Ich stehe vor einer großen Entscheidung. Verlasse ich dieses Land oder bleibe ich an meinem gewohnten Platz? Diese Entscheidung ist schwer. Es ist nicht einfach Vertrautes zu verlassen, andererseits ist es eine Möglichkeit noch einmal etwas vollkommen Neues zu erfahren und zu gestalten.
Wir alle müssen täglich Entscheidungen treffen. Und große Entscheidungen zu treffen gehört zu den schwierigsten Aufgaben des Lebens.
Wir wünschen uns eindeutige Gewissheit, doch in den meisten Situationen gibt es sie nicht. Stattdessen erleben wir eine innere Spannung. Ein Teil von uns möchte Sicherheit und Vertrautheit, ein anderer spürt den Wunsch nach Veränderung und Entwicklung.
Wir sind zerrissen.
Entscheiden heißt, dass wir einer Möglichkeit den Vorzug vor einer anderen geben.
Mit jeder Entscheidung sagen wir nicht nur "Ja" zu etwas, sondern auch "Nein" zu allem, was wir damit ausschließen. Entscheidungen können schwerfallen, denn sie machen aus vielen denkbaren Zukünften eine tatsächlich gelebte.
Entscheidungen schaffen Wirklichkeit.
Solange wir zwischen Möglichkeiten abwägen, bleibt alles offen. Erst durch die Entscheidung nimmt eine Möglichkeit Gestalt an. Wir handeln nicht nur, wir gestalten etwas. Jede Entscheidung verlangt den Verzicht auf Gewissheit. Wir haben weder vollständige Informationen noch haben wir Garantien. Entscheiden bedeutet das Risiko einzugehen, dass sich der gewählte Weg anders entwickelt als wir es usn wünschen oder erwarten. Unsere Entscheidungen drücken zudem unsere Werte aus. Hinter jeder Entscheidung steht die Frage: Was ist mir wirklich wichtig?, und nicht: Was ist objektiv richtig? Der Philosoph Søren Kierkegaard sah im Entscheiden einen Akt der Selbstwerdung. Wir sind nicht einfach, wer wir sind, wir werden es auch durch die Entscheidungen, die wir treffen. Entscheidungen formen Identität.
In solchen Phasen des Entscheidens gleicht unser Leben einer Wanderung durch unbekanntes Gebiet. Der Weg ist nicht klar sichtbar, die Orientierung entsteht erst während wir ihn gehen. Die Frage ist dann weniger, welche Entscheidung absolute Sicherheit verspricht, sondern welche Richtung im Einklang mit unseren Werten und Bedürfnissen steht. Das Gefühl von Unsicherheit, das sich einstellt, gehört zu jedem großen Entscheidungsprozess. Wenn wir uns auf Veränderungen einlassen, verlassen wir unsere Komfortzone, wir verlassen vertraute Orte, nahe Menschen, Denkmuster und liebgewonnene Gewohnheiten. Das kann tief verunsichern, zugleich aber öffnet sich die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen, zu wachsen und unser Leben zu erweitern.
Entscheidungen sagt man, erfordern Klarheit.
Aber ist das so? Muss, kann ich absolute Klarheit haben?
Manchmal entsteht Klarheit nicht vor einer Entscheidung, sondern erst durch sie. Indem wir ins Handeln kommen, sammeln wir Erfahrungen. Wir überprüfen unsere Annahmen und gewinnen ein tieferes Verständnis dafür, was wirklich zu uns passt. Entscheidungen sind kein einmaliger Akt, sondern Teil eines fortlaufenden Lernprozesses. Nicht die vollständige Gewissheit weist den Weg, sondern die Bereitschaft, uns mit Offenheit, Neugier, Aufmerksamkeit, Mut und Vertrauen auf den eigenen Entwicklungsweg einzulassen.
Der Weg selbst, die Erfahrungen, die wir sammeln, sind ebenso wichtig sind wie das Ziel, das wir anstreben. Wir entwickeln uns nicht nur dadurch, dass wir überlegen, sondern dadurch, dass wir Erfahrungen machen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
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