Mittwoch, 15. August 2018

Co-abhängig – Ein Leben im Käfig des Mangels


Malerei: A. Wende

Wer es erlebt hat oder gerade erlebt weiß es: Co-Abhängigkeit ist ein Leben im Käfig des Mangels, der Angst und der Selbstverleugnung. Wenn wir in eine Co-abhängigkeit geraten sind oder tief drin stecken, sind unsere Gedanken immer bei der anderen Person. Alles, was sie tut oder nicht tut, alles was sie sagt oder nicht sagt, bekommt eine übermäßig große Bedeutung und beeinflusst unsere Gefühle, unsere Gedanken und unser Handeln. Die Folge: Wir geben die Macht über uns selbst an den anderen ab. Wir verlieren Selbstkontrolle, Selbstwertgefühl und Selbstbestimmung. Wir sind gefangen in einem Käfig der Fremdbestimmung und drehen uns nur noch um den anderen. Wir verleugnen unsere Bedürfnisse, unsere Wünsche, unsere Träume und werden klein und kleiner. Je kleiner wir werden, desto hilfloser und ohnmächtiger fühlen wir uns. Wr kleben am anderen. Die Beziehung zu lösen scheint unmöglich - das destruktive Gefühlschaos hält und pappt am anderen wie zäher Leim. Und das eigene Leben fühlt sich genauso an: zäh und starr.

Wir kommt man da wieder raus?
Es ist ein langer, schmerzhafter Weg und er beginnt mit einem ersten Schritt, wie alle Wege.
Er beginnt mit Bewusstwerdung.
Wenn wir uns darüber bewusst werden, was wir da machen, indem wir uns selbst dabei zu beobachten beginnen, kann das der erste Schritt hin zu einer Veränderung sein. Erst wenn wir uns zutiefst klar darüber sind, dass wir die Macht über uns selbst einem anderen Menschen in die Hände geben, haben wir die Chance sie uns zurückzuholen.
Werden wir uns also unserer Gefühle, Gedanken und Handlungen in Bezug auf den anderen bewusst.

Werden wir uns bewusst was das mit uns macht. Und zu welchem Menschen uns das macht.

Warum ein Käfig?
In der Co-abhängigkeit leben wir in einem Käfig von unguten, dysfunktionalen Gefühlen, aus denen wir uns nicht befreien können. Eine angemessene Emotionsregualtion funktioniert nicht mehr oder nur begrenzt. Angst, ständige innere Unruhe, Wut, Verzweiflung, sinnlose Erwartungen und ständige Enttäuschungen haben uns im fest Griff. Alle positiven Gefühle werden kaum mehr gespürt. Wir stecken in einer Negativschleife destruktiver Gefühle aus der wir nicht nicht mehr herauskommen.

Durch das ständige Klagen und Beklagen über unsere Lage verstärken wir diese Gefühle. Dadurch verengt sich unser Focus und wir sehen keine Lösung. Wir fühlen uns als hilfloses Opfer und glauben nicht mehr an ein besseres Leben. Manche Co-abhängige glauben sogar ohne den anderen nicht mehr leben zu können. Sie geben sich selbst auf.

Wohin führt das?
Die Angst wächst, die Verzweiflung wächst. Ausweglosigkeit macht sich breit. Wir verlieren den letzten Rest unseres Selbstwertgefühls und bleiben gefangen in einer Situation, die jeder normale Mensch längst verlassen hätte um seinen Arsch zu retten.
"Aber ich schaffe es nicht zu gehen, kommt dann. Ich liebe diesen Menschen doch".

Nein, das ist keine Liebe, weil Liebe nicht weh tut, weil Liebe nicht eng macht, sondern weit, weil Liebe uns beflügelt und nicht am Boden kleben lässt, weil Liebe Kraft gibt und sie nicht raubt. Das was ist, ist Abhängigkeit. Also Schluss mit der Selbstlüge.

Warum bleiben Co-abhängige?
Aus dem inneren Mangel an Eigenliebe und fehlendem Selbstwertgefühl werden mit der Zeit Selbstzerstörung und Selbsterniedrigung. Wenn wir co-abhängig sind haben wir den Glauben aufgegeben, unser Leben allein meistern zu können. Selbstbestimmt zu leben macht uns Angst.
Wir haben mehr Angst zu gehen als zu bleiben.
Und das ist der Käfig.
Den Schlüssel haben wir selbst.
Wir müssen ihn irgendwann benutzen, sonst gehen wir in diesem Käfig zugrunde.
Wenn wir das alleine nicht schaffen, es gibt Hilfe.

Namaste 

Sonntag, 12. August 2018

Loslassen versus Kontrolle





Die meisten von uns assoziieren Loslassen mit Verlust, sodass das Loslassen möglichst vermieden wird, zumal Loslassen mit Kontrollverlust zu tun hat. Also halten wir fest und behalten so scheinbar die Kontrolle.

Wir strengen uns an festzuhalten, was wir zu brauchen glauben.
Wir denken darüber nach, wie wir es festhalten können. Wir machen Pläne wie wir es festhalten können, wir wollen ein Commitment, wir wollen Verbindlichkeit, wir wollen Sicherheit, wir wollen Zuverlässigkeit. All das fordern wir ein um das festzuhalten von dem wir glauben, dass wir es unbedingt brauchen. Manche Menschen halten sogar an ihrer Angst, an ihrer Wut, an ihrem Leiden, an unglücklichen Beziehungen, an krankmachenden Jobs fest, weil sie glauben es zu brauchen. Je mehr wir uns auf unser Brauchen focusieren, desto weniger gelingt es uns loszulassen, es sein zu lassen, die Dinge fließen und sich entwickeln zu lassen, sie dem Prozess zu überlassen, der geschieht, egal ob und wie sehr wir uns bemühen den Status quo festzuhalten.

Nun, die Erfahrung sagt: Du kannst nichts festhalten, egal wie sehr du kontrollierst. Die Erfahrung sagt auch: Du musst dich nicht immer so furchtbar anstrengen, manchmal reicht es auch dich weniger anzustrengen. Weniger anstrengen gelingt dann, wenn wir eine loslassende und betrachtende Haltung einnehmen. Das entspannt ungemein. Zufriedenheit entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch das Loslassen von Kontrolle.

Namaste

Samstag, 11. August 2018

Gedankensplitter




Wir alle mühen uns ständig ab, das Ungute zu vermeiden und das Glück anzustreben. Mit viel Mühe, viel Bemühen und einer Portion Glück gelingt es uns eine Weile das Gute zu halten. Aber es ist nicht von Dauer. Nichts ist von Dauer, alles ist nur von kurzer Dauer. Aber das wollen wir nicht akzeptieren. Wir wollen das es gut ist, immer. Wir glauben wir haben das Glück doch verdient. Aber das Glück ist keine Sache des Verdienens.

Das Leben schert sich nicht ums verdienen. Das Leben geschieht.
Und auch das wollen wir nicht akzeptieren. Wir kontrollieren. Wir haften an, an dem was uns wertvoll und wichtig erscheint. So strampeln wir uns ab für etwas, das immer nur von kurzer Dauer ist. Es ist schon ein großer Schritt getan, wenn wie erkennen, dass dieses Abstrampeln nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Es ist ein Riesenschritt getan, wenn wir aufhören zu kontrollieren. Es ist ein weiterer Riesenschritt getan, wenn wir akzeptieren was unveränderbar ist.

Donnerstag, 9. August 2018

Selbstabwertung ist ungut


Malerei: A. Wende


Selbstabwertung ist ungut.
Leider aber ist Selbstabwertung tief in uns verankert und das Fatale ist - sie geschieht meist unbewusst. Da sind diese Sätze, mit denen wir uns innerlich selbst klein machen. Da sind diese destruktiven Gedanken, die uns Wert nehmen, statt uns Wert zu geben. Da sind diese inneren Stimmen, die Ungutes oder sogar Vernichtendes über und zu uns sagen. Da ist dieses nicht enden wollende Affengeschnatter in deinem Kopf, wenn dir etwas nicht so gelungen ist, wie du es dir erhofft hast. Da sind diese elenden Überzeugungen, die man dir über dich selbst beigebracht hat und denen du noch immer Glauben schenkst. Wenn du all dem ein Mal ganz bewusst zuhörst, zeigt es dir, welche innere Haltung du dir selbst gegenüber hast. 

Die Art und Weise wie du über dich selbst denkst, trägt in erheblichem Maße dazu bei, ob du an dir leidest oder nicht.

Je öfter du dich gedanklich selbst abwertest, desto mehr verstärkt sich das ungute Gefühl, das du dazu im Körper verspürst. Du kommst in einen Teufelskreis, den man Konditionierung nennt.
Jedes ungute Gefühl wird zum Auslöser der Selbstabwertung.
Jede Selbstabwertung wird wiederum zum Auslöser für ein ungutes Gefühl.
Du willst dich ja gar nicht abwerten, sondern wertschätzen und dich selbst achten.
Vielleicht ist dir die verdeckte Selbstabwertung auch gar nicht bewusst. Oder, wenn du dir bewusst vornimmst dich wertzuschätzen, gelingt es dir nicht und gleichzeitig findest du es nicht gut, dass du so abschätzend mit dir selbst umgehst. Also wertest du dich wieder ab, weil du nicht kannst, was du willst.

Ein unguter, sich selbst verstärkender Automatismus.
Wie da raus kommen?
Werde achtsam mit dir selbst.

Der abgewertete Teil kann lernen, dass er sich dieser Abwertung nicht hilflos ergeben muss. Der abwertende Teil kann entdecken, welche inneren Motive ihn zu diesem Umgang mit dir veranlassen. Diese Entdeckungen lassen sich nur machen, wenn beide Seiten mit der Haltung der Akzeptanz: „Was ist, darf sein!“ erforscht werden.

Beide Teile brauchen dein Mitgefühl, dein Verstehen und dein Verständnis. Wenn du verstehst, warum du dich abwertest, welcher Teil in dir dich dazu antreibt und was er damit bezweckt entkommst du nach und nach dem inneren Drama der Selbstabwertung. Du wirst zum Beobachter deiner inneren Stimmen und kannst lernen, dich selbst bewusster und liebevoller zu behandeln.
Und nein, das funktioniert nicht auf Knopfdruck. Das ist wie jede Veränderung alter Denkmuster ein Prozess und der bedeutet: Stetige Arbeit an dir selbst!

