Donnerstag, 19. Juli 2018

Gefühl und Bedürfnis


Foto: A. W.

Unsere Gefühle haben große Bedeutung für unser Wohlbefinden. Daher mögen wir ungute Gefühle nicht gern fühlen. Wir sind so konditioniert, dass wir Gefühle in Gute und Schlechte einteilen. Wir haben gelernt, dass manche Gefühle unpassend oder gar schlecht sind, während wir andere als normal, gut und passend empfinden. Das macht es uns schwer unsere Gefühle zu akzeptieren so wie sie nun mal in diesem Moment in der Zeit oder schon lange Zeit immer wieder sind. Wir leben in einer Gesellschaft in der alle gut drauf sein wollen. Viele tun so als seien sie gut drauf, denn das wirft den goldenen Schein aufs Selbstwertgefühl, das eigentlich nicht ganz so glänzend ist, wie sie es gerne hätten. Hey, ich habe mein Leben im Griff. Ich bin cool, alles läuft. Alles gut! Hört sich richtig gut an. Aber, wehe dem, der es wagt zuzugeben, dem sei nicht so. Der hat keine sonderlich guten Karten im ewigen Spiel um Erfolg, Macht und Glück. Er wird vielleicht sogar als schwach empfunden, als Mensch, der sein Leben, sprich sein Gefühlsleben, nicht im Griff hat. Solche Leute sind uns suspekt. Sie sind uns suspekt, weil sie uns einen Spiegel vorhalten und wir darin etwas sehen, was wir so cool verdrängen. Nein, so sind wir nicht. Wir haben es im Griff. Übrigens, ich mag Menschen, die nicht alles im Griff haben, sie sind um vieles spannender.

Wahr ist, unsere Gefühle haben uns im Griff.  
Es sei denn wir sind Meister in der Übung der Achtsamkeit, dann haben wir sie im Griff, aber auch nur in der Form, dass sie uns nicht mehr überwältigen und wir eine gesunde Selbstregulationsfähigkeit erworben haben. Wie schwer das ist, trotz der stetigen Übung der Achtsamkeit, weiß ich aus eigener Erfahrung. Meine Gefühle sind stark und manchmal denke ich, wow, wie toll, dass du so tief fühlen kannst. Das spricht für deine emotionale Intensität, die dir das Leben nicht abgewöhnen kann. Danke dafür!

Gefühle führen ein Eigenleben. Dennoch sind sie eng mit unseren Gedanken und unserem Körper verbunden.  
Eins beeinflusst das Andere. Ich kann zum Beispiel meine Gefühle durch meine Gedanken beeinflussen oder durch meinen Körper, sprich den Umgang mit dem Atem. Indem ich durch ruhiges Atmen den Körper beruhige, beruhigen sich meine Gedanken und damit beruhigen sich meine Gefühle. Das genau ist Selbstregulation. Aber dabei geht es nicht darum das Gefühl weghaben zu wollen, sondern darum es zuzulassen, in nicht überflutender Weise, es zu beobachten, es anzunehmen und hinzusehen was es mir sagen will.

Je mehr wir versuchen unsere Gefühle zu verdrängen, zu unterdrücken, abzuwehren, zu ignorieren, zu kompensieren, zu verschweigen, uns selbst und anderen gegenüber, desto mächtiger werden sie. Und je mächtiger sie werden, desto schwerer ist es mit ihnen angemessen umzugehen.
Es ist unfassbar was manche Menschen sich den lieben langen Tag selbst und somit auch anderen vormachen. Sie sind wahre Meister im Aufrechterhalten der äußeren Fassade nur um ihre eigenen Gefühle nicht fühlen zu müssen. Ziemlich unklug, denn Gefühle, die wir verdrängen, haben keine Chance uns ihre Botschaft zukommen zu lassen. In der Praxis erlebe ich immer wieder, dass Menschen, wenn ich sie bitte mir zu schildern: "Wie fühlen sie sich gerade?", zwar Worte finden wie gut oder nicht gut oder schlecht, aber ein Gefühl zu benennen fällt ihnen schwer. Manche sagen sogar: „Ich weiß nicht, was ich fühle“, oder: „Ich fühle schon was, aber ich kann es nicht ausdrücken“.
Was sich nicht ausdrückt, drückt sich ein ...

