Samstag, 29. September 2018

noch einmal


 
Foto: A. Wende



noch einmal in deine augen sehen
sehen was war und nicht mehr ist
noch einmal deine stimme hören
ihren nachklang mit mir nehmen
noch einmal deine hände berühren
die erinnerung an ihre zärtlichkeit spüren
noch einmal deine worte hören
nicht mehr glauben was glaubhaft war
noch einmal deinen träumen lauschen
die nicht mehr meine sind
noch einmal dein herz spüren
das mich nicht mehr berührt
noch einmal mit dir weinen
meine tränen bei dir lassen
die deinen mit mir nehmen
dir einen abschied geben
einen teil von mir bei dir lassen
einen teil von dir mitnehmen
für immer ...

Freitag, 28. September 2018

du bist du. ich bin ich.




du gehörst mir nicht.
ich habe keinen anspruch auf deine liebe.
ich habe keinen anspruch darauf, dass du fühlst, was ich mir wünsche.
ich habe nicht die macht dir zu sagen, wie du zu fühlen, zu denken, zu handeln hast.
so wie du nicht die macht hast es mir zu sagen.
wir sind zwei individuen und das dritte ist die beziehung, die wir haben.
du bist du.
ich bin ich.

du musst deine erfahrungen machen dürfen und ich meine.
du musst wissen, welche erfahrungen du machen willst und auf welche du verzichtest.
du bist nicht mein mensch.
du bist dein eigener mensch.
ich bin nicht dein mensch.
ich bin mein eigener mensch.

du bist dir selbst gegenüber verantwortlich.
so wie ich mir selbst gegenüber verantwortlich bin.
du musst wissen, was du verantworten kannst und was nicht.
aber übergib mir nie eine verantwortung, die nicht die meine ist.
so wie ich dir keine verantwortung übergebe, die nicht die deine ist.

du musst wissen, ob es dir gefällt zu vertrauen und vertrauen zu schenken.
und ob es dir gefällt, dass ich dir vertraue und dir vertrauen schenke.
so wie ich es für mich wissen muss.
und dann bist du es, der entscheidet, ob du das vertrauen brichst.
und ich muss für mich entscheiden, ob es mir gefällt dir wieder vertrauen zu schenken, oder nicht.
wenn ich mich dagegen entscheide, kannst du es akzeptieren oder nicht.

ich lasse dir die freiheit dein eigener mensch zu sein.
so wie ich mir die freiheit gebe mein eigener mensch zu sein.
ich kann dich nur bitten zu achten, dass deine freiheit da endet, wo sie meine verletzt.
so wie ich achte, dass meine freiheit da aufhört, wo sie deine verletzt.
es liegt in deiner verantwortung ob du das achten willst.
und es liegt bei mir, wie ich mit deiner missachtung umgehe.

wenn du mich verletzt muss ich für mich entscheiden, ob ich damit zurecht komme oder nicht.
ich muss entscheiden, ob ich dir verzeihe oder nicht.
so wie du entscheiden musst, ob du dir verzeihst oder nicht.

du bist du.
ich bin ich.
das dritte ist beziehung.
wir sind nicht eins.
wir werden es nie sein.
wir können uns aufeinander beziehen.
nichts weiter.
und das ist viel.

Donnerstag, 20. September 2018

So einfach und doch so schwierig

Foto: A. Wende

"So einfach und doch so schwierig."
Ich lese diesen oder ähnliche Kommentare häufig unter meinen Texten.

Ja so ist es. Es ist so einfach und es ist auch so schwierig.
Nur warum ist es so schwierig all das Wissen darüber wie es uns besser gehen könnte umzusetzen?
Logisch wäre doch – ich weiß wie es geht und tue es, damit es mir besser geht, als es mir geht.
Woran scheitert es schon im Ansatz?

Menschen sträuben sich gegen Veränderungen jeder Art. Dieses Sträuben ist in uns allen angelegt, es ist sozusagen Teil unserer Natur – der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
Was wir kennen und was wir gewohnt sind gibt uns ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit, auch dann wenn es uns frustriert oder sogar unglücklich macht. Es scheint, dass das Festhalten an Vertrautem uns mehr Überlebensvorteil bietet als das Eingehen eines Risikos mit unbekannten Folgen. Es ist also eine menschliche Gewohnheit Dinge und Situationen festzuhalten, die bekannt und vertraut sind. Nicht loslassen zu können bedeutet, da ist Verlustangst im Spiel. Diese Angst ist eine sehr alte Angst, denn das Gefühl des Verlustes trägt Spuren der Vergangenheit in sich, wie jedes Gefühl übrigens. Die Angst vor Veränderung, die immer auch Verluste bedeutet, bildet eine Schutzfunktion, die uns vor einem möglichen Scheitern, vor Enttäuschungen oder vor Verletzungen bewahren soll. Verständlich, aber in manchen Fällen sehr hinderlich.