Dienstag, 7. August 2018

Sei





Was dich einsam macht ist das nichtverstanden Werden.
Sogar die, die vorgeben dich zu lieben, sogar die, die dich lieben, sie verstehen dich nicht.
Du weißt es.
Du fühlst es.
Du wünschst es dir wieder und wieder und wieder.
Und immer bleibt es beim Wünschen
Und hoffen ...
Und du hoffst und bist im Widerstand.
Du kämpfst: Nein es kann nicht sein, es muss doch sein, irgendwann muss es sein.
Aber es ist nicht.
Es war nicht.
Es wird nicht sein.
Also verabschiede dich.
Wähle Frieden statt Kampf.
Und
Sei!

Innere Freiheit





Innere Freiheit ist für mich ein Zustand des Geistes, der sich von allem Groll über das Vergangene befreit hat. Ein Geist, frei von Anhaftung, frei von innerem Kampf und Widerstand gegen das, was nicht veränderbar ist. Ein Geist, der frei von Abhängigkeiten und alten Mustern lebt und liebt. Innere Freiheit, das ist für mich, mich vertrauensvoll dem Fluss des Lebens zu überlassen, neugierig zu sein und zu bleiben, dankbar und achtsam in jedem Moment in der Zeit.
Eine schöne Vorstellung.

Freitag, 3. August 2018

Ist leiden leichter als lösen?




Zeichnung: A. Wende

Es ist öde und frustrierend das Gleiche immer wieder durchzukauen. Und das Blöde ist: Es ist absolut sinnlos. Irgendwann kommt der Punkt, an dem es nichts mehr nützt verstehen zu wollen, warum der Andere ist wie er ist. Warum er dich schlecht behandelt, nicht wertschätzt, säuft, seinen Narzissmus an dir auslebt, dich benutzt, belügt oder betrügt. Du kannst tausend Gründe dafür finden, warum er ist wie er ist. Tausend Gründe um ihn zu verstehen – er ändert sich nicht, egal wie sehr du ihn und sein Problem verstehst. Egal wie sehr du ihn bittest etwas zu verändern.

Irgendwann kommt der Punkt, an dem du sagen musst: Ich bin rotzunglücklich. Ich will mehr als die paar Krümel an Aufmerksamkeit, die er mir hinwirft um mich bei der Stange zu halten. Meine Bedürfnisse gehen total unter. Ich bin am Ende meiner Kraft. Ich bin leer und ausgebrannt. Ich habe keine Freude mehr am Leben. Ich gehe in dieser Beziehung kaputt.

Wenn das so ist, hast du genau drei Möglichkeiten: Love it, leave it or change it.


1.   Du lebst damit und hörst auf zu jammern und denkst weiter: Ich habe nichts Besseres verdient. Ich bin es nicht wert liebevoll behandelt zu werden. Finde einen Weg wie du damit klar kommst und leb damit. Leide weiter und beklag dich nicht mehr. Es ist deine Entscheidung zu leiden anstatt dich zu lösen.

2.   Du sagst dir: Ich habe es probiert. Ich habe alles versucht, alles gegeben. Ich habe nichts verändern können. Ich habe genug gelitten. Du hörst auf dich auf seine Probleme zu fixieren und schaust auf dich, wie es dir geht. Du machst dir klar: Ich bin unglücklich und gehst.

3.   Wenn du keinen Weg findest: Tu das was du die ganze Zeit von ihm verlangst: Such dir Hilfe um dich zu ändern.



"Die abhängige Liebe sagt: Ich liebe dich, weil ich dich brauche. Die reife Liebe sagt: Ich brauche dich, weil ich dich liebe."

Heinz-Peter Röhr






Montag, 30. Juli 2018

Das innere Kind erwachsen werden lassen


Viele Menschen glauben, wenn sie eine Beziehung zu ihrem inneren Kind aufgebaut haben, wird ihr Leben einfacher oder gar ohne Schmerz sein. Sie glauben, dass sie es dann nur noch mit ihrem Sonnenkind zu tun haben. Was ihnen ja auch in vielen Ratgebern vorgegaukelt wird. Und dann sind sie enttäuscht und denken, die ganze innere Kind Arbeit hat nichts gebracht.
Aber so ist es nicht.

Wer eine tiefe, liebvolle Verbindung mit seinem inneren Kind gewonnen hat, wird ihm beibringen, dass es auch mit dem Schmerz der Nichterfüllung seiner Bedürfnisse fertig werden kann, dass es okay ist und kein Drama, wenn es sich allein fühlt oder traurig ist. Er wird ihm beibringen, dass es sich nicht an einen anderen binden muss, um all seine kindlichen Bedürfnisse und Wünsche erfüllt zu bekommen. Er wird ihm beibringen, dass es den Klammergriff des bedürftigen Kleinkindes lockert und sich selbst beruhigen und helfen kann. Er wird ihm beibringen, das Leben alles ist, hell und dunkel, und dass auch ungute Gefühle sein dürfen und es von ihnen nicht vernichtet wird.

Was das innere Kind braucht ist eine hinreichend gute elterliche Anleitung, die ihm klar macht, dass Höhen und Tiefen, Freude und Leid, Erfolg und Scheitern, Glück und Unglück zum Leben gehören und das Leben das Negative nicht ausschließt. Wer sein inneres Kind liebt wird ihm beibringen, dass es jetzt fähig dazu ist, mit all dem fertig zu werden und dass es selbst die Verantwortung dafür trägt wie es mit den Dingen umgeht.

Unser inneres Kind hinreichend gut zu beeltern bedeutet: Es erwachsen werden zu lassen, es ins Jetzt zu holen, raus aus der Trance seiner kindlichen Hilflosigkeit. 


Samstag, 28. Juli 2018

Der Schmerz des unwillkommenen Kindes


Malerei: A.Wende

"Mein Hunger nach Anerkennung, Zuneigung und Liebe führt dazu, dass ich mich selbst ausbeute indem ich mich ausbeuten lasse". Diese Worte meiner Klientin zeigen, dass sie weiß, warum sie tut, was sie tut. Aber dieses Wissen hilft ihr nichts um ihr selbstschädigendes Verhalten zu ändern. Etwas, das viele von uns kennen, wir wissen genau, was wir tun, wir wissen, dass es uns nicht gut tut, aber wir können einfach nicht damit aufhören.

Es ist ein Irrglaube, dass Wissen etwas Wesentliches verändert. Veränderung findet nicht über den Verstand allein statt.
Ja, es ist hilfreich um seine Thematik zu wissen. In meiner Arbeit liegt mir viel daran, Menschen zum Spezialisten ihres eigenen Themas werden zu lassen. Je besser ich verstehe was in mir, aus welchen Gründen, (wobei wir nie alle erfassen werden, denn der Zugang zum Unterbewussten ist begrenzt), vorgeht, was mich geprägt hat und woran ich unbewusst glaube, desto tiefer und umfassender ist der Zugang zu allen Anteilen meiner Persönlichkeit. Auf diese Weise mache ich mich mit mir selbst vertraut. Es ist sogar so, als würde man sich einen Fremden vertraut machen, dem Fremden in uns.

Das Fremde in uns. Das, was wir mit dem Vorbewusstsein so schwer erreichen ist das, was uns fatalerweise am meisten bestimmt, was unser Denken, Fühlen und Handeln angeht.
Das Fremde, das man uns von außen eingegeben hat, als wir nicht fähig waren es auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen, damals als Kind. Es scheint uns vertraut, es scheint das Unsere zu sein, so fühlt es sich ja auch an. Solange bis wir überprüfen was unsere eigene Wahrheit ist, leben wir in Wahrheiten, die man uns über uns beigebracht hat, wir leben fremdbestimmt im eigenen Seelenhaus.

Zurück zu meiner Klientin. Es dauerte eine Weile bis wir herausfanden, was ihre stärkste innere Wahrheit über sich selbst ist. Sie lautet: "Ich bin nicht willkommen". Wer als Kind erfährt nicht willkommen zu sein, versucht diese unerträgliche Erfahrung irgendwie für sich selbst erträglich zu machen. Entweder er wird früh verhaltensauffällig und entwickelt in der Jugend eine Persönlichkeitsstörung oder Suchtprobleme, er bleibt stabil und entwickelt sich dennoch gesund, er versucht sein Dasein durch besondere Leistungen zu rechtfertigen, oder er versucht sein Unwilkommensein wieder gut zu machen und wird zum Helferkind. Helferkinder bleiben es oft ein Leben lang. Sie versuchen ihr Unerwünschtsein in der Welt auch noch als Erwachsene zu kompensieren, indem sie anderen ihre Hilfe antragen, indem sie anderen geben bis zur Selbstaufgabe, indem sie sich selbst ausbeuten, indem sie sich ausbeuten lassen, indem sie sich aufopfern. Helferkinder bergen ein hohes co-abhängiges Risiko. Sie suchen sich nicht selten unbewusst suchtkranke oder seelisch gestörte Partner, die sie brauchen, so wie sie das Gefühl gebraucht zu werden brauchen um ihre Existenz in der Welt zu rechtfertigen.

Der inneren Überzeugung: "Ich bin nicht willkommen", entspringt eine Kompensation. Sie  lautet:"Nur wenn ich anderen helfe, bin ich willkommen."
Ein klassischer Fall von Helfersyndrom. Aber das, was wir Helfersyndrom nennen, tut nicht gut, nicht dem Helfer. Das ewige Helfen macht das Gefühl des Nichtwillkommenseins nicht weg. Der Drang zu helfen verstärkt sich sogar. Er hört nicht auf, er ist eine Art Zwang um das Gefühl nicht spüren zu müssen, was wirklich da ist: Der Schmerz über das Ungewolltsein. Und dieser Schmerz würde ganz groß werden, wenn sich der Helfer auf das Nichthelfen verlegen würde, denn da wäre dann nichts mehr was ihn von seinem Leid ablenkt.

