Freitag, 23. August 2019

Der Raum zwischen Reiz und Reaktion


Wir reagieren meist rasch und zwanghaft in Mustern, die uns schaden. Es ist wie ein Automatismus, der uns in den Fängen hat. Wir springen in das erste Gefühl, das hochkommt und lassen uns davon überfluten. Wir folgen dem ersten Gedanken, der uns in den Sinn kommt und grübeln dann in Endlosschleife darüber nach. Wir spucken das erste Wort aus, das uns auf der Zunge liegt.

Das ist das Problem: Wir reagieren ohne zu reflektieren.

Wir überspringen den Raum, der zwischen Reiz und Reaktion liegt. So enstehen Konflikte, innen wie außen. Wir reagieren reflexartig, anstatt bewusst zu agieren.

Wenn wir unkontrolliert reagieren bedeutet das - wir haben die Kontrolle verloren, dann ist da jemand oder etwas, das oder der uns kontrolliert.
Wir lassen es zu, anstatt den Raum zu nutzen, der zwischen Reiz und Reaktion liegt, zu unserem Besten, für unser Seelenheil.

Reflexhaftes Reagieren ist menschlich. Wir kennen es nicht anders, wir machen das schon immer. Wir können aber lernen es nicht mehr zu machen. Wir können lernen uns selbst zu kontrollieren, im besten Sinne, denn nur dann werden wir nicht von dem kontrolliert was uns angreift, triggert und unsere Gefühle hochschießen lässt.

Wir lernen.
Wir erlauben etwas oder jemanden nicht mehr zu bestimmen wie es uns geht.

Wir üben Ruhe zu bewahren.
Weil wir wissen: Aus der Ruhe zu geraten hilft nicht.
Wir atmen erst einmal tief ein und aus.
Wir lernen vieles nicht mehr so ernst zu nehmen.
Wir lernen Gefühle zu haben und identifizieren uns nicht mehr mit ihnen bis sie uns im Griff haben.
Wir geben unsere Ruhe nicht auf, wenn uns jemand angreift.
Wir reagieren nicht mehr reflexartig und nutzen den Raum zwischen Reiz und Reaktion.
Wir atmen und bleiben bei uns.
Und dann entscheiden wir, wie wir reagieren wollen.
Und ja, das ist schwer.
Aber das es leicht ist, hat keiner gesagt.


"Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit."
Viktor Frankl




Dienstag, 20. August 2019

Alles was sein kann, darf sein





Die größte Blockade für innere und äußere Veränderungen ist der Widerstand dagegen etwas aufzugeben, von dem wir glauben, dass es zu uns gehört, ganz gleich was es ist, sowie der Glaube: "Was nicht sein kann, darf nicht sein".
Nehmen wir als Beispiel die Vergangenheit um an meinen gestrigen Text anzuknüpfen.
Wir können sagen: Ja, das ist meine Vergangenheit, ja sie gehört zu mir, ja sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Das ist wahr und das ist okay, auch wenn sie nicht schön war: Es ist okay.

Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können sie akzeptieren. Das macht das Leben im Jetzt leichter.
Manche Menschen mögen es gar nicht leicht haben.
Sie wollen festhalten am Alten, an Glaubensmustern, an Überzeugungen, an Vergangenem.
Unbeweglich und starr klammern sie sich an das Alte, das sich längst überlebt hat, weil es vermeintlich Sicherheit gibt oder weil sie sauer auf das Leben sind, das es nicht gut mit ihnen gemeint hat und meint. Und dann muss als Erkärung die ungute Vergangeheit herhalten. Ist doch schön, wenn ich im Außen einen Grund finde, warum alles so bescheiden ist und so gar nicht, wie ich es gern hätte.
Dann bin ich raus aus der Verantwortung für mein Jetzt.
Ich bleibe bei der Überzeugung: Weil das alles so war, bin ich so, ist es so.

Das ist wahr. Wir sind auch Erinnerung, wir sind auch unsere Biografie.
Was aber nicht heißt, das BIN ich. Und ohne meine Vergangenheit BIN ich nichts.

Oh nein, wie sind so viel mehr als unsere Vergangenheit.
Wir können uns zum Beispiel trotz dieser Vergangenheit immer wieder neu erfinden.
Was nicht heißt, dass alte Erfahrungen gelöscht werden.
Sie sind Teil von uns, festgeschrieben in jeder Zelle unseres Seins, aber da gibt es so viel mehr als diesen Teil, wenn wir mal genau hinsehen. Und das dürfen wir entdecken, wenn wir wollen. Neugierig, mutig, experimentierfreudig. Neues lernen, Neues erfahren, Neues ausprobieren im Jetzt.

Wer darauf beharrt, dass die Vergangenheit ihn zu dem gemacht hat, der er ist und bleiben wird, verpasst ein Abenteuer, das größte Abenteuer überhaupt: Sich selbst.
Auf etwas beharren schafft Widerstand.
Auf etwas beharren stockt den Fluss des Lebens.
Bewegung ist mühsam, Starre macht sich breit.
Angst und Lähmung.
Groll und Enttäuschung.
Resignation und Bitterkeit.
Am Ende gar Verzweiflung.

Alles was unser Wachstum verhindert ist in meiner Welt ungut. Und wenn das meine Vergangenheit ist, die das Wachstum verhindert, dann wende ich mich genau diesem Thema zu. Und wenn ich das hundertfach tun muss, um es zu lösen. Und wenn ich unzählige Wege ausprobieren muss um das zu lösen.
"Alles was sein kann, darf sein."
Und ...
Alles, alles ist vergänglich.
Vergänglichkeit ist - zwischen Anfang und Ende.
Aber bevor mein Leben an seinem Ende angelangt ist, bin ich dankbar jeden Tag neu entscheiden zu dürfen, was ich sein will, wer ich sein will, wie ich meine Tage gestalten will - im Jetzt. Dass das nicht leicht ist weiß ich, aber das Leichte geschieht von selbst, das Schwere zu tun, um es leichter zu haben, ist Arbeit.

An der Vergangenheit hängt der, der keinen Mut für das Jetzt hat.

Sonntag, 18. August 2019

Unter den Blicken der anderen


Foto: Reinhard Berg

Unter den Blicken der anderen sind wir nicht wir selbst.
Wie oft verstellen wir uns, geben vor etwas zu sein was wir nur sein mögen oder glauben sein zu müssen, aber nicht sind. Manchmal haben wir sogar Angst vor den Blicken der anderen. Wir fürchten uns vor ihrem Urteil. Wir tun Dinge, die wir nicht tun wollen, um dieser Beurteilung zu entkommen, weil wir sie nicht zu ertragen glauben und verraten uns selbst.
Wir erfüllen Erwartungen.
Wir wollen gemocht werden, anerkannt werden, geliebt werden. Wir wollen dazu gehören. Wir wollen auf keinen Fall alleine dastehen mit unserer Meinung, unserer Lebensweise, unserer Wahrheit, unserem Sosein, mit uns selbst.
Wir ergeben uns so Vielem.
Wir glauben sie nicht auszuhalten - die Blicke der anderen.
Und dafür verbiegen wir uns. Und verlieren uns selbst aus den Augen - unter den Blicken der anderen.


"Ich will nur wissen, was dich von Innen hält, wenn sonst alles wegfällt.
Ich will nur wissen, wonach du innerlich schreist, ob du zu träumen wagst.
Ich will nur wissen, ob du enttäuschen kannst, um dir selber treu zu sein.
Ich will nur wissen, ob du bereit sein kannst wie ein Narr auszusehen um deiner Liebe willen, um deiner Träume willen.

Ich will nur wissen ob du mit mir in der Mitte des Feuers stehst und nicht zurückschreckst."
Das sind Zeilen aus der "Einladung" von Oriah Mountain Dreamer.

Das sind starke Worte für starke authentische Menschen, die sich selbst folgen, die sich selbst treu sind, die sich für ihre Freiheit entscheiden, die voller Selbstvertrauen ihren Weg gehen, trotz der Angst, frei von den Blicken der anderen, den Blick nach Innen gerichtet - um ihrer Liebe willen, um ihrer Träume willen.

Mögen es viele werden.

Samstag, 17. August 2019

Betrug, eine Erschütterung der ganzen Person




Zeichnung: A. Wende

"Es gibt kaum ein Unterfangen, das mit so ungeheuren Hoffnungen und Erwartungen begonnen wird und das mit einer solchen Regelmäßigkeit fehlschlägt wie die Liebe", schreibt Erich Fromm.
Die Erfahrung vieler von uns sagt: Ja, so ist es.
Wir alle wollen geliebt werden, wir suchen den Einen, die Eine, die uns das gibt, diese eine Liebe. Und die soll bleiben wenn wir sie endlich gefunden haben, für immer und ewig. Sie bleibt oft nicht. Irgendwann ist es vorbei. Die Liebe geht, warum auch immer. Es gibt tausend Gründe. Was aber wenn die Liebe bleibt und wir trotzdem gehen, weil die Beziehung einen tiefen Riss bekommen hat, der nicht mehr zuheilen will? 

