Sonntag, 17. Juni 2018

Der eigene Schmerz

Zeichnung: A.Wende

Es ist schwer zu vertrauen, wenn wir als Kind immer wieder widersprüchliche Botschaften erhalten haben.
Es ist schwer zu lieben, wenn wir als Kind immer wieder Schmerz erfahren haben.
Es ist schwer die Kontrolle aufzugeben, wenn wir als Kind immer wieder Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit erfahren haben.
Es ist schwer uns selbst gut zu behandeln, wenn wir als Kind immer wieder schlecht behandelt wurden.


All das ist so schwer, dass wir ein Leben lang versuchen dieses Schwere loszuwerden.
Also versuchen wir es: Wir versuchen zu vertrauen und werden wieder enttäuscht. Wir versuchen zu lieben und erfahren immer wieder Schmerz. Wir versuchen zu kontrollieren und erfahren immer wieder Unberechenbarkeit. Wir versuchen uns selbst gut zu behandeln und behandeln uns immer wieder schlecht.
All das sind untaugliche Versuche, die uns nur mehr vom Schweren bringen.

All das erfahren wir durch andere, glauben wir, und sehen nicht, dass wir es durch uns selbst und unseren Schmerz wieder und wieder erfahren.

Wir kommen vom Schweren nicht weg solange wir uns nicht unserem eigenen Schmerz zuwenden.
Wir finden kein Vertrauen, wenn wir uns selbst nicht vertrauen.
Wir können nicht lieben, solange wir uns selbst nicht lieben.
Wir können die Kontrolle nicht aufgeben, solange wir uns selbst kontrollieren.
Wir können nichts von anderen bekommen, was wir uns selbst nicht geben können.
Es hilft nicht den Schmerz zu ignorieren.
Es hilft nicht in immer neuen Beziehungen die Liebe und all das zu suchen, was wir als Kind nicht bekommen haben.
Es hilft nicht, weil wir immer nur das bekommen werden, was wir in uns tragen: Schmerz.
Wir bekommen immer nur das altbekannte Gefühl der Kindheit.
Wir bekommen es solange, bis wir uns endlich selbst dem verletzten Kind in uns zuwenden, solange bis wir die Trennung zwischen uns und dem inneren Kind auflösen und anfangen für dieses Kind hinreichend gute Eltern zu werden. Solange wir das nicht tun, werden wir immer wieder am selben scheitern: An unserem eigenen Schmerz.

Samstag, 16. Juni 2018

Der Weg zur Selbstliebe



Immer wieder höre ich von meinen Klienten oder lese von Euch hier auf meiner Seite den Satz: „Mich selber lieben, dass kann ich nicht, weil ich es nicht fühle.“
Das ist wahr: Was ich nicht fühle, kann ich nicht glauben.
Aber wahr ist auch: Was ich denke, kann ich fühlen.
Wahr ist:
Ich kann mein Denken ändern.
Ich habe die Macht mein Denken zu ändern.
Ich habe die Macht mein Denken über mich selbst zu ändern.
Ich habe die Macht durch meine Gedanken meine Gefühle zu verändern.

Die meisten Menschen aber glauben das nicht. Sie hören es, sie lesen es, aber sie können es nicht als Wahrheit annehmen, weil die alten Wahrheiten in ihren Köpfen so mächtig sind. Viele Menschen fühlen sich ein Leben lang als Opfer der Umstände, als Opfer ihrer Programmierungen, als Opfer einer vergifteten Kindheit, als Opfer ihrer eigenen Unzulänglichkeit, als Opfer ihrer eigenen Unfähigkeit nicht der zu sein, der sie sein wollen.

Ich kenne das gut. Ich habe lange gebraucht um mich selbst zu lieben. Und noch heute gibt es Tage oder Phasen wo es mir nicht gelingt und ich in den alten Modus zurückfalle und mich ohnmächtig fühle. Besonders dann wenn mich ein Mensch, der mir viel bedeutet verletzt. Dann fühle ich mich gar nicht mehr so liebenswert. Ich fühle mich schlecht und denke, was habe ich nur getan, dass mir so etwas passiert und wenn es ganz schlimm ist, wenn mich ein Mensch, den ich liebe, benutzt, belügt oder betrügt, dann kommt dieses alte Gefühl wieder hoch: Ich bin nicht liebenswert genug um geliebt zu werden. Dann spüre ich den Widerstand in mir, dann höre ich all das Ungute was man mir über mich selbst beigebracht hat, dann fallen mir alle Schicksalsschläge ein, die mich getroffen haben, dann verliere ich den Boden unter den Füßen ich und fühle mich genauso wie damals als Kind – wertlos, verlassen und ganz und gar nicht liebenswert.
Es ist okay!, sage ich mir dann.
Es ist okay, dass du dich jetzt so fühlst!
Mit diesem „Es ist okay!“, beginnt sie, die Liebe zu uns selbst.

Um uns selbst lieben zu lernen, ist es wichtig erst einmal aus dem Widerstand herauszukommen und das geht indem du beginnst dich selbst zu akzeptieren, so wie du jetzt bist, so wie du dich jetzt fühlst, so wie du jetzt in diesem Moment in der Zeit gerade drauf bist.
Selbstliebe beginnt genau mit dieser Akzeptanz und sie beginnt mit dem Mitgefühl für dich selbst.
Es ist okay! zu fühlen, was du fühlst.
Es ist zwar nicht schön, aber es ist okay.

Wenn du alle Illusionen, alles was man dir über dich selbst zu denken beigebracht hat, alle Konditionierungen der Gesellschaft einmal durchdrungen hast, wirst erkennen, dass der Weg zu Selbstliebe darin besteht, dich selbst so anzunehmen wie du bist, mit allen unguten Gefühlen, mit all deinen kleinen und großen Macken, mit all deinen Zweifeln, deinen Verletzungen, deinen Ängsten, mit allem, was dich ausmacht und dennoch gut zu dir selbst zu sein. Gerade deshalb gut zu dir selbst zu sein.

Nobody is perfect. Wir alle lernen in diesem Leben, jeden einzelnen Tag, mit jeder Erfahrung und mit jeder Begegnung, mit dem Guten was wir erfahren und mit dem Unguten was wir erfahren, aber das Entscheidende um uns selbst lieben zu lernen ist, das zu verlernen was man uns über uns beigebracht hat, nämlich, dass wir so und so sein müssen um liebenswert zu sein.
Es ist okay! Wir sind okay, so wie wir sind.
Es ist okay, dass wir nicht so schnell lernen wie wir es von uns erwarten, es ist okay, dass wir immer wieder in alte Muster zurückfallen, es ist okay, dass wir versagen und scheitern, es ist okay, denn genau das ist das Leben.

Liebst du das Leben? Liebst du es trotz allem was es dir beschert, trotz der schweren Zeiten? Liebst du die schönen Dinge? Kannst du sie auch im größten Kummer sehen und wertschätzen? Bist du dankbar, dafür was du hast, auch in schlechten Zeiten? Kannst du sehen was du hast und nicht damit hadern, was du nicht hast oder nicht mehr hast?
Wenn ja, dann hast du eine sehr gute Chance dich selbst lieben zu lernen, denn du bist das Leben selbst, mit allem was dich ausmacht.

Selbstliebe geht nicht auf Knopfdruck. Der Weg zu ihr hin, zu dir hin, ist eine Entscheidung und die triffst allein du selbst. Keiner kann das für dich erledigen. Und niemand kann dich daran hindern, wenn du es wirklich willst. Es ist deine Aufgabe, wenn du sie annimmst.
Jeder lernt auf seine Weise. Die einen schneller, die anderen langsamer. Am Besten lernt der, der weiß, dass es immer wieder Rückschritte und Rückschläge gibt, dass das Leben alles ist: Freude und Leid, Glück und Unglück, Gewinn und Verlust, Begegnung und Abschied, Krankheit und Tod. All das erleben wir alle, aber wenn wir es zu persönlich nehmen können wir damit nicht einverstanden sein. Dann hadern wir und finden uns selbst und unser Leben nicht liebenswert.

Gelerntes Zeit braucht um es zu verinnerlichen. Und so ist es mit der Selbstliebe. Wir lernen sie jeder auf seine Weise. Manche brauchen sogar viele Rückschläge um endlich den Widerstand gegen sich selbst aufzugeben.
Es ist okay!

