Samstag, 4. Januar 2025

Symbole


 


Der Raum in dem wir leben, sagt viel über uns selbst aus.
Wenn wir eine fremde Wohnung zum ersten Mal betreten, sehen wir mit welchen Dingen ihr Bewohner sich umgibt und diese Dinge sagen etwas über seine Art zu leben aus.
Wir erkennen, ob er Sinn für Schönheit, Harmonie und Kunst hat, ob er eher sachlichen Kühle mag, weil ihm Struktur und Ordnung wichtig sind, ob er chaotisch ist, kreative Unordnung mag und vieles mehr. Auch die Farben, in denen ein Raum gestaltet ist, sagen einiges über seinen Bewohner aus.
Räume sprechen über ihre Symbolik und diese macht etwas mit uns.
Gestern habe ich mir die Zeit genommen, den Raum in dem ich lebe und arbeite, in Ruhe zu betrachten. Ich bin aufmerksam durch jedes Zimmer gegangen und habe ihn mir genau angesehen. Alles was herumsteht, von den Möbeln bis hin zu den Bildern, die an der Wand hängen. Ich habe mich gefragt, ob mir gefällt, was ich sehe, ob es noch zu der passt, die ich jetzt bin, ob es zu meinen Vorstellungen, meinen Werten und zu meiner Art zu leben, passt.
Ich sah Dinge, die mir nicht mehr gefallen und die ich nicht mehr brauche. Ich sah Dinge, mit denen ich Vergangenes verbinde, was mir nicht guttat und deren Symbolik unschöne Erinnerungen in mir auslöst. Von diesen Dingen habe ich mich getrennt.
Ich habe den Raum befreit von allem, was mich belastet, um ihn frei zu machen, für das, was ich jetzt in mein Leben einladen will. Es tat gut.
 
Wenn du magst, kannst Du achtsam durch Deine Räume gehen und Dich fragen:
Was bedeutet das, was bei mir im Raum ist, symbolisch für mich?
Welche Gefühle löst es in mir aus.
Welche Gedanken?
Wirkt es ausgleichend?
Stärkt es mich?
Freue ich mich dich daran, wenn ich es sehe?
Will ich diese Energie noch in meinem Raum?
Welche unterstützende Energie will ich jetzt in meinem Raum?
Und: wie kann ich sie durch Symbole herstellen?
Viel Freude dabei!
 
Angelika Wende

Freitag, 3. Januar 2025

Aus der Praxis: Fear of Happiness, die Angst vor Glück

 



Was ist Glück?
Wie fühlt sich Glück an?
Gibt es einen Weg zum Glück?
Wie werde ich glücklich?
Wie halte ich das Glück, wenn es mit begegnet?
 
All das sind Fragen, die wir uns stellen, wenn es um das Glück geht.
Glück bedeutet für die meisten von uns optimales Wohlbefinden. Wir sind maximal einverstanden mit dem, was ist, wir sind eins mit dem, was ist, wir haben das Gefühl angekommen zu sein, so wie der Hans im Glück, der am Ende seiner Reise auf der Suche nach dem Glück das Wesentlichen erkennt. Zumindest ist das die Lektion im Märchen der Brüder Grimm: Glück liegt nicht in materiellem Reichtum, sondern in der Zufriedenheit mit dem, was man hat. Hans jedenfalls ist am Ende glücklich.
 
Eine andere Geschichte geht so: "Endlich habe ich verwirklicht wovon ich immer geträumt haben. Und es war sogar ein Erfolg. In diesem Moment war ich unfassbar glücklich. Und sofort kam sie, die Angst, da kommt sicher ein Unglück. Mein Blick in die Zukunft ist voller Angst, sie wird wieder Schmerz bringen. Ich kenne es doch, immer wenn es mir gut geht, dauert es nicht lange und es ist vorbei. Dieser Glücksmoment, der das Grau des Alltags in helles Licht taucht, Augenblicksglück, vergänglich wie alles. Vom Moment des Eintauchens bis zum Moment des Auftauchens, nur ein Augenblick. Schon im Kommen liegt sein Gehen. Ich falle zurück in diese existenzielle Angst, die durch kein Glück überwindbar ist. Sie ist da, schaut mich aus großen Augen an, sagt: Pass auf, das nächste Unglück kommt bestimmt! Das Glück trägt nicht. Ich habe es doch immer wieder erfahren."
Diese Geschichte ist die Geschichte einer Klientin. Sie gehört zu den Menschen, die sich davor fürchten, glücklich zu sein.
 
