Dienstag, 19. Februar 2019

Was also ist wirklich wahr?




Malerei: Angelika Wende

Wer weiß schon, was die Wahrheit ist? Niemand weiß das. Ist das wirklich wahr?
Die große Frage, was die Wahrheit ist, hat die Menschen und damit auch die Philosophen aller Zeiten schon immer beschäftigt. Die meisten werden wohl mit Aristoteles übereinstimmen, der meinte, dass etwas, das von der Welt sagt, sie sei so und so, wahr ist, wenn die Welt auch wirklich so und so ist. Für Aristoteles ergab sich Wahrheit weiterhin daraus, dass viele Menchen mit einer Meinung oder einer Annahme übereinstimmen. Wenn also genügend Leute daran glauben, ist etwas wahr? Die Geschichte liefert haufenweise Beweise, dass die Masse nicht für die Tauglichkeit der allgemeingültigen Wahrheit prädestiniert ist. Was wäre Millionen von Menschen erspart geblieben, ohne die ins Verderben treibende Wahrheit Adolf Hitlers, mit der die Mehrzahl des deutschen Volkes übereinstimmte? 

Wahrheiten auf die sich die Masse einigt, erzeugen allerdings Wirklichkeit. Es stellt sich nun aber wiederum als äußerst schwierig heraus genau zu sagen, was denn Wirklichkeit ist. Und schon haben wir das nächste Problem mit der Wahrheit

Was also ist wirklich wahr? Manche Theorien behaupten, dass Wahrheit in Kohärenz oder in Konsens besteht. Das bedeutet: Eine Aussage ist wahr, wenn sie keine inneren Widersprüche aufweist oder wenn Experten sich einig sind, dass sie wahr ist. Das ist wohl wahr. Würden wir diese Wahrheit anzweifeln, würden wir damit alle Erkenntnisse der Naturwissenschaften über den Haufen werfen und die Erde könnte dann ja doch eine Scheibe sein, weil ja nichts wirklich wahr ist. Auch die Medizin wäre auf verlorenem Posten. Aber Hand aufs Herz, wer würde die Wahrheit einer Herzerkrankung leugnen, die definitiv festgestellt wurde und nach den Wahrheiten der Medizin behandelt wird. In der Tat, es gibt also Wahrheiten. Der Spruch, dass nichts wahr ist, den so manche vermeintlich ganz Schlaue immer wieder gerne benutzen um die Wahrheit anderer in Frage zu stellen, sich aber keine Mühe machen diese Aussage überzeugend zu begründen, nach dem Motto: Hauptsache ich sage was, was die Wahrheit des anderen in Frage stellt, ist damit nicht wahr.
Natürlich gibt es Wahrheiten und natürlich gibt es eine Wirklichkeit in der wir leben,  die wir jeden Tag spüren und sehen können und in der wir uns bewegen müssen um zu leben, unser Geld zu verdienen, unsere Wege von A nach B zu gehen, unsere Kinder zu erziehen, eine Reise zu buchen und so weiter. Was allerdings nicht heißt, dass nicht ein Jeder seine eigene Wahrnehmung und damit seine eigene Wahrheit über sich selbst, seine Mitmenschen und das Leben besitzt.

Für jeden ist die Wahrheit und damit die eigene Welt so beschaffen, wie er sie ob seiner Erfahrungen, seiner Konditionierungen und seiner Biografie sehen kann und über den Filter seiner ganz persönlichen Wahrnehmung ins ich aufnimmt und beurteilt. Können wir deshalb Wahrheit als Richtigkeit verstehen? Sicher nicht, sondern vielmehr ist sie eine innere Norm, nach der Menschen sich ausrichten und ihr Leben gestaleten. Unsere inneren Wahrheiten sind etwas Relatives und sie sind damit nicht unfehlbar. Wahrheit und Unfehlbarkeit sind zwei völlig verschiedene Dinge, denn unfehlbar bin ich auch dann nicht, wenn ich Recht habe, denn ich habe die Wahrheit nicht gepachtet. 
 