Namaste Ihr Lieben.

www.wende-praxis.de

Freitag, 8. Juni 2018

Gedankensplitter

Foto: AW

Das Leben schenkt dir destruktive Beziehungen? 
Dann hast du noch keinen Weg gefunden gute Beziehungen zu leben. 
Das Leben schenkt dir Alleinsein?
Dann hast du noch keinen Weg gefunden, mit dem Alleinsein umzugehen.




Donnerstag, 31. Mai 2018

Der Schatten einer lieblosen Kindheit und seine Auswirkung auf unsere Beziehungen



Foto. A.W.

Andauernde Wiederholungen der gleichen destruktiven Spiele in einer Beziehung sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Beziehungskampf aussichtslos geworden ist. Die Beziehung ist gescheitert.

Warum läuft es immer wieder so, warum ist es nur eine Frage der Zeit bis aus Beziehung Kampf wird, aus Liebe Hass, Verachtung oder Gleichgültigkeit? Warum muss der als Kind ungeliebte Mann immer wieder verletzen und die als Kind ungeliebte Frau sich immer wieder demütigen lassen?
Warum spielen Menschen diese Spiele?

Würden sie darüber nachdenken wären sie mit der Frage konfrontiert: Haben wir eine Beziehung aufgebaut, die so nicht funktioniert, die nur fordert und damit überfordert – einer vom anderen und einer den anderen? Erwarten wir vom anderen nicht zu viel, erwarten wir mehr, als er geben kann?
Erwarten wir vielleicht, was kein Mensch geben kann, nämlich das, was die Mutter und/oder der Vater uns nicht geben konnten? Und müssten wir dann nicht den anderen aus dieser Verpflichtung entlassen und endlich für die unbefriedigten Bedürfnisse unseres eigenen inneren Kindes zu sorgen beginnen? Jeder für sich selbst, erst einmal, um zu er-wachsen und die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen? Und wären wir dann nicht mit dem konfrontiert was wir so sehr vermeiden wollen: dem Schmerz des ungeliebten Kindes in uns? Dem Schmerz über die innere Einsamkeit und die Verlassenheit dieses Kindes, das nicht so geliebt wurde wie es das gebraucht hätte oder gar nicht, den Schmerz über den Missbrauch, den emotionalen oder den körperlichen, die Aufmerksamkeit, die es nur für das Fehlverhalten gab und nicht für das bloße Sein, einfach dafür, weil es ist, dieses Kind? Dem Schmerz über die vernichtenden und unheilvollen Glaubenssätze, die man uns über uns selbst beigebracht hat, und die ohnmächtige Wut, die wir nicht ausdrücken durften, weil sie genauso wenig genützt hätte wie das Abspalten unserer schmerzhaften Gefühle um zu überleben?
Diese Konfrontation vermeiden viele Menschen, weil sie meinen, sie ertragen diesen Schmerz nicht.
Spiele sind dazu da, dem anderen die Schuld zuzuschieben und damit die Illusion aufrechtzuerhalten: „Es wäre alles gut, wenn du nur ...“

Spiele und Kämpfe sorgen dafür, dass Partner in der Projektion bleiben und weiter emotional rückwärtsgewandt Forderungen und Erwartungen an den anderen stellen, die mit jeden neue untauglichen Versuch zu Enttäuschung und Frustration verkommen, weil sie gegen eine Wand rennen, wie damals in der Kindheit. Und da schlagen sie auf, auf dieser Wand - zwei scheinbar Erwachsene mit ihrer alten Ohnmacht, ihrer alten Wut, ihrer alten Trauer, ihrem unaufgearbeiteten Leid und halten all das für die Schuld des anderen und hoffen verzweifelt auf eine liebevollere Gegenwart. Eine Gegenwart, die es solange nicht geben kann, bis die lieblose Vergangenheit im eigenen Inneren aufgearbeitet und bewältigt ist.

Manche begreifen nie, sie suchen nach jeder Enttäuschung schnell die nächste Beziehung um wieder in der gleichen unheilvollen Kollision zu landen, solange bis sie vielleicht doch begreifen und an der wichtigsten Beziehung ihres Lebens zu arbeiten beginnen: Der Beziehung zu sich selbst. Manche verweigern sich diesem Schritt beharrlich und leiden in einer Endlosschleife mit immer neuen Partnern, die ihren Mangel an Selbstliebe füllen sollen. Letztlich aber leiden sie lebenslang an sich selbst. Jeder für sich und deshalb beide aneinander. Solange bis der Leidensdruck hoch genug ist um endlich die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und an dem zu arbeiten was ihr Leben und ihre Beziehungen vergiftet - am Schatten einer lieblosen Kindheit.

Freitag, 18. Mai 2018

Über die Verdrängung




Manchmal können schmerzliche Erfahrungen innerlich über Jahrezehnte oder sogar ein Leben lang verdrängt werden. Verdrängung ist ein Prozess, der etwas von Außen nach Innen drängt, es wird innerlich etwas, was wir nicht sehen oder fühlen wollen aus dem bewussten Blickfeld gedrängt.
Dabei handelt es sich um einen Akt des Festhaltens.

Das hat vielerlei Konsequenzen. Eine davon ist, dass wir Energie aufwenden müssen, die uns im Leben fehlt. Und je länger wir diese Energie aufbringen, desto schwächer werden wir. Viele Menschen reden sich schön, was nicht schön ist. Sie suchen nach Erklärungen und nach Entschuldigungen. Sie sagen sich - ich habe verziehen ohne es zu fühlen. Sie denken sich Dinge zurecht, die sie nicht fühlen und belügen damit sich selbst und andere. Sie wollen sich vor der Wahrheit schützen, weil sie sich vor ihr fürchten. Damit führen sie der Selbstlüge Energie zu. Sie beginnen sich mit der Lüge zu identifizieren und starten so einen ungesunden Konservierungsprozess. Sie haben psychische Probleme und körperliche Symptome und schlucken Medizin um sie zu heilen. Aber damit geschieht nicht Heilung. Medizin lindert nur das Symptom und heilt nicht die Ursache.

Verdrängung gleicht einem Abzeß, der Verletzungen, Kränkungen und gärende Gedanken einkapselt. Wird er nicht geöffnet, platzt er irgendwann nach Innen und vergiftet Körper, Geist und Seele. Darum ist es so wichtig sich der Verdrängung zuzuwenden und ans Licht zu holen, was ans Licht will.

Donnerstag, 17. Mai 2018

Wenn du vor einem schwarzen Loch sitzt




Eine problematische Eigenart des Menschen ist es, wenn er sich in einer Krisensituation befindet, dass er außer der Krise nichts mehr anderes im Focus hat. Er befindet sich nicht in der Krise – er ist die Krise. Er steckt so sehr in der Krise, dass er sich vollkommen mit ihr identifiziert und eine Art Tunnelblick entwickelt, der geradewegs in das schwarze Loch fällt, das wir alle kennen und fürchten.

Da ist diese schwarze Tiefe, die uns zu verschlucken droht, die uns Angst einjagt, der wir nicht zu entkommen glauben. Es ist das Gewahrsein des Bodenlosen, das uns um den klaren Verstand bringt. Wir sind gelähmt, bewegungsunfähig und finden keine konstruktiven Lösungen mehr.

Anstatt uns die Zeit zu nehmen um uns bewusst und ruhig mit dieser Tiefe zu befassen, beginnen wir zu graben. Wir suchen nach Gründen, die uns hierher gebracht haben, wir fühlen uns schuldig, wertlos, als Versager, wir klagen uns selbst an, wir jammern uns selbst und anderen die Ohren voll. Ununterbrochen ziehen destruktive Gedanken durch unseren Geist. Wir fühlen uns schrecklich. Eine andere Variante ist die Betäubung, um die unguten Gefühle nicht spüren zu müssen , die uns so zu schaffen machen. Viele Menschen konsumieren dann Substanzen wie Psychopharmaka, Schlaftabletten und/oder Alkohol. Aber auch das hilft keinen Deut weiter, denn jede Betäubung hat auch mal ein Ende. Am nächsten Tag ist alles beim Alten und das schwarze Loch ist immer noch da. Wir verlieren immer mehr Kraft und werden immer hilfloser.