„Fear of happiness“, Angst vor dem Glücklichsein nennen Psychologen das Phänomen.
Die Betroffenen haben große Probleme, sich selbst Glück oder Freude zuzugestehen. Beides beunruhigt oder ängstigt sie. Sie denken: Heute bin ich glücklich, und morgen passiert bestimmt etwas Schlimmes. Bei mir darf es nicht gut sein, und wenn es gut ist, werde ich dafür bestraft. Wenn ich mich zu sehr über etwas freue, wird es mir wieder genommen.
Die Strategie dieser Menschen um diese belastenden inneren Überzeugungen zu kompensieren oder abzuwehren, sieht dann so aus: Sie versuchen starke Glücksgefühle zu unterdrücken oder sie erlauben sich, sie für den Moment zu fühlen, um das Glücksgefühl dann wieder mit destruktiven Gedanken zu vernichten. Statt ihr Glück zu genießen und es auszukosten, versuchen sie bewusst es zu dämpfen oder zu demontieren. Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Für sie nicht. Für alle anderen schon.
 
Strategien gegen Glücksgefühle gibt es viele. Manche gehen soweit, das Betroffene akut krank werden, nachdem sie Glück erlebt haben. Der Körper symptomatisiert, was sie als unverdient und nicht zu ihnen gehörig empfinden und „straft“ sie mit Kranksein oder Schmerzen ab. 
 Die Angst vor dem Glück ist eine emotionale Grundhaltung, die jeden möglichen Fortschritt in Richtung Wohlbefinden behindert. Eine Tatsache kann nicht anerkannt werden, weil sie gegen das eigene Weltbild verstößt, eine Art Selbstbeschwörung, die Christian Morgenstern in seinem Gedicht "Die unmögliche Tatsache", treffend beschreibt:
"Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf."
Das Glück trägt auf diese Weise immer Zweifel mit sich und der ängstlich Zweifelnde fragt sich: Habe ich mein Glück verdient?
 
Es gibt Ursachen, die die Angst vor dem Glücklichsein erklären.
Eine Ursache steht, so die Annahme der Psychologie, eng in Verbindung mit der Melancholie, der Depression oder anderen psychischen Störungen. Eine andere Ursache liegt in einem niedrigen oder mangelnden Selbstwertgefühl und Gefühlen, bzw. dem Drang zur Selbstabwertung. Betroffene empfinden ihr Selbst und ihr Leben als nicht wertvoll, nicht lebenswert oder gar unverdient. Besonders Menschen, die unter einer Existenzschuld leiden, die ihnen als Kind vermittelt wurde, sind davon überzeugt nichts Gutes verdient zu haben, denn eigentlich dürften sie ja gar nicht existieren. Und wenn schon, dann dürfen sie gefälligst nicht glücklich existieren.
 
Menschen, die Angst vor dem Glück haben, neigen dazu, sich auf das Negative zu fokussieren. Statt das Gute zu sehen, was ihnen widerfahren könnte, versuchen sie stattdessen ständig, das Schlechte zu sehen und zu vermeiden. Durch ihre innere Brille nehmen sie vorzugsweise das wahr, was sie bedrohen und verletzen könnte. Die Angst vor dem Glück ist ein emotionales Problem, das Ursachen hat. Diese liegen meist in der Biografie der Betroffenen. Sie haben in ihrem Leben viel Unheilsames erlebt. Sie haben das Unglück sozusagen gespeichert und als das normale Leben verinnerlicht. Es war zu oft und zu lange ungut, so dass sie den Glauben, die Hoffnung und das Vertrauen in die Möglichkeit verloren haben, es könne jemals gut werden, geschweige denn, sie könnten glücklich sein. Sie haben gelernt, dass das Streben nach Glück zu nichts führt. Sie haben innerlich dicht gemacht um sich vor weiteren Enttäuschungen zu schützen. Lieber dauerhaft unglücklich als ein Glück, das wieder zerbricht. Das ist dann zumindest scheinbar kontrollierbar und verleiht das Gefühl von Sicherheit – es gibt keine Überraschungen, jedenfalls keine glücklichen.
 
