Sonntag, 24. Juni 2018

Wozu Achtsamkeit gut ist



Ich, beim achtsamen Fenster putzen ;) 
Foto: Reinhard Berg

Immer wieder fragen mich Klienten: Wozu ist Achtsamkeit gut?
Achtsamkeit ist eine besondere Form von Aufmerksamkeit. Diese besondere Form der Aufmerksamkeit führt, je öfter wir sie praktizieren, zu einem klareren Bewusstseinszustand. Diese Klarheit führt dazu, dass wir lernen innere und äußere Erfahrungen und Erlebnisse, als auch unsere Gefühle, im gegenwärtigen Moment beobachtend zu registrieren und sie ohne zu bewerten, zulassen können.

Je achtsamer wir werden, desto klarer und ruhiger werden wir mit der Zeit. 

Warum ist das so?
Durch das Üben der Achtsamkeit entkommen wir nach und nach der Reiz-Reaktionsfalle.
Mit zunehmender Achtsamkeit reduzieren sich unsere automatischen und unbewussten Reaktionen auf das gegenwärtige Erleben - wir handeln angemesser, situationsadäquater und selbstbewusster.

Beim Erlernen der Achtsamkeit steht an erster Stelle die Körperwahrnehmung im Mittelpunkt. Die intensive Verbindung zwischen unserem Körper und unserem Geist ist unumstritten. Eine achtsame Körperhaltung führt zu einer inneren achtsamen Haltung und damit zu einer achtsameren Geisteshaltung. Auf diese Weise nehmen wir uns selbst im Ganzen bewusster wahr, auch unsere Gefühle uns unsere Gedanken. Je bewusster wir uns selbst wahrnehmen, desto größer wird mit der Zeit unser Einfluss auf unsere Wortwahl, unsere Gedanken, unsere Bewertungen, unsere Emotionen und unsere Reaktionen auf das, was gerade geschieht.

Wenn wir also achtsamer und damit bewusster leben wollen, dann ist es hilfreich auf uns zu achten - auf unsere körperliche Verfassung, auf unsere Körperhaltung, auf unsere Mimik und Gestik. Wie atme ich? Was fühle ich gerade wo in meinem Körper? Dazu gehört auch auf das zu achten, was wir unserem Körper zumuten an unguten Substanzen z.B. oder an Stress. Dazu gehört auch selbstberuhigende Techniken zu erlernen, damit unsere Gefühle und unsere wenig hilfreichen Gedanken uns nicht mehr so leicht im Griff haben.

Je achtsamer wir uns selbst beobachten, desto besser werden wir mit der Zeit mit uns selbst und damit auch mit anderen umgehen.
Achtsamkeit führt zu Selbstmitgefühl.
Selbstmitgefühl führt zu Selbstliebe.
Selbstliebe führt zu liebevollem Handeln über uns selbst hinaus.


"Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt, offenbart sie dessen Schönheit. Wenn sie etwas Schmerzvolles berührt, wandelt sie es um und heilt es."
Thich Nhat Hanh


Namaste Ihr Lieben

Sonntag, 17. Juni 2018

Der eigene Schmerz

Zeichnung: A.Wende

Es ist schwer zu vertrauen, wenn wir als Kind immer wieder widersprüchliche Botschaften erhalten haben.
Es ist schwer zu lieben, wenn wir als Kind immer wieder Schmerz erfahren haben.
Es ist schwer die Kontrolle aufzugeben, wenn wir als Kind immer wieder Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit erfahren haben.
Es ist schwer uns selbst gut zu behandeln, wenn wir als Kind immer wieder schlecht behandelt wurden.


All das ist so schwer, dass wir ein Leben lang versuchen dieses Schwere loszuwerden.
Also versuchen wir es: Wir versuchen zu vertrauen und werden wieder enttäuscht. Wir versuchen zu lieben und erfahren immer wieder Schmerz. Wir versuchen zu kontrollieren und erfahren immer wieder Unberechenbarkeit. Wir versuchen uns selbst gut zu behandeln und behandeln uns immer wieder schlecht.
All das sind untaugliche Versuche, die uns nur mehr vom Schweren bringen.

All das erfahren wir durch andere, glauben wir, und sehen nicht, dass wir es durch uns selbst und unseren Schmerz wieder und wieder erfahren.