Angst ist ein starkes Gefühl. Vielleicht sogar das stärkste Gefühl überhaupt. Während meiner jahrelangen Arbeit mit Menschen habe ich den Eindruck bekommen, dass die Angst stärker ist als die Liebe zu uns selbst und zu anderen.
Wer Angst hat hält sich an allem fest, was er kennt. Das erklärt auch warum Menschen oft bis an ihr Lebensende am Leiden festhalten, eben weil sie es kennen. Es ist ein vertrautes Gefühl und sie wissen wie sie in ihrem Leid denken fühlen und sich verhalten müssen, sie haben sich schließlich jahrelang darin geübt und in ihrem Leidraum eingerichtet. Sie halten es dort aus und man wundert sich warum, und wenn man sie fragen würde, man bekäme keine Antwort, außer vielleicht: „Ich kenne es ja nicht anders“. Genau: Bekanntes schafft Sicherheit. So banal ist das.

Ein weiterer Grund weshalb Veränderung so schwer ist, ist das Wegsehen von dem was ungut ist.
„Nicht das Wegsehen, sondern das Hinsehen macht die Seele frei“, schreibt der Philosoph Theodor Litt. Er hat Recht, nur indem wir hinsehen können wir erkennen was mit uns ist, nur durch hinsehen können wir mit dem arbeiten was wir sehen und dann verarbeiten, was wir sehen. Leider aber fehlt es bei vielen Menschen an der Bereitschaft hinsehen zu wollen, denn auch das macht Angst. Dann könnte man nämlich sehen, was da alles im Argen liegt und das tut weh. Wehtun soll es nicht. Hierbei geht es um Schmerzvermeidung.

Letztlich geht es bei jedem „Das ist so schwer“ einzig allein darum: Wir wollen Schmerz vermeiden und darum lassen wir es wie es ist.
Wir wollen um jeden Preis unangenehme Gefühle vermeiden, weil wir glauben sie sind etwas Negatives. Wie paradox, möchte man jetzt meinen, viele von uns haben doch negative Gefühle und ungute Lebensumstände. Oh ja, aber die kennen sie eben schon. Womit wir wieder bei der Macht des Vertrauten und des Gewohnten sind. Veränderung ist auch darum so schwer, weil der Mensch so schwerfällig ist und so wenig Bereitschaft besitzt, sich aus seinem Hamsterrad herauszubewegen. Erst wenn wir Menschen hohen Leidensdruck erleben oder echte Begeisterung für etwas verpüren, kommt der Antrieb etwas anders zu machen als wir es schon immer machen. Um alte Muster und Gewohnheiten zugunsten neuer Muster und neuer Gewohnheiten aufzugeben und Neues zu erlernen braucht es eine dieser beiden inneren Motivationen.
Aber es gibt es auch diejenigen unter uns, die keine dieser Motivationen brauchen. Das sind die, die mutig sind. Es sind die, die wissen: Mut bedeutet die Dinge zu tun, die sinnvoll und notwendig sind, obwohl man Angst hat und diese Dinge zu wagen und tun, mit und trotz der Angst.
Mögen es mehr davon werden.

Namaste Ihr Lieben


Dienstag, 18. September 2018

Ich brauche dich, weil ich mir nicht genüge ...

Malerei: A. Wende

„Ich darf nicht Quelle meines eigenen Glücks sein. Ich genüge mir nicht. Ich kann das nicht, ich weiß gar nicht wie das geht, weil ich es nicht kenne. Also musst du dafür sorgen, dass es mir gut geht. Du musst mich lieben. Ich tue alles um von dir geliebt zu werden, auch wenn ich mich selbst und meine Bedürfnisse aufgeben muss. Ich brauche dich. Wenn du mich verlässt, gehe ich zugrunde.“

Diese unbewusste kindliche Überzeugung ist der Grund dafür, dass Menschen in destruktiven Beziehungen verharren. Sie kleben wie zäher Leim an einem Partner, der sie lieblos behandelt, kaum eines ihrer Bedürfnisse erfüllt, sie immer wieder zurückweist, sich nicht verbindlich zeigt, sie benutzt und emotional ausbeutet, nur sein Ding macht und ihnen keine Liebe, keine tiefe Zuneigung und keine Wertschätzung entgegenbringt. 

