Freitag, 15. September 2017

Was bin ich mir wert?





Unsere innere Stärke beginnt bei der oft unterschätzten Tatsache, wie wir über uns selbst denken, mit uns selbst sprechen und wie wir mit uns selbst umgehen. An diesen Zugangsformen zum eigenen Ich können wir etwas ändern.
Zum Beispiel mit der Frage: Was bin ich mir wert?
Diese Frage, wirklich ernsthaft reflektiert, setzt einen Prozess in Gang, der ein Leben verändern kann.

Wie oft erlebe ich in der Praxis wunderbare Menschen, die genau daran leiden, dass sie nicht erkennen wie wertvoll sie sind. Sie haben ein Bild von sich selbst im Kopf, das kein gutes Haar an selbigem lässt. Zu lange leben sie in einem Gedankengebäude, das ihren Eigenwert zu Boden zieht. Irgendwann einmal haben sich diese Gedanken eingegraben, meist in der Kindheit. Sie haben am Modell der Mutter oder des Vaters gelernt oder sie haben erfahren müssen, dass man sie nicht wertschätzt für das was sie sind. Aufgrund dieser Erfahrungen sind sie der festen Überzeugung nichts wert zu sein. Das klingt sehr einfach, aber die tiefesten Wahrheiten finden sich genau in dieser Einfachheit. Unsere frühkindlichen Erfahrungen und davon besonders die unguten, sind tief verinnerlicht und es ist schwer sich davon zu befreien. Zu viele Hindernisse liegen auf dem Weg und viele Menschen scheuen sich oder sie sind schlicht und einfach zu bequem sich auf die Suche zu machen, sie zu erkennen und sie wegzuräumen. Sie klagen lieber und lassen alles beim Alten.

Das Hinderlichste um im Leben genau der zu bleiben, von dem man denkt, der man sei, ist der Gedanke: "Da kann man eh nichts machen."

Es ist nicht wahr. Man kann etwas machen, nur wenn man macht was man schon immer gemacht hat, wird es bleiben wie man es schon immer gemacht hat und das Erleben oder das Lebensgefühl der Wertlosigkeit wird zum lebenslangen Begleiter. Der Gedanke: "Da kann man eh nichts machen" nimmt uns die Zuversicht und unser Selbstwertgefühl.

Wer so auf sich selbst und sein Leben schaut wird in dieser Haltung erstarren. Er füttert damit die Zweifel an sich selbst und seine Unfähigkeit oder seine Angst Herausfoderungen zu bewältigen.
Sich selbst wertschätzen lernen ist eine solche Herausforderung. Aber wie will ich sie annehmen wenn ich voller Zweifel bin? Wer Herausforderungen meidet, der vermeidet es sich selbst zu entwickeln. Er bleibt wer er ist und wo er ist, mit dem was er hat. Und meist bleibt er unzufrieden.

Zweifel nehmen uns die Zuversicht und fungieren als Bremse.
Und dann fühlen wir uns vom Leben ausgebremst, aber es ist nicht das Leben das das tut - wir selbst sind es, die wir uns dem verweigern, was das Leben von uns will: Wachsen nämlich, zu uns hin wachsen. Zu dem, der wir sind.

Viele Menschen haben auf die Frage: "Wer bist du?" eine Antwort, die mich immer wieder erstaunt. Sie erzählen was sie machen, was sie für einen Job haben und was sie leisten. Damit beantworten sie die Frage natürlich nicht. "Wer bist du?", heißt diese nämlich und nicht: "Was machst du?" Wie man das verwechseln kann? Man weiß nicht wer man ist und definiert sich über das, was man macht. Und genau diese Menschen sind es, die in eine tiefe Leere fallen, wenn das Leben ihnen das, was sie machen, wegnimmt oder sie es aus welchen Gründen auch immer verlieren.Was bin ich denn noch ohne meine Arbeit? Wer bin ich denn ohne meinen Mann, meine Frau, meinen Liebhaber? Wer bin ich denn ohne meine Kinder? Wer bin ich denn ohne mein Geld, mein Haus, mein Pferd, mein .... ?

