Sonntag, 23. August 2026

Weil ich endlich geliebt sein will: Aus der Innenwelt einer Co-Abhängigkeit

 



Manche meiner Leser hier, haben mein Buch vielleicht schon gelesen. Dafür möchte ich heute einfach einmal von Herzen Danke sagen, für euer Vertrauen, eure Rückmeldungen und dafür, dass ihr euch auf dieses sensible und tiefgehende Thema eingelassen habt. Jede einzelne Rückmeldung bedeutet mir sehr viel. 
 
„Weil ich endlich geliebt sein will.“
Dieser Satz ist der Titel meines Buches und er beschreibt für mich sehr viel von dem, was hinter Co-Abhängigkeit steht. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich dieses Thema nicht nur aus psychologischer Perspektive kenne, sondern aus meiner eigenen Erfahrung.
Co-Abhängigkeit entsteht häufig dort, wo wir uns immer stärker mit den Gefühlen, Bedürfnissen und Problemen eines anderen Menschen verstricken. Wir spüren, was der andere braucht, übernehmen Verantwortung für seine Gefühle, versuchen Konflikte zu vermeiden, helfen, versuchen zu retten und halten aus. Und während wir immer mehr für den anderen tun verlieren wir uns selbst. Aus Fürsorge wird Selbstaufgabe. Aus Verbundenheit wird emotionale Verstrickung. Und irgendwann fällt es schwer zu unterscheiden: Was fühle eigentlich ich? Was brauche ich? Wo enden die Bedürfnisse des anderen und wo beginnen meine eigenen? Ich kenne diese Dynamik aus meinem eigenen Leben. Deshalb war es mir wichtig, in meinem Buch nicht psychologisches Wissen zu vermitteln, sondern meine persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse.
 
Co-Abhängigkeit ist kein persönliches Versagen.
Co-Abhängigkeit kann grundsätzlich jeden treffen, weil sie weniger eine bestimmte Persönlichkeit beschreibt als ein Beziehungsmuster, das sich unter bestimmten Bedingungen entwickeln kann. Häufig entsteht sie dort, wo wir uns immer stärker mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Problemen oder der Sucht eines anderen Menschen verstricken. Oft sind es zudem erlernte Beziehungsmuster, die einmal geholfen haben, Nähe, Sicherheit oder Anerkennung zu bekommen. Der Weg aus der Co-abhängigkeit beginnt deshalb nicht mit Selbstvorwürfen, sondern mit Verständnis, Selbstmitgefühl, Bewusstheit und dem Mut, uns selbst wieder wichtig zu nehmen.
 
Dieses Buch liegt mir sehr am Herzen.
Es ist ein Buch über Verstrickung, Selbstverlust, Selbstwert und den Weg zurück zu sich selbst. Wenn du dich in diesen Worten wiedererkennst, schau dir mein Buch gerne an. Vielleicht findest du darin Gedanken, die etwas in dir bewegen. Und wenn du jemanden kennst, der sich ständig um andere kümmert und sich dabei selbst immer mehr verliert, teile diesen Beitrag gerne. Vielleicht ist dieses Buch der Impuls, den jemand gerade braucht.
 
Du musst dich nicht selbst verlieren, nur weil du geliebt sein willst.

Samstag, 22. August 2026

Innerer Frieden

 



Was bedeutet innerer Frieden für mich? 
Diese Frage stelle ich mir an diesem Morgen, nach einem Vorfall, der mich zutiefst schockiert und befremdet hat. Für mich bedeutet innerer Frieden, mit mir selbst im Einklang zu sein. Das bedeutet nicht, dass ich keine Sorgen, Ängste oder Probleme habe. Vielmehr bedeutet es, trotz all dem einen ruhigen Ort in mir zu bewahren und ihn zu schützen. Einen Ort, an dem ich ich selbst sein kann, ohne Erwartungen zu erfüllen oder mir selbst und anderen etwas beweisen zu müssen und ohne alles oder jeden verstehen zu müssen. 
 
Oft verlieren wir unseren inneren Frieden, weil wir zu sehr nach außen schauen. 
Wir denken darüber nach, wie es anderen geht, was andere über uns denken, machen uns Sorgen über Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben, oder versuchen zu kontrollieren, was wir nicht kontrollieren können. Dabei vergessen wir, auf uns selbst zu hören. Wir vergessen, uns selbst wahrzunehmen. Oder wir nehmen etwas wahr und verdrängen oder beschönigen es, weil wir glauben, dass wir es nicht einfach loslassen können.  Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, meinen inneren Frieden zu schützen. Ich habe gelernt, schneller loszulassen, was mir nicht guttut oder mich zu viel Energie kostet. Nicht jeder Streit muss gewonnen, nicht jede Meinung beantwortet und nicht jedes Problem gelöst werden. Nicht jeder muss mich mögen, und ich muss mich nicht verbiegen, um gemocht zu werden. Ich muss mich nicht erklären oder rechtfertigen, wenn ich etwas sage oder fühle, nur weil andere damit nicht umgehen können.
 
Manchmal bedeutet Frieden auch, bewusst zu sagen: Das lasse ich nicht mehr an mich heran. Ich lasse es sein. Diese Situation, diesen Menschen, diesen Gedanken, ich lasse los. Denn was mir nicht guttut und sich nicht gut anfühlt, kostet mich nicht nur Kraft, sondern auch meinen inneren Frieden. Und je älter ich werde, desto bewusster wird mir, wie kostbar er ist. Kostbarer als vieles, was ich im Außen finden kann. Innerer Frieden ist für mich keine Flucht vor der Welt. Es ist die Fähigkeit, inmitten all des Lärms bei mir selbst zu bleiben. Ich kann nicht bestimmen, was in meinem Leben passiert, ich kann andere nicht ändern, aber ich kann entscheiden, welchen Einfluss die Dinge auf mich haben. Und darin liegt für mich innere Freiheit. Ich darf meiner Wahrnehmung vertrauen. Sie erinnert mich daran, auf mich selbst zu hören und mich nicht zu verlieren, egal, was um mich herum geschieht. Ich bleibe bei mir, um meines inneren Friedens willen.
 

„Jene, die den Weg der Achtsamkeit gehen,
Haften nicht an Orten, Menschen, Dingen,
Wie Schwäne erheben sie sich vom See,
Lassen Orte, Menschen, Dinge los.“


Buddha


Freitag, 21. August 2026

Ein Versuch von Leben




 
Alles Liebe“ heißt Ronja von Rönnes neues Buch.
Nur dass von Liebe in diesem Buch nicht die Rede ist, eher vom Geliebtwerdenwollen, was den Protagonisten aber nicht gelingt, obwohl sie einiges dafür tun und vieles dafür halten.
Es geht um Selbstlügen, ums Anlügen, um Lebenslügen. Die Menschen in den Geschichten sind erbärmlich, verzweifelt, neurotisch, depressiv, größenwahnsinnig, frustriert, resigniert, mutlos, verbittert, obsessiv und alle sind auf ihre eigene Weise einsam. Sie alle sind Menschen, die nebeneinanderher leben, geliebt werden wollen und doch nicht wissen, wie man sich selbst und anderen wirklich nahekommt. Und sie alle haben ihre Strategien, mit denen sie versuchen, ihren Mangel an Liebe zu kompensieren.
 
Sie leiden unter ihren Lebensumständen, tragen aber gleichzeitig selbst dazu bei, dass sich diese Umstände immer weiter verfestigen. Sie leben nicht wirklich, sondern reagieren nur noch auf ihr eigenes, immer enger werdendes Konstrukt von Wirklichkeit. Ihr Leben ist ein Drüberleben, ein Versuch von Leben, der am Ende scheitert. Sie schaffen sich ihre eigene Wirklichkeit, die bisweilen so absurd, befremdlich und grotesk daherkommt, dass sie einem trotz ihrer Erbärmlichkeit nicht einmal leidtun. Sie werden nicht erklärt. Man muss sie aushalten. Sie sind Opfer, die zu Tätern werden, Opfer, die es nicht schaffen, aus dem Hamsterrad auszusteigen und Eigenverantwortung zu übernehmen, und stattdessen einen Kampf gegen sich selbst führen, den sie am Ende nicht gewinnen. Und irgendwie wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, dass sie alle in die Psychiatrie gehören, damit ihnen geholfen werden kann. 
 
