Samstag, 16. Dezember 2017

Es gibt nicht auf alles Antworten



Zeichnung: AW

Im gestrigen Türchen meines Adventskalenders auf Facebook schrieb ich, dass es nicht auf alles Antworten gibt. Diese Erkenntnis ist so alt wie wir Menschen. Und es nicht anerkennen zu wollen, dass es so ist, dass wir oft antwortlos zurückbleiben, ist ebenso alt. Neulich sagte eine Klientin zu mir, wenn ich wüsste, dass es auf alle meine Fragen eine Antwort gibt, wenn ich wüsste, dass alles, was mir geschieht, auch wenn ich es nicht verstehe, einen Grund hat, einen Sinn macht, dann wäre das Leben rund. Das ist ein hoher Anspruch eines Menschen, der Antworten sucht, nach Gründen, nach Begründungen für das, was ist.

Es ist schwer zu akzeptieren, dass wir bisweilen antwortlos bleiben, dass alles Fragen nach dem Warum kein Licht ins Dunkel unserer Gedanken bringt. Wir können nicht verstehen warum ein geliebter Mensch viel zu früh von uns geht, wir suchen eine Antwort, die uns die Trauer erleichtern soll. Aber würde eine Antwort das wirklich tun, würde das Verstehen unsere Trauer kleiner machen, das Gefühl verändern? Wäre es leichter den Verlust zu verschmerzen? Ich behaupte, nein würde es nicht. Würde es uns leichter fallen eine Trennung vom Geliebten zu verkraften, wenn er uns sagt, warum er uns verlässt? Wäre die Diagnose einer schweren Krankheit leichter anzunehmen, wenn wir wüssten, warum wir sie haben? Würden Demütigungen und Verletzungen weniger schmerzen, wenn wir um das Warum wüssten? Tut es weniger weh, als Kind nicht geliebt worden zu sein, wenn wir wissen, warum man uns nicht lieben konnte? Ich behaupte: Nein. Unser Ego wäre zufrieden, denn es würde sich nicht mehr so ohnmächtig fühlen. Es wäre zufrieden, weil es sich die Illusion der Macht des Wissens um die Dinge vorgaukeln könnte. Es könnte sich weiter vorgaukeln die Kontrolle zu haben, denn Kontrollverlust macht Angst und die will es ums Verrecken vermeiden. Weil Angst hilflos macht und klein und uns daran erinnert , dass wir nicht die Herrschaft und die Allmacht über die Dinge, das Leben und uns selbst haben. Das Gefühl aber würde sich ob des Wissens um ein Warum nicht verändern.

Es sind die Gefühle, die uns mehr als alles andere ausmachen. Ein Klient, der irgendwann weiß warum er wie tickt, wo seine wenig hilfreichen Gedanken und Handlungen herkommen, versteht sich selbst zwar zunächst einmal besser, seine Gefühle ändern sich durch das Wissen seines Warum nicht wesentlich. Und Veränderung gelingt nun einmal nur über das Gefühl. Sicher beeinflussen unsere Gedanken unsere Gefühle, aber wer einmal versucht hat seine Gedanke zu kontrollieren um bessere Gefühle zu haben, weiß wie unendlich schwer das ist. Da können wir jahrelang „The Work“ machen und uns in die eigene Tasche lügen, dass wir allein die Macht über unsere Gedanken haben und für alles was uns im Leben widerfährt selbst verantwortlich sind, und dann geschieht etwas Schlimmes und aus ist es mit der Gedankenkontrolle, wir fühlen Schmerz und Wut und Trauer. Und nix mehr mit: Ich habe es unter Kontrolle. Wir sind Gefühlswesen. Wir werden mit Gefühlen geboren und nicht mit Gedanken. Wir schreien als Baby wenn wir Hunger haben und denken uns den Hunger nicht. Wir schreien nach Zuwendung und denken uns nicht: ich will Zuwendung. Nur mal so als Gedankenanstoß.

Sicher ist es hilfreich zu wissen warum die Dinge sind wie sie sind, aber es ist ebenso wichtig zu wissen, dass das Warum erst einmal nichts nützt. Also kommt die nächste Frage: Warum kann ich nicht ändern was ich nicht haben will und was nicht sein soll? Warum kann ich mich nicht verändern, weil ich jetzt weiß warum ich so bin? Nun, auch das könnte man mit Hilfe der Hirnforschung dann noch weitgehend erklären und begründen, aber nützt das etwas?

Das Wissen um das Warum tut nur eins, es scheint zu entlasten. Bis die Last wieder spürbar wird. „Insofern, als wir auf die Tatsachen des Lebens erst zu antworten haben, stehen wir stets vor unvollendeten Tatsachen“, schreibt der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl, der Jahre seines Lebens im KZ in Auschwitz verbringen musste. Er selbst hat es überlebt, seine Familie nicht. Er hat sich nach dem Warum gefragt, er hat sogar ein Buch geschrieben in dem er sich fragt, was genau es ist , was die Einen überleben ließ und die anderen nicht. Er suchte Antworten, er suchte Trost in seinem Schmerz über die Verluste, er wollte verstehen. Hat er verstanden, warum er und nicht seine Liebsten überlebten? Nein. Seine Gedanken haben Konstruktionen gemacht um Antworten zu finden. Konstruktionen aber sind keine Antworten, es sind Möglichkeiten warum etwas wie sein könnte.
Wir Menschen machen Konstruktionen um uns an etwas halten zu können, das ist zutiefst menschlich und es macht Sinn, denn wo kämen wir hin, wenn wir uns an nichts halten könnten? Wir kämen dahin wo Frankl schließlich hinkam: „Wir stehen vor unvollendeten Tatsachen ...“
Und dann kämen wir endlich dahin wo wir sagen könnten: Ja, so ist es. Es ist wie es ist.
Es gibt nicht auf alles Antworten, denn es gibt Tatsachen, die unvollendet sind, die nicht erklärbar sind und nicht verstehbar für uns. Das meine ich, wenn ich sage: „Ich erkenne an, dass es nicht auf alles eine Antwort gibt.“ Ja, das hat mit Demut zu tun. Eine der schwersten Übungen für uns, die wir auf alles Antworten wollen oder gar so vermessen sind, zu meinen sie zu haben.

Der Psychoanalytiker C.G. Jung in einem Aufsatz "Über das Leben" schrieb: „Ich bin über mich erstaunt, enttäuscht, erfreut. Ich bin betrübt, niedergeschlagen, enthusiastisch. Ich bin das alles auch und kann die Summe nicht ziehen. Ich bin außerstande, einen definitiven Wert oder Unwert festzustellen, ich habe kein Urteil über mich und mein Leben. In nichts bin ich ganz sicher. Ich habe keine definitive Überzeugung - eigentlich von nichts. Ich weiß nur, dass ich geboren wurde und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde. Ich existiere auf der Grundlage von etwas, das ich nicht kenne.“
Ein weiser Mann, der das Leben begriffen hat.

Namaste Ihr Lieben
Angelika Wende
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Freitag, 15. Dezember 2017

Aus der Praxis – Der Wahnsinn der Co-abhängigen

Sarah ist blass, unter ihren schönen Augen liegen dunkle Schatten. Ihre zarten Hände nesteln haltsuchend an dem Kleenex mit dem sie gerade die Tränen getrocknet hat. Ich verstehe das nicht, immer wieder gerate ich an Männer, die irgendwie kaputt sind, die einen Knacks haben, die anders sind. Ich habe das Gefühl, dass ich die anziehe wie ein Magnet, naja oder sie mich. Ich weiß es nicht. Eine Weile ist alles ganz toll, intensiv und ledenschaftlich und ich denke jedes Mal: So ist es gut, so kann es bleiben. Es bleibt nicht so. Sie weint wieder. Es wird die Hölle, sagt sie. Ich verstehe das nicht. Auf einmal ist es dann vollkommen anders. Es ist schrecklich anders.
Er wird anders.
Er wird zu einem kalten Menschen. Er ruft nicht mehr so oft an, er ist genervt wenn ich ihn dann frage, warum er nicht mehr so oft anruft, wenn wir uns dann ab und zu sehen, viel weniger als am Anfang, meckert er an mir herum, und wenn ich etwas dagegen sage, dann sagt er meine Wahrnehmung sei falsch und dass ich hysterisch sei und aus allem ein Drama mache. Er sei wie immer, ich sei die, die anders ist. Aber ich spüre es doch, er ist einfach nicht mehr liebevoll. Er hackt mich bei allen Gelegenheiten klein, ich weiß gar nicht mehr was richtig oder falsch ist und alles andere scheint ihm plötzlich wichtiger als unsere Beziehung. Ich fange dann an und laufe ihm hinterher wie ein hungriges Hündchen. Das nervt ihn dann noch mehr. Er schreit mich an, beschimpft mich, sagt, ich sei krank und lauter andere verletzende Dinge. Wir streiten nur noch, dann haut er ab, er geht nicht ans Telefon, wenn ich anrufe, er straft mich ab und ich sitze zuhause und habe nur noch Angst ihn zu verlieren. Ich habe eine so große Verlustangst, dass ich vollkommen gelähmt bin. Ich bin nicht mehr ich, ich löse mich förmlich auf. Ich fühle mich unendlich verlassen und bin überzeugt davon, dass ich ohne ihn nicht leben kann. Und dann fühle ich mich auch noch schuldig. Ich schäme mich, dass ich so bin, wie ich dann bin, so hilflos so ohnmächtig, so klein, so abhängig davon ob er da ist oder nicht. Ich frage mich, ob ich er nicht Recht hat und ich alles falsch mache und ihn nerve und zu sehr klammere oder ob ich einfach nicht normal bin. Ich halte das nicht mehr aus, ich weiß nicht mehr wer ich bin. Ich werde wahnsinnig.
Sarah ist nicht die Einzige. Sie ist wie viele Frauen, die immer wieder an den sogenannten Falschen geraten eine Co-abhängige der Liebe. Genau dieses Verhalten beschreibt sie hier in einer gemeinsamen Sitzung.