Genau diese Fragen führen uns zu unserem Denken über uns selbst, zu unserem Gefühl für den Wert, den wir uns zuschreiben. Liegt dieser im Außen? Ja, für die meisten ist das so. Aber dieser über das Äußere definierte Wert ist fragil, so fragil wie das Leben selbst. Und nein, wir haben nicht unendlich viel Lebenszeit und nein wir können das Wesentliche nicht auf Morgen verschieben. Denn es kann sein, dass es das Morgen nicht mehr gibt. Auch das kommt nicht in das Bewusstsein vieler Menschen. Wahnwitziger Weise denken sie sie haben endlos Zeit. Und machen weiter wie bisher, in der Hoffnung auf eine bessere Zeit, dann, irgendwann.
Eine lähmende Hoffnung, die das Denken auf eine unberechenbare Zukunft focusiert.
Und was ist in der Zwischenzeit? Zwischenleben.
Ein Leben zwischen sich unglücklich fühlen und schaler Hoffnung.

Die Hoffnung verändert nichts, sie ist kein Schub, der uns in eine Entwicklung treibt - sie ist eine passive Dulderin, die uns dort festhält wo wir sind und lediglich als Trösterin dient für die Illusion von einer besseren Zeit.
Die Zeit ist jetzt, heute an diesem Tag und nicht an einem in weiter Ferne liegenden Punkt X an dem alles besser und schöner ist. Ein besseres Leben erträumt man nicht, man gestaltet es. Und die  Gestaltung beginnt mit der Frage: Was bin ich mir wert?




Montag, 11. September 2017

Über das Urteilen



Foto: www

Urteile haben einen großen Nachteil, für uns selbst und für andere - wir bleiben in Unklarheit darüber was uns im Innersten bewegt. Urteile sind Deckel, unter denen wir unsere Gefühle und Bedürfnisse verschließen. Das bewirkt, dass wir uns derer nicht bewusst werden. Urteile kappen die Verbindung zu uns selbst und anderen, sie trennen und spalten ab. Zack, Urteil und fertig!
Und wir meinen damit ist es gut.
Es ist nicht gut.
Urteile sind nichts anderes als ein erstarrter Ausdruck unseres Innenlebens. Je härter Menschen urteilen, desto größer ist der eingekapselte Schmerz, den sie nicht fühlen wollen. Urteilen ist eine Form von Abwehr - wir wehren ab, womit wir uns nicht auseinandersetzen wollen. Aber das bringt uns nicht weiter, nicht näher zu uns selbst und nicht näher zum anderen hin.
Es bringt uns weiter, uns dem Gefühl zuzuwenden, das sich hinter dem Urteil verbirgt. Hinter jedem Urteil steht ein Bedürfnis, das sich meldet und versorgt werden will.

Freitag, 8. September 2017

Sich selbst lieben geht nicht auf Knopfdruck



Danke für das Foto, Lucas


Die Liebe für uns selbst muss sich darauf beziehen, was wir sind und nicht auf das, was wir tun. Erst dann gelingt es uns, uns vorbehaltlos zu akzeptieren. Das Erkennen des Unterschieds zwischen Tun und Sein ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die wir im Leben machen können.

Sich selbst lieben geht nicht auf Knopfdruck. Es ist Arbeit. Der Psychiater und Bestsellerautor M. Scott Pecks sagte einmal, dass Liebe besagt, dass Liebe eine harte Arbeit ist, zu der eine Erweiterung der Persönlichkeit gehört. Und so ist es. Die Selbstliebe kommt uns nicht einfach so angeflogen, wenn wir sie nicht fühlen können. Sie muss in der Tat erarbeitet werden. Es braucht den Willen und es braucht Übung die Selbstabwertung oder die Selbstverachtung aufzugeben und uns selbst vorbehaltlos zu akzeptieren mit allem was uns ausmacht, auch mit dem, was wir an uns selbst nicht leiden können. Sich selbst nicht leiden können bringt Leid, innerseelisch und im Kontakt mit anderen Menschen, in all unseren Beziehungen.

