Malerei: A.Wende
Das Konzept des Need for Closure gehört zu den Theorien der Sozialpsychologie. Ich finde das Konzept hilfreich, wenn es darum geht zu verstehen, warum Beziehungen, die keinen klaren Abschluss finden, belastend für viele Menschen sind.
Der Begriff „Need for Closure“ wurde Anfang der 1990er Jahre von dem Sozialpsychologen Arie W. Kruglanski entwickelt. Er beschreibt das menschliche Bedürfnis, Unsicherheit zu beenden und zu einer eindeutigen Erklärung zu gelangen. Wir alle haben das Bedürfnis, die Welt vorhersehbar und verständlich zu erleben. Offene Fragen, Mehrdeutigkeit und ungelöste Situationen erzeugen hohen psychischen Stress, weil das Gehirn ständig versucht, die ihm fehlende Informationen zu ergänzen.
Need for Closure ist ein grundlegendes motivationales Bedürfnis. Dabei geht es interessanteweise nicht darum, immer die richtige Antwort zu finden, sondern überhaupt eine Antwort zu bekommen. Eine unvollständige oder nicht nachvollziehbare Erklärung wird von den meisten Menschen als weniger belastend empfunden als gar keine Erklärung. Kurz: Jede Erklärugn ist besser als keine, damit das Gehirn zur Ruhe kommen kann.
Unser Bedürfnis nach Abschluss erfüllt mehrere psychologische Funktionen. Ein klarer Abschluss reduziert Unsicherheit, schafft Orientierung und ermöglicht es uns, unsere emotionale Energie wieder anderen Aufgaben zuzuwenden. Fehlt der Abschluss, bleibt das Gehirn gewissermaßen in einem Suchmodus, die Gedanken kehren immer wieder zur offenen Situation zurück, weil sie noch nicht verarbeitet werden konnte.
Viele von uns erleben solche fehlenden Abschlüsse. Man lernt jemanden kennen, man denkt, da ist Sympathie, man versteht sich gut und plötzlich antwortet die Person nicht mehr auf Nachrichten oder Anrufe.
Gerade beim Online- Dating müssen viele diese schmerzhafte Erfahrung machen. Die zunehmende Digitalisierung unserer sozialen Beziehungen verstärkt dieses Verhalten leider. Der Grund: Online-Kommunikation reduziert viele unmittelbare soziale Konsequenzen. Während ein persönliches Gespräch direkte emotionale Reaktionen hervorruft, ermöglicht digitale Kommunikation eine größere emotionale Distanz. Das Verschwinden ohne Erklärung wird dadurch rein technisch und emotional leichter. Das nennt man dann Ghosting.
Ghosting aktiviert das Bedürfnis nach Abschluss besonders stark.
Es ist eine Situation maximaler Ambiguität. Wer geghostet wird, versteht erst einmal nichts, er ist fassungslos und enttäuscht. Er fühlt sich zurückgewiesen und hat keine Ahnung warum.
Jede Form von Zurückweisung aber aktiviert neurobiologisch ähnliche Prozesse wie körperlicher Schmerz. Studien von Naomi Eisenberger und Matthew Lieberman belegen, dass Erfahrungen sozialer Ablehung oder Ausgrenzung die gleichen Hirnareale aktivieren, die auch an der Verarbeitung körperlicher Schmerzen beteiligt sind. Das erklärt, weshalb Ghosting nicht nur als Enttäuschung erlebt wird, sondern intensive Gefühle von Verletzung, Kränkung oder emotionalem Schmerz auslöst.
Ghosting hält den Denkprozess aufrecht. Das Grübeln wird hartnäckig.
Kruglanski beschreibt zwei psychologische Prozesse:
Seizing (Ergreifen): Wir versuchen möglichst schnell eine Erklärung zu finden, um Unsicherheit zu
reduzieren. Das Gehirn "greift" nach einer plausiblen Antwort. Freezing (Festhalten):
Sobald eine Erklärung gefunden wurde, neigen wir dazu, an ihr festzuhalten,
selbst wenn sie unvollständig ist. Das spart dem Gehirn Energie. Beim Ghosting scheitert dieser zweite Schritt. Zwar denken
wir uns zahlreiche mögliche Erklärungen und machen Konstruktionen, aber nichts
davon kann auf die Wahrheit überprüft werden. Das Gehirn wechselt deshalb
ständig zwischen verschiedenen Möglichkeiten hin und her. Dadurch entstehen die
typischen Grübelschleifen, geboren aus Unsicherheit.
