Mittwoch, 6. Juli 2022

Aus der Praxis: Zukunftsängste - Was ist hilfreich?

 

                                                               Foto: pixybay


Gestern sagt eine Klientin zu mir, wenn sie sich in der Welt umsieht, hat sie große Angst. Am Liebsten, meinte sie, würde sie gar nicht mehr raus gehen, weil ihr so Vieles im Außen bedrohlich erscheint. Sie habe Angst davor wie es weitergeht in der Welt und mit ihrem eigenen Leben, denn das alles sähe nicht gut aus.
Ich kann sie gut verstehen. Auch ich sehe, dass vieles in der Jetztzeit nicht gut aussieht und auch ich kenne Zukunftsängste.
Es ist okay Angst zu haben, sagte ich zu ihr, und es ist okay sie ernst zu nehmen und dann aber nach Lösungen zu suchen, um mit der Angst angemessen umzugehen.
 
Angst vor der Zukunft kann uns belasten.
Manchmal so sehr, dass wir die Gegenwart nicht mehr wahrnehmen oder sie verzerren. Wir sehen nur noch das, was uns Angst macht. Je mehr wir uns darauf fokussieren, desto größer wird unsere Angst. Zukunftsangst macht es uns schwer das Jetzt zu erleben und zu genießen.
»Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie." schrieb Erich Kästner.
Es ist absolut normal, dass wir uns Gedanken über die Zukunft machen, denn sonst würden wir absichtslos in den Tag hineinleben und nach Lust und Laune machen, was uns gerade in den Sinn kommt. Es würde uns nicht interessieren, was Morgen ist. Carpe Diem ist eine feine Sache und den Moment leben, ist auch eine feine Sache. So gut es geht, sollten wir das auch tun, präsent im Hier und Jetzt sein. Das bedeutet aber nicht, dass wir die Zukunft vollkommen ausblenden und nicht darüber nachdenken, wie wir sie sinnvoll gestalten wollen und im Heute für das Morgen vorsorgen. 
 
„Das, was du heute denkst, wirst du morgen sein“, sagte Buddha. 
 
Er hat Recht. Wir säen mit unseren Gedanken und dem daraus folgenden Handeln die Samen für unsere Zukunft. Für mich gehört es zu einem bewussten, achtsamen Leben, vorrauschauend zu sein, Dinge zu planen und uns eine Vorstellung von der Zukunft zu machen und sie einzuschätzen. Dazu gehört auch, dass wir uns fragen, ob dieses oder jenes, was wir planen und säen, sinnvoll ist und ob es Früchte trägt. Im besten Falle haben eine Vision, denn diese gibt uns Kraft und Mut zum Handeln. Eine klare Vision schenkt uns Vertrauen, Zuversicht und motiviert uns im besten Wissen und Gewissen alles zu tun, was uns in unserem Einflussbereich möglich ist. 
 
Zukunftsängste sind Blockaden.
Diese Ängste blockieren uns, sie lähmen uns und machen eng. Sie können uns sogar ohnmächtig und wütend machen. Im schlimmsten Falle resignieren wir, gleiten in eine Depression oder entwickeln eine Angststörung.
Was sind Zukunftsängste?
Zukunftsängste produzieren schwer zu kontrollierende, kreisende Gedanken. Die Gegenwart ist von unheilsamem Grübeln belastet. Ständig ist da die Frage nach dem „Was wäre wenn und was passiert, wenn?“ Es kommt zu einer negativen Haltung gegenüber allem, was kommt. Wir neigen zum katastrophisieren und machen ständig neue Worst-Case-Szenarien auf, nach dem Motto „schlimmer geht immer“. 
 
