„Solange du das Unbewusste nicht bewusst machst, wird es dein Leben bestimmen, und du wirst es Schicksal nennen“, sagte G. Jung einmal. Jung wollte damit ausdrücken, dass viele unserer Entscheidungen, Gefühle und Reaktionen nicht ausschließlich von bewussten Überlegungen gesteuert werden. Sie werden ebenso von unbewussten Überzeugungen, alten Erfahrungen, erlernten Rollen und unbewältigten Konflikten beeinflusst. Solange wir diese inneren Muster nicht erkennen, folgen wir ihnen automatisch, ohne zu bemerken, dass sie unser Leben lenken.
Gerade in einer Übergangsphase kann dieser Prozess sichtbar werden. Wenn das Alte nicht mehr funktioniert, geraten vertraute Denk- und Verhaltensmuster ins Wanken. Was wir bisher für selbstverständlich gehalten haben, verliert seine Stabilität. Vielleicht erkennen wir, dass wir jahrelang die Erwartungen anderer erfüllt haben. Vielleicht stellen wir fest, dass wir uns für andere verausgabt haben, dass wir Entscheidungen aus Angst vor Ablehnung getroffen haben oder dass wir an einem Lebensentwurf festhalten, der längst nicht mehr zu unseren Bedürfnissen und Werten passt.
Diese Erkenntnisse entstehen selten in Zeiten, in denen alles gut läuft. Sie zeigen sich dann, wenn das bisherige Leben nicht mehr trägt. Es funktioniert vielleicht noch nach außen, doch innerlich fühlt es sich nicht mehr stimmig an. Was uns Sicherheit und Orientierung gegeben hat, trägt nicht mehr. Gleichzeitig ist das Neue noch nicht greifbar. Wir wissen nur, dass wir so nicht weitermachen wollen, aber nicht, wohin wir stattdessen gehen wollen.
Das ist kein ungewöhnlicher Zustand. Es ist ein Zustand, in den wir alle irgendwann geraten. Übergangsphasen gehören zur menschlichen Entwicklung. Bevor sich etwas Neues entwickeln kann, beginnt sich das Alte aufzulösen. Es geschehen Dinge, die uns aus dem Gleichgewicht bringen. Wir werden plötzlich krank, Beziehungen ändern sich, Menschen verlassen unser Leben, wir erleben Verluste, unsere Arbeit erfüllt uns nicht mehr oder wir fühlen uns insgesamt wie im falschen Leben. Und dann nennen wir es Schicksal. In Wahrheit aber ist es nicht Schicksal, das sich ohne unser Zutun ereignet, sondern etwas tief in uns selbst, das weiß: So wie es ist, ist es nicht mehr gut.
Diese Phase erleben wir oft als Krise.
Tatsächlich aber ist sie Ausdruck einer inneren Wandlung und Neuorientierung. Unsere Psyche strebt nach Ganzheit und Weiterentwicklung. Bleiben wir dauerhaft in Lebensmustern, die nicht mehr zu uns passen, entsteht eine innere Spannung. Diese macht sich bemerkbar, lange bevor wir bewusst verstehen. Wir sind unsicher, orientierungslos und finden in dem, was uns einst gehalten hat, keinen Sinn mehr. All das ist Teil eines natürlichen Veränderungsprozesses.
Unser Gehirn aber sucht nach Sicherheit.
Es mag Vertrautes, selbst wenn es längst nicht mehr erfüllend ist. Gewohnheiten, Rollen und Routinen vermitteln Stabilität. Ein Teil von uns möchte festhalten, weil das Bekannte Sicherheit verspricht. Ein anderer Teil spürt, dass Entwicklung nur möglich ist, wenn wir bereit sind, Altes loszulassen. Wir spüren einen inneren Konflikt. Dieser kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen. Wir fühlen uns erschöpft, obwohl sich äußerlich wenig verändert hat. Wir verlieren das Interesse an Dingen, die uns früher wichtig waren. Es fällt uns schwer, Entscheidungen zu treffen. Wir haben das Gefühl, zwischen zwei Welten zu stehen. Die alte Identität passt nicht mehr, eine neue ist noch nicht entstanden.
