Donnerstag, 20. Juni 2024

Ein verletztes Herz

 

"Ich kann mein Herz nicht mehr öffnen, weil ich verletzt wurde."

Denke und glaube ich so, bleibe ich an meinem Schmerz haften. Ich bleibe an denen oder dem haften, der ihn mir zugefügt haben. Ich füge mir selbst über den Schmerz hinaus Leid zu. Ich mache aus Schmerz Leiden, im Glauben mir eine schützende Rüstung um mein Herz legen zu müssen, auf dass mich nichts und niemand mehr verletzt. Aber, in dieser Rüstung lebt es sich nicht gut. Sie ist hart und eng. Sie macht Atmen schwer, Bewegung schwer, trennt mich von all dem, was mir nah kommen will. Sie macht verdammt allein. Aus Selbstschutz wird Selbstquälerei.

Es ist schwer sich aus der der Verhaftung mit einem alten Schmerz zu herauszulösen, schwer die schützende Rüstung abzulegen im Wissen – jetzt bin ich wieder verletzbar. Schmerz ist wieder möglich. Neuer Schmerz. Manchmal kann es sogar soweit kommen, dass die Rüstung so vertraut oder sogar so liebgeworden ist, weil sie mir als Schutz für mein verletztes Herz gute Dienste leistet. Das Herz aber wird leiden. Es wird an der Enge langsam ersticken. Es wird an Einsamkeit, an Verbitterung, an Resignation erkranken.

Um die Rüstung abzulegen und zu gesunden, bedarf es der Verantwortungsübernahme – und zwar für das eigene Leben. Und das bedeutet - uns zu öffnen für das Leben, wieder und wieder, auch wenn wir verletzt sind und auch wenn wir die Gefahr eingehen wieder verletzt zu werden.

„Das Leiden, die Not gehört zum Leben dazu, wie das Schicksal und der Tod“ , schreibt Viktor Frankl.

 

Es gibt immer schmerzvolle Dinge und Umstände, denen wir als Mensch unausweichlich begegnen. Es gibt das Schicksal, das manchmal ein Arschloch ist. Es gibt so vieles, was nicht in unserer Hand liegt. Es gibt Erfahrungen, die uns alles abverlangen und denen wir uns stellen können oder nicht. Es gibt Dinge, die unveränderbar sind, egal wie sehr wir uns dagegen wehren.

Wie wir damit umgehen, wie wie wählen, allein das liegt in unserer Hand. Was wir damit machen, liegt in unserer Hand. Das entscheiden wir selbst. Jeden Tag haben wir neu die Wahl, angesichts des Schmerzes, den wir fühlen zu resignieren – oder aus dem Schmerz heraus unser Leben neu zu gestalten, indem wir den Sinn im eigenen Leiden zu erkennen suchen,  indem wir uns fragen:  

Aus welchem Grund bin ich in dieser Lage?  

Was will das Leben jetzt von mir?

Worin könnte meine Aufgabe, meine Herausforderung liegen?

 

„Es ist das Leben, das uns die Fragen stellt, wir haben zu antworten und diese Antworten zu ver-antworten“, Nichts anderes kommt uns Menschen zu!“, schreibt Frankl weiter.

 

Was heißt das?

Es heißt die Herausforderung anzunehmen indem wir uns zu fragen: Wozu fordert mich mein Schmerz  heraus?

Und: Welche Antwort will ich geben?

Will ich mein Leid vermehren oder es wandeln?

 

Sich wandeln hat einen Preis, nämlich den die scheinbar sichere Rüstung abzulegen, den Schmerz loszulassen, die Verbitterung und die Resignation loszulassen und aufhören zu sagen: "Ich kann mein Herz nicht mehr öffnen, weil ich verletzt wurde." Auch ein verletztes Herz kann wieder ganz werden, nicht mehr ganz so ganz wie es einmal war, aber mutiger, weicher, wissender, weiser, mitfühlender, ehrlicher und wahrhaftiger sich selbst und damit anderen gegenüber.

Wir können die Rüstung ablegen und uns fragen:

Wofür will ich mein Herzblut geben?

Was will ich aus meinen Herzen heraus in die Welt geben?

 

 

Samstag, 15. Juni 2024

Tiefes Verständnis

 

                                                                     Foto: A.Wende


Ich sehe dich, ich höre dich, ich verstehe dich, ich fühle dich, ich nehme dich ernst.
 
DICH
Egal, was meine Meinung ist.
Egal, ob ich die Dinge anders sehe.
Egal, was und woran ich glaube.
Egal, was ich denke.
 
Ich höre DIR zu ohne mit dem meinen zu antworten.
Ich nehme DEINE Emotionen ernst, auch wenn meine Emotionen andere sind.
Ich begegne DIR mit Offenheit und Empathie, auch wenn ich anders fühle, denke oder andere Erfahrungen habe.
Ich bewerte das DEINE nicht.
Ich beurteile nicht.
Ich verurteile nicht.
Ich höre DEINE Geschichte.
Ich überlagere das DEINE nicht mit dem Meinen.
Ich übertrage das meine nicht auf das DEINE.
Ich projiziere das Meine nicht auf das DEINE.
Ich nehme DICH ernst.
Ich achte und respektiere DEINE Worte.
Ich achte und respektiere DEINE Gefühle und Gedanken.
Ich achte und respektiere DEINE Wahrheit, auch wenn es nicht die meine ist.
Ich bin DIR gegenüber offen.
Nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen.
Ich gehe mit DIR in Resonanz. 
 
So entsteht tiefes Verständnis und tiefe Verbundenheit.