Was können wir tun?
1. Erkennen
2. Akzeptieren
3. Erforschen (Körper, Gefühle, Geist)
4. Nicht Identifizieren 
 
1. Erkennen 
wovor genau wir Angst haben und uns das einmal aufschreiben, damit sie weniger diffus sind und damit wir eine klare Vorstellung davon bekommen, womit wir es eigentlich zu tun haben. Dann können wir schauen, was unsere größte Angst ist. Welche Angst also unter all den Ängsten liegt und diese dann füttern. Hilfreich ist es auch unsere Ängste zu strukturieren in beeinflussbare Ängste und in Szenarien, die wir nicht beeinflussen können.
 
2. Akzeptieren
Unsere Ängste annehmen und sie ernst nehmen. Denn, je mehr wir versuchen, etwas zu verdrängen, desto größer baut es sich auf. Je größer der innere Widerstand, desto größer der innere Druck. Darum ist es hilfreich unsere Zukunftsängste anzunehmen. Nur was wir annehmen, können wir auch verwandeln.
Wenn wir bemerken, dass Angstgedanken kommen, sollten wir nicht versuchen sie zu unterdrücken, sondern sie beobachten und dann zu uns selbst sagen: Es ist okay Angst zu haben. Das ist ein Teil in mir. Aber jetzt ist er nicht hilfreich.
Und uns dann fragen: Was ist jetzt hilfreich?
Wir können Atmenübungen machen und uns bewusst machen: Ich hin im Hier und Jetzt und in diesem Moment bin ich sicher. Je öfter wir das praktizieren, desto besser gelingt es uns, uns selbst zu beruhigen. Wir machen die Erfahrung von Selbstberuhigungskompetenz, die uns zu mehr Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit verhilft. 
 
3. Erforschen
Wo im Körper spüre ich meine Angst?
Welche Gefühle und Impulse ruft sie hervor?
Was denke ich, bevor und wenn ich Angst empfinde?
Was ist jetzt?
Wo befinde ich mich jetzt?
Wie fühle ich mich jetzt?
Wie geht es meinem Körper jetzt?
Es geht beim „Hier und Jetzt“ nicht darum, keinen Gedanken mehr an etwas zu verschwenden, das in der Zukunft liegt, es geht darum, den jetzigen Moment bewusst wahrzunehmen und das zu trainieren. Durch das beobachtende Erforschen werden die körperliche Anspannung und der innere Stress abgebaut. Je öfter uns das gelingt, desto ruhiger werden wir. 
 
4. Nicht identifizieren
Ich „bin“ nicht meine Angst! Ich „habe“ Angst!
Und ich habe die Macht sie zu regulieren. Ich kann damit umgehen. Ich kann sie beobachten und damit kann ich Abstand zu ihr einnehmen.
Ich mache den Realitätscheck.
Dazu ist es hilfreich die kreisenden Angstgedanken auf der Verstandesebene zu betrachten und sich zu fragen: Wie realistisch ist es, dass dieses oder jenes wirklich eintritt? Was spricht dagegen? Wenn es eintritt: Was wäre das Schlimmste was passieren kann? Wäre das dann so schlimm, wie es mir meine Angst einzureden versucht? 
 
 
Das sind nur einige Möglichkeiten um mit Zukunftsängsten umzugehen. Was auch hilft ist reden. Rede dir deine Ängste und Sorgen von der Seele - und zwar mit einem Gegenüber, was dir achtsam zuhört und dich ernst nimmt. 
Übrigens: Zukunftsängste können sich verstärken, wenn ein Mensch aufgrund mangelnden Selbstvertrauens glaubt bestimmte Szenarien nicht meistern zu können. Deshalb ist es hilfreich sich der eigenen Stärken und Ressourcen bewusst zu werden, um zuversichtlich in die Zukunft zu blicken, im Bewusstsein: Egal, was kommt, ich schaffe das. 
 
Wenn Du unter Zukunftsängsten leidest und Unterstützung brauchst, bin ich für Dich da.
 