Ein anderer hat die seine und wenn er sie mir ausreichend erklärt und begründet, ist meine Akzeptanz seiner persönlichen Wahrheit mein Eingeständnis, die Wahrheit nicht gepachtet zu haben, sondern sie eben nur als die meine zu besitzen. Das zeugt von Respekt und Wertschätzung. Übrigens, emotionale und geistige Mangelware in heutigen Zeiten. Hingegen gibt es das Phänomen, dass die Wahrheiten anderer nicht einmal überdacht werden, bevor sie vehement abgelehnt oder gar angegriffen werden. In Sekundenschnelle werden Reizwörter benutzt um die Wahrheit des Anderen anzufeinden und die eigene Wahrheit dagegen zu setzen, ohne sich überhaupt die Mühe zu machen erst einmal zu überdenken, was da von einem selbst überhaupt in der ganzen Komplexität wahrgenommen wird. 

Zwischen Reiz und Rektion liegt ein Raum, sagte einst Victor Frankl. Er würde sich wundern, wie winzig klein dieser Raum im digitalen Zeitalter geworden ist, so winzig, das für echte Kommunikation kaum mehr Raum bleibt. Jeder ist eine Insel. Jeder hat seine Wahrheit. Und jeder hat das Recht sie zu fühlen, zu denken, nach ihr zu handeln und sie auszusprechen. Sogar wenn sie Werten auf die sich Menschen geeinigt haben, widerspricht. Er muss sich nur bewusst darüber sein, dass er die Konsequenzen zu tragen hat. 

Jeder hat seine Wahrheit und die brauchen wir auch. Unsere innere Wahrheit formiert unsere Identität. Sie schafft, ob der Bodenlosigkeit des Daseins ein Fundament auf dem wir gehen können, auch wenn die menschliche Existenz und das Leben instabil sind. Meine persönliche Wahrheit gestattet mir der Mensch zu sein, der ich geworden bin.  Das heißt nicht, dass sie eine unveränderbare statische Sache ist. Innere Wahrheiten können sich ändern. Kluge Menschen verfügen über eine achtsame Wahrnehmung, die weit ist und offen für das Mögliche, ebenso wie für das Unmögliche. Kluge Menschen ändern ihre Wahrheiten gar bisweilen, dann nämlich wenn ihnen das Leben neue Erkenntnisse geschenkt hat. Und vor allem: Kluge Menschen greifen andere nicht für deren Wahrheiten an, weil sie um die Relativität der Wahrheit wissen.






Sonntag, 17. Februar 2019

Die selbstzerstörerische Trauer des Narziss



Foto: A.W.

Trauer, das Tor in den Bereich des Schmerzes, der Angst, der Wut, der Ohnmacht.
Untröstliche Traurigkeit als Prädisposition zur Verzweiflung.

Traurigkeit, die psychische Repräsentation eines erlittenen Verlustes.
Traurigkeit, die Antwort auf einen Auslöser.
Der Rhythmus des Lebens bricht zusammen.

Der an seinem Schmerz Leidende verlangsamt im Handeln, im Denken. Das Schweigen ist lang. Stillstand ob des Bruches, der das Gestern vom Heute mit einem radikalen Schnitt trennt.
Apathie.
Leere.
Ist der Sinn durch den Verlust gebrochen ist das Leben in Gefahr.

Das notwendige Objekt ist verloren.
Das Ich hat überlebt. Zerfällt in Stücke. Fragmeniert.
Verlassen, aber nicht getrennt von dem, der es noch immer nährt.
Das Ich nimmt es, um es nicht zu verlieren, in sich auf.
Macht sich zu Eigen, was nicht Eigenes ist.
Dementiert so den Verlust.
Untröstbar verschmolzen in Zweisamkeit mit dem, was nicht mehr ist, gleitet es in Schwermut.

