Foto: Frank Widmann R.I.P
Was ist Heimat? Ein vertrauter Ort, eine Landschaft, ein Haus, eine Sprache und vor allem die Menschen, durch die wir uns erkannt und angenommen fühlen? Heimat entsteht dort, wo wir uns zugehörig, verbunden geborgen, verstanden und getragen fühlen. Wenn die Menschen aus unserem Leben verschwinden, die für uns Heimat waren, entsteht eine grundlegende Frage: Lag unsere Heimat jemals wirklich in diesen Menschen oder haben sie uns nur für einen Moment in der Zeit das Gefühl gegeben eine Heimat zu besitzen? Waren es diese Menschen die uns das Gefühl gaben zuhause zu sein?
Ihr Verlust zeigt uns, dass Heimat niemals nur etwas
Äußeres war. Die Menschen, die uns Heimat gegeben haben, waren wie eine Brücke
zum Gefühl des Angekommenseins. Durch sie erfuhren wir eine Form von
Geborgenheit, die wir selbst nicht erzeugen konnten. Indem sie uns dieses
Gefühl schenkten, haben sie zugleich etwas in uns hinterlassen. Etwas, das bleibt
auch wenn sie gegangen sind. In uns. Und doch, auch wenn wir dieses Gefühl in uns
bewahren, unsere Heimat scheint uns verloren. Was bleibt ist die Sehnsucht, das Heimweh.
Es ist eine schmerzhafte Erfahrung, dass wir nichts, was uns Heimat gibt, dauerhaft festhalten können. Jeder Ort verändert sich, Beziehungen ändern ihre Form oder sind vergänglich, jeder Mensch, alles ist dem Wandel unterworfen. Wenn wir Heimat nur an das binden, müssen wir sie irgendwann verlieren. Und damit verlieren wir auch ein Stück unserer alten Identität. Wir fühlen uns nicht nur äußerlich heimatlos, sondern auch Innen. Wir fühlen uns lost. Wohin mit mir? Wer bin ich jetzt ohne meine Heimat?
Vielleicht liegt das Wesen von Heimat nicht in der Beständigkeit eines Ortes oder der Anwesenheit bestimmter Menschen, sondern in einer tieferen Beziehung zum Sein selbst. Heimat ist dann nicht etwas, das wir besitzen, sondern eine Art des In-der-Welt-Seins, ein Gefühl, mit dem eigenen Dasein verbunden zu sein. Die Menschen, die uns Heimat waren, haben uns einen Ort gegeben, sie haben uns erfahren lassen, wie es ist angekommen zu sein - bei ihnen, mit ihnen. Nun sind sie fort und es gibt nur noch ein „bei uns“, „mit uns“. Dann ist Heimat kein Platz und kein Gegenüber. Sie ist in uns selbst. Das, was bleibt, wenn alle äußeren Sicherheiten und Säulen verschwinden. Der Ort, an dem wir nicht mehr danach fragen müssen, wo wir hingehören, weil wir erkennen, dass wir bereits Teil dessen sind, wonach wir gesucht haben. Heimat ist dann nicht das, was wir niemals verlieren. Heimat ist das, was uns auch im Verlust noch ein Platz ist. Sie ist das, was uns von Innen hält, wenn sonst alles wegfällt.
Angelika Wende

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