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 1. Juli 2022

Niemand schuldet uns etwas

 
                                                  Mixed Media: Angelika Wende
 
 
Das Leben ist manchmal so schmerzerfüllt, dass es kaum aushaltbar erscheint.
Viele von uns haben das schon erlebt oder erleben es gerade. In diesen Zeiten wird uns so viel abverlangt, dass wir glauben, wir schaffen das nicht. Wir sind so müde und erschöpft, wir fühlen uns so hilflos und verzweifelt, dass wir unter der Last zusammenzubrechen drohen. Wir fühlen uns verlassen von Gott und der Welt.
Ich kenne das gut. Ich bin in meinem Leben durch einige solcher Phasen gegangen und es fühlte sich an wie ein Gang durch die Hölle. Ich bin durchgegangen, zähneknirschend, aber in dem festen Glauben an mich selbst und dem Vertrauen in eine höhere Macht, dass ich da wieder raus komme und bisher war es auch so. 
 
Bei manchen Menschen aber führen schmerzerfüllte Zeiten dazu, dass sie eine große Wut entwickeln und nach Schuldigen suchen. Sie sind wütend auf die Welt und die Menschen, denen es besser geht. Sie werfen ihnen vielleicht sogar vor, dass sie es besser machen, ohne sich der Kämpfe und Gefühle dieser Menschen bewusst zu sein.
Aus dieser Wut wird dann ein tiefer Groll. Sie haben das Gefühl, andere oder das Leben schulden ihnen etwas. Tief gekränkt von dem Schmerz, die ihnen widerfährt, suchen sie sich Projektionsflächen auf die sie ihren Groll und ihre Wut richten können.
Das Gefühl ist verständlich, die Haltung ungesund. 
 
Haben wir das Gefühl das Leben oder die anderen schulden uns etwas, sind wir in der Opferposition und wandeln uns zum Täter, indem wir verbal auf andere einschlagen oder sie auf emotionaler Ebene angreifen. Glauben wir, bewusst oder unbewusst, dass andere oder das Leben uns etwas schulden, wegen der emotionalen Schmerzen, die wir haben, sind wir auf dem Holzweg.
 
Niemand schuldet uns etwas.
Schulden werden von Behörden und Ämtern erhoben, nicht vom Leben und nicht von anderen Menschen oder in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Mit dieser Haltung richten wir nur destruktive Energie ins Außen, die uns wie ein Bumerang selbst trifft. So wird nichts besser, so wird es noch schmerzhafter.
Wir haben die Wahl: Wir tun was uns möglich ist, übernehmen Verantwortung und wenn wir es allein nicht schaffen, holen wir uns Hilfe um durch die schmerzhafte Zeit zu kommen, oder wir verbittern im Groll, der nichts bewirkt, außer, dass er uns selbst vergiftet und die Beziehung zu anderen und zum Leben.

Donnerstag, 30. Juni 2022

Frei

 

                                                                       Foto: www

 

Dich selbst aushalten. Allein. In der Stille.

Nichts was dich ablenkt, nichts worauf du dich freuen kannst.

Nichts tun.

Nichts, nur du selbst.

Du kannst nicht fliehen.

Nicht ausweichen.

Musst dich dir selbst stellen.

 

Normalerweise drückst du dich davor.

Ignorierst die Stimmen, die dann hochkommen.

Kompensierst.

Gehst an den PC.

Drehst die Musik auf.

Machst den Glotzkasten an.

Gehst raus.

Läufst, joggst.

Genehmigst dir einen Drink.

Schluckst eine Tablette.

Rufst Leute an.

 

Alles.

Nur nicht dich selbst aushalten. In der Stille. Allein.

Aber genau da musst du durch.

Durch deine Angst. Deine Ohnmacht. Deine Trauer. Deine Wut. Deine Einsamkeit.

In sie hineingehen, um sie aufzulösen.

 

Genau dieser Prozess ist gemeint, wenn du dich selbst erkennen und annehmen willst.

Du darfst dich dir selbst stellen.

Wenn du dich selbst aushalten kannst, bist du frei.