Das Gefühl das ihnen in dieser Beziehung gegeben wird ist das Gefühl, das sie als Kind hatten. Dieses Gefühl des Mangels gibt ihnen das Gefühl zu Hause angekommen zu sein. In einer Art Wiederholungszwang wollen sie das Heimatgefühl im Jetzt wieder herstellen, in der unbewussten Hoffnung, dass es dieses Mal anders wird, dass ihr Betteln nach Zuneigung, ihre Bereitschaft alles zu tun, um dem anderen zu gefallen, endlich zum Ziel führt: Angenommen und geliebt zu werden. Und dann warten sie. Sie verbiegen sich bis zur Selbstaufgabe und warten auf ein Wunder, das nie geschieht. Diese Menschen arbeiten sich an einer stählernen Wand ab. Sie tun das, weil sie nichts anderes gelernt haben, sie tun es, weil sie das Wenige an Aufmerksamkeit, das ihnen als Kind zuteil wurde, nur auf diese Weise bekommen haben.

Auch wenn sie merken, dass ihnen die Beziehung nicht gut tut, sind sie oft nicht fähig sie zu verlassen. Sie können nicht loszulassen, weil sie emotional so viel investiert haben und auch wenn sie am Ende ihrer Kraft sind und es der Verstand längst weiß, dass alles es vergeblich ist, noch immer auf der unbewussten Ebene glauben, dass doch irgendwann etwas zurückkommen muss. Das ist ein fataler Irrtum - es kommt nichts zurück, es gibt keine Liebe an einem Ort wo keine Liebe ist.
Das muss verstanden und verinnerlicht werden, wenn Menschen den Absprung aus emotionaler Abhängigkeit schaffen wollen.

Samstag, 15. September 2018

Was zählt ist Bereitschaft


Malerei: A. Wende

„Ich habe einfach keine Lust, mir fehlt der Antrieb, mir fehlt die Kraft. etwas zu verändern. Meine Stimmung ist auf dem Nullpunkt, ich fühle mich wie gelähmt. Obwohl es so wie es ist nicht gut ist, ich schaffe es nicht etwas zu ändern."
Das höre ich nicht selten, wenn Menschen zu mir kommen.
Sie stecken in einer unbefriedigenden Lebenssituation und haben die feste Überzeugung, es gibt keinen Ausweg. 

Fakt ist: Es gibt immer einen Ausweg. Und im Grunde wissen diese Menschen das auch. Trotzdem halten sie an Gedanken fest, die ihren Lebensfluss festhalten.
Warum ist das so?

Der mächtigste Schwellenhüter der uns im Wege steht ist niemand anderer als wir selbst. Genauer gesagt: Unsere ungünstigen Denk- und Verhaltensmuster.
Menschen die sich selbst im Wege stehen haben Angst. Sie halten sich fest am Vertrauten aus Angst vor dem Unbekannten. Das ist zwar bei den meisten Menschen so, aber gewisse Verhaltensmuster sind geradezu dazu prädestiniert im Status Quo stecken zu bleiben.
Wer zum Beispiel keine eigenen Wertvorstellungen davon hat, was er in seinem Leben erleben und gestalten will, lebt reaktiv. Er reagiert auf das Außen, er orientiert sich am Außen und richtet sich nach den Vorstellungen und Erwartungen anderer. Wer an den unguten Erfahrungen seiner Vergangenheit festhält und immer noch meint das Leben habe ihm etwas genommen, verweigert oder sei ihm etwas schuldig, verschwendet seine ganze Kraft an etwas was sich niemals mehr ändern wird. Er klebt hinten fest während das Jetzt und die nahe Zukunft ohne seine bewusste und aktive Teilnahme an ihm vorbei ziehen. Wer ein extremes Bedürfnis nach Sicherheit hat entwickelt ein extremes Sicherheitsverhalten und sein ganzes Leben besteht aus dem Festhalten dessen, was er schon hat, ohne den Antrieb zu spüren Neues in sein Leben zu lassen. Er klammert sich an Beziehungen, an Dinge, an Zustände und Situationen, die ihm zwar längst nicht mehr gut tun, aber die Sicherheit des Vertrauten geben. Seine Angst diese loszulassen lässt ihn erstarren, emotional und geistig. Auch wer sein Verhalten und sein Handeln von momentanen Gefühlen abhängig macht und nur tut wozu er gerade Lust hat und alles vermeidet was ihm Unlust bereitet, wird weder dauerhaft Ziele verfolgen noch die Motivation aufbringen dauerhaft an etwas zu arbeiten, noch wird er den Weg in Richtung Ziel je mit Zuversicht antreten.