Die Arbeit an der Selbstliebe beginnt damit, dass wir uns selbst zuhören. 
Wie hört man sich selbst zu? Indem man auf seine Gefühle, seine Wünsche und seine Bedürfnisse achtet. Die meisten von uns haben das nicht gelernt. Wir haben gelernt unseren Focus auf das zu richten was andere fühlen, wünschen oder brauchen. Wir haben gelernt Erwartungen zu erfüllen, die andere an uns haben, aber wir haben nicht gelernt unsere Erwartungen an uns selbst zu achten und zu erfüllen und wenn, dann sind es jene, die man uns beigebracht hat. Was wir tun müssen, damit wir anderen gefallen, ist eine davon. Auch wenn wir glauben wir tun all das was wir tun für uns, so ist das in Wahrheit nicht selten ein Irrglaube, wir tun es damit man uns achtet, uns Aufmerksamkeit schenkt, uns wertschätzt und liebt. Wir tun es um durch unser Tun etwas zu bekommen, von dem wir meinen, dass wir es brauchen. Und meistens bekommen wir ja auch etwas für unser Tun, aber wann bekommen wir etwas für unser Sein?
Leistung bringen ist Tun.
Sein ist einfach da sein, ohne etwas tun zu müssen.  
Wann nehmen wir uns die Zeit einfach nur zu sein?
Erlauben wir es uns? Oder denken wir gar nicht darüber nach, so wie die meisten Menschen, die ständig irgendetwas tun müssen, weil sie gar nicht wissen was nichts tun sein kann, und weil sie sich schlecht fühlen im Nichtstun. So funktioniert unsere Leistungsgesellschaft. So funktioniert Leben, wie man es uns beigebracht hat. Tu was, dann bist du wer. Wer nichts tut, ist nichts wert.
Und wem schenken wir damit Aufmerksamkeit? Nicht uns selbst jedenfalls.

Man muss sich selbst Aufmerksamkeit schenken um sich selbst wahrzunehmen.
Das beginnt damit in Kontakt mit den eigenen Gefühlen zu kommen. Und jedes Gefühl, das wir haben sagt uns etwas über unsere Bedürfnisse. Gefühle sind immer auf Bedürfnisse ausgerichtet. Wenn ich zum Beispiel traurig bin habe ich das Bedürfnis nach Fürsorge, Geborgenheit und Trost. Wenn ich mich hilflos fühle, habe ich das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, nach Sicherheit und Halt. Jedes Gefühl verweist auf ein tiefes Bedürfnis. Die meisten Menschen erkennen das nicht. Sie übergehen ihre Gefühle und weil sie das tun, wissen sie nichts über ihre wahren Bedürfnisse.

Ein Mensch, der sich selbst liebt weiß um seine Bedürfnisse. 
Das ist die Vorrausetzung für Selbst - Bewusstsein. Nur wer sich seiner selbst bewusst ist wird sein Leben so gestalten, dass es seinen Bedürfnissen nahe kommt.
Die Arbeit an der Selbstliebe erfordert Aufmerksamkeit für uns selbst und sie geht nicht ohne Selbstdisziplin vonstatten. Selbstdisziplin bedeutet sich selbst gegenüber absolut ehrlich zu sein, seine Triebe aufschieben zu können und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wer sich so verhält besitzt Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl. Ohne das ist Selbstliebe nicht möglich. Sie bedeutet nämlich auch Verzicht. Verzicht auf Dinge, die uns nicht gut tun. Dazu muss man eben wissen was einem nicht gut tut und damit sind wir wieder bei der Aufmerksamkeit, die wir uns selbst schenken müssen um bei uns selbst anzukommen.

