Freitag, 3. Juli 2026

Trost finden

 

                                                                                    Foto. A.Wende


 
Trost ist Teilnahme, Beistand, Besänftigung, Begleitung, Berührung, Beruhigung, Verständnis, tatkräftige Unterstützung, ein Moment echter Präsenz, mitfühlende Zuwendung, Fürsorge, Ermutigung und Zuversicht in der Seelennot. Trost ist die Erfahrung im Schmerz nicht allein zu sein.
Trost schenken uns Menschen, die die Fähigkeit haben einfach da zu sein, zuzuhören, sich in uns hineinzuversetzen, uns zu verstehen, die uns keine Ratschläge um die Ohren hauen, was wir zu tun haben oder was wir nicht getan haben, oder falsch gemacht haben, oder uns mit Sprüchen vertrösten wie: „Das wird schon wieder, nimm´s nicht so schwer!“, „Kopf hoch!“, und sich dann schnell wieder vom Acker machen, weil sie wahnsinnig Wichtiges zu tun haben. Auch der Satz: „Alles wird gut“, ist nicht hilfreich.
Woher wollen wir das wissen?
Wie können wir anderen Versprechen machen, die wir nicht sicher halten können?
 
Manchmal können uns sogar Menschen, die uns sehr nahe stehen, Trost nicht geben. 
Sie können nicht mitfühlen, was sie selbst nicht erfahren haben oder sie sind schlichtweg überfordert oder sie haben Angst, wenn sie einem traurigen Menschen zu nah kommen, Leid und Kummer könnten ansteckend sein. Manches ist so erschütternd, dass viele Menschen nicht wissen, was sie sagen, geschweige denn tun sollen. Helfen wollen und nicht wissen wie – das sind Momente der Sprachlosigkeit und der Unsicherheit. 
 
Um Trauerarbeit zu leisten, braucht es Trost.
Wenn wir einen schweren Verlust erlitten haben, ist es essenziell, Menschen zu haben, die für uns da sind. Einfach da sein, mehr nicht, zuhören, die Hände halten, ohne dirigistisch eingreifen zu wollen. Trösten beinhaltet Verständnis, Empathie und Nähe.
Trost ist kein Allheilmittel, dass alles wieder gut macht aber er ist ein Teil jeder Genesung. Spendet uns ein Mensch Trost, fühlen wir uns gesehen und angenommen. Wir sind nicht allein. Das bedeutet viel. Trost kann Hoffnung spenden, wenn wir am Boden zerstört sind, aber nirgendwo lernen wir wie man sich selbst und andere tröstet. 
 
In Folge der zunehmenden Vereinzelung in unserer Gesellschaft, sind immer mehr Menschen auch in schmerzhaften Lebenssituationen auf sich selbst zurückgeworfen.
Ich kenne viele dieser Menschen. Sie begegnen mir in meiner Arbeit. Sie begegnen mir im Flur des kleinen Hinterhauses in dem ich lebe. Da ist der Nachbar, der jeden Morgen seine traurigen arabischen Lieder singt, da ist die alte Frau im Vorderhaus, die auf ihre Kinder wartet, die sie nicht besuchen kommen, und ihre traurige Sehnsucht mit What´s App Nachrichten beantworten. Sie begegnen mir auf einer Bank in der Fußgängerzone wie die alte Dame, die mir unter Tränen erzählt, dass sie jeden Tag auf dieser Bank sitzt, nur um Menschen zu sehen, weil sie die Einsamkeit in ihrer Wohnung nicht erträgt.
Viele Menschen haben es nicht leicht, sogar schwer haben sie es, und da ist kein naher Mensch, dem sie sich anvertrauen können. Wenn sie Trost brauchen, bleiben sie untröstlich.
Sie versinken in ihrer einsamen, traurigen Welt und niemand kümmert es. Sie verkümmern. Seltsamerweise taucht sogar in der Therapeutischen Literatur der Trost nicht auf und dabei ist er so wesentlich, denn Menschen brauchen Trost um zu genesen.
Was, wenn wir Trost suchen und da niemand ist, bei dem wir ihn finden?
Was können wir für uns selbst tun?
Was hilft, um uns zu besänftigen und uns selbst zu beruhigen? Welche Mittel haben wir zur Selbsttröstung?
 
Was sind Trostquellen?
Für jeden von uns sind es andere. Es ist gut sie zu kennen.
Es gibt vieles, was hilfreich sein kann, wenn wir Trost brauchen. Das Wichtigste aber ist: Den Gefühlen Raum geben. Alle Gefühle da sein lassen. Uns nicht drängen. Nicht weiter funktionieren, wenn wir es gerade nicht können. Nichts wird besser, wenn wir uns zusammenreißen, schon gar nicht für andere, weil sie das von uns erwarten. Stopp sagen und anerkennen - jetzt kann ich gerade nicht mehr. Es wird besser, wenn wir mitfühlend mit uns selbst sind, durch tröstende Selbstgespräche und indem wir auf uns selbst achten und gut für uns sorgen. Wenn da niemand ist, müssen wir lernen für uns selbst da zu sein – unser eigener bester Freund. 
 
Mir helfen kleinen Dinge, um mich zu trösten. Eine schöne Blume, ein Sonnenaufgang, die Wolken am Himmel, meine Lieblingsmusik, Tagebuch schreiben, eine warme Suppe, der Gedanke an meinen Sohn und das Wissen, dass es ihm gut geht. Hilfreich ist es wenn wir immer wieder kleine Ausnahmen zu dem zulassen, was uns emotional belastet. Kleine Momente, in denen wir uns und das Leben wieder spüren. Spaziergänge in der Natur, Bewegung jeder Art, Gartenarbeit, Sauna, Schwimmen, ein warmes Bad, Tagebuch schreiben, Biografien von Menschen lesen, die Leid überwunden haben, Zeichnen, Malen, Fotografieren, Qi Gong, Yoga, Handarbeiten, Musik, Beten, Meditation, ein Besuch in einer Kirche, ein Besuch im Museum, und nicht zuletzt alle Sinnesfreuden und das Schöne, das es trotz allem Kummer auch gibt und das wir bewusst wahrnehmen. All das sind Trostquellen, die unser Herz und unseren Blick auf etwas richten, was heilsam ist, uns emotional entlastet, uns erleichtert, den Kummer lindert, uns aus der seelischen Verhärtung löst, wärmt und befriedet, was uns quält.
Trostquellen sind kleine Geschenke, die wir uns selbst machen. Sie schenken uns Fülle, wenn wir uns innen leer fühlen.
 
Wir beschenken uns selbst mit dem, was unser Leben bereichert, wir wenden uns im aktiven Tun uns selbst zu, wir lassen uns berühren von dem, was unserer Seele und unserem Körper berührt. Wir trösten und beruhigen uns selbst. Wir finden langsam neue Zuversicht. Und wenn es nur ein Moment in der Zeit ist, in dem es uns gelingt uns selbst zu trösten, ist es immerhin dieser eine Moment, in dem wir gewahr werden, dass wir selbst viel mehr für uns tun können, als wir glaubten. Das verändert vieles. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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