Das sind nur einige Ursachen was Menschen davon abhält Wesentliches zum Besseren zu verändern, auch wenn sie eine tiefe Sehnsucht danach haben. Sie begnügen sich mit derselben und resignieren an einem gewissen Punkt oder sie verlegen sich auf das Jammern, Wüten und Klagen. Letzteres allerdings verändert viel – sie sammeln Groll, Frust, Enttäuschung und Bitterkeit in ihrem Lebensgefäß und das macht auf Dauer Körper, Geist und Seele krank.

Wenn wir etwas verändern wollen ist es nicht allein der Wille der zählt. Auch wenn wir wollen wollen, wir können nicht wollen wie wir wollen. Mehr als der Wille etwas anders machen zu wollen zählt die Bereitschaft die Konsequenzen dessen, was wir verändern wollen in Kauf zu nehmen, auch und gerade wenn wir nicht wissen, was uns auf dem Weg der Veränderung alles erwartet.  
Bereitschaft bedeutet zunächst ungünstige Denk-und Verhaltensmuster zu erkennen, um zu merken was uns von einer proaktiven Lebensführung abhält. Wir müssen die Fallen aufspüren, die wir uns selbst stellen und wir müssen unsere Schwellenhüter identifizieren, was gar nicht so leicht ist, denn sie sind alt und zu Gewohnheiten geworden mit denen wir uns identifizieren. Wir haben diese Identifikationen zutiefst verinnerlicht und meinen: Das bin ich. Aber das ist nicht wahr. Nicht „das bin ich“, sondern „so verhalte ich mich“ ist wahr. 

Wahr ist auch: Ich kann lernen mich anders zu verhalten. Jeder von uns kann das, wenn er ernsthaft für sich entscheidet es zu lernen. 
Die Herausforderung besteht darin mit Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit dieser Entscheidung zu folgen, auch wenn es schwer ist. Dazu gehört auch die Illusion aufzugeben, dass das Leben uns etwas schuldet, dass es mühelos und leicht sein muss und dass Schmerz und Leid vermeidbar sind. Ein erfülltes Leben fällt nicht wie das Manna vom Himmel, man muss etwas dafür tun.



Freitag, 14. September 2018

Thinking in abstractions



abstraction involves induction of ideas or the synthesis of particular facts into one general theory about something. it is the opposite of specification, which is the analysis or breaking-down of a general idea or abstraction into concrete facts.

Donnerstag, 13. September 2018

Gedankensplitter

 
 
 
 
 
Die Melancholie, die Wehmut der Seele, ist eine der intensivsten Befindlichkeiten. 
Sie gleicht einer Übung im Sterben und ist Auferstehung zugleich. 
In ihr liegt Demut, geboren aus der Einsicht in die Vergänglichkeit allen Lebens.

Mittwoch, 12. September 2018

Welche Vorstellungen hast du von einem guten Leben?




Foto: www

Ständige Geschäftigkeit, ewiges Funktionieren, Selbstüberforderung, das Sorgen und Kümmern um andere, das Anhaften an Dingen, die wir zu brauchen meinen - all das enthebt uns der Verantwortung wirklich lebendig zu sein und unser Leben nach sinnhaften Werten zu gestalten, Werte im Sinne von Vorstellungen was unser Leben lebenswert macht.

Es ist kein Wunder, dass immer mehr Menschen seelisch verkümmern, dass Depressionen und Suchterkrankungen zunehmen. Die Menschen sind voller Wut, Ohnmacht und Trauer aufgrund einer ständigen Überanstrengung, die ihre Wahrnehmung dessen, was wirklich zählt immer mehr einschränkt.