Erst wenn wir das gelernt haben und es dauert, wie alles was wir neu lernen müssen, werden wir irgendwann bei uns selbst ankommen und dem Gefühl ein einzigartiger liebenswerter Mensch zu sein,  der sich vorbehaltlos akzeptiert und sich verzeihen kann wenn er Fehler macht. Selbstliebe versetzt uns in die Lage nichts mehr von anderen einzufordern, was sie uns nicht zu geben vermögen, können oder geben wollen, sie macht aus emotional Abhängigen selbstsichere Menschen, die wissen wie sie selbst gut für sich sorgen und sich ihre Bedürfnisse erfüllen können. Selbstliebe hilft uns dabei nein zu sagen, sie hilft uns dabei uns abzugrenzen. Sie hilft uns auch um etwas zu bitten, wenn wir uns etwas wünschen und sie hilft uns damit umzugehen wenn wir Zurückweisung erfahren. Wenn wir die Arbeit der Selbstliebe nicht scheuen erhalten wir ein wertvolles Geschenk – wir wissen um den wahren Wert unseres Seins. Und dafür müssen wir nichts tun und uns selbst und anderen nichts beweisen.

Namaste 

Angelika









Mittwoch, 6. September 2017

Aus der Praxis – Wie wir quälende Gedanken stoppen können


Wir alle kennen es, wir möchten nicht an etwas Bestimmtes denken, aber wir können nicht damit aufhören. Quälende Gedanken können uns beherrschen. Mehr noch, sie werden zu Gefühlen, die uns besetzen, die unseren Tag beherrschen und uns in den Nächten den Schlaf rauben. Jedes Gefühl, das wir haben, kann internalisiert werden. Geschieht das, hört das Gefühl auf wie ein Gefühl zu wirken, es wird zu einem Teil unserer Persönlichkeit mit dem wir uns identifizieren. Wenn wir uns bewusst machen, dass die Dynamik unseres Seins aus Gefühlen, Bedürfnissen und Trieben zusammensetzt ist, können wir uns leicht vorstellen, dass wir mir diesen Identifikationen eine Störung in diese Dynamik bringen. Das ganze System ist im Ungleichgewicht und wir reagieren und handeln aus dem internalisierten Gefühl heraus. Es hat uns im Griff. Was wir nun brauchen ist ein Weg um uns von diesen Gefühlen zu lösen, oder wie man in der Psychologie sagt: Wir disidentifizieren uns von belastenden Gefühlen.

Wie ist das möglich?
In der Psychoanalyse wird zwischen verschiedenen Ich-Zuständen unterschieden. Wir haben ein sogenanntes Ego das uns mit Gedanken und Gefühlen überfluten kann. Aber all die ganzen Stimmen die wir so im Kopf haben - das SIND wir nicht. Wir sind weder unsere Gefühle, noch unsere Gedanken. Wir erschaffen sie und nicht sie erschaffen und beherrschen uns, auch wenn wir das irrtümlicherweise glauben. Diese einfache Wahrheit wird oft übersehen und viele Menschen können sich auch nicht vorstellen, dass es so ist. Können wir uns aber auf diese Wahrheit einlassen, haben wir eine gute Chance nicht weiter das Opfer unserer Gedanken und Gefühle zu sein. Wir können uns unsere Eigenmacht zurückholen, wenn wir wissen: Alles was wir denken und fühlen, können wir beeinflussen, denn WIR sind es, die denken und fühlen. Es gibt niemanden, der uns sagen kann: Du musst dich jetzt so oder so fühlen. Es gibt niemanden, der uns verletzen kann, wenn wir es nicht zulassen. Es ist einzig und allein unsere Interpretation der Dinge, die unsere Gedanken und Gefühle erschafft. Diese Interpretation läuft allerdings in Sekundenbruchteilen ab. Und manchmal merken wir es erst, wenn wir mitten drin stecken im Dilemma.

