Das Alter erfordert eine Menge Kraft und Geduld, weil man akzeptieren muss, dass Dinge, die früher völlig von alleine und ohne einen einzigen Gedanken selbstverständlich funktioniert haben, plötzlich Aufmerksamkeit und Disziplin verlangen und dass plötzlich einfachste Körperfunktionen mühsame Planung erfordern. Es ist absolut verständlich, dass man das unbarmherzig finden kann und darf.
Ich denke viel über das Alter nach, weil es mich kalt erwischt hat. Ich bin nicht mehr die gesunde Frau, die ich bis vor Kurzem noch war und weil ich langsam auf die Siebzig zugehe. Man sieht es mir nicht unbedingt an, ich habe Glück gehabt, gute Gene oder was auch immer. Aber mein Außen und mein Inneres bewegen sich trauriger weise nicht mehr synchron. Vieles hat sich verändert. Ich habe mich verändert und ich verändere mich noch. Ich habe keine Ahnung, wo das endet, bzw. wo, wie und wann ich ende. Bis natürlich auf die Gewissheit meines Endens, das gar nicht mehr so weit weg ist. Auch wenn ich noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte leben sollte, das Meiste ist gelebt.
Und nein, man ist nicht so alt, wie man sich fühlt.
Man kann sich in Geist und Seele jung fühlen und körperlich wie eine Greisin. Auch da gilt nicht das beliebte „entweder oder“. Beides kann sein. Nun denn, es ist, wie es ist. Ich jammere nicht, aber ich kann mir auch nichts schönreden oder einreden lassen, ich sollte doch dankbar sein, dass ich noch lebe und mein Alter feiern. Altern ist eine zutiefst existenzielle Erfahrung und für jeden von uns ist sie eine andere. Ich stimme jedenfalls nicht in den Lobgesang des Alters ein. Kann ich nicht. Will ich nicht, weil ich noch nie der Typ zum Lobsingen war. Ich bin nicht altersoptimistisch. Das ist heutzutage fast schon ungewöhnlich. Überall liest man vom „jung gebliebenen Herzen“, vom „Faltenfeiern als Zeichen der gewonnenen Lebensweisheit“ (was auch nicht stimmt, denn alt sein ist nicht gleich weise sein), von „Best Agern“ und davon, dass Altern nur eine Frage der Einstellung sei. Ich verweigere mich genau diesem Trost. Mir fehlt da die Differenzierung.
Also suche ich Gleichdenkende, um mich mit meiner Empfindung nicht mehr so allein zu fühlen. Philipp Roth zum Beispiel, der seinen „Jedermann“ sagen lässt: „Das Alter ist ein Massaker“ und selbiges auch entsprechend begründet. Darin erkenne ich eine Haltung, die mir näher ist als die Lobgesänge auf das Alter, das Schönreden, die Ignoranz oder die Verdrängung. Ich brauche diese Differenzierung, um mich mit dem, was gerade mit mir geschieht, auseinandersetzen zu können.
Es geschieht mir, das ist der Punkt. Das erzeugt eine grundlegende Spannung im Inneren: Ich bin diejenige, die mein Leben gestaltet und gleichzeitig geschieht mir mein Leben. Ich bin nicht nur diejenige, die Entscheidungen trifft. Ich bin auch diejenige, der Zeit geschieht. Das bedeutet nicht, dass unsere Entscheidungen bedeutungslos sind. Im Gegenteil, sie haben Bedeutung, nur eben keine vollständige Macht über das, was geschieht.
Das Alter aber hat Macht.
Es hat Macht über den Körper, über die Zeit, über Möglichkeiten und schließlich über die Endlichkeit des eigenen Lebens. Und gerade darin unterscheidet sich das Alter von vielen anderen Lebensentscheidungen. Es entscheidet über uns. Einen Beruf kann man wechseln. Einen Ort kann man verlassen. Eine Beziehung kann man beenden. Aber man kann nicht einfach aus seinem Alter aussteigen. Man kann nicht sagen: Dieser alte Mensch möchte ich nicht mehr sein. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Macht des Alters: Es nimmt einem nicht einfach Möglichkeiten weg, es verändert die Bedingungen, unter denen man überhaupt noch wählen kann. Man bleibt derselbe Mensch und ist doch nicht mehr derselbe Mensch. Man hat weiterhin Wünsche, Erinnerungen, Hoffnungen und Vorstellungen von sich selbst , aber der Körper, die Zeit und die Lebensumstände setzen diesen Wünschen zunehmend Grenzen.
Wenn man wirklich begreift, dass einem Dinge geschehen, kann das sehr beunruhigend sein. Ich stelle fest: Ich bin alt. Und darin steckt etwas Eigenartiges: Mein heutiges Ich wurde von der Zeit erzeugt, ohne dass mein heutiges Ich das beschlossen hätte. Das Alter zeigt mir die Grenze der Selbstbestimmung. Ich kann mich um meinen Körper kümmern, Sport machen, gesund leben, mich pflegen. Man kann beeinflussen, wie man altert. Und man kann es eben nicht. Man kann trotzdem krank werden. Nicht unbedingt, weil man etwas falsch gemacht hat, sondern weil der Körper und das Leben nicht vollständig unserer Kontrolle unterliegen.