Mittwoch, 12. Juni 2024

Ein offener Geist

 

                                                                    Foto: pixybay


Es herrscht viel Angst in dieser Zeit.
Aus dieser Angst heraus versuchen Menschen die Zukunft zu kontrollieren oder sie versuchen vorhersehen zu wollen, was passiert.
Wahr ist: Wir können die Zukunft nicht vorhersehen.
Keiner von uns weiß, was kommt und was sein wird.
Manche aber behaupten zu wissen.
Sie geben Prognosen ab, machen unheilsame Prophezeiungen oder malen Bilder in den Köpfen der Menschen, was Schlimmes auf sie kommt, wenn sie dies und das nicht tun.
Selbsternannte SeherInnen projizieren ihre verdrängten Schatten und ihre Ängste auf ihre Mitmenschen und den Zustand der Welt, geben ihren Followern Ratschläge was zu tun ist und hetzen Menschen gegeneinander auf. Sie betreiben Spaltung nach dem Motto: Wir sind die Guten und die anderen die Bösen. Und nur die Guten werden den drohenden Zerfall dieser Welt überleben.
Das Netz ist voll von bedrohlichen und angstmachenden Informationen, voll von Meinungen, Scheinwissen, Überzeugungen und Konzepten.
Je nachdem mit welchen Informationen wir unseren Geist täglich füttern, verfallen wir einem Glauben. Je mehr wir einem Glauben verfallen, desto mehr wird er zu unserer Wahrheit. Alles was dieser Wahrheit nicht entspricht, wird dann ausgeblendet. Der Geist ist verblendet. 
 
Verblendung ist niemals Klarheit und schon gar nicht Wissen und Wahrheit.
Ein gesunder Geist ist offen.
Seine Haltung ist die der Offenheit und der Unvoreingenommenheit.
Er hat Verstehen erlangt.
Dazu gehört die Haltung des “nicht wissens”.
Zu wissen ist die Haltung des Egos, weil das Ego sich sicher fühlen muss. Meinen zu wissen, verhilft dem Ego dazu sich mächtig zu fühlen. Wer glaubt jemand zu sein, der alles weiß, ist engstirnig, nicht willens zu lernen und auf Seelenebene zu wachsen.
Ein Mensch mit engstirnigem Geist sagt: „Ich weiß“.
In Wirklichkeit weiß er nichts. 
 
Entwicklung und Wachstum bedeutet: Offenheit, geistige Weite und die Bereitschaft zu erfahren und zu lernen.
Eine offene Geisteshaltung bedeutet auch zu erkennen, dass es beides in dieser Welt gibt. Das Negative und das Positive. Das Gute und das Ungute. Ein offener Geist weiß um beides und versteht beides. Er ist bestrebt das Gute zu tun, damit in seinem Einflussbereich nichts Ungutes entsteht.
Er schützt sich vor negativen Energien. 
 
Woran erkennen wir negative Energie?
Negative Energie erkennen wir daran, dass sie Ängste schürt.
Sie urteilt, beurteilt und verurteilt.
Sie ist starr, engstirnig und regide.
Sie betreibt Schwarzmalerei.
Sie redet andere Menschen und andere Ansichten schlecht.
Sie denkt die Welt sei böse und ihr etwas schuldig und lebt ständig in einer Anklage- und Vorwurfshaltung.
Sie betreibt Manipualtion.
Sie drückt anderen ihre Meinung auf.
Sie wertet alles ab, was nicht in ihren Denkrahmen passt.
Sie hat ein Netzwerk von unbewussten Fesseln und starren Glaubenssätzen, das so dicht ist, dass die Fähigkeit, offen zu denken und zu fühlen, fehlt.
Um dieser negativen Energie nicht anheim zu fallen, ist Bewusstsein erforderlich. Das bedeutet: Den Geist offen zu halten und achtsam zu sein, womit wir ihn nähren. 
 
Je achtsamer wir sind, je offener und klarer unser Geist ist, desto kleiner wird die Angst und umso größer wird das Vertrauen in uns selbst und unseren Weg in eine unbekannte Zukunft.

Montag, 10. Juni 2024

Warum ist es so schwer im Jetzt zu bleiben?

 

                                                                    Foto: Pixybay

 
"Wir haben nur den Moment. Wir leben im Jetzt. Das Jetzt ist alles, was wir haben. Zeit ist eine Illusion. Ich bin das Jetzt."
Wir alle wissen das.
Unser Leben spielt sich in der Gegenwart ab, nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft. Was wir auch wissen: Wir sind nicht nur das Jetzt, wir sind alles: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, denn wir haben eine Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und mit einem Ende, irgendwann dann.
Die meistem von uns schaffen es nicht, bewusst in der Gegenwart zu leben. Körperlich sind wir zwar in dieser Zeitspanne präsent, geistig und emotional gelingt das allerdings nicht oder nur sehr wenigen.
Dabei wäre das Leben viel einfacher, wenn es gelänge.
Unsere Gedanken kreisen aber ständig zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.
Wir erinnern uns an Dinge die waren, wir denken an Dinge, die noch nicht sind und von denen wir nicht einmal wissen wie sie sein werden. Diese Gedanken haben mit dem was Jetzt, in diesem Moment in der Zeit ist, ist meistens nicht viel zu tun.
 
Während ich das schreibe, denke ich zum Beispiel an eine Klientin. Ihre Beziehung ist zu Ende. Sie hat großen Kummer. Sie leidet an dem Verlust ihrer Liebe. Andererseits weiß sie, dass die Trennung richtig war, denn die Beziehung war ein Desaster.
Worunter sie leidet sind die schönen Erinnerungen, die die hässlichen überdecken. Sie hat Sehnsucht nach dem Menschen, mit dem sie in der Vergangenheit so viele glückliche Momente hatte, obwohl dies nur für eine kurze Zeit so war. Zudem leidet sie darunter jetzt allein zu sein. Ohne Partner, ohne Liebe, ohne Berührung, ohne Dinge teilen zu können. Was ihr Leid schlimmer macht: Sie hat Angst für immer allein bleiben zu müssen, nie mehr einer neuen Liebe zu begegnen.
"Würde es Ihnen besser gehen, wenn Sie diese Angst nicht hätten?", habe ich sie gefragt.
"Ja", sagte sie, "dann könnte ich das Jetzt für mich besser gestalten, ich könnte ruhiger sein, angstlos und genießen was ich jetzt, trotz meinem Kummer, auch habe."
Wie hilfreich wäre es also für meine Klientin im Jetzt leben zu können. Präsent in der Gegenwart und jeden Moment achtsam zu erfahren, ohne die Gedanken, die sie belasten und ängstigen.
Es gelingt ihr aber nicht.
 