Zählt der Job, der mich nicht zufrieden macht, zählt das neue Auto, die nächste Reise, das teure Abendessen, das neue Outfit, das neue Handy und, und, und? Zählt das wirklich, macht das glücklich oder zumindest zufrieden? Nein, sagt die Erfahrung vieler Menschen und dennoch machen sie genau damit weiter - eingeschränkt in ihrem Focus auf das, was Leben scheinbar ist, weil sie glauben dieses Leben entspricht ihrer Identät. Viele von uns aber leben in einer Identität, die unserem wahren Wesen nicht entspricht und diesem Bild von uns selbst folgen wir, oft ein Leben lang. Ist das Meiste dieses Lebens gelebt, kommt dann die ernüchternde Frage: War das alles? Soll es das gewesen sein? Nein, das kann nicht sein. Die gute Nachricht: Das muss nicht sein. Identitäten lassen sich verändern und neu formieren, ebenso wie sich Werte neu suchen, finden und in unser Leben intergrieren lassen. Schon die Vorstellung dieser neuen Werte führt dazu, dass wir anders denken und demzufolge im besten Falle anders handeln, nämlich diesen Wertvorstellungen entsprechend.

"Eine Vorstellung ist nur wahr, solange es für unser Leben nützlich ist, sie zu glauben", schreibt William James.

Ein weiser Impuls der mich zum Nachdenken anregt:
Welche Vorstellungen habe ich von einem guten Leben?
Was gehört dazu?
Was ist mir wirklich wichtig und wie kann ich das im Rahmen meiner Möglichkeiten gestalten und leben?
Schon bei diesen Fragen stellt sich bei so manchem eine innere Abwehrhaltung ein.
Oha, da müsste man dann ja ziemlich viel verändern.
Hm, ja müsste man.
Und dabei könnte auch so einiges an Gewohnheiten wegfallen. Und ja, das ist schwer. Aber sind unsere Gewohnheiten alle nützlich für unser Leben oder sind sie eher eine Art Ablenkung von uns selbst? Führen genau diese Gewohnheiten nicht vielmehr dazu, dass wir uns selbst nicht wahrnehmen, unsere Gedanken und unsere Gefühle, die da unter der Macht der Gewohnheit schlummern?

Uns selbst wahrnehmen um uns selbst nicht weiter zu schädigen. Darum geht es.

Darum ist es so wichtig achtsam auf unsere Gefühle zu hören und sie wertzuschätzen, als Anzeige dafür wie es uns wirklich geht. Um uns selbst zu bejahen und das was uns fehlt. Und das ist sicher nicht das neueste Handy und auch nicht der nächste Urlaub. Das ist auch nicht, stets die Erwartungen unserer Umwelt zu erfüllen um uns gut zu fühlen.

"Mein Leben lang versuchte ich "gut" zu sein, um geliebt zu werden. Es wird aber niemand dafür geliebt, dass er gut ist, er wird vielleicht bewundert, manchmal auch belächelt, benutzt oder sogar abgelehnt. Ich habe versucht, es allen recht zu machen, und bekam immer zu wenig. Und jetzt ist da ein Loch und ich weiß nicht, womit ich es füllen soll." Das sagte neulich ein Klient zu mir. Viele von uns könnten dieser Aussage spontan zustimmen. Viele von uns tun ständig was anderen gut tut, viele von uns vernachlässigen was uns selbst gut tut. Und plötzlich stehen wir da, den Anderen geht es prima und wir selbst sind ausgelaugt und blicken in eine große Leere. Die Kinder brauchen uns nicht mehr, die Familie hat sich entfremdet, der Partner hat sich vom Acker gemacht, der Job ist auch nicht mehr das Gelbe vom Ei - das Loch ist groß. Die Gewohnheiten finden keinen Anker mehr an dem sie sich fest machen und der Mensch weiß nicht mehr wozu er da ist.

Für dich selbst bist du da! Jetzt, erst mal.

"Du hast eine leere Schale in den Händen und das ist kein Drama. Das ist ein Geschenk!", sagte ich zu meinem Klienten, der mich ungläubig anguckte. 
Die leere Schale. Das ist ein schönes Bild.
Nur eine leere Schale lässt sich füllen. Welch ein Reichtum an Möglichkeiten!
Und beim Anblick der Schale könnten diese Fragen aufkommen: 
Was ist mir wirklich wichtig?
Welche Lebensbereiche will ich mit Werten, Zielen und Handlungen füllen, die mir das Leben schöner machen?
Wohin soll die Reise gehen?
Brauche ich dazu all das was sich in meinem Leben an Dingen angehäuft hat oder reise ich ab jetzt mit leichtem Gepäck?
Was tue ich nur aus Gewohnheit und nicht, weil es mir gut tut?
Worauf kann ich verzichten?
Und: Welche Erfahrungen will ich künftig machen?
Um diese Fragen zu beantworten ist Bewusstheit und Ehrlichkeit uns selbst gegenüber das Wesentliche. Nur wer sich selbst würdigt, würdigt auch sein Leben und geht so damit um, dass es auch ein Leben ist, für sich selbst und andere.

