Freitag, 15. Juli 2016

Das Trauma Trennung



Foto: AW


„Ich habe mich nicht darum gekümmert, was ich selber erleben und fühlen wollte. Ich habe mich immer nur um die anderen gekümmert, und um das, was sie von mir erwarteten. Dabei war ich aber weder ihnen noch mir selbst wirklich nahe. Und jetzt wo da keiner mehr ist um den ich mich kümmern muss, fühle ich mich nutzlos und verlassen. Ich habe Angst“. Diese Worte sagte eine Klientin zu mir. Eine wunderbare Frau, die nach über dreißig gemeinsamen Jahren von ihrem Mann verlassen wurde. Er hat eine Jüngere. Klischee? Nein, Leben wie es auch ist. Brutal, hart und schmerzhaft für die, die es trifft. Was diese Frau erlebt, kennen viele von uns. Auch ich kenne es. Viele Frauen kümmern sich ein Leben lang um die Anderen und merken gar nicht, dass sie dabei sich selbst in diesem Kümmern mehr und mehr auflösen. Sie haben eine Aufgabe, sie erfahren Sinn in dieser Aufgabe und plötzlich stehen sie da, allein und verlassen, von denen, für die sie gesorgt haben. Die Kinder gehen längst eigene Wege, der Mann ist weg, das Haus ist plötzlich leer – innen und außen. Und wenn sie Pech haben, fliegen sie auch noch raus aus dem Haus, das ihr Heim war. 

Die Trennung vom Lebenspartner, aus welchen Gründen auch immer, wiegt schwer, je älter man ist, je intensiver die Beziehung war und länger sie andauerte. Sie gehört zu den existentiellen Lebenskrisen, die wir Menschen durchleben müssen. 
Jede Trennung ist eine traumatische Erfahrung. Je unschöner sie verläuft, desto traumatischer ist das Erleben. Eine Trennung bringt enorm hohen emotionalen Stress. Selbstzweifel, Gefühle von Schuld, Scham, Wertlosigkeit, Versagensgefühle, Trauer, Schmerz, ohnmächtige Wut, erstickende Einsamkeitsgefühle und Verzweiflung können uns überfluten. Bei vielen Menschen hat eine Trennung auch praktische Folgen wie finanzielle Probleme und einen massiven Einschnitt in die gewohnte Lebensqualität. Es gibt sogar Menschen, die kommen über Jahre nicht über eine Trennung hinweg. Sie entwickeln im schlimmsten Falle ein posttraumatisches Belastungssyndrom, Ängste, Süchte, Depressionen oder werden körperlich krank.

„So was passiert jedem einmal, das geht vorbei!“ Das ist für manche Menschen nicht wahr, denn jeder von uns erlebt eine Trennung anders.  
Manche von uns werden, wenn eine Beziehung zerbricht, getriggert. Sie erleben gefühlsmäßig die instabilen oder gar die massiv belastenden Bindungserfahrungen der Kindheit wieder neu. Sie fallen nach Hinten in die Regression, ein altes Trauma wird reaktiviert: Das Trauma des verlassenen Kindes. Wenn das geschieht stürzen wir  in eine schwere Lebenskrise, die ohne therapeutische Hilfe meist nicht zu bewältigen ist.

Je älter wir werden desto verletzter und desto verletzlicher sind wir, besonders dann wenn wir plötzlich alleine da stehen, wenn das, was uns Halt gab, denn das ist der Kern jeder Beziehung – gegenseitiger Halt, plötzlich weg fällt.  
Das Netz auf das wir uns verlassen haben reißt und wir fallen in die Bodenlosigkeit. Alles was den Zusammenhang zwischen Ich und der Welt darstellte bricht zusammen. Sinn und Zweck der eigenen Existenz lösen sich auf und eine Neuorientierung ist schwer und für manche nicht mehr vorstellbar. Es kommt dieses: "Ich weiß nichts mehr. Ich weiß nicht wie es weiter gehen soll, ich weiß nicht, was aus mir werden soll", und der Gedanke allein bleiben zu müssen, alleine alt zu werden, macht Angst. Je älter wir werden, desto schwieriger wird es, wenn wir die Fülle unseres Lebens bisher durch Beziehungen hergestellt und erfahren haben, sie wieder mit einer neuen Beziehung zu füllen. Wo ihn oder sie treffen, wo einen Partner finden, der zu uns passt mit all unseren Altlasten und Macken, unseren Leidenschaften und Interessen, unseren Bedürfnissen und unserer Sicht von Welt und vor allem zu unserem Herzen, das so vorsichtig geworden ist in all der Zeit? 