Und mir gelingt es auch nicht immer präsent im jetzigen Moment zu sein, denn sonst würde ich nicht über das vergangene Gespräch mit meine Klientin nachdenken. Ich würde in meinem Garten sitzen, meinen Körper und meinen Geist im Jetzt verankern, achtsam meinen Kaffee trinken, den Vögeln zuhören und nur wahrnehmen, was sich in diesem Moment abspielt.
Das könnte ich natürlich tun, mache ich später auch, aber würde ich das Jetzt leben, würde ich nichts schreiben. Und gäbe es das Gestern nicht, mit dem Problem meiner Klientin, gäbe es diesen Text nicht.
Es ist nicht möglich permanent mit der Aufmerksamkeit im Jetzt zu sein, wenn ich etwas schreiben will. Dazu brauche ich meine Erinnerung, die ich ins Jetzt hole. Es ist nicht möglich ständig im Jetzt zu sein, wenn ich etwas gestalten will. Es wäre auch nicht möglich mit meiner Klientin an ihrem Thema weiter zu arbeiten, wenn ich beim nächsten Termin gedanklich nur im Jetzt bleiben würde, denn ich brauche die Informationen, die ich gespeichert habe, um mit ihr weiter zu arbeiten.
Ich bin das jetzt und ich bin Vergangenheit und ich bin Erinnerung. 
 
Wr brauchen Erinnerung. In unserer Erinnerung ist ein reiches Wissen und ein reiches Erleben enthalten, das wir benötigen um im Jetzt überhaupt etwas tun zu können. Wüssten wir nicht wie Autofahren geht, weil wir es erinnern, wäre das z.B. auch höchst ungut. Wüsste ich nicht wie ich Worte schreibe, gäbe es meine Texte nicht.
Erinnerung ist in unserem Hirn gespeichert. Und sie ist immer präsent, auch wenn es Dinge gibt, an die wir uns sehr gerne nicht erinnern würden. Leider funktioniert unser Denkapparat aber nicht wie wir es wollen. Er speichert alles, auch den ganzen unseligen Kram unserer Vergangenheit. Er unterscheidet und wählt nicht nach hilfreich und nicht hilfreich, schön oder unschön und das Meiste an Erinnerung spult er automatisch ab. Gedanken und Gefühle übrigens.
Die Hirnforschung hat hinlänglich bewiesen, dass alles, was wir fühlen, denken und tun, von Gehirnprozessen vorbereitet, gestaltet und bewertet wird. Das Meiste davon ist unbewusst. "Wir sind nicht Herr im eigenen Haus", wie schon Sigmund Freud wusste, ohne den Blick ins Innere des Gehirns zu werfen. Denken, Handeln und Fühlen haben ihre physiologischen Entsprechungen, Gehirn, Psyche und Körper stehen in Verbindung und zwar wechselseitig.
 
Sich selbst zu befehlen, jetzt doch mal die Vergangenheit mitsamt den belastenden Erinnerungen sein zu lassen zu sein oder auszublenden, geschweige denn zu vergessen, funktioniert nicht. Und daher funktioniert es nicht mit unserem Bewusstsein immer präsent im Jetzt zu sein. Das Unbewusste lässt sich nicht ausknipsen. Es kann gelingen, immer wieder für Momente, aber eben nicht immer. Immer wieder innerlich kurz einen Schritt zurückzutreten, in Ruhe zu atmen und uns im Jetzt zu verankern, mehr geht nicht für den normalen Menschen.
Wir schweben ständig zwischen gestern und morgen.
Im Jetzt leben ohne an die Zukunft zu denken?
Auch das ist so gut wie nicht möglich.
Von Kindheit an werden wir konditioniert nach vorn zu schauen, auf das, was über den Ist-Zustand hinausgeht. Wir lernen, wir machen eine Ausbildung, um später einen Beruf zu haben und und und … Der gedankliche Verweis auf die Zukunft ist unabdingbar um im Jetzt das zu tun, was notwendig ist um Zukunft überhaupt zu gestalten. 
 
Auch wenn wir in der Gegenwart leben, wird diese Jetztzeit durch einen Zukunfts – und Vergangenheitsfilter erfahren. Dazu gehören auch Ängste vor der ungewissen Zukunft, wie bei meiner Klientin. Wir sind eben auch im Jetzt unsere Geschichte, die wir weiterschreiben. Wir sind auch im Jetzt unsere Erinnerung und wir denken auch im Jetzt an unsere Zukunft. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen ineinander und daraus ergibt sich ein Konzentrat dieser Zeitebenen im Jetzt.
Zu meinen, wir müssten immer Jetzt sein, hört sich richtig gut an, aber es kann eben nicht dauerhaft gelingen. Wer das versucht, setzt sich massiv unter Druck. Wir Menschen sind so nicht konstruiert. Was auch durchaus Sinn macht, wie ich finde.
Was nicht heißt, dass wir um uns selbst zu beruhigen und unser Gedankenkarussel zum Stillstand zu bringen, immer wieder Momente herbeiführen können, wo wir vollkommen präsent im Jetzt sind. In der Meditation zum Beispiel und mittels anderer Achtsamkeitstechniken. Das gelingt immer öfter wenn wir kontinuierlich üben, indem wir immer wieder Pausen machen und uns bewusst ins Jetzt holen. Das gelingt wenn wir das, was wir gerade tun, achtsam tun, indem wir unser Gewahrsein bewusst nur auf das richten, was wir gerade tun.
Übrigens, das Jetzt ist auch nicht immer so schön, dass ich ständig darin verweilen möchte. Ich bin sehr dankbar, mich in den Zeitebenen hin und her bewegen zu können. 
 