Ronja von Rönne beschreibt das stille Leid ihrer Figuren mit einer an Empathielosigkeit grenzenden Distanz. Jedem von ihnen widmet sie ein Kapitel und überschreibt es mit dem Vornamen ihrer trostlosen Heldinnen und Helden. Sie bewertet nicht, interpretiert nicht, psychologisiert nicht. Sie beobachtet und beschreibt. Gerade dadurch werden ihre Figuren so unangenehm wirklich. "Alles Liebe" ist ein ziemlich liebloses Buch. Und am Ende fragt man sich, ob es solche lieblosen Leben wirklich gibt. Ja, es gibt sie. Und gerade das macht das Buch noch trostloser, weil es eine Wirklichkeit abbildet, die sich Tag für Tag hinter verschlossenen Türen abspielt.

Dienstag, 18. August 2026

Wenn niemand mehr da ist, der uns sieht

 



„Was ist ein Leben noch wert, wenn ein Mensch vollkommen allein ist und niemanden mehr hat?“, fragte mich gestern eine verzweifelte Klientin. Im Laufe der letzten zwei Jahre hat sie alle Menschen verloren, die ihr etwas bedeutet haben. Ich kann mit ihr fühlen. Auch ich habe wichtige Menschen in meinem Leben verloren. Auch ich kenne Momente, in denen die Frage auftaucht: Was bleibt, wenn die Menschen fehlen, die meinem Leben Bedeutung gegeben haben? Das ist eine zutiefst existenzielle Frage.
 
Wenn ein Mensch vollkommen allein ist, kann sich das Leben tatsächlich wertlos anfühlen. 
Wenn Alleinsein zu Einsamkeit wird, kann diese Einsamkeit das eigene Selbstbild verändern. Man fühlt sich verlassen, überflüssig, bedeutungslos, vergessen und nicht mehr gebraucht. Der Blick auf das eigene Leben wird enger. Was gestern noch selbstverständlich wertvoll erschien, kann plötzlich leer wirken. Doch das Gefühl von Wertlosigkeit ist nicht dasselbe wie tatsächliche Wertlosigkeit. Ein Mensch kann sich wertlos fühlen, ohne wertlos zu sein. Das klingt wie eine einfache Unterscheidung. Für einen Menschen in tiefer Einsamkeit ist sie jedoch schwer zu spüren. Einsamkeit ist nicht bloß ein Gedanke. Sie ist ein schmerzhafter emotionaler Zustand. 
 
Wir Menschen sind soziale Wesen. 
Wir brauchen Resonanz, Nähe, Zugehörigkeit, Berührung, Blickkontakt und das Gefühl, für jemanden Bedeutung zu haben. Beziehungen helfen uns dabei, uns selbst zu erkennen, zu entwickeln und zu regulieren. Das Ich braucht das Du. Deshalb würde ich einem einsamen Menschen niemals sagen: Du brauchst keine anderen Menschen. Dein Leben hat auch allein genügend Wert. Das klänge zwar philosophisch, könnte aber menschlich etwas völlig anderes vermitteln, nämlich, dass sein Bedürfnis nach Nähe ein Zeichen von Abhängigkeit oder Bedürftigkeit sei. Das ist es nicht. Der Wunsch nach Verbundenheit ist kein Defizit. Er gehört zu unserem Menschsein.
 
Wenn wir uns wertlos fühlen, weil wir niemanden mehr haben, zeigt das nicht, dass wir tatsächlich wertlos sind. Es zeigt wie sehr uns Beziehung fehlt. Einsamkeit ist ein Gefühl, und dieses Gefühl verweist auf ein zutiefst menschliches Bedürfnis.
Was aber bleibt, wenn niemand mehr da ist?
Was ist mit einem Menschen, der tatsächlich niemanden mehr hat? Kann ein Leben seinen Wert verlieren, wenn es nicht mehr gesehen, geliebt oder gebraucht wird?
Sicher nicht.
 
Der Wert eines Menschen hängt nicht ausschließlich davon ab, ob andere ihn bestätigen. Er ist nicht an Status, Beziehungen, Leistung oder gesellschaftlichen Nutzen gebunden. Ein Mensch ist nicht erst dann wertvoll, wenn jemand anderes ihn wertvoll findet. Er ist da. Er erlebt. Er fühlt. Er denkt. Er erinnert sich. Er nimmt wahr. Er kann etwas erschaffen, etwas betrachten, sich selbst begegnen. Das bedeutet nicht, dass Existieren sich immer wertvoll anfühlt.
 
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied.
Der objektive oder philosophisch angenommene Wert eines Lebens und das subjektive Gefühl, dass dieses Leben wertvoll ist, sind nicht dasselbe. Ein Mensch besitzt einen unverlierbaren Wert besitzen und kann sich gleichzeitig vollkommen wertlos fühlen. Und manchmal ist genau diese Diskrepanz kaum auszuhalten.
 
Kann Einsamkeit einen Menschen zerstören?
Die Antwort ist komplizierter, als „Ja“ oder „Nein“.
Chronische Einsamkeit und soziale Isolation können die psychische und körperliche Gesundheit erheblich belasten. Sie können mit Depressionen, Angst, Schlafproblemen, Sucht, kognitiven Beeinträchtigungen und anderen gesundheitlichen Problemen verbunden sein. Für viele Menschen ist dauerhafte Beziehungslosigkeit eine enorme Belastung. Aber Belastung bedeutet nicht zwangsläufig Zerstörung. Wir Menschen besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Anpassung. Wir können innere Strukturen entwickeln, Erinnerungen bewahren, Beziehungen innerlich weiterführen, mit uns selbst sprechen, imaginieren, schreiben, beten, Musik hören, Kunst betrachten oder schaffen, in der Natur sein und uns sinnhafte Aufgaben geben. All das ersetzt Beziehung nicht. 
 Ein Gespräch mit uns selbst ist kein Ersatz für eine Umarmung. Eine Erinnerung ist keine gegenwärtige Beziehung. Selbstgenügsamkeit ersetzt keine Zugehörigkeit. Aber diese inneren Ressourcen können helfen, eine Zeit zu überstehen, in der äußere Verbindung fehlt.
 
Was, wenn ich für immer allein bleibe?, fragt meine Klientin weiter. Was, wenn es keine Beziehung mehr gibt? Was, wenn niemand mehr meinem Leben zusieht? Was, wenn mich niemand mich braucht und niemand sich an mich erinnert?
Selbst dann bliebe eines bestehen: Ihr Erleben. Schmerz wäre weiterhin Schmerz. Freude wäre weiterhin Freude. Ein Gedanke wäre weiterhin ein Gedanke. Eine Entscheidung wäre weiterhin eine Entscheidung. Ihre Wirklichkeit würde nicht dadurch unwirklich, dass niemand sie bezeugt.
 
Das kann beängstigend sein. Zugleich kann darin eine besondere Form von Freiheit liegen: die Freiheit, uns nicht ausschließlich über die Blicke anderer zu definieren.
Doch diese Freiheit bedeutet nicht, dass andere Menschen unwichtig werden. Im Gegenteil. Gerade weil wir frei sind, dürfen wir entscheiden, dass Beziehungen für uns wichtig sind. Wir dürfen entscheiden, dass wir Nähe brauchen. Wir dürfen uns neuen Begegnungen öffnen. Freiheit bedeutet nicht, niemanden zu brauchen. Sie bedeutet auch, anerkennen zu können, was wir brauchen.
 
Nicht jede Einsamkeit muss in eine philosophische Erkenntnis verwandelt werden. Nicht jeder Schmerz braucht sofort einen Sinn. Manchmal ist Einsamkeit einfach nur schmerzhaft.
Aber wir können entscheiden, wie wir uns zu ihr verhalten.
Ich bin allein, aber ich bin nicht wertlos. Ich habe Menschen verloren, aber ich habe dadurch nicht meine Fähigkeit verloren zu lieben. Ich kann die Vergangenheit nicht zurückholen, aber ich weiß noch, was Beziehung für mich bedeutet. Und dieser Schmerz der Einsamkeit zeigt mir, wonach ich mich sehne.
 
Es ist keine Lösung Einsamkeit zu romantisieren.
Es wäre eine gefährliche Vereinfachung zu sagen: Du brauchst niemanden. Lerne einfach, dir selbst zu genügen, dich selbst zu lieben. Selbstliebe bedeutet nicht, ich kann auf die Liebe von anderen verzichten. Wir dürfen uns nach Liebe sehnen. Wir dürfen anerkennen, dass ein Leben ohne Beziehungen für uns persönlich schwer vorstellbar ist. Und trotzdem bleibt unser Wert bestehen, wenn das gerade fehlt. Genau das ist der entscheidende Punkt: Mein Leben ist nicht wertvoll, nur weil jemand anderer mir dabei zusieht, aber gerade weil mein Leben wertvoll ist, darf ich mir wünschen, wieder jemanden an meiner Seite zu haben.Das eine hebt das andere nicht auf.
Und auch wenn ein Mensch in diesem Moment überzeugt ist, dass niemand mehr kommen wird, ist das eine Aussage über seine gegenwärtige Erfahrung und nicht notwendigerweise eine zuverlässige Beschreibung seiner Zukunft.
 