Namaste Ihr Lieben
















Montag, 10. September 2018

Sich aufregen ist zu nichts gut



Malerei: A. Wende

Unzählige Menschen regen sich über Dinge auf, die sie nicht ändern können und auf die sie keinen Einfluss haben. Sie regen sich sogar fürchterlich auf und schimpfen fürchterlich. Sie regen sich schon beim Frühstück über die Nachrichten auf. Sie sind wütend und posten ihre Wut in Facebook oder via Twitter. Sie sind wütend, weil sie sich ohnmächtig und als Opfer fühlen. Sie sind wütend über die Ungerechtigkeit und das Grauen in der Welt und regen sich darüber auf.

Ja, ich kann sie verstehen diese Menschen. Ja die Welt ist ungerecht. Ja, was Menschen Menschen antun ist grausam und ja, was sich in unserem Land tut ist, nach all dem Grauen, was sich einst in diesem Land getan hat, unerhört und nicht fassbar. Ja, viele Menschen haben nichts aus der Geschichte gelernt. 

Aber sich darüber aufregen nützt nichts. Es ist nicht hilfreich.
Wenn ich mich aufrege ändere ich nichts. Ich ändere etwas wenn ich zu handeln beginne. Wenn ich etwas tue um zu verändern, was mich aufregt. Sich aufregen und laut schimpfen ist keine Handlung, die irgendetwas verändert, an dem was da draußen ist.

Sich aufregen verändert aber viel im Inneren dieser Menschen.
Sie vergiften sich selbst mit ihrer ohnmächtigen Wut. Sie können gar nicht damit aufhören. Sie kippen sich jeden Tag aufs Neue all die ungesunden Nachrichten in ihre Seele und die arme Seele ist infiziert mit einem Gift, das ihr schadet.

Sich aufregen ist zu nichts gut. Sich aufregen macht krank.
Sich aufregen ohne zu handeln ist sinnlos. Sich aufregen über etwas was ich nicht ändern kann ist nicht klug. Sich aufregen über etwas, das ich nicht ändern kann ist vergeudete Energie. Sich aufregen ist keine Lösung. Sich aufregen ist ein Kampf gegen das Außen, der in Wahrheit im eigenen Inneren stattfindet. Und dieser Kampf ist ein Kampf gegen uns selbst, der genau die Energie abzieht, die wir zum Handeln brauchen. Frieden finden wir so nicht, weder Innen noch Außen.
Frieden schaffen braucht Handlungen in Richtung Frieden.


Namaste Ihr Lieben

Sonntag, 9. September 2018

Wenn wir feststecken ...


Malerei: A. Wende

Veränderungen, besonders gravierende, sind schwer. Manchmal sind wir innerlich so zerrissen zwischen zwei inneren Motiven, die uns hin und her treiben und keins davon gewinnt die Überhand. Wir stecken fest, unfähig uns zu entscheiden. Es geht uns nicht gut damit, wir sind erschöpft vom Denken, die dazugehörigen Gefühle nehmen uns Kraft, wir sind nicht mehr präsent bei dem was wir tun, wir bekommen sogar körperliche Symptome weil wir in diesem Schwebezustand stecken und nicht herausfinden.

Es gibt kaum etwas, was uns emotional so sehr stressen kann wie Schwebezustände.
Wie das Wort schon sagt: Wir schweben, wir finden keinen Halt, uns fehlt die Bodenhaftung, wir fühlen uns instabil. Damit wird ein zutiefst menschliches Bedürfnis nach Halt ins Wanken gebracht und so wanken wir Tag für Tag durchs Leben. Unkonzentriert, unruhig, nervös und nicht mehr Herr unserer Sinne. Wir denken ständig an das ungelöste Thema und wissen genau, wir müssen jetzt eine Entscheidung treffen, aber wir schaffen es nicht.

