Samstag, 31. August 2024

Es ist vorbei!

 

                                                                   Foto: Pixybay

 

Solange wir an unser Trauma gebunden sind, erzählen wir die immer gleiche Geschichte. 

Wir erzählen sie zwanghaft und voller Emotionen. Wir sind überwältigt, jedes Mal, wenn wir sie erzählen. Wir sind im Sog der Vergangenheit gefangen. Wir sind Opfer unserer Vergangenheit und darin sind wir stecken geblieben. 

Wir stecken fest im Morast dessen, was uns hat leiden machen. Jede krampfhafte Bemühung herauszukommen endet damit, dass wir weiter in den Sumpf gleiten. Der Sumpf ist längst der Ort an dem wir zuhause sind. Wir waten darin, baden darin. Wir sinken tiefer und tiefer. Wir hassen es wie es ist, aber wir schaffen es nicht – wir können uns nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. 

Und wieder erzählen wir unsere Geschichte und wieder sinken wir tiefer und bleiben, was wir sind, Verlorene, verletzte Wesen, die sich an den letzten Stohhalm der Hoffnung klammern um nicht endgültig im Schlamm zu versinken. Wir wollen doch nur leben, ohne den Schmerz der Vergangenheit. Aber es wird nicht anders -  wir sinken, tiefer und tiefer.

 

Vielleicht geht es so: Wir erzählen die Geschichte anders.

Wir nehmen Distanz ein zu unserer Vergangenheit, wir lassen uns nicht mehr in ihren Sog ziehen, wir begeben uns an einen anderen, einen besseren Ort.

Erst in Gedanken, dann mit dem Körper, dann mit dem Gefühl. 

Und irgendwann sind wir raus aus dem Sumpf, auf festem Boden. 

Das geschieht, wenn wir mit vollem Bewusstsein in der Gegenwart ankommen und begreifen: Es ist vorbei!

Möge es so sein.

 

 

Donnerstag, 29. August 2024

Wie du mit dir selbst sprichst, macht etwas mit dir

 

                                                                Foto: Pixybay

 
Worte sind mächtig.
Worte können Menschen beschädigen und aufrichten.
Wie wir miteinander sprechen, macht etwas mit uns.
Wie du mit dir selbst sprichst, macht etwas mit dir.
 
Viele Menschen neigen dazu nicht sonderlich gütig mit sich selbst zu sprechen. Viele von uns kennen negative Selbstgespräche gut. Wir wissen, sie tun uns nicht gut.
Ganz einfach deshalb, weil aus etwas Ungutem nichts Gutes entsteht.
 
Negative Selbstgespräche entspringen unseren Gedanken und sind keine Fakten. 
Negative Gedanken sind oft unheilsame Glaubenssätze, die wir schon früh verinnerlicht haben. Wie das Wort schon sagt: Wir glauben diese Sätze, je öfter wir sie wiederholen, umso mehr. Manche sitzen so tief in uns, dass sie sehr hartnäckig sind. Glaubenssätze gehören zu inneren Anteilen, die sich meist sehr früh herausgebildet haben. Es ist nicht leicht diese Anteile zu erkennen, aber es lohnt sich, sie zu erforschen um ihre Intention zu verstehen, warum sie wie mit uns sprechen. 
 
Negative Selbstgespräche werden zu Gewohnheiten.
Unser Hirn liebt Gewohnheiten und spult sie automatisch ab.
Aber: Gewohnheiten, auch gedankliche, lassen sich ändern. Unser Gehirn hat die Fähigkeit bis ins hohe Alter umzulernen. Umlernen beginnt mit achtsamer Wahrnehmung, heißt: Wir beginnen bewusst darauf zu achten, was wir so den Tag über zu uns selbst sagen. Wer sich die Mühe machen will, kann das mal aufschreiben. 
 