Mit oder ohne Betäubungsversuche - das Affengeschnatter im Kopf, wie es die Buddhisten so treffend nennen, kennt keinen Anfang und hat kein Ende. Wir sitzen vor dem Loch und sind völlig aufgelöst. Anstatt inne zu halten und unsere Gedanken und Gefühle zu überprüfen bewegen wir uns immer weiter nach unten indem wir graben und grübeln bis das Loch uns verschluckt.
Bewegen wir uns mit diesem Denken in eine Richtung, die aus dem Loch herausführt?
Nein, sagt der gesunde Menschenverstand, der das aber nicht mehr erkennt, weil er vom Affengeschnatter komplett verwirrt ist.

Was ist hilfreich?
Es hilft den Zustand erst einmal einfach zur Kenntnis zu nehmen.
Ohne zu bewerten ist da ein Loch, das sich vor mir auftut. Nichts weiter. Ein Loch ist ein Loch. Wenn ich nichts Bedrohliches hineindenke ist es nur ein Loch. Und Punkt.
Gut ich sitze also vor dem Loch.
Im Moment ist das so.
Ich habe im Moment noch keine Idee. Ich habe keine Möglichkeiten, die mich von diesem Loch wegholen. Ich habe im Moment noch keine Mittel und keine Werkzeuge um mein unheilsames Denken zu beenden. 
Ich stecke fest. Aha. Es ist okay.
Das bedeutet, dass ich im Moment noch nicht sofort aus meiner Position heraus muss. 
Vielleicht ist dieses Loch genau das, was ich im Moment brauche. Vielleicht ist das Leiden, das ich durch dieses Loch erfahre genau das, was ich schon lange mit mir herumtrage und es unterdrücke. Jetzt wo ich es spüren kann, hilft es mir meine Wahrheit zu erkennen und mein Leben in eine andere gesündere Richtung zu bringen. Vielleicht liegt in meiner Bewegungsunfähigkeit die Chance endlich zur Ruhe zu kommen und das zu erkennen und zu lassen, was mir nicht mehr gut tut. Vielleicht liegt am Boden des Loches gar nicht das, was ich hineinfantasiere. Vielleicht sollte ich offener werden für das Unbekannte, das Unkontrollierbare im Leben und das Klammern aufgeben. Vielleicht sind große Bewegungen im Moment gar nicht nötig, weil mir dazu die Kraft fehlt und ich mich nur weiter antreiben würde, hin zu etwas was mir nicht (mehr) entspricht. 
Vielleicht liegt am Boden des Loches die alles entscheidende Frage: Wie aufrichtig will ich mit mir selbst sein?

Auf diese Weise hören wir auf kopf- und sinnlos zu graben. Wir lenken wir unsere Gedanken in einen offenen Raum – denn genau der liegt in diesem Loch – ein offener Raum, den wir dann sehen, wenn wir die Angst vor dem Loch loslassen können und es als das erkennen was es auch ist – eine Chance in der Krise.





Sonntag, 13. Mai 2018

Die Macht des Süchtigen



Malerei: Angelika Wende

Wer mit seiner Sucht Leiden in Kauf nimmt, hat Macht über die Menschen, die ihn lieben und ihm helfen wollen. Die meiste Macht hat der, der es in Kauf nimmt durch seine Sucht sein Leben zu zerstören. Was tun Co-abhängige nicht allles um das abzuwenden. Aber alles ist vergeblich! Der Einzige, der die Zerstörung abwenden kann ist der Süchtige selbst. Das müssen Co-abhängige begreifen und verinnerlichen.

Macht versus Ohnmacht.
Diese Ohnmacht ist es, die so schwer auszuhalten ist. Und um dieses Gefühl nicht aushalten zu müssen, wird weiter geholfen. Dann hat man noch das Gefühl irgendwie mächtig zu sein.
Es ist eine Illusion.
Du bist ohnmächtig.
Du kämpfst einen vergeblichen Kampf.
Die Ohnmacht anerkennen ist der einzige Weg um vom vergeblichen Kampf gegen die Macht des Süchtigen abzulassen.
Dann gibt diese die aus dem eigenen Inneren kommen Schuldgefühle: "Ich kann den Süchtigen doch nicht fallen lassen, er ist doch krank. Einem Kranken muss man doch helfen."
Und es gibt die Schuldgefühle, die der Süchtige dem Co-abhängigen macht: "Du kannst mich doch nicht hängen lassen. Ich trinke weil du ... "
Er ist süchtig nicht weil du ...
Er ist süchtig weil er ...

Einem Kranken kann man helfen, wenn der Kranke einsieht, dass er Hilfe braucht und danach sucht. Und diese Hilfe annimmt. Sucht er nicht danach und will er sie nicht annehmen, warum drängst du sie ihm auf?
Jedes Helfenwollen, das nicht angenommen wird ist sinnlos und verbraucht allein die Energie des Helfers, der sich am Kranken abarbeitet, ohne einen Effekt zu erzielen. Es wird noch mehr Energie aufgewendet.
"Das muss doch irgendwann helfen."
Aber es ist vergeblich!
Was dem Helfer hilft ist die Erkenntnis:
Du kannst nichts tun.
Du hast nichts falsch gemacht.
Du bist nicht verantwortlich für die Sucht des Anderen.
Er ist ein erwachsener Mensch, der sich das Recht nimmt sein Leben zu zerstören.
Das ist seins. Nicht deins.
Seine Entscheidung, nicht deine.
Es ist seine Sucht.
Es ist seine Entscheidung weiter zu trinken.
Seine Verantwortung.

Übernimm die einzige Verantwortung, die die deine ist: Die Verantwortung für dich und dein Leben.
Das liegt in deiner Macht.
Gib den Machtkampf auf.
Du hast keine Macht über andere Menschen!

Donnerstag, 10. Mai 2018

Du bist nicht Deine Angst




 
Angst verwandelt unsere Art und Weise die Welt zu sehen. Wenn wir übermäßig viel Angst haben sind unsere Gedanken meist nicht nur von unguten Erfahrungen und Erlebnissen geprägt, sondern auch von unguten Glaubensätzen, die sich aufgrund dieser Ereignisse herausgebildet haben und sich einprägen. 

Die Gedanken von Menschen, die Angst haben kreisen permanent um Gefahr. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf alles, was als Bestätigung für Gefahr gilt.  

Sie sind so sehr damit beschäftigt, dass alles, was ihren Befürchtungen widerspricht, übersehen wird. Mit anderen Worten: Das Fokusieren auf Gefahr ist ihnen zur Gewohnheit geworden. Der innere Angsthase sucht ständig und überall nach zur Erinnerung an erlebte Angst passenden Gefahren und Erfahrungen. Immer ist da die Sicht auf das Gefährliche im Leben. Überängstliche Menschen identifizieren sich mit ihrer Angst bis sie gefühlt ihre Angst sind. Was sie oft nicht wissen ist: Sie sind nicht ihre Angst, sie haben Angst. Und das ist ein gewaltiger Unterschied. Wenn wir Angst sind überflutet sie uns und wir sind ihr ausgeliefert. Wenn wir uns dessen bewusst sind, das wir Angst haben, können wir die Angst beobachten als ein Gefühl, das sich wie alle Gefühle verwandelt. Damit disidentifizieren wir uns von unserer Angst - wir und die Angst sind nicht mehr eins. Wir haben so einen Handlungsspielraum in dem wir wieder in die eigene Macht kommen, die die Angst uns nimmt.

Angst ist ein Gefühl, das wir alle kennen und haben.  

Ein gewisses Maß an Angst ist normal und auch hilfreich um uns vor Gefahren zu warnen und zu schützen. Der ängstliche Mensch aber ist beherrscht von diesem Gefühl. So sehr, dass er ständig mit ihm beschäftigt ist. Er denkt ständig an Angst und schließlich hat er Angst vor der Angst.

Jeder Gedanke an Angst aber verstärkt die Angst. Jeder ängstliche Gedanke führt der Angst Energie zu.  