Eine gute Hilfe um aus diesem emotionalen Dilemma herauszukommen ist das Führen eines Bereitschaftstagebuches, wie es in der Akzeptanz-und Commitment-Therapie empfohlen wird.
In diesem Tagebuch halten wir eine Zeit lang alle Situationen fest, in denen belastende oder angstvolle Gefühle was die Entscheidung angeht, auftauchen. Dazu schreiben wir auf, welche Folgen diese Gefühle haben, also wie wir uns verhalten, wenn wir diese Gfühle haben. Dazu gehört auch wie wir uns verhalten, damit ein Gefühl erst gar nicht auftritt. Also wie und mit welchen Mitteln wir vermeiden zu fühlen, was wir nicht fühlen wollen.

Bei allen Eintragungen konzentrieren wir uns exakt auf die Gefühle, die mit dem Problem zu tun haben, das wir noch nicht lösen können, bzw. mit dem Bereich in unserem Leben, den wir verändern wollen. Dazu ist es am Besten eine Seite im Tagebuch in vier Spalten aufzuteilen und ihnen vier Überschriften zu geben:
1. Spalte: Hier steht das Datum
2. Spalte: Situation und Gedanke/Gefühl:
Hier schildern wir kurz die Situation, welcher Gedanke und welches Gefühl dabei schwierig oder belastend ist.
3. Spalte: Hier schreiben wir ein H für Hohe Bereitschaft oder ein N für niedrige Bereitschaft das Gefühl anzunehmen und es auszuhalten.
4. Spalte: In dieser Spalte schildern wir die Konsequenzen der hohen oder der niedrigen Bereitschaft.
Mit der Zeit wird klar, welches Motiv uns am Meisten daran hindert die Veränderung anzugehen und womit es uns besser gegen würde.
In dieser Übung geht es nicht darum unsere Gefühle oder unser Verhalten als gut oder ungut zu bewerten – es geht darum uns Klarheit über die Rolle der Akzeptanz zu verschaffen, die es braucht um Entscheidendes zu verändern.


Quelle: Das Leben annehmen, So hilft die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), Matthias Wengenroth

Sonntag, 2. September 2018

Einsamkeit führt zu uns selbst



 
Ich sage meinen Klienten oft: Alles hat einen Sinn. Das klingt banal und ist schwer anzunehmen, wenn es einem gerade so richtig mies geht. Aber es ist für mich kein Geschwafel, es entspringt meiner Lebenserfahrung und meiner Haltung dem Leben gegenüber. Ich bin oft durch meine persönliche Hölle gegangen und fühlte mich dabei innerlich so einsam und verlassen, dass ich das Gefühl hatte, ich bin der einzige Mensch auf dem Planeten. Da war niemand, der mir Halt gab, niemand, der mir zuhörte und sagte: Du schaffst das! Die, auf die ich glaubte zählen zu können, waren in jenen Zeiten nicht da. Heute weiß ich, die Einsamkeit hat mich zu mir selbst geführt. Durch die Gefühle die sie mit sich brachte und die ich aushalten lernte, bin ich innerlich gewachsen.  
 
Alleinsein, von allen verlassen sein, ist bitter. Da kommt es dann hoch, das Gefühl der Einsamkeit, das sich anfühlt, als würde es einen innerlich zerreißen.  
Wer es kennt, weiß, wie viel Angst es machen kann, und am größten ist die Angst, dass es immer so bleiben könnte. Ich habe diesen Zustand einmal als große Ungerechtigkeit empfunden, aber ich weiß heute, und zwar genau deshalb weil ich allein war und es immer wieder bin, ich bin mehr als meine gefühlte Einsamkeit. Ich bin mehr als meine gedachten oder gefühlten Grenzen und vor allem, ich bin mehr als das Bild, das ich in jungen Jahren von mir selbst hatte. Dieses Bild ist Vergangenheit. Ich hadere nicht mehr damit, dass manche meiner Träume sich nicht erfüllt haben, ich weiß heute, dass das Leben etwas anderes mit mir vor hatte als mein Ego. Dieses Ego brauchte genau diese unguten Zustände und Erfahrungen um das zu lernen und zu begreifen. Es brauchte die Verluste, die Angst, die Ohnmacht, die Hilflosigkeit, die Wut und die Enttäuschung und es brauchte dafür die Zeiten der Einsamkeit. 

