Mittwoch, 11. März 2020

Eine Geborgenheit, die uns niemand nehmen kann

Foto: Angelika Wende

Gestern fragte mich eine Klientin, die gerade eine Trennung durchlebt, wie sie sich selbst Geborgenheit geben kann. Was ihr so fehle sei die Geborgenheit, die sie gefühlt habe in der Beziehung, die Nähe, die Berührung, das Gehalten werden. Das nicht mehr zu haben schmerzt. Und ja, es ist etwas völlig anderes sich bei und mit einem geliebten Menschen geborgen zu fühlen, als sich das selbst zu geben.

In unserem menschlichen Leben ist dieses sich-geborgen-Fühlen für die Meisten von uns nur in der Form erfahrbar, dass es an einen anderen Menschen gebunden ist.
Aber es gibt viele Formen der Liebe und damit auch des Erfahrens von Geborgenheit. Wir können uns in unserem Zuhause geborgen fühlen, wir können uns im Schoß der Familie oder im Zusammensein mit guten Freunden geborgen fühlen. Und doch fehlt, auch wenn das alles da ist, den Meisten von uns diese bestimmte Art der Geborgenheit, die uns nur der geliebte Mensch zu geben vermag. Wenn diese fehlt leiden wir einen Mangel. Dieser Mangel wirft uns schmerzhaft auf uns selbst zurück.

Schmerzhaft empfundener Mangel an Geborgenheit ist Mangel an Nähe - zu uns selbst. 
Es ist für viele von uns schwer mit uns selbst in Liebe zu sein. Auch wenn wir mit der Zeit gelernt haben unser eigener bester Freund zu sein - die Sehnsucht nach einem geliebten Gegenüber bleibt. Diese Sehnsucht ist eine zutiefst menschliche. Wir sollten uns nicht dafür schämen oder als bedürftig verurteilen. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe führt uns schließlich zueinander, bildet Beziehungen.

Sind wir beziehungslos erleben wir das Gefühl des Getrenntseins.
Tief in unserem Innersten wissen wir: Im Grunde sind wir allein. Wir werden allein geboren und wir sterben allein, auch wenn uns dabei jemand die Hand hält - wir gehen allein aus dem Leben. "Because in the end you are really alone, whatever you do." Dieser Satz ist von Marina Abramowic. Und so ist es. Aber auch wenn das so ist, ist es wesentlich, wie wir lernen mit den Gefühlen des Getrenntseins und des Alleinseins umzugehen. Wenn es uns gelingt, uns selbst gut zu behandeln, uns mit uns selbst wohl zu fühlen, uns um uns selbst kümmern wie eine hinreichend gute Mutter sich um ihr geliebtes Kind kümmert, wenn wir Dinge tun, die wir lieben, die uns gut tun und befriedigen, haben wir bereits große Schritte in Richtung Geborgenheit und Selbstliebe getan. Und das kann man lernen, indem man es tut.

Gelebte Selbstliebe ist die vorbehaltlose, allumfassende Liebe eines Menschen, der ganz bei sich ist. 
Das sind die wenigsten von uns. Und darum ist da dieser Mangel und darum hat unsere Liebe immer einen Zweck zu erfüllen. Dann brauchen wir ein geliebtes Gegenüber, das uns gibt, was wir in uns selbst nicht finden können. Je größer der Mangel, je größer das Brauchen, desto größer die Verstrickung und desto schmerzhafter wird dann die Abwesenheit des geliebten Gegenübers erlebt. 

Nicht selten geschehen Trennungen weil wir zu verstrickt sind, weil wir zu viel brauchen, weil wir zu abhängig sind vom anderen, weil wir zu viel von ihm wollen, zu viel erwarten, zu viel klammern, zu viel fordern.
Im Getrenntsein wird uns das dann manchmal klar. Und uns wird noch mehr klar - nämlich, dass wir ganz weit von uns selbst getrennt waren und sind. Im Getrenntsein dürfen wir auf uns selbst zurückgeworfen, in die eigenen Abgründe schauen. Von dort unten holt uns niemand heraus, außer wir uns selbst, weil niemand dahin mitgehen kann. Dort ist es dunkel und einsam. Doch irgendwann wenn wir den Fuß durch das letzte Tor zu uns selbst gesetzt haben, wird es heller und weniger einsam. Denn was wir in diesem Dunkel gefunden haben ist die Fähigkeit mit uns selbst klarzukommen, mit uns selbst ins Reine zu kommen. Wir haben erkannt, dass diese schreckliche Sehnsucht nach dem anderen aufgehört hat, dass sie einfach weg ist. Wir sind zu uns selbst gekommen - offen für uns selbst, mit allem, was wir in uns tragen, ohne uns dafür zu verurteilen oder selbst anzuklagen. Wir sind zu dem gekommen, was unseres ist. Dann spüren wir eine Geborgenheit, die uns niemand mehr nehmen kann.

 






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