Wenn eine Helferpersönlichkeit niemanden mehr hat um den sie sich kümmern kann, niemanden mehr, der sie braucht, fällt sie in ein tiefes Loch unerträglicher Verlassenheitsgefühle.
Dieser Mensch fühlt sich leer und nimmt sein Leben als sinnlos wahr. Er hat das Gefühl sich vollkommen aufzulösen, er verliert den Halt, den das Helfen und Umsorgen ihm gab. Er realisiert, er kann sich selbst nicht helfen. Diese gefühlte Erkenntnis ist ein Sturz ins Bodenlose. Da ist nichts mehr, nur er selbst und der Schmerz nichts wert zu sein, nichts zu sein. Die Wunde des unwillkommenen Kindes reißt auf. Der Hunger nach Zuneigung wird plötzlich bewusst gespürt, denn er wird nicht mehr gestillt durch die Anerkennung des eigenen Ich, die dieses Ich erfährt, wenn es sich im Modus des Helfens befindet. Die Konzentration auf das Objekt der Fürsorge fällt weg und  der Blick fällt in die vermeintliche Sinnlosigkeit der eigenen Existenz, welche ihm einst abgesprochen wurde.

Das Helfen müssen ist der verzweifelte Versuch des inneren Kindes, das wieder und wieder versucht seinem Schmerz zu entkommen.
Dieses innere Kind braucht unser Mitgefühl, es braucht unsere Hilfe, die wir so verschwenderisch überall dort hingeben, wo sie oft nicht einmal anerkennt oder gewürdigt wird, wo sie als selbstverständlich genommen wird, wo sie in Vergeblichkeit verpufft, wo wir am Ende unserer Kraft angelangen, weil der, der die Hilfe nimmt, nicht uns nimmt oder gar wertschätzt, sondern das, was er von uns bekommt. Das ist Ausbeutung. Und wir selbst, wir allein sind es, die das zulassen, weil wir (noch) nicht anders können. Ein Leben in dieser Weise, nach diesem Muster, endet in Enttäuschung und Verbitterung.

Wir brauchen eine Lösung, die für uns gut ist. Eine Lösung, die nicht wie die bisherige das Negative aufrecht erhält, sondern das Positive in unser Leben lässt.
Und zwar bevor wir da landen wo meine Klientin gelandet ist, am Zusammenbruch ihrer Kräfte, am Kollaps der ausgebeuteten Seele, am Tor der Sinnlosigkeit, das ihr den Blick auf sich selbst und ihr wertvolles Dasein verschlossen hat. Die Lösung muss das alte Muster: "Ich helfe, also bin ich willkommen", sprengen. Dazu muss sich die alte Überzeugung: "Ich bin nicht willkommen",  auflösen dürfen. Schwer, denn hier muss in der Tat zuerst der Verstand zum Einsatz kommen, denn das Gefühl ist ja davon überzeugt, dass es wahr ist und das von Kindesbeinen an.
Welches neue Muster aber ist überzeugend genug um das Alte aufzulösen?
Und wie muss es aussehen, damit es meine Klientin überzeugen kann?
Und wie stark ist ihre Motivation, ein neues Muster überhaupt zuzulassen?

Es ist kompliziert, denn Veränderung findet nur dann statt, wenn wir eine wirklich starke Motivation haben, die unserem tiefsten Bedürfnis entspringt.
Was sich in all den Jahren meiner Arbeit mit Menschen immer wieder zeigt: Das größte Problem in der Therapie ist die innere Motivation, das, was uns zu verwirklichen im Leben von Innen antreibt. Sprich: Das tiefste Bedürfnis, das nach Befriedigung drängt. Sind Motivation und Ziel nicht im Einklang, ist eine innere und äußere Veränderung nur schwer möglich. Diese unterbewusste Motivation gilt es daher zu entlarven.

Ist die stärkste Motivation: "Ich will meinen Hunger nach Zuneigung stillen, egal um welchen Preis", haben wir, so hart es jetzt klingt, schon verloren. Alte Muster sind mächtig, Bedürfnisse sind mächtig. Sie bäumen sich noch mächtiger auf, wenn wir ihnen zu Leibe rücken wollen.
Sie bilden gerade dann, wenn wir dagegen angehen wollen einen derart starken Widerstand, dass es uns im Prozess der Veränderung vorkommt, es wird noch schlimmer als es ist. Warum ist das so? Alte Muster haben den Vorteil, dass sie uns vertraut sind und alles was uns vertraut ist, gibt uns ein Gefühl der Sicherheit und damit Halt. Woran uns halten, wenn das wegfällt? Und mit dieser Frage kommt der Zweifel: Kann ich wirklich glauben, dass ich willkommen bin, ohne etwas dafür tun zu müssen?
Schafft es nicht wenigstens der Verstand ja zu sagen, haben wir schlechte Karten.

Wenn der Zweifel siegt sind wir grausam uns selbst gegenüber.
Kein Mensch ist unwillkommen. Jeder Mensch hat ein Recht zu leben, willkommen zu sein auf dieser Welt, sich willkommen zu fühlen im Leben. Oder denkt jemand anders? Leider ja, wie die aktuelle Situation mit den Menschen, die man im Meer absaufen lassen will, zeigt. Diese Missachtung menschlichen Lebens hinterlässt Spuren in den Köpfen der Individuen. Und das macht es nicht leichter Menschen zu helfen, die von sich selbst glauben nicht willkommen zu sein. Solche Unmenschlichkeit prägt das kollektive Gedächtnis und zerstört Menschenliebe und Empathie in einem Ausmaß, das wir uns noch gar nicht vorstellen können.

Es gibt kein Leben, das nicht willkommen ist. Keiner hat das Recht uns das Recht auf Leben abzusprechen. 
Leider ist es den Unwillkommenen unter uns genauso passiert.
Ist das nicht grausam? Ist das unsere Schuld, dass andere so grausam sind? Wollen wir weiter aus deren Grausamkeit eine Wahrheit machen, die unser Leben vergiftet? Wollen wir auf deren Grausamkeit vertrauen oder in uns selbst? Wollen wir in Liebe für uns handeln oder in Grausamkeit uns selbst gegenüber weiter leiden?

Natürlich wollen wir in Liebe handeln, aber man hat unsere Kindheit mit solch hoher Dosis vergiftet, das das Gift in jeder Zelle sitzt. Das unwillkommene Kind in uns ist so narkotisiert, dass es sich nur unter großen Anstrengungen aufwecken lässt. Und wenn es endlich wach ist, wird es sagen: "Ich bin nicht willkommen, lass mich. Ich spüre es doch, ich fühle es doch".

Und Gefühle denken wir, lügen nicht.
Und genau das ist nicht wahr!
Man hat es uns fühlen machen. Das Fremde in uns hat das getan und wird es weiter tun, solange wir ihm nichts entgegensetzen. Das sind nicht wir.
Sich das, jedes Mal, wenn der Zweifel Oberhand nimmt, bewusst zu machen, sich das mit dem Verstand bewusst zu machen, wenn das verlogene Gefühl sich meldet, ist eine Übung, die wir konsequent machen können um dem destruktiven Gefühl etwas heilsames Konstruktives entgegen zu setzen. Aus Erfahrung weiß ich wie schwer das ist und wieviel Disziplin, Durchhaltevermögen und Geduld es braucht. Es ist Arbeit, harte Arbeit. Es ist eine bisweilen erschöpfende Arbeit, aber sie ist das Einzige was uns hilft.

Wer dran bleibt kommt ans Ziel. Der Weg heißt: Umprogrammierung.
Aus: "Ich bin nicht willkommen", wird ein: "Ich bin jetzt willkommen. Ich bin mir selbst willkommen!"Dazu ist es wichtig, das Gefühl dazu im Körper zu erspüren und wahrzunehmen. Je öfter wir diese Übung wiederholen, sobald der destruktive Gedanke auftaucht, desto stärker ist die Wirkung auf unser Gehirn. Der neue Gedanke verstärkt sich durch Wiederholung. Es wird sich verändern.
Slow and steady wins the race.
Wer jetzt meint, alles Blödsinn, hallo ich grüße den inneren Widerstand alter Muster!, irrt.
Die Hirnforschung hat es bewiesen: Bis ins hohe Alter bleibt unser Hirn plastisch, alte  Programmierungen sind veränderbar, vorausgesetzt es besteht eine hohe Motivation. Allerdings braucht diese Veränderung Zeit. Und sie braucht, dass wir uns diese Zeit geben und nicht meinen, das muss doch flott gehen. Wer so denkt, denkt gegen sich selbst.

Wie soll sich etwas flott verändern, was über Jahrzehnte im Programm gespeichert war und durch ständiges Abspulen nachhaltig verstärkt wurde? Bitte, so naiv kann doch kein Mensch sein.
Meine Klientin übt. Sie sagt: "Jedes Mal, wenn ich mir sage, du bist jetzt willkommen, schwappt ein großer Schmerz nach Oben". Es ist okay. Es ist unmöglich das Alte loszulassen ohne den Schmerz, die Wut und die Trauer zu fühlen. Ohne tiefes Mitgefühl für das verletzte Kind in uns zu spüren, das so viel Schmerz in sich trägt, wird dieses nach Zuneigung hungernde Wesen in uns weiter glauben, was man ihm über es beigebracht hat, denn ihm fehlt das, was es am Nötigsten braucht um aus seinem Leid herauszufinden: Liebende Annahme und Verständnis. Sich dem Schmerz zuwenden, ihm die Erlaubnis geben endlich da sein zu dürfen, solange bis er sich auflösen kann, ist Übung im Selbstmitgefühl.
Du bist jetzt willkommen, auch mit deinem Schmerz.
Du bist willkommen, vertrau mir!

Namaste Ihr Lieben









Donnerstag, 19. Juli 2018

Gefühl und Bedürfnis


Foto: A. W.