Auch magisches Denken führt zur Angst vorm Glück.
„Wer glücklich ist, muss mit dem Unglück rechnen.“ „Glück und Glas, wie leicht bricht das.“
Das sind Sprüche, die sich im kollektiven Gedächtnis verankert haben. Wenn wir uns unser Leben anschauen, ist in der Tat viel Wahres dran. Was allerdings nicht wahr ist: Wer glücklich ist, muss mit einer Bestrafung für das Glück rechnen.
Derartige innere Überzeugungen kommen meist aus der Kindheit. Ich selbst erinnere mich an meine Mutter, die immer, wenn ich mich gefreut habe oder glücklich war, mit einem Ausdruck von Vernichtung im Gesicht sagte: „Freu dich lieber nicht zu früh, das nächste Unglück kommt bestimmt!“
Sätze wie diese, gepaart mit der entsprechenden Mimik, prägen sich ein. Manche von uns wurden als Kinder sogar getadelt oder bestraft, wenn sie zu viel Freude zeigten. Andere wieder, haben gelernt, dass man nicht glücklich sein darf oder Freude empfinden und zeigen darf, wenn Mutter oder Vater unglücklich sind. Dann verknüpfen sich Glücksempfinden, Angst, Scham und Schuldgefühle zu einer unheilsamen Melange. Die Angst zieht das Unglück dann im Zweifel sogar an. 
 
Das sind nur einige Annahmen und Ursachen für die Angst vor dem Glück. Sie zeigen wie sehr manche von uns mit dem Unglück verhaftet sind, vor allem dann, wenn wir es schon oft erlebt und am eigenen Leib gespürt haben. Verständlich, dass sich daraus entsprechende innere Überzeugungen entwickeln, die uns daran hindern, das Glück anzunehmen, eben weil es vergänglich ist.
Für alle, die Angst vor dem Glück haben, könnte dieser Gedanke hilfreich sein: Jetzt bin ich glücklich. Und was morgen ist – ich weiß es nicht. Niemand weiß das. Aber diesen Moment kann mir niemand nehmen. Das ist heute meine Haltung und ich gehörte lange zu denen, die glaubten Glück nicht verdient zu haben. Glück dürfen wir haben, ohne es uns verdienen zu müssen.
Je öfter wir den Glücksmomenten bewusst erlauben da zu sein und uns dafür bedanken, dass sie uns widerfahren, desto weiter öffnen wir den Raum für das Glück - es braucht dann keine Angst mehr zu haben, dass es uns Angst macht.
 
 
Angelika Wende

Donnerstag, 2. Januar 2025

Mein Buch

 



Worum geht es in Deinem Buch?, schrieben mich einige von Euch an. 
Es geht darum ...
 
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) geht von bis zu 8 Millionen Angehörigen aus, die in enger Gemeinschaft mit einem alkoholabhängigen Menschen leben.
All diese Menschen sind, wie der Suchtkranke, im Sumpf der Sucht gefangen. Je weiter die Sucht fortschreitet, desto ausgeprägter wird das co-abhängige Verhalten. Je ausgeprägter das co-abhängige Verhalten wird, desto mehr tritt das eigene Leben in den Hintergrund. Alles dreht sich nur noch um den Suchtkranken. Co-Abhängige verlieren sich selbst und ihre gesunden Grenzen. 
 
Co-Abhängigkeit ist eine Beziehungsstörung: ihr Kennzeichen ist emotionale Abhängigkeit.
Co-Abhängigkeit betrifft besonders Frauen.
 