So beginnt eine Art Konservierungsprozess im Gehirn, der zu immer mehr Angst führt. Betroffene geraten in eine Spirale der Angst. Die Chemie eines Menschen der von Ängsten geplagt ist, ist hypersensibel. Er befindet sich permanent in einem Zustand übermäßiger Wachsamkeit und sein System kommt niemals zur Ruhe. Darum ist es für Betroffene so wichtig zu erlernen die angsterzeugenden Katastrophengedanken einer Realitätsprüfung zu unterziehen.

Der ängstliche Mensch kann lernen die von ihm überschätzten Pseudogefahren zu relativieren

Er kann lernen das Unbehagen, das die Angst in ihm auslöst, in den Griff zu bekommen, indem er die Realtität überprüft, wieder und wieder. Jedes Mal wenn seine Angst die irrsinnigsten Konstruktionen macht, kann er innehalten und sich die Angst genauer anschauen. Schon damit gelangen wir auf Augenhöhe mit der Angst. Sie macht uns nicht mehr kleiner als wir sind.
Eine hilfreiche Übung um mit der Angst zu arbeiten ist folgende:
Wir setzen uns ruhig hin. Wir atmen ruhig durch die Nase ein und aus. 
Wir sagen uns innerlich:
Ich lasse die Angst zu und beobachte sie, ohne zu bewerten.
Jetzt können wir das Unbehagen und unsere Angst rein körperlich beobachten indem wir auf alle Körpersignale achten, die die Angst sendet. 
Wo sitzt sie? 
Wo macht sie sich bemerkbar? 
Wie fühlt sich das an? 
Aha, das sitzt sie. Aha, so fühlt sich das an!
Und dann atmen wir die "Angst" ein und atmen sie aus mit einem: 
Ja so ist das. Es ist okay.

Auf diese Weise bringen wir Klarheit in eine zuvor diffuse Empfindung. Wir nehmen sie ernst und wir lassen sie zu ohne Widerstand zu leisten.  

Ich mache das oft mit Klienten, ich mache das, wenn ich selbst Angst empfinde.Die Erfahrung zeigt: Indem wir körperlich und mental zur Ruhe kommen, können wir spüren wie das Unbehagen und die Angst sich auflösen.
Es ist den Versuch wert! 

Manchmal müssen wir aufhören unserer Angst zu glauben, dann erkennen wir, dass diese Angst alt ist. Wir erkennen, dass sie uns nicht schützen will, sondern dass sie uns blockiert. Sie ist der Schwellenhüter, der uns von uns selbst und dem Leben trennt.


 


Bei ernsthaften Angsterkrankungen braucht es natürlich therapeutische Begleitung und Interventionen.


 




Donnerstag, 3. Mai 2018

Vom Suchen und Finden

Foto: A.W.

Obwohl eine glückliche Kindheit zu einem vertrauensvollen "In-der-Welt-sein" beiträgt, bedeutet das nicht unbedingt, dass wir im späteren Leben dieses Vertrauen nicht erreichen können. Manche Menschen hatten eine schlimme Kindheit und werden zu zufriedene Menschen, während andere mit einem unguten Start ein Leben lang unter seelischen Störungen leiden. Eine schlimme Kindheit bedeutet nicht das Ende unserer Geschichte, sie bedeutet nicht, dass es immer ungut sein und bleiben muss.

Auch wenn es ein mühevoller und schwerer Weg ist, wir können das Verlorene suchen gehen. Wir müssen nicht in der emotionalen Wüste verharren in die wir ausgesetzt wurden. Wenn wir zu suchen beginnen verändern wir allein durch die Suche die Opferhaltung in die wir uns verkrochen haben. Suchen macht uns zu Gestaltern im Jetzt. Suchen macht uns nach und nach unabhängig von unserer Vergangenheit. Sicher machen wir sie damit nicht ungeschehen, aber wir lassen sie nicht mehr unser Jetzt beherrschen.

Es ist hilfreich unser Leben und damit unsere Biografie als ständige Entwicklung zu begreifen, anstatt den Ausgangspunkt als festgeschrieben zu betrachten. Was nicht war, was uns nicht geschenkt wurde, werden wir zwar ein Leben lang vermissen, aber es gibt anderes Wertvolles was wir uns selbst schenken können: Verbesserung. Darauf haben wir Einfluss.

Verbesserung geschieht nicht von heute auf morgen. Sie ist vielleicht sogar eine lebenslange Aufgabe. Aber sie anzunehmen und zu erfüllen ist besser als alles beim Alten zu lassen, besser als sich der Ohnmacht eines:" Es war immer so, alles wird es immer so bleiben", zu ergeben.

Wenn wir uns auf den Weg machen zum Besseren hin gehört auch das Scheitern dazu. Es gehört dazu einen Schritt nach Vorne zu gehen und wieder zurück und immer wieder nach Vorne, egal wie oft wir zurückgeworfen werden, weil das Alte uns nicht so einfach loslässt. Manchmal sind wir erschöpft von unserer Suche, so erschöpft, dass wir aufgeben wollen, so erschöpft, dass uns resignieren leichter erscheint als weiter zu gehen. Das ist normal, denn das Schwere ist schwer und nicht leicht.

Aber wenn wir glauben, dass alle Bemühungen umsonst sind und wir es niemals schaffen es für uns selbst gut zu machen, bleiben wir seelisch dort wo es begann. Damit machen wir mit uns selbst, was man als Kind mit uns gemacht hat - wir rauben uns das Vertrauen.

Verbesserung geschieht dann, wenn wir am Willen sie zu erreichen festhalten, wenn wir an unseren Träumen und Hoffungen, unserer Sehnsucht und unseren Wünschen auch dann festhalten, wenn es wieder einmal schlimm ist und aussichtslos erscheint. Für mich ist das Suchen wichtiger als das Finden. Diese Haltung kann die Tür für Wunder öffnen, auch wenn sie noch so klein sind.

Dienstag, 1. Mai 2018

Selbstliebe

Foto: A.W.

Wenn wir lernen uns selbst zu lieben, setzen wir gesunde Grenzen. Wir wissen wo wir aufhören und wo der andere anfängt.
Wenn wir lernen uns selbst zu lieben, hören wir auf andere verändern zu wollen. Wir wissen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, auch wenn der andere sich selbst schadet.
Wenn wir lernen uns selbst zu lieben, hören wir auf uns selbst zu schädigen, denn dann achten wir gut auf uns selbst.
Wenn wir lernen uns selbst zu lieben, treiben wir uns nicht mehr an, denn wir lernen mit unseren Kräften zu haushalten, weil wir wissen, dass sie nicht unendlich sind.
Wenn wir lernen uns selbst zu lieben, lassen wir von den Erwartungen, die andere uns erfüllen sollen, weil wir wissen, dass nur wir selbst verantwortlich sind für das, was wir uns wünschen und dass kein anderer das für uns erledigen kann.
Wenn wir lernen uns selbst zu lieben, begegnen wir uns selbst mit dem Mitgefühl, das wir für andere aufbringen, weil wir wissen, dass wir zuerst Mitgefühl für uns selbst haben müssen, bevor wir es anderen geben können.
Wenn wir lernen uns selbst zu lieben, hören wir auf süchtig nach Liebe zu sein, weil wir wissen, dass Sucht zerstörerisch ist und mit Liebe nichts zu tun hat.
Wenn wir lernen uns selbst zu lieben, beruhen unsere Entscheidungen sowohl auf unserem eigenen Wohl, als auch auf dem Wohl unserer Nächsten.
Wenn wir lernen uns selbst zu lieben, lieben wir ohne Anhaftung, denn dann ist Liebe kein Mangel mehr. Wir lieben uns selbst und deshalb werden wir immer geliebt.

Dienstag, 24. April 2018

Was nicht sein kann darf nicht sein



Foto: www

Macht es Sinn, ein illusionsloses Leben zu leben, frei von Illusionen über sich selbst und andere und die Welt? Aber ist das überhaupt möglich? Was ist der Maßstab, um zu erkennen wann es eine Illusion ist, die du dir machst und wann nicht? Wann weißt du, ob etwas wahr ist?

