Donnerstag, 7. April 2011

VER änderng

einsichten sind prozesshafte dinge, die alle zu ihrer zeit kommen.
wenn es zeit ist, nicht vorher.

wir wünschen uns alles mögliche gleich, möglichst schnell und in dem moment, wo wir denken - jetzt muss es so sein.

aber das leben sucht sich die zeit aus.
sie ist abhängig davon, ob der mensch BEREIT ist.

wenn wir bereit sind, geschieht das, was wir brauchen, weil wir es dann zulassen können.

der gedanke " ja, so ist es" ändert zunächst nichts an dem was ist.
er schafft bestenfalls die eine EIN sicht, ein verstehen, aber keine veränderung.


veränderung ist ein prozess, der über das empfinden geschieht.
wir verändern eine haltung, ein leben nur dann, wenn wir etwas sicher als veränderungswürdig empfinden, fühlen, dass wir es tun MÜSSEN, weil wir nicht anders handeln können.

dann sind h e r z und d e n k e n eins.

kognitionen führen niemals zur veränderung.
nur ein verändertes neues verhalten schafft veränderung.
dies ist abhängig von gefühlen.


"ich fühle es genauso"
dann erst mache ich es so.

wenn wir uns im stau des denkens befinden, können wir nicht handeln.
die sicherheit rechten handelns kommt aus der seele.
sie ist der ort, wo unser tiefes inneres wissen seinen platz hat.


ist da dieses tiefe innere wissen, stellt sich nicht mehr die frage, nach dem warum, dem für und wieder.
da ist sie, die wahrheit, ganz plötzlich.
und doch nicht plötzlich.
sie ist gewachsen, um plötzlich hervorzukommen.
dann w i s s e n wir und entscheiden.

Mittwoch, 6. April 2011

SPIEL en

spielen
wie ein kind
mit der zeit
verloren in zehn millionen möglichkeiten

wie ein kind
das nicht überlegt
was geschieht
wenn es die zeit vergisst
über seinem spiel

spielen
in mich versunken
meinem bedürfnis folgend

zu spät bemerke ich das dunkel
erschrecke
den weg nach hause mit dem gefühl der angst gehen

angst
mein zuhause nicht zu finden
im dunkeln

habe doch nur gespielt
verstehe nicht
warum die welt auf einmal so dunkel ist
mein spiel beendet

die zehn millionen möglichkeiten
verschluckt von der nacht

Dienstag, 5. April 2011

Ge BURTs Tag

5. April 2011

vor mir liegt ein neues lebensjahr. ich habe geburtstag. vor mir, neben der kaffeetasse liegt die zigarettenschachtel. draussen scheint eine warme aprilsonne. ich nehme einen schluck kaffee, zünde die erste zigarette des tages an und sage mir, wenn du noch ein bisschen leben willst, solltest du mit der raucherei endlich aufhören und weiß, dass ich es nicht schaffe. also rauche ich ohne schlechtes gewissen. wenn ich mit schlechten gewissen rauche ist es noch ungesünder.

ich bin allein. der erste, der mir alles liebe gewünscht hat für diesen tag war mein sohn. punkt zwölf in der nacht hat er seine mum angerufen. er ist immer der erste, der mir gratuliert, mein lieblingsmensch. na, mum, wie fühlt es sich an so alt zu werden? ich sehe das grinsen in seinem schönen gesicht vor meinen augen auch ohne ihn zu sehen. ich antworte, es fühlt sich nicht so gut an, weil ich jetzt langsam alt werde in meinem alter. er sagt, man sieht dir das alter nicht an und dass ich immer noch hübsch bin. er sagt, dass er seinen freunden fotos von mir gezeigt hat und dass alle sagen, er sieht mir ähnlich. das ist gut, sagt mein sohn und ich bin glücklich, weil ich meiner mutter niemals ähnlich sehen wollte und er es will und das ist ein zeichen, dass er uns beide lieb hat. für mich ist es das. ich bin glücklich eingeschlafen.