 
„Die Zeit ist ein Zusammentreffen von Wirklichkeit und Erinnerung.“
– Milan Kundera

Donnerstag, 6. Juni 2024

Aus der Praxis: Schuld im Zusammenhang mit emotionalem Missbrauch


                                                      Malerei: A.Wende

 

Wie definiere ich den Begriff emotionalen Missbrauch?

Ich spreche von Missbrauch da, wo ein Mensch nicht respektiert, abgewertet, erniedrigt, gedemütigt, verwirrt, manipuliert, hintergangen, getäuscht, verraten und betrogen wird.

 

Wie sehe ich das Thema Schuld im Zusammenhang mit emotionalem Missbrauch?

 Die meisten Menschen, die emotionalen Missbrauch erfahren haben oder erfahren, haben keine oder nur eine geringe Chance sich gegen den Missbraucher zu wehren, wenn sie nicht rechtzeitig, bevor sich der Missbrauch einschleicht, die Red Flags erkennen und rennen.

Sie bleiben aus Zuneigung und Liebe zum anderen. Mit der der Zeit werden sie emotional destabilisiert, mental geschwächt, hilflos und, ohnmächtig. Sie müssen ihre Bedürfnisse, ihren Schmerz und ihren Zorn tief unterdrücken, um weitere Verletzungen oder Eskalation zu vermeiden, was wiederum dazu führt, dass der letzte gesunde Rest an Selbstwertgefühl und Selbstschutz zerbröselt. 

 

Wie oft höre ich in der Praxis: „Ich bin ja selber schuld, ich habe es mit mir machen lassen.“ Oder: „Ich habe nichts Besseres verdient, wer will mich denn schon?“

 

Betroffene haben „ES“ mit sich machen lassen. Das ist wahr. Wahr ist auch: Es gibt tiefliegende psychische Ursachen und Gründe warum sie ES mit sich machen ließen, derer sich die meisten Missbrauchsopfer aber nicht bewusst sind, eben weil sich Gründe und Ursachen dem Bewusstsein entziehen.

Was aber niemals sein darf: Dass diese Menschen sich die Schuld geben und sich dafür schämen, für das Leid, das man ihnen angetan hat. Damit übernehmen sie etwas, was nicht das ihre ist: nämlich die Schuld und die Scham, die in Wahrheit zum Täter gehören. Sie übernehmen die Verantwortung für das, was nicht in ihrer Verantwortung lag.. Damit sprechen sie den Täter frei und machen sich selbst zum Täter - an sich selbst.

 

„It takes two für Tango“, auch das ist wahr.

Aber wer von uns erwartet beim Tango, dass ihm der Tanzpartner aus purer Lust, Ignoranz oder aus Grausamkeit ständig auf die Füße tritt und immer weiter macht, auch wenn wir vor Schmerz laut aufschreien?

Nun kann man sagen:

Wer den Tanz nicht selbst beendet wird weiter leiden.

Stimmt.

Wer den Tanz nicht beendet, kann es nicht, denn könnte er es, würde er es tun. 

Stimmt.

 

Selber schuld! Nein nicht selber schuld! Schuldumkehr! 

Schuldumkehr das machen Narzissten, das machen unreflektierte und unreife Menschen, die keinerlei Verantwortung kennen und tragen wollen,  und das machen viele Menschen wenn es um emotionalen Missbrauch geht  mit sich selbst und sie müssen es auch von Außenstehenden erfahren.

Du bist ja selbst schuld, warum verlässt du ihn, sie nicht? Warum bist du so blöd, so naiv, so blind, so schwach usw. gewesen? Warum hast du dir das gefallen lassen? 

Die Schuldumkehr in der Selbstanklage klingt dann so: „Ich bin wertlos, mich kann man nicht lieben, ich war nicht lieb genug, ich habe ihn/sie nicht richtig geliebt, ich bin zu schwach“, und und und .. 

Der dümmste und menschenverachtendste Spruch zum Thema Schuldumkehr: Der Missbraucher ist nur dein Spiegel. Noch krasser kommt ein Spruch aus der spirituellen Fraktion daher: Die Seele wollte oder will das erleben.

Solche Sätze kommen von Menschen, die sich ihre eigene Welt bauen um die Wahrheit über allzu Menschliches - und dazu gehört auch das Böse und die Schuld - dahin zu biegen, wo  es für sie konsumierbar ist. 

Wahr ist: Es ist eine zum Himmel schreiende Ignoranz und eine an Gleichgültigkeit und Dummheit grenzende Verleugnung gegenüber dem Leid und der Grausamkeit, die Menschen anderen Menschen zufügen. Es gibt das Böse und wo es zuschlagen kann, wird es zuschlagen. Und nein, dann habe ich es nicht eingeladen. Er, du, es, wir, sie haben es nicht eingeladen.

 

Jeder Mensch verdient Respekt, Wertschätzung, Ehrlichkeit und achtsame Behandlung. 

Jeder, auch jene Menschen, die ihre Grenzen nicht kennen, die zu sensibel, zu gutmütig, zu naiv, zu empathisch sind oder traumatische Erlebnisse hatten, die ihren Selbstwert geschwächt oder zerbröselt haben, verdienen all das, wenn sie eine Beziehung eingehen. 

Niemand stellt sich freiwillig und bewusst einem emotionalen Missbraucher zur Verfügung und sagt: „Mit mir ist es möglich!“ 

Es ist möglich, aber die Erlaubnis des Möglichen geschieht unbewusst. 

 

Wird ein Mensch emotional missbraucht, ist er nicht schuld daran. Schuld trägt der, der den Missbrauch ausübt.  