 

 

 

 

Mittwoch, 29. Juni 2022

Aus der Praxis: Co-abhängig – Entgiftung und Entzug

 

                                                                Foto: A.Wende


Wenn wir uns aus der Co-abhängigkeit befreien, sind wir auf kaltem Entzug.

Wir verzichten auf unser Suchtmittel und halten es kaum aus.

Wir sind wütend, dass wir wieder durch ein tiefes Tal gehen müssen.

Wir glauben, das Leben ist gemein und meint es nicht gut mit uns.

Wir sind unruhig, wissen nicht wohin mit uns.

Wir zweifeln daran, ob unsere Entscheidung richtig war.

Uns geht es doch noch mieser, als in der Co-abhängigkeit.

 

Plötzlich ist es bedrohlich still um uns.

Keiner um den wir uns kümmern können, keiner, der uns braucht, keiner, den wir kontrollieren, umsorgen und bemuttern können.

Keiner, der uns von uns selbst ablenkt, damit wir uns nicht spüren.

Keiner, der uns abwertet um uns dann wieder in die höchsten Höhen zu heben.

Uns fehlt die Dopaminzufuhr, die uns nach jedem Drama mit dem erlösenden: „Es tut mir so leid. Ich liebe dich doch, ich brauche dich doch “, injiziert wurde.

 

Wir sind vollkommen auf uns selbst reduziert.

Wir sind leer und zugleich sind wir voller Schmerz und Sehnsucht nach dem Drama, das so intensiv war und in dem wir uns so lebendig gefühlt haben, egal wie beschissen es war.

Wir fühlen uns wie ein Kämpfer, der jahrelang gekämpft hat und wieder nach Hause kommt und nicht mehr weiß, wozu er überhaupt da ist.

 

Wir sind orientierungslos, müde und erschöpft.

Wir wissen nicht wohin wir unseren Focus richten sollen, nachdem wir ihn so lange auf die Person gerichtet haben, die der Dreh-und Angelpunkt unseres Lebens war.

Wir haben keinen Plan.

Wir wissen nicht, wohin mit uns.

Wir wissen nicht, was aus wird und ob es je wieder gut wird.

Wir sind verzweifelt und fühlen uns zutiefst einsam und verlassen.

 

Wir suchen nach einem Anker.

Unsere Abhängigkeit schreit nach dem einzigen Anker, den sie kennt – den, der unser Suchtmittel war.

Wir wissen, dass jedes Greifen, jeder Kontakt, einen Rückfall bedeutet und lassen es, weil unser Verstand weiß, dass es unheilsam ist und unseren Heilungsprozess nur verlängert und wir wieder von vorne beginnen müssen.

 

Wir wollen das jetzt aushalten, so wie der genesende Alkoholkranke es aushalten will um nüchtern zu bleiben und nicht das Gift anzurühren, das sein Leben zerstört.

„Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und und unser Leben nicht mehr meistern konnten.“ Entsprechend dem ersten Schritt der Zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker, gilt das auch für uns Co-abhängige.

 

Wir haben uns gegen die Zerstörung entschieden.

Wir entgiften.

Wir wissen, wie schwer das ist.

Wir wissen um unseren Kampf gegen die Sucht des anderen und lernen jetzt, was es heißt, gegen eine Sucht anzukämpfen.

Wir trauen uns das zu, was wir vom anderen erwartet haben.

Wir wollen den Suchtdruck aushalten, der schreit: Erlöse mich!

Wir wissen, dem Druck nachzugeben ist keine Erlösung, sondern wieder ein Absturz und weiteres Leid.

 

Wir wollen das nicht mehr.

Wir haben uns entschieden, es nicht mehr zu wollen.

Wir haben uns entschieden, nüchtern und klar zu werden.

Wir haben uns für unsere Heilung entschieden.

Wir haben die Bereitschaft die Konsequenzen zu tragen, weil wir wissen, dass sie zu unserem Heilungsprozess gehören.

 

Wir lernen uns selbst auszuhalten, mit allem, was da an Gefühlen ist.