Unsere Gefühle haben große Bedeutung für unser Wohlbefinden. Daher mögen wir ungute Gefühle nicht gern fühlen. Wir sind so konditioniert, dass wir Gefühle in Gute und Schlechte einteilen. Wir haben gelernt, dass manche Gefühle unpassend oder gar schlecht sind, während wir andere als normal, gut und passend empfinden. Das macht es uns schwer unsere Gefühle zu akzeptieren so wie sie nun mal in diesem Moment in der Zeit oder schon lange Zeit immer wieder sind. Wir leben in einer Gesellschaft in der alle gut drauf sein wollen. Viele tun so als seien sie gut drauf, denn das wirft den goldenen Schein aufs Selbstwertgefühl, das eigentlich nicht ganz so glänzend ist, wie sie es gerne hätten. Hey, ich habe mein Leben im Griff. Ich bin cool, alles läuft. Alles gut! Hört sich richtig gut an. Aber, wehe dem, der es wagt zuzugeben, dem sei nicht so. Der hat keine sonderlich guten Karten im ewigen Spiel um Erfolg, Macht und Glück. Er wird vielleicht sogar als schwach empfunden, als Mensch, der sein Leben, sprich sein Gefühlsleben, nicht im Griff hat. Solche Leute sind uns suspekt. Sie sind uns suspekt, weil sie uns einen Spiegel vorhalten und wir darin etwas sehen, was wir so cool verdrängen. Nein, so sind wir nicht. Wir haben es im Griff. Übrigens, ich mag Menschen, die nicht alles im Griff haben, sie sind um vieles spannender.

Wahr ist, unsere Gefühle haben uns im Griff.  
Es sei denn wir sind Meister in der Übung der Achtsamkeit, dann haben wir sie im Griff, aber auch nur in der Form, dass sie uns nicht mehr überwältigen und wir eine gesunde Selbstregulationsfähigkeit erworben haben. Wie schwer das ist, trotz der stetigen Übung der Achtsamkeit, weiß ich aus eigener Erfahrung. Meine Gefühle sind stark und manchmal denke ich, wow, wie toll, dass du so tief fühlen kannst. Das spricht für deine emotionale Intensität, die dir das Leben nicht abgewöhnen kann. Danke dafür!

Gefühle führen ein Eigenleben. Dennoch sind sie eng mit unseren Gedanken und unserem Körper verbunden.  
Eins beeinflusst das Andere. Ich kann zum Beispiel meine Gefühle durch meine Gedanken beeinflussen oder durch meinen Körper, sprich den Umgang mit dem Atem. Indem ich durch ruhiges Atmen den Körper beruhige, beruhigen sich meine Gedanken und damit beruhigen sich meine Gefühle. Das genau ist Selbstregulation. Aber dabei geht es nicht darum das Gefühl weghaben zu wollen, sondern darum es zuzulassen, in nicht überflutender Weise, es zu beobachten, es anzunehmen und hinzusehen was es mir sagen will.

Je mehr wir versuchen unsere Gefühle zu verdrängen, zu unterdrücken, abzuwehren, zu ignorieren, zu kompensieren, zu verschweigen, uns selbst und anderen gegenüber, desto mächtiger werden sie. Und je mächtiger sie werden, desto schwerer ist es mit ihnen angemessen umzugehen.
Es ist unfassbar was manche Menschen sich den lieben langen Tag selbst und somit auch anderen vormachen. Sie sind wahre Meister im Aufrechterhalten der äußeren Fassade nur um ihre eigenen Gefühle nicht fühlen zu müssen. Ziemlich unklug, denn Gefühle, die wir verdrängen, haben keine Chance uns ihre Botschaft zukommen zu lassen. In der Praxis erlebe ich immer wieder, dass Menschen, wenn ich sie bitte mir zu schildern: "Wie fühlen sie sich gerade?", zwar Worte finden wie gut oder nicht gut oder schlecht, aber ein Gefühl zu benennen fällt ihnen schwer. Manche sagen sogar: „Ich weiß nicht, was ich fühle“, oder: „Ich fühle schon was, aber ich kann es nicht ausdrücken“.
Was sich nicht ausdrückt, drückt sich ein ...

Unsere Gefühle beeinflussen uns auch dann, wenn sie nicht in Worte gefasst werden können. Gelingt es uns aber sie zu benennen, fühlen wir (uns) bewusster. 
Um z.B. mit Gefühlen wie Angst, Wut, Schuld und Scham effektiv umgehen zu können, ist es wichtig zwischen dem unterscheiden zu lernen was wir fühlen, und dem, was wir über unser Fühlen denken. Sobald wir lernen Gefühle und Gedanken auseinanderzuhalten, werden wir uns selbst klarer erkennen. Und darüber hinaus gelingt es uns mit uns selbst und anderen in Beziehung zu treten.

Unsere Gefühle, egal ob gut oder ungut, erzählen uns viel darüber was wir brauchen. Sie führen uns zu unseren Bedürfnissen.  
Wenn sich ein Mensch einsam fühlt braucht er ein Gegenüber oder eine Gemeinschaft. Wenn ein Mensch ständig das Gefühl hat alles unter Kontrolle haben zu müssen, braucht er (Selbst)Vertrauen, weil er Angst empfindet. Wenn ein Mensch traurig ist, braucht er Trost, Verständnis und Mitgefühl, wenn ein Mensch Leere fühlt, hat er das Bedürfnis nach Sinn. Was weh tut wiegeln wir meistens ab. Ok, sagen wir, ist scheisse, aber ändern geht nicht und schlucken unsere Gefühle runter.

Ändern geht nicht. Ist das wahr? Wir können das ändern. Leicht ist es nicht, aber was ist schon leicht? Und warum erwarten viele Menschen eigentlich immer, es müsste leicht sein?  
Das ist wahrlich etwas was ich nicht mehr hören kann. „Ich schaffe das nicht, das ist nicht so leicht, wie sie sagen.“ Ich weiß das es schwer ist. Aber es wird nicht leichter, wenn ich mir selbst immer wieder sage, dass es schwer ist und nicht den Versuch mache, das Schwere zu erleichtern, indem ich genau hinschaue, was ich gerade fühle und was ich brauche. Indem ich mich selbst ernst nehme im Schweren und nicht davonlaufe, weil es nicht so leicht ist, bin ich mir selbst nah. Bin ich mir selbst nah, bin ich mir selbst gut und ich achte mich als Mensch. Veränderung dauert, die geschieht nicht in ein paar Sitzungen. Das geht nicht leicht und das geht nicht schnell. Sind wir Computer, die man  zack, umprogrammiert und alles ist besser? Wir sind emotionale Wesen. Wir fühlen und unsere Gefühle machen uns aus und sie machen uns wertvoll.

Wenn wir wirklich spüren, was wir fühlen, wenn wir uns selbst die Erlaubnis geben, dass jedes Gefühl da sein darf, dann verpassen wir keine lebenswichtigen Signale, die uns helfen können unsere Bedürfnisse zu erkennen und sie zu erfüllen.
Bedürfnisse sind lebenswichtige Ressourcen. Jeder von uns hat sie und sie unterscheiden sich gar nicht so sehr voneinander, höchstens in der Gewichtung. Wir haben alle die gleichen Grundbedürfnisse. Maslow hat das einmal sehr deutlich in seiner Bedürfnis-Pyramide aufgezeigt. Das sind Grund- und Existenzbedürfnisse, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Sozialbedürfnis, das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Exploration.

Wenn es uns gelingt eine Verbindung zu unseren Bedürfnissen, besonders zu jenen, die uns am Wichtigsten sind, herzustellen, verstehen wir unsere Gefühle besser und vor allem – wir bewerten sie nicht mehr in selbstschädigender Weise, weil wir wissen, dass sich unerfüllte Bedürfnisse wiederum in Gefühleverwandeln, die uns ganz klar sagen, was wir brauchen und was wir schmerzlich vermissen. Es gibt keine falschen Gefühle, wie oft sage ich das meinen Klienten, wenn sie sich schämen oder schuldig fühlen, weil sie doch scheinbar alles haben und meinen sie seien undankbare Menschen, weil da doch etwas fehlt. Wenn es fehlt dann fehlt es. Punkt. Es ist okay! Dann schauen wir wie wir das, was fehlt, identifizieren und ins Leben rufen können.

Unsere Gefühle in Verbindung mit unseren Bedürfnissen zu bringen macht es uns leichter Mitgefühl für uns selbst zu empfinden, anstatt uns zu verurteilen, für etwas was in uns rumort und absolut seine Berechtigung hat lebendig werden zu dürfen. Das Leben ist kurz. 

Namaste

Sonntag, 15. Juli 2018

Über die Liebe


Foto: www

 
Früher hofftest du, dass der Andere sich ändert.
Dass er sich für dich ändert, weil du ihn so und so haben willst.
Nun willst du ihn nicht mehr ändern.
Du liebst ihn, wie er ist.
Du liebst ihn absichtslos, erwartungslos.
Du liebst ihn als der, der er ist.
Du lässt ihn seine Wahl treffen, ob sie dir passt oder nicht.
Du lässt ihn seinen Weg gehen, ob du mitgehen kannst oder nicht.
Du lässt ihn sein Leben leben und kümmerst dich um das deine.
Jetzt ist deine Liebe nicht mehr von Bedingungen abhängig.
Sie ist frei.
Du bist frei.
Der Andere ist frei.
Die Liebe ist frei.

Freitag, 6. Juli 2018

Von der Verantwortung für Verluste

Foto: A. Wende

Alle Verluste haben etwas Gemeinsames: Die Erfahrung des Gehen-lassen-müssens, der Abschied von dem was war, schließlich die Akzeptanz durch Loslassen. Rainer Maria Rilke schrieb einmal sinngemäß: "Was nicht zu uns gehört, fällt von uns ab". Damit könnten wir uns trösten, uns über das Untröstliche hinwegtrösten, wenn wir denn seinen Worten Glauben schenken könnten. Aber ich bin bisweilen eine Ungläubige den Wahrheiten anderer gegenüber die meinem Erfahrungsschatz als gefühlt falsch gegenüberstehen. Welch ein Fatalismus, hochgeschätzter Herr Rilke, der völlig ausschließt, dass wir selbst verantwortlich sind für vieles was uns widerfährt und damit manchmal eben auch für das, was von uns abfällt, weil wir es nicht halten können, weil da irgendetwas in uns dagegen spricht, dass es bleibt, weil wir zu wenig getan haben, zu wenig versucht, zu wenig gegeben vielleicht oder zu viel genommen, ohne zu geben, zu wenig verstanden, zu wenig gekämpft, zu wenig verändert, was zu verändern gewesen wäre ... und und und ...

