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„Spring – und das Netz wird sich auftun.“
Dieser Satz wird dem Schriftsteller John Burroughs zugeschrieben. Es ist einer jener Sätze, die nicht erklären, sondern herausfordern. Dieser Satz spricht von einem inneren Teil in uns, der ahnt, dass Vertrautes und Sicherheit allein kein erfülltes Leben hervorbringen.
Manchmal stehen wir am Rand unseres bisherigen Lebens wie an einer Klippe. Hinter uns liegen Erfahrungen, Gewohnheiten, scheinbare Sicherheiten, Beziehungen oder Orte an denen wir leben und all das fühlt sich nicht mehr gut an. Vor uns liegt nichts Sichtbares. Kein Weg, kein Geländer. Es fühlt sich an als stünden wir vor einem riesigen Abgrund. Wir blicken hinein und wissen – wir müssen springen, denn wenn wir es nicht tun, wird nichts besser, sondern eher schlechter. Genau dort beginnt die eigentliche Bedeutung des Satzes: „Spring – und das Netz wird sich auftun.“
Dieser Sprung hat nichts mit Leichtsinn zu tun. Er verlangt vielmehr eine tiefe Form des Vertrauens. Nicht das Vertrauen darauf, dass nichts schiefgehen wird, sondern das Vertrauen darauf, dass wir im Fallen Fähigkeiten an uns entdecken, die uns im sicheren Stand verborgen bleiben. Wer immer nur wartet, bis alle Risiken ausgeschlossen sind, wird niemals erfahren, wer er hätte werden können.
Wir alle verbringen einen großen Teil unseres Lebens damit, Netze zu suchen, bevor wir springen. Und manche von uns wagen es nie. Wer den Mut hat zu springen, verzichtet auf die Gewissheit vor der Entscheidung, die Antworten vor dem Aufbruch, die Garantie vor dem Risiko. Das Leben aber folgt selten dieser Ordnung. Unsere entscheidenden Erfahrungen entstehen oft erst, nachdem wir den Mut hatten, zu springen. Erst im Sprung zeigt sich, was uns tragen kann. Vielleicht sind es Menschen, die erst jetzt erscheinen. Vielleicht ist es die eigene Kraft, die erst im Augenblick der Unsicherheit geboren wird. Vielleicht ist das Netz auch die Erkenntnis, dass selbst ein Scheitern nicht das Ende bedeutet. Denn oft ist nicht der Sturz das Gefährlichste, sondern ein Leben, das aus Angst besteht oder dem zersetzenden Gefühl im falschen Leben zu sein, am falschen Ort, mit den falschen Menschen.
Wir wollen Kontrolle, Berechenbarkeit, Absicherung. Das ist menschlich, aber zugleich ist es auch das, was uns davon abhält etwas Neues zu wagen. Doch die entscheidenden Augenblicke eines Lebens entziehen sich fast immer der vollständigen Planung. Alles Wesentliche beginnt mit einem Schritt, dessen Ausgang unbekannt ist.
Der Mensch wächst nicht durch Gewissheit, sondern durch Wagnis.
Jeder wirkliche Neubeginn trägt dieses Wagnis in sich – der Sprung ins Unbekannte, ohne die Sicherheit, dass wir aufgefangen werden. Der Sprung ins Ungewisse ist kein irrationaler, leichtsinniger Akt, sondern der Moment, in dem wir über uns selbst hinauswachsen. Er ist ein Schattensprung. Er ist die Weigerung, innerhalb der Grenzen zu leben, die die Angst gezogen hat. Und vielleicht besteht Weisheit nicht darin, niemals zu fallen, sondern darin zu erkennen, dass das Leben selbst oft erst im Fallen seine verborgenen Netze offenbart.
Dennoch ist der Sprung beängstigend. Wer springt, braucht verdammt viel Mut, denn er akzeptiert die Möglichkeit des Aufschlags. Und genau darin liegt eine tiefe innere Freiheit: zu verstehen, dass ein verfehlter Versuch weniger tragisch ist als ein Leben, das keins ist und aus Furcht niemals begonnen wurde. Nicht jeder Sprung endet sanft. Doch jeder Sprung verändert den Menschen, der ihn wagt.
Das Wesentliche im Leben ist nun mal selten berechenbar.
Liebe entsteht nicht aus Kontrolle. Sinn nicht aus Absicherung. Wachstum nicht aus Gewohnheit. Erkenntnis nicht aus Stillstand. Freiheit nicht im Käfig.
Ein Mensch wächst nicht dort, wo alles sicher ist, sondern dort, wo er bereit ist, sich dem Ungewissen auszusetzen. Vielleicht ist das Netz am Ende nichts anderes als das Leben selbst, nicht sichtbar, solange wir am Rand stehen, und erst erfahrbar in dem Moment, in dem wir den Mut finden zu springen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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