Wir sorgen jetzt gut für uns selbst.

Wir sind bereit Vertrauen zu haben, dass die Dinge gut werden, ohne dass wir den Fortgang kontrollieren müssen. 

 

Wir schaffen das!

Wir halten den Entzug aus, weil wir es wollen.

Wir entgiften.

Für uns. Für unsere Genesung.

Für unsere Freiheit. 

 

 

Wenn Du Dich aus einer co-abhängigen Beziehung lösen möchtest, bist du herzlich willkommen im 1: 1 Coaching.

Melde dich unter:

aw@wende-praxis.de

 

In einem unverbindlichen, 20 minütigen Erstgespräch können wir uns kennenlernen und ein Gefühl füreinander bekommen.

Ich freue mich auf Dich!

 



Dienstag, 28. Juni 2022

Chaos und Transformation

 

                                                               Foto:pixybay

 
Es herrscht Krieg in der Welt.
Dieser äußere Krieg spiegelt uns den mentalen und emotionalen Krieg, der seit zwei Jahren in der Welt und in den Seelen der Menschen stattfindet.
Seit Beginn der Coroana Pandemie werden wir in Angst, Unsicherheit und Unfreiheit gehalten. Wir werden immer mehr fremdbestimmt.
Unser Alltag ist beherrscht von Regeln und Verboten, die unsere Selbstbestimmung und unsere Freiheit begrenzen.
Manipulation und Panikmache sind an der Tagesordnung.
Drohszenarien werden täglich neu eröffnet.
Wir werden mit Angst gefüttert.
Dem Herbst und dem Winter schauen wir mit Sorge entgegen.
Es wird über uns entschieden und wir fühlen uns machtlos.
 
Viele von uns sind zutiefst verunsichert.
Viele von uns sind orientierungslos.
Viele von uns sind erschöpft und müde.
Viele von uns sind emotional und mental überfordert.
Manche von uns sind verzweifelt oder gelähmt.
Manche von uns haben den inneren Kompass verloren.
Viele von uns wissen nicht mehr woran wir uns halten sollen.
Was wir kannten, worauf wir vertraut und gebaut haben, löst sich nach und nach auf.
Der sichere Boden wackelt. Was uns Halt gab zerbröselt.
Menschen sind gespalten.
Beziehungen haben sich aufgelöst oder lösen sich auf.
Fast nichts kann und wird weiterlaufen wie bisher.
Chaos macht sich breit. 
 Ein Zustand vollständiger Unordnung und Verwirrung.
 
Chaos entsteht, weil eine neue Ordnung errichtet werden muss – individuell und im Kollektiv, im Kleinen wie im Großen.
Aber im Chaos ist immer der Aspekt der Transformation enthalten.
Eine notwendige, eine wichtige, eine für die Menschheit existentiell notwendige Transformation muss stattfinden.
Das Unheilsame „Höher, Schneller, Weiter“, muss sich auflösen.
Es hat uns genau dahin geführt, wo wir jetzt stehen.
Die überkommenen Strukturen und Konzepte müssen sich auflösen.
Ein neues Bewusstsein ist dringend notwendig.
So wie es war, können wir nicht weitermachen.
 
Wir stehen an der Grenze zu einem neuen Bewusstsein.
Je enger die äußeren Grenzen sind, je massiver die Fremdbestimmung ist, desto deutlicher zeigen sie uns: Wir sind aufgefordert unsere mentale Grenzen, unsere alten Konditionierungen, unsere Glaubensmuster und den Grad unserer Fremdbestimmung zu erkennen und zu durchbrechen.
 
Je verstörender unsere Gedanken sind, desto deutlicher zeigt uns das: Wir dürfen lernen Klarheit zu finden. Klarheit finden, um all die zweifelnden und verstörenden Gedanken zu besänftigen und aufzulösen. Klarheit um herauszufinden, was wir wirklich brauchen, wo wir stehen und wohin wir gehen wollen.
 