jetzt sitze ich am fenster an diesem geburtstagsmorgen, blicke auf die grünen blätter der platanen vor meinen fenster und ziehe resume. nur kurz, es braucht nicht viel zeit, weil ich das oft mache und wie so oft kommt nicht viel mehr dabei heraus als oft. ich habe gelebt. intensiv, viel erlebt. dinge, die ich erleben wollte und dinge, die ich keinem zu erleben wünsche und ich habe sie überlebt. auch das. wenn ich heute meinen abschied nehmen müsste von diesem leben wäre es in ordnung. es war gut und es war schwer, ich habe geliebt. einmal geliebt, tief und leidenschaftlich geliebt. wer kann das schon von sich sagen? es gab und gibt menschen, die ich lieben darf und die mich lieben. das ist viel, sehr viel. das ist das wesentliche. der himmel meint es gut mit mir, denke ich, während sich eine graue wolke über die sonne schiebt.

genauso ist es mein leben. wie diese sonne und diese wolke. hell und dunkel, von einem moment zum anderen ist alles möglich, immer in bewegung, immer in veränderung.

und so werde ich weiter leben inmitten der pole, mal so, mal so und ich weiß, es ist gut wie es ist, auch wenn ich es gern anders gehabt hätte - manchmal.

Montag, 4. April 2011

die liebe

die liebe zweifelt nicht
die liebe sagt ja

die liebe denkt nicht
die liebe fühlt

die liebe fürchtet sich nicht
sie ist mutig

die liebe überlegt nicht
die liebe handelt

die liebe verleugnet nicht
die liebe bekennt

die liebe wägt nicht ab
die liebe entscheidet

die liebe betrügt nicht
die liebe ist treu

die liebe sehnt sich nicht
die liebe vertraut

die liebe hofft nicht
die liebe weiß

die liebe verliert nicht
die liebe gewinnt

die liebe tötet nicht
die liebe lebt

die liebe die ich meine
ist nicht

morgen

himmel abendrot
spricht von nacht
blauer mond hinter blauen hügeln
von sehnsucht getränkt
gießt kühles licht über mich

liegen auf dunkler erde
der stille des grundes lauschend

wärme
geborgen in der eigenen nacktheit
mein körper
der ist
fühlt
nicht wünscht
nicht erwartet

eins mit dem schlaf der nachtigall
der sich zu dem meinen legt

schlaf
der mich in sicherheit wiegt
vor den gedanken an vergangenes

auch das bin ich
auch das trage ich in mir
bruchstücke meiner selbst

abschied vom vergangenen
das ich nicht mehr einlade in den morgen
der kommt
um mich zu begleiten in die gegenwart

aufstehen
weiter gehen
leben suchen
eins
das meins ist

Sonntag, 3. April 2011

nichts ist sinnlos

wieder ein sonntag vorbei und ich frage mich was ich sinnvolles gemacht habe an diesem sonntag. auch wenn der herr meint, am siebten tage sollst du ruhen, ich schaff das nicht. ich bin unruhig, immer was am machen, am besten was sinnvolles, denn unsinn ist nicht meins, auch wenn ich gern lache, aber das ist etwas anderes.

was ich gemacht habe? geschrieben, meine neuesten bilder fotografiert und mir sorgen gemacht um meinen sohn, der weit weg von mir lebt und krank ist und nicht will, dass ich zu ihm komme und ihn pflege, weil erwachsen ist und sich und mir beweisen muss, dass er es ist. das denken an ihn hat mich bedrückt und es tut es immer noch. es ist schlimm für eine mutter, wenn ein sohn krank ist und sie nicht brauchen will. das schlimmste ist, wenn den kindern gefahr droht. aber auch das muss ich aushalten, weil alles ein aushalten ist und dazwischen ist das kleine augenblicksglück, von dem so oft spreche und an das ich glaube und dass ich lebe.

ich bin allein. eigentlich bin ich das die meiste zeit. ich habe mich irgendwann entschieden nur noch im kontex auszugehen, wenn ich den leuten vorlese, oder eine kunstaustellung eröffne oder anschaue, um dann darüber zu schreiben. oder wenn einer, der mich interessiert, mit mir ausgehen will, dann mach ich das auch, ist aber eher selten, weil mich nur noch wenige menschen interessieren. das liegt daran, dass ich weiß, dass sich alle nur für sich selbst interessieren und ich bin auch nicht anders. ich interessiere mich für mich selbst, weil ich die einzige bin der ich vertrauen kann. ich habe das vertrauen verloren in die menschen, zumindest in die, die ich kennen gelernt habe, in den fünfzig jahren in denen ich bis jetzt leben darf.