Unsere Gefühle beeinflussen uns auch dann, wenn sie nicht in Worte gefasst werden können. Gelingt es uns aber sie zu benennen, fühlen wir (uns) bewusster. 
Um z.B. mit Gefühlen wie Angst, Wut, Schuld und Scham effektiv umgehen zu können, ist es wichtig zwischen dem unterscheiden zu lernen was wir fühlen, und dem, was wir über unser Fühlen denken. Sobald wir lernen Gefühle und Gedanken auseinanderzuhalten, werden wir uns selbst klarer erkennen. Und darüber hinaus gelingt es uns mit uns selbst und anderen in Beziehung zu treten.

Unsere Gefühle, egal ob gut oder ungut, erzählen uns viel darüber was wir brauchen. Sie führen uns zu unseren Bedürfnissen.  
Wenn sich ein Mensch einsam fühlt braucht er ein Gegenüber oder eine Gemeinschaft. Wenn ein Mensch ständig das Gefühl hat alles unter Kontrolle haben zu müssen, braucht er (Selbst)Vertrauen, weil er Angst empfindet. Wenn ein Mensch traurig ist, braucht er Trost, Verständnis und Mitgefühl, wenn ein Mensch Leere fühlt, hat er das Bedürfnis nach Sinn. Was weh tut wiegeln wir meistens ab. Ok, sagen wir, ist scheisse, aber ändern geht nicht und schlucken unsere Gefühle runter.

Ändern geht nicht. Ist das wahr? Wir können das ändern. Leicht ist es nicht, aber was ist schon leicht? Und warum erwarten viele Menschen eigentlich immer, es müsste leicht sein?  
Das ist wahrlich etwas was ich nicht mehr hören kann. „Ich schaffe das nicht, das ist nicht so leicht, wie sie sagen.“ Ich weiß das es schwer ist. Aber es wird nicht leichter, wenn ich mir selbst immer wieder sage, dass es schwer ist und nicht den Versuch mache, das Schwere zu erleichtern, indem ich genau hinschaue, was ich gerade fühle und was ich brauche. Indem ich mich selbst ernst nehme im Schweren und nicht davonlaufe, weil es nicht so leicht ist, bin ich mir selbst nah. Bin ich mir selbst nah, bin ich mir selbst gut und ich achte mich als Mensch. Veränderung dauert, die geschieht nicht in ein paar Sitzungen. Das geht nicht leicht und das geht nicht schnell. Sind wir Computer, die man  zack, umprogrammiert und alles ist besser? Wir sind emotionale Wesen. Wir fühlen und unsere Gefühle machen uns aus und sie machen uns wertvoll.

Wenn wir wirklich spüren, was wir fühlen, wenn wir uns selbst die Erlaubnis geben, dass jedes Gefühl da sein darf, dann verpassen wir keine lebenswichtigen Signale, die uns helfen können unsere Bedürfnisse zu erkennen und sie zu erfüllen.
Bedürfnisse sind lebenswichtige Ressourcen. Jeder von uns hat sie und sie unterscheiden sich gar nicht so sehr voneinander, höchstens in der Gewichtung. Wir haben alle die gleichen Grundbedürfnisse. Maslow hat das einmal sehr deutlich in seiner Bedürfnis-Pyramide aufgezeigt. Das sind Grund- und Existenzbedürfnisse, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Sozialbedürfnis, das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Exploration.

Wenn es uns gelingt eine Verbindung zu unseren Bedürfnissen, besonders zu jenen, die uns am Wichtigsten sind, herzustellen, verstehen wir unsere Gefühle besser und vor allem – wir bewerten sie nicht mehr in selbstschädigender Weise, weil wir wissen, dass sich unerfüllte Bedürfnisse wiederum in Gefühleverwandeln, die uns ganz klar sagen, was wir brauchen und was wir schmerzlich vermissen. Es gibt keine falschen Gefühle, wie oft sage ich das meinen Klienten, wenn sie sich schämen oder schuldig fühlen, weil sie doch scheinbar alles haben und meinen sie seien undankbare Menschen, weil da doch etwas fehlt. Wenn es fehlt dann fehlt es. Punkt. Es ist okay! Dann schauen wir wie wir das, was fehlt, identifizieren und ins Leben rufen können.