Sehr viele Menschen, die emotionalen Missbrauch erleben oder erlebt haben, reagieren ihre unterdrückte Wut nicht am Täter ab, sie bestrafen sich selbst für das, was ihnen angetan wurde, so wie sie es in der Kindheit gelernt haben. Sie werden krank, abhängig von Tabletten, Alkohol oder Drogen oder sie leiden an Ängsten und Depressionen oder sie ziehen sich aus der Welt zurück.  

Sie nehmen das alles in Kauf, um ja niemals den Täter zu beschuldigen. Immer suchen sie die Schuld bei sich selbst.

 

Ich höre jetzt über 16 Jahre Jahre als Coach meinen emotional missbrauchten KlientInnen zu und muss feststellen, dass sie ausnahmslos alle misshandelte und auf irgendeine Weise missbrauchte Kinder waren, aber ebenso wie sie diese Wahrheit leugnen und ihre Eltern in Schutz nehmen, nach dem Motto: „Sie konnten ja nicht anders“, leugnen sie die Schuld des missbrauchenden Partners und suchen sie beschämt bei sich selbst und ihren eigenen seelischen Defiziten. 

Heißt: Sie selbst hätten anders gekonnt und die armen Eltern nicht. 

Sie selbst hätten anders gekonnt und der arme Missbraucher nicht.

Sehr unheilsam dieses Denken. 

 

Die Verleugnung des eigenen in der Kindheit erfahrenen Leids, ebenso wie die Verleugnung des im Erwachsenalter erfahrenen Leids durch andere ist nicht nur unheilsam, sondern gefährlich für die Opfer und für die Täter gleichermaßen. 

Nur, dass mich die Täter an dieser Stelle gerade nicht interessieren. 

Mich interessieren all die Menschen, deren Seelen kaputtgemacht wurden und kaputt gemacht werden, die sich nicht wehren können, weil sie es nicht können.  

 

Menschen, die als Kinder misshandelt und missbraucht wurden, wird sogar in Therapien oft geraten ihren Misshandlern zu vergeben, auch denen, die später das Gleiche mit ihnen machen wie die Misshandler der Kindheit. Aber, und das weiß ich aus meiner Erfahrung mit vielen Menschen: Das Vergeben heilt keine Wunden. 

Wunden heilen, wenn überhaupt, durch das Zulassen der schmerzhaften Wahrheit, durch das Zulassen und das Durchleben der unterdrückten und verleugneten Gefühle, nicht aber durch Selbstbeschuldigung und angeratene Vergebung - das ist Selbstverrat. 

 

Um zu heilen, müssen die Wunden aufgedeckt werden und nicht verborgen bleiben. 

Um zu heilen muss nach der Ursache gesucht werden, warum der Missbrauch zugelassen werden konnte. Was in einem selbst es möglich machte. 

Um zu heilen, muss die Schuld denen zurückgegeben werden, die sich schuldig gemacht haben. 

Selbstverrat führt allein dazu, dass sich Opfer von emotionalem Missbrauch auch wenn der Missbrauch beendet ist, selbst genauso mies behandeln wie sie von ihrem Missbraucher behandelt wurden.

Damit hört das Leiden niemals auf. 

Der Weg der Heilung bedeutet für missbrauchte Menschen: Selbstermächtigung und nicht Selbstanklage.  


Freitag, 31. Mai 2024

Sinnfindung durch fruchtbare Wechselwirkung

 

                                                                Foto: Pixybay

 
Als Psychologen von der Colorado State Universität rund 8000 Probanden zum Sinn des Lebens befragten, ermittelten sie zwei Werte: wie sehr jemand nach dem Lebenssinn suchte und wie sehr diese Person mit ihrem Leben zufrieden und glücklich war. Das Resultat: Je höher der Sinnsuche-Wert, desto weniger zufrieden und glücklich waren die Menschen.
Nicht wirklich überraschend, aber doch nachdenkenswert.
 
Je ratloser wir sind, was den Sinn unseres Lebens betrifft, umso mehr suchen wir danach. Wir empfinden ein existenzielles Vakuum, ein Leben, das gefühlt ins Leere läuft, existenzielle Frustration.
Das würde für mich bedeuten, mich auf den Weg zu machen und Sinn zu suchen.
Aber machen sich alle, die ihren Lebenssinn nicht kennen, auf die Suche?
Oder ist es nicht vielmehr so, dass je ratloser Menschen ob des Sinns ihrer Existenz sind, sie umso mehr nach Ablenkungen suchen? Sie verlieren sich in Konsum, Spaß, Prestige, Sex, Anerkennung, Macht, beruflichem Erfolg, in Süchten usw. Je mehr sie das tun, desto ratloser und frustrierter werden sie, denn all das führt nicht dazu einen Sinn zu finden, geschweige denn einen Sinn zu empfinden. Hedonistische Ablenkungen sind genau das, was nicht zu tiefem Sinnempfinden führt. 
 
Sicher macht es Sinn, dass wir es uns gut gehen lassen und das Leben mit all den schönen Dingen genießen. Das ist das eine. Aber was ist das andere?
Manche haben genug Ablenkungen und es geht ihnen trotzdem nicht gut. Manche leben ihre Gaben, Fähigkeiten und Talente, verwirklichen all das und es geht ihnen trotzdem nicht gut.
Der existenzielle Sinn fehlt.
Aber wie ihn finden, wo, womit und worin?
Das muss, wer sucht, letztlich jeder für sich selbst herausfinden, suchen eben. Es gibt unendlich viele Ansätze zur Sinnfindung. Ich beziehe mich in diesem Text auf zwei davon.
 
Ikegai
Ikigai heißt auf japanisch: Lebenssinn oder anders ausgedrückt: das Gefühl ein Warum zu haben, wofür es sich lohnt, am Morgen aufzustehen.
Nach dem Motto: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie." Dieses Nietzsche-Zitat war übrigens der Leitsatz Viktor Frankls, des Begründers der Logotherapie.
 