Wir kommen vom Schweren nicht weg solange wir uns nicht unserem eigenen Schmerz zuwenden.
Wir finden kein Vertrauen, wenn wir uns selbst nicht vertrauen.
Wir können nicht lieben, solange wir uns selbst nicht lieben.
Wir können die Kontrolle nicht aufgeben, solange wir uns selbst kontrollieren.
Wir können nichts von anderen bekommen, was wir uns selbst nicht geben können.
Es hilft nicht den Schmerz zu ignorieren.
Es hilft nicht in immer neuen Beziehungen die Liebe und all das zu suchen, was wir als Kind nicht bekommen haben.
Es hilft nicht, weil wir immer nur das bekommen werden, was wir in uns tragen: Schmerz.
Wir bekommen immer nur das altbekannte Gefühl der Kindheit.
Wir bekommen es solange, bis wir uns endlich selbst dem verletzten Kind in uns zuwenden, solange bis wir die Trennung zwischen uns und dem inneren Kind auflösen und anfangen für dieses Kind hinreichend gute Eltern zu werden. Solange wir das nicht tun, werden wir immer wieder am selben scheitern: An unserem eigenen Schmerz.

Samstag, 16. Juni 2018

Der Weg zur Selbstliebe



Immer wieder höre ich von meinen Klienten oder lese von Euch hier auf meiner Seite den Satz: „Mich selber lieben, dass kann ich nicht, weil ich es nicht fühle.“
Das ist wahr: Was ich nicht fühle, kann ich nicht glauben.
Aber wahr ist auch: Was ich denke, kann ich fühlen.
Wahr ist:
Ich kann mein Denken ändern.
Ich habe die Macht mein Denken zu ändern.
Ich habe die Macht mein Denken über mich selbst zu ändern.
Ich habe die Macht durch meine Gedanken meine Gefühle zu verändern.

Die meisten Menschen aber glauben das nicht. Sie hören es, sie lesen es, aber sie können es nicht als Wahrheit annehmen, weil die alten Wahrheiten in ihren Köpfen so mächtig sind. Viele Menschen fühlen sich ein Leben lang als Opfer der Umstände, als Opfer ihrer Programmierungen, als Opfer einer vergifteten Kindheit, als Opfer ihrer eigenen Unzulänglichkeit, als Opfer ihrer eigenen Unfähigkeit nicht der zu sein, der sie sein wollen.

Ich kenne das gut. Ich habe lange gebraucht um mich selbst zu lieben. Und noch heute gibt es Tage oder Phasen wo es mir nicht gelingt und ich in den alten Modus zurückfalle und mich ohnmächtig fühle. Besonders dann wenn mich ein Mensch, der mir viel bedeutet verletzt. Dann fühle ich mich gar nicht mehr so liebenswert. Ich fühle mich schlecht und denke, was habe ich nur getan, dass mir so etwas passiert und wenn es ganz schlimm ist, wenn mich ein Mensch, den ich liebe, benutzt, belügt oder betrügt, dann kommt dieses alte Gefühl wieder hoch: Ich bin nicht liebenswert genug um geliebt zu werden. Dann spüre ich den Widerstand in mir, dann höre ich all das Ungute was man mir über mich selbst beigebracht hat, dann fallen mir alle Schicksalsschläge ein, die mich getroffen haben, dann verliere ich den Boden unter den Füßen ich und fühle mich genauso wie damals als Kind – wertlos, verlassen und ganz und gar nicht liebenswert.
Es ist okay!, sage ich mir dann.
Es ist okay, dass du dich jetzt so fühlst!
Mit diesem „Es ist okay!“, beginnt sie, die Liebe zu uns selbst.

Um uns selbst lieben zu lernen, ist es wichtig erst einmal aus dem Widerstand herauszukommen und das geht indem du beginnst dich selbst zu akzeptieren, so wie du jetzt bist, so wie du dich jetzt fühlst, so wie du jetzt in diesem Moment in der Zeit gerade drauf bist.
Selbstliebe beginnt genau mit dieser Akzeptanz und sie beginnt mit dem Mitgefühl für dich selbst.
Es ist okay! zu fühlen, was du fühlst.
Es ist zwar nicht schön, aber es ist okay.

Wenn du alle Illusionen, alles was man dir über dich selbst zu denken beigebracht hat, alle Konditionierungen der Gesellschaft einmal durchdrungen hast, wirst erkennen, dass der Weg zu Selbstliebe darin besteht, dich selbst so anzunehmen wie du bist, mit allen unguten Gefühlen, mit all deinen kleinen und großen Macken, mit all deinen Zweifeln, deinen Verletzungen, deinen Ängsten, mit allem, was dich ausmacht und dennoch gut zu dir selbst zu sein. Gerade deshalb gut zu dir selbst zu sein.