Es gelingt nicht Trennung zu erzeugen.
Ohnmacht.
Zusammenbruch.
Depressive Verleugung.
Lebensverneinende Depression.
Das Ich löst sich auf.
Beleidigt vom Tod des Objektes, muss es sich in seiner Wut auf das Verlassenwordensein selbst zerstören.




Samstag, 16. Februar 2019

Scheitern am Gescheiterten



Zeichnung: Angelika Wende

Scheitern tut weh. Egal womit oder woran wir scheitern. Aber so unschön es ist: Scheitern gehört zum Leben. Wer das verinnerlicht hat, scheitert sicher nicht leichter, aber er akzeptiert, das es so ist und immer wieder so sein kann. Er zieht eine Lehre aus dem Scheitern, er atmet durch, verarbeitet was war, sammelt Kraft, steht auf und sucht neue Wege.

Für manche Menschen aber sind Misserfolge eine echte existentielle Bedrohung.
Sie sehen sie als persönlichen Angriff. Sie glauben, das Leben meint es nicht gut mit ihnen. Sie fühlen sich als Opfer der Umstände. Sie lernen nichts aus dem Scheitern und machen immer wieder die gleichen Fehler. Sie sind verbittert und wollen gar nichts Neues mehr ausprobieren, weil ihnen ein Scheitern unvermeidlich erscheint. Sie halten an unguten der gar selbstschädigenden Gewohnheiten fest. Gewohnheiten haben jedoch die Eigenschaft sich durch wiederholtes Handeln zu manifestieren. Im Guten wie im Unguten.

Je mehr sich ungute, selbstzerstörerische Gewohnheiten manifestieren, desto weiter geht die Spirale des Scheiterns nach unten.
Der Mensch gibt schließlich auf, sich selbst und jeden inneren Antrieb. Er sitzt fest in einer Lähmung, die jede Bewegung zur übergroßen Anstrengung macht. Das Leben stagniert. Die Motivation und die Willenskraft schwinden. Die Angst den Boden unter den Füßen zu verlieren besiegt jede Zuversicht auf einen neuen Versuch das Leben zu bewältigen und verschluckt den Mut.
Diese Haltung führt unweigerlich ins große Scheitern, wo am Ende nur noch die Resignation steht. Der Mensch gibt auf. Er ist an einem Punkt, an dem weder nach Hilfe gefragt wird, noch Hilfe angenommen wird. Wir erreichen diesen Menschen nicht mehr.
Schrecklich, das zu erfahren. Schrecklich die Ohnmacht die wir dann empfinden, besonders wenn wir einen Menschen lieben.
Schrecklich nichts tun zu können.
Ein Punkt an dem wir scheitern.

Wir stecken fest in der Hilflosigkeit des Helfers.
Was können wir tun?
Wichtig ist, mit dem umgehen zu lernen was ist.

Es geht um Akzeptanz, es geht um das Loszulassen von dem, was sich nicht fassen lässt, was unveränderbar ist und nicht in unserem Einflussbereich liegt.

Wichtig ist sich jetzt um das zu kümmern, was möglich ist: Um uns selbst.
Dazu gehört die Trauer und den Schmerz zuzulassen und zu akzeptieren, das wir nichts mehr tun können. Das ist schon eine Riesenleistung, die Kaft kostet. Eine Leistung, die unseren Alltag erschwert, denn die Gedanken an den Verlust, die Trauer um den geliebten Menschen, das Gefühl des eigenen Scheiterns, die Fragen nach dem Warum, die scheinbare Sinnlosigkeit des Leids, das doch nicht sein müsste, all das zehrt an unserer Energie. Dennoch und gerade deshalb: Wir müssen uns umorientieren, das heißt den Focus, der so lange auf dem anderen lag, auf uns selbst richten, auf unsere Genesung. Sie braucht Zeit. Und sie geht nur in ganz kleinen Schritten, in winzigen Schritten. Tag für Tag, Augenblick für Augenblick müssen wie ein Ziel oder ein gewünschtes Gefühl festlegen. Diese kleinen Schrittchen helfen uns dabei wieder neue Kraft zu sammeln. Sind wir mit der Zeit genug kleine Schrittchen gegangen, haben sich gute Momente angesammelt, werden wir erste Veränderungen in unserem Leben bemerken. Es kommt etwas in Bewegung zum Besseren hin. Unser Selbstvertrauen und unser Selbstbewusstsein wachsen. Wir gewinnen Mut uns der Angst zu stellen und Widerstände zu überwinden. Wir werden resilienter. Eine wertvolle Erfahrung im Scheitern. So traurig das auch ist.