Unsere Gedanken sind es, unsere Gefühle sind es und unsere Handlungen sind es, durch die wir unser Leben gestalten, in den kleinen Dingen und in den Großen. Ja, es gibt Etwas, das größer ist als wir, spürbar gibt es das, aber es ist nicht ausschließlich für alles verantwortlich, was uns geschieht. Es ist beides, was unser Leben beeinflusst und eins von beidem ist Verantwortung - für uns selbst und unser Denken, Fühlen und Handeln. Dieser Verantwortung können wir uns stellen, oder eben nicht. Tun wir es, verändert sich vieles, im Kleinen wie im Großen.

Es ist niemals so einfach wie wir glauben, es ist niemals so einfach wie man uns glauben machen will, denn wäre es so einfach, wäre das Leben zu verstehen und alle Fragen beantwortet und Loslassen keine Aufgabe.

Donnerstag, 5. Juli 2018

Von der Achtung vor der Angst



Malerei: A. Wende

Heute morgen fand ich in einem alten Tagebuch, das mir beim Ausmisten in die Hände fiel, eine Geschichte aus dem Zen, die ich vor langer Zeit einmal aufgeschrieben habe. Ich möchte sie mit Euch teilen.

"Es war einmal eine junge Kriegerin. Ihr Lehrer befahl ihr, in den Kampf gegen die Angst zu ziehen. Sie wollte nicht. Der Kampf machte ihr Angst. Ihr Lehrer aber bestand darauf. Der Tag des Kampfes kam. Die Kriegerin stand auf der einen Seite, die Angst auf der anderen. Sie fühlte sich sehr klein, die Angst wirkte ungeheuer groß und zornig. Beide hatten ihre Waffen. Die junge Kriegerin riss sich zusammen, sie schritt auf die Angst zu, warf sich vor ihr nieder und fragte: Darf ich um Erlaubnis bitten mit dir zu kämpfen? Die Angst erwiderte: Vielen Dank, dass du so viel Respekt vor mir hast, dass du mich um Erlaubnis bittest. Die Kriegerin fragte weiter: Wie kann ich dich schlagen? Die Angst entgegnete: Ich kämpfe indem ich schnell rede und sehr nahe an dich herankomme. Dann verlierst du vollkommen die Kontrolle über dich und tust, was ich dir sage. Tust du nicht, was ich sage, habe ich keine Macht über dich. Auf diese Weise lernte die Kriegerin, sich nicht von der Angst besiegen zu lassen."

Und genauso funktioniert es.
Die Kriegerin hat Achtung vor der Angst. Sie nimmt sie ernst. Sie schaut ihr achtsam ins Gesicht, sie spricht mit ihr, sie stellt sich ihr, trotzdem sie sich um so vieles kleiner fühlt als die Angst. Sie läuft nicht vor ihr weg. Sie nimmt Distanz ein. Sie lässt sich von ihr nicht überfluten. Sie hat Angst, aber sie "ist" nicht ihre Angst. Diese Haltung hilft ihr, zu erkennen auf welche Weise sie mit der Angst umgehen kann, ohne sich selbst Schaden zuzufügen. Sie kämpft nicht gegen sie - sie nimmt sie an und versucht ihr Wesen zu verstehen. Und die Angst wandelt sich, sie verrät ihr sogar, wie sie ihre Macht verliert. So wie mit der Angst, so ist es mit allen Gefühlen - wenn wir sie nicht ins Unermessliche vergrößern, wenn wir uns ihnen achtsam und verständnsivoll nähern und sie annehmen, lassen wir sie klein. Und sie bleiben klein.

Namaste Ihr Lieben

Mittwoch, 4. Juli 2018

Die Furcht vor der Klarheit





"Ja, er behandelt mich schlecht, wenn er betrunken ist, aber dann verwandelt er sich wieder in den wunderbaren Menschen, der mich so sehr liebt". Viele Menschen, die mit einem Alkoholkranken leben, denken und reden so. Es fällt ihnen schwer die Realität zu akzeptieren. Der Verstand weiß zwar genau, dass das, was man sich da schönredet, der reinste Selbstbetrug ist, aber um aus dieser Falle zu entkommen, braucht es viel mehr als Einsicht oder das bloße Erkennen, dass es so wie es ist gar nicht gut ist. Man muss die Verantwortung für sich selbst übernehmen oder es muss so richtig weh tun.

Warum bleiben Menschen in einer solchen Beziehung, die ihre Sehnsüchte unsere Bedürfnisse nicht erfüllt und ihren Wert als Mensch Tag für Tag ein Stück mehr demontiert? Womöglich haben sie Angst herauszufinden, wer wir sind, ohne den anderen. Wer sind sie auf sich selbst reduziert? Wer sind sie, wenn sie nicht mehr helfen bis zur Selbstaufgabe? Sie sind erst mal allein und das macht Angst, denn das Leben alleine zu bewältigen ist eine Herausforderung und ganz und gar nicht einfach. Diese inneren Widerstände sind innerpsychische Blockaden, die das verhindern, was wir alle verdient haben, nämlich achtungs- und liebevoll behandelt zu werden, wenn wir in einer Beziehung leben. Warum sonst sollten wir unser Leben mit einem anderen teilen? Um uns verletzen zu lassen? Um zu leiden, unter einem Problem, das nicht das unsere ist – der Alkoholsucht des anderen, die, je weiter sie fortschreitet, aus ihm ein Wesen zwischen Dr. Jeckyl und Mr. Hide macht – unberechenbar, unzuverlässig, demütigend, empathielos, verantwortunglos, emotional verflacht und grausam?

Irgendwann ist es hoffentlich soweit: Wir begreifen - es ist ein Verlust unserer Würde in einer Beziehung zu bleiben, in der wir viel geben, die uns aber nur Verletzungen und Leid bringt.

Viele kleine Verletzungen reißen im Laufe der Zeit eine große Wunde. Jede einzelne Verletzung ist wie ein kleiner Nadelstich, der uns anpickst um uns zu warnen uns nicht noch mehr weh tun zu lassen. Aber wir reagieren nicht, in der trügerischen Hoffnung, dass es irgendwann doch gut wird oder zumindest besser. Also halten wir durch - solange bis die Wunde aufreißt und wir vor Schmerz nicht mehr können. Manchmal muss der Leidensdruck so hoch werden um endlich den Mut zum Aufbruch zu fassen, um endlich die Brille abzuziehen, die die Realität vernebelt, eine Realität, die schon immer da war, die wir aber nicht klar sehen wollten.

Klarheit braucht Klarsicht und sie braucht Stille. Und vor dieser Stille haben viele von uns Angst, denn in ihr finden wir das, was wir schon längst wissen: Die Wahrheit, unsere Wahrheit und die ist nicht immer schön.
Im lauten Alltag, inmitten all der Kämpfe, der Streitereien, der sinnlosen Hilfsversuche verlieren wir die Stille in uns selbst. Und je lauter es um uns herum ist, desto verwirrter werden wir. Und aus der Verwirrung heraus handeln wir – nicht zum unserem Besten, nicht klar. Ja, wir fürchten uns vor dieser Klarheit, denn sie zu fühlen, bedeutet: Wir müssen endlich handeln, wir müssen uns zurückholen, was wir verloren haben - unsere Würde und unseren inneren Frieden. Einfach ist das  nicht. Aber es ist noch schwerer sein Leben klaren Blickes für etwas zu verschwenden, was zu immer mehr vom Gleichen führt: Leiden. Und das ist zum Fürchten.



Montag, 2. Juli 2018

Liebe, was ist das?


Zeichnung: A. Wende

Liebe - was ist das?
Was auch immer die Liebe ist: Wir wissen es nicht. Dennoch glauben manche Menschen sie hätten die Definition für Liebe gepachtet. Sie bestehen sogar darauf, dass sie die Wahrheit ist. Nun, wahr ist für jeden etwas anderes und die Wahrheiten, die wir uns im Leben schaffen, entstehen durch Programmierungen, Erfahrungen und Erleben.

„What we believe is true“, aber eben nur für uns selbst.
Ein bewusster Mensch weiß das. Darum macht es auch keinen Sinn die eigene Wahrheit anderen als die einzige wahre Wahrheit überstülpen zu wollen. Man lasse sie stehen, man achte die Wahrheit des anderen, man kämpfe nicht um das Durchsetzen oder das Beharren auf der eigenen Wahrheit, denn, sind wir mal ehrlich, es lohnt sich nicht. Es führt höchstens zu Missklängen oder gar Streit.
Zurück zur Liebe.

Was ist sie? Was macht sie aus? Erklärt sie sich selbst? Ist Liebe etwas, das sich für uns alle gleich anfühlt? Ich behaupte, Achtung - meine Wahrheit: Jeder liebt anders. Jeder Mensch liebt so wie ihm Liebe oder was er dafür hält in den ersten Jahren seines Erdenlebens gezeigt wurde.
Manche Menschen behaupten sogar, sie wissen nicht, was das ist: Liebe. Weil sie sie nie erfahren haben. Aber, ist das wahr? Können wir nicht lieben, wenn wir als Kind nicht geliebt wurden? Und schon wieder sind wir bei der Frage: Was ist Liebe?

Schon viele kluge Menschen haben darüber philosophiert. Unter anderem Erich Fromm in seinem Buch „ Die Kunst des Liebens“. Da hat sich ein weiser Mensch tiefe Gedanken über die Liebe und ihre Erscheinungsformen gemacht und vor allem über die Kunst des Liebens. Denn das ist sie – eine Kunst, die jeder von uns auf seine Weise ausübt und lebt.