Das Leben ist ein Spiel mit der Täuschung.
Ich kenne keinen der es nicht spielt. Der Mensch lebt in Illusionen, vielleicht weil er nicht anders kann. Er braucht sie um aus dem was ist Projektionen ins Mögliche zu schaffen, er braucht sie um sein Innerstes zu schützen vor Wahrheiten, die nicht aushaltbar sind und um den Schmerz über das Unaushaltbare zu ertragen. So macht sie Sinn, die Illusion, als Selbstschutz vor dem Zerbrechen an der Härte der Wirklichkeit da draußen. Manchmal ist sie lebenserhaltend und damit eine gesunde Wahl, auch wenn die Wahrheit über die Wirklichkeit damit ausgeschlossen wird.

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, so ein Zitat von Ingeborg Bachmann.
Gut. Nur, was ist wahr?
Macht sich nicht jeder selbst sein Bild über die Wahrheit. Sieht nicht jeder nur das, was er sehen kann, geboren aus seiner Sicht auf Welt? Ist es nicht so, dass Wahrheit keine Allgemeingültigkeit besitzt, und meine Wahrheit nicht deine ist und umgekehrt? Ist es nicht so, dass es die Wahrheit gar nicht geben kann, die eine Wahrheit, die Klarheit bedeuten würde.
Nichts ist wahr und nichts ist unwahr.
Aber was ist dann mit der äußeren Wirklichkeit?
Sie ist doch da und damit wahr.
Sie ist da, für sich selbst stehend, aber sie unterliegt den Konstruktionen, die sich Menschen über sie machen, sie unterliegt dem, was sie aus sich selbst heraus hineindeuten.

Was nicht sein kann darf nicht sein.
Wir sehen was wir sehen können und wir bewerten, was wir sehen aus den eigenen Erfahrungen und Konditionierungen heraus. Wir hängen fest an den Wahrheiten, die die unseren sind und schließen Wahrheiten aus, die in unsere Welt nicht passen und wenn uns eine Wahrheit missfällt attackieren wir sie bisweilen. Auch das.
Oder wir blenden sie aus, weil sie in unser Bild von Wirklichkeit nicht passt oder es ankratzt und dann fühlen wir uns hilflos und wieder attackieren wir aus der Ohnmacht heraus, weil Wut noch immer besser zu ertragen ist als Ohnmacht.
Wir wollen es passend, passend für unseren Denkrahmen, der stets Bestätigung sucht um nicht aus den Fugen zu geraten.

So manche Wahrheit zerstört so manche Illusion.
Und je schmerzhafter wir diese Wahrheiten empfinden, je wütender sie uns machen, desto mehr Wahres für uns selbst könnten wir darin finden. Aber dann müssten wir ja eine Illusion verabschieden und die fremde Wahrheit überdenken, sie anerkennen oder sie einfach stehen lassen.

Freitag, 20. April 2018

Vom "Ich will" zum "Ja, so ist es"





Egal ob wir wütend sind, verzweifelt oder am immer Gleichen leiden: Der Schmerz der damit zusammenhängt kommt vom Ego, von dem Wunsch, dass alles so läuft wie wir es gerne hätten, von der verkrampften "Ich-will- Haltung". Wir wollen es so haben wie wir es wollen. Genauso wie wir uns das vorstellen. Wir wollen das Ungute, das Unschöne, das Unbequeme möglichst schnell los werden. Aber wenn wir so denken und je mehr wir uns uns selbst, das Leben oder andere Menschen zurechtbasteln wollen wie es uns passt, desto größer wird unsere Unsicherheit und unsere Angst. 

Je größer die Angst, desto größer das Bedürfnis nach Kontrolle. 
Je mehr wir kontrollieren wollen desto größer wird die Unsicherheit. Ein Teufelskreis der dann endet wenn wir den Ursprung der Angst erkennen. Angst wird nicht kleiner wenn wir sie mit aller Macht überwinden wollen, sie wird kleiner wenn wir sie verstehen und annehmen, wenn wir sie zulassen, anstatt uns dagegen zu wehren oder sie weg haben zu wollen. Genauso ist es mit der Wut und dem Schmerz, wenn wir zulassen diese Gefühle in unser Herz zu lassen, anstatt sie ins Außen zu projizieren - auf die ungerechte Welt, den lieblosen anderen - dann schließen wir Freundschaft mit uns selbst, dann lassen wir bei uns was zu uns gehört, damit verlassen wir das "Ich-will" und kommen an bei "Ja so ist es". Damit beginnt das, was wir inneren Frieden nennen.

Montag, 16. April 2018

Du schaffst das!




Wenn du meinst du schaffst das nicht und keiner dir sagt: "Du schaffst das!"
Dann sag dir selbst: DU schaffst das
Und dann schaffst du das.

 

Sonntag, 15. April 2018

Einsamkeit und wie wir damit umgehen können

 
Foto: AW

Einsamkeit kann zur Qual werden. Die Folgen sind Depression, Verbitterung, Verzweiflung, seelische und körperliche Krankheiten und sogar Selbstmord. Der «Proceedings of the Royal Society B» veröffentlichten Studie zufolge haben einsame Menschen sogar ein deutlich erhöhtes Sterberisiko. Wir alle sind auf enge Beziehungen angewiesen, weil sie unsere Grundbedürfnisse nach Verlässlichkeit, Geborgenheit und Verstehen erfüllen. Ohne diese Beziehungen vereinsamen wir. Fast jeder von uns kennt das Gefühl der Einsamkeit. Man fühlt sich ungeliebt, überflüssig und von aller Welt verlassen.
Aber was genau ist Einsamkeit?
Einsamkeit ist das quälende Gefühl des Getrenntseins von anderen Menschen und die gleichzeitige Sehnsucht nach Verbundenheit in Beziehungen, die erfüllend sind.
Der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar beschrieb die Einsamkeit einmal so: „Wenn dich alles verlassen hat kommt das Alleinsein. Wenn du alles verlassen hast kommt die Einsamkeit.“
Hier spüren wir deutlich: Einsamkeit kommt von innen. 
Der Einsame zieht sich  zurück - vom Außen in sich selbst hinein. Meist aus einer tiefen Enttäuschung heraus, einer Enttäuschung über die Menschen und/oder das Leben, das es nicht gut mit ihm meint. Der Einsame hat den vertrauensvollen Bezug zum Leben verloren, er traut ihm nicht mehr und vor allem, er vertraut anderen nicht mehr. Er verliert sich in seinem eigenen Innenleben und leidet an sich selbst. Die Welt da draußen, hat ihm nichts mehr zu geben. Er hat resigniert und am Ende kapituliert er vor dem was für ihn unerreichbar zu sein scheint -  nämlich sinnvolle, lebendige, erfüllende Beziehungen zu anderen Menschen.

Der Mensch ist  nicht für das Einsamsein geschaffen. Damit glücklich werden nur wenige. 
Auch große Philosophen wie Nietzsche oder Kierkegaard, die sich in die Einsamkeit verzogen, waren damit nicht glücklich. Sie litten an der Unvollkommenheit der Welt, die sie nicht nach ihrem Ideal gestalten konnten trotz allem klugen und tiefen Denkens. Apropos Denken - wer einsam ist denkt viel. 
Denken macht traurig, zu viel denken macht sogar unglücklich. „In allem Denken“, schreibt Schelling in seinem 1809 erschienen Werk „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“, besteht diese Urstrahlung, diese dunkle Materie weiter als Traurigkeit, als Schwermut die zugleich schöpferisch ist. Wir sind gleichsam traurig erschaffen.“  Eine Aussage gesättigt mit dem Gefühl tiefer Melancholie, ein Zustand, der dem Einsamen bestens vertraut ist. Oh ja, Denken kann auch Freude sein, der Einsame jedoch hat die Freude verloren. Seine Einsamkeit ist der Zeitpunkt im Leben an dem er nur sich selbst begegnet. Und findet er in sich selbst nicht den besten Freund so ist das fatal für die Seele.