Freitag, 15. Februar 2019

Abhängigkeit


Malerei: Angelika Wende

Allzu große Abhängigkeit macht fragil.
Wir stützen uns auf etwas oder jemanden, außerhalb von uns selbst.
Der Boden auf dem wir gehen fühlt sich trittunsicher an.
Die Angst vor der Bodenlosigkeit wächst.
In der Abhängigkeit können wie nicht bestehen.
Nicht vor uns selbst, nicht vor dem Leben.
Unser Sein, in Gefahr zu zersplittern.

Mittwoch, 13. Februar 2019

Gedankensplitter


 
Foto. A. W.


Es gibt vieles in unserem Leben, was wir nicht in der Hand haben. 
Aber die Essenz unserer Identität hat niemand in der Hand, außer wir selbst. 
Das ist eines der großen Potenziale des Menschen, die Fähigkeit, erhobenen Hauptes 
Anfeindungen, Schicksalsschläge, Verluste, Scheitern und Krisen zu meistern. 

Das ist Würde, 
Rückgrat bewahren und anzuerkennen, 
dass das Schwere zum Leben gehört wie der Tod. 
Es lässt sich nicht abspalten.
Abspalten würde bedeuten, dem Leben die Form zu nehmen.

Montag, 11. Februar 2019

Generation beziehungsmüde?



Foto: A. Wende

Es gibt leider eine ganze Menge Menschen, die nicht beziehungfähig sind. Und in Zeiten des Selbstoptimierungswahns und Selfie-Narzissmus werden es immer mehr. Bei vielen folgt eine Affäre der anderen. Meist sind sie blitzartig kurz und am Ende ist die Enttäuschung auf beiden Seiten groß. Tja, wieder nicht der oder die Richtige, sagen sie sich dann. Ich habe einfach kein Glück. Und ohne sich zu fragen was ihrem Glück denn im Wege stehen könnte suchen sie weiter, probieren weiter und konsumieren weiter. Mensch nach Mensch nach dem Motto: Trial and Error. Es ist ja auch gar einfach jemanden zu finden via Tinder und diversen Singlebörsen. Ihn zu halten dagegen ist schwer.

Die virtuelle Welt ist voll mit Suchenden der Liebe. Wenn man genau hinsieht, könnte man sich fragen, was suchen die denn alle?

Sie suchen jemanden, der sie versteht, der sie nimmt wie sie sind, sie am Besten bedingungslos liebt, die gleichen Werte, Träume und Vorstellungen vom Leben hat wie sie selbst und vor allem, einen, der sie glücklicher macht als sie es mit sich selbst sind. Dann soll er/sie auch noch dem persönlichen Idealbild von Attraktivität entsprechen und eine Rakete im Bett sein und bitte nicht kompliziert oder anstrengend. Leute, wo bleibt der ehrliche Blick in den Spiegel?

Wie soll das funktionieren, wenn vieles von dem, was gesucht wird, im eigenen Seelenhaus nicht im Ansatz vorhanden ist?

Verständnis für die eigenen Macken und Neurosen, ein liebevoller Umgang mit mir selbst? Habe ich das und all das andere was ich mir vom Partner ersehne? Das könnte sich so manch Suchender der Liebe einmal in einer stillen Stunde fragen und dabei seine Hand aufs Herz legen und schonungslos ehrlich zu sich sein.
Immer mehr wird vom Partner eingefordert, was der Suchende selbst gar nicht leisten kann. Die Ansprüche sind extrem hoch und die Toleranzgrenze niedrig, was natürlich zur Folge hat, dass Beziehungen immer kürzer werden und Menschen zum Konsumgut mutieren. Und dann kommt das Schlagwort: Generation beziehungsmüde. So einfach ist das. Nein, so einfach ist es nicht.