Fromm spricht von Nächstenliebe, von mütterlicher Liebe, von der erotischen Liebe, der Selbstliebe und der Liebe zu Gott. Und all dies sind Formen der Liebe. Auch die griechischen Philosophen sprechen nicht von DER Liebe schlechthin, auch hier ist Liebe nichts, was so und so ist und Punkt, sondern auch sie widmen sich ihren Erscheinungsfromenen und bilden die Dreiheit: Eros Agape, Philia. Eros, die erotische Liebe, die uns den meisten Kummer machen kann, wie das Leben vieler von uns zeigt. Ist doch ihr Hauptmerkmal das Begehren, das gegenseitige wohlgemerkt, denn wenn nur einer den anderen begehrt, läuft Eros ins Leere und bleibt unerfüllt. Agape, die allumfassende Liebe und schließlich Philia, die geistige Liebe. Das ist die Liebe zwischen Menschen, die ähnliche oder gleiche Interessen und Lebensvorstellungen haben, die den anderen lieben eben wegen seiner geistigen, philosophischen und spirituellen Interessen, die mit den eigenen harmonieren. Wenn dieses Dreigestirn in der Verbindung von zwei Menschen zusammenkommt, dann ist das wie ein kleines Wunder und die gibt es ja bekanntlich immer wieder. Ich durfte es einmal erleben und dafür bin ich dankbar.

Ich könnte nun tiefer in all diese Definitionen und Erscheinungsformen der Liebe einsteigen und weiter philosophieren, aber dazu fehlt mir die Zeit, das Interesse und auch die Lust. 
Was ist Liebe für mich? Was ist meine Wahrheit über die Liebe?
Liebe ist ein Gefühl. Sie ist das warme Gefühl der wohlwollenden, innigen Verbindung zu einem anderen Herzen, zur Natur, zu mir und zum Leben selbst. Liebe braucht für mich keine Definition und ich will mich auch nicht darüber streiten, was sie ist und was sie nicht ist, ob ich lieben kann oder nicht. Ich fühle sie auf meine eigene Weise, in meinem Herzen. Und ja. sie ist flüchtig, was Menschen angeht. Sie kann vergehen, auch wenn ich sie einmal sehr stark gefühlt habe in einem Moment in der Zeit oder über lange Zeit. Auch die Liebe kann zerbrechen, sich auflösen und uns verlassen, auch sie kann der Vergänglichkeit anheim fallen, aber das heißt nicht, dass es dann keine Liebe war und es heißt auch nicht, dass ich nicht wahrhaft geliebt habe, so wie ich lieben kann.
Was bleibt, ist die Liebe in all ihren Erscheinungsformen - und die sind so verschieden wie wir Menschen, die wir uns in dieser Kunst üben.

Namaste Ihr Lieben

Nachtrag ...

Lieber Mensch,

du hast alles falsch verstanden.

Du bist nicht hier, um bedingungslose Liebe zu meistern.

Die ist da, wo du her kommst und wieder hin zurück gehst.

Du bist hier, um persönliche Liebe zu lernen,

universelle Liebe, schmuddelige Liebe, verschwitzte Liebe,

verrückte Liebe, zerbrochene Liebe, ganze Liebe,

erhellt von Göttlichkeit.

Gelebt durch die Eleganz des Stolperns.

Offenbart durch die Schönheit des Versagens - meistens.

Du bist nicht hier, um perfekt zu werden. Du bist es schon!

Du bist hier, um menschlich zu sein,

fehlerhaft und fabelhaft.,

um dann wieder in die Erinnerung aufzusteigen.

Aber bedingungslose Liebe? Erzähl mir nichts.

In Wahrheit braucht Liebe keine Adjektive,

keine Veränderungen, keine Bedingungen der Perfektion.

Es braucht nur, dass du da bist und dein Bestes gibst.

Es braucht nur, dass du präsent bleibst und alles fühlst,

dass du strahlst und fliegst und lachst und schreist,

dich verletzt und heilst und fällst und aufstehst und spielst

und arbeitest und lebst und stirbst als DU selbst.

Das ist genug, das ist viel!

By Courtney A. Walsh

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Samstag, 30. Juni 2018

Was brauchen wir wirklich?





Meine Freundin meinte kürzlich, sie kenne keinen Menschen, der besser allein sein kann als ich. Sie könne das gar nicht. Alleinsein sei für sie nicht auszuhalten, sie wisse dann gar nicht, was sie mit sich anfangen soll. Meine Freundin braucht Menschen um sich herum und Action und sie sorgt dafür,  dass sie die bekommt, sie hat immer ein volles Haus und wenn es leer ist geht sie aus. Ich gehe nicht so gern aus, ich brauche das nicht. Ich bin gern zuhause. Das könnte ich tagelang so betreiben und ich weiß, wenn ich es zulange betreibe, dann treibt mich irgendwann nichts mehr raus, außer die Tatsache, dass ich meiner Arbeit nachgehe, der Kühlschrank leer ist und ich für meine täglichen Einheiten körperliche Bewegung sorgen muss. Gut, dass ich raus muss, sonst würde ich am Ende aus dem Alleinsein eine Eremitei machen und das ist nicht gesund, auch wenn mich die Vorstellung nicht unbedingt schreckt. Aber brauchst du denn keine Menschen?, fragte mich meine Freundin, nachdem ich ihr das sagte. Nun, antwortete ich, ich habe was das Brauchen angeht, so meine Bedenken. Ich will keine Menschen brauchen, ich will mit Menschen sein ohne sie brauchen zu müssen, denn das Brauchen, das habe ich gelernt, führt am Ende zu verbrauchten Menschen, die große Mühe haben ohne das Gebraucht - zu - werden und das Brauchen des anderen wieder zu sich selbst zu finden, um herauszufinden, was sie wirklich brauchen.

Was brauchen wir wirklich? 

Nicht viele wissen das so genau, das weiß ich aus der Erfahrung aus meiner Arbeit mit Menschen. Wir hängen am Unbrauchbaren fest weil es uns zur Gewohnheit geworden ist, das oder jenes, den oder die zu brauchen, weil wir denken, dass wir es oder jemand brauchen. Wir füllen Lücken in unserem Leben, um das, was wir wirklich brauchen, erst gar nicht spüren zu müssen, denn es tut manchmal weh, wenn diese Lücken sich auftun, wenn sie uns in ihre schwarzen Löcher ziehen und wir finden erst einmal gar nichts dort, weil das Wesentliche unseres Brauchens nicht von Unten in Leuchtschrift zu uns heraufglimmt um Licht in das emotionale Dunkel zu bringen, das vor lauter vermeintlichem Brauchen und gebraucht werden Wollen, ums verrecken nicht weichen will.

Ich will nicht gebraucht werden. Ich mag Menschen, die mich mit all dem was mich fasziniert und ausmacht, mit all dem, wofür ich lebe, verstehen. Ich mag mit Menschen sein, die auf dem gleichen Weg sind und mit denen ich teilen kann was ich liebe. 

Eben nicht das gegenseitige Brauchen, sondern Inspiration und zwar gegenseitige. Ich brauche Liebe wie wir alle, aber Lieben und Brauchen sind zwei völlig verschiedene Dinge. Es dauert lang bis wir Menschen das begreifen, es hat lang gedauert bis ich das begriffen habe. Immer wieder habe ich das eine mit dem anderen verwechselt. Ich habe es verwechselt weil ich es nicht aushalten wollte, dieses Gefühl, das sich anfühlt wie sich auflösen, wenn da keiner ist, der mich braucht und den ich brauche, dieses Gefühl: Du schaffst das alleine nicht, du brauchst jemanden, der dir hilft das Leben zu schaffen. Aber so ist es nicht, was ich nicht schaffe, kann kein anderer für mich er - schaffen. Er kann mir Mut zusprechen, er kann mich halten wenn ich am Kippen bin, er kann mich unterstützen es zu schaffen, aber schaffen muss ich es ganz alleine. Und ja, das alleine Schaffen fühlt sich bisweilen sehr einsam an. Heute weiß ich, was Einsamkeit wirklich ist. „Einsamkeit entsteht nicht dadurch, dass man keine Menschen um sich hat, sondern vielmehr dadurch, dass man ihnen die Dinge, die einem wichtig erscheinen, nicht mitteilen kann.“ Diese Worte sind von C.G.Jung und für mich sind sie wahr.
Menschen zu finden denen wir uns mit dem, was uns wichtig ist mitteilen können und die das auch wirklich hören, ist nicht einfach, denn viele dieser Menschen finden wir eben nicht dort wo Action ist und ein volles Haus und auch nicht dort, wo man uns braucht oder wo wir gebraucht werden wollen. Es gibt Zeiten im Leben da gibt es diese Menschen nicht. Dann finde ich sie in den Worten der Bücher, in den Tönen der Musik, in den Bildern einer Ausstellung. Es sind Menschen, die all das geschaffen haben, und mit diesen Menschen verbindet mich was ich wirklich brauche: Gleichklang. Wenn wir in unserem Jetzt diesen Gleichklang mit Anderen nicht finden, dann hat das einen Sinn, dann sind wir wieder bei der Frage was wir wirklich brauchen um dieses Leben zu gestalten, um Liebe zu fühlen für dieses Leben, eine Liebe, die nicht braucht und nicht gebraucht werden will. Leicht ist das nicht, denn auch Selbstliebe enthebt uns der Sehnsucht nach Gleichklang nicht.

Also, was brauche ich jetzt um damit zu leben, dass es das, was ich brauche noch nicht gibt? Was brauchst du?

Wir brauchen innere Stärke. Was ist das, innere Stärke? 
Manche von uns bekommen sie in die Wiege gelegt, manche von uns suchen ein Leben lang danach, bei manchen von uns wächst sie im Laufe des Lebens aufgrund von Erfahrungen aus denen wir gestärkt hervorgehen. Innere Stärke beginnt auch bei der oft unterschätzen Tatsache, wie wir mit uns selbst sprechen und wie wir mit uns selbst umgehen. An diesen Umgangsformen mit uns selbst können wir etwas verändern. Wenn wir uns immer wieder selbst sagen, was wir nicht können, was wir nicht haben, was wir nicht sein werden, was wir nicht finden können, was wir brauchen und nicht haben, wird der Klang dieser Gedanken zu einer sich ewig wiederholenden Melodie. Diese Melodie füttert unsere Gefühle. Schlecht zu uns und über uns selbst sprechen wirkt wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Darum ist es so wichtig unsere gedanklichen Melodien zu erkennen und sie zu hinterfragen, denn oft sind die ganz schön auf dem Holzweg.