Je unsicherer wir uns fühlen, desto mehr dürfen wir ins Fühlen kommen: Fühlen ist Bewusstsein. Fühlen schafft Klarheit und Mitgefühl mit uns selbst und unseren Nächsten. 
 
Je größer und mächtiger die Angst ist, desto deutlicher zeigt sie uns: Wir dürfen unsere Ängste und Abhängigkeiten erkennen und transformieren.Wir dürfen frei werden, um uns an unsere spirituellen Wurzeln zu erinnern, in sie vertrauen und sie lebendig werden lassen.
 
Wir dürfen uns wandeln.
Wir dürfen erkennen, was wirklich wichtig ist.
Wir dürfen loslassen, was nicht wichtig ist.
Wir dürfen erkennen und leben, was heilsam ist.
Wir dürfen sein lassen, was unheilsam ist.
Jeder für sich und jeder für alle. 
 
Wir sind aufgefordert uns auf die wahren Werte ausrichten.
Einfachheit, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Klarheit, Achtsamkeit, Empathie, Vertrauen und Wertschätzung, Liebe, Nächstenliebe, Frieden. 
Für uns selbst, Füreinander und miteinander.
 
Eine Transformation ist im Gange.
Eine Umformung, eine Umgestaltung, eine Umwandlung des Alten in etwas gänzlich Neues. Alles Alte, Überkommene, was uns nicht mehr dient, wird zerstört, sonst kann nichts Neues entstehen.
Jeder von uns ist aufgerufen, das Neue mit zu erschaffen und zu gestalten, durch unsere innere Haltung, unser Mitgefühl, unsere Eigenverantwortung, unsere Verantwortung für das Ganze, unsere Entscheidungen und unser Handeln im Sinne eines neuen Bewusstseins.
Wir alle sind Teil des großen Ganzen.
Jeder noch so kleine Teil beeinflusst das Ganze.
Wir sind nicht machtlos.
Jede Transformation ist ein längerfristiger, andauernder Lern- und Suchprozess. Dieser Prozess ist mit vielen Unsicherheiten verbunden. Er kommt erst dann zum Abschluss, wenn sich neue Strukturen dauerhaft etabliert und stabilisiert haben.
Eine Transformation gleicht einer eine Geburt.
Wie diese geht sie nicht ohne Geburtswehen von statten.
Am Ende entsteht ein neues Leben.
Und jeder von uns ist ein Geburtshelfer.

Sonntag, 26. Juni 2022

Ein Weg

 



Wir sind diesen Weg gegangen.
In der Hoffnung, dass es irgendwann besser wird.
Wir haben gekämpft, in der Hoffnung, dass wir irgendwann den Kampf gewinnen werden.
Doch das ist uns nicht gelungen.
Also war es nicht der richtige Weg.

Mittwoch, 22. Juni 2022

Aus der Praxis: Warum du einen Alkoholiker niemals retten kannst

 

                                                                    Foto: Pixybay

CO-abhängige von Alkoholkranken versuchen oft bis zur Selbstaufgabe einen Alkoholiker zu retten. Viele Co-abhängige leiden unvorstellbar. Sie leiden sogar mehr als der Alkoholiker, der sich jederzeit betäuben kann, um sein Leiden nicht mehr zu spüren. Co-abhängige verlieren sich darin dem Alkoholiker helfen zu wollen. Sie glauben, wenn sie sich nur genug kümmern, ihm genug helfen, ihm genug geben, ihn genug lieben, wird er oder sie, irgendwann zur Einsicht kommen.