Vielleicht liegt darin die existenzielle Herausforderung: Wenn mich niemand mehr jemals sehen würde, würde es für mich selbst einen Unterschied machen, wie ich lebe?
Ich habe auf diese Frage noch keine endgültige Antwort. Ich muss sie auch nicht endgültig beantworten. Für mich besteht die Herausforderung nicht darin, meiner Klientin zu beweisen, dass sie niemanden braucht, sondern darin, anzuerkennen: Ich brauche Menschen. Und trotzdem bin ich auch dann nicht wertlos, wenn gerade niemand da ist. Ich darf traurig über Verluste sein, ohne daraus zu schließen, dass mein eigenes Leben mit diesen Verlusten ebenfalls verloren gegangen ist. Ich darf meine Vergangenheit lieben, ohne in ihr leben zu müssen. Und ich darf entscheiden, wie ich mit dem umgehen möchte, was mir geblieben ist. Ich kann mich auf die Suche nach neuer Verbindung machen. Und vielleicht kann ich sogar lernen, mir selbst für eine Weile gute Gesellschaft zu leisten, ohne daraus eine endgültige Lebensform machen zu müssen.
 
Der Wert eines Lebens verschwindet nicht dadurch, dass Beziehungen verschwinden. 
Aber der Mensch, der zurückbleibt, braucht deshalb nicht weniger Unterstützung, sondern umso mehr. Wir sollten beides gleichzeitig halten können. Ein Mensch besitzt seinen Wert unabhängig davon, ob ihn jemand sieht. Und ein Mensch braucht Verbindung.
Das ist kein Widerspruch. Wir sind autonome Wesen und zugleich aufeinander angewiesen. Wir können uns selbst begegnen und brauchen dennoch andere. Wir können einen eigenen Sinn entwickeln und uns trotzdem danach sehnen, diesen Sinn mit anderen zu teilen. Wir sind auch allein wertvoll und dürfen uns trotzdem wünschen, nicht allein zu bleiben.
Das Leben ist nicht erst dann wertvoll, wenn uns jemand dabei zusieht. Aber es ist leichter, wenn jemand sagt: Ich sehe dich. Und vielleicht ist das am Ende die Antwort, die wir einander geben können. Nicht: Du brauchst niemanden. Sondern: Du bist auch dann wertvoll, wenn du gerade niemanden hast. Und du musst mit deinem Schmerz nicht allein bleiben.

Montag, 17. August 2026

Am Ende finden wir uns nicht, wir werden

 

                                                                  Malerei: A.W.
 
 
Manche von uns haben die Vorstellung, dass irgendwo in uns eine feststehende Version unseres wahren Ichs existieren, ein unverfälschtes, wahres Selbst, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Also suchen wir. Wir hinterfragen unsere Entscheidungen, unsere Beziehungen, unsere Ziele. Wir fragen uns, wer wir wirklich sind. Wir machen unendlich viele Verrenkungen um endlich dieses wahre Selbst zu finden. Aber der Mensch ist kein Rätsel, dessen Lösung tief in seinem Inneren verborgen liegt. Unsere Persönlichkeit ist kein unveränderlicher Kern, den wir irgendwann vollständig freilegen. Sie entsteht in einem ständigen Wechselspiel zwischen dem, was wir erlebt haben, dem, was uns geprägt hat, was wir im Laufe der Zeit erleben und dem, was wir daraus machen. Wir sind nicht nur das Ergebnis unserer Vergangenheit. Wir sind auch das Ergebnis unserer Entscheidungen, unserer Reaktionen und der Richtung, in die wir unser Leben lenken.
 
Wir tragen Dinge in uns, die wir nicht selbst gewählt haben. 
Unser Temperament, unsere frühen Erfahrungen, unsere Verletzungen, unsere Bedürfnisse und unsere Ängste. Vieles davon entsteht, bevor wir überhaupt die Möglichkeit haben, bewusst darüber zu entscheiden. Manche Prägungen begleiten uns ein Leben lang. Aber keine Prägung muss unsere endgültige Identität bestimmen.
Persönliche Entwicklung bedeutet für mich, zwischen dem zu unterscheiden, was mich geprägt hat, und dem, was mich definieren soll. Nicht jede Angst muss Teil meiner Identität bleiben. Nicht jede Verletzung muss bestimmen, wie ich liebe. Nicht jede Erwartung, die andere an mich gestellt haben, muss zu meinem eigenen Lebensentwurf werden.
 
Sich selbst zu finden bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, krampfhaft eine verborgene Wahrheit über ein Selbst aufzudecken. Es bedeutet, mich selbst immer bewusster zu gestalten.
Es gibt keine endgültige Version von uns, die wir eines Tages erreichen. Wir verändern uns, wenn wir lieben. Wir verändern uns, wenn wir verlieren. Wir verändern uns, wenn wir scheitern, Grenzen setzen oder den Mut finden, etwas Neues zu beginnen. Menschen bringen Seiten in uns zum Vorschein, von denen wir vorher nichts wussten. Einschneidende Erfahrungen zerstören manchmal ein Selbstbild, an dem wir jahrelang festgehalten haben. Und all das ist der Raum für ein ehrlicheres und bewussteres Selbstverständnis.
 
Man selbst werden bedeutet für mich nicht, irgendwann herauszufinden, wer man wirklich ist. Es bedeutet, Verantwortung dafür zu übernehmen, wer man werden will. 
Die Vergangenheit erklärt, warum wir heute so sind. Sie entscheidet aber nicht darüber, wer wir morgen sein werden. Wir können unsere Geschichte nicht auslöschen. Wir können nicht jede Prägung abschütteln und nicht jede Wunde durch Willenskraft überwinden. Aber wir können entscheiden, welche Bedeutung wir dem Erlebten geben und welchen Einfluss es auf unser weiteres Leben haben soll. Wer sein ganzes Leben damit verbringt, sich selbst zu finden, übersieht dabei, dass man sich nicht unbedingt finden, sondern entwickeln darf. Wer ein Leben lang nach sich selbst sucht, wartet auf eine Antwort, die außerhalb von ihm liegt. Auf eine Eingebung, einen Moment des Erwachens, in dem plötzlich alles einen Sinn ergibt und man endlich weiß, wer man wirklich ist. Doch dieses Erwachen kommt vielleicht nicht und vielleicht ist dieses Erwachen auch wieder nur eine Illusion des Geistes, der nach sich selbst sucht. 
 
Das Selbst ist keine verborgene Wahrheit, die darauf wartet, entdeckt zu werden. 
Es entsteht in dem Moment, in dem wir aufhören zu suchen und beginnen, bewusst zu entscheiden, wer wir sein wollen. Für mich besteht die eigentliche Freiheit nicht darin, irgendwann endgültig herauszufinden, wer ich wirklich bin. Sie besteht darin, mich immer wieder bewusst zu fragen: Wer möchte ich von hier an sein?
Am Ende finden wir uns nicht, wir werden.

Samstag, 15. August 2026

Das Gewicht des Todes

 

                                                                 Malerei: A.W.

 
 
Einer sagte zu mir: "Der Tod ist und bleibt immer der letzte und eigentliche Prüfstein."
Nein, der Tod ist für mich nicht der letzte und eigentliche Prüfstein des Lebens. Für mich liegt sein eigentliches Gewicht vielmehr darin, dass wir von ihm wissen. Der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das irgendwann stirbt, er ist ein Wesen, das weiß, dass es sterben wird. Dieses Wissen begleitet ihn durch sein ganzes Leben, bewusst oder unbewusst. Der Tod ist nicht nur ein Ereignis am Ende des Lebens, sondern eine Möglichkeit, die bereits in jedem Augenblick gegenwärtig ist.
Es ist dieses Wissen um die eigene Endlichkeit, das dem Leben seine eigentümliche Spannung verleiht. Wir wissen, dass unsere Zeit begrenzt ist, und dennoch leben wir so, als hätten wir unendlich viel davon. Wir planen, verschieben, hoffen, warten auf Dinge die wir uns wünschen, wir scheitern und beginnen neu. Zugleich liegt über all dem die innere Gewissheit, dass wir irgendwann nichts mehr aufschieben, nichts mehr neu beginnen können. Der Tod wirkt somit schon im Leben, obwohl er noch nicht eingetreten ist. Vielleicht ist deshalb auch nicht der Tod selbst das eigentlich Beängstigende, sondern die Angst vor ihm. Diese Angst durchzieht das Leben, ohne dass wir uns ihrer bewusst sind. Wenige Menschen denken ständig über den Tod nach. Es wäre wohl auch unheilsam, denn in Anbetracht des Todes verschieben sich die Dinge. Sie werden kleiner oder größer. Bedeutungsvoller oder bedeutungsloser. Sie verlieren ihr Maß.
 