Anna weint. Sie weint jedes Mal, wenn sie zu mir kommt. Sie ist blass. Unter ihren Augen liegen tiefe Schatten. Sie schläft schlecht, sie ist ständig krank. Sie lebt ihr Leben als Schatten ihrer selbst. Sie spürt nicht mehr viel für andere, auch sich selbst spürt sie nicht mehr. Nur Schmerz, sagt sie, einen dumpfen Dauerschmerz. Manchmal wenn ich in die Stadt gehe um Einkäufe zu machen, muss ich plötzlich ganz schnell wieder nach hause gehen, weil ich anfange zu weinen. Es kommt einfach so, ich kann das gar nicht steuern. Es fließt aus mir heraus. Ich habe Schwierigkeiten mit dem Leben. Das ganz normale Leben, ich weiß nicht, aber irgendwie funktioniert das nicht mehr.
Seit etwa einem Jahr kommt Anna schon zu mir in die Praxis. Es gibt auch gute Phasen. Phasen in denen sie sich besser fühlt. Stärker und hoffnungsvoller. Leider halten sie nicht an. Immer wieder ist Anna am Boden zerstört. Ich habe ihr vorgeschlagen in eine Psychosomatische Klinik zu gehen. Anna will das nicht. Sie sagt, sie will so lange darüber reden bis es gut ist. Ich sage, das ist okay. Ich höre ihr zu. Immer wieder dem immer Gleichen. Ich spüre ihren Schmerz, weil ich ihn kenne. Ich weiß, dass er Zeit braucht um zu erträglicher zu werden. Wie viel Zeit, weiß ich nicht. Wir nehmen uns Zeit.
Ich liebe ihn, sagt sie immer wieder. Ich liebe ihn wie ich noch keinen Mann geliebt habe. Als er in mein Leben trat, war es als wäre ich endlich angekommen. Alles war so selbstverständlich. Es war ein tiefes Einverständnis, ein tiefes Verstehen. Unsere Seelen haben sich berührt, wir haben einander gespürt. Ich dachte dieses Mal ist es für immer. Ich habe ihm vertraut. Blind, ihn und seine Liebe nie angezweifelt. Er hat mir das Gefühl gegeben so wie ich bin, bin ich okay, egal was ich tat, er hat mich genommen wie ich bin. Und wenn es Streit gab, hat er alles verziehen und ich habe ihm alles verziehen. Anna liebt den Mann noch immer. Aber sie versteht ihn nicht mehr. Sie versteht nicht, dass er sie betrogen hat.

Es ist ein Jahr vergangen seit es geschah. Anna sitzt noch immer vor mir in einer Fassungslosigkeit für die es keinen Namen gibt. Das macht es so schwer, sie kann es nicht fassen. Sie kann nur spüren, was es mit ihr macht. Der Betrug hat ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Noch immer ist sie trittunsicher. Sie vertraut dem Mann nicht mehr, sich vertraut selbst nicht mehr, fragt sich immer wieder, wie sie sich so in ihm getäuscht haben kann. Sie sagt, sie vertraut dem Leben nicht mehr, das ihr den Mann geschickt hat und dann genommen. Es ist als sei etwas eingestürzt und über ihr zusammengebrochen. Sie liegt noch immer unter dem Schutthaufen. 

Der Mann kämpft um Anna. Es tut ihm leid. Er will sie nicht verlieren. Sie ist geblieben bis jetzt. Aber sie sehen sich nicht mehr so oft. Sie berühren sich nicht mehr oft. Wenn er sie berührt, legt sich das Gesicht der anderen Frau über das seine. Das erträgt Anna nicht. Sie spürt Ekel.Sie reden viel und wenn sie reden, reden sie über das was war und nie mehr so sein wird. Sie hoffen, dass es irgendwann vorbeigeht, Annas Schmerz und seine Schuldgefühle. Weil sie sich lieben, weil es so viel mehr gibt zwischen ihnen als den Betrug. Aber der ist groß, zu groß um das andere wieder lebendig werden zu lassen. Anna schafft es nicht wieder Vertrauen zu fassen. Sie will, sagt sie immer wieder, sie will es seit einem Jahr. Ihr Wollen nützt ihr nichts.
Annas Geschichte ist tragisch. Sie liebt und kann nicht bleiben. Sie muss den Mann verlassen, sie weiß es, aber sie findet noch immer nicht die Kraft es zu tun. Sie vertraut nicht mehr in sich selbst. Ihr Selbstvertrauen ist tief erschüttert. Das Wesentliche was erschüttert ist, ist ihr Bindungsgefühl. 

Als Kind hat Anna keine sichere Bindung erleben dürfen. Sie war ungewollt, das hat man sie spüren lassen. Immer wieder hat sie anstatt Angenommensein und Liebe, Zurückweisung und Demütigung erfahren. Das sitzt tief. Das hat der Betrug wieder nach Oben geholt. Anna ist retraumatisiert.
Betrogen worden sein ist für die meisten von uns eine tiefe seelische Erschütterung. Für Anna aber ist es ein existentielles Drama verbunden mit der Angst sich aufzulösen ohne die Liebe des anderen. 

Sie war sicher, den Partner gefunden zu haben, für den sie wichtig und bedeutsam ist. So hat es sich angefühlt. Sie ist davon ausgegangen, dass er für sie da ist, dass sie ihm genauso viel bedeutet wie er ihr. Sie hat vertraut. Ab dem Moment, in dem sie erfahren hat, dass der Partner fremdgegangen ist, gelang es ihr nicht mehr dieses Bindungsgefühl zu bewahren. Das, was das Bindungsgefühl ausmacht, wurde durch sein Fremdgehen erschüttert. Annas Seele ist seither in einer eine Art Daueralarmzustand. Durch den Betrug wurde die Urwunde aufgerissen und zudem wurde ihr eine neue Wunde zugefügt. Das ist zu viel für die Psyche.  Annas Seele hat einen schweren Schaden erlitten. Und so fühlt sie sich: beschädigt. 

Dieses Gefühl macht sie hilflos. Sie kann keinen Zusammenhang herstellen zwischen dem Betrug und ihrer Beziehung. Alles was sie und den Mann verbunden hat erscheint ihr seitdem in einem anderen Licht. Alles was sie erlebt haben, alles was sie verbunden hat, gilt nicht mehr. Es ist entwertet. Ihre Liebe erscheint ihr wie eine Illusion, die sie sich gemacht hat. Sie vertraut ihrer Wahrnehmung nicht mehr. Sie erlebt sich als entwertet. Es fühlt sich an wie die Vernichtung meiner ganzen Person, sagt sie.
Um  mit dem Schmerz umzugehen, hat sie ihn immer wieder in Wut und Hass umgewandelt. Geholfen hat es nichts. Anna kann den Mann nicht hassen. Sie will ihn weiter lieben und kann ihn nicht mehr lieben, weil die Verletzung die er ihr zugefügt hat aus seiner Nichtliebe entstanden ist. So empfindet sie es. 

Der Mann sagt, es sei keine Liebe im Spiel gewesen. Es sei reiner Sex gewesen, ohne Bedeutung für ihn.
Ohne Bedeutung war ich für ihn als er es getan hat, sagt Anna. Und dann kommt die Wut. In der Wut fühlt sich Anna stärker. Weniger ohnmächtig. Aber die Wut ist Abwehr um die Ohnmacht und den Schmerz nicht spüren zu müssen. Die Wut erlöst sie nicht. Sie will Erlösung von dem, der ihr das angetan hat. Auch darum hält sie an dem Mann fest. Das macht es ihr so schwer sich von ihm zu lösen. 

Aber der Mann kann emotional nicht wirklich nachvollziehen, was er in Anna ausgelöst hat. Das wertet ihn in Annas Augen ab, so hat sie ihn nicht gesehen. Ihr Bild von ihm wird weiter erschüttert und damit auch das Vertrauen in ihn und zugleich das Vertrauen in sich selbst, weil sie sich fragt, wie sie sich so in ihm getäuscht haben kann. Er ist ihr fremd geworden. Sein „Es war bedeutungslos, es tut mir leid“, hilft ihr nichts. Damit übernimmt er emotional nicht die Verantwortung für sein Handeln. 
Es bedarf um aus der Vertrauenskrise herauszukommen, seines Eingeständnisses, dass er in diesen Momenten in der Zeit nur noch an sich selbst und seine Bedürfnisse gedacht hat und nicht an Anna und ihre gemeinsame Beziehung. In diesem Moment war sie für ihn ohne Bedeutung, wertlos. Sie war weniger Wert als sein Wollen. Damit hat er die Bindung verletzt und aufgelöst. Er hat nicht nur Anna, er hat der Beziehung emotionalen Schaden zugefügt. 