Zum Ikegai
Können, Freude am Tun dessen, was wir können und Sinnstiftung durch das, was wir tun und dann noch damit unseren Lebensunterhalt bestreiten können – so wird Sinn im Ikegai zusammengefasst. Wir sind in unserem Ikegai, wenn unser Beruf oder unsere Selbstständigkeit diese vier Merkmale aufweisen.
Ein Erfüllungsmodell, das erst einmal gut klingt und ich kann es, was meine Tätigkeiten angeht, bestätigen.
Aber reicht das aus um einen tiefen existentiellen Sinn zu empfinden?
Meine Antwort lautet: Nein. Zumindest nicht für jeden und nicht für mich. Es ist nur Teil des Ganzen. Sinn empfinden bedeutet mehr. Wesentlich um existenziellen Sinn zu spüren, ist zum Beispiel ein Aspekt, den wir Resonanz nennen. Resonanz von lat. resonare: widerhallen.
 
Resonanz
In der Physik bezeichnet Resonanz ein Phänomen, bei dem ein schwingungsfähiges System durch periodische Einwirkung von außen zu besonders starken Schwingungen angeregt wird.
Resonanz auf uns Menschen bezogen bedeutet eine intensive Beziehung zwischen uns selbst und unserer Umwelt, die durch gemeinsame Schwingungen und Rhythmen entsteht.
Gekonnt beschrieben ist Resonanz in Rilkes Gedicht „Liebeslied“: 
 
„Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.“
 
Das klassisches Beispiel für ein Resonanzphänomen: eine schwingende Saite.
Resonanz beschreibt in der Psychologie die Rückkopplung von gezeigten Emotionen oder Verhaltensweisen. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt das Resonanz-Phänomen ausführlich und beeindruckend in seinen Büchern. Nach Rosa ist Resonanz ein Beziehungsmodus, in dem gegenseitige Schwingungen erzeugt werden, zum einen im äußeren Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, zum anderen im eigenen Inneren zwischen Körper und Psyche. Er spricht von einem Resonanzraum für Resonanzerlebnisse und ordnet die Bezugspunkte auf drei Achsen der Weltbeziehung, die ich hier kurz zusammenfasse.
 
1. Die Horizontale Resonanzachse
Begegnungen und Beziehungen zu anderen Menschen. Familienbeziehungen, Liebes- und Freundschaftsbeziehungen und ergebnisoffene Beziehungen im gesellschaftlich/politischen Raum.
 
1. Die Diagonale Resonanzachse
Beziehungen zu Dingen und Tätigkeiten, etwa zur Arbeit, zur Ausbildung, zu einem Hobby, einer Leidenschaft und bei Künstlern - die Beziehung zu ihrem Handwerkszeug oder dem Material mit dem sie arbeiten.
 
2. Die Vertikale Resonanzachse
Kulturelle Beziehungsräume, Natur, Kunst, Geschichte, Religion und Spiritualität.
In all diesen Achsen gehen wir eine Beziehung zur Welt ein, wir machen also Resonanzerfahrungen. Machen wir diese, fühlen wir Verbundenheit auf verschiedenen Ebenen – mit Welt, mit anderen, mit uns selbst. Wir berühren und wir werden berührt und das beeinflusst wechselseitig. Resonanz ist ein wechselseitiges Sich-Einschwingen, ein sich Einstimmen aufeinander und auf uns selbst.
Ein sinnvolles, gelingendes Leben, so Rosa, hängt von der Qualität unserer Weltbeziehung ab – und eben nicht von der Anhäufung all dessen, was Erich Fromm das „Haben“ nennt. 
 
"Das Leben gelingt, wenn wir es lieben. "Es", das sind dabei die Menschen, Räume, Aufgaben, Ideen (...), die uns begegnen. Wenn wir sie lieben, entsteht so etwas wie ein vibrierender Draht", schreibt Rosa. Fruchtbare Wechselwirkung also. 
 
Wenn wir keine oder nur wenig resonante Erfahrungen oder nur auf einer der Achsen, fühlen wir wenig Verbundenheit. Wir fühlen Trennung. Uns fehlt der Draht, der vibriert, die Schwingung mit dem Ganzen, das Gefühl von Lebendigkeit und damit fehlt tiefes Sinnempfinden. Ein Gefühl von Entfremdung stellt sich ein. Entfremdung von Welt und Entfremdung vom Selbst.
Das erklärt auch, warum Menschen, die sich getrennt von Welt, von anderen und/oder von sich selbst fühlen, ihr Leben oft als sinnlos und leer empfinden.
Wenig Resonanz empfinden bedeutet mitunter auch sich einsam fühlen. Keiner, dem wir uns tief verbinden fühlen, keine Seele, die mitschwingt, kein Feedback, keine Antwort auf uns. Auch das schafft das Gefühl Sinnlosigkeit in einem Leben. Ich kann mein Ikegai leben, ich kann mich selbst verwirklichen so viel ich will – ist da keine Resonanz zum anderen hin, fehlt Entscheidendes um einen existentiellen Sinn zu spüren.
 
Leider leben wir in einer Zeit der Überindividualisierung. In einer Zeit der zunehmenden Vereinzelung des Individuums. In einer Zeit in der soziale Medien Resonanz künstlich herstellen. Wir sind alle miteinander verbunden auf Facebook, Twitter, Instagramm usw., aber lebendige Resonanzerfahrungen fehlen vielen Menschen mehr und mehr. Es liegt an uns das zu wandeln.
„Resonanz ist das Versprechen der Moderne – Entfremdung ist ihre Realität“, schreibt Rosa.
Ich gebe ihm Recht. 
 