In der Einsamkeit kommen alle Gefühle nach Oben, die wir sonst nicht so spüren.  
Das sind zutiefst menschliche Gefühle. Jeder kennt sie in mehr oder weniger großer Feldstärke. Bei mir war diese Feldstärke oft gewaltig, aber genau diese Intensität hat mich geformt und mir beigebracht, dass das auch das Leben ist und nicht etwas, das es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Es geht sowieso nicht. Es gibt kein dauerhaftes Glücklichsein. Es ist wie es ist und es kommt wie es kommt. Wir können nicht alles kontrollieren, auch wenn wir das noch so gerne täten. Wir können nicht immer wählen wie es kommt, aber wir können wählen wie wir damit umgehen wie es ist. Wir können uns dagegen wehren und Widerstand leisten wie ein Kind, das sich auf den Boden legt und schreit: Ich will das aber nicht, oder wir können es annehmen und sagen: So beschissen das auch gerade ist, jetzt ist das ein Teil meines Lebens. Ich schaue was ich daraus machen und lernen kann. 

Wenn wir fähig sind zu akzeptieren was ist, wenn wir den inneren Widerstand aufgeben verändert sich viel. Diese Veränderung hilft uns über die eigenen Grenzen zu gehen, auch wenn es schwer ist und wir glauben, dass wir es nicht schaffen. 
Ich habe es geschafft mit einigen Blessuren und einigen verloren gegangenen Illusionen über das Leben, die Liebe und die Menschen. Es verbittert mich nicht. Es macht mich bisweilen traurig, weil ich mich selbst getäuscht habe und auch das ist okay. Ich glaube an das Gute im Menschen ebenso wie an das Schlechte im Menschen. Da ist immer beides. Ich trenne es nicht mehr. In jedem von uns liegen beide Möglichkeiten nah beieinander, so wie in jedem von uns die Möglichkeit liegt, das Gute und das Schlechte auszuleben, zur einen und zur anderen Seite hin. Wir können wählen und zwar innerhalb der Möglichkeiten. Das ist nicht leicht, eben weil das Leben nicht leicht ist. Manche Menschen werden bitter, weil sie ihr Leben als ungerecht empfinden, manche beklagen sich ohne Unterlass, dass sie nicht bekommen, was sie so sehr wollen, manche ertränken ihre Enttäuschung und ihre Wut über ihr scheinbar verkorkstes Leben in Alkohol, manche machen andere für ihr Schicksal verantwortlich und manche sagen ja zum Leben, ganz gleich, was es ihnen vor die Füße legt. Sie heben es auf und machen das Beste daraus. Sie gestalten im Rahmen ihrer Möglichkeiten.
 
Wir selbst wählen, wie sie mit dem Schweren umgehen und zwar aus unseren Möglichkeiten heraus, den Möglichkeiten, die uns  ihnen angelegt sind und aus dem Bild heraus, das wir von sich selbst haben und von dem Entwicklungsstadium aus, indem wir uns  gerade befinden.  
Probleme und Krisen im Leben entstehen dadurch, dass wir etwas nicht gelernt haben oder etwas Falsches gelernt haben. Das ist kein Drama und dafür können wir nichts. Wir sind nicht unfähig oder kaputt, wir haben nur etwas nicht oder falsch gelernt. Und das bedeutet: Wir müssen an manchen Punkten unseres Lebens dazulernen oder umlernen oder wir müssen etwas vollkommen Neues lernen. Dazu sind Krisen auch da. Dazu ist Einsamkeit da. Denn wenn wir einsam sind, auch wenn es nur gefühlt ist, dann wirft uns das Leben auf uns selbst zurück. Es schenkt uns diesen sich so leer anfühlenden Raum um ihn zu füllen: Mit neuen Erfahrungen die wir nur alleine machen können. Lernen bedeutet nichts anderes als die Veränderung unseres gewohnten Verhaltens durch neue Erfahrungen. Wenn ich aber das tue, was ich immer tue und immer getan habe, kommt dabei heraus, was immer dabei heraus kam. Das müssen wir erst einmal begreifen. Und das bedeutet das Gewohnte anzuschauen und es daraufhin zu überprüfen, ob es für das, was gerade ist, hilfreich ist oder nicht. 

Manchmal müssen wir neu denken lernen und das bedeutet Neues in unser Leben zu lassen und das ist erst dann möglich, wenn wir bereit sind das Alte zu verabschieden, auch wenn es schmerzt und es bedeutet uns eine Zeit lang einsam zu fühlen.
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