irgendwie lief alles irgendwann schief. aus der liebe wurde nichtliebe und am ende gleichgültigkeit. nur einen gibt es noch, der mir nicht gleichgültig ist, ausser meinem sohn und wenn da zwei sind ist das schon viel.

ich sitze also beim essen, das ich mir jeden abend zubereite, weil ich junk food und dosenfraß hasse und eigentlich habe ich es gestern für zwei vorgekocht, in der hoffnung, dass der, der mir sagt, er liebt mich, es mit mir teilt an diesem sonntag abend. hat er nicht. er hat gründe. seine gründe, gründe die ihm als grund dienen und ihn nicht daran hindern weiter von liebe zu sprechen auch wenn er nicht da ist, jetzt wo ich ihn gern da hätte bei mir, weil ich angst habe um meinen sohn, der krank ist und weil ich mir immer noch wünsche gehalten zu werden, wo ich mich doch selbst nicht halten kann und ich weiß, dass man das von keinem verlangen kann, das muss ich alleine tun, wie es immer getan habe - trotzdem - mich selber halten.

trotzdem. irgendwie ist das mein lebensmotor seit ich ein kind bin. ich lebe trotzdem, weil ich mir nicht einreden lasse, von keinem, das leben sinnlos ist. die die das sagen, das sind die, die nicht einmal eine alternative zum sinnlosen zu bieten haben und wenn die mir das erzählen, dann denke ich immer, wenn du dein leben als sinnlos empfindest, dann mach dich doch tot, du hast die wahl, aber irgendwie machen die das dann doch nicht, weil sie auch dazu zu feige sind oder weil das dann einen sinn haben könnte, nämlich den, den unsinn zu beenden.

die leute reden viel und ich höre nur noch das, was mich wirklich interessiert und ich beschäftige mich nur noch mit dem, was mich weiter bringt im kopf und im herzen.

manche glauben ich sei einsam. ich bin einsam und bin es gern, ich bin gern mit mir zusammen, weil ich mir zuhöre, weil ich das, was in mir ist nach aussen bringen muss, ausdrücken in worten und wenn die nicht mehr reichen um mich auszudrücken male ich bilder. ob die jemand gefallen ist mir ziemlich egal, ich mache sie für mich, aber ich freue mich, wenn sie mit einem anderen, der sie anschaut etwas machen.

ich habe mich zurückgezogen in meine eigene welt. die realität die kann mich mal, weil die, wie sie ist, nicht meins ist. die welt ist mir zu laut geworden und zu kalt auch wenn die sonne scheint. ich bin nicht allein in meiner einsamkeit, weil ich kommuniziere, hier in facebook am liebsten, mit vielen menschen. ich spüre, vielen von ihnen geht es ähnlich wie mir, die wollen gar nicht mehr so viel mit dem da draussen zu tun haben, denen ist es auch zu laut und zu kalt und die liebe ist längst eine illusion, die abnutzungserscheinungen hat, weil die menschen nur noch "haben" wollen, immer mehr und die, die nichts mehr haben, wollen es wieder haben, das mehr, all die dinge die kein mensch braucht, oder wer braucht neue klamotten, wenn er genug hat.

armut macht nicht demütig. sie macht müde. mit den müden habe ich mitgefühl,mit denen, die nichts mehr haben und nichts mehr haben wollen, ausser sich selbst, aber auch das nimmt man ihnen, indem man ihnen ihre würde nimmt.

das tut mir alles weh, das betrübt mein herz und an das gute glaube ich nicht mehr, aber ich glaube an güte und an die, die gütig sind, davon gibt es noch ein paar und das tröstet mich.

ich liebe das leben trotz allem. ich liebe jeden neuen tag, der mir das beweist und dafür braucht der gar nicht viel zu tun, ausser es hell werde zu lassen und mir meinen ersten kaffee mit viel milch zu schenken und die kippe dazu und mein gesicht im spiegel, das mir gott geschenkt hat und das mir gefällt, meinen laptop, in den ich schreibe ,was ich fühle, denn allein darauf kommt es an, dass ich mache, was ich fühle und liebe was ich tue und das fühlt sich gut an.

und während ich das schreibe klingelt mein handy und mein sohn ist dran und sagt:"mum, komm, ich brauche dich!"

nein, nichts ist sinnlos.


