Mittwoch, 15. Juli 2020

Alleinsein


Foto: Angelika Wende


Freiheit, das ist Rhythmus, den ich selbst bestimme.
Alleinsein, das ist Autonomie.
Ich entscheide für mich allein.
Das ist ein Glück, ein Geschenk.
Ich kann tun und lassen, was ich will.
Alles Mögliche tun.
Alles Mögliche lassen.

Es ist Freiheit etwas zu lassen.
Es ist Freiheit von etwas zu lassen.
Mich sein lassen.

Ich bin allein und das macht mich stärker.
Nicht abhängig sein.
Unabhängig meinen Weg gehen.
In meiner Gangart.
In meinem Tempo.
Das ist nicht selbstverständlich.
Das erfordert Verzicht.
Ich verzichte auf alles Überflüssige.
Ich brauche so vieles nicht.

Ich verarbeite Altes anstatt Neues zu suchen.
Das Neue wird sich finden.
Im Alleinsein kann ich mich verlieren und mich finden.

Manchmal ist mir langweilig.
Es tut gut.
Ich darf mich langweilen so lange ich will.
Manchmal fühle ich mich leer und voll zugleich.
Manchmal fühle ich Angst und Kraft zugleich.
Manchmal fühle ich Trauer und Freude zugleich.
Manchmal fühle ich Sehnsucht und Ankommen zugleich.
Manchmal vermisse ich meinen Geliebten, in der Leere bleibt er anwesend.

Ich spüre mich.
Mich und die Stille in der Stille.
Ich spüre die Ruhe die in mir wird, tiefer, echter.
Endlich kehrt Ruhe ein.
Sie darf bleiben.

Stille macht ruhig innen.
Alleinsein macht stiller.
Still sein in einer lauten Welt.
Mein Denkraum ist frei von den Worten anderer.
Meine Worte gehören mir.
Meine Momente gehören mir.
Sie machen Sinn, auch wenn ich nichts tue.

Selbsttranszendenz

Malerei. Angelika Wende

Der Mensch ist in der Lage, aus einem reinen Zweckwissen in ein größeres Sinnwissen überzugehen.
Für diesen Prozess ist Selbstdistanzierung allerdings die notwendige Bedingung.
Selbstdistanzierung bedeutet die Fähigkeit zu kultivieren eigenes Handeln, Denken und Fühlen, als auch persönliche Werte, über sich selbst als Zentrum des Interesses hinaus, in die Welt zu geben.
Das ist ein bedeutender Aspekt individueller und kollektiver Krisenintervention.
Selbsttranszendenz ist die Fähigkeit des Geistes, sich über sich selbst hinaus auf die Aufgaben und Fragen zu beziehen, die das Leben dem Menschen in der Krise stellt.
Selbsttranszendenz ist Selbstvergessenheit, eine Haltung mit der der Mensch seine Zentrierung auf das eigene Ego aufgibt, und sich öffnet für seine Möglichkeiten der Werteverwirklichung im Sinne des Ganzen - und zwar gerade dann, wenn durch eine Krise seine Welt und die seiner Mitmenschen erschüttert wird.


Dienstag, 14. Juli 2020

Kannst du es sehen?


 
 
 
Kannst du es sehen?

Kannst du es sehen wie die ganze Welt Kopf steht?
Kannst du es sehen wie viele Wahnsinnige die Welt regieren?
Kannst du es sehen wie viele Millionen Menschen Hunger leiden und im Dreck leben?
Kannst du es sehen wie Menschen ermordet werden wegen ihrer Hautfarbe?
Kannst du es sehen wie Mütter, Väter und Kinder im Krieg sterben?
Kannst du es sehen wie viele Menschen um zu Überleben ihr Land verlassen müssen?
Kannst du es sehen, wie viele Tiere gequält und abgeschlachtet werden?
Kannst du es sehen, wie viele Menschen ihre Arbeit verlieren und keine mehr finden?
Kannst du es sehen wie die Hoffnung auf ein besseres Leben schwindet?
Kannst du es sehen wie viele Menschen auf der Straße sitzen und hungern?
Kannst du es sehen wie viele Menschen seelisch leiden und kaputt gehen?
Kannst du es sehen wie krank die Erde ist und wie sie langsam zugrunde geht?
Kannst du sehen wie Hunderttausende Menschen erkranken und sterben?
Kannst du es sehen wie die einen leiden und die anderen feiern?
Kannst du sie sehen die Gier und den Eigennutz, der sich ausbreitet?
Kannst du es sehen wie Respekt, Menschlichkeit und Mitgefühl verschwinden und der Egoismus immer größer wird?
Kannst du es sehen wie viele weiter schlafen, anstatt endlich zu erwachen?
Kannst du es sehen, das Leugnen das sich der Wahrheit widersetzt?
Kannst du es sehen wie Menschen sich schaden und bekämpfen anstatt zusammenzuhalten?
Kannst du sie sehen, die Zeichen, dass es so nicht weiter geht?
Sag mir, kannst du es sehen?
Ich kann es sehen.
Willst du es sehen?