 
Buchtipp: „Resonanz“ von Hartmut Rosa

Mittwoch, 29. Mai 2024

Aus der Praxis: Verrats-Trauma

 

                                                          Malerei: Angelika Wende

 
Die Bindungstheorie besagt, dass wir Menschen von Natur aus das Bedürfnis haben, tiefe und bedeutungsvolle Verbindungen aufzubauen. Bindungen sind notwendig für unser Überleben. Das tief verwurzelte Bedürfnis nach Bindung ist von zentraler Bedeutung für den Aufbau einer langfristigen vertrauensvollen Beziehung mit einem intimen Partner.
Die emotionale Bindung in der Partnerschaft ist ein Halt inmitten der Unwägbarkeiten des Lebens. Die Basis einer Partnerschaft ist Vertrauen. Vertrauen ist die Grundlage für tiefe Verbundenheit. Ohne Vertrauen kann nichts wachsen und gedeihen. Der gegenseitige Vertrauensaufbau stärkt die Beziehung. Je tiefer das Vertrauen, desto gehaltener fühlen wir uns, wir fühlen uns sicher und geborgen mit dem anderen., wir können uns fallen lassen. Ohne Vertrauen ist es nicht möglich, unser Innerstes, unsere Träume und Wünsche, unsere Verletzbarkeit und unsere Ängste mit einem Menschen zu teilen, der versteht und uns in unserem Sosein achtet und annimmt.
 
Untreue zerreißt das Band dieser Bindung.
Sie erschüttert das Fundament der gefühlten Sicherheit und führt zu tiefer Verzweiflung, die den Verratenen mit einem schmerzhaften Gefühl der Trennung und traumatischer Verletzlichkeit zurücklässt.
Wer einen Verrat erlebt, dem wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Betrogene Menschen bleiben in einem Gefühl der Fassungslosigkeit, der Ohnmacht, der Wut, des Schmerzes, der Scham, der Schuldgefühle (weil man es nicht bemerkt hat), der Selbstverurteilung und der Trauer zurück und manche bleiben darin stecken. 
 
Untreue-Verrat ist ein zutiefst traumatisches Erlebnis.
In der Praxis erzählte mir eine von ihrem Ehmann seit Jahren betrogene Frau, dass sie mit ihrer Freundin über den Betrug gesprochen habe. Diese meinte, sie soll sich nicht so anstellen, Männer seien eben nicht treu. Es gäbe Schlimmeres.
Meine Klientin war fassungslos. Für sie ist durch den Betrug nicht nur ihre Beziehung, sondern ihre ganze Welt zusammengebrochen, sie fühlt sich verraten, gedemütigt und beschmutzt.Sie hat vollkommen die Orientierung verloren. Ihr Leben erscheint ihr sinnlos, die Jahre ihrer Ehe wie eine einzige Lüge, eine Illusion, die sie sich gemacht hat.
 
Trauma ist nicht das, was passiert, sondern wie ein Mensch auf das, was passiert, reagiert.
Verrat ist eine schwere seelische Verletzung. Ein solches Erlebnis kann traumatisierend wirken, wenn die psychischen Kapazitäten der Betroffenen zur Bewältigung der Situation nicht ausreichen und sie massiv überfordert sind.
Trauma ist eine psychische Ausnahmesituation auf die jede Psyche anders antwortet.
Das Trauma Verrat stellt nicht nur einzelnes traumatisches Erlebnis dar, es ist hochkomplex und vielschichtig. Diese Komplexität entsteht, weil das Trauma nicht endet, wenn der Verrat endet oder man die Trennung vollzogen hat.
Es kann eine Flut emotionaler Reaktionen auslösen, die sich erst im Laufe der Zeit zeigen.
Die Entdeckung des Verrats löst zunächst einen Schock aus, diesem folgt ein breites Spektrum an überwältigenden Emotionen und Reaktionen, die beginnen ein Eigenleben zu führen, wenn der Verrat vom betrogenen Partner oder gemeinsam als Paar nicht verarbeitet werden kann. 
 
Es hat erheblichen Einfluss auf die Verarbeitung des Traumas wie der untreue Partner auf den Schmerz des Verratenen reagiert.
Tut er dessen Gefühle ab oder bagatellisiert er den Betrug z.B. mit Worten wie: „Es war nur Sex, es hatte nichts mit dir zu tun oder: Ich bin ein Schwein, ich mache das nie mehr, verzeih mir bitte“, ist das, wie die Praxis zeigt, nicht hilfreich.
Im Gegenteil, der andere wird in seiner Verletzung nicht ernst genommen. Auch wortreiche Reue, nach dem Motto: „Ich tue es nie wieder“, ist keine Hilfe und meist auch nur wieder ein Verrat. Wer betrogen hat und nur verbal Reue bekundet, dann Vergebung erhält, betrügt meist weiter, er hat Abbitte geleistet, er ist entlastet, ihm wurde verziehen und damit wurde ihm die Erlaubnis gegeben: „Ist okay, mit mir ist es möglich.“
Echte Reue bedeutet, etwas tun, es wieder gut machen wollen.
Wer betrogen hat und es wahrhaft bereut, macht sich an die Arbeit an sich selbst um herauszufinden, warum er das getan hat, was mit ihm selbst nicht in Ordnung ist, warum er das Vertrauen und die Loyalität dem anderen gegenüber bricht und in Kauf nimmt den Partner, die Partnerin tief zu verletzen.
Betrug, sagt man, ist ein Zeichen, dass in der Beziehung etwas nicht stimmt. Das ist u.a. ein Grund, den Menschen nennen, wenn sie fremd gehen und den anderen betrügen. Wenn etwas in der Beziehung nicht stimmt, heißt das: Darüber reden, kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen oder sich trennen, wenn es keine Lösung gibt.
 