Wir verdrängen den Tod also, beschäftigen uns, suchen Sicherheit, Beziehungen, sammeln Erfahrungen und geben unserem Leben einen Sinn.  
Vieles von dem, was wir tun, könnte auch als Antwort auf unsere Endlichkeit verstanden werden. Wir versuchen, innerhalb unserer begrenzten Zeit etwas zu bewahren, etwas zu erfahren, etwas zu gestalten und zu verwirklichen. Wir lieben, wir wachsen, wir scheitern, wir werden zu dem, was wir sind, oder wir bleiben hinter dem zurück, was wir hätten werden können. Wir erleben ein Leben und wir erleben uns selbst in diesem Leben. Wir entfalten uns selbst oder auch nicht. Und wofür, könnte man sich fragen. Um am Ende all das loslassen zu müssen? Was war das dann? Was bleibt dann? Und warum möchten wir, das etwas bleibt? Etwas von uns, eine Spur unter all den Spuren, die im Sand verrinnen. Etwas was nicht der Auslöschung anheimfällt. 
 
Die Angst vor dem Tod ist so viel mehr als die Angst vor dem bloßen Nichtsein. 
In der Todesangst sammeln sich viele Ängste. Der Tod ist Behälter für so viele Ängste. Die Angst vor dem Verlust geliebter Menschen, vor der Trennung von allem Vertrauten, vor der Einsamkeit, dem Verlassensein, vor dem Ende aller Möglichkeiten und vor dem Unbekannten. Auch für die Frage: Habe ich mein Leben tatsächlich so gelebt, wie ich es hätte leben wollen? Habe ich so gelebt, dass es mir entspricht? Dass ich mich in meinem eigenen Leben wiedererkenne? Eine Frage, die gegen Ende des Lebens immer dringlicher wird.
In diesem Sinne ist nicht der Tod selbst, sondern das Wissen um den Tod ein Prüfstein, der nicht erst am Ende erscheint. Der Tod begleitet unser Leben von Anfang an. Er ist da sobald wir den ersten Atemzug machen. Er ist unser ständiger unsichtbarer Begleiter. Es stellt unsere Entscheidungen, unsere Prioritäten und unsere Vorstellungen von Sinn unter einen Horizont der Endlichkeit. Gerade weil unsere Zeit begrenzt ist, bekommt das, womit wir sie füllen, überhaupt erst Gewicht.
 
Darin liegt das Paradoxe: Der Tod bestimmt unser Leben, obwohl er noch nicht da ist. Er ist Abwesenheit und zugleich ständige Gegenwart. 
Er steht am Ende unserer Existenz, wirkt aber in ihren Anfang, ihre Mitte, in ihr Ende hinein. Und vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe nicht darin, die Angst vor dem Tod zu überwinden, sondern zu verstehen, was sie uns über unser Leben erzählt. Somit ist der Tod nicht der letzte Prüfstein, an dem sich am Ende entscheidet, ob ein Leben gelungen ist. Das eigentliche Prüfende ist vielmehr das Wissen um die Endlichkeit selbst. Dieses Wissen begleitet uns durch jeden Tag und stellt immer wieder dieselbe Frage: Was bedeutet es für mich, dieses begrenzte Leben zu leben, obwohl ich weiß, dass ich es eines Tages verlieren werden?
Die Frage ist nicht, ob sie gestellt wird. Sie ist längst da.
Die Frage ist, ob wir sie hören. 
 
 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de


Freitag, 14. August 2026

Todesangst und posttraumatisches Selbst


 

 
 
Was geschieht mit einem Therapeuten, wenn er an Krebs erkrankt und sich seine innere wie auch seine äußere Welt plötzlich radikal verändert?
Wenn er nicht mehr der Starke ist, der anderen hilft. Wenn Belastungen durch Patienten vergrößert erscheinen. Wenn er andere nicht mehr halten kann, weil er sich selbst halten muss und selbst Halt braucht. Wenn sein Glaube an die eigene Omnipotenz und Unverletzlichkeit zerstört wird. Wenn er dem Tod ins Auge blickt.
Was geschieht, wenn er sich mit der überwältigenden Ohnmacht konfrontiert sieht, die das Gewahrwerden des eigenen Verlöschens auslöst? Eine Ohnmacht, die das Ende jeder Sicherung gegen Gefahren bedeutet.
Er schreibt eines der eindrücklichsten Bücher, die ich je über schwere Krankheit, Sterben, Tod und die existenzielle Angst davor gelesen habe.
 
Todesangst und Posttraumatisches Selbst, Peter Ott, Psychosozial-Verlag

Donnerstag, 13. August 2026

Die Tragödie des ungelebten Lebens

 

                                                                          Foto: A.W.


 
"Wo deine Angst ist, dort ist dein Weg".
Dieser Satz C.G.Jungs beschreibt die Ursache, die hinter dem Zustand innerer Blockaden steht. In seinen Schriften und Briefen analysierte er intensiv diese Form der psychischen Lähmung, die er als „provisorisches Leben“ oder als die Tragödie des „ungelebten Lebens“ bezeichnete. 
 
Viele von uns verharren in einer permanenten Wartehaltung.
Die Gegenwart ist nur eine Art Generalprobe für eine Zukunft, die niemals beginnt. Wir warten auf den perfekten Moment, den idealen Partner, auf mehr Mut, auf bessere Umstände, auf ein Zeichen oder ein äußeres Ereignis, das uns erlösen soll, und flüchten uns so vor der Verantwortung unser Leben bewusst zu gestalten. Wir warten auf ein Leben, das im Zweifel niemals beginnt.
Wir leben nicht wirklich, sondern bereiten uns gedanklich ständig darauf vor, irgendwann zu leben. „Wenn erst …“ wird zum inneren Leitmotiv. Wenn die finanzielle Situation besser ist. Wenn die Kinder groß sind. Wenn die Angst weg geht. Wenn ich sicher bin, dass ich nicht scheitern werde.
Doch der perfekte Moment kommt selten.
Das Leben verlangt nicht zuerst Sicherheit, sondern Beteiligung. Wer darauf wartet, dass jede Angst verschwunden ist, bevor er handelt, wird ein ganzes Leben lang warten.
 
Dieses Verharren im Gewohnten ist ein psychologischer Schutzmechanismus. Die vertraute Neurose, das bekannte Drama oder das gewohnte Leiden bieten eine paradoxe Sicherheit. Das ist zwar schmerzhaft, schützt uns aber vor der Angst vor dem Unbekannten und dem Risiko zu scheitern.
Dieser Zustand macht auf Dauer krank.
Die blockierten Energien des ungelebten Lebens und unser wahres Selbst verschwinden nicht einfach. Sie drängen als Angst, Depression, Süchte, Groll oder Bitterkeit an die Oberfläche, eben jenes Phänomen, das Jung als die „Rache des ungelebten Lebens“ bezeichnete. Und irgendwann ist es zu spät. Wir sind alt und fragen uns: Was habe ich mir angetan? 
 
Es lohnt es sich, unsere Angst nicht nur als Hindernis zu sehen, sondern als Hinweis Wovor habe ich Angst und was sagt diese Angst über das Leben aus, das ich eigentlich leben möchte?
Heilung bedeutet nicht, keine Angst mehr zu haben.
Heilung bedeutet auch, uns trotz der Angst zu bewegen und Schritt für Schritt das eigene Leben zu gestalten. Oft liegt hinter unserer Angst genau das, was wir uns bisher nicht erlaubt haben zu leben und zu sein.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 11. August 2026

Krankheitsangst – Der Kampf um absolute Sicherheit

 


 

Le Malade imaginaire, Der eingebildete Kranke ist ein berühmtes Theaterstück von Molière und zugleich sein letztes Werk. Die Komödie wurde im Februar 1673 uraufgeführt und Molière selbst spielte darin die Hauptrolle des Argan. Argan ist besessen. Er ist davon überzeugt, krank zu sein, aber außer seinen Ärzten, die an ihm verdienen wollen, glaubt ihm das niemand. Alle anderen lachen ihn aus. Es scheint wie eine Ironie des Schicksals, dass Molière bei der letzten Vorstellung einen Blutsturz erlitt. Der Dichter starb in Kostüm und Maske nur wenige Stunden später. Heute würde man Argan einen Hypochonder nennen. Menschen mit einer Hypochondrie werden sich in ihm und seiner quälenden Krankheitsangst wiederfinden.