Sonntag, 12. Juli 2020

Narzissmus oder ... Es gibt immer einen Besiegten in der Liebe




Don Juan, Malerei: Angelika Wende

Wer sich in einen Narziss verliebt, hat das Gefühl eine der romantischsten Liebesgeschichten seines Lebens zu erfahren. Der Narziss kommt, strahlt und siegt. Es macht Zoom und du bist ihm verfallen. Er verführt dich nach allen Regeln der Kunst mit dem Charme und dem Charisma eines Don Juan, überwältigend, unwiderstehlich, faszinierend. Dein Hirn setzt aus und dein Herz und dein Bauch schreien: Liebe ihn.
Du bist sein. Du willst sein sein. 

Doch der anfängliche Liebeszauber dauert nicht lang. So hoch wie du geflogen bist, so tief beginnst du langsam zu fallen. Du spürst, dass da etwas Unheilsames mit dir geschieht, aber du willst es nicht glauben.  
Es war doch gerade noch alles so wunderbar, er war doch so einfühlsam, so liebevoll. Er hat dich auf Händen getragen und alles was an dir ist, schön und begehrenswert gefunden. Er hat dich bezaubert, verzaubert, du fühltest dich geliebt so wie du bist und endlich angekommen.
Ja, in der Hölle!
Aber das hast du nicht gemerkt, vor lauter Liebe, vor lauter Leidenschaft und Bewunderung für diesen Mann, der so außergewöhnlich ist und dein Leben so bunt und so voll gemacht hat mit allem wonach du dich schon so lange gesehnt hast.
Deine Sehnsucht hat dich verbrannt! 
Aber das hast du nicht wissen wollen, denn es war doch so intensiv. 
Die Abwertungen, die Ignoranz, die Unerreichbarkeit über Tage, die dann kam, wenn du mal nicht gespurt hast, hast du nicht sehen wollen.
Es hat dich nur noch sehn - süchtiger gemacht. Du bist ihm hinterhergerannt, hast um Verzeihung gebeten für deine Fehler, die keine waren, für deinen Bedürfnisse, die ihn überfordert haben und ihm deine Venen hingehalten, auf dass er daraus trinke, was er am Nötigsten braucht: Deine Lebensenergie. Ohne sie kann er nicht überleben, aber das ist dir nicht bewusst, denn du glaubst ohne ihn nicht mehr leben zu können, weil du längst an der Nadel hängst.

Längst bist du süchtig nach der Intensität, die nur er dir gibt und die du so lange gesucht hast. Dein ganzes System giert jetzt danach.
Dein Adrenalin, dein Cortisol, dein Noradrenalin haben sich schleichend daran gewöhnt immer ganz oben zu sein und dann, wieder unten, fehlt der Stoff, fühlst du dich schwach und müde und krank. 
„Du brauchst ihn!“, schreit dein Körper, schreit dein Herz, aber dein Bauch weiß, dass das, was du da brauchst, eine verdammt giftige Injektion ist, aber der Körper und der Kopf und das Herz wollen mehr davon.

Längst hat er die Maske des Mr. Perfect abgenommen und sein wahres Gesicht gezeigt. Er hat dich wie Dreck behandelt und du fühlst dich wie Dreck und du benimmst dich so.
Er hat dir gesagt wie klein und schwach und dumm und wertlos und wie bedürftig du bist. Er hat dich belogen, betrogen, benutzt. Wenn du ihn gebraucht hast, hat er dich im Regen stehen lassen, weil andere oder anderes gerade wichtiger war. Wenn du dich beklagt hast, hat er zu dir gesagt: „Such dir Hilfe, du bist krank. Er hat dir ein X für ein U vorgemacht und gab es Streit, warst immer du schuld. 
Das mit der Schuld kennst du, wie vieles andere, was er mit dir macht. Du weißt woher, aber du willst es nicht wissen, weil du dann anfangen müsstest dich mit dir selbst zu befassen und das willst du nicht, weil du endlich willst, was du nie bekommen hast: Liebe, die du  für dich selbst nicht spüren kannst. 

Du hast dich selbst nicht mehr wahrgenommen als die, die du einmal warst  - eine wunderbare Frau mit einem klaren Verstand, die ihr Leben meistert.  
Er hat dich beschimpft und bestraft, wenn du dich gewehrt hast oder auf deine Meinung bestanden hast. Er hat deine Wut und deine Verzweiflung Hysterie genannt und dir seine Wut ins Gesicht geschrien oder hinein geschlagen, wenn du noch immer nicht gefügig warst. Er hat dir gedroht dich zu verlassen und mit deiner größten Angst gespielt, ohne ihn nicht mehr leben zu können und nie mehr glücklich zu sein und einsam und verlassen wie das Kind, das du einst warst.
Du hast es geglaubt, weil der Glaube an dich selbst längst gebrochen war wie dein Herz. 

