Montag, 24. Februar 2020

Verzeihen ohne zu vergessen


 
Malerei: Angelika Wende


"Was unsere Seele am schnellsten und schlimmsten abnützt, das ist: Verzeihen ohne zu vergessen", schreibt Arthur Schnitzler.

Meine Erfahrung sagt, er hat Recht.
Oft sitzen Menschen vor mir und sagen: Ich habe verziehen. Ja, es war schrecklich, was ich erleben musste, aber ich habe verziehen. Ich glaube ihnen, aber dann reden wir und die Geschichte, die angeblich verziehen wurde, bricht, getränkt in einen Cocktail von Emotionen aus ihnen heraus.  
Ich nehme wahr: Das mit dem Verzeihen, das steckt nur in ihrem Kopf. 

Was, frage ich dann, sagt ihr Herz?
Wie fühlt es sich im Herzen an?
Was sagt Ihr Bauch?
Wie fühlt es sich im Bauch an?
Achten Sie bitte auf das, was in ihrem Körper geschieht, wenn sie an das Geschehene denken?

Meist ist es dann erst einmal eine Weile still. Und dann fließen Tränen. Tränen einer tiefen Trauer. Manchmal kommt Wut nach Oben und manchmal Verzweiflung.
Ja, es mag gedanklich verziehen sein. 
Vielleicht weil man verzeihen wollte. 
Weil man ein guter Mensch sein will, weil man glaubt, das Nicht-Verzeihen nichts Gutes ist, weil Verzeihen doch die Seele befreit und trotz tiefen Schmerzes glücklich machen soll, weil es frei, leicht und ruhig macht und wir unseren inneren Frieden wieder finden. 

Ist das wahr?
Meine Erfahrung sagt: Es ist nicht wahr. Verzeihen funktioniert nicht aus diesen gedanklichen Motiven heraus. Verzeihen geht nicht willentlich und schon gar nicht, wann wir es wollen. Es ist meines Erachtens geradezu unheilsam uns einzureden, wir hätten verziehen, wenn jede Zelle unseres Körpers Alarm schlägt und uns sagt: Wir haben es nicht verziehen. Wir „denken“ Verzeihen und das ist eine fatale Illusion, die unser Körper Lügen straft. 

Darum ist es so wichtig, den Köper zu befragen, bevor wir meinen etwas meinen zu können.
Die Seele vergisst nichts und was wir gewollt verzeihen wollen bedeutet nicht es  verarbeitet oder gar vergessen zu haben.

Wir Menschen konservieren Erfahrungen. Unser Körper hat ein unbestechliches Gedächtnis. Alles was im Körper erlebt wird, vergessen wir nicht mehr. Der Körper kann die Erinnerung jederzeit abrufen. Über den Verstandesbereich können wir das nicht verhindern  - denn, was auf der rationalen Ebene stattfindet, hat keinen direkten Zugriff auf das Nervensystem. Deshalb ist übrigens auch Veränderung so schwer - über den Kopf allein funktioniert sie nicht. Wissen ist zwar immer gut und hilfreich, aber eben nur ein kleiner Teil eines Heilungsprozesses. 

Es gibt Verletzungen, die sitzen so tief, so unausrottbar fest in unserer Seele, dass der kleinste Reiz, der uns an diese Verletzung erinnert, einen riesigen Schmerz auslöst.  
Er reißt uns wie in Trance genau in die Gefühle zurück, die die Verletzung damals ausgelöst hat. Und wir fühlen uns genauso wie damals. Wir spüren: Es ist nicht zu vergessen. Und so ist es.
Das kann quälend sein und das ist es auch und das darf auch sein, denn etwas ist geschehen, was uns in unserem ganzen Sein, in unserem in-der-Welt-Sein erschüttert hat – und für jeden von uns ist das etwas anderes.

Der Kopf will vergessen und die Seele kann nicht vergessen, sie vergisst vor allem nicht, was einmal sehr weh getan hat.  
Der Kopf schaltet sich aus, wenn wir fühlen und je stärker das Gefühl ist, desto schwächer und machtloser ist der Kopf. Rationalisierungen helfen uns also nicht beim Verzeihen. Vielmehr schaden sie uns sogar, denn wir machen uns selbst etwas vor und damit verdrängen wir, wehren wir ab, spalten wir ab, kompensieren wir, suchen wir alle möglichen, oft sehr unheilsame Auswege nur um nicht fühlen zu müssen, was wir wirklich fühlen: Im Zweifel, dass wir eben nicht verzeihen können. Gar nicht hilfreich, denn alles was wir nicht haben wollen hält uns gefangen.

Was uns hilft, ist unsere Gefühle zu fühlen, sie da sein zu lassen, sie zu achten und sie nicht wegzudenken, denn damit missachten wir uns selbst.
 
Verzeihen geschieht nicht willentlich. Es geschieht oder es geschieht nicht. 
Verzeihen und vergessen zu „wollen“ setzt uns unter Druck. Je mehr Energie wir in etwas hineingeben, was wir wollen, desto größer wird unser innerer Kampf. Es ist unheilsam dieses Kämpfen-müssen oder Kämpfen-wollen oder Haben-wollen. Im Wollen liegt das Problem. 
Um etwas mit Wollen erreichen zu wollen verbrauchen wir endlos Energie. Alles Wollen zeigt uns an, das etwas nicht sein darf oder wir etwas erreichen müssen. Aber genau an dem, was wir erreichen wollen, mangelt es. So lenken wir unsere Energie auf den Mangel im sinnlosen Versuch ihn einzudämmen. Und das gilt eben auch für das Verzeihen wollen. Verzeihen ohne zu vergessen, nützt, wie es Schnitzler formuliert, die Seele am schnellsten und schlimmsten ab. 

So traurig es ist, es gibt im Leben Dinge, die unverzeihlich sind und dann dauert es nicht selten ein ganzes Leben und manchmal reicht nicht mal das, wir nehmen das nicht-verzeihen-Können mit ins Grab. Das ist tragisch, aber auch das ist Leben. Vielleicht können wir das akzeptieren, dann ist es weniger schmerzhaft und wir leiden nicht mehr allzu sehr. 


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