Hypochonder gelten als hysterisch. Man wirft ihnen vor, dass sie sich ohne Grund verrückt machen. Für die Betroffenen selbst ist die Hypochondrie, auch „Krankheitsangst“ genannt, jedoch eine starke psychische Belastung mit hohem Leidensdruck. Hypochondrie ist ein ständiger Tanz mit der Angst.

In der Psychologie zählt die hypochondrische Störung zu den somatoformen Störungen. 

Eine ausgeprägte Krankheitsangst geht häufig mit Ängsten, Panikattacken, einem zwanghaften Überprüfen des Körpers nach Krankheitsanzeichen und dem Bedürfnis nach Rückversicherung einher, was dazu führt, dass die Empfindungen noch unangenehmer werden oder dass Krankheitssymptome erst entstehen oder verstärkt werden. Die Krankheitsangst wird zwischen somatoformen Angst-, Panik- und Zwangsstörungen angesiedelt. Hypochonder haben eine übersteigert große Angst vor Krankheiten. Ständig kreisen ihre Gedanken sorgenvoll um ihre Gesundheit. Die Angst vor körperlichen Schmerzen, Leiden, Sterben und Tod beherrscht den Alltag. Sie sind besetzt von dem Gedanken, eine Krankheit wolle ihnen ans Leben und es ihnen nehmen. Sie vertrauen ihrem Körper nicht. Ihr Körper wird, je nach Ausprägung der Störung, zu ihrem Feind. Die Angst bezieht sich auf alle möglichen Körperteile und die dort potenziell entstehenden oder schon bestehenden Krankheiten, die er selbst diagnostiziert. Er betreibt intensive Recherchen im Internet oder in medizinischen Fachbüchern in Bezug auf die von ihm gefürchteten Krankheiten. Menschen mit Krankheitsangst achten übersteigert auf jedes noch so kleine Signal ihres Körpers und nehmen es bereits in geringer Intensität wahr.

Im Kopf des Hypochonders kreist ein Katastrophen-Karussell. Ein Karussell, das in Wahrheit weniger eine Krankheit als eine große Lebensangst und Todesangst am Kreisen hält.

Hypochonder sind von der Persönlichkeit her oft sensible und melancholische Menschen. Man schreibt ihnen histrionische Verhaltensweisen zu, weil sie dramatisieren und nach Aufmerksamkeit schreien. Aber das ist falsch. Es geht nicht um Aufmerksamkeit, es geht um Unsicherheit und das Bedürfnis nach Beruhigung. Eines der größten Missverständnisse über Krankheitsangst ist die Annahme, Betroffene hätten „irrationale“ Ängste. Tatsächlich beruht ihre Angst auf einer objektiv richtigen Erkenntnis: Absolute Sicherheit und absolute Kontrolle über die eigene Gesundheit gibt es nicht. Weder ein gesunder Lebensstil noch ein Arzt, weder eine Blutuntersuchung, kein MRT und kein Check-up können garantieren, dass morgen oder irgendwann keine Erkrankung entsteht. Die Medizin kann immer nur den aktuellen Gesundheitszustand beurteilen. Sie kann Wahrscheinlichkeiten einschätzen, Risiken reduzieren und die meisten Krankheiten erkennen, aber sie kann niemals ausschließen, dass sich in Zukunft etwas verändert. Genau hier beginnt das eigentliche Problem der Krankheitsangst.

Die Angst ist nicht das Problem, es ist die Unsicherheit.

Jeder von uns lebt mit einem gewissen Maß an Unsicherheit. Niemand von uns weiß, ob er morgen einen Unfall hat, eine Krankheit entwickelt oder bis ins hohe Alter gesund bleibt, egal wie sehr er auf sich achtet. Die meisten Menschen leben mit dieser Tatsache, ohne ständig darüber nachdenken zu müssen. Manche Menschen leben sogar mit chronischen oder schweren Krankheiten, ohne darüber zu verzweifeln oder massive Ängste zu entwickeln. Menschen mit Krankheitsangst erleben dieselbe Unsicherheit jedoch völlig anders. Ihr Nervensystem bewertet bereits die Möglichkeit einer Erkrankung als unmittelbare Bedrohung. Aus einem „Ich könnte krank werden“ wird innerlich ein „Ich muss mit allerletzter Sicherheit ausschließen, dass ich krank bin oder es werde.“ Doch genau das ist unmöglich. Egal, wie oft sie ihre Symptome beim Arzt checken lassen, es gelingt ihnen nur kurzfristig, sich beruhigen zu lassen.

Der Körper hat gelernt, dass Gefahr ohne Vorwarnung auftreten kann.

Diese ständige Panik, krank zu sein, kann daher rühren, dass man allzu oft erlebt hat, wie schnell sich das Leben ändern kann. Vielleicht gab es eine tatsächliche Krankheit. Vielleicht starb ein geliebter Mensch an einer schweren Krankheit. Vielleicht herrschte Instabilität oder Unberechenbarkeit in ihrem Umfeld. Vielleicht ist etwas geschehen, was ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Und das Nervensystem hat daraus eine Überlebensregel abgeleitet:" Ich muss wachsam bleiben. Ich darf kein einziges Anzeichen übersehen."Also haben Betroffene begonnen, ihren Körper zu beobachten. Jeden Herzstolperer. Jeden Schwindelanfall. Jedes ungewohnte Körpergefühl. Nicht, weil sie „kaputt“ sind. Sondern weil ihr System glaubt: „Wenn ich früh genug Alarm schlage, kann ich uns diesmal in Sicherheit bringen.“

Krankheitsangst ist ein Drama in unzähligen Akten.

Gefangen in seiner Angst produziert und reinszeniert der Hpochonder jedoch unbewusst das Drama selbst. Immer mit einer Hybris und ohne Katharsis. Spricht man mit Betroffenen kommen nicht selten Gedanken wie diese: Erlösung hat er nicht verdient, weil er tief im Innersten glaubt, ein gutes und gesundes Leben nicht verdient zu haben oder weil er der Überzeugung ist, dass das Leben Leiden und Tod bedeutet. Oder er glaubt, dass er für etwas bestraft wird. Meist kommen diese destruktiven Überzeugungen und Introjektionen der Kindheit. Gefühle wie Scham und Schuld spielen bei der Hypochondrie eine nicht unwesentliche große Rolle. Wohlgemerkt: All das ist Betroffenen nicht bewusst. In ihr Bewusstsein schießt nur die seelische Angst, die sich in der Krankheitsangst einen Behälter findet.

Die Ursachen der Hypochondrie sind noch wenig erforscht. Man geht jedoch davon aus, dass eine genetische Disposition und das Persönlichkeitsmerkmal „Neurotizismus“ eine Rolle spielen.  

Auch ein unsicherer oder ablehnender Bindungsstil in der Kindheit und Alexithymie können eine Rolle spielen. Alexithymie ist ein Konzept der psychosomatischen Krankheitslehre. Der Begriff wurde 1973 von den amerikanischen Psychiatern John Case Nemiah und Peter Emanuel Sifneos geprägt. Alexithymie bezeichnet die Unfähigkeit, mit somatisierten Beschwerden umzugehen, Gefühle adäquat wahrzunehmen und sie zu beschreiben. Mit anderen Worten: Gefühle werden auf seelischer Ebene verdrängt und auf die körperliche Ebene verlagert. Beispielsweise werden Beschwerden wie Herzrasen nicht als Ausdruck von Angst erkannt, sondern als rein körperlich gedeutet.

Die Hypochondrie ist ein Symptom, das selbst zur Krankheit wird und ein eigenes Krankheitsbild herausbildet, wenn tiefverdrängte Gefühle nicht erkannt und nicht verarbeitet werden konnten.

Die meisten Hypochonder sind hochsensible Menschen. Sie besitzen oft ein geringeres Selbstbewusstsein, verbunden mit erhöhter Empfindsamkeit für alles, was verletzend ist, und haben eine hohe Vulnerabilität. Der tiefenpsychologische Erklärungsansatz in Bezug auf die Hypochondrie geht von einem traumatischen Erleben in der Kindheit oder auch im späteren Erwachsenenalter als Auslöser für die spätere Neurose aus. Es ist kein Zufall, dass die Krankheiten, vor denen sich der Hypochonder besonders fürchtet, bei genauer Betrachtung in Beziehung zu früheren Erlebnissen in seiner Biografie stehen. Bei Herzangst z. B. kann es sein, dass ein naher Angehöriger herzkrank war oder früh daran gestorben ist. Auch eine frühe Konfrontation mit dem Tod eines geliebten Menschen in der Kindheit, die nicht verarbeitet werden konnte, kann so nachhaltig prägen, dass sich im späteren Leben eine Hypochondrie entwickelt.