Indem er sein Handeln klein redet, es als bedeutungslos bezeichnet, macht es das, was für Anna so groß und schmerzhaft ist, klein und unwichtig. Er macht Anna klein und unwichtig. Seine emotionale Nichtübernahme der Verantwortung macht Anna vertrauen und verzeihen unmöglich. Sie bleibt in der Zurückweisung ihrer Liebe stecken.

Ob der Mann sich ändern wird? Wir wissen es nicht. Darauf hat Anna keinen Einfluss. Es bleibt ihr nur etwas in sich selbst zu ändern -  ihre Haltung und ihr Gefühl ihrer Wunde gegenüber, der alten und der neuen. 

Ein konstruktiver Umgang damit ist eine große Herausforderung. Sie muss den Schmerz zunächst voll und ganz annehmen und lernen ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht persönlich zu nehmen. Es war sein Betrug, seine Lüge, seine Entscheidung. Er wollte ihr nicht mit Absicht wehtun. Er hat nur an sich gedacht. Anna gab es für ihn in diesem Moment nicht. Es ist seins. Und da gehört es hin.
Das zu verinnerlichen, zu fühlen und zu akzeptieren ist schwer. Denn Anna ist ja gefühlt in ihrer ganzen Person vernichtet. Ihr inneres Kind hat wieder erfahren, dass es nichts wert ist. Es ist wieder zurückgewiesen worden. Es hat wieder erfahren, dass seine ganze Liebe nichts wert war. Es hat wieder erfahren, dass Liebe nicht heilt und Bindung nicht verlässlich ist. Es hat wieder die alte Verlassenheit gespürt: Ein Gefühl der Vernichtung der ganzen Existenz.

Was heilen muss ist das Vertrauen Annas in sich selbst und den unzerstörbaren Kern in ihr, der alles überlebt hat bis heute. Wenn das gelingt, wird sich die Wunde schließen. Die alte und die neue. 
Wir arbeiten daran.






Donnerstag, 15. August 2019

Das Parental Alienation Syndrom, oder wenn verlassene Elternteile ihre Kinder als Waffe gegen den Expartner benutzen

Foto: A. Wende

Zum Wohl des Kindes gehört der Umgang mit beiden Elternteilen. Auch nach einer Trennung oder einer Scheidung, hat das Kind ein Recht auf das Zusammensein mit jedem Elternteil. Laut Gesetz sind beide Elternteile zum Umgang berechtigt und sogar verpflichtet. Für das Kindeswohl ist es daher immens wichtig, diese Beziehung nach einer Trennung aufrecht zu erhalten. Der Beziehungs- und Bindungserhalt ist ein wesentliches Kriterium des "Kindeswohls". Ein jedes Kind braucht Vater und Mutter, es hört ja nicht auf, beide nach der Trennung, zu lieben. Wo allerdings der Kontakt zu einem Elternteil fehlt, zum Beispiel zum Vater (was in der Realität wesentlich häufiger vorkommt als der Kontaktabbruch zur Mutter), bleibt das Kind im wahrsten Sinne des Wortes an der Mutter "kleben". Es kommt zu einer ungesunden inneren und äußeren Symbiose, die massive Folgen für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung hat. Ungelöste Symbiose-Komplexe aus der Kindheit spielen bei vielen psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter eine erhebliche Rolle. 

Mädchen und Jungen brauchen die liebevolle Zuwendung und das Vorbild von Mutter und Vater, um über positive Identifikationsprozesse ihre weibliche, bzw. männliche Identität zu entwickeln. Sie ist unabdingbar für ein gesundes Selbstkonzept und um später ein stabiles Beziehungs- und Bindungsverhalten entwickeln zu können. Verliert das Kind jedoch einen Elternteil wird seine psychische Struktur tiefgreifend erschüttert. Die meisten Scheidungskinder erleben den Verlust eines Elternteils als gegen sich selbst gerichtet. Sie fühlen sich schuldig und wertlos. Wertlos im Sinne von: “Ich bin es nicht wert, dass Mama, bzw. Papa bleibt.“ Schuldig im Sinne von: „Ich war nicht lieb oder nicht gut genug.“ Wird nun auch noch die Beziehung zu einem Elternteil abgebrochen, erlebt das Kind einen tiefen Schmerz. Es fühlt sich innerlich zerrissen und seine Seele erleidet einen irreparablen Schaden. 

Kinder, die so empfinden, senden immer Signale. Innerer Rückzug, Schweigen, Abkapselung, aggressives oder dissoziales Verhalten, Depressionen und Ängste sind die häufigsten Symptome. Um die Situation irgendwie aushalten zu können, verdrängen betroffene Kinder ihren Schmerz oder spalten ihn ab. Nach außen merkt niemand mehr etwas. Erst Jahre später, oftmals auch erst als Erwachsene, tauchen diese verletzten Kinder in psychotherapeutischen Praxen auf.
Bedauerlicherweise werden die Signale des Kindes vom Umfeld in vielen Fällen nicht bemerkt oder nicht richtig gedeutet und so unterbleibt die notwendige Hilfe. „Als besonders gefährdet müssen Kinder gelten, die nach außen ein scheinbar völlig unauffälliges Verhalten zeigen. Sie passen sich an, sind verstummt und "weinen nach innen", ohne ihre Not noch äußern zu können, so dass sie auch nicht mehr gehört werden, schreibt der Kinderpsychoanalytiker Helmuth Figdor in seinem Buch "Kinder aus geschiedenen Ehen: Zwischen Trauma und Hoffnung".

Besonders fatal ist es, wenn das Kind einen Elternteil aus seinem Leben verbannt. Dazu kann es kommen es, wenn ein durch die Trennung verletzter Partner beginnt das Kind zu instrumentalisieren um den anderen abzustrafen oder Rache an ihm zu üben. Ein Phänomen, das dies benennt, ist das sogenannte Parental Alienation Syndrom, kurz PAS-Syndrom.

PAS bezeichnet einen speziellen Bereich bei Umgangsproblemen nach Trennungen in Familien. Der Beziehungsverlust wird hier aktiv durch die Programmierung durch einen Elternteil verursacht. In Folge kommt es beim Kind schließlich zur Kontaktverweigerung dem Elternteil gegenüber, der vor ihm schlecht gemacht wird. Meist geht dieser Verweigerung eine lange Geschichte von Selbstmitleid und vor allem Hass oder Wut des verlassenen Partners auf den anderen voran. Das hat zur Folge, dass das Kind einen Teil von sich als negativ empfindet, mit anderen Worten: Eine Seite seines Wesens wird psychisch buchstäblich amputiert, mit entsprechend schweren Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung. 

Das PAS -Syndrom wurde erstmals 1984 von Prof. Richard Gardner, einem amerikanischen Kinderpsychiater, beschrieben. Dieser schätzt, dass PAS in etwa neunzig Prozent aller strittigen Sorgerechtsfälle auftritt. 1992 erschien sein Buch zum Thema unter dem Titel "The Parental Alienation Syndrome". Gardners Verdienst ist die systematische Beschreibung dieses Syndroms, seiner Ursachen, Begleiterscheinungen und seiner schwerwiegenden Folgen für das Kind. Anstoß für Gardner war die eigene therapeutische Arbeit mit erwachsenen Scheidungskindern, bei denen sich die PAS-Problematik als wesentlicher Hintergrund für schwere psychische Probleme herauskristallisierte.
 
PAS bedeutet so viel wie "Eltern-Kind-Entfremdungs-Syndrom" oder "Eltern-Feindbild-Syndrom". Ein Phänomen, das durch die subtile Manipulation oder eine beständige negative Programmierung durch einen verletzten, rachesüchtigen Elternteil erzeugt wird. Diese Programmierung führt zu einer konditionierten unbegründeten, kompromisslosen Zuwendung des Kindes zu dem scheinbar "guten" Elternteil, der unschuldig verlassen wurde und mit dem es zusammenlebt. Andererseits entwickelt das Kind eine ebenso kompromisslose, feindselige Abwendung vom angeblich "bösen“ und "verhassten" Elternteil, der an allem schuld ist und mit dem es nicht mehr zusammenlebt. 

Der scheinbar „gute“ Elternteil setzt das Kind unter Missbrauch seiner meist uneingeschränkten Einflussmacht, bewusst oder unbewusst  einer permanenten Beeinflussung aus, die beim Kind ein negatives Bild bis hin zur Verachtung des anderen Elternteils erzeugt, bis es schließlich nicht anders kann als diesen Elternteil zu hassen oder zu verachten. Er wird zum Feindbild. 