Unsere Gefühle in Verbindung mit unseren Bedürfnissen zu bringen macht es uns leichter Mitgefühl für uns selbst zu empfinden, anstatt uns zu verurteilen, für etwas was in uns rumort und absolut seine Berechtigung hat lebendig werden zu dürfen. Das Leben ist kurz. 

Namaste

Sonntag, 15. Juli 2018

Über die Liebe


Foto: www

 
Früher hofftest du, dass der Andere sich ändert.
Dass er sich für dich ändert, weil du ihn so und so haben willst.
Nun willst du ihn nicht mehr ändern.
Du liebst ihn, wie er ist.
Du liebst ihn absichtslos, erwartungslos.
Du liebst ihn als der, der er ist.
Du lässt ihn seine Wahl treffen, ob sie dir passt oder nicht.
Du lässt ihn seinen Weg gehen, ob du mitgehen kannst oder nicht.
Du lässt ihn sein Leben leben und kümmerst dich um das deine.
Jetzt ist deine Liebe nicht mehr von Bedingungen abhängig.
Sie ist frei.
Du bist frei.
Der Andere ist frei.
Die Liebe ist frei.

Freitag, 6. Juli 2018

Von der Verantwortung für Verluste

Foto: A. Wende

Alle Verluste haben etwas Gemeinsames: Die Erfahrung des Gehen-lassen-müssens, der Abschied von dem was war, schließlich die Akzeptanz durch Loslassen. Rainer Maria Rilke schrieb einmal sinngemäß: "Was nicht zu uns gehört, fällt von uns ab". Damit könnten wir uns trösten, uns über das Untröstliche hinwegtrösten, wenn wir denn seinen Worten Glauben schenken könnten. Aber ich bin bisweilen eine Ungläubige den Wahrheiten anderer gegenüber die meinem Erfahrungsschatz als gefühlt falsch gegenüberstehen. Welch ein Fatalismus, hochgeschätzter Herr Rilke, der völlig ausschließt, dass wir selbst verantwortlich sind für vieles was uns widerfährt und damit manchmal eben auch für das, was von uns abfällt, weil wir es nicht halten können, weil da irgendetwas in uns dagegen spricht, dass es bleibt, weil wir zu wenig getan haben, zu wenig versucht, zu wenig gegeben vielleicht oder zu viel genommen, ohne zu geben, zu wenig verstanden, zu wenig gekämpft, zu wenig verändert, was zu verändern gewesen wäre ... und und und ...

Unsere Gedanken sind es, unsere Gefühle sind es und unsere Handlungen sind es, durch die wir unser Leben gestalten, in den kleinen Dingen und in den Großen. Ja, es gibt Etwas, das größer ist als wir, spürbar gibt es das, aber es ist nicht ausschließlich für alles verantwortlich, was uns geschieht. Es ist beides, was unser Leben beeinflusst und eins von beidem ist Verantwortung - für uns selbst und unser Denken, Fühlen und Handeln. Dieser Verantwortung können wir uns stellen, oder eben nicht. Tun wir es, verändert sich vieles, im Kleinen wie im Großen.

Es ist niemals so einfach wie wir glauben, es ist niemals so einfach wie man uns glauben machen will, denn wäre es so einfach, wäre das Leben zu verstehen und alle Fragen beantwortet und Loslassen keine Aufgabe.

Donnerstag, 5. Juli 2018

Von der Achtung vor der Angst



Malerei: A. Wende

Heute morgen fand ich in einem alten Tagebuch, das mir beim Ausmisten in die Hände fiel, eine Geschichte aus dem Zen, die ich vor langer Zeit einmal aufgeschrieben habe. Ich möchte sie mit Euch teilen.