Co-abhängig, der Begriff wurde früher für die Partner von Alkoholikern verwendet. Co-abhängig beschreibt einen Menschen, der unfähig ist ein selbstbestimmtes Leben zu leben, weil er die Verantwortung für einen Suchtkranken übernommen hat. Mittlerweile gilt der Begriff für alle Menschen, die sich zum Opfer machen, die sich abhängig von einem Anderen machen, indem sie sich völlig auf den Anderen, meist einen schwachen, seelisch kranken, süchtigen, emotional missbrauchenden, narzisstischen, zwanghaften oder psychopathischen Menschen fixieren, um ihn zu retten. 
Alle Co-abhängigen sind unbewusst fest davon überzeugt, dass sie, wenn sie den Anderen nur genug lieben, versorgen, untersützen, dazu bringen seine Störung einzusehen und sich professionall helfen zu lassen, damit alles gut wird und die Liebe wunderbar.
Nichts wird wunderbar.
Der Co-abhängige wird wieder und wieder verwundet. Und der, den sie retten wollen, bleibt der, der er ist. Nur sie selbst verändern sich, sie werden zu einem Menschen ohne Form. Sie lösen sich im Anderen auf ,verlieren sich selbst und die Fähigkeit die Realität als das wahrzunehmen was sie ist - nämlich ein destruktives Beziehungskonstrukt ohne Aussicht auf Heilung, ein rasender Zug in Richtung Selbstaufgabe und Selbstzerstörung.

Sarahs Aussage: Ich ziehe die Falschen an stimmt nicht ganz. Sie selbst fühlt sich zu den Falschen hingezogen. Falsch im Sinne von: Nicht gut für sie. Instinktiv spürt sie, dass da einer ist, den sie retten könnte. Unbewusstes erkennt Unbewusstes blind. Die Retterin findet ihr Opfer und wird selbst zum Opfer. Sie wird zum Opfer ihrer Sucht gebraucht zu werden. Diese Sucht hat ihre Wurzeln bei allen co-abhängigen Persönlichkeiten in der Kindheit.

Zurück zu Sarah. Sarahs Vater war ein schwacher, unglücklicher, verbitterter Mann, der unter dem Pantoffel der dominanten Mutter stand. Er war launisch, aggressiv und phasenweise depressiv. Er beklagte sich ständig, keiner konnte ihm etwas Recht machen. Wenn er getrunken hatte wurde er aggressiv und tyrannisierte die Familie mit seinen Wutausbrüchen. Wenn er wieder nüchtern war entschuldigte er sich und war zerknirscht. Sarah konnte tun was sie wollte, es gelang ihr nicht den "armen" Vater glücklich zu machen, geschweige denn seine Liebe zu gewinnen. Er wies sie ab, er ignorierte sie, er demütigte sie, er lobte sie nicht, egal wie gut sie in der Schule war, egal, wieviel Mühe sie sich gab ihm alles Recht zu machen - er sah sie nicht. Er machte ihr Angst.

Wie fühlt sich ein Kind, das so etwas erlebt?
Es ist von der Schwäche und Lieblosigkeit, die ihm begegnet verwirrt und emotional vollkommen überfordert. Es denkt, wenn ich es nur weiter versuche, wird der Papa mich lieben. Es hat Schuldgefühle, glaubt es sei nicht liebenswert und verantwortlich für das Elend des Vaters. Es denkt über sich, ich bin nicht okay. Es erfährt, dass alle Anstrengungen nur in Eins münden - in Vergeblichkeit. Es fühlt sich ohnmächtig und verlassen. Es sucht Halt und erfährt Zurückweisung. Es sucht Liebe und erfährt emotionalen Missbrauch wie Demütigung, Ignoranz und die Vernichtung seines ganzen Wesens. Diese Wunde sitzt tief. Sie sitzt so tief, dass sie ein Leben lang danach schreit geheilt zu werden.

Sarahs Wunde schreit nach Liebe. Sie schreit nach einer Liebe, die sie niemals erhalten hat, nach einer Liebe von der Sarah nicht einmal weiß wie sie aussieht oder sich anfühlt, denn alles was Sarah für Liebe hält ist das, was sie versucht hat dem Vater zu geben - ihr ganzes Sein, das von seiner Nichtliebe vernichtet wurde. Sarah hat nicht die leisteste Ahnung wer sie ist und was Liebe ist.
Mit jedem Mann, dem Sarah später begegnet, reinszeniert sie zwanghaft was sie für Liebe hält. Die Wahl ihrer Männer wird diktiert vom Drama der Kindheit. Diese Männer sind nichts anderes als Stellvertreter für den lieblosen, schwachen Vater. Ihre Wahl wird diktiert von ihrem unbewussten Bedürfnis das Schuldgefühl dem Vater gegenüber, weil sie ihn nicht retten konnte, zu mindern. Es wird diktiert vom emotionalen Klima, dass sie als Kind erlebt hat und das sich in jeder neuen destruktiven Beziehung wie Heimat anfühlt. Es wird diktiert von Sarahs Erfahrung von Nichtliebe. Es wird diktiert vom Beziehungserleben in der Ursprungsfamilie.

Das klingt absurd, das klingt paradox, das klingt geradezu nach Wahnsinn. Und so fühlt es sich für Sarah auch an, wahnsinnig. Denn welcher normale Mensch würde sich so einen Albtraum ein weiteres Mal antun, wenn er ihm endlich entkommen ist?
Alle Co-abhängigen tun das. Egal wie intelligent, wie erfolgreich, wie klug sie sind, egal ob sie wissen, dass das, was sie da leben, zerstörerisch ist und falsch und ungut für ihr ganzes Leben ist, sie können nicht anders. Sie sitzen in der Falle und obwohl sie es wissen - sie kommen da alleine nicht raus.

Viele Menschen begreifen das nicht, sie finden es unfassbar, dass ein Mensch das traumatische Erleben seiner Kindheit in Endlosschleife wiederholt. Aber der Trieb das Erlebte, Vertraute zu wiederholen, ist uns allen gleich. Man nennt es Wiederholungszwang: Das Vertraute gibt uns ein Gefühl von Heimat, egal wie schmerzlich und grausam es dort war. Es vermittelt uns das Gefühl von Sicherheit, eben weil es vertraut ist. So befremdlich es ist: Das Kind von damals wiederholt das alte Leid im unbewussten Versuch es dieses Mal besser zu machen: Nämlich den Vater zu retten und den Kampf gegen die eigene Ohmacht, gegen die eigene Scham und die eigenen Schuldgefühle zu gewinnen. Der Kampf war nie zu gewinnen und er ist nicht zu gewinnen. Er endet wie damals im Verlust des eigenen Selbst. Um dieses Selbst zurückzugewinnen müssen Co-abhängige lange kämpfen, aber dieses Mal für sich selbst und nicht für andere, die ihre Rettung in Wahrheit nicht brauchen. Sie müssen sich selbst retten.

Zurück zu Sarah. Langsam lernt sie, das Geben nicht sich Aufgeben bedeutet und Liebe nicht Schmerz und Verletzung.
Wir arbeiten weiter daran.


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Montag, 11. Dezember 2017

Aus der Praxis – Der innere Kritiker und der innere Freund




Foto: AW

Der innere Kritker meckert an dir herum
bewertet und be- und verurteilt dich
macht dir Vorwürfe
beschimpft dich wegen etwas, das du falsch gemacht hast
wertet dich ab
lacht dich aus
macht dich klein
macht dich unsicher
treibt dich an
schreit nach Perfektionismus
macht dich platt
brennt dich aus
sagt dir: du bist nicht okay.
 