Du hast dich verloren in seinem kranken Universum, in dem du nur einen kleinen Platz hattest und nie die Nummer Eins warst, weil du nicht gut genug, nicht schön genug, nicht groß genug warst für ihn, den Größten, den Klügsten, den Besten, den Supermann, der alle nach seine Pfeife tanzen lässt und wer nicht spurt, fliegt raus.
Du hast ihm verziehen, wenn er wieder ankam, nach Ausflügen in andere Betten, weil es doch nur Sex war und mit dir und seiner Liebe zu dir, absolut nichts zu tun hatte. Und du sollst nicht so spießig sein, das ist nicht sexy und du bist doch die Allerbeste.
Ja, die Beste mit der er das machen kann, was er braucht um überhaupt existieren zu können.  Dich klein machen, damit er sich groß fühlen kann und seine Kleinsein nicht spüren muss, das ihn vernichten würden, was er instinktiv weiß und um jeden Preis vermeiden muss.

Du hast es ihm gegeben das grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, ohne dass er verhungert wie ein Wolf, der nichts zum Reißen findet.
Du hast es gestillt sein Verlangen nach übermäßiger Bewunderung.
Du hast gesehen, wie er sich selbst idealisiert, voll von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz und Unwiderstehlichkeit.
Du hast ihm zugehört bei seinem endlosen Reden über sich selbst und bist immer leiser geworden. Du hast ihm bestätigt wie besonders und einzigartig er ist, weil du dann Zuwendung bekommen hast und dann wieder genommen und zurückgewiesen. Ein ewiges On – und Off, weil das das Spiel ist, das das Stück am Laufen hält.
Du bist an der Seite gestanden wie ein verstoßenes Kind, wenn er seinen Tanz mit großen Gesten aufgeführt hat um von außergewöhnlichen oder angesehenen Menschen Applaus zu bekommen und dich gefragt, was du da eigentlich verloren hast, aber du bist geblieben und hast dem Tanz zugesehen und ihn vielleicht sogar wieder attraktiv gefunden und dich als besonders, weil er ja nur dich braucht. 
Dass er dich liebt hast du längst nicht mehr gespürt, aber gehofft, dass er sich besinnt, weil du immer für ihn da bist und loyal und bedingungslos in deiner Liebe und alles für ihn tust, damit es ihm gut geht. Dein eigenes Gutgehen hast du gar nicht mehr wahrgenommen, weil es dir längst so beschissen ging, dass du vergessen hast, was dir gut tut.

Du hast längst gemerkt wie ausbeuterisch er ist und dass er aus allem und jedem  nur seinen Nutzen zieht um die eigenen Ziele zu erreichen und keine inneren Werte hat und Selbsttranszendez ein Fremdwort.
Du hast es erfüllt, sein hohes Anspruchsdenken und seine Erwartung bevorzugt behandelt zu werden und sein Bestehen auf das Erfüllen seiner Bedürfnisse war für dich Pflicht. Hast du es einmal nicht getan, wurdest du bestraft, sanktioniert, gedemütigt oder abgewertet. 

Du hast es instinktiv gewusst. Nützt du ihm nicht mehr, wird er dich fallen lassen  sobald er einen Ersatz gefunden hat und gedacht, das überlebst du nicht, weil er längst zum Mittelpunkt deines Universums geworden ist und du dich selbst nur noch als kleinen Punkt darin wahrgenommen hast, der am Verlöschen ist.
Du warst immer für ihn da, denn er erträgt es nicht allein zu sein, weil ihm dann der Spiegel fehlt in dem er sich selbst bewundert, weil in ihm selbst nichts ist als eine tiefe emotionale Leere und eine große Angst. Du hast es gewusst, dass er sein Sein nicht aus sich selbst, sondern nur aus anderen bezieht, weil er nichts hat, was ihn von Innen hält und hast ihn gehalten und dir vorgaukelt, dass er dich hält, wo du längst schon gefallen warst. Du hast gewusst, dass er keine Empathie hat und nicht willens und nicht fähig ist, deine Gefühle zu spüren und sie zu achten, weil es nur sein Wollen gibt und sonst nichts. Nie hat er deine Bedürfnisse geachtet und nie ist es ihm gelungen sich mit ihnen zu identifizieren und sie dir zu erfüllen, was man tut, wenn man liebt. 

Er kann nicht lieben, aber du wolltest nicht wahr haben, dass das menschenmöglich ist, weil dein Zuneigunsghunger so groß ist und weil du dachtest, dass Liebe alles heilt.
Auch seine Wunden, die seine Kindheit ihm beigebracht hat, wolltest du heilen.
Seine beschissene  Kindheit, die er dir wieder und wieder vorgejammert hat und du hast mitgelitten und im Tiefsten gedacht: Deine beschissen Kindheit ist keine Rechtfertigung dafür, als Erwachsener ein Arschloch zu sein, und dich für diesen Gedanken verurteilt.