Einsamkeit ist die Unglücksursache Nummer eins.  
Untersuchungen der Arbeitsgemeinschaft für Präventivpsychologie ergaben, dass Einsamkeit grundsätzlich jeden, unabhängig von Alter, sozialer Schicht und Geschlecht betrifft.   
Es gibt jedoch zwei Phasen im Leben, in denen der Mensch besonders häufig von Einsamkeit betroffen ist, so der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer in seinem Buch „Einsamkeit, die unerkannte Krankheit“.  Zum einen im Alter, da der Stellenwert von Ehe und Familie abgenommen hat und jüngere Menschen. Der Grund: Die Urbanisierung und die übermäßige Nutzung der sozialen Medien. „Die Digitalisierung bringt Menschen nämlich nicht, wie oft behauptet wird, zusammen, sondern bewirkt eine Zunahme von Unzufriedenheit, Depression und Einsamkeit", so Spitzer. Auch das Mitgefühl nimmt laut Spitzer ab: Eine Analyse über drei Jahrzehnte hat einen deutlichen Rückgang der Empathie ergeben. Die Menschen kümmern sich weniger umeinander und legen weniger Wert auf Gemeinschaft wie früher. 

Unsere moderne Welt ist voll einsamer Menschen. Die virtuelle Welt trägt maßgeblich dazu bei. Wir müssen nicht mehr raus ins wirkliche Leben, wir kaufen im Netz ein, wir haben unzählige „Freunde“ in Facebook, die uns Gesellschaft und Bindung vorgaukeln, wir erfahren Anerkennung Aufmerksamkeit via Instagramm, wir suchen im Netz sogar nach potentiellen Lebenspartnern. Singlebörsen und Tinder füttern das Gefühl, dass das Suchen des richtigen Partners mit einem Wisch oder weg wischen gelingen kann. Die Zeiten in denen man einander begegnete irgendwo draußen, sind nahezu vorbei. Der moderne Mensch ist auf sein Handy fixiert, das er sich wie ein Tablett für die Glückseligkeit permanent vor Augen hält. Wie soll der Blick da noch auf das richtige Leben fallen und sich im Blick eines anderen verfangen? Der Mensch ist zum Konsumgut geworden. Man schaut, man wählt, man probiert und wenn es nicht passt - wisch und weg und auf ein Neues. Was bleibt sind unerfüllte Sehnsüchte in einsamen Tagen und Nächten. Das zermürbt die Hoffnung. Und es stumpft ab, uns selbst und anderen gegenüber. 

Die wichtigste Liebesbeziehung ist die zu uns selbst. Aber wir sind fast alle weit davon entfernt uns selbst zu lieben. Und weil es uns an dieser Liebe zu uns selbst fehlt sind wir unglücklich und innerlich leer. Diese Leere suchen wir durch das Außen zu füllen. Wir suchen sie in Beziehungen, im Erfolg, im Konsumieren und über jegliche Art von Ablenkung. Doch dort finden wir sie nicht. Wir bleiben leer und innerlich einsam.

Der Weg aus der Einsamkeit ist schwer. Aber Einsamkeit kann auch der Weg in ein besseres Leben bedeuten.  Wenn wir Einsamkeit nicht als Unglück oder Fluch begreifen kann sie uns vieles begreifbar machen über den Menschen, der wir sind. Ganz wichtig ist es zu begreifen: Wir sind jemand, auch wenn wie einsam sind.
Ich glaube, niemand kommt zufällig in eine Phase der Einsamkeit. Abgesehen von äußeren Umständen, wie der Verlust eines Partners, der Auszug der Kinder oder ein Ortswechsel gibt es durchaus Phasen in denen die Einsamkeit einen Grund hat und einen Sinn macht zu diesem Moment in der Zeit. Und danach könnten wir fragen.
Vielleicht brauche ich einen Cut? Zeit für mich selbst um in mich zu gehen, Zeit auszuruhen, Zeit über mein Leben nachzudenken oder um etwas Wesentliches zu korrigieren, was mir bisher nicht gelang, weil da zu viel war, das mich von mir selbst abgelenkt hat. Oder das Leben will mich dazu bringen endlich Autonomie zu entwickeln, mich unabhängiger machen von anderen. Vielleicht soll ich lernen mich selbst mehr zu lieben und gut für mich zu sorgen, wenn da keiner ist, der das für mich tut.

Wie auch immer die Lernaufgaben aussehen, die in der Einsamkeitsphase verborgen liegen, sie sind eine Chance mehr zu uns selbst zu finden und uns klar darüber zu werden, was wir wirklich wollen und was wir nicht mehr wollen. Einsamkeit ist die wertvolle Chance uns unserer selbst bewusst zu werden. Werde dir deiner selbst bewusst!, das ist der verborgene Schatz, der auf dem dunklen Grund der Einsamkeit liegt. All das sind Möglichkeiten die Qual der Einsamkeit zu wandeln – in ein Gefühl der Unabhängigkeit, der Selbstbewusstheit und der inneren Freiheit. Dazu gehört allerdings, dass wir akzeptieren, dass es jetzt so ist.

„Jeder ist allein“ schreibt Hermann Hesse in seinem Gedicht „Im Nebel“. 
Ja so ist es. Und weil das so ist, tun wir gut daran, das zu akzeptieren. Menschen sind Begleiter, manche auf kurzen Strecken, andere ein Leben lang, aber wir selbst begleiten uns jeden einzelnen Tag in guten und in schlechten Zeiten. Dann wäre es doch gut, wenn wir gut zu uns selbst sind. Und dazu gehört Zufriedenheit aus uns selbst zu ziehen, anstatt sie immer im Außen zu suchen. 

Um mit der Einsamkeit Frieden zu schließen könnten  wir erst einmal innehalten und aufhören vor ihr zu flüchten. Denn nur was wir annehmen kann sich wandeln.
Und wenn es mal wieder ganz schlimm kommt, könnten wir uns fragen: Was brauche ich jetzt, damit es mir besser geht? Brauche jetzt wirklich Jemanden außer mir selbst?  Die Erfahrung zeigt: Es ist ein sinnloses Unterfangen die innere Leere durch die Anwesenheit anderer Menschen zu füllen. Ein Fass ohne Boden.
Einsamkeit verliert dann ihren Schrecken, wenn wir sie annehmen. Wenn wir uns nicht als Opfer sehen, als bemitleidenswert und von aller Welt verlassen. Das ist schwer, denn viele von uns triggert dieses Verlassenheitsgefühl, das wir aus der Kindheit kennen. Und genau darum ist es so wichtig dieses Kind in uns nicht zu verschrecken, indem wir seine Angst und seine Hilflosigkeit füttern, sondern es liebevoll zu versorgen mit dem, was wir in diesem Moment in der Zeit haben, auch in der Einsamkeit – die Möglichkeit der Zuwendung, der Fürsorge, der Achtsamkeit und der liebevollen Annahme unserer Selbst. Wenn das alleine nicht gelingt: Sich dabei helfen zu lassen ist keine Schwäche, sondern ein Akt der Selbstliebe.



Mittwoch, 11. April 2018

Identität



Malerei: A. Wende

Identität erfassen, begreifen des Ganzen in der Summe aller Einzelteile, die Menschsein ausmachen ist schwer. Identität - eine in sich und in der Zeit erlebte Einheit eines Menschen, im Sinne des Bewusstseins: „Das bin ich, in diesem Moment in der Zeit.“  
Das Wesen des Menschen ist komplex, es lässt sich nicht einfach erklären, nicht einfach analysieren, nicht verallgemeinern und letztlich nicht verstehen. Es sind unzählige Wesen, die in uns existieren, viele Ichs, eine Welt von Gedanken, Gefühlen, Konditionierungen, Erlebtem und Erfahrenem, ein Mikrokosmos von gezähmter, roher und sublimierter Natur, eine Welt von Sehnsüchten und Spannungen, die unsere Identiät formieren. 
Wir schwingen nicht nur zwischen zwei Polen, etwa dem Geist und dem Trieb, wir schwingen zwischen unzähligen Polpaaren beständig hin und her auf der Suche nach unserer Identität, die scheinbar gefunden, schon längst eine andere ist und bald eine andere sein wird. Das Selbst ist keine konstante Größe. Identität ist wandelbar, in Veränderung wie das Leben selbst.

Wir täuschen uns am meisten in uns selbst. 

Wer bin ich und was wähle ich zu sein?
Was brauche ich um ich selbst zu sein?
Kann ich mir Identität erschaffen? 
 