Viktor Frankl sagte einmal: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum“. Was er damit meinte ist, dass wir genau diesen Raum für uns nutzen können um nicht wie ein Pawlowscher Hund auf einen von außen kommenden Reiz zu reagieren. Wir haben diesen Raum, der eine Distanz zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Reiz und Reaktion, schaffen kann und dieser Raum ist ein hilfreiches Geschenk, wenn uns wieder einmal ein quälender Gedanke massiv zusetzt.
Hierzu gibt es eine einfache und sehr wirksame Methode aus der Psychologie: den Gedankenstopp.
Der Gedankenstopp hilft, nicht noch tiefer in die quälenden Gedanken, die depressive Stimmung oder in die Angst zu fallen, sondern nach einer Lösung zu suchen und diese auch zu finden. Der Sinn der des Gedankenstopps liegt darin, uns selbst aufzuwecken, bevor wir von destruktiven Gedanken überflutet werden.
Zugegeben das zu verinnerlichen ist schwer und es braucht Übung. Es braucht den Willen es zu üben.
Wie das funktioniert?

Sobald quälende Gedanken auftauchen: Setz dich in aufrechter Körperhaltung an einen stillen Ort und lass diese Gedanken zu. Dann haue kräftig auf den Tisch und sage laut „Stopp“ zu dir selbst. Du wirst überrascht sein, wie du plötzlich wieder im Hier und jetzt bist und die quälenden Gedanken weg sind.
Eine weitere Übung, die mir persönlich hilft, ist diese kleine aber sehr effektive Übung im Selbstmitgefühl:
Sag mitfühlend zu dir selbst: „Ja, so ist das“. Wenn du magst, lege dabei deine Hände auf dein Herz und atme dabei ruhig ein uns aus. Tu das solange du magst oder solange bis zu fühlst, dass es in dir ruhiger wird. Bei manchen Menschen nützt schon diese kleine Übung um innerlich wieder zu sich selbst zu kommen.

Und zum Schluss ein Zitat von Roberto Assagioli
„Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper.
Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle.
Ich habe Wünsche, aber ich bin nicht meine Wünsche.
Ich habe einen Geist, aber ich bin nicht mein Geist.
Ich bin ein Zentrum aus reinem Bewusstsein.“

Namaste Ihr Lieben



www.wende_praxis.de

Mittwoch, 30. August 2017

Erwartungen


 
Malerei: AW


Immer dann, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, kommen Störgefühle hoch. 
Das geschieht die ganze Zeit, wenn man bewusst hinfühlt. Je mehr wir erwarten, von uns selbst, von anderen und dem Leben, desto mehr Frust und Enttäuschung, desto mehr inneres Antreiben und desto weniger innere Freiheit werden wir erreichen können.
Wenn es gelingt die Erwartungen weniger werden zu lassen können wir gelassener werden.
Kommen Erwartungen hoch, was natürlich nicht ganz vermeidbar ist, könnten wir sie betrachten, ohne sie bekämpfen zu wollen, ohne an ihnen festhalten zu wollen und sie loslassen. 

Dienstag, 29. August 2017

Trust the process




Manchmal scheint es als würden wir rückwärts gehen, zurück in alte Muster, zurück in alte Wunden und Verletzungen, zurück in eine Vergangenheit, die längst abgeschlossen ist.
In Wahrheit aber gehen wir niemals rückwärts.
Entwicklung geschieht ähnlich wie eine Spirale – sie geht nach Oben und nach Unten, sie macht Drehungen, Biegungen und Schlenker. 

Auch wenn es für uns aussieht als wäre es ein Rückschritt, wir machen immer Fortschritte. 

Trust the process!

Sonntag, 27. August 2017

Aus der Praxis – Ein Co-abhängiger spricht zu sich selbst



Malerei AW


Ich bin Co-abhängig! Ich brauche Hilfe! Co-Abhängigkeit ist eine Krankheit. 
Co-abhängigkeit ist die Sucht gebraucht zu werden.