Manchmal war er ja für dich da. Immer wieder hat dich mit Liebeschwüren überschüttet und das hat dir wieder diese verblödete Hoffnung gegeben, dass alles gut wird, wenn du nur lange genug aushälst. So gut und so schön wie am Anfang und von der Erinnerung gelebt, während dein Leben ein bloßes Drüberleben war über all den Horror, den du ertragen hast für die paar Brosamen an Zuwendung und wegen all der Zeit und Kraft die du investiert hast. 
Dein Zuneigungshunger, der so alt ist wie du, ist immer größer geworden und du nie satt, denn deine Bedürfnisse und deine Gefühle hat er nur dann zur Kenntnis genommen, wenn sie für ihn relevant waren. Längst hat dein Bauch begriffen, dass er nicht in der Lage ist eine liebevolle, wertschätzende, respektvolle Beziehung zu führen, weil er unfähig ist echte Gefühle zu empfinden. Dir war klar, dass er Gefühle nur vorgaukelt um seine Ziele zu erreichen. Dir war klar, dass er kein authentisches Interesse an dir hat und dich ausschließlich zur Erreichung eigener Bedürfnisse und Zwecke braucht. Er hat sich lieben lassen.

Aber dein Kopf hat sich immer wieder geweigert, und gesagt: „Was nicht sein kann, darf nicht sein!“
Und gedacht: In ihm drin steckt doch dieser wunderbare Mann, der dich einst auf Händen in den siebten Himmel getragen hat. Noch während du längst am Boden lagst und den Himmel nur von Unten gesehen hast und Stoßgebete nach oben gesandt, hast du gehofft, es möge doch endlich gut werden, wieder so gut, wie es war. Und die Erinnerung an das Schöne und Gute, das nie wahr war, hat dich festgezurrt in einer Vergangenheit, die eine Illusion war und nie mehr dein Jetzt sein wird. Du wolltest es nicht fassen, weil es unfassbar ist, was geschehen ist und nicht aufgeben wollen, denn du hattest ja nur noch ihn.

Und da liegts du am Boden und nimmst wahr: Er hat dich verbraucht. Er hat dich gebraucht und du hast dich brauchen lassen. Und jetzt bist du leer und ausgesaugt und nicht mehr zu brauchen.
Er wird gehen, das weißt du, das weiß dein Kopf, dein Bauch und dein Herz, wenn du die Zeichen am Himmel lesen kannst und das kannst du. Warum sonst erfasst dich die Panik sterben zu müssen vor lauter Angst ohne ihn leben zu müssen?
Dir wird deine Machtlosigkeit bewusst.
Du willst schreien und nach Hilfe rufen, aber da ist keiner mehr, den du um Hilfe bitten kannst, weil du dich von allen isoliert hast, weil es nur noch ihn gab und sonst nichts. Deine Freunde haben dir gesagt wie ungut er für dich ist und du hast dich von ihnen abgewandt, weil du es nicht hören wolltest aus lauer Scham über deinen Selbstbetrug und deine Abhängigkeit. 

Jetzt bist du allein.

Und du denkst du bist verrückt geworden. Und dass er Recht hatte, denn das hat er dir doch immer gesagt, dass du die Verrückte bist.
Er hat dich manipuliert, deine Versionen von Wahrheit verdreht bis du ganz schwindlig warst und ihm geglaubt hast.
Du hast die Schlacht verloren.
Es gibt immer einen Besiegten in der Liebe: Den, der mehr liebt. (Franz Blei)
Und das bist du.
Du hast ihm geglaubt.
Du hast deinen Glauben an dich selbst verlassen.
Du hast ihm vertraut, weil es dir gefällt zu vertrauen und weil man dir vertrauen kann.
Und jetzt vertraust du dir selbst nicht mehr, weil du nur noch eine leere Hülle bist, die kein Innenleben mehr hat, die keine Freude mehr fühlt und keine Kraft und der Wille ist erloschen. Wie tot innen und kein Leben mehr in Sicht, das jemals besser sein könnte, weil du denkst, dass du es nicht verdient hast.
 
Du irrst dich!

Es gibt ein besseres Leben.
Also steht auf und geh ...
Rapple dich auf, nimm dieses liebeshungrige Kind in dir an die Hand und geh ...
Geh und hör auf dich als Opfer zu begreifen, denn dein Bauch hat es gewusst, immer, die ganze Zeit.
Steh auf und geh ...
Und ja, es ist hart und ja, es tut weh.
Und ja, es wird dauern bis du wieder aufrecht gehst.
Und wenn du alleine nicht gehen kannst, hol dir bitte Hilfe.


Donnerstag, 9. Juli 2020

Es ist schwer sich aus Verhältnissen herauszulösen, die einem die Luft nehmen.

