Mittwoch, 26. Februar 2020

Einsam Innen



Foto: Angelika Wende

Da sind die, die allein sind, weil sie glauben, dass sie niemand versteht.
Da sind die, die allein sind, weil sie sich niemandem zumuten wollen.
Da sind die, die allein sind, weil sie glauben, dass ihnen niemand helfen kann.
Das sind die, die sich zutiefst einsam fühlen.

Sie sind Menschen mit einer traumatischen Geschichte.
Ihre innere Einsamkeit kommt aus dem Gefühl, als wäre etwas für immer weggeschlossen.
Du kannst sie verstehen.
Du kannst ihnen helfen.
Du kannst sie berühren.
Aber diese Einsamkeit wird nicht weggehen.
Vielleicht für Momente.
Aber sie wird bleiben.
Sie gehört zu ihnen.
Was ihnen geschehen ist, ist für dich eine verschlossene Tür.

Dienstag, 25. Februar 2020

Fern




Aus der Ferne
Hast du mich gerufen
 Ich habe dir geantwortet
Auf deinen Schmerz
Auf deine Trauer

Dir mein Herz geöffnet
Dich in mich hineingelassen
Fremdes vertraut gemacht
Zueinandergelegt
In weichen Kissen

Verstehend
Tröstend
Habe ich dich in meinem Armen gehalten
Du mich in den Deinen
Bis es warm war und gut
Für eine Weile
 Die Kissen sind kalt
Du fern

Montag, 24. Februar 2020

Verzeihen ohne zu vergessen


 
Malerei: Angelika Wende


"Was unsere Seele am schnellsten und schlimmsten abnützt, das ist: Verzeihen ohne zu vergessen", schreibt Arthur Schnitzler.

Meine Erfahrung sagt, er hat Recht.
Oft sitzen Menschen vor mir und sagen: Ich habe verziehen. Ja, es war schrecklich, was ich erleben musste, aber ich habe verziehen. Ich glaube ihnen, aber dann reden wir und die Geschichte, die angeblich verziehen wurde, bricht, getränkt in einen Cocktail von Emotionen aus ihnen heraus.  
Ich nehme wahr: Das mit dem Verzeihen, das steckt nur in ihrem Kopf. 

Was, frage ich dann, sagt ihr Herz?
Wie fühlt es sich im Herzen an?
Was sagt Ihr Bauch?
Wie fühlt es sich im Bauch an?
Achten Sie bitte auf das, was in ihrem Körper geschieht, wenn sie an das Geschehene denken?

Meist ist es dann erst einmal eine Weile still. Und dann fließen Tränen. Tränen einer tiefen Trauer. Manchmal kommt Wut nach Oben und manchmal Verzweiflung.
Ja, es mag gedanklich verziehen sein. 
Vielleicht weil man verzeihen wollte. 
Weil man ein guter Mensch sein will, weil man glaubt, das Nicht-Verzeihen nichts Gutes ist, weil Verzeihen doch die Seele befreit und trotz tiefen Schmerzes glücklich machen soll, weil es frei, leicht und ruhig macht und wir unseren inneren Frieden wieder finden. 

Ist das wahr?
Meine Erfahrung sagt: Es ist nicht wahr. Verzeihen funktioniert nicht aus diesen gedanklichen Motiven heraus. Verzeihen geht nicht willentlich und schon gar nicht, wann wir es wollen. Es ist meines Erachtens geradezu unheilsam uns einzureden, wir hätten verziehen, wenn jede Zelle unseres Körpers Alarm schlägt und uns sagt: Wir haben es nicht verziehen. Wir „denken“ Verzeihen und das ist eine fatale Illusion, die unser Körper Lügen straft. 

Darum ist es so wichtig, den Köper zu befragen, bevor wir meinen etwas meinen zu können.
Die Seele vergisst nichts und was wir gewollt verzeihen wollen bedeutet nicht es  verarbeitet oder gar vergessen zu haben.

Wir Menschen konservieren Erfahrungen. Unser Körper hat ein unbestechliches Gedächtnis. Alles was im Körper erlebt wird, vergessen wir nicht mehr. Der Körper kann die Erinnerung jederzeit abrufen. Über den Verstandesbereich können wir das nicht verhindern  - denn, was auf der rationalen Ebene stattfindet, hat keinen direkten Zugriff auf das Nervensystem. Deshalb ist übrigens auch Veränderung so schwer - über den Kopf allein funktioniert sie nicht. Wissen ist zwar immer gut und hilfreich, aber eben nur ein kleiner Teil eines Heilungsprozesses. 