Ich war eine dieser Frauen. Ich weiß, was diese Frauen durchmachen. Ich weiß, wie schwer es ist, sich aus der Hölle der Abhängigkeit zu befreien. Ich bin durch diese emotionale Hölle gegangen und ich habe sie hinter mir gelassen. 
Weil ich weiß, dass es eine Hölle ist, weil ich weiß, was Co-Abhängigkeit mit der Seele und dem eigenen Leben macht, weil ich weiß, wie schwer es ist, zu verstehen und nur im Ansatz nachzuvollziehen, was ein co-abhängiger Mensch durchmacht, weil ich all das erfahren habe, begleite ich co-abhängige und emotional abhängige Menschen auf ihrem Weg zur Selbstermächtigung. 
„Weil ich endlich geliebt sein will“ ist meine Geschichte. Ich habe sie aufgeschrieben für alle co-abhängigen Menschen, die sich in ihrem Drama allein und verlassen fühlen. Ich habe sie aufgeschrieben, weil ich weiß, wie schwer es für Co-abhängige ist, ihre Gefühle und ihr Leid in Worte zu fassen, um es Freunden, Familie, Therapeuten und dem suchtkranken Angehörigen zu vermitteln.
Viele Co-abhängige schweigen deshalb. Sie leiden still.
Ich habe beschlossen ihnen, mit diesem Buch, eine Stimme zu geben. 
 Wenn meine Geschichte nur für einen Menschen hilfreich ist, um sich selbst zu retten, habe ich sie nicht umsonst geschrieben. 
 
"Eines Tages wirst du deine Geschichte erzählen, wie du das überwunden hast, was du durchgemacht hast, und sie wird der Überlebensratgeber eines anderen sein", schreibt Brené Brown.
Dieser Tag ist jetzt.
 
 
Ihr könnt das Buch als Taschenbuch oder als Kindle Ausgabe im Buchhandel bestellen, bei Amazon oder direkt bei BoD:
 
An dieser Stelle möchte ich meinem Lektor, dem Psychologen und Schriftsteller Matthias Thiele, für seine sensible und tatkräftige Unterstützung von Herzen danken.


Angelika Wende 

www.wende-praxis.de


Mittwoch, 1. Januar 2025

Erzähl deine Geschichte ...


 

Erzähl deine Geschichte.

Schrei sie raus.

Schreib Sie auf.

Flüstere sie, wenn es sein muss.

Aber erzähl Sie.

Manche werden sie nicht verstehen.

Einige werden dich ablehnen.

Aber viele werden es nicht tun.

Und sagen: Danke dafür.

Und dann wird etwas Magisches passieren.

Nach und nach ertönen Stimmen, 

flüstern: „Ich auch.“

Und dein Stamm wird sich versammeln.

Und dann wirst du fühlen: Du bist nie wieder allein.

 

L.R. Knost

 

 

Mein Buch ist ab jetzt im Buchhandel bestellbar und auch bei Amazon.  



Montag, 30. Dezember 2024

Langstreckenläufer

 



„Ich bin eine einsame Läuferin. Aber eine Langstreckenläuferin.“
Das sagte die Bildhauerin Louise Bourgeois anlässlich ihrer Ausstellung 2005 in der Kunsthalle Wien. Eine Schau zum Spätwerk der damals 94-Jährigen. Jahrzehntelang musste sie auf eine Anerkennung als Künstlerin warten. Sie hat nie aufgegeben. Sie hat immer getan, was sie tun musste und wollte – sie hat ihre Kunst gemacht. Heute gilt sie als teuerste Künstlerin der Welt.
Louise Bourgeois fasziniert mich unter anderem genau deshalb, weil sie eine Langstreckenläuferin war, weil sie, die ein Leben lang voller Selbstzweifel war und unter einer fundamentalen Angst litt, niemals aufgegeben hat. Sie fasziniert mich ebenso wie Frida Kahlo, die ein Leben lang unter Schmerzen litt und unter diesem unsäglichen Diego Rivera und niemals aufgegeben hat, sich selbst nicht, ihre Liebe zum Leben nicht und ihre Kunst nicht. Viva la Vida!
 
Diese Frauen faszinieren mich. Sie sind für mich wie ein Nordstern, wenn ich spüre, dass ich schwächle. Beide sind Langstreckenläuferinnen. Ich bin eine Langstreckenläuferin. Viele von uns sind das. Im Grunde sind wir das alle. 
 