Warum nicht umdenken, um das in unser Leben zu holen, wonach wir uns sehnen und was wir wirklich brauchen? Sicher, einfach ist das nicht, aber ist es wirklich einfacher die immer gleiche unschöne Melodie abzuspielen?
„Ach ich schaffe das nicht, ach ich bin eben wie ich bin, das ist doch alles Mumpitz, was die schreibt“, oder: „Das habe ich doch alles schon versucht und es hat nichts gebracht,“ las ich neulich in einem Kommentar zu einem meiner Texte. Mal ehrlich, wenn ich so denke bringt das wirklich nichts.

Gut und schön, jedem das Seine und mir meine Erfahrung. Wenn ich weiß, was ich wirklich brauche bekomme ich das dann auch? Ja, wenn ich es unabhängig von Anderen mache, wenn ich eine tiefe Motivation habe und eine klare Vision, denn das hat Kraft. Wenn ich weiß, was ich wirklich brauche werde ich zunächst alles Unbrauchbare, das ich zu brauchen glaubte, nicht mehr in meiner Gedankenmelodie festhalten. Ich werde mich verabschieden von den schiefen Tönen, ich werde mich verabschieden von dem, was ich zu brauchen glaube. Ich werde neue Töne komponieren. Ich werde vielleicht sogar erkennen - in Wirklichkeit ist alles was ich brauche schon längst da. Und was nicht da ist, brauche ich nicht. Dazu gehört zugegebenermaßen eine Menge Demut und ein hohes Maß an Vertrauen in das Leben, das uns eben nicht immer gibt was wir uns wünschen, sondern das, was wir brauchen um zu wachsen.





Montag, 25. Juni 2018

Die kindliche Sehnsucht nach Liebe

 
Foto: A.Wende

Immer wenn wir nach einer Zeit des Alleinseins wieder einem Menschen begegnen, der uns anzieht und fasziniert fallen viele von uns in jene kindliche Stufe zurück, die sich ein Leben lang nach Symbiose sehnt. Das Kind in uns hofft noch immer alles Wohlgefühl, alles Glück, alle Aufmerksamkeit, alle Liebe von diesem einen Menschen zu bekommen, der seine Augen liebend auf uns legt und sie ausspricht, die magischen drei Worte: „Ich liebe dich“. Und wir tun wieder alles um geliebt zu werden. Wir sind so beseelt vom Gefühl geliebt zu werden, dass wir nicht merken, wie wir wie in einer Art Trance nach hinten gehen, zurück in die Zeit als wir uns so sehr nach bedingungsloser Liebe gesehnt haben und sie nicht bekommen haben. Wir wollen diese eine Liebe, die wir so schmerzlich vermisst haben, um jeden Preis, sogar um den Preis der Selbstverleugnung. Und plötzlich sind wir auf diesen einen Menschen fixiert und bereit alles, was wir uns in der Zeit des Alleinseins erarbeitet haben, aufzugeben.

Die Erfahrung, dass jede Beziehung eine fragile Sache ist, blenden, wir von Glückshormonen überschüttet, aus. Die Erfahrung, dass wir vielleicht genau aus dem Grund, dass wir vieles, was uns wichtig war, in der letzten Beziehung aufgegeben haben, blenden wir aus. Die Erfahrung wie verletzbar wir waren, nachdem wir uns vollkommen geöffnet haben, blenden wir aus. Die Erfahrung, dass kein Mensch, dem rosaroten Bild, das wir ihm am Anfang übergestülpt haben, stand hält, blenden wir aus. Die Erfahrung, dass Symbiose keine Basis für eine erwachsene Beziehung auf Augenhöhe ist, blenden wir uns. Wir sind geblendet vom tiefen Bedürfnis unseres kindlichen Urhungers nach Zuneigung und Liebe.


Selbst wenn sich in klaren Momenten der Schatten all der missglückten Beziehungen, die wir bereits hatten, auf das blendende Licht des Verliebtseins legt, hoffen wir noch: Dieses Mal wird es anders, weil wir ja etwas gelernt haben.

Haben wir das?

In Wahrheit ist dieses Kind in uns süchtig danach endlich anzukommen, bei dem was es nie bekommen hat: bedingungslose Liebe. Solange wir sie nicht bekommen fühlen wir uns halb, und wir alle wollen ganz sein. Dieses Ganzsein ist letztlich das Ziel unserer Existenz. Aber diese Ganzheit finden wir nicht im anderen. Warum sollte das gelingen, wo es schon damals nicht gelungen ist? Im Grunde suchen wir Etwas im Jetzt, was es damals schon nicht gab.
Warum kann das Finden nicht gelingen? Weil es das, so wie wir es uns wünschen, nicht gibt, ist die ernüchternde Antwort. Es ist eine Illusion, die wir uns machen. Eine Illusion, durch die wir uns wieder und wieder selbst verletzen. Eine Illusion, die auf einer unerfüllbaren Sehnsucht basiert. Wir alle suchen nach einer Lösung für unser Bedürfnis nach Nähe, Geborgenheit und Liebe. Jede Trennung zerstört die Hoffnung, dass es gelingen kann, die Sehnsucht aber bleibt. Das Urbedürfnis gehalten zu werden bleibt.

Angesichts all unserer Enttäuschungen den Glauben nicht zu verlieren, dass da draußen jemand ist, der uns diese Bedürfnisse erfüllt, ist schwer, also halten wir daran fest. Dieser Glaube wird zum Anker in den einsamen Stunden in denen wir das Leben, das wir mit uns selbst leben, alles andere als schön empfinden.


Das Alleinsein zu leben ist schwer. Es ist eine Kunst, die nur wenigen Menschen auf Dauer gelingt. Wir sind auch nicht dafür geschaffen. Wenn es uns aber gelingen würde, mit uns selbst gut zu sein, auch wenn da kein anderer ist, der für uns da ist, wenn es gelingen würde, mit uns selbst in liebevollem Kontakt zu sein, wenn es gelingen würde, uns selbst das zu geben, was wir so verzweifelt im anderen suchen, dann könnten wir diesen Glauben fallen lassen. Wir könnten lieben was da ist - der einzige Mensch, der immer da sein wird - wir selbst. 

Genau deshalb ist es so essentiell wichtig gut zu uns selbst zu sein. Wir können es lernen, indem wir eine nährende Verbundenheit zu uns selbst aufbauen, indem wir achtsam, rücksichtsvoll und fürsorglich mit uns selbst umgehen. Menschen, denen das gelingt, denen ein liebevolles Mit-sich-selbst-sein gelingt, finden das, was wir letztlich alle suchen - innere Ruhe, inneren Frieden, Zufriedenheit, Klarheit und diese eine Liebe, die nicht bedürftig ist. Jede Art von Bedürftigkeit führt zu Abhängigkeit und jede Abhängigkeit kann zur Sucht werden. Jede Sucht führt zu Anhaftung und so zum Verlust unserer inneren Freiheit. 

Sicher es ist menschlich bedürftig zu sein, aber wie viele Menschen geben sich selbst oder einen wesentlichen Teil ihrer selbst auf um vom anderen zu bekommen, was sie in sich selbst partout nicht finden? 

Und wieder und wieder dreht sich das Karussell der Erwartungen, Sehnsüchte und Wünsche, die unerfüllt bleiben.Wie wollen wir Etwas von einem anderen bekommen, wenn wir es uns selbst nicht geben können? Und wie wollen wir einem anderen das geben, was wir uns selbst nicht geben können? Also könnten wir uns bemühen, es uns selbst zu geben und es nicht immer wieder von einem anderen einzufordern, der das meist auch nicht kann. Das ist harte Arbeit und das dauert. Das ist tägliche Übung. Das ist lebenslange Übung. Das ist nicht auf einmal da, weil wir wissen, dass wir es brauchen. Das ist genauso wie ein Kind großzuziehen, es achtsam und fürsorglich zu begleiten, es immer wieder zu trösten, wenn es ihm nicht gut geht, jeden Tag für dieses Kind da zu sein, so wie eine hinreichend gute Mutter ein Leben lang für ihr Kind da ist. 

Echte, tiefe Begegnungen können nur dann stattfinden, wenn sich Menschen begegnen, die dazu fähig sind sich selbst zu geben, was sie brauchen.  
Alles andere ist die bedürftige Sehnsucht des ungeliebten Kindes in uns. Und genau diese Sehnsucht führt zu immer wieder neuen Enttäuschungen. Vielleicht brauchen wir diese Enttäuschungen um endlich das zu erledigen, was unsere Aufgabe ist - uns selbst zu wertschätzen und lieben.
„Liebe ist ein Wert, der durch liebende Handlungen verwirklicht wird“, schreibt Stephan R. Covey. Er hat Recht. Das ist der Weg zu Selbstliebe, das ist auch der Weg um einen anderen zu lieben – liebevolles Handeln, wie gesagt - erst einmal an und für uns selbst. Wenn uns das gelingt greift diese Liebe über uns selbst hinaus, hin zu einem anderen, der sich auch liebevoll behandelt. Dann ist eine Beziehung auf Augenhöhe, frei von kindlichen Erwartungen und kindlichen Sehnsüchten möglich.

 Ja, ich weiß, das klingt nicht so schön, aber die Erfahrung sagt: Ja, so ist es.





Sonntag, 24. Juni 2018

Wozu Achtsamkeit gut ist



Ich, beim achtsamen Fenster putzen ;) 
Foto: Reinhard Berg

Immer wieder fragen mich Klienten: Wozu ist Achtsamkeit gut?
Achtsamkeit ist eine besondere Form von Aufmerksamkeit. Diese besondere Form der Aufmerksamkeit führt, je öfter wir sie praktizieren, zu einem klareren Bewusstseinszustand. Diese Klarheit führt dazu, dass wir lernen innere und äußere Erfahrungen und Erlebnisse, als auch unsere Gefühle, im gegenwärtigen Moment beobachtend zu registrieren und sie ohne zu bewerten, zulassen können.

Je achtsamer wir werden, desto klarer und ruhiger werden wir mit der Zeit. 

Warum ist das so?
Durch das Üben der Achtsamkeit entkommen wir nach und nach der Reiz-Reaktionsfalle.
Mit zunehmender Achtsamkeit reduzieren sich unsere automatischen und unbewussten Reaktionen auf das gegenwärtige Erleben - wir handeln angemesser, situationsadäquater und selbstbewusster.