Da Kinder bis in die Adoleszenz hinein, aufgrund der natürlichen psychischen Entwicklung, noch über keine ausgereifte Differenzierungsfähigkeit verfügen, kann sich ein Kind nur an Extremen orientieren. Die Suggestion des negativen Fremdbildes des manipulierenden Elternteils dem anderen Elternteil gegenüber führt in der Seele des Kindes zu einem psychodynamischen Prozess, der schließlich zum Selbstläufer wird. Das Kind hat am Ende keine Wahl mehr: Es wendet sich vom entfremdeten Elternteil ab, und weist jeden Kontakt mit ihm zurück. Es tut da unbewusst um dem anderen Elternteil seine Loyalität und seine bedingungslose Liebe zu erweisen. Das Kind lehnt den ausserhalb lebenden Elternteil aber in Wahrheit nur aufgrund von Gehörtem und suggeriert Übernommenem des manipulierenden Elternteils ab. Es ist zum Instrument eines emotionalen Krieges geworden, sprich es ist Ausführender des Vergeltungs- oder Rachebestrebens eines Elternteils, der es nicht verwindet verlassen worden zu sein. Das Kind lehnt den Verlassenden also nicht aufgrund von eigenen unguten Erfahrungen ab, sondern aufgrund einer Art Gehirnwäsche (von Gardner "Brainwashing" bezeichnet). Abgelehnt werden dabei ganz normale Elternteile, die ihre Kinder lieben und von diesen geliebt werden, bzw. wurden. 

Das Leid das einem Kind auf diese Weise zugefügt wird ist Kindesmissbrauch. Ein Kind braucht Vater und Mutter und Vater, auch wenn beide kein Paar mehr sind. Es braucht für eine gesunde Entwicklung das Erleben beider Geschlechterrollen und Persönlichkeitsanteile, es braucht männliche und weibliche Anteile um ein stabiles und gesundes Selbst bilden zu können, das nicht zuletzt die genetischen Anteile beider Elternteile in sich trägt.

Wer als Elternteil einem Kind den Vater oder die Mutter entzieht, macht sich strafbar im Sinne der Menschenrechte, er macht sich strafbar am langsamen Sterben eines kindlichen Seelenanteils. Daher ist es nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht des abgestoßenen Elternteiles zu handeln um dieser Tat Einhalt zu gebieten und die Seele des eigenen Kindes zu schützen. Ich erinnere an den Anfang meiner Ausführungen: Laut Gesetz sind beide Elternteile zum Umgang berechtigt und sogar verpflichtet. Für das Kindeswohl ist es daher immens wichtig diese Beziehung nach einer Trennung aufrecht zu erhalten. 

Erster Ansprechpartner ist in diesen Fällen das Jugendamt.


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Mittwoch, 14. August 2019

Gedankensplitter



Foto: A. Wende

Fassungslosigkeit
Es nicht fassen können
Es nicht erfassen
Es nicht begreifen
Weil es zu weit weg ist von dem, was deine Seele fühlt.
Fremd.
Zu fremd.

Ignoranz




Foto:www

Ignoriert zu werden tut weh.
Es tut weh, es ist verletzend, wenn dich ein Mensch ignoriert, der dir wichtig ist.
Du fühlst dich hilflos, wütend und traurig.
Wenn du dich so fühlst, dann tu nicht so als wäre es nicht so. 
 

Akzeptiere deine Gefühle.
Deine Gefühle zu akzeptieren ist der erste Schritt in Richtung Selbstwertschätzung und Selbstausdruck.
Du nimmst dich ernst.
Das ist genau das, was der andere nicht tut – dich ernst nehmen.


Wer dich ignoriert ist nicht aufrichtig.
Er hat kein Interesse daran, eine positive Beziehung mit dir aufrechtzuerhalten.
Warum solltest du so einem Menschen hinterherlaufen?

Wer dir immer wieder die kalte Schulter zeigt, gewinnt daraus Befriedigung.
Er fühlt sich mächtig, weil er dich in Ohnmacht versetzt.
Er fühlt sich groß, wenn er dich klein macht.
Er ist nicht groß. Er ist klein.
Es ist seine unreife Art mit Konflikten umzugehen.
Es ist sein Problem.
Es ist nicht dein Problem.
Mach dir das bewusst.

Gegen Ignoranz bist du machtlos.
Akzeptiere deine Machtlosigkeit.
In Wahrheit bist du nicht machtlos, du fühlst dich machtlos.
Es ist ein Gefühl.
Und Gefühle vergehen.

Wenn dich jemand dauerhaft ignoriert, auch nachdem du versucht hast dich ihm zu erklären oder dich mit ihm zu versöhnen, dann ist das seine Entscheidung.
Akzeptiere sie.
Auch wenn es weh tut.
Das geht vorbei.
Renne niemanden hinterher, der dich mit Ignoranz verletzt.
Er wird es immer wieder tun.
Das geht nicht vorbei.

Dienstag, 13. August 2019

Es beginnt bei dir selbst


Foto. A. Wende

Wenn du dich selbst gut behandelst, achtest und wertschätzt, indem du dir selbst Fürsorge und Respekt entgegenbringst. indem du darauf achtest was du in deinen Körper aufnimmst und was du ihm zumutest, indem du Gifte vermeidest, so weit wie möglich, lernst du Selbstfürsorge.
Je öfter, je besser, je bewusster du für dich selbst sorgst, desto lebendiger wirst du dich fühlen.
Du wirst dir nicht mehr erlauben destruktive Dinge oder Menschen in dein Leben zu lassen.
Du wirst darauf achten deine Grenzen zu wahren und dich nicht mehr selbst überfordern.
Du wirst dich für nichts mehr hergeben, was dir schadet.
Du wirst dir nach und nach bewusst wie kostbar du und dein Leben sind.
Mit dem Kostbaren gehst du pfleglich um.
Je pfleglicher du mit dir selbst umgehst, desto pfleglicher wirst du mit anderen umgehen.

Sonntag, 11. August 2019

Verständnis




Wie oft wollen wir dem anderen das Unsere aufdrücken?
Wie oft beharren wir auf dem, was wir glauben?
Und wie oft greifen wir, wenn wir uns in unserer Meinung nicht bestätigt fühlen, andere an?
Wie oft hören wir dem anderen wirklich zu, ohne schon die Antwort im Kopf zu haben, so sehr im Kopf, dass wir den anderen in Wahrheit gar nicht hören?
Wie oft reden wir aneinander vorbei?
Oft. Sehr oft.
Und wie oft gibt es deswegen Konflikte, Streit, Verletzungen, Trennung? 


Wir können den anders Denkenden nur stehen lassen und ihn nicht verbal anfechten, wenn wir seine Wahrheit von innen heraus lebendig nachempfinden. Das ist der größte Liebesakt, den man sich vorstellen kann. Nur das ermöglicht uns ein tiefes Verständnis füreinander. Wer den anderen derart versteht, wird ihn nicht mehr bekämpfen.

Er weiß, das jeder seine Welt hat, in der er denkt, fühlt und lebt und dass diese Welten, ganz gleich wie nah wir einander sind, völlig für sich allein stehen - jede ein kleines Universum.
Je mehr es uns gelingt, unser eigenes kleines Universum zu lieben, es mit all seinen Schatten -und Lichtanteilen anzunehmen, desto mehr sind wir in der Lage, anderen Menschen genau diese Annahme auch zu geben. Wir können sie stehen lassen, wie und wo sie sind. Nichts anderes ist Friede.

Wenn wir Liebe zum Leben und zum eigenen wie zum fremden Sosein empfinden, können wir einen Zustand erreichen, der Frieden schafft.

Donnerstag, 8. August 2019

Loslassen

Foto: A. Wende

Gestern lag eine Karte von einem lieben Menschen in meinem Briefkasten.
„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig“, steht da über dem Bild des kleinen Prinzen von Saint-Exupéry.
Ich musste weinen als ich den Satz las.
Ja, dachte ich, die Zeit, die ich an meine Rose verloren habe, diese Zeit macht sie so kostbar und wichtig. Aber als ich den Satz länger ansah, spürte ich - das Wort "verloren" stört mich.
Ich habe keine Zeit an meine Rose verloren. Es war alles andere als verlorene Zeit. Es war wertvolle, intensive, schöne und unschöne, leichte und schwere Zeit, und nichts davon war umsonst oder verloren. Ich habe etwas gewonnen. Viel gewonnen. Ich habe etwas gelernt über meine Rose, von meiner Rose und etwas über mich selbst, durch meine Rose. Und all das bleibt, auch wenn ich meine Rose verloren habe, in meinem Herzen solange ich lebe.
Das werde ich festhalten. Dafür bin ich dankbar.
Meine Rose muss ich loslassen.

Loslassen.
Im Grunde ein schönes, ein leichtes Wort.
Loslassen spricht von lösen, lassen, ganz im Gegenteil zu fest und halten.
Festhalten spricht von Enge, von Krampf und Kampf.
Seltsam nicht wahr?
Was Worte, wenn man sie sich genau anschaut, einem sagen können.
Aber das Sagen, was nützt das schon?
Und das Verstehen, was nützt das schon, wenn wir nicht fühlen, was wir verstehen?