Foto: Paula Modersohn-Becker www

„Es ist gut, sich aus den Verhältnissen herauszulösen, die einem die Luft nehmen“, schreibt die Malerin Paula Modersohn-Becker in ihr Tagebuch. Paula hat es getan, sie hat sich für einen Moment in der Zeit herausgelöst aus der bedrückenden Beziehung zu ihrem Ehemann, dem Maler Otto Modersohn. Sie ging nach Paris, bezog ein kleines Zimmer in dem Ateliergebäude in der „n° 9 Rue Campagne Première“ im Hinterhaus und studierte Kunst. Sie lebte spartanisch von einer kleinen Erbschaft und verliebte sich leidenschaftlich. Paula war glücklich, sie lebte ihren Traum: Ein freies, kreatives Künstlerleben.

Aber dann holte sie die Geldknappheit ein und sie ging zurück zu Modersohn. Sie versuchte, ihre Pflichten als Ehe- und Hausfrau und Stiefmutter der jungen Elsbeth mit ihren künstlerischen Ambitionen zu vereinen. Die Ehe befreite Paula von dem Zwang, einem ungeliebten Beruf nachgehen zu müssen, um für ihren Unterhalt zu sorgen, machte sie aber zutiefst unglücklich. Paula brachte nach einer schweren Geburt ihre Tochter Mathilde zur Welt. Der Arzt verordnete ihr Bettruhe. Als sie erstmals aufsteht setzt eine Embolie ein, an der sie im Alter von 31 Jahren verstirbt. „Wie schade!“, so Otto Modersohn, seien ihre letzten Worte gewesen.

Warum erzähle ich diese Geschichte?
Weil sie zeigt wie schwer es ist sich aus den Verhältnissen herauszulösen, die einem die Luft nehmen und wie tragisch es ist in diesen Verhältnissen auszuhalten oder sie wieder herzustellen, aus Angst es alleine im Leben nicht zu schaffen. Paula geht zurück zu einem Ehemann, der nicht zu ihrem Wesen und nicht zu ihren Werten passt, der von ihr erwartet, was sie nicht leisten kann, eine brave Ehefrau und Mutter zu sein, wo doch ihre Liebe, ihre Leidenschaft, ihr ganzes Sein, dem Malen gehört. Sie gibt sich selbst auf für eine vermeintliche Sicherheit und zahlt einen hohen Preis: Ihr eigenes Leben. Sie erstickt an einer Lungenembolie, die ihr im wahrsten Sinne die Luft nimmt.

Viele Menschen ersticken lieber an Verhältnissen in denen sie sich arrangieren, weil sie es nicht schaffen, sich für sich selbst und ein handgeschustertes Leben zu entscheiden.
Sie nehmen Dinge und Umstände in Kauf, die sie unglücklich und krank machen, nur um nicht die Verantwortung für ihr eigenes Leben in die Hand nehmen zu müssen. Meist sind es Frauen, die wie Paula, die Bequemlichkeit einer trostlosen Beziehung in Kauf nehmen um nicht für sich selbst stehen zu müssen. Aus Angst nicht für sich selbst sorgen zu können, nicht allein sein zu können, verbiegen sie sich und geben sich am Ende selbst auf. Auch wenn ein solches Leben in der Regel nicht so ein tragisches Ende nimmt wie das von Paula, ist es ein beschränktes Leben, in dem sich das eigene Ich nicht entfaltet.

Ich habe mit vielen Frauen Gespräche geführt, in denen ich immer das Gleiche höre: „ Ich kann nicht gehen, dann müsste ich auf das und das verzichten.“ Sogar wenn sie leiden, wenn die Beziehung sie vergiftet, sogar wenn der Mann trinkt oder sie demütigt, sie bleiben, nicht weil sie ihn lieben, sondern weil sie einen Benefit haben.

Menschen bleiben solange auch in unheilsamen Beziehungen wie sie einen Nutzen für sich darin sehen.
Das ist eine harte Wahrheit und sie ist so bitter wie sie hart ist. Diese Frauen sind, je länger sie aushalten, umso verbitterter. Sie sind alt bevor sie wirklich altern. Die Zeit des Ertragens und der Selbstverleugnung ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Wie oft habe ich in diese bitteren Gesichter geblickt und das Kopfschütteln wahrgenommen, wenn ich sagte: „Sie schaffen das, wenn sie die Bereitschaft haben es zu tun.“
Immer ein Nein, eine Weigerung, immer der Widerstand gegen das eigene Lebendige, aus Angst auf etwas verzichten zu müssen, was scheinbar unverzichtbar ist. Da ist jede Hilfe vergeblich.
Manchmal macht es mich traurig zu sehen wie wunderbare Frauen und auch Männer sich selbst aufgeben, nur um nicht auf etwas verzichten zu müssen, was in Wahrheit keinen Wert hat und dafür einen Preis zahlen, der es nicht wert ist an so Wertlosem festzuhalten wie Geld, Luxus oder scheinbarer Sicherheit.
Die Angst dieser Menschen ist größer als der Mut, als die Liebe zu sich selbst und die Neugier auf das Leben.
Ja, es ist schwer sich aus den Verhältnissen herauszulösen, die einem die Luft nehmen.
Es ist schwerer daran zu ersticken.

Mittwoch, 8. Juli 2020

Ausgrenzung



Foto: A. Wende

Allein in deiner eigenen Welt.
Du.
Niemand da.
Nur du.
Du fühlst dich ausgegrenzt.

Wann hast du dich ausgegrenzt?
Wann war dein Schmerz so groß, dass er unteilbar wurde?
Wann ist dein Vertrauen erloschen, das du geschenkt hast, wieder und wieder
und dann gebrochen?
Wann war der Überdruss größer als deine Zuversicht?
Wann waren die Tränen ausgeweint, die Hoffnung erloschen und dein Herz vereist?
Und niemand der es wärmt.

Allein in deiner eigenen Welt. 
Du.
Niemand da.
Nur du.
Ausgegrenzt.

Wann bist du bereit anzunehmen was war, was ist?
Vielleicht zu verzeihen?
Für dich.
Um deinetwillen.
Das kannst nur du in deiner eigenen Welt.


Sonntag, 5. Juli 2020

"Besser" werden beginnt Innen



Foto: www

C. G. Jung schrieb einmal: „Einen Menschen seinen Schatten gegenüberstellen heißt, ihm auch sein Licht zu zeigen. Er weiß, dass dunkel und hell die Welt ausmachen. Wer zugleich seine Schatten und sein Licht wahrnimmt, sieht sich von zwei Seiten, und damit kommt er in die Mitte.“ Aus Erfahrung weiß ich, er hat Recht. Die meisten von uns sind nicht in ihrer Mitte. Viele Menschen sind zerrissen in sich selbst, sie sind sich ihrer selbst nicht sicher und je selbstunsicherer sie sind, desto fester versuchen sie sich an das Bild zu klammern, das sie von sich selbst haben. In diesem Bild aber fehlt etwas, nämlich das, was sie an sich selbst nicht sehen wollen oder können.

Alles was wir an uns selbst nicht sehen wollen nennt man Schatten. 
Man könnte auch der innere Schweinhund dazu sagen. Wenn wir keine Schattenarbeit machen, sprich - unseren inneren Schweinehund aufspüren und uns ihm stellen, desto mehr besteht die Gefahr, dass uns der Schatten im Außen begegnet. Jeder äußere „Bösewicht“ ist ein Repräsentant des Schattens, den wir abspalten. Er ist der äußere Träger des fehlenden, unausgelebten oder verdrängten Prinzips unseren vollständigen Wesens.

Je massiver ein Mensch verdrängt, desto massiver werden die projizierten Träger seines fehlenden Prinzips im Außen sichtbar. 
Mit anderen Worten: Je mehr und je öfter uns im Außen Menschen begegnen oder Erfahrungen zuteil werden, die wir verurteilen oder zutiefst ablehnen und auf die wir Eigenes projizieren, desto massiver ist der Hinweis auf das, was es in uns zu entwickeln gilt um ganz zu werden.
Je beharrlicher wir versuchen, unsere Schatten zu unterdrücken, desto wahrscheinlicher wird sich diese geballte unterdrückte Energie gegen unsere Lebendigkeit wenden. Wir werden starr, weil wir uns beherrschen und kontrollieren, weil wir glauben, das, was da als innerer Schweinhund in uns lebt, kann uns nur schaden. Also halten wir ihn fest an der Leine und damit binden wir nicht nur das, was wir auch sind, sondern kostbare lebendige Energie. Wir tun das, weil wir Angst haben die Kontrolle zu verlieren, ins Chaos zu stürzen, orientierungslos zu werden, den Halt zu verlieren oder weil wir uns schämen, dass es etwas in uns gibt, was nicht „gut“ ist. Viele von uns haben sogar Angst verlassen zu werden, wenn die Anderen sehen würden, wer wir auch sind.

Wenn wir unsere Schattenenergie unterdrücken, leben wir nicht alle Teile der Person, die wir sind. Wir unterdrücken etwas Wesentliches und trennen uns von dem, was auch zu uns gehört. 
Wir schneiden es ab. Das kostet Kraft und der Schnitt schmerzt dauerhaft. Er wird zu einer Wunde, die nicht heilen will. Jede Form von Unterdrücken, ganz gleich welcher Qualität von Lebensenergie, wirkt wie ein Störfeld, das unseren Organismus durcheinander bringt. Es kommt zu psychischen und physischen Krankheiten.