Der innere Freund hat einen liebevollen Ton
versteht dich
macht dir Komplimente
tröstet dich, wenn du einen Fehler gemacht hast
sagt dir wie wertvoll und liebenswert du bist
lacht dich an
weiß um deine wahre Größe
schenkt dir Sicherheit und Selbstvertrauen
hat Geduld mit dir
nimmt dich ernst
weiß, dass es das Perfekte nicht gibt
schenkt dir Gelassenheit
geht fürsorglich mit dir um
sagt dir: Du bist liebenswert.

Wann immer sich der innere Kritiker meldet hörst du dieses: Du bist nicht okay.
Daran erkennst du ihn.
Wenn du ihn erkennst, kannst du wählen ihm weiter zuzuhören oder dir deinen inneren Freund zur Verstärkung holen um den Kritiker in seine Schranken zu weisen.
Dein Selbstmitgefühl, dein Selbstwertgefühl und deine Selbstliebe werden wachsen, je öfter du deinem inneren Freund vertraust.

 Namaste Ihr Lieben


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Donnerstag, 7. Dezember 2017

Ein Anfang



Je mehr Wertschätzung wir aus uns selbst heraus für uns selbst empfinden, desto unabhängier werden wir von dem was andere von uns denken könnten, desto unabhängiger werden wir von der Umwelt, desto weniger fühlen wir uns gezwungen etwas darzustellen oder beweisen zu müssen, desto unabhängiger werden wir davon andere manipulieren oder benutzen zu wollen. Desto unabhängiger werden wir davon etwas von Anderen zu erwarten, was wir uns selbst nicht geben können.
Aber woher diese Wertschätzung nehmen, wenn wir sie nicht fühlen?
Indem wir ohne den alten Schleier dessen, was uns den wertschätzenden Blick auf uns selbst verhüllt, mit klarem Blick auf den Menschen schauen, der wir sind. Indem wir auf das schauen, was wir Tag für Tag gut machen und nicht auf das, was wir noch besser machen könnten.
Das könnte ein Anfang sein!

Namaste Ihr Lieben

Sonntag, 3. Dezember 2017

Hinter der Mauer



Foto: Aw

Er tut so als würde ihm nichts etwas ausmachen. Er tut auch so, wenn er mir gegenüber sitzt in unseren Stunden. Er ist stark und autonom. Er braucht niemanden. Die Anderen sind ihm sogar oft lästig. Manchmal regen sie ihn auf. Besonders, die, die ewig nur rumsitzen und jammern und nichts ändern wollen. Das regt ihn richtig auf, aber auch immer weniger. "Sollen die doch machen was sie wollen", meint er und dass er sich nicht mehr um andere kümmert. Er leistet sich Empathie nicht mehr. Er hat schlechte Erfahrungen gemacht mit seiner Empathie. Sie hat nichts geholfen, damals als er versuchte sie zu retten. Er meint die Frau, die er liebte und die sich selbst zerstörte mit dem Alkohol, von dem sie nicht lassen konnte. Seit damals hat eine Mauer um sich gezogen. Ich höre zu und denke, ich möchte einen Hammer und einen Meisel nehmen und die Mauer langsam und vorsichtig herunterklopfen, um ihn für sich selbst wieder erreichbar zu machen und für die Frau mit der er jetzt zusammen ist. Ich sehe den Mann hinter der Mauer, der fühlen will und mitfühlen will, der lieben und geliebt werden will und es sich selbst nicht mehr erlaubt.

Ich sage ihm, dass ich die Mauer und den Mann hinter der Mauer fühlen kann. Er wehrt energisch ab. Ihm gehe es gut so wie es ist. "Ich will mich nicht mehr ohnmächtig fühlen. Ich will nicht mehr so viel fühlen. Empathie macht verletztbar", sagt er. Ich spüre wie er versucht seine Unsicherheit wegzulächeln. "Ich habe mein Leben im Griff. Alles funktioniert. Alles gut. Naja, ich werde alt, darüber mache mir schon manchmal Gedanken, was sein wird, später." Aber er habe vorgesorgt und jetzt habe er ja auch genug Arbeit. Die sei ihm das Wichtigste. "Die Arbeit", sagt er, die beansprucht den ganzen Mann, da ist keine Zeit für etwas anderes". Die Beziehung sei ihm auch langsam zu anstrengend. Er sei lieber allein am Abend. Er gehe immer mehr in Distanz zu seiner Partnerin. "Sie merkt das schon, aber sie beklagt sich nicht", sagt er.  Er grinst verlegen. "Nein, ich will mich nicht mehr einlassen. Dass das nichts bringt, habe ich gelernt. Also wenn ich etwas in meinem Leben gelernt habe, dann das", kommt es im Brustton der Überzeugung.
Er mauert, auch hier in meiner Gegenwart mauert er. Ich sehe wie er mehr und mehr hinter der Mauer verschwindet. "Wenn alles gut ist, warum kommen sie dann zu mir ?", frage ich ihn.
"Na ja", antwortet er, "da ist diese Angst, sie kommt wenn ich einschlafen will, es ist als lege sich ein schwerer Stein auf meine Brust. Das Atmen fällt mir dann schwer und der Schweiß fließt mir aus allen Poren. Ich bekomme richtig Panik. Wenn ich dann endlich einschlafe habe ich Albträume. Am Morgen fühle ich mich nie ausgeschlafen."
"Was macht Ihnen Angst?", frage ich ihn.
"Das ist ja das Problem, ich weiß es nicht", antwortet er.
Ich denke an die Mauer, die ihn von allen trennt, außer vor der Angst. Sie tut ihm nicht gut, die Mauer, auch wenn er glaubt, sie sei sein Schutzschild gegen das Verletztwerden, das er meint niemals mehr aushalten zu können. Sie ist es nicht.
"Die Angst lässt sich nicht einmauern", sage ich und dass es einen Grund gibt, dass sie da ist, weil sie ihm etwas mitteilen will.
"Aber ich weiß nicht was. Sagen sie es mir", bittet er mich.
"Es nützt ihnen nichts, wenn ich es ihnen sage", erwidere ich.
"Aber, ich komme nicht drauf, also bitte sagen sie es mir, sie wissen es doch", sagt er.
"Es macht keinen Sinn, wenn ich es ihnen sage, es ist ihre Angst, die zu ihnen spricht. Ich würde nur vermuten können. Das ist nicht hilfreich", antworte ich.
Er schweigt, missmutig. Eine Weile ist es still.
Ich warte.
"Na ja, ist nicht schön so gar nichts mehr fühlen zu wollen. Und so viel Lebenszeit bleibt mir ja auch nicht mehr."
"Ja", antworte ich, "das will Ihnen ihre Angst sagen."



Donnerstag, 30. November 2017

Aus der Praxis – Der eingebildete Kranke: Hypochondrie verstehen



Foto.AW

Le Malade imaginaire, Der eingebildete Kranke ist eines der berühmtesten Theaterstücke von Moliere und zugleich sein letztes Werk. Die Komödie wurde im Februar 1673 uraufgeführt und Moliere selbst spielte darin die Hauptrolle des Argan. Argan ist besessen: er ist davon überzeugt krank zu sein, aber außer seinen Ärzten glaubt ihm das niemand. Er erhält kein Mitgefühl und alle lachen ihn aus. Es scheint wie eine Ironie des Schicksals, dass Moliere bei der letzten Vorstellung einen Blutsturz erlitt. Der Dichter starb in Kostüm und Maske nur wenige Stunden später.

Heute würde man Argan einen Hypochonder nennen. Menschen mit einer Hypochondrie werden sich in ihm und seiner quälenden wahnhaften Besessenheit wiederfinden, vorausgesetzt sie sind sich ihrer zwanghaften Störung bewusst.

Hypochonder haben eine übersteigert große Angst vor Krankheiten. Ständig kreisen ihre Gedanken sorgenvoll um ihre Gesundheit. Die Angst vor körperlichen Schmerzen, Leiden, Sterben und Tod beherrscht ihren Alltag und legt sich wie eine schwere Nebeldecke über alles andere. Sie sind besetzt von dem Gedanken, eine Krankheit wolle ihnen ans Leben und es ihnen nehmen.
Die Angst des Hypochonders bezieht sich auf alle möglichen Köperteile und die dort potentiell entstehenden oder schon bestehenden Krankheiten, die er vorzugsweise selbst diagnostiziert. Er betreibt extensive Recherchen im Internet oder in medizinischen Fachbüchern in Bezug auf die von ihm gefürchteten Krankheiten. Jedes kleine Wehwehchen kann für ihn Schlimmes bedeuten. Hypochonder achten übersteigert auf jedes noch so kleine Signal ihres Körpers, und nehmen es  bereits in geringer Intensität wahr.  Sie sind felsenfest davon überzeugt an einer Krankheit zu leiden oder demnächst krank zu werden und das immer ernsthaft. Sie rennen ständig zum Arzt um sich zu versichern, dass sie doch nicht so schwer krank sind wie sie glauben und, werden sie ob ihrer Angst und ihren Symptomen, die sie ja haben, nicht ernst genommen, wechseln sie Ärzte und Notfallambulanzen.