Im Grunde können wir die Hypochondrie als die vom Betroffenen einzig mögliche Bewältigungsstrategie unbewusster Probleme verstehen.

Sie ist der unbewusste Versuch, Kontrolle und Sicherheit in einem Leben herzustellen, das als unsicher und bedrohlich erfahren wurde und wird. Sie ist das Leiden eines Menschen, der sich selbst, dem eigenen Körper und dem Leben nicht vertraut, weil sein Urvertrauen an einem Punkt in seinem Leben radikal erschüttert wurde. Sie ist ein Schrei nach Sicherheit, die schmerzlich vermisst wird und keinen anderen Weg findet, diese zu erhalten, als den über die Neurose.

Betroffene befinden sich in einem chronisch erhöhten Aufmerksamkeitsmodus gegenüber körperlichen Signalen (Body Vigilance). Dadurch werden normale Körperempfindungen intensiver wahrgenommen und häufiger als potenziell krankheitsrelevant interpretiert. Dieses Phänomen ist kein Zeichen mangelnder Vernunft oder fehlenden Vertrauens in die Medizin, sondern Ausdruck eines komplexen psychologischen und neurobiologischen Mechanismus.

Aus klinischer Sicht ist Krankheitsangst weniger eine Angst vor Krankheiten als vielmehr eine chronische Fehlregulation des Bedrohungssystems, die sich auf das Thema Gesundheit fokussiert. 

Die Krankheit selbst ist dabei oft nur der Inhalt der Angst. Die eigentliche Problematik liegt tiefer: Das Gehirn und das Nervensystem bewerten gesundheitliche Unsicherheit nicht mehr als normalen Bestandteil des Lebens, sondern als potenzielle Bedrohung, die ständig überwacht und kontrolliert werden muss.

Krankheitsangst ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Zeichen dafür, dass das Gehirn außergewöhnlich gut darin geworden ist, potenzielle Gefahren zu erkennen.

Das Problem ist, dass es begonnen hat, normale körperliche Empfindungen als Beweise statt als bloße Möglichkeiten zu interpretieren. Nicht, weil Betroffene irrational denken, sondern weil das Nervensystem gelernt hat, dass sich Ungewissheit gefährlicher anfühlt als die körperliche Empfindung selbst. Krankheitsangst ist nicht nur ein Denkproblem. Das Nervensystem spielt eine entscheidende Rolle. Das Nervensystem vieler Menschen mit Krankheitsangst befindet sich über längere Zeit in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist dieses System sinnvoll. Das Gehirn besitzt ein Bedrohungssystem, das Gefahren früh erkennen soll. Bei tatsächlicher Gefahr aktiviert es den Körper, erhöht die Aufmerksamkeit und bereitet ihn auf schnelles Handeln vor. Normalerweise wird dieser Alarm beendet, sobald die Situation geklärt ist. Eine Untersuchung ist unauffällig. Eine Befürchtung bestätigt sich nicht. Die Gefahr wird als vorbei bewertet. Bei Krankheitsangst funktioniert dieser Umschaltprozess nicht zuverlässig. Der Grund: Die endgültige Sicherheit bleibt aus. Krankheitsangst ist die tiefe Angst davor, dass das Leben unsicher ist, dass Sicherheit nicht von Dauer ist, dass man (wieder) hilflos zurückgelassen wird, dass niemand da ist, wenn es ernst wird. Der Körper hat gelernt: „Ich darf mich nicht entspannen, sonst entgeht mir die Gefahr.“ Und genau deshalb reagiert das Nervensystem heute so heftig. Es versucht, vor Gefahr zu schützen, auch wenn es sich nach dem Gegenteil anfühlt.

Der Kreislauf der Krankheitsangst

Psychologisch entsteht häufig ein sich selbst verstärkender Kreislauf Eine körperliche Empfindung oder ein Gedanke löst Unsicherheit aus. Die Empfindung wird ständig beobachtet und dadurch stärker. Je mehr jede Empfindung wie einen Notfall behandelt wird, desto mehr lernt dein Gehirn, dass diese Empfindung gefährlich ist. Die Unsicherheit, nicht zu wissen, was es ist, aktiviert das Alarmsystem des Nervensystems. Um sich zu beruhigen, wird nach Sicherheit gesucht. Durch Googeln, wiederholtes Abtasten, Untersuchen des Körpers und die Rückversicherung durch die KI und andere Menschen. Kurzfristig sinkt die Angst. Es entsteht das Gefühl scheinbarer Kontrolle. Diese Strategien reduzieren die Angst kurzfristig. Genau dadurch wird sie jedoch negativ verstärkt: Das Gehirn lernt, dass Beruhigung nur durch Kontrolle erreichbar ist. Langfristig wächst deshalb nicht das Sicherheitsgefühl, sondern die Abhängigkeit von immer neuen Sicherheitsmaßnahmen. Kontrolle vermittelt zumindest kurzfristig das Gefühl von minimaler Sicherheit.Dadurch wächst das Bedürfnis nach immer neuer Sicherheit. Und genau das ist der springende Punkt. Das eigentliche Ziel, der innere Antrieb, ist, Sicherheit zu erlangen, weil Unsicherheit für Menschen mit Krankheitsangst kaum aushaltbar ist.

Worum es geht: Nicht mehr Sicherheit, sondern mehr Unsicherheitstoleranz.

Das eigentliche Problem der Krankheitsangst ist nicht die Möglichkeit, irgendwann krank zu werden. Diese Möglichkeit besteht für jeden Menschen. Das Problem ist, dass das Gehirn und das Nervensystem diese Unsicherheit nicht als normalen Teil des Lebens akzeptieren können. Deshalb entsteht ein ständiges Bedürfnis nach Gewissheit, die kein Arzt und keine Untersuchung jemals dauerhaft liefern können. Der Kern der Krankheitsangst ist häufig nicht die Angst vor einer konkreten Erkrankung, sondern die Unfähigkeit, gesundheitliche Unsicherheit dauerhaft auszuhalten. Das zentrale Problem der Krankheitsangst besteht nicht darin, dass Betroffene an etwas Unwahres glauben. Tatsächlich ist es richtig, dass niemand garantieren kann, dauerhaft gesund zu bleiben. Der entscheidende Unterschied liegt vielmehr in der psychologischen Verarbeitung dieser Tatsache. Die Behandlung von Krankheitsangst besteht deshalb nicht darin, Menschen davon zu überzeugen, dass ihre Angst nicht der Realität entspricht. Auch nicht, dass sie nicht krank sind oder krank werden können. Das ist weder möglich noch wahr. Stattdessen geht es darum, die Fähigkeit zu entwickeln, mit der unvermeidbaren Unsicherheit umzugehen. Es geht um das Entwickeln von Unsicherheitstoleranz, also der Fähigkeit, körperliche Sensationen auszuhalten, ohne sofort nach absoluter Gewissheit suchen zu müssen. Das bedeutet nicht, gesundheitliche Probleme zu ignorieren oder notwendige Arztbesuche zu vermeiden. Es bedeutet vielmehr, medizinische Hilfe dann in Anspruch zu nehmen, wenn sie sinnvoll ist, und danach die Unsicherheit nicht immer wieder durch neues Kontrollieren bekämpfen zu wollen.

Akzeptanz statt Gewissheit

Der entscheidende Wendepunkt besteht häufig darin, eine unbequeme Wahrheit anzunehmen: Es wird niemals absolute Sicherheit geben. Diese Erkenntnis wirkt zunächst bedrohlich. Langfristig kann sie jedoch entlastend sein. Denn wenn Sicherheit grundsätzlich unerreichbar ist, muss man auch nicht ständig versuchen, sie zu finden. Gesundheit bedeutet nicht, alle Risiken auszuschließen. Gesundheit bedeutet auch, trotz unvermeidbarer Unsicherheit ein erfülltes Leben führen zu können. Aus therapeutischer Sicht erscheint es zunächst paradox, Betroffene nicht weiter beruhigen zu wollen. Der Grund liegt darin, dass jede neue Beruhigung ungewollt die Annahme bestätigt, Sicherheit müsse erst hergestellt werden, bevor Angst nachlassen dürfe. Nachhaltiger ist häufig ein anderer Ansatz: Die Unsicherheit wird nicht beseitigt, sondern akzeptiert. Diese Haltung bedeutet keineswegs Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Gesundheit. Sie bedeutet vielmehr die Anerkennung einer Realität, die für alle Menschen gilt: Gesundheit ist niemals vollständig kontrollierbar.Gerade diese Akzeptanz kann dazu beitragen, dass das Nervensystem allmählich lernt, Unsicherheit nicht länger automatisch als Gefahr zu interpretieren. Der Weg aus der Krankheitsangst besteht daher nicht darin, immer mehr Sicherheit zu suchen, sondern zu lernen, mit der Unsicherheit zu leben. Paradoxerweise entsteht genau dadurch oft das Gefühl von Sicherheit, nach dem Betroffene so lange gesucht haben.