Und geht es nicht einzig darum zu erkennen wer und was wir sind, uns unserer selbst gewahr zu werden, uns gewahr zu werden was aus unseren Absichten hervorgeht und wie es sich in der Welt zeigt? Die Welt, der Spiegel unseres eigenen Seins? 
Vielleicht ist es so, vielleicht ist es nicht so. 

Was ist es, was wir brauchen um nicht in der blinden Egomanie einer hochgetriebenen Individuation zu verharren, die nichts anderes bewirkt, als die Trennung vom eigenen Ich, von Ich und Du, die Trennung, die zur Folge hat sich gegen das Ich zu kehren, um es letztlich einsam zurück zu lassen.
Wer sich seiner Selbst bewusst ist, ohne das Selbst als monologisch zu begreifen, wer sein EingebundenSEIN in die Welt, wer die Wirkungsweise des schöpferischen Prinzips spürt, kennt, achtet und lebt, wer weiß, dass Wandel Leben ist, SEIN ist, ist auf dem Weg sich selbst auch nur annähernd zu begreifen.
Die Suche geht weiter ...

Montag, 9. April 2018

Gedankensplitter



Foto: AW


Manchmal zögern wir, verschieben Tag für Tag, tun die eigenartigsten Dinge, nur um nicht einsehen zu müssen, dass etwas unlösbar, kaputt, sinnlos oder längst verloren ist.
Wir warten auf den Moment, wo wir die Entschlossenheit finden zu handeln, aber er kommt nicht. Wir fühlen die totale innere Niederlage für die es keine Erklärung und keine Rechtfertigung gibt, die sie weniger schmerzhaft machen könnte.
Dann kommt die Angst, dass wir uns davon nie mehr erholen.


Samstag, 7. April 2018

Grenzen


Foto: AW

Manchmal müssen wir den Ort wechseln um die Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Dann kann es sein, dass das, was wir in der Gewohnheit des Alltags verdrängen, wie ein Ball, den wir lange unter Wasser gedrückt haben, plötzlich hochploppt. Wir erschrecken wie blind wir doch waren, wie beharrlich im Augen verschließen nur um diesen Ball nicht sehen und alles was sich in ihm verbirgt, nicht fühlen zu müssen. Aber jetzt schwimmt er da oben auf der glatten Oberfläche des Wassers an diesem fremden Ort an dem die Gewohnheiten fehlen und all das was zu tun ist, dieser Ort an dem so vieles neu ist und unbekannt und fremd und wir haben wohl den Blick erweitert über das Vertraute hinaus, das uns sonst so schön von uns selbst ablenkt, und wir sehen den Ball groß und deutlich und wenn es dumm läuft, gruselt es uns vor ihm.
Am Liebsten würden wir ihn wieder nach unten drücken, aber wir zögern und lassen es, weil etwas in uns sagt: Schau hin, jetzt und sei ehrlich beim Schauen dessen, was da vor dir liegt.

Das kann sehr weh tun. Das kann uns erschüttern. Das kann uns das Herz zerreissen und uns in eine tiefe Traurigkeit stürzen. All diese Gefühle machen uns klar: Es ist genug, genug versucht so zu tun, als könnten wir weiter machen mit dem was ungut ist, genug der faulen Kompromisse und genug der Verleugnung unserer selbst. Da schwimmt sie vor uns die Lüge in der wir leben, die Selbstlüge und die Illusion, mit der wir so lange beschönigt haben was nicht schön ist. Verändere es! hämmert es im Kopf und am Liebsten würden wir es überhören, weil es so schwer ist das Vertraute loszulassen. Denn dann fehlt so vieles. Dann müssen wir so vieles anders machen und so viel Kraft haben wir doch gar nicht um über unseren Schatten zu springen und am Liebsten würden wir diesem verdammten Ball die Luft herauslassen, damit er uns nicht mehr so fordernd anstarrt. Aber wir lassen es, wir sind es müde zu verdrängen, müde zu leiden. Schlafen wäre jetzt gut und dann aufwachen und alles ist gut. Aber schlafen geht nicht, weil wir hellwach sind, erwacht sind aus unserem Dornröschenschlaf, und nein, da ist kein Prinz, der uns in die Arme schließt und alles wird gut, da ist nichts ausser wir selbst und die Wahrheit, die wir verleugnet haben.

Kein schönes Erwachen ist das. Nichts ist einfach was schwer wiegt.
Verdammt warum kann es denn nicht einmal einfach sein?, grummelt die Wut auf das Schwere und wir mögen sie nicht die Wut, weil wir spüren dahinter steckt die Ohnmacht, die noch schwerer wiegt als alle Wut der Welt und dann kommt die Traurigkeit darüber wie hilflos uns das Leben machen kann. Ach, wenn wir doch nur endlich frei wären ohne etwas dafür tun zu müssen. Glücklich wollen wir sein und eins mit dem was ist und nicht entzweit von uns selbst und dem was wir so gerne hätten und nicht bekommen können, egal wie oft wir es schon versucht haben.
Was verdammt haben wir falsch gemacht?

Und was, wenn wir nichts falsch gemacht haben?
Was, wenn wir einfach gemacht haben, was wir konnten und es nicht besser machen konnten und das Beste getan haben, was wir konnten?
Und dann vielleicht einsehen müssen, dass wir nicht alleine sind beim Machen in diesem Leben?
Einsehen, dass wir eingebunden sind in eine Vielfalt von inneren und äußeren Bedingungen und Umständen, die unser Leben wie ein Rahmen einengen, über den hinaus wir nun einmal nicht kommen können, so sehr wir uns auch abmühen?

Die Einsicht der Begrenzung unserer Möglichkeiten ist schwer.
Aber die Einsicht, dass uns nicht alles gelingen kann ist auch weise. Einsehen, dass wir Grenzen haben, innen und außen. Weil wir nicht alleine sind auf der Welt und immer eingebunden in einen Kontext, Beziehungen und Lebensumstände, die sich eben nicht gestalten lassen nach unseren Wünschen. Es gibt diesen Fluss im Leben, der uns mit sich nimmt ohne das wir dagegen schwimmen können. Es gibt ihn diesen Faktor der Nichteinflussnahme, es gibt sie, diese Ohnmacht, der wir uns beugen müssen.
Und was dann?
Dann tun wir das. Wir beugen uns ihr, denn wenn wir es nicht tun, tut sie es für uns.
Und das ist im Zweifel dann so schmerzhaft wie ein platzender Ball, dessen Fetzen uns ins Gesicht fliegen.
 



Freitag, 30. März 2018

Gedankensplitter


Foto: AW


Sehn süchtig ...

Sehnsucht ist Antrieb und Falle zugleich.
Verhangen in der Sehnsucht treibt die Gefühlswelt Blüten, deren Ranken den Verstand überwuchern und das ersehnte Unmögliche inmitten des nüchternen Daseins erschaffen.
Täuschung ist möglich.
Bilder die sich in Projektionsflächen des Ersehnten im Kopf formieren überschreiten die Grenzen des Außen und formieren sich zu Illusionen.
Kippgefahr.
Vorsicht zurückgedrängt, Umsicht vergessen, Realität verleugnet.
Die Sehnsucht hat Flügel, die sich an ihrem eigenen Feuer leicht verbrennen. Ins Übermaß getrieben treibt sie den Sehnsüchtigen von sich selbst fort, lenkt den Blick in den Tunnel an dessen Ende das Licht des eigenen Spiegels blendet.
Der Spiegel zeigt das Selbst.
Schauend verbleibt es.
Sehnsüchtig unerlöst.
Auf sich selbst zurückgeworfen.

Mittwoch, 28. März 2018

Eigentlich


Foto: A. Wende
 
Manchmal ist es schwer durch die Tage zu kommen, wenn alles in einem Einheitsbrei dahinschwimmt und nichts geschieht, was uns Leben fühlen lässt. Und manchmal ist da viel zu viel Leben. Dinge, die uns überfluten, die zu erledigen sind, Dinge, die man von uns erwartet. Wir sind nicht allein auf der Welt und das wäre auch nicht schön, aber es macht Sinn darüber nachzudenken mit wem wir auf der Welt, in unserer kleinen Welt, sind und von wem Erwartungen an uns heran getragen werden.