Im Kopf des Hypochonders kreist ein Katastrophen-Karussell. Ein Karussell, das in Wahrheit weniger eine Krankheit als eine große Lebensangst am Kreisen hält. Diese Lebensangst ist der Urgrund der Hypochondrie.
Der Hypochonder ist davon überzeugt, dass es ihm nicht gut gehen darf, dass er nicht gesund sein darf, dass er leiden muss. Und er leidet ja auch in seiner sich selbst erfüllenden gelebten Prophezeiung. Hypochonder sind von der Persönlichkeit her oft depressiv-melancholische Menschen. Man schreibt ihnen narzisstische und hysterionische Verhaltensweisen zu, weil sie dramatisieren und nach Aufmerksamkeit schreien. Und das so oft wie der Junge in der Geschichte mit dem Wolf, den er jede Nacht im Dorf ankündigt und der nie kommt, sondern erst dann, als dem Jungen keiner mehr glaubt: Der arme Junge wird schließlich vom Wolf gefressen.

Das Leben mit einem Hypochonder ist anstrengend und es ist anstrengend ein Hypochonder zu sein, denn es ist ein Drama in unzähligen Akten. In seinem hysterischen Krankheitswahn produziert er jedoch unbewusst das Drama selbst. Immer mit einer Hybris und ohne Katharsis. Erlösung hat er nämlich nicht verdient, weil er tief im Innersten glaubt ein gutes und gesundes Leben nicht verdient zu haben oder weil er der Überzeugung ist, dass das Leben krank sein, Leiden und Tod bedeutet.
Diese destruktiven Überzeugungen sitzen wie eine Krebsgeschwulst in seinem Unterbewusstsein. Wer davon überzeugt ist kein gutes gesundes Lebens verdient zu haben, glaubt unbewusst von sich, dass er ein schlechter Mensch ist, nicht wertvoll genug leben zu dürfen und wenn, dann nur leidend und unter Schmerzen. Oder er glaubt, dass er für Etwas bestraft wird, was er einmal getan hat. Meist kommt dieser Glaube aus Introjektionen der Kindheit oder er erwächst aus Fehlern, die er in seinem Leben einmal machte und mit denen er anderen schwer geschadet hat, ohne es zu wollen. Gefühle wie Scham und Schuld spielen bei der Hypochondrie eine große Rolle. Wohlgemerkt all das ist dem Betroffenen nicht bewusst. In sein Bewusstsein schießt nur die Angst – die sich in der Hypochondrie einen Platz sucht, weil ihr wahrer Grund unbekannt ist.

Die Hypochondrie ist ein Symptom, das selbst zur Krankheit wird und ein eigenes Krankheitsbild herausbildet, wenn tiefverdrängte Gefühle nicht erkannt und nicht verarbeitet werden konnten. Die meisten Hypochonder sind hochsensible Menschen. Sie besitzen ein geringeres Selbstbewusstsein verbunden mit erhöhter Empfindsamkeit für alles was verletzend ist und haben eine hohe Vulnerabilität.
Der tiefenpsychologische Erklärungsansatz in Bezug auf die Hypochondrie geht von einem traumatischen Erleben in der Kindheit oder auch im späteren Erwachsenenalter als Auslöser für die spätere Neurose aus. Es ist kein Zufall, dass die Krankheiten, vor denen sich der Hypochonder besonders fürchtet, bei genauer Betrachtung in Beziehung zu früheren Erlebnissen in seiner Biografie steht. Bei Herzangst z.B. kann es sein, dass ein nahe Angehöriger herzkrank war oder früh daran gestorben ist. Auch eine frühe Konfrontation mit dem Tod eines geliebten Menschen in der Kindheit, die nicht verarbeitet werden konnte, kann das Denkmuster: „Das Leben ist tödlich“, so nachhaltig prägen, dass sich im späteren Leben eine Hypochondrie entwickelt. Im Grunde können wir die Hypochondrie als die vom Betroffenen einzig mögliche Bewältigungs- und Selbstheilungsstrategie anderer unbewusster Probleme verstehen. Sie ist ein Schrei nach Sicherheit in einem Leben, das als unsicher und bedrohlich erfahren wurde und wird. Sie ist das Leiden eines Menschen, der sich selbst, dem eigenen Körper und dem Leben, nicht vertraut, weil sein Urvertrauen an einem Punkt in seinem Leben radikal erschüttert wurde. Sie ist ein Schrei nach Zuwendung und Aufmerksamkeit, die schmerzlich vermisst wird und keinen anderen Weg findet als den über die Neurose. 

Der Hypochonder leidet wirklich und wenn er Schmerzen hat fühlt er sie wirklich. Man sollte ihn nicht verlachen wie den Argan in Molieres Komödie. Vielmehr braucht er Annahme, Verständnis für seine Lebens- und Todesangst, Zuwendung, Trost und Liebe und vor allem einen guten Therapeuten, der ihm hilft seiner wahren Angst auf die Spur zu kommen, damit er sie nicht mehr auf seinen Körper projizieren muss. 
Findet der Hypochonder keinen Ausweg lebt er sein einsames Drama weiter – ohne Katharsis wie gesagt, denn auch wenn er ständig mit dem Tod spielt, die Angst vor dem Tod verliert er trotzdem nicht.

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Dienstag, 28. November 2017

Und wieder Kunst ausstellen



The purpose of art is to raise people to a higher level of awareness
than they would otherwise attain on their own.

George Brassai

Samstag, 25. November 2017

Der Weg zum Selbst

Malerei: AW

Beziehung zu uns selbst. Was ist das?
Die Beziehung zu uns selbst ist nicht das egoistische Lebensgefühl, dem es nur darum geht, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Es ist auch nicht die splendid isolation, der Rückzug in die eigene Welt, die sich nur noch um sich selbst dreht und uns zum Mittelpunkt des eigenen Universums macht. Die Folge von beidem ist innere Vereinsamung. Diese Vereinsamung können wir beobachten, wenn wir genau hinschauen. Sie ist Zeitgeist.
Die zunehmende Vereinzelung des modernen Menschen ist der Ausdruck eines kollektiven Narzissmus, der mehr und mehr zunimmt und Humanität und Empathie zunichte macht. Narzissmus ist geprägt von einem falschen Selbst - ein Selbst, das einer Maske gleicht, einer Fassade, die wir einst aufbauen mussten, um als Kind emotional zu überleben in einer Umgebung, die uns keine Liebe schenken konnte.

Die Sehnsucht nach Geliebt - und Angenommensein ist ein Zeichen des Wunsches ein ganzer Mensch zu sein.

Diesen Wunsch haben alle Menschen, mehr oder weniger bewusst. Was uns allen gemeinsam ist, ist die Sehnsucht nach dem Gefühl von Ganzheit. Das zu erreichen gelingt jedoch nicht über das Verbinden mit einem anderen wie die Erfahrung uns lehrt. Das Gefühl von Ganzheit stellt sich ein, wenn wir in Beziehung mit uns selbst sind, uns mit uns selbst wohlwollend verbinden, bevor wir in der Sehnsucht nach einem Gegenüber schwelgen, weil wir uns mit uns selbst innerlich leer oder sogar schlecht fühlen. Die nach außen gerichtete Suche nach dem oder der idealen Geliebten ist getragen von einer regressiven verzehrenden Sehnsucht, die für die meisten Menschen unerfüllbar bleibt.

Uns selbst unser bester Gefährte zu werden ist eine gesunde Sehnsucht. Sie ist nährend.
Sie macht uns emotional unabhängig von anderen und führt dazu, dass wir uns bewusst uns selbst zuwenden. Nicht dem Fremden, sondern dem Eigenen. Zunächst. Gesunde Sehnsucht ist die Sehnsucht nach seelischer und geistiger Entfaltung, spiritueller Entwicklung und Eigenliebe. All das können wir lernen uns selbst zu erfüllen, indem wir den Zugang zu uns suchen, auch wenn es ein Leben lang dauern mag. Dazu braucht es Momente der Stille, des Alleinseins und innere Einkehr. Dazu braucht es den Mut, was wir in uns selbst hören, sehen und fühlen, auszuhalten und es nicht sofort bewerten, oder es los werden zu wollen. Es braucht einen liebevollen Umgang mit unserer Angst, unserer Fehlbarkeit, unserer Schwäche, unseren Zweifeln und unseren Wunden.
"Wer zur Wahrheit wandert, wandert allein", schreibt Christian Morgenstern in einem Gedicht. Wir allein spüren unsere eigene Wahrheit, keiner kann uns eine Wahrheit weißmachen, wenn sie uns nicht entspricht. Von außen Aufgedrücktes ist immer ein Aufgedrücktes und kein von innen Ausgedrücktes.