Das eigentliche therapeutische Ziel

Die Behandlung von Krankheitsangst besteht nicht darin, Betroffene davon zu überzeugen, dass sie gesund sind. Ebenso wenig besteht sie darin, das Restrisiko einer Erkrankung wegzudiskutieren. Das therapeutische Ziel ist vielmehr die Entwicklung einer höheren Unsicherheitstoleranz. Darunter versteht man die Fähigkeit, offene Fragen bestehen zu lassen, ohne zwanghaft nach endgültiger Gewissheit suchen zu müssen. Dieser Ansatz stellt einen grundlegenden Perspektivwechsel dar: Nicht mehr die Suche nach absoluter Sicherheit steht im Mittelpunkt, sondern die Fähigkeit, trotz unvermeidbarer Unsicherheit handlungsfähig und psychisch stabil zu bleiben.

 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de

Freitag, 7. August 2026

Gefühle lügen nicht, aber sie irren sich manchmal

 

                                                                 Zeichnung: A.W.


 
Wir glauben oft, dass unsere Gefühle die Wahrheit sagen. Doch das tun sie nicht immer. Das Gehirn ist nicht in erster Linie darauf ausgelegt, die Realität objektiv abzubilden. Seine wichtigste Aufgabe ist es, uns zu schützen. Dafür entwickelt es Strategien, die uns kurzfristig entlasten, selbst wenn sie uns langfristig im Weg stehen.
Manchmal erschafft unser Geist Gefühle, die leichter auszuhalten sind als die eigentliche Verletzung. Hinter Wut verbirgt sich nicht selten tiefe Trauer. Hinter übermäßiger Kontrolle steckt häufig Angst. Hinter Gleichgültigkeit kann Enttäuschung liegen. Und hinter dem ständigen Bedürfnis, stark zu sein, verbirgt sich oft die Angst, wieder verletzt zu werden.
Wir täuschen uns dabei nicht bewusst.
 
Diese Prozesse laufen automatisch ab. Die Psyche schützt uns vor Erfahrungen, die sie als überwältigend empfindet. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Gefühle, mit denen wir besser umgehen können, während andere ins Unbewusste verdrängt oder abgespalten werden.
Auch unsere Gedanken spielen dabei eine entscheidende Rolle. Wir erzählen uns Geschichten, die zu unseren Gefühlen passen. Wer sich wertlos fühlt, findet überall Beweise dafür. Wer überzeugt ist, verlassen zu werden, deutet neutrale Situationen als Zurückweisung. Mit der Zeit wirken diese Gedanken so wahr, dass wir sie für Tatsachen halten.
Dabei übersehen wir leicht, dass Gefühle keine Beweise sind.
Sie spiegeln nicht zwangsläufig die Wirklichkeit wider, sondern unsere innere Verarbeitung der Wirklichkeit. Sie können von alten Erfahrungen, unbewussten Überzeugungen oder Schutzmechanismen geprägt sein.
 
Das bedeutet nicht, dass Gefühle falsch sind. 
Sie sind immer echt, aber sie erklären nicht immer, was tatsächlich ist. Manchmal zeigen sie weniger die Gegenwart als vielmehr einen inneren Konflikt oder eine Wunde, vor der wir uns schützen.
Erst wenn wir bereit sind, hinter das offensichtliche Gefühl zu schauen, erkennen wir, was wirklich in uns vorgeht. Nicht jede Angst weist auf Gefahr hin. Nicht jede Wut hat ihren Ursprung im Gegenüber und nicht jede innere Leere bedeutet, dass in unserem Leben etwas fehlt. Manchmal sind diese Gefühle Ausdruck einer Psyche, die noch immer versucht, uns vor einem alten Schmerz zu bewahren. Statt jedem Gefühl blind zu vertrauen, lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und zu fragen: Wovor schützt mich dieses Gefühl?
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 6. August 2026

Zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir glauben zu sein

 



In jedem von uns wirkt eine Kraft, die darauf drängt, das was wir sind, unsere Potenziale, unsere Gaben und Träume zu verwirklichen. Doch viele von uns sind in einem inneren Konflikt gefangen, der uns daran hindert.
Hindernisse können äußere Umstände sein, die wir nicht oder nicht so einfach ändern können und mit denen wir Tag für Tag kämpfen. Wir halten durch, auch wenn wir längst auf dem Zahnfleisch gehen. Wir reden es uns schön oder verdrängen es. Wir machen weiter wie bisher, weil wir meinen, dass wir keine anderen Möglichkeiten haben oder weil wir sie einfach nicht sehen können. Und wenn wir sie sehen, trauen wir uns nicht sie zu ergreifen.
Doch die eigentlichen Hindernisse liegen meist tiefer. 
 
Es sind unsere Überzeugungen, unsere Glaubensmuster und all die Zweifel an uns selbst, die wir von Kindheit an von anderen übernommen haben. Sie haben unser Selbstbild so geformt, dass wir trotz all unserer Fähigkeiten, nicht an uns glauben.
Wir befinden uns in einem ewigen Konflikt.
Dieser Konflikt zeigt eine Spannung zwischen dem, was uns an Potenzialen zur Verfügung steht und dem, was wir tatsächlich wahrnehmen.
Wir sind klug und halten uns dennoch für nicht klug genug. Wir sind kreativ und glauben, unsere Kunst sei nicht perfekt genug, um sie zu zeigen. Wir besitzen eine besondere Begabung und verbringen unser Leben mit Tätigkeiten, die uns nicht erfüllen, weil wir unserer Gabe keinen Wert beimessen. Wir verschenken das Wertvolle, das wir haben, weil wir seinen Wert nicht erkennen. Wir glauben, nicht liebenswert zu sein und richten unser Leben danach aus, Anerkennung von anderen zu erhalten, statt auf unseren eigenen Wert zu vertrauen. Und mit all dem verlieren wir nach und nach den Kontakt zu dem Menschen, der wir eigentlich sind. Mit all dem lassen wir das Leben, das in uns angelegt ist, ungelebt.
Und mit jedem Jahr, das vergeht, spüren wir es deutlicher. All das, was wir an inneren Hindernissen in uns tragen, wird so erdrückend, dass es uns irgendwann niederdrückt. Wir fragen uns: Was habe ich getan? Was habe ich mir selbst angetan? War es das wert?
Dieser Punkt ist ein kritischer Punkt. 
 
An diesem Punkt entscheidet sich, wie es weitergeht.
Entweder wir resignieren und richten uns in einem Leben ein, das sich nur noch nach Überleben anfühlt, oder wir erkennen genau dort, wo der Schmerz am größten ist, den Ruf zur Wandlung. Diese Wandlung beginnt mit einem Perspektivwechsel.
Wir begreifen, dass die Stimmen, die uns zurückhalten und uns Unzulänglichkeit einreden, nicht die Wahrheit über uns erzählen. Wir beginnen, uns neu zu betrachten. Wir lassen uns auf einen Prozess ein, der uns einlädt, die Substanz unseres wahren Seins zu entdecken und zu vertiefen. Wir sehen unsere Ressourcen und öffnen uns bewusst für die Möglichkeiten, die in uns liegen.
 