Was sind das für Menschen, die uns begleiten, die um uns herum sind mit ihren Erwartungen und Wünschen? Sind es Menschen, die für uns da sind, wenn wir sie brauchen und auch wenn wir sie nicht brauchen, weil sie einfach gern mit uns zusammen sind? Sind es Menschen, die uns Wertschätzung und liebevolle Zuneigung schenken, auch wenn wir mal nicht so gut drauf sind? Sind es Menschen, mit denen wir lachen können und Freude teilen, die uns respektvoll behandeln und uns nicht missachten, belügen oder sogar hintergehen? Oder sind wir umgeben von Menschen, die immer etwas von uns wollen, die ein schiefes Gesicht machen wenn wir einmal nicht wollen, im Sinne von - für sie da sein wollen. Da mal Bilanz zu ziehen lohnt sich.

Unsere Mitmenschen und unsere Beziehungen wählen wir selbst. Und manchmal wählen wir Menschen und führen Beziehungen, die nicht gut oder irgendwann nicht mehr gut für uns sind und geben ihnen dennoch einen festen Platz in unserem Leben. Manche Menschen teilen ihr Leben sogar über Jahrzehnte mit einem Menschen, der gar nicht gut für sie ist und haften ihm an. Würden sie mit klarem Blick sehen und zulassen was sie sehen, nämlich, dass dieser Mensch einfach nicht passt oder nicht mehr passt, würde ein Konstrukt aus Selbstbetrug wie ein Kartenhaus zusammenfallen.

In der Praxis erlebe ich oft, dass Menschen in Beziehungen verharren in denen sie "eigentlich", das ist dann das bevorzugte Wort, nicht glücklich sind. Aber sie bleiben, als gäbe es keine andere Wahl, keine anderen Wege und keine andere Möglichkeit als sich mit diesem "eigentlich" zu arrangieren. Die Gründe für derartige Arrangements sind meist die gleichen. Ich höre dann Worte wie Sicherheit, wobei meistens die finanzielle Sicherheit gemeint ist, denn wie will ich mich sicher fühlen in einer Beziehung die auf einem emotionalen "eigentlich" basiert? Ich höre "Vertrautheit" oder "wir sind ein gutes Team", oder "Gewohnheit" oder, und - das ist die ehrlichste aller Antworten: "Ich habe Angst vor dem Alleinsein. Ich weiß ja auch nicht, ob ich jemals noch jemanden finde."

Alleinsein ist nicht schön. Wir alle wollen unser Leben und das was uns wertvoll und wichtig ist teilen, aber ist es schön die kostbare Lebenszeit mit einem Gegenüber zu teilen, das man eigentlich gar nicht mehr an seiner Seite haben will? Ist es schön die tiefsten Bedürfnisse nicht leben zu können, weil der, mit dem man lebt, sie nicht erfüllen kann oder will? Ist es schön Geld zu haben mit dem man lauter Dinge kauft, die man gar nicht braucht, um zu kompensieren wie leer es sich Innen anfühlt? Ist es schön jeden einzelnen Tag an der Sehnsucht nach einem besseren, liebevolleren, aufregenderen Leben zu leiden und den Frust zu spüren, der täglich wächst und das Antlitz kein bisschen schöner macht? Ist es schön sich vorzumachen es sei Liebe, wo es in Wahrheit nur Angst ist oder Gewohnheit oder die Unfähigkeit loszulassen, weil - was man hat, hat man?

Anscheinend ist das zwar nicht schöner, aber um so viel einfacher und um so viel bequemer als die  Flügel auszubreiten und den Abflug aus dem Sicherheitsnest zu wagen in Richtung Freiheit, denn genau die wartet hinter den Käfigstäben der Scheinsicherheit und des "eigentlich".
Und ja, diese Freiheit hat ihren Preis. Sie hat vielleicht sogar einen hohen Preis, nämlich erst einmal das Alleinsein und das sich Einschränken müssen. Man muss vieles selbst erledigen, man muss sich um vieles selbst kümmern, man muss für sich selbst sorgen - vor allem das. Und genau das ist es was so viele unglückliche Menschen in unglücklichen Beziehungen ausharren lässt - sie können sich nicht vorstellen für sich selbst sorgen zu müssen. Sie sind wie verwöhnte Kinder, die das nicht gelernt haben und sich hartnäckig davor drücken es lernen zu wollen.

Im Grunde ihres Herzens wissen sie das und das macht Angst. Ich verstehe das gut. Aber wie ist das "eigentlich" wenn ich ein Leben lang ein Kind bleibe, das versorgt sein will? Es ist ein ungückliches Leben, ein unreifes, ein ungereiftes Leben, das alle Potenziale, alle Gaben, alle Sehnsüchte und alle Träüme einsperrt.






Sonntag, 25. März 2018

Gedankensplitter





Malerei: AW

Die Wucht mit der uns das Leben manchmal vor den Kopf stößt, 
um uns eine Lektion klar zu machen, die wir partout nicht lernen wollen, 
ist proportional zum Grad unserer Weigerung zu wachsen und zum Ausmaß unserer Selbstlügen.

Immer dann, wenn du dich weigerst dein Leben in die Hand zu nehmen, 
wendet es sich gegen dich.

Montag, 19. März 2018

Was unser Selbstwertgefühl mit Zufriedenheit zu tun hat

Foto: A. Wende

Selbstwertgefühl, die Auffassung wer man ist und wie wertvoll man ist, speist sich aus drei Quellen: Die Selbstwahrnehmung (Selbstbeobachtung), aus der heraus wir von unserem eigenen Wert überzeugt sind, der Vergleich, den wir mit anderen herstellen und die Anerkennung durch unsere Umwelt. Wer allerdings sein Selbstwertgefühl maßgeblich vom Vergleich und sozialer Anerkennung abhängig macht, schöpft aus keiner guten Selbstwertquelle. 

Wirklich selbstbewusst sind Menschen die aus sich selbst heraus wissen, wer sie sind. Ihr Selbstwertgefühl bleibt bestehen, wenn die Anerkennung vom Außen plötzlich ausbleibt, wenn sie einen Job verlieren oder wenn eine Beziehung zerbricht. Wer sein Selbstwertgefühl daraus zieht, dass er attraktiv, erfolgreich, in Beziehung und vermögend ist geht auf dünnem Eis. Verliert er das eine oder das andere gerät sein Selbstwert schwer ins Wanken. Das beginnt bei manchen Menschen schon wenn sie älter werden, wenn die Attraktivität schwindet oder wenn sie einen Misserfolg oder einen Karriereknick verkraften müssen. Dann bricht das fragile Selbstkonzept zusammen und sie geraten in eine tiefe Krise. Das Bild, das sie von sich hatten und das maßgeblich auf Äußerlichkeiten und dem was sie hatten oder vorzuweisen hatten basierte, bröckelt, es hält dem Vergleich nicht mehr stand. Die fehlende Anererkennung trägt dazu bei, dass das illusionistische Gebäude des scheinbaren Selbstwertes der Realität nicht mehr stand hält.

Je mehr wir von Einschäzungen und Wertungen anderer abhängen, desto unsicher und instabiler sind wir im Inneren. Daher ist es förderlich uns auf den inneren Raum zu konzentrieren. Dazu ist es hilfreich zu uns selbst freundlich und liebevoll zu sein und Wohlwollen uns selbst gegenüber zu pflegen, anstatt darauf zu achten wie wohlwollend die Welt um uns herum auf uns und unser Tun reagiert. Man könnte sich klar machen: "Was andere über mich denken, kann ich gar nicht wissen. Es ist auch nicht wirklich wichtig, was die anderen denken, denn leben muss ich mein Leben im Zweifel ohne die anderen." Mit dieser Haltung befreien wir uns nach und nach von der Wertung durch das Außen, das keine verlässliche Größe ist, wenn es darum geht ein zufriedenes Leben zu führen. Die Wertschätzung uns selbst gegenüber ist der Schlüssel für Unabhängigkeit und Zufriedenheit. Zufrieden ist, wer im Frieden mit sich selbst ist und die Bedingungen unter denen er lebt akzeptiert, wer dankbar ist für das, was er hat und ist, anstatt ständig an das zu denken, was er nicht oder nicht mehr hat und was er nicht ist.