Mitgefühl bedeutet, vom Erleben eines anderen Menschen berührt zu sein und trotzdem bei diesem Menschen bleiben zu können. Die eigenen Gefühle dürfen dabei Raum haben. Wir dürfen traurig sein, uns sorgen oder tief betroffen sein. Entscheidend ist jedoch, dass die eigenen Gefühle nicht zur Verantwortung des anderen werden. Wer mitfühlt, wird berührt. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie wir mit dieser Berührung umgehen.
Beim Mitgefühl bleibt der Blick beim anderen: „Ich sehe, dass es dir schlecht geht. Das tut mir leid. Ich bin bei dir.“
Die eigenen Gefühle sind da. Sorge, Traurigkeit, Hilflosigkeit oder vielleicht auch Angst um den anderen, aber sie werden nicht zur Aufgabe des Gegenübers. Wir nehmen den Schmerz des anderen wahr, ohne dass der andere anschließend unsere eigenen emotionalen Reaktionen auffangen oder beruhigen muss. Wenn das geschieht, kann Mitgefühl in emotionale Übernahme kippen. Aus einem „Ich fühle mit dir“ wird dann unbewusst ein: „Dein Schmerz löst in mir so viel aus, dass ich damit nicht allein umgehen kann und du musst mir jetzt helfen, damit zurechtzukommen.“ Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Nicht mehr nur der Mensch, der gerade etwas Schweres erlebt, steht im Mittelpunkt, sondern zunehmend die emotionale Reaktion des anderen.
Diese Dynamik geschieht oft sehr subtil. Jemand kann ehrlich besorgt sein, es gut meinen und trotzdem Schwierigkeiten haben, die Gefühle des anderen auszuhalten. Wenn jemand von seinen Sorgen erzählt, können im Gegenüber Angst, Hilflosigkeit oder Unruhe entstehen. Statt einfach präsent zu bleiben, beginnt er sofort nach Lösungen zu suchen, Ratschläge zu geben oder selbst sichtbar belastet zu wirken. Am Ende kann beim Erzählenden das seltsames Gefühl entstehen nicht mehr nur mit der eigenen Situation belastet zu sein, sondern sich zusätzlich darum kümmern zu müssen, wie es dem anderen geht.
Wer hält dann am Ende wen?
Fühlen wir uns nach einem solchen Gespräch leichter, weil wir gesehen, verstanden und mit unseren Sorgen angenommen wurden? Oder bleibt das Gefühl zurück, dass wir die Reaktion des anderen innerlich auffangen oder ausgleichen müssen?
Wenn jemand zwar Anteilnahme zeigt, aber nicht wirklich bei uns bleiben kann, ohne unsere Gefühle mit zu übernehmen, entsteht leicht eine emotionale Verstrickung. Beim Mitgefühl bleiben zwei Menschen miteinander verbunden. In der Verstrickung beginnen die Grenzen zwischen Ich und Du zu verschwimmen. Die unausgesprochene Botschaft lautet dann nicht mehr:„Ich bin für dich da.“ Sondern: „Dein Zustand wirkt so stark auf mich, dass ich damit schwer umgehen kann und du musst mir jetzt helfen, damit klarzukommen.“
All das geschieht meist unbewusst. Ein „Ich bin für dich da“ kann mit großer Fürsorge und mit der ehrlichen Absicht zu helfen verbunden sein. Manche Menschen erleben die Not anderer besonders intensiv, aber sie haben nie gelernt, zwischen Mitfühlen und Mitleiden zu unterscheiden. Es fällt ihnen schwer, die eigene Sorge um den anderen von der eigenen emotionalen Reaktion darauf zu trennen.
Echtes Mitgefühl bedeutet, für den anderen einen Raum halten zu können. Der andere darf etwas Schweres erzählen. Wir dürfen berührt sein, traurig sein oder mitfühlen und trotzdem bleiben unsere Gefühle dort, wo sie hingehören, bei uns selbst. Unsere Gefühle gehören zu uns. Die Gefühle des anderen gehören zum anderen. Einen Menschen zu halten bedeutet nicht, dass wir von seiner Situation überwältigt werden. Halt entsteht dort, wo einer sich öffnen darf und der andere präsent bleiben kann, ohne dass derjenige, der sich öffnet, am Ende auch noch die Gefühle des anderen auffangen muss.
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