben, sondern andere Quellen von Sinn, Verbundenheit, Nähe, Wachstum oder Freude zu finden und zu kultivieren.
 
Wenn wir ein tiefes unerfülltes Bedürfnis haben, sind diese Fragen hilfreich:
Was ist in meinem Leben wertvoll und erfüllend, selbst wenn dieses Bedürfnis unerfüllt bleibt?
Welche Teile des Bedürfnisses kann ich trotzdem leben?
Welche Werte, Beziehungen und Aufgaben tragen mich unabhängig davon?
Wie kann ich um das Verlorene oder das Unerreichbare trauern, ohne, dass die Trauer mein ganzes Leben überschattet?
 
Es gibt Situationen, in denen die Hoffnungslosigkeit sehr tief wird und in Sinnleere und Verzweiflung mündet, insbesondere wenn das Bedürfnis einen zentralen Teil der eigenen Identität berührt. Dann kann es hilfreich sein, sich professionelle Hilfe zu suchen. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 9. Juni 2026

Es ist die Beziehung, die heilt.

 


 

Als Therapeutin empfehle ich dieses Buch, weil es etwas vermittelt, das in einer Zeit der Selbstoptimierung oft in den Hintergrund gerät: die heilende Kraft echter menschlicher Begegnung. Viele Menschen kommen in Therapie mit dem Wunsch nach schnellen Lösungen, konkreten Techniken oder Strategien gegen ihr Leiden. All das kann hilfreich sein. Doch die Grundlage jeder nachhaltigen Veränderung ist die Erfahrung, gesehen, verstanden und angenommen zu werden.
 
Genau davon handelt das Buch "Die Stunde des Herzens" von Irvin D. Yalom. 
Es erinnert daran, dass Heilung nicht durch Methoden entsteht, sondern vor allem in Beziehungen. Mit großer Offenheit beschreibt Irvin D. Yalom, wie Vertrauen, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen, Veränderung ermöglichen. Dabei schreibt er nicht nur als einer der bedeutendsten Psychotherapeuten unserer Zeit, sondern auch als Mensch, der sich seinen eigenen Ängsten, Wunden und Grenzen stellt.
Für mich ist "Die Stunde des Herzens" deshalb weit mehr als ein Buch über Psychotherapie. Es ist ein Buch über das Menschsein selbst – über unsere Sehnsucht nach Verbundenheit, unsere Angst vor Nähe und den Mut, das Herz dennoch zu öffnen. 
Deshalb kann ich dieses Buch allen empfehlen, die sich selbst und ihre Beziehungen besser verstehen möchten.

„Es ist die Beziehung, die heilt.“ 

Kaum ein Satz fasst das Lebenswerk von Irvin D. Yalom treffender zusammen. Der weltweit renommierte Psychiater und Psychotherapeut hat ihn in Vorträgen, Fachbüchern und Bestsellern immer wieder formuliert. Nicht Techniken, Arbeitsblätter oder ausgefeilte Interventionen stehen für ihn im Zentrum einer erfolgreichen Therapie, sondern die authentische Begegnung zweier Menschen. In der therapeutischen Allianz sieht Yalom die eigentliche Kraft, die Veränderung ermöglicht.

In Die Stunde des Herzens, das er gemeinsam mit seinem Sohn Benjamin geschrieben hat, blickt der heute 95-Jährige auf ein langes Leben als Therapeut zurück. Anhand bewegender Begegnungen mit Patientinnen und Patienten zeigt er, wie tiefgreifend menschliche Nähe wirken kann. Zugleich öffnet er den Blick auf seine eigene Geschichte. Er schreibt über frühe Verletzungen, über Ängste und Unsicherheiten, die ihn bis ins hohe Alter begleiten, und macht sich damit selbst zum Teil der Erzählung.

Im Zentrum des Buches steht die Frage, weshalb wir uns oft so schwer damit tun, anderen unser Innerstes zu zeigen. Aus Furcht vor Ablehnung und Schmerz errichten wir Schutzmauern, die uns zwar vor Verletzungen bewahren sollen, uns aber zugleich von der Nähe abschneiden, nach der wir uns sehnen. Yalom beschreibt diesen Zwiespalt mit großer Klarheit und einer berührenden Ehrlichkeit.

Gerade darin liegt die besondere Qualität dieses Buches. Es verzichtet auf einfache Antworten und psychologische Rezepte. Stattdessen erinnert es daran, dass Heilung, Wachstum und Verbundenheit dort entstehen, wo Menschen den Mut finden, sich einander wirklich zu zeigen. Die Stunde des Herzens ist ein kluges, warmherziges und zutiefst menschliches Buch – und vielleicht Yaloms persönlichstes Vermächtnis.