Nein, die Liebe findet sich nicht so leicht wieder, wenn man sie verloren hat.
Sie ist, wie wir Menschen, nicht ersetzbar und nicht austauschbar. Schon gar nicht ASAP. Sicher, es gibt Menschen, die das können, austauschen, ersetzen, was verloren ist, möglichst schnell und kompromissbereit. Sie nehmen, was sich anbietet oder suchen im Netz, in Singlebörsen und sonstwo um schnell einen Ersatz zu schaffen. Sie hängen sich an den oder die Nächstbeste um sich dem Schmerz nicht stellen zu müssen, den eine Trennung mit sich bringt, egal ob man verlassen hat oder verlassen wurde. Der oder die Neue sind Trostpflaster für das gebrochene Herz und Makulatur für die verletzte Eitelkeit. Wer aus tiefem Herzen geliebt hat, wird sich so schnell nicht trösten lassen, sein verletztes Herz hat so schnell gar keinen Platz für einen neuen Menschen, es ist ja noch voll von dem, was verloren ist. Es muss heilen und das braucht Zeit.

Wer nach einem Verlust den Weg alleine weiter geht, hat es, gerade als älterer Mensch schwer. Wir können nicht mehr einfach sagen: Was soll´s, das Leben geht weiter. Neustart. Ich hau jetzt hier ab und fange woanders neu an. 
Neues Spiel, neues Glück. In jungen Jahren ist das leichter. Ist man älter geht das nicht mehr so einfach. Man hat einen Job, eine Wohnung, eine Existenz, die man nicht einfach riskieren kann, weil man ja noch so viel Zeit hat, sich ständig neu zu erfinden. Und so traurig es ist, im Alter sinkt der Marktwert, ekliges Wort, ganz eklig, aber Realität und jetzt erzähl mir bitte keiner, dass es egal ist wie alt man ist und dass Liebe blind ist. Ist sie nicht. Wird sie nie sein. Wer nimmt was er kriegen kann, einfach um überhaupt noch was abzukriegen, der ist blind. Es muss passen Innen und Außen und je älter wir werden desto schwieriger ist es dem Passenden zu begegnen. Wir können es auch nicht passend machen und uns weiter selbst belügen. Dazu haben wir zu viel gelernt in all den Jahren Leben.  

Wer als älterer Mensch eine Trennung erlebt ist auf eine Art und Weise auf sich selbst zurückgeworfen, die ihm so trostlos erscheinen kann, dass er den Sinn seines Lebens in Frage stellt. 
Mit einem gebrochenen Herzen alleine da zu stehen ist eine Herausforderung und ein Kampf. Es ist ein täglicher Kampf mit dem eigenen Ich, auch wenn da vieles ist, was man liebt, eine erfüllende Arbeit, ein Hobby, Familie oder Freunde. All das ist kein Ersatz, kein Füllmaterial für die Lücke, die eine Trennung aufreißt und all das ist kein Schutzschild gegen die Angst, die sich breit macht, die Angst davor, dass die Lücke sich niemals mehr schließen lässt. Angst davor, das Leben nicht alleine meistern zu können, Angst davor in Not und Krankheit alleine zu sein zu. Angst, die so groß wird, dass sie lähmt und alle Impulse zu handeln, alle Impulse sich wieder ins Leben zu begeben, im Keim erstickt.