Wer betrügt, sucht keine Lösung, er flüchtet aus der Beziehung.
Er wendet sich ab und andern zu, anstatt ehrlich zu sagen, was ihn stört, unglücklich macht oder emotional belastet. Er gibt dem Partner keine Chance und denkt nur an sich selbst.
Wie sich der Genesungsprozess nach einem Verrat entwickelt, hängt sehr davon ab wie der Verrat vom Verräter empfunden und erklärt wird, und ob er die Bereitschaft hat, an sich selbst zu arbeiten, anstatt den anderen schuldig oder mitschuldig an seinem Verrat zu sprechen, also das Opfer zum Täter, bzw. zum Mittäter zu machen.
 
Traumata durch Verrat sind komplex und haben vielschichtige Folgen.
Jeder Betrug weist andere Merkmale auf, die ein Verrats-Trauma prägen. So kann sich ein Verrat auf frühere traumatische Erlebnisse aufsetzen und deren Auswirkungen verstärken, bzw. retraumatisierend wirken. Das Wissen um die Untreue zerstört nicht nur die Beziehungsgrundlage, es verschärft oder belebt bereits bestehende Traumata wieder. Darüber hinaus spielen die Dynamik innerhalb der Beziehung sowie die Lebensumstände und die emotionalen Belastungen des, der Betrogenen zum Zeitpunkt des Verrats eine entscheidende Rolle bei den nachfolgenden emotionalen Reaktionen.
Verrat ist schmerzhaft und wirkt verstörend auf den ganzen Organismus.
Alles, was wir erleben, wirkt sich auf unseren physischen Körper aus. Dazu gehört auch alles, was emotional in unserer Beziehung passiert. Der physische Aspekt eines Verrats-Traumas wirkt sich auch auf den Körper aus. Wenn Menschen ein Trauma erleben, geht Ihr Körper mit ihnen durch das Trauma. Es sitzt in jeder Zelle.
 
Sex ist die intimste Erfahrung zwischen zwei Menschen.
Es ist der Akt, indem wir uns dem anderen vertrauensvoll hingeben und sehr verletzlich sind. Die sexuelle Verratskomponente kann für Betroffene eine der tiefgreifendsten sein. Sex wird von vielen Frauen als etwas Heiliges empfunden. Der sexuelle Verrat-Anteil ist damit gegeben, dass dieser heilige Bereich massiv verletzt wird. Intime Schutzräume, emotionale und körperliche Grenzen werden ignoriert, überschritten, durchbrochen, verletzt. Der Vertrauensverlust greift tief in die Quelle der Sexualität in der Beziehung ein. Der Partner hat die sexuelle Vertrautheit und heilige Intimität gegen Sex außerhalb der Beziehung eingetauscht. Viele Frauen fühlen sich dadurch entwertet, missacht und zutiefst gedemütigt. Ihr Selbstwertgefühl zerbröselt. Ihre Werte sind ins Wanken gebracht oder zerstört.
Die Reaktionen darauf sind so unterschiedlich wie wir Menschen. Manche Frauen geraten in einen hypersexuellen Zustand, wollen plötzlich mehr Sex oder experimentieren sexuell. Andere fühlen sich innerlich leer und gefühlstaub. Sie haben kein Verlangen mehr nach Sex oder sie empfinden Ekel, wenn sie an Sex mit dem Partner denken, der sie betrogen hat. Wieder andere fühlen Scham. Sie fühlen sich beschämt und beschmutzt und ekeln sich vor dem eigenen Körper. Auch psychosomatische Reaktionen sind keine Seltenheit.
Meine Klientin entwickelte nach dem Verrat eine Reizblase und Herzrythmusstörungen.
Was ein Verrats-Trauma so schmerzhaft macht, ist zudem, dass die betrogene Person die Beziehung zum Täter oft nicht einfach abbrechen kann. Entweder weil sie noch Liebe empfindet, sich rächen will, ihn durch ständige Vorhaltungen betrafen will oder einen Widergutmachungswunsch hegt - in der Hoffnung, der Verräter heilt die Wunde, die er geschlagen hat. 
 
Nicht jede Untreue ist gleich.
Komplexe Traumata entstehen durch äußere Bedingungen, durch eine Kombination verschiedener Faktoren, wie etwa langfristige Geheimhaltung und Täuschung oder wiederholten Betrug mit immer anderen Sexualpartnern. Jede Art von Untreue hat Einfluss auf den psychischen Schaden, den die betrogene Person erfährt. Besonders verheerend ist ein Verrat, wenn der betrogene Mensch, bereits mit anderen Stressoren oder psychischen Problemen zu kämpfen hat. Er wird nun auch noch mit der traumatischen Belastung einer verheerenden Realität konfrontiert.
Die Tiefe und Komplexität eines Verrats-Traumata zu verstehen ist sowohl für den betrogenen als auch für den untreuen Partner von entscheidender Bedeutung, wenn sie den Weg der Genesung gehen, ob gemeinsam oder allein.
Der durch Untreue verursachte emotionale Schmerz entsteht durch den Bruch einer tiefen emotionalen Bindung, ein Bruch, der existentielle Bedrohung und Urängste auslöst, die entstehen, wenn die wesentliche Bindung zum Partner bedroht oder zerstört ist. Dabei geht es nicht nur um den Verrat selbst, sondern auch um die tiefgreifende Auswirkung auf die Beziehungsrealität, die zuvor ein sicherer Boden im Leben war und jetzt eingebrochen ist. Die Folge dieses Bruchs ist nicht nur Vertrauensverlust, die Folgen können das Selbstwertgefühl, die Selbstwahrnehmung, das Selbstempfinden, das Selbstbewusstsein, die Indentität, die emotionale und körperliche Gesundheit und die gesamte Vergangenheit der Beziehung erschüttern und in Frage stellen.
Mit diesem Trauma klarzukommen schaffen nur wenige. Es ist gut, sich professionelle Unterstützung zu holen, um nicht im Schatten des Traumas stecken zu bleiben. 
 
 
Wenn Du Unterstützung wünscht, ich bin da.
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Malerei: A.Wende