Loslassen ist schwer. Es schmerzt.
Ich glaube wir Menschen sind nicht für das Loslassen geschaffen.
Warum sonst fällt es uns so schwer? Warum sonst macht es uns Angst?
Weil wir im Loslassen etwas hergeben müssen. Wir verlassen etwas.
Wir lassen es, freiwillig oder unfreiwillig, sein und lassen es zurück. Etwas was uns wichtig war. So wie es auf der Karte steht. Wir verlieren etwas, wir erleben einen Verlust von etwas, das zum Teil unserer Identität geworden ist.

Wenn wir dieses Etwas oder Jemanden verlieren, der zu einem Teil unserer Identität geworden ist verlieren, verlieren wir damit einen Teil unserer Identität. Und das schmerzt. Wir Menschen wollen Schmerz vermeiden. Wer hat schon gern Schmerzen, das Leben ist schwer genug. Und es ist ja auch kein kurzer Schmerz, loslassen bedeutet meist, es ist ein langer Schmerz der uns bevorsteht, den wir aushalten müssen und gegen den es keine Mittelchen gibt, die ihn schnell wegmachen.
Loslassen schmerzt im tiefsten unserer Identität.
Es bricht etwas ab über das wir uns definiert und empfunden haben.
Ein Teil geht verloren. Und das reißt eine Lücke von der wir nicht wissen, wie wir sie füllen sollen.
Aber genau dieser Gedanke – ich muss diese Lücke jetzt füllen, macht es uns noch schwerer, bereitet uns noch mehr Schmerzen und stürzt uns in das Gefühl der Angst. Was wenn dieser Schmerz nie vergeht, was wenn die Lücke sich nie mehr füllen lässt?

Aber was, wenn wir sie gar nicht füllen müssen?
Was, wenn wir sagen, sie darf da sein, so lange sie da sein will.
Wir dürfen uns die Lücke anschauen, so lange wir sie anschauen wollen. In ihr sind all die Erinnerungen an das, was wir verloren haben. Die schönen und die weniger Schönen. Und irgendwann formen sie das Bild von dem was war in seiner Ganzheit und wir verstehen warum wir loslassen mussten. Wir fühlen, es war an der Zeit es zu lassen, sein zu lassen, was es war. Und das Herz wird ruhiger.
Und der Schmerz lässt nach.
Und wenn die Zeit gekommen ist, wird sich die Lücke wieder füllen.

Namaste

Mittwoch, 7. August 2019

Du entscheidest



Du musst nicht lächeln, wenn dir nicht danach ist, nur um gemocht zu werden.
Du musst nicht alles schlucken, bis dir der Magen brennt.
Du musst nicht erst auf dem Zahnfleisch gehen, bis du kapierst, dass du dich umsonst anstrengst für Anstrengungen, die nichts bewirken.
Du musst nicht B sagen, weil du A gesagt hast.
Du musst nicht gute Mine zum unguten Spiel machen, um den Konflikt zu vermeiden.
Du musst nicht weitermachen, wenn du keine Kraft mehr hast.

Du musst nicht das brave Kind sein, das sie dir antrainiert haben.
Du musst dein Licht nicht unter den Scheffel stellen, weil du meinst Bescheidenheit sei eine Zierde.
Du musst nicht sagen, es geht mir gut, nur weil einer das hören will.
Du musst nicht schweigen, wo du etwas zu sagen hast.
Du musst nicht still sein, wenn du laut sein willst.
Du musst nicht Ja sagen, wenn du Nein meinst.
Du musst keine Erwartungen erfüllen, die du nicht erfüllen willst.
Du musst dich nicht anpassen, um gemocht zu werden.
Du musst nicht kämpfen, wenn du die Windmühle erkennst.

Du musst nicht entschuldigen, was unentschuldbar ist.
Du musst nicht bleiben, wenn du gehen willst.
Du musst nicht verzeihen, wenn du es noch nicht kannst.
Du musst nicht gelassen sein, wenn du es nicht bist.
Du musst nicht perfekt sein, für nichts und niemanden.
Du musst dich nicht selbst belügen, um auszuhalten was unaushaltbar ist.

Du musst nicht so tun, als hättest du es im Griff während du gerade ins Bodenlose fällst.
Du musst dich nicht verbiegen, weil du meinst, du bist alleine nicht überlebensfähig.
Du musst nicht so tun, als ob du keine Angst hast, wenn du sie spürst.
Du musst nicht verbergen, was du fühlst.
Du musst nicht stark tun, wenn du gerade nicht stark bist.

Du musst deine Bedürfnisse nicht unterdrücken, wenn du sie fühlst.
Du musst nicht alles und jeden verstehen, weil du ein empathischer Mensch bist.
Du musst deine Hilfe keinem antragen, wenn du nicht darum gebeten wirst.
Du musst nicht gebraucht werden, um geliebt zu werden.
Du musst dich nicht aufopfern, um andere zu retten.
Du musst nichts tun, was „man“ tun muss.
Du musst nicht.
Du könntest.
Du darfst.
Du entscheidest.




Montag, 5. August 2019

Transformation

Malerei: A. Wende

Etwas im Leben will neu werden.
Dafür braucht es Zeit.
Dafür darfst du dir Zeit nehmen.
Dafür darfst du alle Gefühle, die hochkommen da sein lassen und sie liebevoll annehmen, ohne sie zu dramatisieren oder dich mit ihnen zu identifizieren.
Dafür darfst du lernen dich selbst zu beobachten.
Dafür darfst du lernen dich selbst zu beruhigen.


Dafür darfst du den Gedanken aufgeben, „das darf alles doch gar nicht sein“ und anerkennen was ist.
Dafür darfst du von allen Konstruktionen Abstand nehmen, wie es zu sein hat oder sein sollte.
Dafür darfst du mit deinen Kräften haushalten.


Dafür darfst du dir eine Auszeit nehmen.
Dafür darfst du Geduld und Langmut mit dir selbst haben.
Dafür darfst du dich von allem was in deinem Leben giftig ist verabschieden.
Dafür darfst du langsam von alten Gewohnheiten Abschied nehmen und neue, gesunde, kraftspendende Gewohnheiten annehmen.


Dafür darfst du Verantwortung für deine Fehler und Schwächen übernehmen ohne dich selbst zu verurteilen um es künftig besser zu machen.
Dafür darfst du in dein Leben holen, was du jetzt brauchst.
Dafür darfst du Achtsamkeit üben für das was hilfreich für dich ist und es machen.
Dafür darfst du Nein zu allen sagen, die dich in dieser Zeit nicht wohlwollend und verstehend unterstützen.
Dafür darfst du dich radikal abgrenzen von allem und jedem, das nicht hilfreich ist für dein eigenes Wohl.
Dafür darfst du Vertrauen üben in dich selbst und deine Ressourcen.
Dafür darfst du dir Hilfe holen, wenn du das alleine nicht schaffst.

Namaste

Mittwoch, 31. Juli 2019

Wut ist nicht gut für unseren Seelenfrieden

Foto: A. Wende


Auch ich habe die Gelassenheit nicht mit Löffeln gefressen.
Ich bin gerade sehr wütend. Ich bin wütend, weil ich mich tief verletzt fühle. Ich spüre, dass diese Wut mir gar nicht gut tut. Und ich sehe - sie verändert nichts. Meine Verletzung tut nicht weniger weh, sie tut sogar noch mehr weh, indem ich die Wut füttere. Ich will in meine innere Ruhe zurückfinden und ich bin bereit dazu, weil es mir reicht mit dieser destruktiven Emotion durch die Tage zu gehen.

Was passiert wenn wir wütend sind?
Wenn wir wütend sind fühlen wir uns nicht wohl. Wir schlafen schlecht, wir sind weniger achtsam auf das Jetzt, wir haben den ganzen Tag ein Grummeln im Bauch, wir sind unruhig und innerlich aus der Balance. Wir sind nicht mehr bei uns selbst, sondern wir sind mit unserer Aufmerksamkeit bei dem, was uns wütend macht.
Wütend zu sein bedeutet dabei nicht bei jedem von uns unbedingt, dass wir unserer Wut Luft machen, weil wir ja gelernt haben, dass das gar nicht gut ist, und so sind wir innerlich wütend. Diese Wut kann uns auf Dauer zerfressen. Wut ist etwas, das uns gar nicht gut tut und keine Vorteile mit sich bringt. Wenn unsere Wut zu stark wird, dass wir sie dann doch irgendwie loswerden müssen, explodieren wir vielleicht. Es kommt zum Wutausbruch. Das ist ersten Moment ungemein befreiend. Wir machen uns Luft.