Was jetzt? Was tun wir in einer solchen Lage? Was ist hilfreich um jeden Tag zu leben und nicht nur zu überleben? Wie kann ein hilfreicher Weg aussehen um die Trennung psychisch zu bewältigen?
Die Erfahrung sagt: Selbstmitgefühl ist hilfreich. Nachsicht mit uns selbst ist hilfreich. Nachsicht, dass wir nicht so schnell wieder auf die Beine kommen und funktionieren, Nachsicht und die Akzeptanz, dass es uns jetzt schlecht geht. Selbstmitgefühl ist etwas anderes als Selbstmitleid. Selbstmitleid sieht nur sich selbst. Es jammert jedem der es hören und nicht hören will die Ohren voll und beklagt sich: "Was hat man mir angetan? Ich armer Mensch!" Selbstmitleid ist egozentrisch und sieht nur sein eigenes Leiden. Im Selbstmitgefühl sagen wir nicht, wir sind die Ärmsten. Wir erkennen vielmehr, dass Leiden Teil des Menschseins ist, wir wissen, dass alle Menschen schmerzhafte Erfahrungen machen. Ohne Selbstmitgefühl, kein Mitgefühl. Selbstmitgefühl ist zunächst einmal die Fähigkeit uns selbst, so wie wir sind, zu achten, zu verstehen und liebevoll anzunehmen, auch wenn wir uns im Moment selbst nicht mehr verstehen oder nicht sonderlich gut leiden können. Selbstmitgefühl beinhaltet auch, dass wir uns selbst verzeihen können. Es beinhaltet die Erkenntnis, dass wir nicht perfekt sind und dass unsere Niederlagen und damit auch unsere Trennungsschmerzen, ein Teil des Lebens sind. 

Werden und Vergehen, Veränderung – das und nichts anderes ist Leben.
Selbstmitgefühl heißt nicht, ich sehe meine Fehler nicht, es heißt vielmehr sie zu sehen und sie sich zu verzeihen, es heißt sich nicht selbst abzuwerten, sondern gerade in Phasen wo wir uns wertlos fühlen, ja zu uns zu sagen. Dieses Ja ist überlebenswichtig, denn wir sind jetzt der einzige Mensch, der das für uns tun kann. Ja, wir sind noch da, ziemlich am Boden zerstört im Moment, aber wir atmen, wir leben und das ist ein Geschenk. Wir sind noch da, in der Bodenlosigkeit zwar, aber wir sind da. Und wir akzeptieren die Bodenlosigkeit als die Wahrheit, die sich uns jetzt zeigt. 

Alles ist bodenlos, es gibt keine Sicherheit, wir sind da angelangt, wo wir das vielleicht so schmerzhaft am eigenen Leib erfahren wie nie zuvor – aber damit sind wir erwacht. 
Wir lassen ab von dem, was uns ablenken soll. Wir lassen ab von den Illusionen des Wollens und Wünschens, der Gier nach Zerstreuung, wir lassen los von der Vermeidung des Schmerzhaften und wir geben sie endlich auf, die verführerische Illusion der Sicherheit. Wir wissen, dass es Sicherheit nicht gibt, dass es in nichts und Niemandem Halt zu finden gibt – wir wissen was Loslassen ist und wie es sich anfühlt. Wir sind frei uns fallen zu lassen in die Weite und in die Weisheit des Lebens selbst, wir wissen, alles ist geliehen und alles vergeht so wie wir selbst vergehen und wieder eingehen in den Kreislauf des Lebens. Wir lassen die sinnlose Sucht nach Kontrolle und festhalten Wollen los.  Diese Erkenntnis ist der vollkommene Lehrer.

Macht das die Angst kleiner? Nein zuerst nicht, sagt die Erfahrung. Es gleicht einem Schock dieses Gewahrsein zu spüren, ja zu spüren, denn gehört oder gedacht haben wir das vielleicht schon öfter, gefühlt erleben wir es vollkommen anders. Wir geben die Hoffnung auf, dass es uns gelingt vor uns selbst wegzulaufen und spüren die Aufforderung nicht mehr vor uns selbst wegzulaufen, egal was passiert. Das ist der Moment in dem die Chance liegt eine ehrliche Beziehung mit uns selbst zu beginnen, indem wir die Wirklichkeit von Vergänglichkeit und Tod nicht länger verdrängen oder ignorieren. Wir erkennen auch: Vergänglichkeit ist Lieben und Liebe zu verlieren. Und auf wundersame Weise wird die Angst kleiner weil wir begriffen haben. Aus diesem Begreifen heraus wachsen Akzeptanz und Nachsicht mit dem, wie es jetzt nun einmal ist und mit uns selbst.