Es gibt Verletzungen, die sitzen so tief, so unausrottbar fest in unserer Seele, dass der kleinste Reiz, der uns an diese Verletzung erinnert, einen riesigen Schmerz auslöst.  
Er reißt uns wie in Trance genau in die Gefühle zurück, die die Verletzung damals ausgelöst hat. Und wir fühlen uns genauso wie damals. Wir spüren: Es ist nicht zu vergessen. Und so ist es.
Das kann quälend sein und das ist es auch und das darf auch sein, denn etwas ist geschehen, was uns in unserem ganzen Sein, in unserem in-der-Welt-Sein erschüttert hat – und für jeden von uns ist das etwas anderes.

Der Kopf will vergessen und die Seele kann nicht vergessen, sie vergisst vor allem nicht, was einmal sehr weh getan hat.  
Der Kopf schaltet sich aus, wenn wir fühlen und je stärker das Gefühl ist, desto schwächer und machtloser ist der Kopf. Rationalisierungen helfen uns also nicht beim Verzeihen. Vielmehr schaden sie uns sogar, denn wir machen uns selbst etwas vor und damit verdrängen wir, wehren wir ab, spalten wir ab, kompensieren wir, suchen wir alle möglichen, oft sehr unheilsame Auswege nur um nicht fühlen zu müssen, was wir wirklich fühlen: Im Zweifel, dass wir eben nicht verzeihen können. Gar nicht hilfreich, denn alles was wir nicht haben wollen hält uns gefangen.

Was uns hilft, ist unsere Gefühle zu fühlen, sie da sein zu lassen, sie zu achten und sie nicht wegzudenken, denn damit missachten wir uns selbst.
 
Verzeihen geschieht nicht willentlich. Es geschieht oder es geschieht nicht. 
Verzeihen und vergessen zu „wollen“ setzt uns unter Druck. Je mehr Energie wir in etwas hineingeben, was wir wollen, desto größer wird unser innerer Kampf. Es ist unheilsam dieses Kämpfen-müssen oder Kämpfen-wollen oder Haben-wollen. Im Wollen liegt das Problem. 
Um etwas mit Wollen erreichen zu wollen verbrauchen wir endlos Energie. Alles Wollen zeigt uns an, das etwas nicht sein darf oder wir etwas erreichen müssen. Aber genau an dem, was wir erreichen wollen, mangelt es. So lenken wir unsere Energie auf den Mangel im sinnlosen Versuch ihn einzudämmen. Und das gilt eben auch für das Verzeihen wollen. Verzeihen ohne zu vergessen, nützt, wie es Schnitzler formuliert, die Seele am schnellsten und schlimmsten ab. 

So traurig es ist, es gibt im Leben Dinge, die unverzeihlich sind und dann dauert es nicht selten ein ganzes Leben und manchmal reicht nicht mal das, wir nehmen das nicht-verzeihen-Können mit ins Grab. Das ist tragisch, aber auch das ist Leben. Vielleicht können wir das akzeptieren, dann ist es weniger schmerzhaft und wir leiden nicht mehr allzu sehr. 


Sonntag, 23. Februar 2020

lllusionen



Malerei: Angelika Wende

Jeder von uns zieht auf Grund seiner Anlagendefizite, ungelöster innerer Themen und kindlicher Beziehungserfahrungen unbewusst immer wieder den Partner an, den er "braucht" um sich selbst zu erkennen und zu entwickeln. Da wir oft nicht wissen, was genau unsere Themen sind, konfrontiert uns das Unbewusste immer wieder damit.

Wenn wir eine erfüllende, von Liebe, Respekt und gegenseitiger Wertschätzung getragene Beziehung (er) leben wollen, sollten wir uns zunächst mit der Beziehung, die wir mit uns selbst haben, auseinandersetzen.  
Wir sollten unsere Themen erkennen, sie akzeptieren und für uns selbst bearbeiten. Haben wir das nicht erledigt, wird uns immer wieder der Partner begegnen, der uns auf unsere Verdrängungen und inneren Konflikte und damit auf uns selbst zurückwirft. Mit anderen Worten: Wir begegnen einander aufgrund einer inneren Entsprechung und nicht aus Zufall. 

Solange wir nicht wissen, was uns innerlich beherrscht, solange unsere Wahrnehmung für uns selbst getrübt ist, solange wir uns vor uns selbst verstecken - wie sollen wir den finden, der uns entspricht?
Aufgrund des Gesetzes der Anziehung, der inneren Entsprechung, treffen wir solange auf Partner, die uns helfen die verborgenen Wirkmechanismen in uns zu erkennen. Solange wir eine Rolle spielen, ob bewusst oder unbewusst, werden wir anderen Rollenspielern begegnen. Wir befinden uns in einer Illusion von uns selbst und begegnen Illusionen. Wir erfahren eine weitere Illusion, die meistens mit einer Enttäuschung endet. Wären wir uns unserer selbst bewusster, gäbe es weniger Herzeleid und Liebeskummer.