Aus Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist, der eigenen Wahrheit Glauben zu schenken, ihr zu vertrauen, sich selbst treu zu sein und nach dieser Treue zu leben. Viele Menschen folgen ihrer inneren Wahrheit nicht. Sie sind sich dieser Wahrheit vielleicht gar nicht bewusst oder sie verleugnen sie vor sich selbst um ihre Komfortzone nicht verlassen zu müssen. Sie dümpeln in ihren selbsterschaffenen Käfigigen und werden dabei immer handlungsunfähiger und resignierter. Sie passen sich an und leiden still.

Das erstickt unsere Kreativität. Wir sehen die Möglichkeiten eines Ausweges nicht mehr. Wir kleben an alten Konditionierungen, fremden Glaubensätzen und vor langer Zeit verinnerlichten Überzeugungen. Wir kleben an der Vergangenheit, an ungesunden Beziehungen, unbefriedigenden Arbeitsstellen, an alten Verstrickungen und alten Verletzungen. Wir kleben an Dingen, Menschen und Süchten, die uns nicht gut tun, wir kleben an einem falschen Selbst. Wir kleben an so vielem, was uns nicht gut tut.

Wie sich bewegen, wenn man festklebt?
Wie kreativ und damit schöpferisch sein, wie uns bewegen, wenn wir kleben bleiben, wiel wir glauben: Es ist wie es ist und weil es so ist, bleibt es so. Es war halt immer so, das ist mein Leben. Ich kann es nicht ändern. Destruktiv ist es, wenn wir glauben, dass die Eltern oder sonst jemand, der uns tief verletzt hat, die Schuld an unserem Leid tragen, wenn wir nach Vergeltung oder Entschuldigungen hecheln, anstatt die Verantwortung für das Jetzt zu übernehmen und zu handeln - und zwar in dem Sinne, das wir jetzt gut zu uns selbst sind und uns selbst nicht weiter antun, was man uns als Kind angetan hat. Die Schuldfrage ist sinnlos,denn sie führt zu rein gar nichts, außer neuem Kummer. Schuld ist der härteste Klebstoff in Beziehungen. Schuld klebt fester aneinander als Liebe und vor allem: Schuld lähmt jede Entwicklung und verhindert Wachstum.

Aber wir kleben weiter an Gewohnheiten und glauben irrsinniger Weise, dass sie uns Halt geben. Wir kleben an unseren Problemen und halten sie aufgrund des Kontextes in dem sie auftreten, in genau diesem Kontext weiter aufrecht und übersehen die Lösung, die im Problem verborgen ist. Alles, weil wir uns im Außen orientieren und nicht lange und nicht intensiv genug nach Innen hören.
Die Erfahrungen, die wir machen können wir nicht ändern - aber wir können ändern, wie wir damit umgehen.

Damit sind unsere Erfahrungen nicht veränderbar, aber unsere Haltung ist es und damit unser Lebensgefühl. Solange wir dazu nicht fähig sind, dreht sich das Rad weiter, in der gleichen Spur. Solange wir das Gleiche denken, das Gewohnte tun, handeln wir fremdgestuert nach den alten Mustern und fühlen und erleben - es bleibt gleich. Damit verabschieden wir uns, manchmal ohne es zu merken, von unseren Träumen. Doch unsere Träume sind der kreative Teil in uns, der nach Leben schreit. Wir hören diesen Schrei aber nicht mehr, weil wir ständig mit dem Außen beschäftigt sind, mit dem Funktionieren, den Erwartungen an andere, dem Kompensieren und der Ablenkung, die uns von uns selbst weglenkt.

Es ist der kreative Teil in uns, den wir in der Stille spüren. Und dann kommt die Wehmut, ihn nicht leben zu können.
Wir ersticken unser wahres Selbst mitsamt unseren Träumen.
Aber da liegt er, dieser kostbare Kern unseres Seins - auf dem tiefen Grund unserer Seele und wir leben etwas gänzlich anderes - nämlich an uns selbst vorbei und über uns selbst hinweg.
Wir missachten unsere Träume bis sie verdorrt sind wie eine keimende Pflanze, die wir ab und an betrachten und die wir wunderschön finden und doch vergessen zu pflegen. Wie soll sie wachsen und blühen, wenn wir ihr keine Aufmerksamkeit schenken?
Unsere Träume sind ein kreativer Teil in uns, jeder einzelne Traum enthält jede Menge kreative Energie.

Kreativität heißt erschaffen.
So wie die Schöpfung uns Menschen erschaffen hat, ist das Nutzen unserer Kreativität ein Akt des Erschaffens und zwar uns selbst, nach unserem Bilde. Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild, heißt es - und damit ist das göttliche Prinzip gemeint, genauer - das schöpferische Prinzip. Weil wir ein Teil dieses Prinzips sind, besitzen wir dieses schöpferische Potential - es ist in uns angelegt und wartet nur darauf zu fließen. Wenn wir das göttliche Prinzip in uns nicht aktivieren - wie soll es dann etwas für uns tun? Wenn wir nicht offen sind - wie sollen wir dann empfangen? Und wie sollen wir dann bei uns selbst ankommen, wenn wir nicht empfangen, was aus uns selbst zu uns hin will - in Beziehung sein will mit dem wichtigsten Menschen in unserem Leben?
Angelika Wende


www.wende-praxis.de

Freitag, 24. November 2017

Aus der Praxis – Das Leiden des chronisch Unzufriedenen


Malerei: AW

Ein Mensch ist gänzlich unzufrieden mit seinem Leben, egal was er auch tut, egal was er hat, es ist nie genug, es ist nie richtig und alles fühlt sich falsch und unbefriedigend an. Egal was er beginnt, es will ihm nicht gelingen. Immer ist da das Verlangen nach mehr, nach anderem, nach dem, was er nicht hat. Dieser Mensch leidet an chronischer Unzufriedenheit. Von Außen betrachtet hat er ein gutes, fast schon luxuriöses Leben ohne größere Probleme und Sorgen. Innerlich leidet er wie ein Hund. Das Verlangen nach mehr macht ihn immer unzufriedener.

Wir alle kennen das Gefühl von Unzufriedenheit. Es gibt vielerlei Gründe um unzufrieden zu sein. Es läuft nicht wie wir es gern hätten, wir erreichen Ziele nicht, wir finden nicht den passenden Partner, die Anderen verhalten sich nicht so wie wir es erwarten, wir mögen unser Aussehen nicht, wir haben nicht genug Geld, der Job frustriert uns, unser Leben verläuft anders als wir es uns wünschen. Die Gründe für Unzufriedenheit nehmen kein Ende wenn wir den Focus auf das richten, was wir nicht haben können.  

Die Welt ist voll von unzufriedenen Menschen, die nicht satt sind und es nicht werden. „Eigentlich könnte ich ganz zufrieden sein, wenn es doch so und so wäre“. Das ist ein  Satz des modernen Menschen. Eigentlich müsste der Satz heißen: "Es fehlt mir noch so viel, um ich mich selbst zu akzeptieren wie ich bin und mein Leben so wie es ist".
Die Unzufriedenheit aber kann das nicht. Sie ist nicht fähig sich selbst zu akzeptieren und sie ist unfähig ihr Leben zu akzeptieren, ob es nun perfekt passt oder nicht. Und - die Unzufriedenheit vergleicht sich mit anderen. „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“, schrieb einst der Philosoph Sören Kirkegaard.

Das Gefühl der Unzufriedenheit hat etwas Zersetzendes. Nie ist der Unzufriedene im Jetzt, immer ist er gedanklich in der ach so schönen Vergangenheit oder der unschönen, oder er ist in der schönen Zukunft oder in der Unschönen. Egal wo er ist, nichts ist gut genug. Nicht heute, nicht gestern, nicht morgen. Der Grund: Er ist außer sich. Er zerrt an sich selbst herum und sieht die Welt verzerrt. Sein Denken ist ein ewiges: Ich will, ich sollte, ich müsste, es ist nicht gut wie es ist.

Er verlangt nach Dingen, die er nicht hat oder nach Dingen, die andere haben und die doch eigentlich ihm zustünden.  Was er hat sollte so und so sein, aber nicht so wie es ist. Seine Forderung an das Schicksal ist unangemessen hoch. Aber all das ändert absolut nichts an der Person, die er ist, an genau dem Punkt seiner Entwicklung an dem er ist.