Beim Erlernen der Achtsamkeit steht an erster Stelle die Körperwahrnehmung im Mittelpunkt. Die intensive Verbindung zwischen unserem Körper und unserem Geist ist unumstritten. Eine achtsame Körperhaltung führt zu einer inneren achtsamen Haltung und damit zu einer achtsameren Geisteshaltung. Auf diese Weise nehmen wir uns selbst im Ganzen bewusster wahr, auch unsere Gefühle uns unsere Gedanken. Je bewusster wir uns selbst wahrnehmen, desto größer wird mit der Zeit unser Einfluss auf unsere Wortwahl, unsere Gedanken, unsere Bewertungen, unsere Emotionen und unsere Reaktionen auf das, was gerade geschieht.

Wenn wir also achtsamer und damit bewusster leben wollen, dann ist es hilfreich auf uns zu achten - auf unsere körperliche Verfassung, auf unsere Körperhaltung, auf unsere Mimik und Gestik. Wie atme ich? Was fühle ich gerade wo in meinem Körper? Dazu gehört auch auf das zu achten, was wir unserem Körper zumuten an unguten Substanzen z.B. oder an Stress. Dazu gehört auch selbstberuhigende Techniken zu erlernen, damit unsere Gefühle und unsere wenig hilfreichen Gedanken uns nicht mehr so leicht im Griff haben.

Je achtsamer wir uns selbst beobachten, desto besser werden wir mit der Zeit mit uns selbst und damit auch mit anderen umgehen.
Achtsamkeit führt zu Selbstmitgefühl.
Selbstmitgefühl führt zu Selbstliebe.
Selbstliebe führt zu liebevollem Handeln über uns selbst hinaus.


"Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt, offenbart sie dessen Schönheit. Wenn sie etwas Schmerzvolles berührt, wandelt sie es um und heilt es."
Thich Nhat Hanh


Namaste Ihr Lieben

Sonntag, 17. Juni 2018

Der eigene Schmerz

Zeichnung: A.Wende

Es ist schwer zu vertrauen, wenn wir als Kind immer wieder widersprüchliche Botschaften erhalten haben.
Es ist schwer zu lieben, wenn wir als Kind immer wieder Schmerz erfahren haben.
Es ist schwer die Kontrolle aufzugeben, wenn wir als Kind immer wieder Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit erfahren haben.
Es ist schwer uns selbst gut zu behandeln, wenn wir als Kind immer wieder schlecht behandelt wurden.


All das ist so schwer, dass wir ein Leben lang versuchen dieses Schwere loszuwerden.
Also versuchen wir es: Wir versuchen zu vertrauen und werden wieder enttäuscht. Wir versuchen zu lieben und erfahren immer wieder Schmerz. Wir versuchen zu kontrollieren und erfahren immer wieder Unberechenbarkeit. Wir versuchen uns selbst gut zu behandeln und behandeln uns immer wieder schlecht.
All das sind untaugliche Versuche, die uns nur mehr vom Schweren bringen.

All das erfahren wir durch andere, glauben wir, und sehen nicht, dass wir es durch uns selbst und unseren Schmerz wieder und wieder erfahren.

Wir kommen vom Schweren nicht weg solange wir uns nicht unserem eigenen Schmerz zuwenden.
Wir finden kein Vertrauen, wenn wir uns selbst nicht vertrauen.
Wir können nicht lieben, solange wir uns selbst nicht lieben.
Wir können die Kontrolle nicht aufgeben, solange wir uns selbst kontrollieren.
Wir können nichts von anderen bekommen, was wir uns selbst nicht geben können.
Es hilft nicht den Schmerz zu ignorieren.
Es hilft nicht in immer neuen Beziehungen die Liebe und all das zu suchen, was wir als Kind nicht bekommen haben.
Es hilft nicht, weil wir immer nur das bekommen werden, was wir in uns tragen: Schmerz.
Wir bekommen immer nur das altbekannte Gefühl der Kindheit.
Wir bekommen es solange, bis wir uns endlich selbst dem verletzten Kind in uns zuwenden, solange bis wir die Trennung zwischen uns und dem inneren Kind auflösen und anfangen für dieses Kind hinreichend gute Eltern zu werden. Solange wir das nicht tun, werden wir immer wieder am selben scheitern: An unserem eigenen Schmerz.

Samstag, 16. Juni 2018

Der Weg zur Selbstliebe



Immer wieder höre ich von meinen Klienten oder lese von Euch hier auf meiner Seite den Satz: „Mich selber lieben, dass kann ich nicht, weil ich es nicht fühle.“
Das ist wahr: Was ich nicht fühle, kann ich nicht glauben.
Aber wahr ist auch: Was ich denke, kann ich fühlen.
Wahr ist:
Ich kann mein Denken ändern.
Ich habe die Macht mein Denken zu ändern.
Ich habe die Macht mein Denken über mich selbst zu ändern.
Ich habe die Macht durch meine Gedanken meine Gefühle zu verändern.

Die meisten Menschen aber glauben das nicht. Sie hören es, sie lesen es, aber sie können es nicht als Wahrheit annehmen, weil die alten Wahrheiten in ihren Köpfen so mächtig sind. Viele Menschen fühlen sich ein Leben lang als Opfer der Umstände, als Opfer ihrer Programmierungen, als Opfer einer vergifteten Kindheit, als Opfer ihrer eigenen Unzulänglichkeit, als Opfer ihrer eigenen Unfähigkeit nicht der zu sein, der sie sein wollen.

Ich kenne das gut. Ich habe lange gebraucht um mich selbst zu lieben. Und noch heute gibt es Tage oder Phasen wo es mir nicht gelingt und ich in den alten Modus zurückfalle und mich ohnmächtig fühle. Besonders dann wenn mich ein Mensch, der mir viel bedeutet verletzt. Dann fühle ich mich gar nicht mehr so liebenswert. Ich fühle mich schlecht und denke, was habe ich nur getan, dass mir so etwas passiert und wenn es ganz schlimm ist, wenn mich ein Mensch, den ich liebe, benutzt, belügt oder betrügt, dann kommt dieses alte Gefühl wieder hoch: Ich bin nicht liebenswert genug um geliebt zu werden. Dann spüre ich den Widerstand in mir, dann höre ich all das Ungute was man mir über mich selbst beigebracht hat, dann fallen mir alle Schicksalsschläge ein, die mich getroffen haben, dann verliere ich den Boden unter den Füßen ich und fühle mich genauso wie damals als Kind – wertlos, verlassen und ganz und gar nicht liebenswert.
Es ist okay!, sage ich mir dann.
Es ist okay, dass du dich jetzt so fühlst!
Mit diesem „Es ist okay!“, beginnt sie, die Liebe zu uns selbst.

Um uns selbst lieben zu lernen, ist es wichtig erst einmal aus dem Widerstand herauszukommen und das geht indem du beginnst dich selbst zu akzeptieren, so wie du jetzt bist, so wie du dich jetzt fühlst, so wie du jetzt in diesem Moment in der Zeit gerade drauf bist.
Selbstliebe beginnt genau mit dieser Akzeptanz und sie beginnt mit dem Mitgefühl für dich selbst.
Es ist okay! zu fühlen, was du fühlst.
Es ist zwar nicht schön, aber es ist okay.

Wenn du alle Illusionen, alles was man dir über dich selbst zu denken beigebracht hat, alle Konditionierungen der Gesellschaft einmal durchdrungen hast, wirst erkennen, dass der Weg zu Selbstliebe darin besteht, dich selbst so anzunehmen wie du bist, mit allen unguten Gefühlen, mit all deinen kleinen und großen Macken, mit all deinen Zweifeln, deinen Verletzungen, deinen Ängsten, mit allem, was dich ausmacht und dennoch gut zu dir selbst zu sein. Gerade deshalb gut zu dir selbst zu sein.

Nobody is perfect. Wir alle lernen in diesem Leben, jeden einzelnen Tag, mit jeder Erfahrung und mit jeder Begegnung, mit dem Guten was wir erfahren und mit dem Unguten was wir erfahren, aber das Entscheidende um uns selbst lieben zu lernen ist, das zu verlernen was man uns über uns beigebracht hat, nämlich, dass wir so und so sein müssen um liebenswert zu sein.
Es ist okay! Wir sind okay, so wie wir sind.
Es ist okay, dass wir nicht so schnell lernen wie wir es von uns erwarten, es ist okay, dass wir immer wieder in alte Muster zurückfallen, es ist okay, dass wir versagen und scheitern, es ist okay, denn genau das ist das Leben.

Liebst du das Leben? Liebst du es trotz allem was es dir beschert, trotz der schweren Zeiten? Liebst du die schönen Dinge? Kannst du sie auch im größten Kummer sehen und wertschätzen? Bist du dankbar, dafür was du hast, auch in schlechten Zeiten? Kannst du sehen was du hast und nicht damit hadern, was du nicht hast oder nicht mehr hast?
Wenn ja, dann hast du eine sehr gute Chance dich selbst lieben zu lernen, denn du bist das Leben selbst, mit allem was dich ausmacht.

Selbstliebe geht nicht auf Knopfdruck. Der Weg zu ihr hin, zu dir hin, ist eine Entscheidung und die triffst allein du selbst. Keiner kann das für dich erledigen. Und niemand kann dich daran hindern, wenn du es wirklich willst. Es ist deine Aufgabe, wenn du sie annimmst.
Jeder lernt auf seine Weise. Die einen schneller, die anderen langsamer. Am Besten lernt der, der weiß, dass es immer wieder Rückschritte und Rückschläge gibt, dass das Leben alles ist: Freude und Leid, Glück und Unglück, Gewinn und Verlust, Begegnung und Abschied, Krankheit und Tod. All das erleben wir alle, aber wenn wir es zu persönlich nehmen können wir damit nicht einverstanden sein. Dann hadern wir und finden uns selbst und unser Leben nicht liebenswert.

Gelerntes Zeit braucht um es zu verinnerlichen. Und so ist es mit der Selbstliebe. Wir lernen sie jeder auf seine Weise. Manche brauchen sogar viele Rückschläge um endlich den Widerstand gegen sich selbst aufzugeben.
Es ist okay!

Namaste Ihr Lieben.

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