Neurowissenschaftlich betrachtet reagiert unser Gehirn auf Unsicherheit ähnlich wie auf potenzielle Bedrohungen. Offene soziale Situationen aktivieren Hirnnetzwerke, die für Aufmerksamkeit, Fehlerüberwachung und Problemlösen zuständig sind. Solange keine eindeutige Erklärung vorliegt, bewertet das Gehirn die Situation als nicht abgeschlossen und richtet immer wieder die Aufmerksamkeit darauf. Hinzu kommt, dass soziale Beziehungen für uns Menschen evolutionär von zentraler Bedeutung sind. Im kollektiven Unterbewusstsein haben wir gespeichert, dass sozialer Ausschluss früher existenzielle Folgen haben konnte. Deshalb reagiert unser Gehirn besonders sensibel auf Anzeichen von Zurückweisung, Ablehnung oder Ausgrenzung.
Warum manche Menschen stärker leiden als andere.
Der Need for Closure ist kein Persönlichkeitsmerkmal, das für uns alle gleich gilt. Nicht alle Menschen leiden gleich stark darunter. Ein besonders starkes Bedürfnis nach Abschluss haben Menschen, die Unsicherheit als sehr belastend erleben, ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle haben, zu Grübeln oder Perfektionismus neigen, emotionale Beziehungen intensiv erleben oder die bereits traumatische Erfahrungen mit instabilen Beziehungen oder frühkindlicher Zurückweisung gemacht haben. Andere wiederum können Zurückweisung leichter akzeptieren und benötigen keine vollständige Erklärung, um emotional abzuschließen. Dennoch, wir alle können eine begründete Ablehnung und eine Trennung, die erklärt wird, besser verarbeiten als Schweigen. Beides ist zwar schmerzhaft, eine Begründung liefert dem Gehirn jedoch eine eindeutige Information. Dadurch kann der Suchprozess beendet werden. Das Bedürfnis nach einer Erklärung dagegen hält den Denkprozess aufrecht und der fehlende Abschluss verhindert, dass das Erlebnis kognitiv abgelegt wird. Ghosting verhindert genau das. Das Bedürfnis nach kognitivem Abschluss bliebt unerfüllt, und die Situation wird immer wieder gedanklich reaktiviert.
Besonders vulnerable Menschen verfolgt der Need for Closure häufig über Wochen oder Monate, manchmal sogar über Jahre.
Nicht der Kontaktabbruch selbst verursacht den größten Schmerz, sondern die fehlende Möglichkeit, das Erlebte sinnvoll einzuordnen. Das Gehirn sucht nach einem Ende der Geschichte und solange dieses Ende fehlt, bleibt die Erfahrung psychologisch offen. Genau deshalb leiden Betroffene, weniger unter der Ablehnung oder der Trennung selbst, als unter der Ungewissheit, warum es so gekommen ist. Die meisten Betroffenen glauben daher, sie könnten erst abschließen, wenn sie verstehen, warum der andere sang und klanglos verschwunden ist.
Aus psychologischer Sicht ist das jedoch nur bedingt richtig. Tatsächlich hängt ein emotionaler Abschluss weniger von der tatsächlichen Antwort des anderen ab als von unserer eigenen Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und zu akzeptieren, das manche Fragen im Leben unbeantwortet bleiben
Manchmal existiert keine Antwort. Manchmal kennt selbst der, der ghostet, seine Motive nicht wirklich. Akzeptanz bedeutet deshalb nicht, sein Verhalten gutzuheißen, sondern anzuerkennen, dass Gewissheit nie erreichbar sein wird. Nicht jeder Mensch gibt uns die Möglichkeit, eine gemeinsame Geschichte zu Ende zu erzählen. Dann ist es nicht sinnvoll, die erlösende Antwort zu suchen, sondern zu akzeptieren, dass die Antwort außerhalb unserer Kontrolle und nicht in unserem Einflussbereich liegt. Innerer Abschluss entsteht dann, wenn wir aufhören, die fehlende Erklärung als Voraussetzung für unser Wohlergegen und unser Weitergehen zu betrachten.
Ein Teil der Heilung besteht nicht darin, alle Antworten zu
bekommen, sondern darin, zu akzeptieren, dass man sie möglicherweise nie
bekommen wird. Akzeptanz beendet nicht sofort den Schmerz der
Zurückweisung, aber sie nimmt ihm nach und nach die Macht. Wenn uns das allein nicht gelingt, ist es sinnvoll uns professionelle Hilfe zu suchen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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