Sicher steht es uns frei uns Dinge zu wünschen und uns Ziele zu setzen. Aber das bedingt, dass wir etwas dafür tun. Dann wirkt die Unzufriedenheit als Antrieb etwas zu verändern und zwar zum Positiven hin. 
Aber genau das kann und will der unzufriedene Mensch nicht. Er ist zu sehr damit beschäftigt sich selbst zu bemitleiden, andere zu beneiden und zu klagen. Im tiefsten Inneren fühlt er sich wie die unerkannte Prinzessin oder der unerkannte Prinz, dem das Leben alles Schöne und Gute auf dem Silbertablett servierten soll, was er sich selbst nicht verschaffen kann. Wie auch? Chronische Unzufriedenheit ist eine blockierende Energie, die an der Lebenskraft zehrt. Im ewigen Klagen verhaftet wird der Blick trübe für das was bereits da ist und was als Basis dafür dienen könnte etwas zu werden. Werden im Sinne von Schöpfung. Der Unzufriedene aber ist weit entfernt davon Schöpfer zu sein, weil er ein Klagender ist und damit blind den eigenen Potentialen, Gaben und Lebensumständen gegenüber. Es gibt so viel was er tun könnte, aber  solange er nach Dingen verlangt, die nicht er selbst sind, verrennt er sich nach nirgendwo.

Wir verrennen uns immer, wenn wir nicht wir selbst sind. Um wir selbst zu sein müssen wir erkennen wer wir sind und dazu gehört auch zu erkennen, wer wir nicht sind, was wir nicht werden können und was wir demnach nicht haben können.

Aber das ist natürlich nicht leicht, es ist sogar schwer das zu erkennen. Und haben wir es erkannt, auch noch ja dazu zu sagen.

Einem unzufriedenen Menschen zu helfen zufriedener zu werden ist kein leichtes Unterfangen. Ihm zu sagen: Schau auf das, was du hast und sei dankbar für das, was du hast, ist wenig hilfreich. Es ist ein nicht zielführendes Herumdoktern am Symptom. Vielmehr müssen zunächst die Ursachen der chronsichen Unzufreidenheit gefunden werden und diese sind vielfältig.
  
Was unzufriedene Menschen gemeinsam haben ist eine negative Lebenseinstellung.
Die Ursachen dafür liegen meist in der Kindheit. Das sind Botschaften wie: „Das geht nicht“, „Das kannst Du nicht“, „Das schaffst Du nicht“.  Das Kind verinnerlicht so eine negative Einstellung zu sich selbst und wird aufgrund dieser Introjektionen auch im späteren Leben nur schwer zu einer bejahenden, sich selbst und andere wertschätzenden Lebenseinstellung gelangen. Es hat gelernt an sich selbst zu zweifeln. Dies führt zu einem verzerrten Selbstbild. Es hält sich für wertlos, unfähig, zu dumm, zu klein, nicht gut genug und und und. Dieses Bild von sich selbst ist durch die destruktiven Botschaften der Kindheit verinnerlicht und oft ernab jeglicher Realität. Die negative Sichtweise auf sich selbst führt wiederrum dazu den Blick vorrangig auf die eigene Fehlbarkeit und das, was nicht erreichbar ist zu lenken. Was dagegen erreicht wird, wird nicht gesehen, oder erscheint wertlos. Eine negative Sichtweise auf sich selbst geht meist einher mit einer negativen Sichtweise auf andere. Gesehen werden vor allem die Fehler des Anderen, das was er nicht kann, nicht hat, seine Stärken und Erfolge dagegen werden beneidet. Womit wir beim Neid sind. 

Neid richtet den Fokus auf das Haben oder das Sein des Anderen. Neid vergleicht sich ständig und sieht nur das, was er nicht hat, anstatt das, was er bereits an Gutem hat. Wer unter Neid leidet ist solange nicht zufrieden, bis er die Objekte seiner Begierden besitzt. Fatalerweise halten die Freude oder die Dankbarkeit darüber nicht lange an, weil es ja immer noch mehr von dem zu haben gibt, was andere längst haben und so sehnsüchtig begehrt wird. So kommt es zur Gier. Gier und Neid gehen immer eine unheilige Allianz ein.


Was dem Unzufriedenen fehlt um seinem Leiden zu entkommen ist der Mut, das mit dem er nicht zufrieden ist, zu ändern. Aber wie sich aus der Komfortzone herausbewegen? Dann müsste er aufgeben was er schon sicher hat und Unsicherheit erträgt er nicht, denn das würde bedeuteten, sich auf das Leben, wie es ist, einzulassen und Eigenverantwortung zu übernehmen, was heißt: Sich sich selbst ehrlich zuzuwenden. Etwas was der Unzufriedene beharrlich vermeidet, weil er sich vor sich selbst und der eigenen Wahrheit instinktiv fürchtet.
Diese Wahrheit ist ganz einfach: Wenn er anders sein könnte, wenn sein Leben anders sein könnte, dann wäre es anders.













Montag, 20. November 2017

Eine Sache, die wir selbst zu erledigen haben



Malerei: AW

Das Gefühl der Machtlosigkeit basiert auf dem Glauben und der Erwartung, dass unser Verhalten auf das gewünschte Ergebnis keinen Einfluss hat.
Das Gefühl der Bedeutungslosigkeit basiert auf dem Glauben, dass das, was wir sind und was wir in die Welt zu geben haben keinen Wert hat.
Das Gefühl der Sinnlosigkeit erwächst aus der Unfähigkeit, Tätigkeiten zu finden, die uns wertvoll erscheinen.
Das Gefühl der Einsamkeit basiert auf dem Gefühl des Getrenntseins.
All diese Gefühle füttern das Lebensgefühl des Nichtvollständigseins und führen zur Selbstentfremdung. Diese können wir nicht einfach so auflösen. Wir können sie zuerst einmal nur annehmen. Das Gefühl des Getrenntseins ist Teil des Lebens. Je weniger wir fähig sind damit umzugehen, desto bedürftiger sind wir, desto größer und manipulierbarer sind unsere Beziehungsansprüche und desto mehr suchen wir im Außen nach etwas, das uns halten und versorgen soll. Wir verlangen von anderen, dass sie unsere symbiotischen Verschmelzungswünsche erfüllen sollen. Das Fatale daran ist, dass wir im Grunde genau wissen, dass dieser Wunsch unerfüllbar ist. Trotzdem halten wir daran fest, anstatt diesem kindlichen Verschmelzungswunsch zu ent-wachsen, indem wir beginnen das eigene Leben als das zu akzeptieren was es ist: Eine Sache, die wir selbst zu "erledigen" haben und für die wir keinem anderen die Verantwortung in den Schoß legen können. 

Sonntag, 19. November 2017

Gedankensplitter




Foto AW

oft geschieht es, dass wir an etwas festhalten, das uns nicht gut tut und unsere entwicklung blockiert. besonders im kämpfen um einen menschen, der sich nicht helfen lässt, der keine bereitschaft hat sich zum eigenen besten zu verändern, ist dieses festhalten vergeblich. dennoch halten menschen weiter fest, immer nach gründen suchend warum das loslassen nicht möglich ist.

diese gründe sind vielfältig - sie gehen von liebe, mitgefühl, hoffnung und schuldgefühlen - ich kann ihn doch nicht fallen lassen - bis hin zu der unbewussten angst, ihnen selbst fehle dann etwas im leben - das kümmern um den anderen nämlich. letzlich ist aber genau das der grund, warum man loslassen muss: um zu lernen sich um selbst zu kümmern. dann vielleicht lernt der andere das auch ... vielleicht.

Freitag, 17. November 2017

Das Große ist im Kleinen, das Kleine im Großen enthalten


Foto: AW

Im Zen sagt man ... An der Art und Weise, wie der Schüler seine Schuhe abstellt, das Wasser behandelt, die Blumen gießt, sieht der Lehrer den Fortschritt des Schülers. Der ZEN-Novize, der nicht in der Lage ist, seine Schuhe ordentlich vor dem Meditationsraum abzustellen, wird die Erleuchtung nie erlangen. Wenn wir Chaos in unserer Wohnung haben, wenn wir das Chaos, was auf unseren Schreibtisch oder in unseren Schränken herrscht, sehen, wenn wir den Schmutz und den Dreck, der in den Straßen unserer Städte herum liegt sehen - können wir feststellen, wie viel noch zu tun ist um das Chaos in unserem Leben zu bewältigen.
Das Große ist im Kleinen, das Kleine im Großen enthalten!

Montag, 13. November 2017

Lesung



U n t e n
in den Schatten finden wir, was wahr ist in uns
unten
in den Schatten lebt, was uns lebt
unten
in den Schatten wirkt alles, was uns begleitet
und manchmal
entgleitet es uns

Samstag, 11. November 2017

Wir werden kein Anderer






Was war ist geschehen. Es ist vollkommen sinnlos auf Erlösung zu warten von dem was war.
Es geht nicht um Erlösung, denn es gibt sie nicht.
Es geht um Akzeptanz - es geht um Akzeptanz in dem Sinne, dass wir nicht akzeptieren was war, sondern, dass wir nicht ändern können was war.
Es geht darum zu akzeptieren: Das ist meine Biografie.
Das bin ich, der Mensch, der diese Geschichte hat.
Es geht nicht ums Wegmachen, es geht um das Annehmen dessen, was war und ist.
Es geht darum zu verstehen, warum wir sind, wie wir sind und unser Sosein mitfühlend und liebevoll anzunehmen.
Wir werden kein Anderer, wir werden im besten Falle der Beste, der wir sind - mit der Kenntnis all der Teile in uns, wie sie sind.
Das ist genug.
Das ist das JA zu uns selbst.
Das ist die Arbeit an uns selbst, die zu machen ist.
Dieses JA, ist es wirklich gelungen, verändert unser Leben.