Wenn ich das alte Jahr Revue passieren lasse, denke ich, ohne dieses Langstreckenläufertum, hätte ich vielleicht aufgegeben. Es war ein schweres Jahr. Ich habe eine große Erschütterung erlebt, die mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Ich bin weitergelaufen. Für mich und für die Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Für das, woran ich glaube, für das, was ich in die Welt geben will, solange Gott es mich tun lässt, für all das, was es wert ist zu leben. Und das ist viel.
Da ist so viel was das Leben lebenswert macht, trotz Erschütterungen, trotz Krisen, trotz dem unseligen Zustand dieser Welt. Da ist so viel, was entdeckt, erfahren, erlebt und gestaltet werden will und da ist Sinn in der scheinbaren Sinnlosigkeit all des Unheilsamen. Wir erkennen ihn, in allem, wenn wir dazu bereit sind. Sinn entfaltet sich und gestaltet sich im Laufe der Strecke, wenn wir lange genug gehen. 
 
Lauft gut ins neue Jahr!

Freitag, 27. Dezember 2024

Zwischenzeit

 

                                                               Foto: A.Wende

 
Zwischen den Jahren, das ist die Zeit nach den Weihnachtsfeiertagen und den wenigen Tagen vor Neujahr, die Zeit in der der Festtagstrubel sich beruhigt, in der wir entschleunigen und runterkommen können – Zeit für Ruhe und Selbstreflexion. Diese Zwischenzeit ist eine gute Zeit zur Rückschau auf das alte Jahr. Wir halten inne und reflektieren, was war, in diesen dreihundertfünfundsechzig Tagen gelebten Lebens.
 
Ich mache in dieser Zwischenzeit immer eine Rückschau um das alte Jahr noch einmal zu betrachten, um es im Ganzen klar zu erfassen. Ich nehme mein Tagebuch und schreibe auf, was mich in diesem Jahr beschäftigt hat, welche Lektionen ich lernen durfte, was ich lösen konnte und was nicht. Ich überlege, was ich loslassen will, weil es sich überlebt hat, nicht hilfreich oder sogar belastend ist, und was ich ins neue Jahr mitnehmen will. Ich besinne mich auf die Begegnungen, die ich hatte, die alten und die neuen, wie sie mein Leben bereichert haben oder auch nicht. Ich mache mir bewusst, was ich gelernt habe und was ich noch immer nicht gelernt habe und lernen will. Ich frage mich, was ich verwirklicht habe, an Aufgaben und Herausforderungen, die ich mir selbst gestellt habe. Ich mache mir bewusst, was mich getragen hat, was mich ermutigt hat und was mir half kleine und größere Krisen und Verluste zu bewältigen. Ich mache mir bewusst, wer für mich da war und wer nicht, auf wen ich mich verlassen konnte und auf wen nicht. Ich besinne mich auf alles, was mir Kraft gegeben hat und was mir Freude geschenkt hat. Ich mache mir bewusst, wo ich für andere da war und wo ich anderen helfen und sie unterstützen konnte.
Ich entscheide, was ich nicht mehr von mir selbst erwarten will, was ich nicht mehr von anderen erwarten will und welche Erwartungen ich nicht mehr erfüllen will.
Ich frage mich, ob ich gut für mich selbst gesorgt habe, wo ich mich selbst überfordert habe, was mich an meine Grenzen gebracht hat und was mir besonders gut gelungen ist und beschließe mehr davon zu tun.
 
Und dann, und das ist das Wichtigste für mich, schreibe ich alles auf wofür ich dankbar bin. All das, was mir das Leben an Gutem, Wahren und Schönem in diesen dreihundertfünfundsechzig Tagen geschenkt hat. Das ist eine Menge, auch wenn es ein schweres Jahr für mich war. Es gab so viel Gutes, so viele Menschen, die mich begleitet und unterstützt haben und mein Leben mit ihrem Dasein und ihrer Liebe bereichert haben. Und wieder wird mir klar: Was wirklich zählt, ist die Liebe. 
 
 
„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht,
wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
Und wenn ich prophetisch reden könnte
und alle Geheimnisse wüsste
und alle Erkenntnis hätte;
wenn ich alle Glaubenskraft besäße
und Berge damit versetzen könnte,
hätte aber die Liebe nicht,
wäre ich nichts.“
Das Hohelied der Liebe (1 Kor 13)
 
 

 

Montag, 23. Dezember 2024

Vertrauen

 

                                                            Foto: Lucas Wende
 
 
„O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit …
Christ ist erschienen, uns zu versühnen … „
 
Weihnachten, das Fest der Liebe und des Friedens, das Fest der Versöhnung und der Harmonie unter den Menschen, eine Zeit der Besinnung, eine Zeit des Beisammenseins mit unseren Nächsten, eine Zeit des Gebens und des Feierns in der Heiligen Nacht. Weihnachten, die Zeit im Jahr, in der Werte wie Liebe und Nächstenliebe hochgehalten werden.
Und am Himmel leuchtet hell der Stern von Bethlehem als Symbol der Hoffnung, des Trostes und des Sieges des Lichts über die Dunkelheit, alle Jahre wieder.
 
