Freitag, 29. Mai 2026

„Wie kann es sein, dass ich wieder bei etwas Ähnlichem lande?“

 

                                                                  Zeichnung: A.W.


Eine ehemalige Co-Abhängige trennt sich von ihrem suchtkranken Partner. Kurz darauf lernt sie einen Mann kennen. Sie verliebt sich in ihn und später stellt sich heraus, dass der Vater des neuen Partners schwerer Alkoholiker ist.

Sie fragt: „Wie kann es sein, dass ich wieder in etwas Ähnlichem lande?“

Das wirkt tatsächlich seltsam oder fast schicksalhaft, psychologisch ist es aber gut nachvollziehbar. Menschen mit Co-Abhängigkeitsmustern entwickeln oft unbewusst eine starke Vertrautheit mit bestimmten Dynamiken -  emotional instabile Beziehungen, Verantwortung für andere übernehmen, Retteridentifikation, ständige Wachsamkeit, Misstrauen sich selbst und anderen gegenüber, Scham – und Schuldgefühle, Angst vor Ablehnung und Verlust. 

 

Wenn jemand sich aus einer Beziehung mit einem alkoholkranken Partner oder von einem suchtkranken Familenmitglied löst, verschwinden diese inneren Muster nicht automatisch sofort. Dann kann es leicht passieren, dass man sich kurz darauf wieder zu Menschen hingezogen fühlt, deren Lebensumfeld ähnliche emotionale Strukturen enthält, selbst wenn die neue Person selbst gar nicht alkoholabhängig ist.

Alkoholismus ist eine Familienkrankheit. 

Sie ist ein systemisches Geschehen, nicht weil alle Familienmitglieder alkoholabhängig sind, sondern weil sich das gesamte emotionale System an die Sucht anpasst. Diese Muster können noch lange wirken, selbst wenn später kein Alkohol mehr im Alltag existiert. Genau darin liegt auch die Tragik von Alkoholismus: Die Krankheit betrifft nicht nur die konsumierende Person. Sie prägt das ganze System – also alle, die mit dem Süchtigen zu tun haben, sie prägt Beziehungen, Bindungsstile und das emotionale Klima über Generationen hinweg. Ein Vater mit schwerer Alkoholabhängigkeit bedeutet, dass der Sohn bestimmte Überlebensstrategien gelernt hat, die einem ehemaligen Co-Abhängigen vertraut vorkommen. Das heißt nicht automatisch, dass die neue Beziehung „ungesund“ ist, oder dass man bewusst ein Konstrukt sucht, das mit Alkoholismus zu tun hat. Aber es kann bedeuten, dass das Nervensystem und das Bindungsmuster noch auf „ vertraute emotionale Landschaften“ reagieren.

Unbewusstes erkennt Unbewusstes blind.

Menschen erkennen oft nicht gleich den Grund warum sie einander anziehend finden, sondern sie spüren etwas Vertrautes im emotionalen Grundgefühl. Das läuft blitzschnell, intuitiv und unbewusst ab. Unsere Bindungs- und Beziehungsmuster wirken selten logisch oder bewusst gewählt. Deshalb können sich zwei Menschen stark voneinander angezogen fühlen und erst später merken - beide kennen Chaos aus Beziehungen, beide übernehmen zu viel Verantwortung, beide fühlen sich für die Gefühle anderer zuständig, beide wollen sich kümmern, helfen oder retten. 

 

Das „blind“ daran ist der Punkt: Das Unbewusste sucht eher Vertrautheit als emotionale Gesundheit.  

Diese Vertrautheit fühlt sich zunächst wie Chemie, Tiefe, Seelenverwandtschaft oder Schicksal, selbst wenn die zugrunde liegenden Muster später schwierig werden. Das heißt nicht, dass jede Verbindung zwischen zwei co-abhängigen Menschen zwangsläufig problematisch ist. Wenn beide reflektiert sind, wenn sie wissen wo sie selbst aufhören und der andere anfängt, wenn sie Eigenverantwortung übernehmen, ihre Muster erkennen und sich gesund abgrenzen kann daraus sogar etwas sehr Bewusstes entstehen.

 

Nur wenn wir Muster erkennen, entsteht überhaupt erst Wahlfreiheit.

Entscheidend ist, dass die alten Dynamiken nicht unbemerkt übernommen werden, dass man sie erkennt und nicht in Automatismen zurückfällt, z.B. indem man den anderen Co-abhängigen retten will, wie ehemals den alkoholkranken Partner oder das suchtkranke Familienmitglied.

 Solche Muster können gleichzeitig plausibel und irgendwie unheimlich wirken. Fakt ist: Viele ehemalige Co-Abhängige spüren eine starke Anziehung zu Menschen mit schwierigen Familiengeschichten. Sie haben dann das Gefühl, besonders verstanden zu werden, lassen sehr schnell intensive emotionale Nähe zu oder sie spüren den Impuls, wieder emotional Verantwortung zu übernehmen. 

 

Der entscheidende Punkt um nicht in die Wiederholungsfalle zu geraten ist Wachsamkeit und Selbstbeobachtung. Das heißt: Habe ich heute Grenzen? Kann ich meine Bedürfnisse äußern? Kann ich ein klares Nein sagen, ohne mich schuldig zu fühlen? Muss ich retten oder reparieren? Fühlt sich die Beziehung ruhig und sicher an oder intensiv und vertraut-chaotisch? Kann die andere Person Verantwortung für sich selbst übernehmen und tut sie das auch in ihren Handlungen? Gibt es eine Divergenz zwischen Worten und Handlungen?

Das Problem ist also nicht „Der Vater des Mannes ist alkoholkrank, sondern – erkennt die Frau ihre Muster und die Dynamik in der neuen Beziehung? Kommunikationsstil, emotionale Reaktionen, Bedürftigkeit, Anpassungsverhalten, Unsicherheit, Fürsorglichkeit, Distanz-Nähe-Muster usw.

 

Gerade Menschen mit Co-Abhängigkeits-Erfahrungen haben häufig ein sehr feines Gespür für bestimmte emotionale Dynamiken. 

Nicht im Sinne von: „Oha, der Vater ist Alkoholiker“, sondern eher: Mit dieser Person fühle ich mich sofort verbunden. Sie versteht mich auf eine besondere Weise. Sie ist empathisch, sie wirkt verletzlich. Ich möchte sie beschützen. Menschen aus suchtbelasteten Familien senden oft, ebenfalls unbewusst, bestimmte Signale: starke Anpassung, Harmoniebedürfnis, Schwierigkeiten mit Grenzen, emotionale Wachsamkeit, Verantwortungsgefühl für andere, Angst vor Konflikten oder vor Verlassenwerden. 

 

Das kann sich gegenseitig „bekannt“ anfühlen, lange bevor jemand über Alkoholismus spricht. Also nicht der Alkoholismus im System selbst wird erkannt, sondern die vertraute emotionale Struktur dahinter. Erst später erkennt man dann die Parallelen. Beziehungen entstehen in den meisten Fällen eben nicht über bewusste Entscheidungen, sondern über alte emotionale Prägungen, Nervensystem, Bindungserfahrungen und Vertrautheit.

 

Deshalb fragen sich Menschen nach einer toxischen oder co-abhängigen Beziehung: „Wie kann das sein, ich lande immer wieder in ähnlichen Dynamiken, obwohl die Menschen völlig anders sind.“

Es ist weder Schicksal noch Pech, es passiert unterhalb der bewussten Ebene.

 

 

 

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