Aber, fühlen wir uns wirklich besser?
Hilft es uns dabei, dass es uns besser geht?
Hilft es uns das Problem zu lösen, das die Wut hat entstehen lassen oder hilft es uns die Verletzung, die wir erfahren haben, wegzumachen?
Nein, es hilft nur für den Moment, aber nicht dauerhaft.
Wütend sein erlöst uns nicht, es kann uns zwar manchmal helfen uns von etwas oder jemanden zu lösen, aber auf Dauer ist sie kein guter Begleiter für ein zufriedenes Leben, wenn wir sie nicht erlösen.

Wut ist ein großes Hindernis für unseren Seelenfrieden und deshalb ist es sehr wichtig, daran zu arbeiten. 

Ich habe mich entschieden, ich will meine Wut nicht weiter in mir herumtragen, nicht nur um wieder Frieden für mich selbst zu erlangen, sondern zum Wohle aller die mit mir leben.
Was können wir tun?
Um unsere Wut zu (er) lösen hilft es uns dem Problem zu stellen, das sie verursacht und nicht der Wut selbst. Das heißt nicht, dass wir sie nicht fühlen und da sein lassen. Das ist okay.
Es heißt wir schauen bewusst auf das, was uns so wütend macht – wir wenden uns der Ursache zu und nicht der Wirkung, die sie emotional in uns erzeugt.
Das heißt, dass wir das Problem anschauen, um zu erkennen, wie dumm und lächerlich es ist mit diesem Problem weiter leben zu wollen. Stattdessen können wir eine gesunde Entscheidung treffen: Wir entscheiden, dass wir so nicht weiter machen. Wir haben die Schnauze voll. Dieses Problem langweilt uns und macht uns vielleicht sogar krank.
Nun heißt das nicht, dass wir es dadurch lösen.
Manche Probleme lassen sich nicht so einfach lösen.
Was dann?
Shantideva, ein großer indischer Meister des Buddhismus, sagte einmal: „Wenn es etwas gibt, was wir in einer schwierigen Situation tun können, um sie zu verändern, warum sollten wir uns dann Sorgen machen und wütend werden; wir ändern einfach, was zu ändern ist. Wenn die Situation nicht verändert werden kann, dann hilft es nichts, sich Sorgen zu machen und ärgerlich zu werden.“

Wenn wir die Situation nicht ändern können, dann hilft nur eins: Wir akzeptieren, dass wir sie nicht ändern können und ändern unsere innere Haltung - wir lassen los.

Loslassen heißt nicht, ich will oder ich muss es los werden.
Es los werden wollen, bedeutet im Kampf sein mit dem, was ich nicht haben will. Loslassen heißt, es so sein lassen wie es ist und annehmen was ist. Annehmen bedeutet im Frieden sein, mit dem was ist.
Das können wir üben.
In diese Übung können wir unsere Energie geben und nicht in die Wut.
Energie folgt immer unserer Aufmerksamkeit.

Also macht es Sinn den Focus nicht auf das richten, was du nicht willst sondern auf das, was du willst.

Namaste

Montag, 29. Juli 2019

Gedankensplitter


 



Manchmal ist Liebe ein Spiel mit dem Schatten, ein Schattenspiel oder eine Schattengleiche. Zwei Schatten gleichen einander aus.
Manchmal wird das Spiel zum Kampf.

Samstag, 27. Juli 2019

Ruhe finden im Sturm des Schmerzes

Foto: www


Schmerz, den wir empfinden ist normal. Schmerz gehört zum Leben. Er kommt und er geht. Aber manchmal dauert der Schmerz zu lange. Er dauert manchmal so lange bis wir das Gefühl haben, dass wir nur noch Schmerz sind. Immer wieder kommen die gleichen Gefühle und Gedanken. Sie drehen wie kleine Hamster das Rad im Kopf bis uns ganz schwindelig wird. Und mit jeder Drehung erleben wir den Schmerz neu. Wir sehen ein, wir schaffen es nicht ihn loszulassen.

Das führt nicht nur dazu, dass wir unglücklich und niedergeschlagen sind, es führt auch dazu, dass wir vieles in unserem Leben nicht mehr auf die Reihe kriegen. Wir sind betäubt vom Schmerz und der Alltag zieht an uns vorüber als habe er mit uns nichts zu tun. Wir gehören nicht mehr dazu. Wir gehören nicht einmal mehr zu uns, weil der Schmerz die Verbindung zu unserer vitalen Lebensenergie kappt. Wir sind Gefangene in einem Kreislauf aus Schmerz.

Das kann jedem von uns passieren. Niemand, auch ich, die viel weiß und viel Erfahrung im Umgang mit Schmerz hat, eigenem und fremdem, kenne das gut. Es gibt Dinge im Leben, die man nicht so einfach verkraften kann, und schon gar nicht schnell. Das ist okay und wir sollten uns dafür auch nicht kritisieren oder verurteilen.

Schmerz, der zu lange dauert, ergibt sich aus dem, was uns tief in der Seele verletzt.
Ganz tief, so tief, dass wir glauben, es wird nie mehr gut.
Es braucht Zeit, einen solch tiefen Schmerz zu verarbeiten.
Und je tiefer er sitzt, desto mehr Zeit braucht es.
Tiefe Wunden heilen langsam.
Das zu akzeptieren löst unseren Kampf mit uns selber.
Wir lassen uns Zeit.

Trotzdem verpflichten wir uns uns selbst gegenüber, alles zu tun, um den Schmerz zu lindern.
Dabei hilft es, unsere Aufmerksamkeit auf die Gegenwart zu richten. Die Vergangenheit ist vorbei. Sie wird nicht wieder kommen, sie wird sich nicht verändern lassen, außer in unseren Gedanken.
Und genau das, sie verändern zu wollen, nicht sein lassen zu können was war und ist, verursacht Schmerz und emotionalen Stress.
Bringen wir stattdessen so oft wir es schaffen, unsere Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment. Auf das Jetzt.
Wir sind achtsam.
Wir beobachten uns.
Was mache ich gerade?
Was kann ich Gutes an dem finden, was gerade passiert?
Was kann ich tun, was mich so beschäftigt, dass ich den Schmerz für das Jetzt vergesse?

Natürlich werden wir unvermeidlich auch wieder über die Vergangenheit nachdenken. Wir akzeptieren das, und bringen uns zurück in den gegenwärtigen Moment.
Besonders hilfreich ist bewusstes Atmen.
Immer wieder empfehle ich das meinen Klienten, weil es wirkt.

Versuche dich auf deine Atmung zu konzentrieren.
Stell dir vor: Jedes Ausatmen ist der Schmerz der Vergangenheit.
Und jedes Einatmen ist Frieden, der in dich hineinströmt.

Je öfter wir das machen, desto ruhiger werden wir.
Ruhig im Sturm des Schmerzes werden, ist unser Ziel in – diesem Moment in der Zeit.
Nichts weiter.
Mehr ist nicht zu tun.
Wir sind nicht machtlos dem Schmerz gegenüber.
Wir sind fähig, Frieden in unser Leben treten zu lassen.
Schritt für Schritt lassen wir die Vergangenheit sein.
Wir klammern nicht mehr an dem, was wir nicht mehr haben.
Wir haften nicht mehr an der Vergangenheit an.
Wir üben das Atmen für den Frieden in der Gegenwart.

Geduldig.
Wieder und wieder ...

Namaste


Mittwoch, 24. Juli 2019

Wenn der Körper Alarmstufe ROT zeigt



Foto: A. Wende

Wenn wir an einem Thema zu scheitern drohen, werden wir krank. Dieser Zusammenhang ist uns meist nicht bewusst. Was wir auf seelischer Ebene nicht verkraften oder lösen können, wandert irgendwann auf die körperliche Ebene. Wir weichen dem eigentlichen Thema aus und somatisieren das Ungelöste über den Körper.

Ein solches Ausweichen, auch Abwehrreaktion genannt, zeigt sich im Extremfall in der Hypochondrie: Der Hypochonder „bildet“ sich seine Krankheiten ein, weil er unbewusst so seinen Themen, seinen Problemen und Ängsten ausweichen kann. Er beschäftigt sich ständig und geradezu zwanghaft mit dem eigenen Körper anstatt mit dem, was die Seele ihm zeigen will.
Aber nicht alle Krankheiten, die aus seelischen Ursachen entstehen sind eingebildet. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Körper (Soma) und Seele (Psyche). Beide beeinflussen sich wechselseitig.

Negativer Stress, chronische Anspannung, permanente Überforderung, dauernde Angst, Gefühle von Hilflosigkeit, Ohnmacht, Enttäuschung und Einsamkeit führen zu körperlichen Reaktionen. Sie belasten unser Immunsystem, sie beeinflussen den Stoffwechsel, die Gesundheit der Zähne und der Organe, sie führen zu schlechtem Schlaf und zu einer dauerhaften Verkrampfung der Muskulatur. Hält die seelische Belastung und die darauf erfolgenden organischen Symptome über lange Zeit an, können manifeste Schmerzen und andere körperliche Erkrankungen entstehen.
Der Mensch wird krank. Der Körper ist im Alarmzustand. Die Beschwerden führen zu noch größerem Stress, der wiederum die Symptome verschlimmert – ein Teufelskreis entsteht.