Es ist eine Sucht, die mich dazu bringt aus Liebe und Angst Dinge für einen Alkoholiker zu tun, die ich für mich selbst tun müsste.
Es ist eine Sucht, die mich dazu bringt in einem ständigen Wechselbad aus Liebe und Ekel, angewidert oft schon dadurch, dass der Alkoholiker stinkt, weil er sein ihr Gift ausatmet, zu leben.
Es ist eine Sucht, die verhindert, dass ich mich selbst genug wertschätze und Verantwortung übernehme für einen, der seine Verantwortung nicht übernehmen kann oder will.
Es ist eine Sucht, die mich antreibt mich um den Alkoholiker zu kümmern und ihm bei dem zu helfen, was er suchtbedingt nicht mehr schafft.
Es ist eine Sucht, die mein Mitleid und mein Mitgefühl für den Alkoholiker über mein Selbstmitgefühl und meine Selbstliebe stellt.
Es ist eine Sucht, die alles gibt um dem Alkoholiker zu helfen seine Sucht zu überwinden.
Es ist eine Sucht die mich mein Seelenheil, Gesundheit und Geld kostet.
Es ist eine Sucht, die alles tun würde, damit er aufhört zu trinken.
Es ist eine Sucht, die mir sagt, ich muss ihn nur genug umsorgen und lieben und er wird aufhören zu trinken.
Es ist eine Sucht, die mir vorgaukelt es gibt einen Weg ihm zu helfen.
Es ist eine Sucht, die mich zur Inkonsequenz verführt.
Es ist eine Sucht, die mich mein eigenes Leben vernachlässigen und zerstören lässt.
Es ist eine Sucht, die mir Hoffnung vorgaukelt wo es keine Hoffnung gibt, sondern allein Vergeblichkeit.
Es ist eine Sucht, die mich immer wieder auf seine Versprechungen hereinfallen lässt, obwohl ich weiß, dass er sie gar nicht halten kann, auch wenn er es wollte.
Es ist eine Sucht, die mich dazu bringt die bösen Worte, Angriffe und Abwertungen des Alkoholikers zu schlucken und mich nicht zu wehren und wenn dann auf ungesunde und unangemessene Weise.
Es ist eine Sucht, die mich dazu treibt zu schweigen, zu vertuschen, zu verheimlichen und in Kauf zu nehmen, dass er Trinker ist, sein Leben zerstört und das meine mit.
Es ist eine Sucht, die Scham und Schuldgefühle in mir auslöst, dass ich in so ein Leben geraten bin.
Es ist eine Sucht, die hohe Ansprüche an mich selbst stellt und dem Alkoholiker alles durchgehen lässt.
Es ist eine Sucht, die mich dazu bringt weiter zu ihm zu halten, obwohl ich nur Nachteile habe.
Es ist eine Sucht geboren aus Unsicherheit, Schwäche, dem Gefühl von Wertlosigkeit und dem daraus resultierenden Drang für andere Dasein und für sie sorgen zu müssen, auch wenn sie mich ständig verletzen, benutzen, belügen, hintergehen und betrügen.
Es ist eine Sucht, die dazu führt, dass ich mich nicht abgrenzen kann und  meine Wut, meine Trauer, meinen Schmerz und meine Verzweiflung herunterschlucke und weiter mache  den Helfer zu geben, wo ich längst erschöpft und am Ende bin.

Co-abhängigkeit ist eine Sucht, die mir vorgaukelt, ich sei nur wertvoll, wenn ich mich aufopfere und es anderen recht mache.
Ich bin co- abhängig.
Ich bin eigentlich stark, ich bin eigentlich liebevoll, aber ich nutze die Stärke und die Liebe nicht für mich selbst, sondern werfe sie wie eine kostbare Perle vor die Sau.
Ich bin co-abhängig. Ich brauche Hilfe!


Falls du den Weg zurück Dir beschreiten möchtest, falls Du den Willen hast Dein ungesundes Beziehungsmuster mit Bewusstheit und Wertschätzung für Dich selbst zu durchdringen, wenn du alten Schmerz loslassen möchtest, freue ich mich, dich in diesem Prozess zu begleiten.
Entscheide dich für Liebe statt für Co-abhängigkeit!