Freitag, 10. November 2017

Veränderung findet im Jetzt statt und nicht irgendwo, wo etwas erreicht werden muss.


Foto AW

"Wenn du es erreichen willst, hast du es schon verfehlt", lautet ein Satz aus dem ZEN. 
Im Erreichen wollen liegt immer die Unzufriedenheit mit dem, was jetzt ist.  Was macht diese Unzufriedenheit mit uns? Sie hindert uns daran, das, was gerade ist, wahrzunehmen, zu fühlen und wertzuschätzen. 
Etwas erreichen wollen macht Anstrengung im Kopf. Und je hartnäckiger wir uns auf das Erreichen versteifen, desto mehr Anstrengung und desto mehr Stress im Kopf. Die meisten Menschen wollen alles schnell erreichen und am Liebsten ohne viel dafür tun zu müssen. Sie bemühen sich gedanklich auf ihr Ziel zuzusteuern. Und während sie sich verbissen auf das zu Erreichende hindenken, übersehen sie was jetzt ist. Dabei übersehen sie: Nur im Jetzt liegt das, was wir haben und was wir sind. Im Erreichen wollen erfährt das Jetzt keine Aufmerksamkeit und wenn dann nur negative, weil das, was jetzt ist, wollen wir ja so nicht haben.
Mit dieser Haltung sitzen wir im Ungewissen, unzufrieden mit dem was ist und unwissend in Bezug auf das, was noch nicht ist. Wir sitzen im Ungewissen, allein wissend, was wir so nicht wollen und anders wollen, aber nicht wissend wie da überhaupt hinkommen. In diesem Zustand fühlen wir uns verloren.
Grundsätzlich ist das Setzen von Zielen natürlich nichts Ungutes. Wir brauchen Ziele. Wie fände Entwicklung statt, wo bliebe Sinnhaftigkeit, wo Wachstum, ohne dass wir Ziele verfolgen? Das Problem ist das unbedingte erreichen Wollen.  
Im unbedingten Wollen geschieht nichts. Es hält den Status Quo aufrecht, schafft Schwere anstatt Leichtigkeit. Aber es ist gerade die Leichtigkeit, die wir benötigen um uns dem Prozess zu überlassen, der Veränderung überhaupt erst bewirken kann. 
Der Klient der zum Coaching kommt will etwas erreichen. Und ich frage natürlich nach seinem Ziel. Ich frage um eine Vorstellung davon zu bekommen, was es ist, womit es ihm besser gehen würde. Der Prozess der gemeinsamen Arbeit dient auch dazu dieses Ziel immer wieder zu überprüfen. Ein Beispiel: Der Klient kommt mit dem Ziel: „Ich möchte endlich eine glückliche Beziehung haben“. Gut.Aber, wieso ist da im Jetzt keine glückliche Beziehung? Gründe dafür gibt es viele. Der Urgrund aber liegt meist in uns selbst.
Im Laufe des Coachingprozesses könnte sich für den Klienten herausstellen: „Jetzt bin ich nicht bereit für eine Beziehung. Ich bin gar nicht in der Lage eine glückliche Beziehung zu führen, weil ich zu mir selbst keine erfüllende Beziehung habe. Wie also sollte es mir mit einem anderen dann gelingen?
Solange der Klient mit sich selbst nicht in einer hinreichend guten Beziehung ist, ist das Ziel in einer glücklichen Beziehung zu sein, also nur der Ausdruck des inneren Mangels, der Probleme, die er in der Beziehung zu sich selbst hat – sprich: Ausdruck der unglücklichen Beziehung mit sich selbst. Also will er eine Beziehung, die ihn glücklicher machen soll -  mit sich selbst. So traurig es erst einmal ist: Es wird nicht gelingen, weil das Ziel nicht erreicht werden kann, solange das Problem im Jetzt nicht gelöst ist. Er wird entweder weiter alleine bleiben oder in Beziehungen landen, die ihn nicht glücklich machen. Das Ziel im Jetzt müsste sein -  mit sich selbst gut zu werden.

Veränderung findet im Jetzt statt und nicht irgendwo, wo etwas erreicht werden muss. Der Weg ist das Ziel, bekommt so einen Sinn. Und der Weg beginnt im Jetzt. Der Weg im Jetzt ist Ausgangspunkt für das Ziel des Zukünftigen. Es ist immer dieses Jetzt, das unsere Aufmerksamkeit fordert. Alles was wir im Jetzt nicht erreichen wird uns das Ziel im Morgen niemals erreichen lassen.







Mittwoch, 8. November 2017

Say no to drama




Du musst nicht alle Antworten wissen oder für alles Lösungen haben, du musst nicht immer den Retter spielen, du musst nicht immer helfen bis zur Selbstaufgabe, du musst dich nicht für alles verantwortlich fühlen, was andere anrichten um sich selbst zu schaden.
 
Du musst dich nicht in das Drama anderer ziehen lassen, 
das nur Chaos und Leid in dein Leben bringt.
 
Hab keine Angst davor Grenzen zu setzen. 
Grenzen setzen ist ein notwendiger Schritt in Richtung Selbstfürsorge 
und Verantwortungsübernahme für dein Seelenheil.

Dienstag, 7. November 2017

Selbstbestrafung und Selbstmissbrauch


Foto AW

Was bringt Menschen dazu sich selbst zu bestrafen? Was führt dazu, dass manche Menschen immer wieder in Beziehungen landen, die schädlich sind und verletzend? Was zieht diese Menschen immer wieder auf scheinbar magische Weise in destruktive Beziehungskonstrukte? Was ist das, was sie dazu bringt, sich selbst nicht gut zu behandeln?


Selbstbestrafung und Selbstmissbrauch sind Ausdruck der Sehnsucht nach Wiederherstellung einer Liebe, die man urprünglich mit Lieblosigkeit, Zurückweisung, emotionaler Mangelversorgung, Demütigung, Ignoranz, Verlassen, Hass oder Gewalt durch geliebte Bezugspersonen erfahren hat. Die lieblose Person wird durch Introjektion zu einem Schattenanteil der Psyche (Eltern-Introjekt). Sie wird zu einer inneren Repräsentanz, welche die ursprünglich reale lieblose Situation zwanghaft aufrecht erhält.


Das innere Kind versucht wieder und wieder die ursprüngliche Situation zu reproduzieren, in der unbewussten Hoffnung die nicht erhaltene Liebe der Eltern doch noch zu bekommen.

Das Eltern-Introjekt aber suggeriert ihm, dass es die Lieblosigkeit selbst verschuldet hat. Dieses, von Kindheit an verinnerlichte Schuldgefühl, führt zu einem sich ständig wiederholenden Mechanismus der Selbstbestrafung aus diesem unbewussten Schuldgefühl heraus. Ein weiterer Aspekt der Selbstbestrafung ist das unbewusste „Abstrafen wollen“ der lieblosen Eltern. Indem das ungeliebte Kind im erwachsenen Menschen sich immer wieder selbst verletzt, richtet es die Aggression nicht nur gegen sich selbst, sondern gegen die Eltern, um sie quasi im Nachhinein zu bestrafen: Sieh her, was du mir angetan hast! Mir geht es schlecht! Das ist deine Schuld!


Sich diesem Selbstbestrafungsagieren aus Schuldgefühlen heraus bewusst zu werden und sie aufzuarbeiten, ist ein wesentlicher und wichtiger Schritt aus der Falle, in die diese Menschen immer wieder tappen. Solange die Schuldgefühle unbewusst bleiben und eine Bearbeitung nicht statt findet, geht das Muster der destruktiven Wiederholung weiter.





Was ist ein Introjekt?


Montag, 6. November 2017

Da ist ein Fremder wo ein Vertrauter war – Leben mit einem Depressiven

 
Foto AW

Die Depression macht alles Leben sinnlos. Wen sie in ihren Fängen hat, der ist in einem scheinbar ewigen Dunkel gefangen. Die Depression liegt auf ihm wie eine schwere Decke. Der Depressive ist für niemanden mehr erreichbar – weder für sich selbst, noch für die Menschen, die ihn lieben. Die Depression nimmt dem Depressiven die Liebe zu denen, die ihn lieben. Er fühlt nichts mehr außer Leere. Da ist kein Raum, für Niemanden. Er spaltet alles ab, kann nicht mehr an seine Gefühle herankommen. Er ist gefühlstaub. 