Es steckt eine sehr verzweifelte Seele dahinter, wenn sich Schmerzen und Krankheiten ausbilden, um seelisches Leid zu kompensieren.

Emotionale Konflikte, ungelöste Probleme, Kränkungen und Ängste laufen häufig im Verborgenen ab. Wir versuchen das Belastende wegzudrücken, wir sagen uns, so schlimm ist alles nicht. Wir verdrängen und wehren ab was uns schmerzt, weil wir glauben, dass die Auseinandersetzung mit diesen Themen uns überfordert, weil wir spüren dass sich, würden wir genau hinsehen, sehr schmerzhafte Wahrheiten in unser Bewusstsein drängen würden und wir etwas in unserem Leben unbedingt ändern müssen.
Verdrängung ist grundsätzlich nichts Ungutes, sie ist ein Schutz der Seele, um sich nicht ständig mit den Widrigkeiten des Lebens auseinandersetzen zu müssen. Auf der anderen Seite kann zu lange Verdrängung aber auch krank machen.
Dann ist es höchste Zeit wirklich hinzuschauen.
Wir können uns fragen:
Was will mein Körper mir sagen?
Auf welches ungelöste Thema will er mich hinweisen?
Und: Was muss ich denn nicht mehr tun, mit der Krankheit, die ich habe?
Was erspare ich mir damit?

Jede Krankheit hat ihre Botschaft an uns.
Sie ist ein Hinweis auf den Bereich in unserem Leben, der aus der Balance geraten ist, der uns nicht mehr gut tut und krank macht. Je früher wir hinsehen, desto gesünder ist es. Je länger wir wegsehen, desto alarmierender reagiert der Körper. Wach endlich auf, will er uns sagen und tu was für mich und für dich!

Was können wir tun? Außer zum Arzt gehen und uns helfen lassen?
Wir können versuchen unsere Schmerzen und Krankheiten liebevoll anzunehmen, im Wissen, das hilft uns bei der Bewältigung unserer Themen.
An erster Stelle steht also das Annehmen, aus dem heraus sich so etwas wie liebevolle Zuwendung zu uns selbst hin entwickeln kann. Und genau die brauchen wir, wenn wir krank sind. In dieser Art von Liebe liegt die Ahnung, was das Leben uns sagen will, wenn es uns ausbremst und wofür gerade auch Schmerzhaftes gut ist.
Möget ihr gesund sein.

Sonntag, 21. Juli 2019

Gedanken zur Krise der Lebensmitte




Manchmal verlieren wir den roten Faden unserer Seele im Labyrinth des Lebens. Dann erinnert uns möglicherweise das Schicksal daran, dass da etwas komplett ungut läuft. Es "schlägt zu" wenn wir uns selbst nicht gut tun, wenn wir zu viel tun, was über unsere Kraft geht, wenn wir auf einem Weg sind, der nirgendwohin oder gar in den Abgrund führt. Es erinnert uns daran, dass wir uns etwas "schuldig" geblieben sind. "Um ein guter Schicksalsspieler zu werden müssen wir von der Vogel-Strauss-Taktik Abstand nehmen und unsere nicht entwickelten Anlagen erkennen", schreibt der Schicksalsforscher Herrman Meyer. Er meint damit, das zu erkennen, was in uns angelegt ist, um es zu entfalten und endlich ins Leben zu holen.

Viele Menschen fragen sich, besonders in der Lebensmitte:
Wer bin ich eigentlich?
Was ist der Sinn meines Daseins?
War es das jetzt?
Wofür habe ich gelebt?
Habe ich verwirklicht, was ich mir einst wünschte?
Wohin bin ich gekommen?
An welchem Punkt stehe ich jetzt und wie soll es von hier aus weiter gehen?

Irgendjemand soll ihnen die Antwort geben. Manche legen in ihrer Ratlosigkeit sogar Engelskarten oder Tarot, um dort Antworten zu finden. Und dann lesen sie die Antworten, die ihnen ihr eigenes Unbewusstes, das sich in den Karten spiegelt, gibt - und machen weiter wie vorher.
Sie gehen den Holzweg weiter.

Eine häufige Erkrankung in der Krise der Lebensmitte ist die Depression. Die Betroffenen spüren, dass es in ihrem Leben so nicht weiter gehen kann, dass ein Richtungswechsel erforderlich ist - und zwar: Blickrichtung nach Innen. Und genau dazu zwingt die Depression: Zum Inne halten, weil nichts mehr geht. Narzisstische Persönlichkeiten fallen in eine narzisstische Krise, wenn ihr bisheriges Leben mehr Misserfolge als Erfolge zu verzeichnen hat. Die Maske fällt, der Größenwahn hält dem inneren Kleinheitsgefühl nicht mehr stand. Der Mensch steht vor sich selbst nackt da und spürt vielleicht zum ersten Mal seine Verwundbarkeit.

Die Mitte des Lebens ist ein entscheidender Wendepunkt.
Das Meiste ist gelebt. Fünfzig Jahre sind vergangen und weitere fünfzig werden die meisten von uns nicht erleben. Die Zeit wird kostbarer als je zuvor. Anstatt zu versuchen in der Lebensmitte krampfhaft das Versäumte nachzuholen - ein Nachholen steht im Widerspruch zu der notwendigen Umkehr im Leben - macht es Sinn, das Wesentliche zu erkennen, was uns nach all den gelebten Jahren ausmacht und was wir nach dieser Erkenntnis aus uns machen und was wir in der uns verbleibenden Zeit, gestalten wollen.

C.G. Jung sagte einmal, dass Menschen, die die Spiritualität nach der Lebensmitte nicht finden, in schwerste Sinnkrisen fallen. Dann wird Leiden zum Ersatz für das Entwickeln der eigenen Potentiale.
Aber woran leiden wir emotional?
Wir leiden an dem, was wir nicht haben, nicht haben können oder verloren haben. Wir leiden an den Gedanken an die Vergangenheit, die uns weh getan hat, sei es durch andere Menschen oder durch uns selbst oder durch all die unguten und schmerzhaften Erfahrungen, die wir machen mussten. All das können wir nicht loslassen. Und ja, das ist auch schwer, aber das Festhalten ist nicht leichter.
Wir halten fest an längst Überlebtem und es wird weiter gelitten.

Wo ist der sekundäre Gewinn?
Der Gewinn ist eine scheinbare Sicherheit, eine scheinbare Stabilität, weil es bleibt wie es ist und wir den Ist-Zustand kennen und berechnen können.
Warum bleiben Menschen beieinander, die sich nichts mehr zu geben haben? Warum machen wir weiter den Job, der ausbrennt, warum müllen wir uns mit sinnentleerter Ablenkung und unnützen Dingen zu? Weil das alles bekannt, vertraut und berechenbar ist, weil das Gewohnte erträglicher anmutet, als die Angst vor Veränderung oder das Riskieren von Verlusten. Das Streben nach Berechenbarkeit dominiert unser Denken und unsere Welt – vor allen sorgt es dafür, dass wir funktionieren. Kontrollieren, Festhalten am Gewohnten und Risiken ausschließen vermittelt uns das Gefühl von Stabilität. Aber nur aus der bewusst wahrgenommenen Qualität der eigenen Instabilität heraus wächst echte Stabilität in unserem Inneren. Wenn wir bereit sind, das Instabile zuzulassen und uns selbst ehrlich zu begegnen, wenn wir das Risiko eingehen unsere Schatten anzuschauen, wenn wir bereit sind, die Täuschungen, denen wir anhaften zu ent-täuschen, begegnen wir der Wahrheit, und zwar der eigenen. Dann beginnen wir uns mit unserem ureigenen Wesen auseinanderzusetzen. Und zwar im Jetzt. Und nicht gefangen im Blick nach dem nicht mehr Veränderbaren was hinter uns liegt.

Wenn wir im Laufe dieses Prozess alle Seiten unserer Person anerkennen können, als einander bedingende Teile des Ganzen, sind wir auf dem Weg in eine Stabilität, die sich echt anfühlt und uns inneren Halt gibt. Dann folgt authentisches Handeln, was nicht anderes bedeutet, als dass unsere Gedanken, Gefühle und Taten übereinstimmen. Das wäre das Ende der Selbstlüge. Und damit schöpfen wir Mut. Wir sind wahrhaftig. Und wir erkennen auch unsere Angst vor der Veränderung an. Aber wir wandeln sie: Sie wird zum Motor um mit der Veränderung zu beginnen, die wegweisend ist über die Lebensmitte hinaus.