Nobody is perfect. Wir alle lernen in diesem Leben, jeden einzelnen Tag, mit jeder Erfahrung und mit jeder Begegnung, mit dem Guten was wir erfahren und mit dem Unguten was wir erfahren, aber das Entscheidende um uns selbst lieben zu lernen ist, das zu verlernen was man uns über uns beigebracht hat, nämlich, dass wir so und so sein müssen um liebenswert zu sein.
Es ist okay! Wir sind okay, so wie wir sind.
Es ist okay, dass wir nicht so schnell lernen wie wir es von uns erwarten, es ist okay, dass wir immer wieder in alte Muster zurückfallen, es ist okay, dass wir versagen und scheitern, es ist okay, denn genau das ist das Leben.

Liebst du das Leben? Liebst du es trotz allem was es dir beschert, trotz der schweren Zeiten? Liebst du die schönen Dinge? Kannst du sie auch im größten Kummer sehen und wertschätzen? Bist du dankbar, dafür was du hast, auch in schlechten Zeiten? Kannst du sehen was du hast und nicht damit hadern, was du nicht hast oder nicht mehr hast?
Wenn ja, dann hast du eine sehr gute Chance dich selbst lieben zu lernen, denn du bist das Leben selbst, mit allem was dich ausmacht.

Selbstliebe geht nicht auf Knopfdruck. Der Weg zu ihr hin, zu dir hin, ist eine Entscheidung und die triffst allein du selbst. Keiner kann das für dich erledigen. Und niemand kann dich daran hindern, wenn du es wirklich willst. Es ist deine Aufgabe, wenn du sie annimmst.
Jeder lernt auf seine Weise. Die einen schneller, die anderen langsamer. Am Besten lernt der, der weiß, dass es immer wieder Rückschritte und Rückschläge gibt, dass das Leben alles ist: Freude und Leid, Glück und Unglück, Gewinn und Verlust, Begegnung und Abschied, Krankheit und Tod. All das erleben wir alle, aber wenn wir es zu persönlich nehmen können wir damit nicht einverstanden sein. Dann hadern wir und finden uns selbst und unser Leben nicht liebenswert.

Gelerntes Zeit braucht um es zu verinnerlichen. Und so ist es mit der Selbstliebe. Wir lernen sie jeder auf seine Weise. Manche brauchen sogar viele Rückschläge um endlich den Widerstand gegen sich selbst aufzugeben.
Es ist okay!

Namaste Ihr Lieben.

www.wende-praxis.de

Freitag, 8. Juni 2018

Gedankensplitter

Foto: AW

Das Leben schenkt dir destruktive Beziehungen? 
Dann hast du noch keinen Weg gefunden gute Beziehungen zu leben. 
Das Leben schenkt dir Alleinsein?
Dann hast du noch keinen Weg gefunden, mit dem Alleinsein umzugehen.




Donnerstag, 31. Mai 2018

Der Schatten einer lieblosen Kindheit und seine Auswirkung auf unsere Beziehungen



Foto. A.W.

Andauernde Wiederholungen der gleichen destruktiven Spiele in einer Beziehung sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Beziehungskampf aussichtslos geworden ist. Die Beziehung ist gescheitert.

Warum läuft es immer wieder so, warum ist es nur eine Frage der Zeit bis aus Beziehung Kampf wird, aus Liebe Hass, Verachtung oder Gleichgültigkeit? Warum muss der als Kind ungeliebte Mann immer wieder verletzen und die als Kind ungeliebte Frau sich immer wieder demütigen lassen?
Warum spielen Menschen diese Spiele?

Würden sie darüber nachdenken wären sie mit der Frage konfrontiert: Haben wir eine Beziehung aufgebaut, die so nicht funktioniert, die nur fordert und damit überfordert – einer vom anderen und einer den anderen? Erwarten wir vom anderen nicht zu viel, erwarten wir mehr, als er geben kann?
Erwarten wir vielleicht, was kein Mensch geben kann, nämlich das, was die Mutter und/oder der Vater uns nicht geben konnten? Und müssten wir dann nicht den anderen aus dieser Verpflichtung entlassen und endlich für die unbefriedigten Bedürfnisse unseres eigenen inneren Kindes zu sorgen beginnen? Jeder für sich selbst, erst einmal, um zu er-wachsen und die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen? Und wären wir dann nicht mit dem konfrontiert was wir so sehr vermeiden wollen: dem Schmerz des ungeliebten Kindes in uns? Dem Schmerz über die innere Einsamkeit und die Verlassenheit dieses Kindes, das nicht so geliebt wurde wie es das gebraucht hätte oder gar nicht, den Schmerz über den Missbrauch, den emotionalen oder den körperlichen, die Aufmerksamkeit, die es nur für das Fehlverhalten gab und nicht für das bloße Sein, einfach dafür, weil es ist, dieses Kind? Dem Schmerz über die vernichtenden und unheilvollen Glaubenssätze, die man uns über uns selbst beigebracht hat, und die ohnmächtige Wut, die wir nicht ausdrücken durften, weil sie genauso wenig genützt hätte wie das Abspalten unserer schmerzhaften Gefühle um zu überleben?
Diese Konfrontation vermeiden viele Menschen, weil sie meinen, sie ertragen diesen Schmerz nicht.
Spiele sind dazu da, dem anderen die Schuld zuzuschieben und damit die Illusion aufrechtzuerhalten: „Es wäre alles gut, wenn du nur ...“