Samstag, 2. April 2011

KIPP FIGUR


Das Leben ist eine Kippfigur, sagt Henry. Ich spüre das Kippen schon lange deutlich. Die Angst vor dem Kippen, gehört sie dazu, frage ich ihn. In seiner ruhigen Art zu reden antwortet er mir. Es ist wie es ist. Das Kippen gehört dazu. Einmal bist du oben und ein anderes Mal unten. Jetzt gerade bist du unten. Die Angst ist eine Illusion.
 
Wie geht nicht weinen? Frage ich zurück mit Tränen in den Augen, Tränen, die ich weine, ohne sie kontrollieren zu können, immer öfter. Henry zeigt Mitgefühl, nicht hörbar, kaum spürbar. Er will nicht, dass ich ihm leid tue. Sag mir, wie geht das? Nicht schreien, nicht verzweifeln, nicht ausrasten, nicht aufgeben, nicht sich selbst zerreißen, wenn innen alles längst gerissen ist. Wie geht weitermachen und jeden Tag leben, so tun als sei die Welt in Ordnung, wenn sie es nicht ist, schon lange nicht mehr und bald gar nicht mehr. Wie geht leben, wenn die Angst mächtiger ist als alles andere, wenn die unmittelbare Zukunft eine festgelegte Größe ist, wenn du weißt, dass war das Ende des Kippens, dann ist da das Fallen, der Aufschlag auf den Du gewartet hast, den du gefürchtet hast und dann wieder herbeigewünscht, weil das Ungewisse dann endlich Gewissheit ist. Auch nicht besser, ich weiß es jetzt. 

Und jetzt? frage ich Henry. Was machen wir jetzt. Müssen wir weiter machen? Müssen wir es oder wollen wir es? Und wenn wir es wollen dann weil wir Menschen sind und weil wir hoffen, weil der Mensch immer hofft - auf Besseres, wenn das Gute außer Sicht ist und das Schöne längst verloren. Machen wir uns etwas vor oder machen wir weiter auch wenn wir uns im Zweifel etwas vormachen, weil weiter machen noch irgendeine Chance bedeutet, Hoffnung eben. Wenn sie nicht mehr ist sind wir nicht mehr.

Ist Aufgeben leichter? Oder feige, oder mutig, oder die letzte Option wenn nichts mehr geht, wenn nichts besser wird, wenn alles verloren ist. Wann ist alles verloren, wenn wir sterben oder wenn wir lebendig sind und uns wie tot fühlen. Kalt innen, eiskalt, erfroren, vereist, starr.

Die Starre ist längst eingetreten, sie umklammert mein Herz, verkrampft mir den Magen, sitzt wie ein kalter Knoten im Hals, macht schlucken schwer, atmen geht von alleine – wie lange noch? Was hält ein Mensch aus? Wie viel hält ein Mensch aus, wie viel von was und wie lange vom Vielen, zu viel von allem, zu lange schon und alles ungut und schmerzt. Wie geht Verstehen, wenn nichts verstanden wird, wenn Warum nicht die Frage ist, weil sie es nie ist, weil es keine Antworten gibt auf Warums, die keine Fragen erlauben und wir stellen sie doch, weil wir Fragende sind, Suchende, Sinn suchende. Auch wenn es keinen gibt, fragen wir nach dem Sinn des Sinnlosen.

Antwortlos bleibt uns dieses „alles hat einen Sinn“, weil wir nicht anders können, denn ohne Sinn ist es sinnlos und dann macht nichts mehr einen Sinn, dann ist Ende und wir sind verzweifelt und Verzweiflung ist der schlimmste Affekt – im Zweifel tödlich.

Henry weiß nichts von Verzweiflung, auch wenn er glaubt zu wissen. Seine Verzweiflung hat das Bodenlose nie erreicht, es ist Schmerz, den er für Verzweiflung hält. Ich sage ihm das nicht, weil er es nicht zulassen wird, wie er so vieles nicht zulässt, was sein Kopf nicht erlaubt.