"Es war einmal eine junge Kriegerin. Ihr Lehrer befahl ihr, in den Kampf gegen die Angst zu ziehen. Sie wollte nicht. Der Kampf machte ihr Angst. Ihr Lehrer aber bestand darauf. Der Tag des Kampfes kam. Die Kriegerin stand auf der einen Seite, die Angst auf der anderen. Sie fühlte sich sehr klein, die Angst wirkte ungeheuer groß und zornig. Beide hatten ihre Waffen. Die junge Kriegerin riss sich zusammen, sie schritt auf die Angst zu, warf sich vor ihr nieder und fragte: Darf ich um Erlaubnis bitten mit dir zu kämpfen? Die Angst erwiderte: Vielen Dank, dass du so viel Respekt vor mir hast, dass du mich um Erlaubnis bittest. Die Kriegerin fragte weiter: Wie kann ich dich schlagen? Die Angst entgegnete: Ich kämpfe indem ich schnell rede und sehr nahe an dich herankomme. Dann verlierst du vollkommen die Kontrolle über dich und tust, was ich dir sage. Tust du nicht, was ich sage, habe ich keine Macht über dich. Auf diese Weise lernte die Kriegerin, sich nicht von der Angst besiegen zu lassen."

Und genauso funktioniert es.
Die Kriegerin hat Achtung vor der Angst. Sie nimmt sie ernst. Sie schaut ihr achtsam ins Gesicht, sie spricht mit ihr, sie stellt sich ihr, trotzdem sie sich um so vieles kleiner fühlt als die Angst. Sie läuft nicht vor ihr weg. Sie nimmt Distanz ein. Sie lässt sich von ihr nicht überfluten. Sie hat Angst, aber sie "ist" nicht ihre Angst. Diese Haltung hilft ihr, zu erkennen auf welche Weise sie mit der Angst umgehen kann, ohne sich selbst Schaden zuzufügen. Sie kämpft nicht gegen sie - sie nimmt sie an und versucht ihr Wesen zu verstehen. Und die Angst wandelt sich, sie verrät ihr sogar, wie sie ihre Macht verliert. So wie mit der Angst, so ist es mit allen Gefühlen - wenn wir sie nicht ins Unermessliche vergrößern, wenn wir uns ihnen achtsam und verständnsivoll nähern und sie annehmen, lassen wir sie klein. Und sie bleiben klein.

Namaste Ihr Lieben

Mittwoch, 4. Juli 2018

Die Furcht vor der Klarheit





"Ja, er behandelt mich schlecht, wenn er betrunken ist, aber dann verwandelt er sich wieder in den wunderbaren Menschen, der mich so sehr liebt". Viele Menschen, die mit einem Alkoholkranken leben, denken und reden so. Es fällt ihnen schwer die Realität zu akzeptieren. Der Verstand weiß zwar genau, dass das, was man sich da schönredet, der reinste Selbstbetrug ist, aber um aus dieser Falle zu entkommen, braucht es viel mehr als Einsicht oder das bloße Erkennen, dass es so wie es ist gar nicht gut ist. Man muss die Verantwortung für sich selbst übernehmen oder es muss so richtig weh tun.

Warum bleiben Menschen in einer solchen Beziehung, die ihre Sehnsüchte unsere Bedürfnisse nicht erfüllt und ihren Wert als Mensch Tag für Tag ein Stück mehr demontiert? Womöglich haben sie Angst herauszufinden, wer wir sind, ohne den anderen. Wer sind sie auf sich selbst reduziert? Wer sind sie, wenn sie nicht mehr helfen bis zur Selbstaufgabe? Sie sind erst mal allein und das macht Angst, denn das Leben alleine zu bewältigen ist eine Herausforderung und ganz und gar nicht einfach. Diese inneren Widerstände sind innerpsychische Blockaden, die das verhindern, was wir alle verdient haben, nämlich achtungs- und liebevoll behandelt zu werden, wenn wir in einer Beziehung leben. Warum sonst sollten wir unser Leben mit einem anderen teilen? Um uns verletzen zu lassen? Um zu leiden, unter einem Problem, das nicht das unsere ist – der Alkoholsucht des anderen, die, je weiter sie fortschreitet, aus ihm ein Wesen zwischen Dr. Jeckyl und Mr. Hide macht – unberechenbar, unzuverlässig, demütigend, empathielos, verantwortunglos, emotional verflacht und grausam?