Spiele und Kämpfe sorgen dafür, dass Partner in der Projektion bleiben und weiter emotional rückwärtsgewandt Forderungen und Erwartungen an den anderen stellen, die mit jeden neue untauglichen Versuch zu Enttäuschung und Frustration verkommen, weil sie gegen eine Wand rennen, wie damals in der Kindheit. Und da schlagen sie auf, auf dieser Wand - zwei scheinbar Erwachsene mit ihrer alten Ohnmacht, ihrer alten Wut, ihrer alten Trauer, ihrem unaufgearbeiteten Leid und halten all das für die Schuld des anderen und hoffen verzweifelt auf eine liebevollere Gegenwart. Eine Gegenwart, die es solange nicht geben kann, bis die lieblose Vergangenheit im eigenen Inneren aufgearbeitet und bewältigt ist.

Manche begreifen nie, sie suchen nach jeder Enttäuschung schnell die nächste Beziehung um wieder in der gleichen unheilvollen Kollision zu landen, solange bis sie vielleicht doch begreifen und an der wichtigsten Beziehung ihres Lebens zu arbeiten beginnen: Der Beziehung zu sich selbst. Manche verweigern sich diesem Schritt beharrlich und leiden in einer Endlosschleife mit immer neuen Partnern, die ihren Mangel an Selbstliebe füllen sollen. Letztlich aber leiden sie lebenslang an sich selbst. Jeder für sich und deshalb beide aneinander. Solange bis der Leidensdruck hoch genug ist um endlich die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und an dem zu arbeiten was ihr Leben und ihre Beziehungen vergiftet - am Schatten einer lieblosen Kindheit.

Freitag, 18. Mai 2018

Über die Verdrängung




Manchmal können schmerzliche Erfahrungen innerlich über Jahrezehnte oder sogar ein Leben lang verdrängt werden. Verdrängung ist ein Prozess, der etwas von Außen nach Innen drängt, es wird innerlich etwas, was wir nicht sehen oder fühlen wollen aus dem bewussten Blickfeld gedrängt.
Dabei handelt es sich um einen Akt des Festhaltens.

Das hat vielerlei Konsequenzen. Eine davon ist, dass wir Energie aufwenden müssen, die uns im Leben fehlt. Und je länger wir diese Energie aufbringen, desto schwächer werden wir. Viele Menschen reden sich schön, was nicht schön ist. Sie suchen nach Erklärungen und nach Entschuldigungen. Sie sagen sich - ich habe verziehen ohne es zu fühlen. Sie denken sich Dinge zurecht, die sie nicht fühlen und belügen damit sich selbst und andere. Sie wollen sich vor der Wahrheit schützen, weil sie sich vor ihr fürchten. Damit führen sie der Selbstlüge Energie zu. Sie beginnen sich mit der Lüge zu identifizieren und starten so einen ungesunden Konservierungsprozess. Sie haben psychische Probleme und körperliche Symptome und schlucken Medizin um sie zu heilen. Aber damit geschieht nicht Heilung. Medizin lindert nur das Symptom und heilt nicht die Ursache.

Verdrängung gleicht einem Abzeß, der Verletzungen, Kränkungen und gärende Gedanken einkapselt. Wird er nicht geöffnet, platzt er irgendwann nach Innen und vergiftet Körper, Geist und Seele. Darum ist es so wichtig sich der Verdrängung zuzuwenden und ans Licht zu holen, was ans Licht will.