Diese Generation ist nicht beziehungsmüde sie ist sich ihrer selbst müde. 
Sie ist unzufrieden vor lauter  Überfluss. Satt und gierig zugleich. Narzisstisch und egozentrisch und mit wenig Mitgefühl ausgestattet, nicht einmal sich selbst gegenüber. Sie ist getrieben und zugleich müde vom Jagen nach dem, was man ihr vorgaukelt erjagen zu müssen. Sie ist überfüttert mit Idealvorstellungen, die kein Mensch erfüllen kann. 

Der Mensch ist heute nicht beziehungsunfähiger als zu anderen Zeiten, er bewertet Beziehung nur anders. Er überfrachtet sie mit Erwartungen, die illusorisch sind. Vom Wahn der Selbstoptimierung hin zum erwünschten Beziehungsoptimum ist der Weg schließlich nicht weit. 
Wenn ich von Selbstoptimierung spreche, meine ich nicht jene Menschen, die bewusst und stetig an sich selbst und ihrem inneren Wachstum arbeiten, sich ihren Neurosen stellen und etwas dagegen tun. Ich meine diejenigen, die nach dem Prinzip, immer mehr, immer besser, immer schneller leben und nicht genug bekommen von Anerkennung, Erfolg, Macht, Dingen und was sie sonst noch zu brauchen meinen um ein gutes Leben zu leben. Und das bitte möglichst angenehm und problemfrei. Haben anstatt sein ist die Haltung unserer Zeit und zeitgleich verkümmert der Mensch in einer Leere, die sich aus einer ungesunden Fülle an Äußerlichkeiten speist.

„Du bist mir nicht wirklich wichtig. Du interessierst mich nur so viel, wie du mir von Nutzen sein kannst.“ So in etwa ist die innere Haltung dieser Menschen und diese beeinflusst auch maßgeblich die Partnersuche.  
Der andere soll einen Nutzen bringen fürs gute Leben: Er soll als Heilmittelchen dienen für die eigenen Macken, Mängel und Bedürftigkeiten, damit diese nicht mehr gespürt werden. 
Ist er gefunden, macht er brav seinen Job, allerdings anders als gedacht: Er wird zum Spiegel genau dessen, was in uns selbst nicht so ist, wie wir uns das einbilden. Das Dilemma nimmt seinen Lauf. Passt nicht, heißt es eben dann am Ende. Weiter suchen. Aber gelernt wird nichts. 

Der Frust wächst und so geht der Trend geht zum Single-Leben mit ständig wechselnden Kurzzeitpartnern. Dabei schleichen sich allmählich bestimmte Muster ein, die dafür sorgen, sich nicht endgültig an einen Partner binden zu müssen.  
Angst vor zu viel Nähe, oh das schränkt  meine Freiheit ein. Keine Lust auf Kinder, die machen Stress und bringen Verantwortung mit sich. Langeweile oder Abneigung, sobald der erste Verliebtheitshormoncocktail sich verflüchtigt hat, oh, der andere hat ja Probleme wie ich, nö brauch ich nicht auch noch. 
Und so dreht sich das Liebeskarussell endlos weiter. Aufspringen, kurze schnelle Fahrt, abspringen und die nächste Runde. Die Suche geht weiter nach dem perfekten Partner, den es nicht gibt. Sich einen backen lassen geht nun mal nicht. 

Mit der Zeit häufen sich die unguten Erfahrungen aus vergangenen Beziehungen. Sie werden unverarbeitet in die nächste Beziehung mitgenommen und setzen dabei den neuen Partner unter Druck. Wie bitte hat Beziehung da noch eine realistische Chance?
Wer einfach nicht das passende Gegenstück findet, könnte sich selbst fragen, ob das, was er erwartet, nicht zu viel ist und ob er das, was er erwartet auch selbst wirklich geben kann und ob er bereit ist es zu geben in guten und in schlechten Zeiten. 