Achtsame Wahrnehmung unserer negativen Selbstgespräche gelingt mit Übung. 
Und ja, es macht ein bisschen Arbeit. Es lohnt sich aber, denn wie gesagt: Gedanken und Glaubenssätze sind veränderbar. Hier sind zwei kleine Übungen um gütiger mit dir zu sprechen:
Immer wenn du merkst, dass du dich selbst gerade wieder beschimpfst, demotivierst, kritisierst oder so richtig runtermachst, könntest du versuchen zunächst einmal zu relativieren.
Anstatt: „Du schaffst das niemals!“
„Du schaffst es gerade noch nicht.“
Oder ...
Du stellst dem Glaubenssatz eine Frage:
„Du schaffst das niemals!“
„Woher willst du das wissen?“
 
Hilfreich ist es auch, der inneren Stimme, die einem inneren Teil entspringt, einen Namen oder ein Gesicht zu geben.
Wenn sie wieder laut wird, kannst du z.B. sagen: „Aha, Madame Meckerliese meckert wieder.“ Oder: „Interessant, der kleine Drache spukt wieder Feuer.“
Schon diese kleinen Interventionen können helfen um Distanz zu einem inneren Teil einzunehmen, heißt: Du identifizierst dich nicht mehr vollkommen mit ihm und dem, was er plappert.
Hab bitte Geduld, Respekt und Mitgefühl mit dir selbst, auch wenn es dauert gütiger mit dir selbst zu sprechen. Veränderung ist ein Prozess: Dieser braucht Zeit und vor allem Kontinuität. 
Also üben, üben, üben …
Was wir üben und wiederholen lernt unser Gehirn.
 
“Unsere Anteile können manchmal störend oder schädlich sein, aber sobald sie entlastet sind, kehren sie zu ihrer wesentlichen Güte zurück. Wenn wir lernen, alle unsere Teile zu lieben, können wir lernen, alle Menschen zu lieben – und das wird zur Heilung der Welt beitragen.” 
 
Richard C. Schwartz
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 28. August 2024

Aus der Praxis: Entgiften

                                                                    

                                                            Zeichnung: A.Wende

 

 
Beziehungen enden. 
Gute Beziehungen enden meist im Guten, toxische Beziehungen enden immer toxisch.
Fatalerweise ist neben dem Liebeskummer nach dem Ende der toxischen Beziehung das Gift nicht sofort aus unserer Seele und unserem Körper verschwunden. Es ist wie beim Alkoholiker, der nichts mehr trinkt, aber immer noch Saufdruck hat. Die Sucht ist gestoppt, aber das Verlangen nicht. Der Süchtige ist zwar trocken, aber seine Gedanken drehen sich noch immer um den Alkohol, jetzt, weil er ihn nicht mehr trinken kann. Die Sehnsucht nach dem Glücksgefühl des Rausches beherrscht sein Denken und sein Fühlen. Der Verzicht ist ein Ritt durch die Hölle.
Der Körper schreit nach dem Hormoncocktail, den ihm die toxische Beziehung mit dem Alkohol durch ihre Ups und Downs verschafft hat. Adrenalin, Cortisol, Noradrenalin im steten Wechsel mit Dopamin und all den anderen herrlichen Glückshormonen woran sich der gesamte Organismus gewöhnt hat, bleiben aus. Besonders das Dopamin fehlt. Welch eine quälende Sehnsucht, die keine Heimat findet in sich selbst. 
 