Er stößt dich weg, wenn du für ihn da sein willst, wenn ihm deine Hilfe anbietest, deine Liebe, deine Zärtlichkeit. Er kann nichts davon mehr nehmen.Was du spürst ist eine Eiseskälte und du glaubst daran zu erfrieren. Nichts was du tun kannst um das Herz des Depressiven erwärmen. Und das deine fürchtet sich, ihn zu verlieren. 


Irgendwo hinter dieser Eiswand, denkst du, ist er doch, der Mensch, der dich liebte, es dir zeigte, es dir sagte, es dir fühlbar machte. Aber du findest ihn nicht mehr. Er, der dir so vertraut war, du erkennst ihn nicht mehr wieder.  Er ist verloren für alles, was du von ihm erhofftst, für alles, was du mit ihm geteilt hast, für alles, was du zu geben hast. Er kann nichts mehr nehmen. Da ist ein Fremder wo ein Vertrauter war. Ein Lebloser wo ein Lebendiger war.


Das schmerzt und du willst nicht einsehen, dass du diesen Schmerz nicht lindern kannst mit deiner Liebe, nicht für ihn und nicht für dich. Deine Hilfe wird als Angriff abgewiesen, deine Apelle als Vorwurf abgewehrt, dein Kümmern ist Belastung, dein Bitten ist Druck. Der Depressive lebt in seiner Welt. Es ist eine Welt hinter Stäben, zu der du keinen Zutritt mehr hast.

Das schwarze Jetzt der Depression kennt kein Gestern und kein Morgen. Es kennt keine Erinnerung und keine Zukunft. Es ist Stillstand im Jetzt - Lähmung, die jede Bewegung unmöglich macht.

Es gibt keine gemeinsamen Tage mehr, keine gemeinsamen Pläne, keine gemeinsamen Träume. Die Depression verschlingt alles, saugt es ab, zieht es  in ihr schwarzes Loch. Dort auf dem Grund haust weidwunde Einsamkeit, tiefe Verlassenheit, stumme Taubheit.
Und du ... bist einsam wie der Depressive. Du bist allein mit deinem Leid wie der Depressive. Dieses Leid ist unteilbar. Jeder ist allein.

Die Depression kostet Kraft,  für den, der an ihr leidet und für den, der unter ihr leidet.
Die Depression ist eine Krankheit, die du nicht heilen kannst. Sie ist eine Krankheit bei der deine Liebe versagt. Sie ist eine Krankheit, die nur dann Heilung findet, wenn der Depressive es will. Ob er das will, ob er es kann, kannst du nicht beeinflussen. Nicht mit deinen Tränen, nicht mit deinen Bitten, nicht mit deiner Wut, nicht mit deiner Liebe, nicht mit deinem Kämpfen.

Du kämpfst gegen eine Macht, die größer ist als du. Vergeblich.

Du kannst beeinflussen wie du damit umgehst. Wenn du alles getan hast um dem Depressiven eine Tür zu öffnen und er sie nicht durchschreitet, wenn du alles getan hast um ihn zu halten und er dich wegstößt, hast du alles getan. Du kannst bleiben, da sein -  ohne zu erwarten. Und gut für dich selbst sorgen. Dir selbst Hilfe suchen.

Mehr ist nicht möglich.












Freitag, 3. November 2017

Den Zirkel der Anhaftung durchbrechen


 
Foto AW


Ich komm an dir nicht weiter.
Ich komm nicht an dich heran.
Ich kann tun, was ich will, du lässt mich nicht zu dir.
Ich verbiege mich.
Ich tue Dinge, die ich nur für dich tue.
Ich vergesse mich dabei und die Dinge, die ich für mich tun sollte.
Ich versuche es immer wieder.
Ich komm an dir nicht weiter.
Ich verliere mich dabei.

So in etwa ist es, wenn wir vergeblich versuchen einen Menschen zu erreichen, der uns viel bedeutet. Aber alle Versuche sind sinnlos, wenn der andere uns nicht zu sich lässt. Weil wir das aber so sehr wollen, wollen wir sie nicht begreifen diese Vergeblichkeit, weil sie uns ohnmächtig macht und dieses Gefühl schmerzt. Ein Schmerz, den wir nicht fühlen wollen, und wir versuchen es weiter. Minderwertigkeitsgefühle, Selbstzweifel und Versagensgefühle führen dazu, dass wir es immer wieder versuchen, weil wir nicht zulassen können, dass es nicht geht.
Vergeblich.
Ja, ich weiß, es ist schwer diese untauglichen Versuche aufzugeben.
Auch wenn wir wissen, dass es genau das ist, was wir tun müssten, damit das endlose Ringen um den Anderen und seine Liebe oder sein Seelenheil, aufhört.

Aufhören ist schwer. Etwas aufgeben wohin unsere Kraft, unsere Liebe und unsere Energie geflossen ist, vielleicht über lange Zeit, ist schwer.

Das reißt eine Lücke, das nicht mehr Versuchen. Das macht den Raum leer. Schafft Raum in dem erst einmal nichts mehr ist, außer wir selbst und der Schmerz über die Vergeblichkeit unseres Tuns. Und dann diese quälenden Fragen: Woran bin ich gescheitert? An ihm? An mir selbst? Habe ich nicht das Richtige getan? Habe ich nicht genug getan? Nicht genug geliebt? Warum war alles so wirkungslos?
Und wir sind müde und entkräftet und suchen weiter nach Antworten und die Schuld vielleicht bei uns. Versagt könnten wir haben.
Aber wir haben nicht versagt, und wenn es so wäre, was für eine Rolle spielt das?
Wir haben unser Bestes getan.
Wir haben Untaugliches versucht am untauglichen Objekt.
Wir sind nicht weiter gekommen an ihm, an ihr, mit ihm, mit ihr, mit dem, was unsere Vorstellungen waren von einem Miteinander, das gut ist für ihn, für sie, für uns.
Es ist nicht gelungen.
Es ist nicht gelungen, weil es nicht sein sollte.
Denn hätte es sein sollen, wäre es leicht gewesen und nicht schwer. Es wäre kein Ringen gewesen und kein Kampf und kein ewiges Versuchen ohne Gelingen.

Sind wir nicht in der Lage das zu akzeptieren entsteht ein Zirkel, aus dem es nur schwer einen gesunden Ausgang gibt. Es bleibt bei der Anhaftung an den, den wir nicht erreichen konnten, auch dann, wenn er schon längst aus unserem Leben gegangen ist. Darum ist es wichtig diesen Zirkel zu durchbrechen. Der erste Schritt dazu besteht darin zu erkennen und anzunehmen, dass außerhalb dieser Welt der Anhaftung eine andere Welt existiert: Die unsere und all das was in ihr ist, ohne den, dem wir vergeblich anhaften.

Ich bin liebenswert - nicht für das, was ich tue, sondern, für das, was ich bin.
Dieser Satz ist ein Kompass auf dem Weg zurück in unsere Autonomie - wenn wir ihn uns selbst glauben.





Donnerstag, 2. November 2017

Der Schmerz alter Verletzungen


Malerei Dirk Arlt

Ich spüre ihn jeden Tag bei meiner Arbeit mit Menschen, den Schmerz der alten Verletzungen. Ich erlebe in meinen Beziehungen, wie er das Miteinander beeinflusst und beengt, wie er den Raum für Angst und Distanz weitet, wo Raum für Nähe und Liebe sein könnte. Ich erlebe wie er uns beherrscht und ich sehe wie wir ihn weg denken wollen. Aber alter Schmerz lässt sich nicht wegdenken.

Die Verletzung mag alt sein und wir wissen, es ist unmöglich sie ungeschehen zu machen. Dazu ist es zu spät. Aber es ist nicht zu spät, dem Schmerz im Jetzt Raum zu geben. Er ist real, er ist jetzt.

Damals als wir Kind waren gab es diesen Raum nicht. Wir mussten den Schmerz abspalten um emotional zu überleben. Wir mussten die Wut, die Ohnmacht, die Trauer, die Hilflosigkeit, den Ekel, die Scham, abspalten. Alle diese Gefühle haben wir konserviert, sie leben in uns wie Blüten, die sich um unser Wollen ranken. Dem Wollen, dass es doch endlich gut sei. Aber das Konservierte beherrscht uns, egal wie sehr wir es weg haben wollen. Es beherrscht unser Denken, unsere Gefühle und unser Handeln. Es beherrscht unsere Beziehung zu uns selbst und anderen. Es trennt uns von uns selbst und von unserer Sehnsucht ganz zu sein.

Der alte Schmerz ist keine Einbildung. Er ist real. Er ist jetzt.
Solange wir den Schmerz der alten Verletzung nicht zulassen, wird er zu einer unerledigten Sache, die uns Tag für Tag bedrückt wie eine schwere Last, die uns Rückgrat und Seele krümmt. Alter Schmerz muss abfließen, damit wir für das Heute bereit und aufnahmefähig sind - ein Heute, das nicht durch unterdrückte Gefühle beeinflusst und verdunkelt wird.