Freitag, 30. Dezember 2016

Retraumatisierte Menschen oder: Die durch die Hölle gehen



„Reiß dich doch zusammen! Stell dich nicht so an, das kann doch nicht sein, du musst dagegen angehen, stell dich der Angst, mach was, hör auf zu vermeiden, das macht alles noch schlimmer!“

Traumatisierte Menschen kennen diese gut gemeinten aufmunternden Worte von denen, die nicht wissen, was es bedeutet ein Trauma erlebt zu haben. Wie auch? Menschen können nicht nachfühlen, was sie selbst nicht gefühlt haben. Sie können es nicht einmal verstehen.

Traumatisierte Menschen sind mit ihrer lebensverändernden Erfahrung im Tiefsten allein. (Außer sie haben einen guten Therapeuten)
Wer ein massives Trauma erfahren hat ist ein anderer Mensch geworden. Er hat an Leib und Seele erlebt was es bedeutet absoluten Kontrollverlust zu erfahren. Er hat Todesangst gefühlt und im Zweifel auch körperliche Schmerzen. Peter A. Levine, einer der bekanntesten Traumaexperten und Autor des Buches „Vom Trauma befreien - Wie Sie seelische und körperliche Blockaden lösen“, erklärt das traumatische Erleben sinngemäß so: „Ein Trauma wird durch ein Ereignis verursacht, dass für den Betroffenen extremen Stress erzeugt. Dieses Ereignis bewegt sich außerhalb normaler menschlicher Erfahrungen. Die Fähigkeit mit der Situation umzugehen funktioniert nicht. Alle psychischen Bewältigungsstrategien werden im Traumaerleben außer Kraft gesetzt.“ Mit anderen Worten: Es kommt zum Verlust der Verbindung zu uns selbst, unserem Körper und der Welt.  

Ein Trauma führt dazu, dass sich mentale und körperliche Strukturen spalten. Ein Trauma wird dann erlebt, wenn in einer lebensbedrohlichen Situation alle Stressprogramme versagen, sprich, wenn kämpfen oder fliehen nichts helfen und der totale Verlust der Kontrolle über das eigene Sein stattfindet. 
Der Traumatisierte erfährt: Alles was normalerweise hilft, hilft nichts, die Situation ist ausweglos. Also muss etwas im Gehirn die Stressprogramme ausschalten, was zur Folge hat, dass die Psyche ihre Ganzheit aufgibt, das Ich fragmentiert sich und spaltet sich auf. Die lebensbedrohliche Situation, die Ohnmacht, die Angst, das Ausgeliefertsein werden im Gehirn gespeichert. Wird der Traumatisierte später mit einem Reiz, der nur irgendeinem Reiz aus der traumatischen Situation ähnelt, konfrontiert, löst dieser sofort die in der Erinnerung gespeicherten Gefühle aus. Es kommt zu verschiedenen körperlichen Symptomen wie Atemnot, Schweißausbruch, Übelkeit, Herzrasen, im schlimmsten Fall zu Panikattacken. Hier kann die bewusste Wahrnehmung oft keinen Zusammenhang herstellen, der Traumatisierte versteht sich selbst nicht mehr, er ist allein mit seiner Angst und seiner Ohnmacht, die er immer wieder erlebt, ohne zu wissen wann und wo sie ihn trifft.

Häufig kommt es posttraumatisch( nach dem Trauma) zu einem grundlegenden Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühlen durch die traumabedingte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses sowie zu einem Gefühl der Losgelöstheit oder Entfremdung von anderen Menschen. Man könnte sagen, der Traumatisierte hat den Kontakt zum Boden der Realität verloren und allem was sich darauf bewegt. Die Welt erscheint ihm unberechenbar, gefährlich und als Bedrohung. Der Glaube, dass auch nur etwas in der Welt verlässlich ist, ist verloren.