Sie nehmen in Kauf, dass ihr eigenes Leben zur Hölle wird. Sie ertragen emotionale Verletzungen, sie halten ihre Hilflosigkeit, ihre Ohnmacht, ihre Scham und ihre Wut, ihre Verzweiflung und ihre seelische und körperliche Not stoisch über Jahre oder ein Lben lang aus. Sie verleugnen ihre Wünsche, ihre Ziele, ihre Sehnsüchte und missachten ihre Bedürfnisse und ihr Seelenheil. Sie funktionieren auch dann noch wenn sie gedemütigt, beschimpft, belogen, betrogen, beschuldigt, beschämt und manipuliert werden oder Gewalt erleben. Sie halten die Beziehung am Laufen, egal was es sie kostet. Und damit sind sie Mitgefangene der Sucht.

Sie sind besessen vom Wunsch den Alkoholiker zu retten. 

Was sie nicht wissen: Es wird ihnen niemals gelingen.

Warum nicht? Weil Sucht nur von innen und niemals von außen zu stoppen ist.

Dazu muss man Sucht verstehen. Und das verstehen viele Co-abhängige nicht. Sie drehen sich zwar ständig um den Alkoholiker, aber sie können sich nicht in seine innere Welt hineinversetzen, was absolut verständlich ist. Aber genau das ist entscheidend, um diese innere Welt zu erfassen und in ihrer Tiefe zu verstehen. Es ist entscheidend um zu erkennen: „Ich gebe zu, dass ich dem Alkohol gegenüber machtlos bin und mein Leben nicht mehr meistern kann.“

Entsprechend dem ersten Schritt der Zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker, gilt das auch für den Co-abhängigen.

Wenn Alkohol Probleme schafft, ist Alkohol das Problem.

Die größte Angst des Alkoholikers ist, ein Leben ohne Alkohol leben zu müssen. Der Alkohol ist sein Allheilmittel, sein Rettungsring,  in jeder Lebenslage. Er ist sein Helfer, sein Tröster, sein Mutmacher, sein Vergessen, sein Stimmungsaufheller, sein Problemlöser, sein Angstlöser, seine verlässlichste und wichtigste Beziehung.  

Der Alkoholiker glaubt selbst dann noch an sein Allheilmittel, wenn er alles zerstört und alles verliert. Allein die Vorstellung das Leben ohne Alkohol bewältigen zu müssen, sich nicht mehr mit Alkohol betäuben zu können, ist für ihn die Hölle.   Wenn man einem Alkoholiker den Alkohol wegnehmen will, nimmt man ihm sein Ein und Alles. Niemals ist er bereit kampflos aufzugeben. Die Macht des Alkohols ist in der chronischen Phase der Sucht so groß, dass der Alkoholiker sogar den Tod in Kauf nimmt, bevor er bereit ist die Krankheit zu stoppen.

Die Weigerung sich helfen zu lassen ist übrigens ein typisches Merkmal der Krankheit Sucht. So toxisch und zerstörerisch seine Sucht auch ist, der Alkoholiker wird solange sein Gift konsumieren bis er daran zugrunde geht, wenn von Innen nicht der Moment kommt, in dem sich der Schalter umlegt.

Co-abhängige kämpfen also einen Kampf, den sie niemals gewinnen können. 

Nicht durch Bitten, nicht durch Kontrollieren, nicht durch Mahnen, nicht durch Drohen nicht durch Wut, nicht durch Tränen und nicht durch Liebe. Der Gegner, den sie bekämpfen ist nicht der uneinsichtige Süchtige, sondern die Droge Alkohol. Der Alkohol ist stärker als der Süchtige, er hat die absolute Macht über sein Leben. Damit hat er auch die absolute Macht über die Ohnmacht der Co-abhängigen. 

Das zu begreifen und zu verinnerlichen, sich dieser traurigen Wahrheit zu stellen, ist der erste Schritt für den co-abhängigen Menschen um seinen Heilungsprozess zu beginnen. Erst wenn er das wirklich verinnerlicht hat, ist er überhaupt fähig, das zu tun, was er tun muss um sich aus der Endloschleife der toxischen Beziehung mit einem uneinsichtigen Alkoholiker zu lösen: Sich um sich selbst kümmern und um seine eigene Abhängigkeit.