Weiter gehen weil wir leben? Wir leben noch und solange wir leben ist alles gut, besser als nicht mehr leben, denn dann geht gar nichts mehr. Gar nichts mehr ist schlimmer als Etwas, auch ein Etwas von dem wir nichts wissen, außer, dass es ein Etwas ist und das ist immer noch besser als dieses Nichts. Nichts macht uns mehr Angst als das Nichts, weil das Nichts das Unbekannteste alles Unbekannten ist, das was wir am meisten fürchten.

Solange wir leben, fürchten wir es, so sehr, dass wir nicht daran denken, es verdrängen in die hinterste Ecke unserer Gedanken. Da wollen wir nicht hinschauen, dann lieber in das diffuse Etwas, das zumindest Rahmenbedingungen hat, in denen wir uns zurechtfinden, im Zweifel, weil alles besser ist als das absolute Nichts. Ist es das wirklich? 

Nachschlag gibt es nicht. Wiedergeburt ist für Träumer und Esoteriker, die noch mehr Angst haben als die, die sich mit dem Endlichen abfinden. Eins haben wir, ein Leben und sonst keins. Ich erinnere mich nicht an ein anderes, in dem ich eine andere war und doch ich. Die Idee von der ewigen Seele missfällt mir, weil sie vielleicht nichts anderes ist als ein Abfallprodukt unseres Egos, das glaubt dass da mehr sein muss, als Gedanken und Gefühle, Körper und Geist, weil wir Menschen sind und uns für die klügeren Tiere. 

Wer sagt, dass es wahr ist, das mit der Seele und ihrer Unsterblichkeit und nicht nur die Gier nach mehr als da ist? Es gibt kein Röntgenbild der Seele, keine sichtbare Darstellung – die Seele ist bloße Vermutung. Warum glauben wir an ihre Existenz, inniger als an die Existenz eines altmodisch gewordenen Gottes. Herr schütze uns und leite uns, sei unser Hirte. Wir sind das Schaf, das am Ende auf der Schlachtbank landet, mit deiner Führung. Geschlachtet werden wir alle – der Schlächter heißt Tod und er ist sicherer als das Leben. Gott weiß was er tut, trösten wir uns, wenn wir nicht mehr wissen was uns tröstet, wenn uns geschieht was nicht zu ertragen ist, wenn es keine Antworten gibt und wir das Warum fragen sein lassen um nach dem Wozu fragen – die letzte Krücke, die uns vor dem Kippen retten soll. Rettet uns irgendwas?
Nein ich rede nicht von der Kippfigur eines Wittgenstein, ich rede von der meinen und sie ist ein schwankendes etwas Mensch.

Das Leid zieht seine Berechtigung aus der Fähigkeit des Menschen es zu ertragen. Ertragen heißt dann Stärke. Stark sollen wir sein. 

Sei stark, sagt Henry, du bist stark. Ich sage, ich kann es nicht mehr hören, weil ich es nicht bin. Ich bin schwach und tue so als sei ich stark. Ich belüge die anderen und mich selbst und das ist das Schlimmste, weil ich mir selbst unglaubwürdig bin. Ich bin schwach, ich bin gefallen, längst schon – siehst du es nicht? Ich liege am Boden, aber ich tue so als würde ich stehen, weil mich keiner aufhebt, weil sie wissen wenn sie sich nach unten beugen fallen sie im Zweifel auch. Die Gefallenen liegen auf dem Schlachtfeld, es gibt nichts mehr zu tun, rette dein eigenes Leben. Auch Tiere haben Selbsterhaltungstrieb. Ich nehme es keinem übel.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dich selbst lieben, dann den Nächsten. Erst dich selbst sonst kannst du nicht lieben, den anderen nicht lieben. Wer sagt das? Von Anfang an wird uns gesagt. Wie sollen wir lernen zu hören auf das, was aus uns zu uns spricht? Fremdes wird Eigenes, bevor Eigenes werden kann. Das einzig Eigene ist das Unterscheiden und Unterschiedenes entscheiden.

Wer aus dem Rahmen fällt, fällt. 