Unsere Schatten hausen dort wo unsere tiefsten Ängste sitzen, dort wo wir immer wieder mit Gefühlen von Hilflosigkeit, Wut, Trauer, Verzweiflung, Ohnmacht oder brennender Sehnsucht konfrontiert werden. 
All das sind Gefühle, die wir vor uns selbst und anderen verbergen, weil wir sie als schlecht empfinden und/oder weil wir glauben sie nicht aushalten zu können. Sie stören das Bild, welches das Ego von uns hat, sie stören die Rolle, die wir uns selbst und anderen vorspielen, sie stören das Leben in dem wir uns eingerichtet haben, ein Leben von dem wir glauben nur das Gute, das Schöne, das Wahre, habe darin Platz. Aber das Leben schließt alles ein. Ein Leben das ausschließt, schließt die Seele ein und damit das, was sie erfahren will - und das ist weitaus mehr als ein funktionierender Alltag, der in Gewohnheit, Pflicht und Routine vor sich hin plätschert und in dem Unwägbarkeiten und Brüche nicht aufzutreten haben. Aber genau dort, wo wir spüren, da ist etwas schmerzhaft, finden wir das Geheimnis intensiver Lebendigkeit. Erst wenn wir verstehen, dass wir auch, wie das Leben selbst, eine dunkle Seite haben und diese anerkennen, werden wir ganz. Es ist wie mit dem Teufelchen auf der einen Schulter und dem Engelchen auf der anderen, beide sitzen da, ob wir es  wollen oder nicht. Und der kleine Teufel bleibt sitzen, auch wenn wir ihn ignorieren.

Immer mehr Menschen fühlen sich niedergeschlagen oder depressiv. Ihr ganzes Denken ist auf die Frage ausgerichtet, wie sie ihr Leben oder sich selbst optimieren und so verbessern können. 
Aber genau mit diesem sich „verbessern wollen“ mit diesem Selbstoptimierungswahn, geschieht oft das Gegenteil - sie fühlen sich schlechter als vorher, weil sie ja besser sein wollen. Sie kommen gar nicht auf die Idee dorthin zu schauen, wo das Bessere ist, nämlich dort wo etwas in ihnen selbst fehlt, weil es nicht entwickelt wurde. Auf dieses Weise schneiden sich Menschen von ihrer Ganzheit ab. Sie klammern sich an ein illusionistisches Sicherheitsdenken, das durch Verbesserung noch sicherer werden soll, und nehmen sogar Situationen als Probleme wahr, die sich ihnen als Lösungen präsentieren. Was wir suchen ist bereits da. Und das können wir dann erst sehen,  wenn wir uns von der Idee lösen, dass wir uns ständig verbessern müssen.

Wer ständig „besser“ werden will, mag sich selbst nicht, so wie er ist -  mit allem, was ihn ausmacht.  
Was ist denn, wenn ich besser werden will, der Gedanke? 
Der Gedanke ist: Ich bin so wie ich bin, nicht gut genug.
Wenn ich das glaube, gebe ich mir selbst nicht die Wertschätzung und die Liebe, nach der ich mich sehne. So kann das nicht funktionieren. Wir werden nicht besser, wenn wir im Außen nach Etwas suchen was uns verbessern soll, um unsere Defekte nicht spüren zu müssen. Denn genau dort, im Außen, begegnen sie uns, so lange bis wir sie anerkannt und als Teil unseres Wesens integriert haben.

Das Problem, das wir haben, ist der Widerstand gegen das, was in uns selbst lebendig werden will.
 Das Außen folgt immer dem Inneren. Was wir im Außen wahrnehmen  und erfahren, sind die Manifestationen unseres Unterbewussten und mitsamt all unserer Verdrängungen. 
Somit ist jeder äußere Widerstand, der sich uns in den Weg stellt, sei es eine Krankheit, eine berufliche oder private Krise, immer ein Träger eines ungelebten, verdrängten Teils in uns, der uns zeigen will – schau hin: hier gilt es etwas zu entwickeln und zu (er)lösen, udn zwar in dir. Der Ruf zur Wandlung zeigt sich immer in einer Krise. Er ist Ausgangspunkt der Krise und er kommt dann, wenn die Dinge, so wie sie sind, nicht mehr heilsam sind.
Die Krise will einen Prozess in Gang setzen - zu unserem Besten. Aber das verstehen viele Menschen nicht, sie sehen in der Krise nur eine Bedrohung gegen die man ankämpfen muss, damit sie schnell verschwindet. Daher sträuben sich viele Menschen immer dann, wenn sich Lösungsprozesse in Gang setzen wollen. Dann müssen sie ihren Schatten nicht ins Gesicht schauen. Dann werden sie aber auch nicht entdecken, was ihnen wirklich fehlt um ein besseres Leben zu leben .
Nichts macht mehr Angst als etwas aufzugeben, was scheinbar Halt verspricht, auch wenn es in Wahrheit eine wacklige Konstruktion ist, auf die da gebaut wird oder sogar die Hölle auf Erden, die man sich schön redet.

