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„Du musst dir nur selbst Zuwendung und Aufmerksamkeit geben und schon klappt das mit der Heilung."
Sätze wie diese sind flache Antworten der Ratgeberpsychologie auf innere Prozesse, die psychisch und körperlich sehr viel komplexer sind.
Warum funktioniert das nicht?
Weil „Zuwendung und Aufmerksamkeit“ allein oft nicht das berühren, was in uns verletzt wurde. Heilung ist nicht nur eine bewusste Entscheidung, sondern auch ein Vorgang des Nervensystems, der Beziehungserfahrungen und innerer Prägungen.
Wenn unser Körper oder unsere Psyche über lange Zeit Stress, Angst, Unsicherheit oder emotionale Überforderung erlebt haben, bleibt unser System in einem dauerhaften Alarmzustand. Dann reagieren wir nicht aus innerer Sicherheit heraus, sondern aus Anpassung, Schutz oder Überleben. In solchen Zuständen reicht Verständnis und innere Zuwendung allein nicht aus.
Viele von uns verstehen ihre Muster sehr gut. Wir wissen, warum wir uns zurückziehen, warum wir Angst vor Nähe haben oder uns selbst ständig abwerten. Und trotzdem verändert dieses Verstehen oft zunächst wenig. Denn psychische Verletzungen sitzen nicht nur im Denken, sondern auch im Körper, in emotionalen Reaktionen und in tief verinnerlichten Beziehungserfahrungen.Deshalb braucht Heilung wiederholte neue Erfahrungen nicht nur liebevolle Gedanken.
Sie braucht Sicherheit im Kontakt mit anderen Menschen.
Viele Wunden entstehen in Beziehungen und zeigen sich später auch dort wieder - in Angst vor Ablehnung, im Gefühl wertlos zu sein oder nicht zu genügen, in Misstrauen oder in emotionaler Überanpassung. Deshalb geschieht Heilung nicht ausschließlich allein, sondern auch in Beziehung. Gesehen, verstanden und emotional gehalten zu werden kann verändern, was reine Selbstbeobachtung und Selbstzuwendung nicht erreicht. Das Nervensystem braucht Selbstregulation und Co-Regulation um sich wieder sicherer zu fühlen.
Heilung braucht die Fähigkeit, Gefühle tatsächlich zuzulassen.
Viele von uns analysieren sich selbst sehr genau und bleiben dennoch innerlich abgeschnitten von ihrer Trauer, von Wut, Scham, Angst oder Einsamkeit. Gefühle zu verstehen ist nicht dasselbe wie sie zu fühlen.
Heilung braucht Zeit.
Unser Nervensystem lernt durch Wiederholung. Eine einzelne positive Erfahrung reicht oft nicht aus, wenn über Jahre etwas anderes gelernt wurde. Erst durch wiederholte Erfahrungen von Sicherheit, Verbindung oder Selbstwirksamkeit beginnt sich innerlich langsam etwas zu verändern.
Selbstzuwendung anfangs sogar unangenehm sein.
Manche von uns geben sich Aufmerksamkeit und plötzlich tauchen Leere, Schmerz oder innere Unruhe auf. Wir versuchen freundlich mit uns zu sein, aber ein anderer Teil in uns glaubt diese Freundlichkeit nicht. Wir gehen in die Ruhe, meditieren oder ziehen uns zurück und merken, dass sich Stille nicht beruhigend, sondern bedrohlich anfühlt.
Das bedeutet nicht, dass wir „falsch heilen“. Oft zeigt sich darin nur, wie sehr unser System gelernt hat, angespannt, wachsam oder selbstkritisch zu sein.
Für manche Menschen fühlt sich echte Nähe zu sich selbst deshalb zunächst ungewohnt oder sogar unsicher an. Besonders dann, wenn sie früh lernen mussten, Gefühle zu unterdrücken, stark zu sein, zu funktionieren oder wenig emotionale Sicherheit erlebt haben. Solche Muster werden mit der Zeit oft Teil der eigenen Identität und wirken irgendwann selbstverständlich.
Heilung braucht Geduld mit uns selbst.
Alte Verletzungen verschwinden nicht automatisch, nur weil wir sie verstehen oder freundlich mit uns sein wollen. Unser Nervensystem kann dauerhaft auf Alarm stehen. Aufmerksamkeit auf uns selbst kann Schmerz sogar sichtbarer machen. Dann wird es zuerst schlimmer statt besser.
Viele von uns verwechseln Selbstzuwendung mit Kontrolle:
„Wenn ich alles richtig mache, muss es besser werden.“ Aber Heilung verläuft nicht linear.
Es funktioniert nicht, obwohl wir aufmerksam mit uns sind, weil wir innerlich weiterhin hart und abwertend zu uns sind oder im Überlebensmodus bleiben. Wir können uns beobachten, ohne uns wirklich sicher zu fühlen.
„Zuwendung und Aufmerksamkeit für uns selbst“ allein berührt nicht das eigentliche Problem.
Sätze wie: „Liebe dich einfach selbst, dann heilt alles“, klingen wie ein Hohn, besonders für diejenigen, die es nicht schaffen, sich selbst zu lieben. Und sie sind nicht wahr.
Heilung funktioniert nicht wie ein Schalter, auf dem „Selbstliebe“ steht und den wir einfach anknipsen können. Trauma, Ablehnung, Angst, Überforderung, alte Erfahrungen, Depressionen, Neurosen, Persönlichkeitsstörungen, Süchte oder psychiatrische Erkrankungen reagieren nicht auf liebevolle Gedanken uns selbst gegenüber, um sich einfach in Wohlgefallen aufzulösen.
Viele Menschen suchen nach dem einen Moment, in dem endlich alles „richtig“ wird. Aber Heilung fühlt sich oft eher unspektakulär an. Und nicht alle Wunden verschwinden komplett. Darum geht es auch nicht — es geht darum, sie zu integrieren und zu lernen, mit ihnen zu leben und mit ihnen umzugehen. Dann kann sich das Verhältnis zu uns selbst verändern.
Heilung bedeutet nicht, dass alles verschwindet.
Es bedeutet einen anderen Umgang mit dem eigenen Schmerz zu entwickeln. Zu lernen, sich selbst nicht nur zu kontrollieren oder zu optimieren, sondern sich langsam sicherer im eigenen Inneren zu fühlen. Und vor allem gehört dazu die Erkenntnis, dass Heilung nicht linear verläuft. Es gibt Fortschritte, Rückfälle, Phasen von Hoffnung und Phasen von Erschöpfung. Nicht weil wir versagen, sondern weil psychische Prozesse selten geradlinig funktionieren.
Heilung ist ein komplexer, individueller Prozess.
Eine psychische Erkrankung ist kein Mindset, sie ist ein schmerzhafter Kampf im Inneren des Gehirns und des Körpers.
Selbstliebe ist etwas, das sich langsam entwickeln kann, wenn unser inneres System beginnt, Sicherheit, Verbindung und Vertrauen zu erleben. Heilung ist langer Weg, der bei jedem Menschen anders verläuft und in dem jeder etwas anderes braucht, um heilen zu können.
Wenn sich auf diesem Weg irgendwann Selbstliebe einstellt, ist das etwas Wundervolles. Aber sie ist oft das Ende des Weges und nicht der Anfang.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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