Das Sinnhafte klebt am Orientierungssystem der Masse wie ranziges Fett. Masse sind wir nicht, Henry nicht und ich nicht. Henry gelingt es besser sich einzufügen. Wer aus dem System fällt trägt schwer am Verlust der Orientierung. Verlust heißt Verloren. Halten wir das aus - uns an nichts halten zu können? Stabilität versus Stabilität. Mut haben die Wenigsten. Rückgrat vermisse ich bei allen, die mir vertraut sind.
Kippen und Fallen. Oder Schwanken – vielleicht nur das, ohne zu kippen. Hin und her schwanken im eigenen Universum – wohin führt das? Das Leben ist keine sichere Größe. Wir schwanken immer. Mehr oder weniger beeinflusst von Umständen. 

Das Leben ist eine Kippfigur. Henry hat Recht, wie so oft hat er Recht mit dem was er sagt. und auch ich habe recht mit meiner Kippfigur und will mich nicht streiten. Henry liebt Stichpunkte. Kurze Sätze. Es gelingt ihm mit kurzen Sätzen das Ganze zu erfassen. Er braucht Klarheit. Die Frage des kleinen jüdischen Psychiaters, der nach Jahren in denen ich ihn nicht gesehen habe auf meiner Vernissage erschienen ist wie ein Geist aus der Vergangenheit, wer siegen soll, der Kopf oder das Herz, wählt Henry den Kopf. Ich wähle das Herz. Vielleicht weil ich eine Frau bin und Henry ein Mann. 

Meine Kippfigur - am Ende wird sie überlastig. Wir fallen mit Sicherheit, vermessen zu glauben wir könnten entscheiden wie, wann, wie tief, wie hart. Alle fallen auf ihre Weise. Der Tod macht uns alle zu gleich Gefallenen. Zwischenzeit Leben.

Gib mir einen Grund weiter zu machen, bitte ich Henry. Lebe für die Menschen, die dich lieben und die du magst und für deine Talente. Seinen Worten zu folgen bedeutet: Wir haben die Wahl. Haben wir die? Wahl bedingt Möglichkeiten – im Rahmen der Möglichkeiten wählen wir. Immer sind es Möglichkeiten. Ohne Möglichkeiten ist keine Wahl möglich. Wer bestimmt Möglichkeiten? 

Möglichkeiten sind Gegebenheiten. Wir wählen in Gegebenheiten. Wer gibt, wer nimmt? Was wird gegeben, was nehmen wir? Und wann sagen wir ja und wann nein? Ein Vielleicht bedeutet Stillstand. Wir haben die Wahl – immer. Schließt Stillstand kippen aus? Still kippen ist möglich. Mancher ist aus dem Stand umgefallen.

Nimm die Theatralik raus, sagt Henry und zündet sich eine Zigarette an. Ich sage Henry, dass ich ihn liebe. Er beklagt sich, dass ich das in letzter Zeit immer öfter sage und ich frage mich, warum ich es ihm sage und immer öfter und ich weiß es nicht. Ich liebe ihn nicht wie man einen Mann liebt, oder einen Sohn, oder einen Vater. Vielleicht muss ich einfach irgendeinem sagen, ich liebe dich um auszusprechen was ich nicht mehr fühlen kann. Du liebst niemanden, außer deinem Sohn, sagt Henry und bläst Zigarettenrauch in die Nacht.

Wir trinken Wein, Henry Roten und Weißen, weil es warm ist heute zum ersten Mal in diesem frühen Jahr. Wenn es warm ist trinke ich keinen Rotwein mehr. Ich fühle mich sicher an seiner Seite und trotzdem verloren, weil die Sicherheit eine trügerische ist. Sie ist eine Augenblickssicherheit, damit ist sie eine Illusion. Alles ist eine Illusion behauptet Henry. Ich weiß, dass es stimmt und trotzdem erlaube ich sie mir, weil wir das alle tun, weil die Illusion uns rettet, wenn wir die Wirklichkeit nicht aushalten oder nicht sehen wollen. Henry wendet sich Anna zu, meiner Anna, die mich begleitet seit einigen Jahren, die schön ist und klug, die ihre Sehnsucht nach sich selbst unter einem Zuviel an Gewicht verpackt, die da ist wenn ich sie brauche und immer weiß, was das Beste für mich ist. Henrys Abwenden lässt mich die aufkommende Kühle der Nacht deutlich spüren.