Entwicklung verläuft selten geradlinig.
Bevor wir neue Ziele formulieren oder neue Wege erkennen können, braucht unser Inneres Zeit, sich von den vertrauten Vorstellungen zu lösen. Erst wenn Altes seinen Platz verliert, kann Raum für Neues überhaupt erst entstehen. In Krisen suchen wir oft nach schnellen Antworten. Wir möchten wissen, was der nächste Schritt ist oder welche Entscheidung die richtige ist. Doch Klarheit entsteht nicht durch intensiveres Nachdenken, sondern durch neue Erfahrungen. Unser Gehirn kann nur auf das zurückgreifen, was es bereits kennt. Das Neue entdecken wir erst, wenn wir beginnen, uns vorsichtig darauf einzulassen. Deshalb kann es hilfreich sein, die großen Lebensfragen zunächst loszulassen und stattdessen aufmerksam zu beobachten, was sich bereits verändert hat.
Wir können uns fragen:
Was fühlt sich nicht mehr stimmig an?
Was tue ich, obwohl es mir widerstrebt?
Welche Verpflichtungen erfüllen ich nur noch aus Gewohnheit?
Welche Begegnungen lassen mich leer oder erschöpft zurück?
Wo erlebe ich dauerhaft mehr Anstrengung als Freude und Sinn?
Was gibt mir trotz aller Unsicherheit ein Gefühl von Lebendigkeit und Erdung?
Diese Fragen richten den Blick nicht auf eine endgültige Lösung, sondern auf die Signale unserer inneren Entwicklung.
Wichtig ist zwischen einer Übergangsphase und einer psychischen Erkrankung zu unterscheiden. Wenn Hoffnungslosigkeit, starke Antriebslosigkeit, Ängste oder das Gefühl innerer Leere über längere Zeit anhalten und den Alltag erheblich beeinträchtigen, kann es sinnvoll sein, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Nicht jede Krise ist eine Entwicklungsphase, und nicht jede Entwicklungsphase muss allein bewältigt werden.
Wenn wir uns jedoch in einem natürlichen Übergang befinden, ist Geduld die wichtigen Ressource. Entwicklung geschieht nicht auf Knopfdruck. Sie verläuft in Phasen des Suchens, Zweifelns und Ausprobierens. Sie hat Höhen und Tiefen. Wir machen Fortschritte und Rückschritte. Oft erkennen wir erst rückblickend, dass die Zeit der Unsicherheit notwendig war, um Altes zu verlassen und eine neue innere Ausrichtung zu entwickeln.
Die eigentliche Aufgabe dieser Phase besteht nicht darin, sofort Antworten zu finden.
Vielmehr geht es darum, Vertrauen zu entwickeln, in den eigenen Entwicklungsprozess und in die Fähigkeit, auch ohne vollständige Klarheit den nächsten stimmigen kleinen Schritt zu gehen. Jede Übergangsphase, jede Krise kann auch eine Chance sein, weil sie uns zwingt, innezuhalten und genau hinzusehen. Je besser wir uns selbst verstehen, je klarer wir unsere inneren Muster erkennen, desto größer wird unsere Freiheit, neue Entscheidungen zu treffen, die uns dienen. Aus dem Gefühl, dem Schicksal ausgeliefert zu sein, kann Schritt für Schritt die Erfahrung werden, das eigene Leben bewusster zu gestalten. Das Neue kündigt sich selten mit Gewissheit an. Es beginnt als verändertes Bedürfnis, als wachsende Sehnsucht oder als das deutliche Gefühl, dass das bisherige Leben nicht mehr zu dem Menschen passt, der wir geworden sind.
"Die beste Lehre ist die, welche dich an das erinnert, was du bereits weißt, aber wieder vergessen hast. Es geht nicht darum, das was in meinem Kopf ist, in deinen Kopf hinein zu stopfen.
Es geht darum, dich an dein eigenes Wissen zu erinnern."
Mooji
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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