Irgendwann ist es hoffentlich soweit: Wir begreifen - es ist ein Verlust unserer Würde in einer Beziehung zu bleiben, in der wir viel geben, die uns aber nur Verletzungen und Leid bringt.

Viele kleine Verletzungen reißen im Laufe der Zeit eine große Wunde. Jede einzelne Verletzung ist wie ein kleiner Nadelstich, der uns anpickst um uns zu warnen uns nicht noch mehr weh tun zu lassen. Aber wir reagieren nicht, in der trügerischen Hoffnung, dass es irgendwann doch gut wird oder zumindest besser. Also halten wir durch - solange bis die Wunde aufreißt und wir vor Schmerz nicht mehr können. Manchmal muss der Leidensdruck so hoch werden um endlich den Mut zum Aufbruch zu fassen, um endlich die Brille abzuziehen, die die Realität vernebelt, eine Realität, die schon immer da war, die wir aber nicht klar sehen wollten.

Klarheit braucht Klarsicht und sie braucht Stille. Und vor dieser Stille haben viele von uns Angst, denn in ihr finden wir das, was wir schon längst wissen: Die Wahrheit, unsere Wahrheit und die ist nicht immer schön.
Im lauten Alltag, inmitten all der Kämpfe, der Streitereien, der sinnlosen Hilfsversuche verlieren wir die Stille in uns selbst. Und je lauter es um uns herum ist, desto verwirrter werden wir. Und aus der Verwirrung heraus handeln wir – nicht zum unserem Besten, nicht klar. Ja, wir fürchten uns vor dieser Klarheit, denn sie zu fühlen, bedeutet: Wir müssen endlich handeln, wir müssen uns zurückholen, was wir verloren haben - unsere Würde und unseren inneren Frieden. Einfach ist das  nicht. Aber es ist noch schwerer sein Leben klaren Blickes für etwas zu verschwenden, was zu immer mehr vom Gleichen führt: Leiden. Und das ist zum Fürchten.



Montag, 2. Juli 2018

Liebe, was ist das?


Zeichnung: A. Wende

Liebe - was ist das?
Was auch immer die Liebe ist: Wir wissen es nicht. Dennoch glauben manche Menschen sie hätten die Definition für Liebe gepachtet. Sie bestehen sogar darauf, dass sie die Wahrheit ist. Nun, wahr ist für jeden etwas anderes und die Wahrheiten, die wir uns im Leben schaffen, entstehen durch Programmierungen, Erfahrungen und Erleben.

„What we believe is true“, aber eben nur für uns selbst.
Ein bewusster Mensch weiß das. Darum macht es auch keinen Sinn die eigene Wahrheit anderen als die einzige wahre Wahrheit überstülpen zu wollen. Man lasse sie stehen, man achte die Wahrheit des anderen, man kämpfe nicht um das Durchsetzen oder das Beharren auf der eigenen Wahrheit, denn, sind wir mal ehrlich, es lohnt sich nicht. Es führt höchstens zu Missklängen oder gar Streit.
Zurück zur Liebe.

Was ist sie? Was macht sie aus? Erklärt sie sich selbst? Ist Liebe etwas, das sich für uns alle gleich anfühlt? Ich behaupte, Achtung - meine Wahrheit: Jeder liebt anders. Jeder Mensch liebt so wie ihm Liebe oder was er dafür hält in den ersten Jahren seines Erdenlebens gezeigt wurde.
Manche Menschen behaupten sogar, sie wissen nicht, was das ist: Liebe. Weil sie sie nie erfahren haben. Aber, ist das wahr? Können wir nicht lieben, wenn wir als Kind nicht geliebt wurden? Und schon wieder sind wir bei der Frage: Was ist Liebe?

Schon viele kluge Menschen haben darüber philosophiert. Unter anderem Erich Fromm in seinem Buch „ Die Kunst des Liebens“. Da hat sich ein weiser Mensch tiefe Gedanken über die Liebe und ihre Erscheinungsformen gemacht und vor allem über die Kunst des Liebens. Denn das ist sie – eine Kunst, die jeder von uns auf seine Weise ausübt und lebt.