Wenn wir Wandlungsrufe mit aller Macht verdrängen, kann sich das auf allen Ebenen des Organismus ausdrücken. Darum ist es reine Energieverschwendung gegen einen Wandlungsruf anzukämpfen.
Je mehr Aufmerksamkeit wir dem Widerstand schenken, je drängender unser Wille ist – das soll weggehen – desto stärker wird der innere Widerstand. Er wächst genau in dem Maße wie wir unsere Kraft und unsere Energie gegen ihn wenden. Diese Energie fehlt uns dann auf allen anderen Ebenen unseres Lebens. Es ist wie mit einer Pflanze, die gedeiht, wenn wir ihr Aufmerksamkeit schenken. In Falle des Widerstandes wächst eine Giftpflanze wachsen, die uns langsam von Innen heraus zersetzt. Gelingt es uns aber den äußeren Widerstand als einen Spiegel unseres inneren Widerstandes zu erkennen, werden wir dazu fähig uns unsere Schatten bewusst zu machen und sie als Teil unseres Soseins anzunehmen. 
Das ist das Ja zu uns selbst.

Sich selbst erkennen heißt der eigenen Wahrheit ins Gesicht zu blicken und sie sich selbst gegenüber ehrlich auszusprechen.  
Das Ego mag das alles nicht sehen und es mag das auch nicht hören, es wird versuchen gegen uns zu arbeiten, es wird mit aller Macht die alten Denkmuster, Überzeugungen und Lebensumstände festhalten wollen, denn es fürchtet sich vor nichts mehr, als seine Macht zu verlieren. Was wenn das Bild, das ich über all die Jahre von mir aufgebaut habe, zusammenbricht? Dann bin ich erledigt, sagt das Ego. Ja, dann sind wir erledigt und zwar als der, der wir nicht sind. Aber wir werden dann zu dem was wir wirklich sind – unser eigenes Hell und unser eigenes Dunkel, wir werden ganz. Der Schweinehund darf endlich los von der Leine, er darf leben, er darf sein. Damit wird gestockte Energie frei. Der Weg der Schattenintegration ist lang und er ist mitunter auch schmerzhaft. Ich weiß aus eigener Erfahrung, es tut weh zu sehen, was wir in uns selbst auch haben und was wir gegen uns selbst richten. Aber nicht jeder Schatten ist ungut. In jedem Schatten steckt zugleich auch großes ungenutztes Potenzial, wenn wir es nur sehen wollen. In jedem Schatten steckt immer das Potenzial zur Transformation.

Viele Menschen suchen ihr Heil in der Meditation.  
Sie begeben sich auf den spirituellen Pfad, sie hoffen auf inneren Frieden und die Fähigkeit ihr Gedankenkarussell zu stoppen, manche erhoffen sich sogar damit seelische und körperliche Krankheiten zu heilen. Das ist an sich gut und schön, ich liebe es auch zu meditieren, aber die Meditation trägt die Gefahr in sich, sich in eine neue Illusion zu verhaften, sie hat das Potenzial die Verdrängung aufrechtzuerhalten oder sie sogar zu manifestieren.

"Wenn Sie versuchen, zu meditieren, ohne Ordnung in Ihrem Leben geschaffen zu haben, werden Sie in die Falle der Illusionen tappen“, sagt der weise Krishnamurti.
Er hat Recht, weil das Leben ein Erkenntnisprozess ist, der sich mit der Zeit entfaltet. Wir können diesen Prozess nicht beschleunigen und schon gar nicht herbeimeditieren, nicht bevor wir den Kanal von Innen gereinigt haben, nicht bevor die eigenen Schatten erkannt und integriert wurden. Ignorieren wir die Dynamik dieses Prozesses indem wir den Weg der Abkürzung nehmen, bestätigen wir nur wieder das Ego, das will und nicht warten kann, das keine Geduld besitzt, das verbessern will ohne vorher aufzuräumen und aus dem Keller zu holen, was gesehen werden will.

Das Ego ist unfassbar trickreich, wenn es seinen Machtverlust spürt und es ist so schlau, dass es sogar spirituelle Konzepte dazu benutzt, sich zu stabilisieren und weiter zu „verbessern“.  
Die wahre spirituelle Reise führt uns wie die Helden im Märchen immer auch durch die Schattenwelt und zwar durch die eigene. Die spirituelle Reise unseres Lebens bedeutet nicht, dass wir an einen anderen Ort gelangen, wo etwas auf uns wartet, was besser ist als das, was ist und was wir glauben nicht zu haben. Sie führt dahin uns in unserer ganzen Person zu begreifen und uns unserer Selbst und damit unserer Bestimmung bewusst zu werden. Und diese liegt nicht im friedlichen Nirwana eines idealen Ortes irgendwo da Vorne, wie wir es gern hätten, sie zu finden ist ein Prozess der nach Innen geht und zwar nach Hinten in die Erinnerung an unsere wahres Wesen mitsamt dem, was wir verdrängen. 
Jeder der diese Reise macht, weiß, der Weg geht zuerst einmal durch die dunkle Nacht der Seele, denn nur an deren Ende beginnt ein neuer Morgen.
Sich selbst erkennen heißt, sich an sich selbst erinnern und zwar an das, was von Beginn an in uns ist. "Was du nicht lebst, lässt dich nicht leben", sagt eine alte Therapeutenweisheit. Ist diese Frage beantwortet, kann die Wandlung beginnen.