Daraus entstehen eine neue Klarheit und eine neue Stärke, die Stärke endlich für uns selbst einzustehen. Wir entscheiden uns, an uns selbst zu glauben, anstatt den Stimmen in uns Glauben zu schenken, die uns kleinhalten, denn wir wissen, folgen wir ihnen weiter, verlieren wir nach und nach das Wertvollste, was wir besitzen, die Möglichkeit, das Leben zu leben, das in uns angelegt ist.
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Dieser Weg wird kein leichter sein, aber er öffnet sich indem wir ihn gehen. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Sonntag, 2. August 2026

Zwischen Ekel und Mitleid - Heinz Strunks Blick in den Abgrund einer Ehe

 



Memories of Heidelberg sind Memories vom Glück, singt Peggy March. 
Glück? Nicht bei Heinz Strunk. Der Titel seines neuen Buches könnte in die Irre führen, aber nicht, wenn man Heinz Strunk kennt. Mit seiner immer wieder erstaunlichen Fähigkeit, sich in die Innenwelten seiner seelisch geschundenen Figuren hineinzubegeben, entwickelt er einen Plot, der mich vom ersten Satz an gefangen nimmt und nicht mehr loslässt.
Wie macht er das bloß?, frage ich mich und bewundere wieder mal diese einzigartige Fähigkeit, sich in das Drama seiner verzweifelten Protagonisten hineinzuwühlen wie ein Maulwurf. Strunk gräbt sich Satz für Satz tiefer in ihre Abgründe, schaufelt die verborgene Erde nach oben, bis der ganze Dreck ans Licht kommt, bis das ganze verdrängte Elend seiner Figuren über ihnen zusammenbricht.
Dabei ist es nicht nur der Stoff, der seine Wirkung entfaltet. Es ist auch Strunks Sprache. Präzise, trocken, gnadenlos beobachtend und zugleich von einer seltsamen Empathie getragen. Er findet für das Hässliche, Peinliche und Abgründige Worte, die einen gleichzeitig lachen lassen und erschrecken. Seine Sätze treffen, ohne seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben.
Chapeau, Heinz Strunk!
 
Gnadenlos, grausam, abstoßend und gleichzeitig eindringlich erzählt sein neuer Roman von einer Ehe, die längst am Ende ist. Die Beziehung zwischen Isolde und Bertram besteht nur noch aus Monotonie, Lieblosigkeit und passiv-aggressiver Feindseligkeit. Isolde kritisiert, demütigt und erzieht ihren Bertram wie einen ungeliebten Hund, den sie zwar noch an ihrer Seite duldet, am liebsten aber loswerden würde. Bertram hält aus. Er betäubt sich, indem er alles Essbare in sich hineinstopft, was er kriegen kann. Fett, schwitzend, nach Luft hechelnd und unbeholfen ist er längst zur Karikatur seiner selbst geworden. Man empfindet Mitleid mit ihm. Man wartet darauf, dass er endlich ausbricht. Dass er die längst in der Hosentasche geballte Faust auf den Tisch schlägt. Dass er sich wehrt. Nichts geschieht. Die ständigen Demütigungen haben ihm längst seine Würde genommen.
Beide spielen ihr absurdes Ehetheater weiter. Die Bühne dafür ist das Boutique-Hôtel & Spa Kurpfalz und der abendliche Besuch eines italienischen Schiffsrestaurants auf dem Neckar. Dort werden sie von Mal zu Mal respektloser behandelt. Selbst bei Regen und Kälte müssen sie auf Deck am Katzentisch sitzen. Der Inhaber wird immer aggressiver, das Essen immer ungenießbarer und teurer. Ein Gefühl von Ekel breitet sich aus, nicht nur in Bertram, auch im Leser. Peggy Marchs Heidelberg Song läuft in Dauerschleife und übertönt jedes Gespräch. Doch das spielt sowieso kaum noch eine Rolle, das Paar hat sich längst nichts mehr zu sagen. Man spürt die Katastrophe kommen. Man beobachtet, wie Bertram langsam, aber sicher vor Wut und Verzweiflung platzt, bis …Das verrate ich nicht.
 
Heinz Strunk hat sich wieder einmal selbst übertroffen. Er trifft ins Zentrum einer zutiefst menschlichen Frage: Warum bleiben Menschen zusammen, wenn sie sich nichts mehr zu geben haben, außer Verletzungen? Vielleicht, weil selbst eine unglückliche Vertrautheit leichter auszuhalten ist als die Einsamkeit eines Neuanfangs.
 
 
Angelika Wende

Samstag, 1. August 2026

„Wenn du Zuneigung brauchst, kannst du keine Zuneigung geben."

 


    „Wenn du Zuneigung brauchst, kannst du keine Zuneigung geben.“
     
    Krishnamurtis Aussage, dass ein Mensch keine Zuneigung geben kann, solange er selbst Zuneigung braucht, verweist auf einen feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen echtem Geben und einem Geben, das aus einem inneren Mangel entsteht. Manche Menschen schenken anderen Aufmerksamkeit, Fürsorge oder Zuneiung, weil sie sich insgeheim danach sehnen, genau das selbst zu erfahren. Das Geben ist dann nicht frei, sondern von der Hoffnung begleitet, etwas zurückzubekommen. Anerkennung, Verbundenheit, Nähe, Dankbarkeit oder Liebe. Es wirkt wie Großzügigkeit, innerlich ist es jedoch der Versuch, ein eigenes Bedürfnis zu stillen.
     
    Gerade das sogenannte Helfersyndrom macht diese Dynamik deutlich. Der Helfer handelt meist nicht bewusst eigennützig. Der Schatten des Helfers liegt nicht im Helfen selbst, sondern in seiner verborgenen Quelle
    Hilfe kann aus Mitgefühl entspringen, sie kann aber ebenso aus der eigenen Bedürftigkeit hervorgehen, die sich hinter dem Ideal der Selbstlosigkeit verbirgt. Der Helfer sucht dann unbewusst das, was ihm selbst fehlt: Zuneigung, Anerkennung, Bedeutung oder das Gefühl, gebraucht zu werden. Indem er gibt, hofft er zu empfangen, ohne sich diese Hoffnung eingestehen zu müssen. Der Helfer erlebt sich als selbstlos, weil ihm die eigentliche Triebkraft seines Handelns verborgen bleibt. Die eigene Bedürftigkeit wird nicht erkannt, sondern verdrängt und in den Dienst des Helfens gestellt. Was als Fürsorge erscheint, ist zugleich der Versuch, eine innere Leere zu überdecken. Das Helfen wird zur Bühne, auf der ein ungelöstes Bedürfnis nach Zuniegung und Bestätigung ausagiert wird.
     
    Der Schatten besteht nicht darin, dass geholfen wird, sondern darin, dass das Geben unbewusst zu einem Mittel der Selbstversorgung geworden ist.
    Solange dieser Zusammenhang unbewusst bleibt, hält sich der Helfer für altruistisch, während sein Handeln zugleich von einem unbewussten Eigeninteresse getragen wird. Erst wenn diese verdrängte Bedürftigkeit erkannt wird, kann das Helfen seinen instrumentellen Charakter verlieren und zu einer freien Handlung werden, die den anderen nicht mehr für die eigenen seelischen Bedürfnisse in Anspruch nimmt.
    Folgt man Krishnamurti ist es dort keine Zuneigung im eigentlichen Sinn, wo das Geben an eine Erwartung gebunden ist. Es ist ein Tauschgeschäft, auch wenn es unbewusst geschieht. Für Krishnamurti ist dies der grundlegende Irrtum des Ichs. Solange das Ich aus einem Gefühl des Mangels handelt, verwandelt es jede Beziehung in einen Deal. Zuneigung wird zur Hoffnung auf Erwiderung, Fürsorge zum Wunsch nach Bedeutung. Selbst die edelste Absicht kann so zu einer subtilen Form der Selbstversorgung werden.
     
    Damit stellt Krishnamurti eine radikale Frage: Kann Zuneigung Ausdruck innerer Fülle sein statt ein Versuch, einen Mangel auszugleichen?  
    Seine Antwort ist klar. Zuneigung wird erst dort wirklich frei, wo sie nicht von psychologischer Abhängigkeit getragen ist, wo wir sie nicht selbst brauchen.
    Das bedeutet nicht, dass wir kein Bedürfnis nach Zuneigung, Nähe und Bindung haben dürften. Es bedeutet vielmehr, dass Zuneigung ihren eigentlichen Charakter verliert, wenn sie dazu dient, die eigene Sehnsucht danach zu befriedigen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir geben, sondern warum wir geben.
    Echte Zuneigung beginnt für ihn erst dort, wo das eigene Bedürfnis endet, wenn wir den anderen nicht mehr dazu brauchen, um die eigene innere Unvollständigkeit zu überwinden. Das Geben entspringt dann keiner Absicht mehr. Es ist kein Mittel, kein Tausch, kein Versuch, etwas zu bekommen. Es ist Ausdruck einer inneren Fülle, die nichts gewinnen muss.
     
    Erst dort, wo das Verlangen nach Zuneigung verstummt, kann Zuneigung zu einer freien Bewegung werden. Zuneigung ist dann nicht länger ein Bedürfnis, sondern ein Ausdruck von Freiheit.