Montag, 23. März 2020

Die Gedanken sind frei


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Heute morgen bekomme ich eine Mail von einem Klienten, der mich regelmäßig von weit her besucht. Mich zu besuchen hätte fast was von einem Ausflug, schrieb er und wie gut es sei, dass wir uns via Sykpe sehen können. Es gibt diese Ausflüge nicht mehr. Nicht für meinen Klienten, nicht für mich, für keinen von uns.
Das ist so unvorstellbar, dass ich gerade denke - ist das real, was hier passiert?
Ist das real, dass unsere Freiheit derart eingeschränkt ist, dass wir eingesperrt sind, dass die normalsten Dinge der Welt nicht mehr möglich sind, dass unsere Existenz zusammenbricht, dass unsere Wirtschaft zusammenbricht, dass alles was Menschen sich über Jahrezehnte aufgebaut haben einfach zusammenfällt wie ein Kartenhaus, von einem Moment auf den anderen? Ist das real, dass wir so isoliert werden, dass menschliches Miteinander für viele nur noch virtuell stattfindet?
In welchem Film befinde ich mich da?

Es ist kein Film, es ist März 2020.
Dieses unfassbare Szenario ist unser aller Realität jetzt.
Und sie wird es lange bleiben.
Ich frage mich: Wie lange lässt sich so ein Zustand leben?

Keiner von uns weiß, wie lange das so sein wird.
Wir leben in einer Unwissenheit, wie wir sie zuvor nicht kannten, nicht erfahren haben. Unser Einflussbereich ist aufs Minmalste beschnitten.
Wir leben in einer Unfreiheit, wie wir sie vorher nie erfahren haben. Man hat uns unsere Rechte genommen, uns entrechtet, freie Bürger, die in einem Rechtsstaat leben.
Die Meisten wollten es so.
Sie haben danach gerufen, weil viele nicht fähig waren Einsicht zu zeigen, Rücksicht zu nehmen und Vorsicht walten zu lassen. Sie haben danach gerufen, aus Angst um ihr Leben und um das Leben ihrer Nächsten, die alt sind und krank und schwach. Sie haben danach gerufen aus Angst vor dem Tod. Sie haben danach gerufen, weil sie sich ohnmächtig und hilflos fühlen.

Wir vertrauen, dass die Regierenden das Richtige tun.
Wir vertrauen darauf, dass sie wissen was sie tun.
Wir akzeptieren, was wir nicht ändern können.
Wir begeben uns in unfreiwillige Rechtslosigkeit.
Wir lassen uns einsperren.
Wir haben das Normale verloren und hangeln uns über jeden einzelnen Tag einer Nichtnormalität, die langsam, ganz langsam Normaliät wird.
Manche reden es sich schön.
Manche meinen, es wird besser danach.
Manche meinen, es wird noch schlimmer.
Manche glauben, dass es die Menschen besser macht.
Manche glauben, dass es sie schlechter macht.
Manche haben eine krankhafte Lust am Drama und schüren es.
Manche holen in einem schwer auszuhaltenden Jetzt die Zukunft herbei und mit ihr die Illusion von: "Alles wird gut."

Aber - wie wird sie wirklich aussehen, diese Zukunft?
Keiner was das.
Wir wissen nichts.
Wir glauben, was wir lesen und hören von anderen.
Wir spekulieren erfolglos.

Das fühlt sich für mich nicht gut an.
Das macht mir viel mehr Angst als das Virus.
Das wirft Fragen in mir auf, die ich besser nicht laut stelle.

Aber - die Gedanken sind frei.
Diese Freiheit kann uns keiner nehmen.
Egal was kommt und sein wird - die Gedanken sind frei.
Meine Gedanken sind frei.

Meinem Klienten antworte ich: Wir machen einen Ausflug morgen, in die Welt Ihrer Gedanken. Die sind Gott sei Dank noch frei.


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