Wie der Alkoholiker fallen wir nach dem Ende einer toxischen in das Abstinenzloch. Wir sind auf kaltem Entzug. Der Suchtdruck ist immens hoch und lässt sich mit nichts kompensieren. Wir denken ständig an unser Suchtmittel – in dem Fall an den oder die BeziehungspartnerIn.
Wir sind nicht clean.
Und es dauert lange bis wir es wieder werden – körperlich und seelisch. Wir müssen entgiften.
Die Seele trudelt im leeren Raum. Sie hat ihren Fixpunkt verloren. Das Universum Beziehung, das der Mittelpunkt der Welt war, hat sich aufgelöst. Wir fühlen uns, als hätte man uns ins weite All torpediert und da treiben wir vor uns hin, haltlos, voller Schmerz, Trauer, Verzweiflung und Angst. Ein richtig mieses Gefühl ist das. Und das ist noch milde formuliert.
Es wird nicht besser, egal was wir machen, egal mit wem oder womit wie wir uns ablenken, wir kommen nirgendwo an, vor allem – wir kommen nicht mehr bei uns selbst an. Wir haben uns selbst komplett in der Beziehung verloren und nach ihrem Ende gibt es nichts mehr, was uns von dieser gefühlten Erkenntnis ablenkt.
Das ist brutal und hart. Das wünscht sich niemand.
Das braucht niemand.
 
Oder doch?
Geben wir dem Drama einen Sinn, hat es den Sinn, dass es genau darum geht: Um ein falsches Selbst, das sich verloren hat und jetzt finden darf. Ein Selbst, das sich nur in Beziehung als wertvoll, gesehen, anerkannt, geborgen, geliebt fühlt, das in der inneren Überzeugung lebt, alleine nichts zu sein und emotional nicht überleben zu können. Ein falsches Selbst, das den anderen braucht wie eine Droge um sich seiner Existenz zu vergewissern, weil es nichts hat, was es von Innen hält, das emotional abhängig ist wie ein Kind von seinen Bindungspersonen und in Angst und Panik gerät, sobald sie aus seinem Blickfeld verschwinden.
Trennungsschmerz und Liebeskummer, besonders nach toxischen Beziehungen, zieht uns wie ein Sog zurück in die Kindheit. Dorthin wo sichere und liebevolle Bindung nicht gelungen ist. Er reißt alte Wunden und Traumata auf oder macht sie uns erst bewusst. Er zeigt uns das Ungelöste, Verdrängte, nicht Verwundene unserer frühen Wunden. Er zeigt uns unsere Überlebensstrategien, die wir vielleicht erst durch diesen Schmerz erkennen, obwohl wir sie ein halbes Leben lang unbewusst angewendet haben, weil wir es nicht besser machen konnten, für uns selbst um das Unerträgliche erträglich zu machen. Er zeigt uns, was wir über Liebe gelernt haben, was wir für Liebe halten und was Liebe nicht ist. Er zeigt uns, was wir verdrängt oder abgespalten haben und was in uns, uns immer wieder in toxische Beziehungen zieht. Beziehungen, die genauso instabil, unsicher gebunden, schmerzhaft und traumatisch sind wir die Beziehungserfahrung unserer Kindheit. All das dürfen wir jetzt erkennen, betrauern, bedauern und verarbeiten, um endlich das zu erlangen, was uns all die Zeit nicht gelungen ist – Selbstermächtigung, was nichts anderes bedeutet, als die Formierung eines Selbst, das sich seiner bewusst ist, das sich selbst halten kann, sich selbst achtet und wertschätzt, das seine Werte, seine Grenzen und seine Standards kennen lernt, sie herausbildet und sich nicht mehr ans Brauchen und Gebrauchtwerden werden um jeden Preis klammert, um emotional zu überleben. Ein Selbst, das sich selbst nicht mehr so mies behandelt wie man es als Kind behandelt hat. Ein Selbst, das sich seiner Würde und seiner Größe bewusst ist.


Dienstag, 27. August 2024

Eile

 

                                                                                                            Malerei: A.Wende

 

Menschen sind immer so in Eile

Immer muss alles schnell wieder gut werden oder zumindest besser.
Immer muss, was verloren ist, schnell ersetzt werden.
Immer muss, was verletzt wurde, schnell wieder heilen.
Immer muss ein Sinn gefunden werden.

Manches wird nicht wieder gut.
Manches bleibt verloren.
Für immer.
Manches ist nicht zu ersetzen.
Manches heilt nicht.
Manches hat keinen Sinn.
Es ist okay.

Montag, 26. August 2024

Aus der Praxis: Was Trennungsschmerz mit einer beschädigten Kindheit zu tun hat

 

                                                                      Foto: Pixybay

 
„Es gibt keinen Sinn mehr. Das ist niemand mehr für den ich Bedeutung habe. Niemand, der mir beim Leben zusieht. Niemand, der liebend seine Augen auf mich legt, mit dem ich reden kann, der mich versteht, der die Dinge mit mir teilt, niemand, der mich hält, da ist nur ein menschenleerer Raum, immer nur ich. Ich bin mutterseelenallein.
Was soll ich hier noch? Den Rest meiner Tage in diesem Schmerz, dieser Trauer, dieser tiefen verlassenen Einsamkeit vor mich hinleben? Das ist kein Leben. Das ist ein Gefängnis. Da geht jeder Mensch irgendwann zugrunde. Ich will nicht mehr leben, aber werde mich nicht töten, dazu bin ich zu feige. Aber so kann ich nicht mehr leben. Ich bin so allein mit meinen Gedanken und Gefühlen. So allein ohne ihn. Ich gehe zugrunde. Es tötet mich. Langsam aber sicher.
Egal was ich versuche, egal wie oft ich rausgehe, egal was ich mache, ich bin einsam, auch unter Menschen. Ich gehe immer weniger raus, ziehe mich immer mehr in mich selbst zurück. Und den ganzen Tag ist da Angst, dass dieser Schmerz niemals aufhört. Meine Kraft ist aufgebraucht, meine Zuversicht ist aufgebraucht, meine Hoffnung auf ein besseres Leben ist aufgebraucht. Weil es schon so lange so ist. Ich will mich selbst nicht mehr. Ich will diese gebrochene Frau nicht mehr, die nur noch um sich selbst kreist und sich nicht findet.
Wer bin ich jetzt – allein in der Welt? Ein bedeutungsloses Nichts bin ich ohne ihn. Ich habe ihn geliebt und es hat mich zerbrochen.“ 
 
Meine Klientin ist verzweifelt. Ihre große Liebe hat sie nach langen gemeinsamen Jahren betrogen und verlassen. Sie kämpft seit Monaten mit dem Trauma des Betrugs und der verlorenen Liebe. Nichts hilft. Es wird nicht besser. Sie kann die Trennung nicht verarbeiten.
Liebeskummer tut weh. Trennung tut weh.
Das ist ein tiefer emotionaler Schmerz, den wir sogar körperlich spüren. Es ist, als sei etwas von uns abgerissen. Das Herz ist gebrochen, obwohl es noch schlägt. Es gibt keine Medizin, keinen Verband, der es schnell wieder heilen lässt und manchmal scheint es, als würde das gebrochene Herz nie mehr heilen. Der Liebeskummer nimmt kein Ende.
Die Schwere des Liebeskummers ist von Mensch zu Mensch verschieden. Bei meiner Klientin ist er übermäßig, alles beherrschend, er nimmt ihr ganzes Denken und Fühlen ein.
Sie findet in nichts Trost. 
 
Lena, so nenne ich sie hier, ist in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen. Der Vater war Choleriker, die Mutter emotional kalt. Liebe, Geborgenheit und Halt hat Lena seitens der Eltern nie erfahren. Im kalten Milieu der Familie gab es kein Gefühl von Sicherheit und Verbundenheit. Die Eltern lagen ständig im Streit. Lena war schon früh sich selbst überlassen. Der Mann, der sie verlassen hat, gab ihr zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl verstanden und geliebt zu sein. „Ich dachte, endlich bin ich zuhause angekommen“, sagt Lena. Und dann bricht dieses Zuhause zusammen. Er geht und Lena ist wieder auf sich selbst reduziert, wie damals als Kind. Dieses Kind fühlt: Ich werde niemals geliebt sein, ich werde niemals zuhause ankommen. Mit dem Verlust des geliebten Menschen stürzt Lenas ganze Welt ein. Nichts geht mehr. Der alte Schmerz der Kindheit legt sich zum neuen Schmerz und macht ihn unendlich groß. Die beschädigte Kindheit bekommt einen weiteren Schaden. Das verlassene Kind übernimmt die Macht über alle anderen inneren Teile. „Niemals“ wird es geliebt werden. Und wenn, kann es der Liebe nicht trauen, es wurde wieder ja verlassen. Es ist ja wieder ungeliebt. Es hat das Gefühl es muss sterben. 
 
Es ist allein und verlassen wie das Kind in Büchners Woyzeck:
„Es war einmal ein arm Kind und hat kei Vater und kei Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und hat greint Tag und Nacht. Und weil auf der Erd niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an, und wie's endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz, und da ist es zur Sonn gangen, und wie's zur Sonn kam, war's ein verreckt Sonneblum, und wie's zu den Sterne kam, waren's klei golde Mück, die waren angesteckt wie der Nuntöter sie auf die Schlehe steckt, und wie's wieder auf die Erde wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein, und da hat sich's hingesetzt und geweint und da sitzt es noch und ist ganz allein.“ 
 
Herzzerreisende Worte. Worte die mir einfallen, während ich mit Lena arbeite. Worte, die die existenzielle Not beschreiben in der sie sich befindet, den durchdringenden Schmerz, die tiefe Verlassenheit aus Kindertagen und die damit einhergehende Angst, die die Trennung nach Oben bringt. Lena fühlt sich auf eine schreckliche, tiefe Weise verlassen. Weil das Gefühl so tief sitzt, weil es so alt ist wie sie selbst, hat es diese enorme Wucht.
Ich fühle die seelische Katastrophe in welche sie die Trennung gestürzt hat.
 
Die Schwere der Trennung reaktiviert ein altes Trauma: die Schwere der Kindheit mit all dem Unheilsamen, was sie ausmachte und Lenas in-der-Welt-sein prägte, steht aus der Vergangenheit wieder auf. Das macht die Verarbeitung der Trennung so schwer, schwerer als bei Menschen, die als Kind sicher gebunden waren, die Liebe und Geborgenheit erfahren haben und Urvertrauen besitzen.
Das Schwerste für uns Menschen ist es alleine zu sein, wenn wir von einem geliebten Menschen verlassen wurden. Lena ist allein. Sie hat niemanden, der ihr wirklich nah steht. Die Beziehung war alles für sie. Und jetzt ist da Nichts. Wieder ist da nichts. Ein leerer Raum wie damals, als das Kind die Ärmchen austreckte und es keiner auf den Schoß nahm.
Lena nützen keine Tipps und keine Ratgeber, wie man den Liebeskummer schneller überwindet und heilen lässt. Nichts davon ist für sie hilfreich. Sie braucht viel mehr als das, sie braucht psychologische Unterstützung. Sie braucht eine empathische, verlässliche, tragende Beziehung um von den Wunden der ersten Beziehung in ihrem Leben zu genesen um nach und nach ein stabiles Selbst zu entwickeln. Ihr Inneres Kind muss nach Hause finden. Dieses Zuhause liegt in Lena selbst. Sie weiß das, aber sie kann es (noch) nicht fühlen. Wir machen uns nichts vor: Es ist ein langer Weg nach Hause. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 24. August 2024

Gefühle sind Wegweiser

 

                                                                    Foto: pixybay

 
Immer wieder höre ich von KlientInnen, sie möchten unangenehme Gefühle weghaben. Sie beklagen sich, dass ihre Gefühle zu viel Macht über sie haben. Sie machen sich Vorwürfe sich emotional nicht im Griff zu haben. Sie fühlen sich klein, ohnmächtig und haben das Gefühl zu versagen.
 
Gefühle sind zunächst einmal Gefühle.
Gefühle sind menschlich und dürfen sein.
Das größte Problem im Umgang mit Gefühlen ist, dass wir unsere Gefühle sofort bewerten. Kaum fühlen wir sie, drücken wir ihnen einen Stempel auf. Wir bilden Kategorien, teilen sie auf in gut oder schlecht. Besonders Schmerz, Wut, Traurigkeit , Hilflosigkeit, Schuld, Scham und Angst werden als schlecht empfunden. Und was schlecht ist, muss weg!
Damit beginnt der innere Kampf.
 
Gefühle bewerten heißt, dass sich der Kopf einschaltet und sie sofort bewältigen oder wegmachen will.
Gefühle fühlen führt dazu, dass wir sie einfach wahrnehmen, beobachten und da sein lassen.
Indem wir unangenehme Gefühle als negativ bewerten verstärken wir sie, wir geben ihnen Energie. Das trägt dazu bei, dass wir uns dieser Energie ausgeliefert fühlen. Wir blockieren uns durch die Bewertung selbst und nehmen uns damit die Fähigkeit angemessen mit ihnen umzugehen.
Je mehr wir Gefühle als negativ bewerten, desto mehr identifizieren wir uns mit ihnen, das gilt auch wenn wir über längere Zeit ein bestimmtes Gefühl, wie z.B.Traurigkeit empfinden – wir „sind“ dann unsere Gefühle, wir sind vollkommen damit identifiziert. Damit machen wir uns zum Opfer unserer Gefühle. Und wenn sie dann nicht wegzumachen sind, haben wir noch mehr das Gefühl ohnmächtig zu sein. Wir haben uns nicht im Griff. Wir haben es nicht unter Kontrolle und wir verurteilen uns dafür.
Dieses Denken ist wenig hilfreich und sehr anstrengend.
Es geht weniger anstrengend und hilfreicher.
Ein Beispiel:
Ich bin traurig .
Ich fühle Traurigkeit.
Schauen wir uns beide Aussagen an, merken wir den Unterschied.
Ich bin traurig – ist Identifikation.
Ich fühle Traurigkeit - ist Wahrnehmung.
 
Versuchen wir nicht zu bewerten, dann sind auch unangenehme Gefühle nur Gefühle. Sie gehören zum Leben und zum Menschsein.
Es ist okay zu fühlen.
Was wir fühlen darf sein, auch wenn es weh tut.
Jedes Gefühl ist gleichbedeutend und gleich wichtig.
Unangenehme Gefühle sind besonders wichtig.
Weil sie uns einen Hinweis geben auf das, was an Bedürfnissen verletzt wurde oder nicht erfüllt ist. Weil sie uns etwas darüber erzählen, was in unserem Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist, oder was in unserem Inneren gesehen und beachtet werden will. Sie erzählen uns die Wahrheit über uns selbst und das Leben, das wir leben. Sie erzählen uns viel über den Menschen, der wir sind, wenn wir die Maske absetzen.
 
Gefühle sind Wegweiser.
Würden wir Wegweiser negativ bewerten?
Weghaben wollen?
Wohl eher nein.
Wir würden ihnen folgen. 
 
 
Angelika Wende

Montag, 19. August 2024

Schatten im Licht



 

Plötzlich taucht ein Schatten auf

und wirft Licht auf nicht gelebtes Leben

Etwas

das du dir gewünscht hast

nicht getan hast

nicht erfahren hast

nicht zugelassen hast

projiziert hast

abgewehrt hast

kompensiert hast

verpasst hast

versäumt hast

nur geträumt hast

ausgelassen hast

ignoriert hast

verloren hast

vergrault hast

verschwiegen hast

vernachlässigt hast

verschoben hast

versteckt hast

verbannt hast

verkannt hast

verdrängt hast

Etwas

das gesehen werden will.

Wenn nicht jetzt

wann dann?