Samstag, 22. Februar 2020

Er lügt


Zeichnung: Angelika Wende

Meine Klientin sitzt vor mir. Ihre Augen blicken ins Leere. 
„Er hat mich wieder belogen. Es war nur eine kleine Lüge, aber ich bin so erschüttert.“

Was erschüttert Sie so?, frage ich.

„Dass er immer wieder lügt. Ich will nicht belogen werden. Ich will vertrauen können. Ich will mich sicher fühlen. Ich hasse Lügen. Ich fühle mich dann betrogen."

Worum fühlen Sie sich betrogen?

„Um meinen Wert in seinem Leben.“

Um Ihren Wert?

„Ja, es fühlt sich dann für mich an, als sei ich es ihm nicht wert mir die Wahrheit zu sagen. Ich habe ihm gesagt, dass er gelogen hat und er hat mich einfach abgewiegelt: „Mach nicht schon wieder Stress!
Das tat weh, das war wie ein Schlag in die Magengrube.
Er versteht das nicht. Für ihn hat das Lügen keine Bedeutung. Er lügt halt.
Aber für mich gerät mit jeder Lüge, auch wenn sie noch so klein ist, der Boden ins Wanken.
Das begreift er nicht.
Ich falle ins Bodenlose.
Er sagt dann, ich mache aus allem ein Drama.
Das tut weh."

Was genau tut weh? 

"Ich fühle mich schuldig. Nicht okay. Unsicher. Irgendwie als hätte ich was Falsches gamacht. Schuldig eben und ich schäme mich dann auch. Das macht mich klein.
Ich werde belogen, ich sage es ihm auf den Kopf zu und dann bin ich die, die schuld ist und Stress macht"

Sie fühlen sich schuldig?

„Ja, weil er mich dazu macht.“

Und wie fühlen Sie sich dann?

„Ich fühle mich ohnmächtig.“
Sie weint.
"Ich fühle mich wie ein Kind, das man nicht ernst nimmt und einfach abwiegelt und ihm dann noch die Schuld überkippt. Ich bin dann wie gelähmt, fassungslos und weiß nicht mehr was ich tun soll. Es beschäftig mich tagelang und ich bin nur noch traurig."

Ja, das verstehe ich gut, sage ich.
Ich lade Sie jetzt ein genau hinzuschauen. Was geschieht da, wenn Sie es von Oben betrachten, quasi aus der Vogelperspektive?

"Nun, er lügt mich an und übergibt mir die Verantwortung für meine Reaktion auf sein Handeln."

Damit tut er Ihnen eigentlich einen Gefallen.

"Wie bitte?"

Ja, er zeigt Ihnen was nicht stimmt in Ihrer Beziehung.

"Wieso? Indem er mir die Verantwortung für seine Lügerei in die Schuhe schiebt?"

Indem er Ihnen zeigt, dass er keine Verantwortung übernimmt – weder für die Lügerei, noch für die Beziehung, noch für die Gefühle, die er in Ihnen auslöst, noch dafür, dass Sie ihm vertrauen können.
Und er zeigt Ihnen was Ihre Aufgabe ist.

"Meine Aufgabe?"

Ja, Ihre Aufgabe.
Sie möchten ihm vertrauen, aber Ihr Vertrauen wird immer wieder missbraucht und enttäuscht.
Das schmerzt. Sie leiden. Und sie leiden weiter, weil er Sie nicht wertschätzt und für den Stress in Ihrer Beziehung verantwortlich macht.
Was ist also Ihre Aufgabe?

„Ich weiß es nicht. Helfen Sie mir bitte.“

Ihre Aufgabe ist es, sich selbst wertzuschätzen, indem Sie groß werden  und sich selbst vertrauen und damit aufhören sich selbst zu belügen.

Eine Weile ist es still.

„Ja, sagt sie, das stimmt. Ich belüge mich die ganze Zeit.
Ich mache mir vor, ich könnte, indem ich ihm seine Lügen aufzeige, erreichen dass er damit aufhört.“

Ja, und was erleben Sie?

"Dass ich nicht ernst genommen werde, dass ich dramatisiere. Dass ich schuld bin, wenn wir Stress haben."

Und Sie springen rein ins Drama.
Wozu ist das Drama gut?

„Ich weiß es nicht.“

Es ist dafür gut, dass Sie das, worum es wirklich geht, nicht sehen müssen.
Wahr ist, dass er Sie belügt. Wahr ist, dass er sie verletzt und nicht ernst nimmt, dass er Ihre Wahrnehmung verdreht und Ihre Gefühle nicht achtet. Ihnen sogar die Schuld gibt für sein unheilsames Handeln. Wahr ist, dass er Ihnen keine Wertschätzung entgegenbringt. Wahr ist, dass sie mit  diesem Menschen nicht glücklich sind und es auch nicht werden.
Würden Sie das klar erkennen, was wäre die heilsame Konsequenz?