Fromm spricht von Nächstenliebe, von mütterlicher Liebe, von der erotischen Liebe, der Selbstliebe und der Liebe zu Gott. Und all dies sind Formen der Liebe. Auch die griechischen Philosophen sprechen nicht von DER Liebe schlechthin, auch hier ist Liebe nichts, was so und so ist und Punkt, sondern auch sie widmen sich ihren Erscheinungsfromenen und bilden die Dreiheit: Eros Agape, Philia. Eros, die erotische Liebe, die uns den meisten Kummer machen kann, wie das Leben vieler von uns zeigt. Ist doch ihr Hauptmerkmal das Begehren, das gegenseitige wohlgemerkt, denn wenn nur einer den anderen begehrt, läuft Eros ins Leere und bleibt unerfüllt. Agape, die allumfassende Liebe und schließlich Philia, die geistige Liebe. Das ist die Liebe zwischen Menschen, die ähnliche oder gleiche Interessen und Lebensvorstellungen haben, die den anderen lieben eben wegen seiner geistigen, philosophischen und spirituellen Interessen, die mit den eigenen harmonieren. Wenn dieses Dreigestirn in der Verbindung von zwei Menschen zusammenkommt, dann ist das wie ein kleines Wunder und die gibt es ja bekanntlich immer wieder. Ich durfte es einmal erleben und dafür bin ich dankbar.

Ich könnte nun tiefer in all diese Definitionen und Erscheinungsformen der Liebe einsteigen und weiter philosophieren, aber dazu fehlt mir die Zeit, das Interesse und auch die Lust. 
Was ist Liebe für mich? Was ist meine Wahrheit über die Liebe?
Liebe ist ein Gefühl. Sie ist das warme Gefühl der wohlwollenden, innigen Verbindung zu einem anderen Herzen, zur Natur, zu mir und zum Leben selbst. Liebe braucht für mich keine Definition und ich will mich auch nicht darüber streiten, was sie ist und was sie nicht ist, ob ich lieben kann oder nicht. Ich fühle sie auf meine eigene Weise, in meinem Herzen. Und ja. sie ist flüchtig, was Menschen angeht. Sie kann vergehen, auch wenn ich sie einmal sehr stark gefühlt habe in einem Moment in der Zeit oder über lange Zeit. Auch die Liebe kann zerbrechen, sich auflösen und uns verlassen, auch sie kann der Vergänglichkeit anheim fallen, aber das heißt nicht, dass es dann keine Liebe war und es heißt auch nicht, dass ich nicht wahrhaft geliebt habe, so wie ich lieben kann.
Was bleibt, ist die Liebe in all ihren Erscheinungsformen - und die sind so verschieden wie wir Menschen, die wir uns in dieser Kunst üben.

Namaste Ihr Lieben

Nachtrag ...

Lieber Mensch,

du hast alles falsch verstanden.

Du bist nicht hier, um bedingungslose Liebe zu meistern.

Die ist da, wo du her kommst und wieder hin zurück gehst.

Du bist hier, um persönliche Liebe zu lernen,

universelle Liebe, schmuddelige Liebe, verschwitzte Liebe,

verrückte Liebe, zerbrochene Liebe, ganze Liebe,

erhellt von Göttlichkeit.

Gelebt durch die Eleganz des Stolperns.

Offenbart durch die Schönheit des Versagens - meistens.

Du bist nicht hier, um perfekt zu werden. Du bist es schon!

Du bist hier, um menschlich zu sein,

fehlerhaft und fabelhaft.,

um dann wieder in die Erinnerung aufzusteigen.

Aber bedingungslose Liebe? Erzähl mir nichts.

In Wahrheit braucht Liebe keine Adjektive,

keine Veränderungen, keine Bedingungen der Perfektion.

Es braucht nur, dass du da bist und dein Bestes gibst.

Es braucht nur, dass du präsent bleibst und alles fühlst,

dass du strahlst und fliegst und lachst und schreist,

dich verletzt und heilst und fällst und aufstehst und spielst

und arbeitest und lebst und stirbst als DU selbst.

Das ist genug, das ist viel!