Man kann von Weihnachten halten, was man will, aber diese Zeit macht etwas mit jedem von uns, und da ist nicht immer pure Freude und all die anderen schönen Gefühle, die mit diesem Fest assoziiert werden. Da kommt vieles hoch, was wir das ganze Jahr über verdrängt haben, da ploppt all das Unheilsame auf, das wir mit uns herumschleppen, da wird die Trauer groß über die Verluste, die wir erlitten haben, über die Wünsche, die sich nicht erfüllt haben und die Erwartungen an das Jahr, die unerfüllt blieben, an das Schwere, das wir zu tragen und zu bewältigen haben und da wird die Erinnerung ganz groß an all das Unversöhnliche in uns selbst und denen gegenüber, die uns gekränkt, verletzt und uns Ungutes zugefügt haben.
Nein, so fröhlich ist es nicht, dieses Weihnachten, für viele von uns nicht.
 
„Christ ist erschienen, uns zu versühnen … „
Heißt es in dem alten Weihnachtslied. Wir hören es und denken, schön wäre es, wenn Jesus das in uns bewirken könnte, aber er kann es nicht für uns bewirken, er kann uns nur daran erinnern, wir selbst müssen es tun, uns versöhnen mit dem alten Jahr und dem, was es uns an Unheilsamen beschert hat, am besten vor der Bescherung.
Uns mit dem, was ungut war, versöhnen und das Vertrauen wieder aufbauen, das uns abhanden gekommen ist – in andere, aber vor allem in uns selbst. Vertrauen, das angeknackst oder zerstört wurde, ist schwer zu reparieren. Aber die Arbeit, die wir tun um es wiederzufinden - das Vertrauen in das Leben und die Überzeugung, dass dieses Leben es im Grunde gut mit uns meint, auch wenn es uns bisweilen Ungutes beschert, macht Sinn.
 
Wer weiß wozu es gut ist? 
 
Vertrauen in das Gute, trotzdem, gegen alle inneren und äußeren Widerstände, das wäre gut, würden wir es können.Vertrauen ist ein fundamentaler Bestandteil jeder menschlichen Beziehung, auch der Beziehung zu uns selbst.
Es ist gut, wenn wir uns selbst vertrauen können.
Vertrauen in dieser Zeit, in der so vieles, an was wir glaubten, das uns Halt gab, zerbröselt ist, ist noch besser als Hoffnung, denn für das Vertrauen können wir aktiv etwas tun, indem wir zuallererst, egal was war, weiter oder wieder uns selbst vertrauen.
Vertrauen beginnt zuallererst bei uns selbst.
Uns selbst vertrauen bedeutet an uns selbst zu glauben, unsere Fähigkeiten und Gaben wertzuschätzen, zu uns selbst zu stehen, egal was andere sagen, auf unsere eigene innere Wahrheit zu vertrauen, ihr zu folgen, für sie einzustehen und nach ihr zu leben. Uns selbst vertrauen bedeutet auch uns zutrauen, dass wir bewältigen, womit das Leben uns konfrontiert und herausfordert. Selbstvertrauen kann viel dazu beitragen Frieden, Harmonie, Liebe und Trost zu finden – in uns selbst.
Selbstvertrauen ist für mich ein inneres Licht, das über die Dunkelheit siegt.
Knipsen wir unser inneres Licht an und schenken uns selbst Vertrauen an diesem Weihnachten, denn nur was in uns selbst lebendig ist, können wir in die Welt geben. 
Diese Welt hat jedes kleine Licht bitter nötig. 
 
"Am Ende des Tages können wir viel mehr ertragen, als wir denken."
Frida Kahlo 
 
Gesegnetes Fest!

Namasté