Krankheit ist ein besonders deutliches Beispiel dafür, dass der Mensch nicht ausschließlich ein selbstbestimmtes Wesen ist. Etwas geschieht an ihm, nicht nur durch ihn. Und dann wird das noch deutlicher: Der Körper verändert sich. Die Kraft nimmt ab, Möglichkeiten verschwinden, Menschen sterben, die man kannte, die eigene Lebenszeit wird spürbar begrenzt. Man wird alt, aber man kann nicht grundsätzlich entscheiden, ob und wie man altert. Und das ist schwer auszuhalten, weil wir psychologisch gerne glauben, dass zwischen unserem Verhalten und dem, was uns passiert, eine klare Ordnung besteht. Wenn ich mich richtig verhalte, werde ich belohnt, wenn ich mich falsch verhalte, passiert etwas Schlechtes. Das Leben funktioniert aber nicht nach diesem Prinzip. Das Alter schon gar nicht.
Das Altern gilt in der Psychoanalyse als die vorletzte und nicht auszugleichende narzisstische Kränkung, während der Tod die letzte darstellt. Sind aber jetzt alle, die das Alter nicht feiern narzisstisch? Natürlich nicht. Die narzisstische Kränkung des Alters besteht nicht einfach darin, dass man plötzlich alt aussieht. Sie besteht darin, dass die Grundlagen, auf denen das Ich sein Gefühl von Selbstwirksamkeit, Autonomie, Attraktivität, körperlicher Integrität und Zukunft aufgebaut hat, allmählich wegbrechen. Narzissmus wird hier nicht als Pathologie, sondern als Regulationssystem des Selbstwertgefühls verstanden. Und das Alter macht etwas damit. Was, ist wie gesagt bei jedem etwas anderes.
Ich lese Cioran, der sich mit Roth wohl wunderbar verstanden hätte, wären sie sich denn einmal begegnet, zumindest was ihre Ansichten über das Alter betrifft. Emil Cioran sah das Alter als eine unbarmherzige, bittere und illusionslose Phase des Lebens. In seinen Aphorismen und Büchern beschreibt er das Altern als einen schmerzhaften Prozess des Verfalls und der Entzauberung.
Für ihn ist das Altern der Moment, in dem der Mensch alle Masken, Illusionen und Lebenslügen verliert. So schreibt er, dass das Alter uns „die Dinge so zeigt, wie sie sind“ – nackt, leer und ohne den trügerischen Glanz der Jugend. Er geht sogar so weit, dass er behauptet, das Alter demaskiert das Leben als ein absurdes Theaterstück. Ich habe das schon in jungen Jahren gedacht, aber es nicht wirklich als solches ernst genommen und schön meine Rollen gespielt. Was ich nicht bereue, denn hätte ich das Spiel durchschaut, hätte ich so Einiges an Schönem, Leidenschaft und Wildheit verpasst. Allerdings hätte ich mir auch vieles an Dramen erspart, aber dann hätte ich ja die Theaterbühne nicht vollends ausgenutzt. Also alles okay.
Der Körper wird bei Cioran zur Last und zum Verräter.
Der Geist bleibt wach, während der Körper sich verändert, und das Bewusstsein muss diesem Vorgang zusehen. Das hat etwas Grausames. Gnadenlos beschreibt er den alternden Menschen als jemanden, der allmählich zum Sklaven seiner eigenen Biologie und seiner eigenen Organe wird.
Wohl dem, der gesund altert.
Die meisten von uns haben dieses Glück nicht. Auch wer gesund lebt, hat keine Garantie, gesund zu bleiben, bis der Tod den Körper schließlich von ihm trennt. In „Vom Nachteil, geboren zu sein“ findet sich der Satz: „Man altert nicht schrittweise, man stürzt von einer Stufe zur nächsten.“
Das kann ich für mich persönlich bestätigen. Zack. Ich stürze. Nicht wirklich von einer Stufe, sondern im metaphorischen Sinne. Und von diesem Tag an ist etwas anders als vorher. Und was dann? Tja. Dann kommen genau diese Gedanken. Bei mir zumindest. Das Alter ist unbarmherzig.
Und wo bleibt der Frieden, den ich mir nach einem langen, anstrengenden Leben verdient habe? Den muss ich mir weiter selbst verdienen. Es gibt keine Belohnung von irgendwoher. Und schon gar nicht vom lieben Gott, der sagen könnte: All die Alten haben so viel geschafft, jetzt beschenke ich sie dafür. Weit gefehlt. Stattdessen sehe ich, wenn ich nach draußen gehe, immer mehr alte Menschen, die einsam und vergessen auf Bänken sitzen, die Flaschen sammeln, weil die Rente nicht reicht. Und dann sind da jene, die in Pflegeheimen vor sich hin existieren und nicht einmal mehr würdevoll behandelt werden. So viel zur Würde im Alter. Und das Schlimmste: Sie können sich oft nicht einmal wehren. Sie sind zur Hilflosigkeit verdammt. Nein, da möchte ich nicht enden. Vorher mache ich einen würdevollen Abgang von der Bühne.
Cioran hätte Philipp Roth in seiner Feststellung, dass das Alter ein „Massaker“ ist, und mir in meiner Empfindung, dass es unbarmherzig ist, vermutlich aus tiefster philosophischer Überzeugung zugestimmt. Er hielt wenig von der gesellschaftlichen Floskel des schönen oder würdevollen Alterns. Vielleicht muss man das Alter auch nicht schön finden.
Vielleicht muss man es überhaupt nicht feiern.
Vielleicht reicht es, ihm ins Gesicht zu sehen. Ohne Trost. Ohne Beschönigung. Ohne die Pflicht, darin unbedingt noch einen Gewinn erkennen zu müssen. Und vielleicht ist genau das die letzte Form von Selbstbestimmung, die uns bleibt: nicht darüber bestimmen zu können, was uns widerfährt, aber darüber, mit welcher Klarheit wir es ansehen. Das Alter geschieht mir.
Und ich sehe hin.
Angelika Wende
www.wende-praxis.de
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen