Der Gedanke kann sich hart und ernüchternd anfühlen. Psychologisch betrachtet berührt er einen zentralen Punkt: die Grenze zwischen dem, was wir beeinflussen können und dem, was außerhalb unserer Kontrolle liegt.
Menschen sind eigenständige Wesen.
Jeder handelt aus seiner eigenen Geschichte heraus, geprägt durch Erfahrungen, Verletzungen, Überzeugungen und unbewusste Muster. Selbst wenn wir verstehen, was richtig oder notwendig wäre, bedeutet das nicht, dass ein anderer Mensch diesen Schritt gehen kann oder will. Veränderung entsteht nur dann, wenn sie von innen kommt, nicht durch Druck von außen. Wir haben nicht die Macht, andere Menschen zu verändern, wir können sie auch nicht dazu zwingen, Verantwortung für ihr ungutes Handeln zu übernehmen. Dieses Ausgeliefertsein kann sich unglaublich ohnmächtig anfühlen.
Wenn wir dennoch versuchen, andere zu verändern oder zur Einsicht zu zwingen und damit zu kontrollieren, geraten wir in einen inneren Konflikt. Wir investieren Energie, hoffen auf eine Reaktion, erwarten eine Einsicht und stoßen an Grenzen. Das kann Frustration, Wut und vor allem eine tiefe Ohnmacht auslösen. Diese Ohnmacht ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass wir versuchen, etwas zu verändern, was nicht in usnerem Einflussbereich liegt, dass wir eine Verantwortung übernehmen, die nicht die unsere ist. Wir kämpfen gegen Windmühlen.
Doch ein Teil in uns lässt nicht locker. Er wünscht sich, dass wir Einfluss nehmen können, dass wir etwas bewirken können.
Vor allem dann, wenn es um Verletzungen, Ungerechtigkeit und Schmerz geht. Aber auch wenn wir uns auf den Kopf stellen: Veränderung lässt sich nicht von außen aufzwingen. Sie geschieht nur dann, wenn jemand selbst dazu bereit ist. Und genau das entzieht sich unserer Kontrolle.
Ein hilfreiches Konzept aus der Psychologie ist der „Locus of Control“ , sprich - die Frage, wo wir Kontrolle verorten. Ein gesunder innerer Fokus bedeutet, die eigene Verantwortung klar zu sehen, für das eigene Verhalten, die eigenen Entscheidungen, die eigenen Grenzen. Gleichzeitig bedeutet es, anzuerkennen, dass wir keine Kontrolle über das Verhalten anderer haben.
Das kann entlastend sein, aber auch schmerzhaft. Denn es bedeutet: Wir können Ungerechtigkeit nicht verhindern. Wir können Verletzungen nicht verhindern, wir können andere nicht zur Rechenschaft ziehen oder zur Reue zwingen. Wir können niemanden dazu bringen, empathischer, reflektierter oder verantwortungsbewusster zu sein.
Was bleibt?
Ein kleiner, aber entscheidender Handlungsspielraum, nämlich - wie wir selbst handeln. Wie wir auf Verletzungen reagieren. Ob wir Grenzen setzen und uns schützen. Ob wir schweigen oder Dinge benennen. Ob wir Muster wiederholen oder versuchen, sie zu durchbrechen. Und: Ob wir in der Opferhaltung stecken bleiben oder den Weg zur Selbstermächtigung wählen und ihn gehen.
Es gibt einen Unterschied zwischen Opfer sein und in der Opferhaltung verharren . Ersteres beschreibt etwas Reales - wir wurden verletzt. Das anzuerkennen ist wichtig und richtig.
Eine dauerhafte Opferhaltung hingegen kann psychisch zersetzend wirken.
Wenn wir glauben, dass wir grundsätzlich machtlos sind, dass alles von außen bestimmt wird, wenn wir glauben keinen eigenen Einfluss zu haben, verlieren wir unsere Selbstwirksamkeit. Wir kreisen um Schuldzuweisungen, verlangen nach Gerechtigkeit und Ausgleich und damit verharren wir in der Ohnmacht. Wir bleiben stecken im Gefühl der Hilflosigkeit, der Verbitterung, der Wut und wir erstarren. Wir stecken fest in einer unveränderbaren Vergangenheit.
Das bedeutet nicht, dass man einfach raus soll aus der Opferrolle oder dass es leicht wäre und schon gar nicht, dass wir selbst schuld sind. Es geht vielmehr darum, uns um uns selbst zu kümmern, unsere Wunden anzuerkennen und zu verarbeiten, unsere Traumata zu integrieren um uns den eigenen Handlungsspielraum wieder zurückzuholen, ohne dass wir das Erlebte verleugnen.
Wir haben keine Macht über andere Menschen, aber wir haben Einfluss auf unseren Umgang damit.
Ob wir uns Unterstützung holen und für uns selbst und unsere Genesung einstehen. Ob wir beginnen, uns selbst wieder als handlungsfähig zu erleben, auch wenn wir das Außen nicht kontrollieren können. Das anzuerkennen ist ein schwieriger, aber heilsamer Schritt - die Realität der Ohnmacht anzuerkennen, ohne uns in ihr einzurichten und uns damit zu identifizieren. Das löst die Ohnmacht nicht völlig auf. Aber es kann helfen uns nicht vollständig in der eigenen Machtlosigkeit zu verlieren. Das ist kein kleiner Trost, sondern ein realer Einflussbereich. Und gleichzeitig ist es wichtig, das nicht zu romantisieren: Selbstverantwortung ersetzt keine gesellschaftliche Verantwortung und keine Gerechtigkeit. Es ist nicht die Aufgabe des Einzelnen, alles auszugleichen, was im Außen schiefläuft.
Gesund ist es, beides halten zu können: die Ohnmacht darüber, andere nicht ändern zu können und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit im eigenen Handeln.
Genau in diesem Spannungsfeld kann echtes Wachstum entstehen, nicht daraus, andere kontrollieren zu wollen, sondern daraus, dass wir lernen, mit uns selbst fürsorglich und wohlwollend umzugehen. So frustrierend und ungerecht es ist, am Ende bleibt uns nur der Einfluss auf unser eigenes Handeln. Das kann sich klein und begrenzt anfühlen und trotzdem ist es nicht bedeutungslos. Wie Mahatma Gandhi sagte: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir in der Welt wünschst.“
Es ist wahr, dass echte Veränderung im Ganzen genau das bräuchte, dass Menschen bewusst hinschauen, sich konfrontieren lassen, zuhören und ihr eigenes Verhalten hinterfragen. Im Kleinen wie im Großen. Dieser Wunsch wird sich leider nicht erfüllen. Das anzuerkennen bedeutet uns von einer Illusion zu verabschieden und Klarheit zu gewinnen, worüber wir Macht haben und worüber nicht.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
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