Meine Kleintin weint.

"Ja, die Konsequenz wäre mich selbst endlich wertzuschätzen, indem ich mich selbst ernst nehme."

Ja, und was würden Sie dann erkennen?

"Dass ich mich die ganze Zeit selbst belüge."

Aha!

„Ja, ich belüge mich selbst.“

Und, was ist die Wahrheit?

„Wahr ist: Mit einem Mann, der mich immer wieder anlügt, will ich nicht sein.“






Dienstag, 18. Februar 2020

Ewig



Eine Ewigkeit
Für eine Ewigkeit sollte es sein
Bis das der Tod uns scheidet
Der Tod
Den du so fürchtest
Wir leben
Unsere Ewigkeit ist tot.

Montag, 17. Februar 2020

Die heilsame Kraft des Erkennens

Foto. www


Leiden ist normal.
Wir alle machen leidvolle Erfahrungen, doch diesen können wir noch mehr Leid hinzufügen, wenn wir uns mit dem Leiden nicht bewusst auseinandersetzen.

Probleme sind normal, sie sind Teil eines jeden Lebens.
Es gibt fremdgemachtes und es gibt selbstgemachtes Leid.
Je unbewusster wir reagieren, desto mehr leiden wir.
Wir verdoppeln dadurch unser Leid.

Wir Menschen werden immer mit Problemen konfrontiert, selbst wenn wir eine stabile innere Struktur haben – sie bleiben uns nicht erspart.
Es ist okay.
Das zu akzeptieren ist Reife.
Wir können Leiden nicht verhindern und ihm nicht ausweichen, aber wir können lernen eine andere Umgehensweise damit zu üben. Wir haben keinen Einfluss auf äußere Ursachen, aber wir haben Einfluss auf das Leiden, das wir selbst erschaffen.

Es gibt nach der Buddhistischen Betrachtungsweise drei Ursachen für selbsterzeugtes Leiden:

1. Unbewusstheit oder Unwissenheit
Verwirrung, Ignoranz, Sinnestrübung, Unaufmerksamkeit, Verleugnung, Zerstreutheit, Zweifel, Rastlosigkeit, Trägheit.

2. Anhaften oder Identifikationen
Festhalten, Beharren, Klammern, Begehren, Habenwollen, Gier, Sucht, Übelwollen.

3. Widerstand oder Abneigung.
Hass, Nichtwollen, Ablehnung, Nichtmögen, Abstoßen.

Eine erste hilfreiche Herangehensweise an das, was uns leiden macht, ist unsere innere Reaktion auf das was schmerzt, genau zu untersuchen und zu beobachten.
Was ist wirklich geschehen?
Wie reagieren wir auf das was ist?
Was denken wir darüber und wozu führen diese Gedanken?
Was machen Sie mit uns ?
Was machen Sie mit unserem Körper, unserem Herzen, unserem Bauch, unserem Verstand?

Die zweite hilfreiche Herangehensweise besteht darin unser Leiden als ein Etwa zu sehen, das aus zwei Aspekten besteht: Das Ereignis und unsere Reaktion darauf.
Wie reagieren wir und wie könnten wir anders reagieren?

Der Verstand ist wie ein Computerprogramm, das uns vermittelt: Ich mache aus allem, was du mir als Information gibst, einen Automatismus, weil ich so programmiert bin und das generell immer der leichteste Weg ist.

Dieses Programm können wir umprogrammieren.
Wir können lernen dem Gefängnis unserer Automatismen zu entkommen, indem wir bewusster werden und erkennen, dass es einen Raum zwischen Reiz und Reaktion gibt – einen Raum, den wir nutzen um unsere Reaktion auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen. Und sinnhaft ist niemals uns selbst zu schaden, sondern das Heilsame zu wählen.

Unterschätzen wir also nicht die Kraft des Erkennens. Sie kann zu heilsamen Veränderungen führen. Daher ist der entscheidende Schritt um unser Leiden nicht zu verdoppeln das Erkennen.

Um von dem was uns leiden macht nicht überflutet zu werden benötigen wir die Erlangung von Selbststeuerung und Selbstberuhigungskompetenz.
Was bedeutet das?
Es bedeutet: Wie befreien uns nicht von unseren Empfindungen, wie befreien uns inmitten unserer Empfindungen. Indem wir sie da sein lassen, aber uns nicht derart identifizieren oder dramatisieren, dass wir nur noch diese Empfindungen sind und in ihnen untergehen.

Wir können das Leiden nicht verhindern, aber wir können es mildern und transformieren.

Namaste


                                     ...


Bedenke, daß die menschlichen Verhältnisse insgesamt unbeständig sind, dann wirst Du im Glück nicht zu fröhlich und im Unglück nicht zu traurig sein."
 
Sokrates