Foto: A.Wende
Gestern hatte ich einen anstrengenden Tag. Mein Herz war schwer, und am Abend spürte ich, wie sich die Schwere auch in meinen Gedanken festgesetzt hatte. Um etwas Abstand von dieser Schwere zu finden, machte ich nach der Arbeit einen Spaziergang durch mein Viertel. Unterwegs kam ich an der kleinen Pizzeria im Viertel vorbei. Der syrische Koch, den ich gut kenne, sah mich durch das Fenster. Er lächelte, kam heraus und wir unterhielten uns eine Weile. Irgendwann erzählte ich ihm von dieser eigentümlichen Schwere.
Er hörte aufmerksam zu und sagte schließlich nur: „Setz dich. Ich mache dir eine Bolognese.“ Wenige Minuten später stand der Teller vor mir. Die Sauce schmeckte wunderbar. Es war kein außergewöhnliches Gericht, und doch hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes zu essen. Ich sah ihn an und sagte: „Sie schmeckt hervoragend. Was ist das Geheimnis deiner Bolognese?“
Er lächelte und antwortete: „Bei uns sagt man: Wenn du etwas tust, dann tue es mit Liebe.“
Dieser Satz ließ mich nicht mehr los.
Kann man alles mit Liebe tun?
Es gibt Arbeiten, die uns ermüden, Aufgaben, die wir nur aus Pflicht erledigen und Tage, an denen uns jede Leichtigkeit fehlt. Vielleicht liegt Weisheit dieses Satzes genau darin, dass er Liebe nicht als Gefühl meint. Gefühle kommen und gehen. Sie sind wandelbar. Liebe hingegen ist im tieferen Sinn eine Entscheidung. Sie ist die Bereitschaft, sich einem Menschen, einer Aufgabe oder Gott mit offenem Herzen zuzuwenden. Der Satz will nicht sagen, dass wir jede Tätigkeit lieben müssen. Niemand kann jede Aufgabe mit Freude und Begeisterung erfüllen. Der Satz meint etwas anderes. Es geht nicht darum, dass wir jede Tätigkeit lieben. Liebe verwandelt nicht die Aufgabe, aber sie verändert den Menschen, der sie erledigt. Liebe ist die Art, wie wir etwas tun.
In der islamischen Tradition heißt es, dass Gott nicht auf die Größe einer Tat blickt, sondern auf die Aufrichtigkeit des Herzens. Eine kleine Handlung, die aus Liebe geschieht, kann schwerer wiegen als eine große Tat, die nur aus Eitelkeit vollbracht wird. Darum beginnt jede Tat mit der Niyya, der inneren Absicht. Für mich ist das die eigentliche Botschaft dieser Worte. Das Leben besteht nur selten aus den großen Momenten. Es besteht aus vielen kleinen Momenten aus vielen kleinen Handlungen. Und genau dort entscheidet sich, wer wir sind. Nicht in den außergewöhnlichen Taten, sondern in der Art, wie wir tun, was wir tun. Vielleicht hatte mein Freund gar kein besonderes Rezept. Er wollte einem müden Menschen etwas Gutes tun. Das Geheimnis seiner Bolognese war die liebevolle Absicht mit der er sie zubereitete. Möglicherweise ist das das Geheimnis eines erfüllten Lebens: nicht alles zu lieben, was wir tun, sondern das, was wir tun, nicht ohne Liebe zu tun.
„Liebe ist die Brücke zwischen dir und allem.“
Rumi
Angelika Wende
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