Namaste

Freitag, 19. Juli 2019

Zuneigungshunger



Jede Beziehung, die auf emotionaler Abhängigkeit und kindlichem Bedürfnis- und Zuneigungshunger anstatt auf Liebe basiert, wirkt in sich selbst zerstörerisch.
Sie wird nicht funktionieren.
Zu viel Bedürftigkeit, zu viel Zuneigungshunger macht uns zu Abhängigen.
Wir kleben am anderen, der zum Objekt unserer unerlösten kindlichen Sehnsucht mutiert.
Wir sehen nicht ihn, was wir sehen ist das, was wir von ihm wollen.
Wir sehen nicht ihn, was wir sehen ist das, was wir von ihm brauchen.
Wir lieben ihn ihn, wir lieben, was wir von ihm bekommen. 
Wir sehen uns selbst und nicht den anderen.

Zu viel Bedürftigkeit und Zuneigungshunger erstickt jede Form der Liebe.
Liebe ist nicht abhängig. Von nichts und von Niemanden.
Je voller wir mit Zuneigungshunger sind, desto eher ziehen wir genau die Menschen an, die das auch in sich tragen. Die voll sind davon und leer an Liebe.

Es treffen sich zwei unreife Erwachsene auf Kindesebene.
Wir denken, wir haben unseren Seelenpartner gefunden.
Wir beginnen uns vollkommen auf diesen Menschen zu konzentrieren.
Wir meinen wir haben endlich die Quelle unseres Glücks gefunden.
Aber mit der Zeit müssen wir erfahren, unsere Bedürfnisse werden nicht gestillt.
Die Quelle des anderen ist genauso vertrocknet wie die unsere.

Wir spüren Enttäuschung und werden wütend auf den Menschen, der uns doch all das geben sollte.
Wir sind abhängig von seinem Geben.
Wir sind abhängig von unserem Brauchen.
Wir sind abhängig von unserer alten kindlichen Bedürftigkeit und unserem Zuneigungshunger.
Wir schlucken jede Kröte.
Wir begnügen uns mit Brosamen. 
Wir ertragen viel um der Befriedigung dieses Zuneigungshungers willen.
Wir setzen uns Leid und Risiken aus.
Wir tun alles um weiter gebraucht zu werden, nur weil wir brauchen.
Weil wir glauben zu brauchen.
Weil wir das seit ewigen Zeiten glauben.
Und glauben es sei wahr.
Wir geben den letzten Rest unserer Selbst auf.
Wir ertragen das Unerträgliche.
Wir machen Dinge mit, die wir mit klarem Verstand niemals mitmachen würden.
Nur um nicht zu verhungern an unserem ungestillten Hunger nach Zuneigung.
Wir sind so fest davon überzeugt, dass wir alleine verhungern.
Wir schlucken alles was wir kriegen können auch wenn es giftig ist.
Nur um nicht zu verhungern.

Die Wahrheit ist: Wir verhungern alleine nicht aber wir verhungern als Abhängige.

Wir können lernen von uns selbst "abhängig" zu werden.
Vielleicht sind andere Menschen nie für uns dagewesen für die wir immer da waren, weil wir abhängig davon waren gebraucht und geliebt zu werden, aber wir können aufhören, das zu bedauern und damit beginnen für uns selbst da zu sein, uns selbst zu versorgen und uns selbst lieb zu haben.

Namaste








Donnerstag, 18. Juli 2019

Müde vom Kampf

Foto: A.Wende

Müde vom Kampf
löst du den Widerstand
legst die Waffen nieder
Verlässt das Schlachtfeld.
Hast plötzlich Klarheit
fühlst Ruhe
innen und außen.
Gehst zurück zu dir.
In die Stille.
Lange vielleicht.

Findest dich wieder
mit der Zeit.
Sammelst all die Teile ein, die du vergessen hast
für so lange Zeit
im Kampf
Schaust sie dir an und wählst
welche du noch brauchst und welche du nicht mehr brauchst.

Hast etwas verloren.
Hast etwas gewonnen.
Bist alt und neu zugleich.
Bist wieder du und mehr als du warst.
Vor dem Kampf. 


Dienstag, 16. Juli 2019

Irrlichter

Foto: A.Wende


Es gibt immer Menschen in deinem Leben, die dich nicht verstehen. Sie führen das Leben, das sie führen und es hat mit dem deinen nicht das Geringste zu tun. Du kannst ihnen erklären was du fühlst, wie sich dein Leben anfühlt, was du gerade durchmachst und sie werden es nicht verstehen.
Es ihnen erklären zu wollen macht keinen Sinn.
Sie werden deine Unsicherheit, deine Ängste, deine Traurigkeit, deinen Schmerz, deine Verzweiflung nicht verstehen, wenn sie all das noch nicht gefühlt haben.

Wer das, was du fühlst, noch nicht gefühlt hat, kann kein emotionales Verständnis dafür haben wie du dich tief innen fühlst, noch ist er dazu in der Lage, dir beizustehen.

Er wird dir vielleicht gute Ratschläge geben, dir alles Gute wünschen, dich bedauern, aber er wird nicht die geringste Ahnung davon haben was du wirklich brauchst, weil er es selbst noch nie gebraucht hat. Er wird dir sagen: "Tu dies oder das, dann geht es dir besser", und er hat keine Ahnung davon, was er dir wirklich geben könnten. Wer dich wirklich versteht wird dir keine Ratschläge geben, er wird dir zuhören, dir Zeit schenken und mit Taten zu Seite stehen.

Es gehört viel Lebenserfahrung dazu und noch viel mehr Empathie um sich wahrhaftig in einen anderen Menschen einzufühlen. Es gibt nicht viele Menschen, die das können. Oft scheitern sogar Therapien daran, dass der Therapuet zwar sein Lehrbuch kennt, aber das was du fühlst, das was du erlebst, nicht (nach)fühlen kann.

Wer nicht nachfühlen kann, wer sich nicht wirklich einfühlen kann, wird dich niemals verstehen. Er wird dich keinen Schritt auf deinem wackligen Weg begleiten können, du wirst dich keinen Deut sicherer fühlen. Du bist weiter allein sein in Begleitung eines Menschen, der dich nicht versteht.

Und du bemühst dich weiter ihm zu vermitteln wie du dich fühlst und er wird es nicht verstehen. Und du wirst weiter traurig sein, dass du nicht verstanden wirst und das wird dich noch einsamer und noch trauriger machen. Du wirst weiter versuchen zu erklären was du fühlst und es wird dich Kraft kosten und du wirst immer enttäuschter werden. Also kannst du es auch lassen. Du kannst diese Menschen stehen lassen wo sie sind und weiter gehen. Es ist okay. Sie müssen dich nicht verstehen.

Menschen, die dich nicht verstehen, sind wie Irrlichter auf deinem Weg. Sie werden dich nicht aus deinem Dunkel ins Licht führen.




Mittwoch, 10. Juli 2019

SAY NO TO DRAMA





Ohne die Fähigkeit uns selbst beruhigen zu können verirren wir uns im Drama. Es beherrscht unser Leben, der ganze Focus richtet sich auf das Drama. Wir SIND das Drama. Wir haben uns vollkommen damit identifiziert.

Verabschieden wir uns vom Drama – disidentifizieren wir uns davon. Im Wissen: Die Achterbahnfahrt unserer Gefühle löst das Drama nicht. Im Gegenteil – sie wirkt wie ein negativer Verstärker.

Identifizieren wir uns also nicht mit unseren Gefühlen. 

Wie geht das?
Indem wir lernen sie zu beobachten, entkommen wir der  Wucht ihrer Überflutung.
Gefühle kommen und gehen, aber wir müssen nicht immer voll in sie hineinfallen bis wir glauben wir sind diese Gefühle. Wir haben diese Gefühle. Und das ist ein großer Unterschied, der, werden wir uns dessen bewusst, enorm viel verändern kann. 

Indem wir lernen unsere Gefühle freundlich und zungeneigt zu beobachten und gelassen wahrzunehmen, besänftigen wir das Drama.

Immer wenn uns Gefühle zu überfluten drohen können wir ruhig und tief atmen. 
Wir beobachten was im Körper geschieht ohne zu bewerten. 
Was da ist, darf da sein. Es ist okay, in diesem Moment in der Zeit.
Akzeptieren wir es.
Sagen wir Ja zu allen Gefühlen. Dann müssen sie uns nicht mehr bedrängen.
Haben wir durch konstante Übung gelernt im Körper zu sein, werden die Gefühle durch den Körper geerdet. Wir tauchen nicht mehr in sie ein. Das Drama schwächt sich ab. Wir beruhigen uns selbst.

Manche Menschen allerdings lieben das Drama, weil sie glauben, sich selbst nur in der Intensität des Dramas zu spüren. Dann ist es hilfeich zu ergründen wo diese innere Überzeugung ihren Ursprung hat.