By Courtney A. Walsh

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Samstag, 30. Juni 2018

Was brauchen wir wirklich?





Meine Freundin meinte kürzlich, sie kenne keinen Menschen, der besser allein sein kann als ich. Sie könne das gar nicht. Alleinsein sei für sie nicht auszuhalten, sie wisse dann gar nicht, was sie mit sich anfangen soll. Meine Freundin braucht Menschen um sich herum und Action und sie sorgt dafür,  dass sie die bekommt, sie hat immer ein volles Haus und wenn es leer ist geht sie aus. Ich gehe nicht so gern aus, ich brauche das nicht. Ich bin gern zuhause. Das könnte ich tagelang so betreiben und ich weiß, wenn ich es zulange betreibe, dann treibt mich irgendwann nichts mehr raus, außer die Tatsache, dass ich meiner Arbeit nachgehe, der Kühlschrank leer ist und ich für meine täglichen Einheiten körperliche Bewegung sorgen muss. Gut, dass ich raus muss, sonst würde ich am Ende aus dem Alleinsein eine Eremitei machen und das ist nicht gesund, auch wenn mich die Vorstellung nicht unbedingt schreckt. Aber brauchst du denn keine Menschen?, fragte mich meine Freundin, nachdem ich ihr das sagte. Nun, antwortete ich, ich habe was das Brauchen angeht, so meine Bedenken. Ich will keine Menschen brauchen, ich will mit Menschen sein ohne sie brauchen zu müssen, denn das Brauchen, das habe ich gelernt, führt am Ende zu verbrauchten Menschen, die große Mühe haben ohne das Gebraucht - zu - werden und das Brauchen des anderen wieder zu sich selbst zu finden, um herauszufinden, was sie wirklich brauchen.

Was brauchen wir wirklich? 

Nicht viele wissen das so genau, das weiß ich aus der Erfahrung aus meiner Arbeit mit Menschen. Wir hängen am Unbrauchbaren fest weil es uns zur Gewohnheit geworden ist, das oder jenes, den oder die zu brauchen, weil wir denken, dass wir es oder jemand brauchen. Wir füllen Lücken in unserem Leben, um das, was wir wirklich brauchen, erst gar nicht spüren zu müssen, denn es tut manchmal weh, wenn diese Lücken sich auftun, wenn sie uns in ihre schwarzen Löcher ziehen und wir finden erst einmal gar nichts dort, weil das Wesentliche unseres Brauchens nicht von Unten in Leuchtschrift zu uns heraufglimmt um Licht in das emotionale Dunkel zu bringen, das vor lauter vermeintlichem Brauchen und gebraucht werden Wollen, ums verrecken nicht weichen will.

Ich will nicht gebraucht werden. Ich mag Menschen, die mich mit all dem was mich fasziniert und ausmacht, mit all dem, wofür ich lebe, verstehen. Ich mag mit Menschen sein, die auf dem gleichen Weg sind und mit denen ich teilen kann was ich liebe. 