Traumen kann man heilen. Es dauert lange und erfordert unendlich viel Geduld vom Betroffenen und seinem Therapeuten. Im besten Falle organisiert sich die Psyche nach einem Trauma neu, sodass der Mensch wieder lebensfähig ist.

Was aber wenn es zu einem neuen Trauma kommt?
Man spricht dann von einer Retraumatisierung.
Bei einer Retraumatisierung werden lang etablierte Abwehrmechanismen und alles was heilte, außer Kraft gesetzt. Es kommt zu einer Überflutung mit neuem und altem Traumamaterial. Betroffene haben bei einer Retraumatisierung die gleichen Gefühle, Körperempfindungen und Wahrnehmungen, die sie beim ursprünglichen Trauma erlebt haben. Sie sind diesen Symptomen hilflos ausgeliefert und erleben abermals denselben Kontrollverlust und dieselbe Angst in exakt gleicher Feldstärke.
Bei einer Retraumatisierung geht ein Mensch ein weiteres Mal durch die Hölle. Das geht von massiven Angstzuständen bis hin zu Panikattacken oder generalisierter Angst. Auch dissoziiertes und/oder depersonalisiertes Erleben, Schlafstörungen, psychosomatische Symptome wie etwa Herzrhythmusstörungen, Magen-Darmstörungen, unklare Schmerzen bis hin zu Depressionen sind die Folge. Nach einer Retraumatisierung ist das gesamte Nervensystem überreizt und hypersensibilisiert. 

Auch wenn der Verstand funktioniert – ein retraumatisierter Mensch zerfällt in Fragmente seines Selbst. Er fällt ins Bodenlose. Er erlebt ein völlig verändertes Denken und Fühlen. 
Er wird derart von frei flottierender Angst überflutet, dass es kaum noch einen angstfreien Moment im Leben gibt. Der Körper schüttet ständig Stresshormone aus und das Sympathische Nervensystem läuft ständig auf Hochtouren. Das bewirkt eine Leistungssteigerung des Organismus (Ergotropie). Der Körper ist permanent in hoher Leistungsbereitschaft und findet keine Ruhe mehr.
Man weiß, dass durch solche länger anhaltenden körperlichen Zustände die neuronalen Verknüpfungen im Gehirn derart verändert werden, dass ein angstfreies Denken und Empfinden kaum mehr möglich ist. Traumatisierte Menschen beginnen daher instinktiv zu meiden was angstauslösend wirken könnte. Das kann alles sein, was nur im Entferntesten an das Trauma erinnert. Diese Menschen reagieren hypersensibel gegen alles was sich nur im Geringsten nach Gefahr anfühlt oder sie in die Erinnerung des Erlebten zurückversetzen kann. Sie leben in einem permanenten Angstzustand, ohne zu wissen warum, denn oft ist ihnen selbst gar nicht bewusst was genau ihre Angst auslöst.

Man weiß heute: Ein Trauma ist nicht allein im Kopf sondern im Nervensystem gebunden. Dadurch verliert dieses seine volle Flexibilität  - mit anderen Worten: Das Trauma sitzt in jeder Zelle des Körpers. Retraumatisierte Menschen befinden sich in einem permanenten Hab- acht - Zustand, der für gesunde Menschen nicht im Ansatz nachzuvollziehen ist und fatalerweise für sie selbst auch nicht. Sie werden von etwas beherrscht, was außerhalb ihrer Macht steht. 
 
Es ist schwer, nach einem Trauma wieder ins normale Leben zurück zu finden. Noch einmal schwerer ist es nach einer Retraumatisierung wieder gesund zu werden. Die Traumaforschung weiß, dass das Gehirn nach einer Retraumatisierung Jahre braucht bis es wieder normal funktioniert. Die Heilung einer Retraumatisierung braucht Zeit, Geduld und intensive Therapie, damit der Mensch wieder lebensfähig wird. Mit zusammenreißen hat das nichts zu tun.



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