Mittwoch, 2. September 2026

Aufräumen und Frieden schließen

 



Es wäre gut, denke ich heute Morgen, wenn wir lernen würden, uns selbst anzunehmen, in unserem So-Sein, in unserem So-Geworden-Sein. Uns als den Menschen sein zu lassen, der wir im Laufe unseres Lebens geworden sind. Und gleichzeitig weiß ich, wie schwer das ist. Ich weiß es von mir selbst und von all den Menschen, die über die Jahre zu mir kamen und kommen. Sie alle suchen sich selbst. Und im Grunde suchen sie nur eines: gesehen und verstanden zu werden. Geliebt zu werden um ihrer selbst willen. Und genau das ist so schwer, sich selbst dieses Gesehen-, Verstanden- und Geliebtwerden zu geben. Viele von uns sehen oft zuerst, was uns fehlt. Unsere Schwächen, unsere Neurosen, unseren Charakter, unsere Begrenztheiten, unsere Fehler, unser Nicht-genug-Sein. Wir vergleichen uns mit dem, was wir hätten sein können, mit dem, was noch aus uns werden könnte, und verlieren dabei den Blick für den Menschen, der wir tatsächlich geworden sind. Dabei gehört all das zu unserer Geschichte. Auch das, was wir gerne anders gemacht hätten. Auch unsere Irrwege, unsere Verletzungen, unsere Fehler, unsere Entscheidungen und unsere Begrenztheiten. Wir können unser Geworden-Sein nicht zurücknehmen. Aber wir können beginnen, Frieden damit zu schließen.
 
Je älter wir werden, desto entscheidender ist es, uns zu versöhnen. Mit unserer Lebensgeschichte und mit uns selbst. Vor allem mit uns selbst. Das Alter ist eine Zeit des Aufräumens all dessen, was liegen geblieben ist, im Leben, in Beziehungen zu anderen und in der Beziehung mit uns selbst. Es ist gut, uns Schritt für Schritt mit all dem innerlich auszusöhnen, wo es noch nötig ist. Das denke ich heute Morgen, als ich wieder einmal an die denke, die mich im Laufe meines Lebens verletzt haben. Und auch an die, die ich verletzt habe. Zeit, mich zu versöhnen. Ja, denn ich möchte nicht unversöhnt weiterleben. Und Versöhnung heißt nicht, dass ich gutheiße, was war. Es heißt, innerlich abzuschließen. Frieden zu schließen. Unfrieden im Inneren schafft Unfrieden im Außen. Im gleichen Maße, wie wir friedlich und gütig mit uns selbst sind, werden wir auch friedlicher und gütiger gegenüber anderen. Wenn wir uns versöhnen, tun wir das nicht für andere. Wir tun es für uns selbst, erst mal. Für eine versöhnte Lebensgeschichte, in der nichts mehr Unaufgeräumtes ist, das uns Kraft im Jetzt raubt.
 
Und manchmal beginnt dieses Aufräumen auch erst im Außen. Oder es beginnt innen und außen gleichzeitig. Ich räume auf. Ich werfe Ballast ab. Dazu gehören auch Dinge, die eine gefühlte Ewigkeit einen Platz in meinen Räumen hatten und die ich nicht wegwerfen konnte. Unmengen alter Tagebücher. Trauriges Referenzmaterial meiner jüngsten Vergangenheit. Sie ist vorbei. Ich kann sie wie alles Vergangene weder vergessen noch ungeschehen machen noch entsorgen. Aber ich kann die Energie, die in diesen Tagebüchern atmet, loslassen. Und Raum schaffen für das Jetzt. Vergangenes und Gegenwart dürfen nicht vermischt bleiben, sonst besteht die Gefahr, mich ans Vergangene zu verlieren. Nur indem ich mich davon löse, kann das Jetzt frei werden.
Das Alte aufzubewahren, kann uns blockieren.
Es kann uns an etwas binden, das sich längst von uns entbunden hat. Und es sind wir, die daran festhalten, weil wir nicht loslassen können. Loslassen ist die schwerste Übung. Aber es ist genau die Übung, die es braucht, um weiterzugehen. Im Frieden mit dem, was war und nie mehr sein wird. Je älter ich werde, desto bewusster wird mir, dass ich nur das Jetzt habe. Und das wünsche ich mir friedlich.
 

"Im Alter kommt es nicht nur auf die Suche nach Ganzheit an, sondern auch auf das Ja zum Fragment, das jedes Leben auch ist."

Fulbert Steffinsky



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