Donnerstag, 17. Mai 2018

Wenn du vor einem schwarzen Loch sitzt




Eine problematische Eigenart des Menschen ist es, wenn er sich in einer Krisensituation befindet, dass er außer der Krise nichts mehr anderes im Focus hat. Er befindet sich nicht in der Krise – er ist die Krise. Er steckt so sehr in der Krise, dass er sich vollkommen mit ihr identifiziert und eine Art Tunnelblick entwickelt, der geradewegs in das schwarze Loch fällt, das wir alle kennen und fürchten.

Da ist diese schwarze Tiefe, die uns zu verschlucken droht, die uns Angst einjagt, der wir nicht zu entkommen glauben. Es ist das Gewahrsein des Bodenlosen, das uns um den klaren Verstand bringt. Wir sind gelähmt, bewegungsunfähig und finden keine konstruktiven Lösungen mehr.

Anstatt uns die Zeit zu nehmen um uns bewusst und ruhig mit dieser Tiefe zu befassen, beginnen wir zu graben. Wir suchen nach Gründen, die uns hierher gebracht haben, wir fühlen uns schuldig, wertlos, als Versager, wir klagen uns selbst an, wir jammern uns selbst und anderen die Ohren voll. Ununterbrochen ziehen destruktive Gedanken durch unseren Geist. Wir fühlen uns schrecklich. Eine andere Variante ist die Betäubung, um die unguten Gefühle nicht spüren zu müssen , die uns so zu schaffen machen. Viele Menschen konsumieren dann Substanzen wie Psychopharmaka, Schlaftabletten und/oder Alkohol. Aber auch das hilft keinen Deut weiter, denn jede Betäubung hat auch mal ein Ende. Am nächsten Tag ist alles beim Alten und das schwarze Loch ist immer noch da. Wir verlieren immer mehr Kraft und werden immer hilfloser.

Mit oder ohne Betäubungsversuche - das Affengeschnatter im Kopf, wie es die Buddhisten so treffend nennen, kennt keinen Anfang und hat kein Ende. Wir sitzen vor dem Loch und sind völlig aufgelöst. Anstatt inne zu halten und unsere Gedanken und Gefühle zu überprüfen bewegen wir uns immer weiter nach unten indem wir graben und grübeln bis das Loch uns verschluckt.
Bewegen wir uns mit diesem Denken in eine Richtung, die aus dem Loch herausführt?
Nein, sagt der gesunde Menschenverstand, der das aber nicht mehr erkennt, weil er vom Affengeschnatter komplett verwirrt ist.

Was ist hilfreich?
Es hilft den Zustand erst einmal einfach zur Kenntnis zu nehmen.
Ohne zu bewerten ist da ein Loch, das sich vor mir auftut. Nichts weiter. Ein Loch ist ein Loch. Wenn ich nichts Bedrohliches hineindenke ist es nur ein Loch. Und Punkt.
Gut ich sitze also vor dem Loch.
Im Moment ist das so.
Ich habe im Moment noch keine Idee. Ich habe keine Möglichkeiten, die mich von diesem Loch wegholen. Ich habe im Moment noch keine Mittel und keine Werkzeuge um mein unheilsames Denken zu beenden. 
Ich stecke fest. Aha. Es ist okay.
Das bedeutet, dass ich im Moment noch nicht sofort aus meiner Position heraus muss. 
Vielleicht ist dieses Loch genau das, was ich im Moment brauche. Vielleicht ist das Leiden, das ich durch dieses Loch erfahre genau das, was ich schon lange mit mir herumtrage und es unterdrücke. Jetzt wo ich es spüren kann, hilft es mir meine Wahrheit zu erkennen und mein Leben in eine andere gesündere Richtung zu bringen. Vielleicht liegt in meiner Bewegungsunfähigkeit die Chance endlich zur Ruhe zu kommen und das zu erkennen und zu lassen, was mir nicht mehr gut tut. Vielleicht liegt am Boden des Loches gar nicht das, was ich hineinfantasiere. Vielleicht sollte ich offener werden für das Unbekannte, das Unkontrollierbare im Leben und das Klammern aufgeben. Vielleicht sind große Bewegungen im Moment gar nicht nötig, weil mir dazu die Kraft fehlt und ich mich nur weiter antreiben würde, hin zu etwas was mir nicht (mehr) entspricht. 
Vielleicht liegt am Boden des Loches die alles entscheidende Frage: Wie aufrichtig will ich mit mir selbst sein?

Auf diese Weise hören wir auf kopf- und sinnlos zu graben. Wir lenken wir unsere Gedanken in einen offenen Raum – denn genau der liegt in diesem Loch – ein offener Raum, den wir dann sehen, wenn wir die Angst vor dem Loch loslassen können und es als das erkennen was es auch ist – eine Chance in der Krise.