Geben wir uns doch einmal selber das, was wir bisher anderen gegeben haben. Sagen wir uns: Jetzt bleibe ich bei mir. Ich kümmere mich darum, was ich fühle und was ich wirklich brauche.
Gerade in der Zeit, in der wir uns verletzt und verlassen fühlen, ist liebevolles Sorgen für uns selbst überlebenswichtig. Es ist wunderbar, wenn wir Trost und Hilfe durch andere Menschen bekommen, aber es gibt ihn nicht vierundzwanzig Stunden rund um die Uhr. Wir müssen selbst für uns sorgen.

Je nachsichtiger wir mit uns selbst sind, desto liebevoller behandeln wir uns auch in unseren Gedanken.  
Wir sind milder, da wo wir einst verurteilend und überkritisch waren oder uns selbst niedergemacht haben für Kleinigkeiten. Das was jetzt ist, ist so groß, dass es keinen Raum mehr gibt für das Kleinliche, in das wir uns gestürzt haben. Das was jetzt ist, erfordert unsere ganze Geduld, unsere ganze Rücksicht, unseren ganzen Respekt, unsere ganze Nachsicht und unsere ganze Liebe und Aufmerksamkeit für uns selbst. Und damit kann sie vielleicht zum ersten Mal gespürt werden: Die leise Ahnung der Liebe zum Leben selbst.

Dieser Weg wird kein leichter sein, aber es ist der einzige Weg, der zu dem führt, was wir alle lernen müssen: Alles, auch das eigene Leben ist endlich. Alles ist Abschied.
Nutzen wir den Tag!

 ...
Wer sich nur nach außen wendet, ohne zu sich selbst zurückzukehren, 
der geht als Gespenst um, und hat er, was er da draußen sucht, erreicht, 
so zeigt es sich, dass, was er erreicht hat, der Tod ist.
Dschuang Dsi



Kommentare:

  1. Danke liebe Angelika Wende für diesen wunderbaren Artikel der meine augenblickliche Lebenssituation beschreibt und mir wieder Mut macht. Ich bewundere Ihre Eloquenz und Klarheit, sie sagt mir so zu und mit Ihren Worten im Kopf werde ich einen guten Start in den Tag haben.

    Ganz herzliche Grüsse, Dorothee

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  2. Liebe Dorothee,
    das ist gut, wenn es hilfreich ist. Danke!

    Herzlich,
    Angelika

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  3. Danke für diesen Beitrag. Mein Mann hat mich nach 20 Jahren Ehe vor 6 Monaten verlassen. Ich bin seitdem gefangen in einer monotonen grauen Welt, die kaum noch etwas zu bieten hat. Es ist inzwischen schon besser geworden, die schlimmsten Gefühle sind denke ich vorbei. Doch will ich einfach nicht so recht in die Gänge kommen. Ich bin völlig ratlos womit ich nun mein Leben verbringen soll. Allein das lässt mich mich fragen, ob ich überhaupt je ein eigenes Leben und ein eigenes Leben hatte außer mich um meinen Mann zu kümmern. Wie wahrscheinlich viele Frauen habe ich mich in den ersten Monaten auf neue Tätigkeiten gestürzt, habe alles ausprobiert nur um nie allein zu Hause sein zu müssen. Aber in diesem Zustand ist alles nur Ablenkung und kann nicht aus tiefstem Herzen Spaß machen. Ich bin nun allerdings so weit, dass ich es wenigstens wieder allein zu Hause aushalte und endlich anfangen kann in Ruhe über alles nachzudenken. Ich hoffe, dass ich bald die Freude an meinem Leben wiederfinde und echte Herzensfreude an Tätigkeiten, die nur für mich sind, empfinde. Mein Jahreshoroskop auf http://www.schicksal.com/Horoskope2017 macht mir jedenfalls große Hoffnung. :)

    Liebe Grüße,
    Simone

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  4. Liebe Simone,

    diese Leere und die Sinnfrage, die uns nach einer Trennung befällt, kenne ich gut. Aber ich weiß: Das Universum lässt kein Vakuum zu. Die Leere wird sich füllen. Wir brauchen manchmal Geduld.

    Alle Liebe!
    Angelika

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