Eben nicht das gegenseitige Brauchen, sondern Inspiration und zwar gegenseitige. Ich brauche Liebe wie wir alle, aber Lieben und Brauchen sind zwei völlig verschiedene Dinge. Es dauert lang bis wir Menschen das begreifen, es hat lang gedauert bis ich das begriffen habe. Immer wieder habe ich das eine mit dem anderen verwechselt. Ich habe es verwechselt weil ich es nicht aushalten wollte, dieses Gefühl, das sich anfühlt wie sich auflösen, wenn da keiner ist, der mich braucht und den ich brauche, dieses Gefühl: Du schaffst das alleine nicht, du brauchst jemanden, der dir hilft das Leben zu schaffen. Aber so ist es nicht, was ich nicht schaffe, kann kein anderer für mich er - schaffen. Er kann mir Mut zusprechen, er kann mich halten wenn ich am Kippen bin, er kann mich unterstützen es zu schaffen, aber schaffen muss ich es ganz alleine. Und ja, das alleine Schaffen fühlt sich bisweilen sehr einsam an. Heute weiß ich, was Einsamkeit wirklich ist. „Einsamkeit entsteht nicht dadurch, dass man keine Menschen um sich hat, sondern vielmehr dadurch, dass man ihnen die Dinge, die einem wichtig erscheinen, nicht mitteilen kann.“ Diese Worte sind von C.G.Jung und für mich sind sie wahr.
Menschen zu finden denen wir uns mit dem, was uns wichtig ist mitteilen können und die das auch wirklich hören, ist nicht einfach, denn viele dieser Menschen finden wir eben nicht dort wo Action ist und ein volles Haus und auch nicht dort, wo man uns braucht oder wo wir gebraucht werden wollen. Es gibt Zeiten im Leben da gibt es diese Menschen nicht. Dann finde ich sie in den Worten der Bücher, in den Tönen der Musik, in den Bildern einer Ausstellung. Es sind Menschen, die all das geschaffen haben, und mit diesen Menschen verbindet mich was ich wirklich brauche: Gleichklang. Wenn wir in unserem Jetzt diesen Gleichklang mit Anderen nicht finden, dann hat das einen Sinn, dann sind wir wieder bei der Frage was wir wirklich brauchen um dieses Leben zu gestalten, um Liebe zu fühlen für dieses Leben, eine Liebe, die nicht braucht und nicht gebraucht werden will. Leicht ist das nicht, denn auch Selbstliebe enthebt uns der Sehnsucht nach Gleichklang nicht.

Also, was brauche ich jetzt um damit zu leben, dass es das, was ich brauche noch nicht gibt? Was brauchst du?

Wir brauchen innere Stärke. Was ist das, innere Stärke? 
Manche von uns bekommen sie in die Wiege gelegt, manche von uns suchen ein Leben lang danach, bei manchen von uns wächst sie im Laufe des Lebens aufgrund von Erfahrungen aus denen wir gestärkt hervorgehen. Innere Stärke beginnt auch bei der oft unterschätzen Tatsache, wie wir mit uns selbst sprechen und wie wir mit uns selbst umgehen. An diesen Umgangsformen mit uns selbst können wir etwas verändern. Wenn wir uns immer wieder selbst sagen, was wir nicht können, was wir nicht haben, was wir nicht sein werden, was wir nicht finden können, was wir brauchen und nicht haben, wird der Klang dieser Gedanken zu einer sich ewig wiederholenden Melodie. Diese Melodie füttert unsere Gefühle. Schlecht zu uns und über uns selbst sprechen wirkt wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Darum ist es so wichtig unsere gedanklichen Melodien zu erkennen und sie zu hinterfragen, denn oft sind die ganz schön auf dem Holzweg.

Warum nicht umdenken, um das in unser Leben zu holen, wonach wir uns sehnen und was wir wirklich brauchen? Sicher, einfach ist das nicht, aber ist es wirklich einfacher die immer gleiche unschöne Melodie abzuspielen?
„Ach ich schaffe das nicht, ach ich bin eben wie ich bin, das ist doch alles Mumpitz, was die schreibt“, oder: „Das habe ich doch alles schon versucht und es hat nichts gebracht,“ las ich neulich in einem Kommentar zu einem meiner Texte. Mal ehrlich, wenn ich so denke bringt das wirklich nichts.

Gut und schön, jedem das Seine und mir meine Erfahrung. Wenn ich weiß, was ich wirklich brauche bekomme ich das dann auch? Ja, wenn ich es unabhängig von Anderen mache, wenn ich eine tiefe Motivation habe und eine klare Vision, denn das hat Kraft. Wenn ich weiß, was ich wirklich brauche werde ich zunächst alles Unbrauchbare, das ich zu brauchen glaubte, nicht mehr in meiner Gedankenmelodie festhalten. Ich werde mich verabschieden von den schiefen Tönen, ich werde mich verabschieden von dem, was ich zu brauchen glaube. Ich werde neue Töne komponieren. Ich werde vielleicht sogar erkennen - in Wirklichkeit ist alles was ich brauche schon längst da. Und was nicht da ist, brauche ich nicht. Dazu gehört zugegebenermaßen eine Menge Demut und ein hohes Maß an Vertrauen in das Leben, das uns eben nicht immer gibt was wir uns wünschen, sondern das, was wir brauchen um zu wachsen.