Oftmals müssen wir erst einmal an uns selbst arbeiten, wozu auch gehört die vorangegangenen Beziehungen aufzuarbeiten. Erst dann sind wir offen für eine neue Beziehung. Bis dahin zieht die eigene Neurose die andere treffsicher an. Ja, das Unterbewusstsein ist tricky. Und zwar solange bis wir ihm auf den Grund gehen. Also fangen wir doch erst mal bei der wichtigsten Beziehung an, nämlich die, die wir zu uns selbst haben. Und wenn diese sich dann hinreichend gut anfühlt, könnte das mit dem Anderen auch klappen. 

Namaste


Nicht drängen lassen




Foto: A. Wende

Nicht selten kommen Klienten zu mir, die "geschickt" wurden. In diesem Fall sind es meist ihre Partner, die meinen, sie sollten doch mal ihre Kindheit verarbeiten oder ihnen sogar eine Diagnose verpassen. Es ist in Beziehungen nicht selten, dass Dysfunktionales unreflektiert an den Anderen weitergegeben wird. Steter Tropfen höhlt den Stein. Dann sitzt dieser Andere irgendwann vor mir und sucht verzweifelt nach belastenden Kindheitserlebnissen, kann sie aber nicht finden. Nach mehreren Sitzungen stellt sich heraus, dass der Konflikt in der Beziehung oder beim Partner liegt, der seine eigenen Traumata und innerseelischen Konflikte auf sein Gegenüber projiziert.

Viele Menschen verbringen Stunden in der Therapie auf der Suche nach traumatischen Erlebnissen in der Kindheit. Sie wollen Erinnerungen finden, die ihnen erklären sollen, wieso sie leiden.
Sie sind davon überzeugt auf diese Weise ihre Probleme im Jetzt zu lösen und ihrem Leben mehr Leichtigkeit und Sinn zu verleihen. Fragt man sie dann nach traumatischen Erlebnissen lassen sich keine finden, zumindest keine, die dem Bewusstsein zugänglich sind. Natürlich hat jeder von uns ungute Erinnerungen aus der Kindheit und fast jeder Mensch ist auf irgendeine Weise mehr oder minder traumatisiert. Wir alle sind emotional Überlebende. Der eine mehr, der andere weniger. Aber es kommt immer darauf an, wie sich das Trauma auf unser gegenwärtiges Leben auswirkt. Manches verdrängt unser Gehirn, es spaltet es ab und das hat einen Sinn. Es ist eine Schutzfunktion um die Seele zu davor bewahren, etwas zu fühlen, was sie nicht ertragen könnte. Dann sollten wir auch nicht dran herummanipulieren, weil dies erheblich mehr Schaden anrichten kann als es der seelischen Gesundheit nützt.

Traumatische Erinnerungen haben die Tendenz ins Jetzt einzudringen und nicht die Unmöglichkeit sie abzurufen. 
Drängen sich Erinnerungen auf ist es selbstverständlich wichtig und hilfreich darüber zu sprechen um sie zu verarbeiten, weil sie unbewusst unsere Gefühlswelt, unser Verhalten und unser gesamtes in-der-Welt-sein beeinflussen. Für Menschen aber, die im Jetzt, nicht von schmerzhaften Erinnerungen gequält werden, kann es schädlich sein, wenn sie meinen, sie müssten in der Vergangenheit graben.

Niemals sollten wir uns drängen oder drängen lassen, ein Trauma zu bearbeiten, das keine Erinnerungen hat. Dies kann dazu führen, dass ein Mensch sich auf die Vergangenheit fixiert und dabei den Kontakt mit dem Hier und Jetzt verliert. Er gräbt in einer nicht abrufbaren Vergangenheit anstatt belastende Themen der gegenwärtigen Lebenssituation zu erkennen, sie anzugehen und zu lösen.