Dienstag, 21. November 2023

Scheitern

 



Wir alle scheitern irgendwann, an irgendetwas. Scheitern gehört zum Leben. Egal woran und wie wir scheitern, aus welchen Gründen auch immer - wir haben die Wahl, wie wir das Scheitern erleben wollen und welche Bedeutung wir ihm geben.
Manchmal ist Scheitern sogar notwendig um die Verengungen unseres Horizonts und unsere Wahrnehmungsblockaden gegenüber uns selbst und dem Leben, das wir führen, aufzulösen. Manchmal brauchen wir Niederlagen um kontinuierlich sich aufdrängende Täuschungen zu entlarven. Manchmal brauchen wir Niederlagen um Lektionen zu lernen, denen wir uns lange beharrlich widersetzt haben. Manchmal brauchen wir Scheitern als Weckruf, der uns aus dem Tiefschlaf der Illusion reißt.
 
Die Enttäuschung, die sich nach dem Scheitern einstellt, ist nichts anderes als das Ende der Täuschung. Sie macht die Wahrheit sichtbar um die wir uns meist lange Zeit selbst betrogen haben.
In der Analyse des Scheiterns, dem Herausfinden von Ursachen, Bedingungen und Wechselwirkungen zeigt sich, dass Fehlschläge zum einen mit uns selbst, zum anderen aber auch mit anderem und mit anderen, zu tun haben. Wir scheitern niemals allein an uns selbst oder durch uns selbst, sondern immer sind Bedingungskonstellationen und der Kontext in dem wir leben, mitbeteiligt. Es ist alles miteinander verbunden, alles in Beziehung, auch wenn wir das so nicht sehen wollen. Wir sind keine Insel, auch wenn wir uns so fühlen mögen. Innen und Außen - zwischen Innen und Außen - sind wir. Eins beeinflusst das andere wechselseitig. 
 
Scheitern ist eine Zäsur, die uns zur Bestandsaufnahme aufruft und gleichzeitig die Chance für Wachstum.
Wachstum schmerzt. Wachstumsschmerzen mögen wir nicht, weil sie weh tun. Scheitern tut weh, daran wachsen tut weh. Das Weh vermeiden wollen tut mehr weh. Scheitern gelingt besser wenn wir akzeptieren was ist, den Widerstand aufgeben und uns verabschieden vom Gewesenen. Dazu gehört auch die Trauer um das Verlorene zulassen.
Warum ist das so schwer? Warum wollen wir nicht begreifen, dass das ganze Leben dem Wandel unterworfen ist?
Weil wir so viel wollen, behalten wollen, besitzen wollen, bewahren wollen, selbst wenn es längst nicht mehr zu uns gehört oder uns gar schadet.
Zu viel Wollen macht unfrei, verstrickt, lässt anhaften, ist Gefangensein statt Freisein.
Und wir bleiben hängen, trotz des Wissens um diese unumstößlichen Tatsachen, klammern wie Ertrinkende am Status Quo. Alles Wissen hilft uns nichts, gefühlt wollen wir Beständigkeit und Sicherheit. Wir wollen das Unmögliche, setzen unser Wollen gegen die Natur der Dinge, zu der Auflösung gehört und Wandel. Anfang und Ende, Werden und Vergehen, ein ewiger Kreislauf, im Großen wie im Kleinen. Scheitern anerkennen bedeutet den Wandel anerkennen und in der Folge Wandlungswille im Bewusstsein, dass jedes Scheitern ein potentielles Werden und Sein in sich birgt.

Montag, 20. November 2023

Affirmieren: Risiken und Nebenwirkungen

 



Dein Leben läuft nicht so wie du es gerne hättest?
Dann musst du nur positiv affirmieren!
Du möchtest dein wahres Selbst finden, den Traumjob, den Seelenpartner, mehr Liebe, Licht und Leichtigkeit?
Dann musst du nur positiv affirmieren! 
 
Die verkaufsträchtige Illusion des „Du bist der Schöpfer deiner Realtität! Wünsch es dir und dein Wunsch wird wahr!" hat sich in der spirituellen Szene längst wie ein Virus verbreitet.
Instagram & Co machen es möglich. Dort präsentieren sich dauerlächelnde, glückliche, vom Leben reich beschenkte Coaches, die ein erleuchtetes Luxusleben führen und behaupten, dass jeder das haben kann, komme er denn in seine Schöpferkraft. Es kommt nur darauf an intensiv zu wünschen, zu affirmieren, zu manifestieren und fest daran zu glauben.
 
Aber was, wenn du affirmierst und affirmierst und es trotzdem nicht klappt?
Tja, dann stimmt dein Mindset nicht! Dann ist dein Glaube nicht stark genug. Dann bist du nicht mit dem Universum verbunden und hast deine innere Göttlichkeit noch nicht gespürt.
Im Klartext heißt das: Wenn es nicht funktioniert bist du selbst schuld, dann machst du definitiv etwas falsch!
Wahr ist: Solche Behauptungen sind falsch. Und nicht du. 
 
In der spirituellen Szene sind positive Affirmationen als Allheilmittel für alle Probleme sehr beliebt. Man kann sogar für teures Geld Kurse kaufen um das Affirmieren zu lernen, sich die Affirmationen allein oder in der Gruppe mehrfach reinziehen, sie täglich im Stillen nachsprechen und auf ihre Erfüllung warten, die – so das Versprechen - garantiert kommt, wenn man es denn richtig macht. Dann gelingt wie durch Zauberhand alles. Dein Leben wird mega, du wirst der machtvolle Schöpfer deines Seins, du bist Licht und Liebe usw.
Wer´s glaubt wird selig. 
 
Fakt ist: Affirmationen helfen den wenigsten Menschen in ihrem Leben nachhaltig etwas zum Besseren zu wenden, geschweige denn ihre Psyche zu heilen.
Aus einem einfachen Grund: Positives Affirmieren ist in etwa so, als würde man einen Teppich über einen schmutzigen Boden legen. Dann sieht man zwar den Dreck nicht mehr, aber er ist immer noch da. Wenn wir affirmieren ohne den Boden sauber gemacht zu haben, betrügen wir uns selbst.  Was in unserem Unterbewusstsein haust, was wir nicht gelöst haben, lässt sich nicht wegaffirmieren. Auch unsere tiefen inneren Überzeugungen und Glaubensmuster, unsere Erfahrungen, unsere Traumata, unsere Gefühle lassen sich nicht wegaffirmieren.
Warum?
Das, was wir positiv affirmieren passt in den meisten Fällen nicht zusammen mit dem, was an Negativem da ist. Wir reden gegen uns selbst an und zwar gegen unser inneres Empfinden.  
Dies führt zu einem inneren Konflikt. Die Psyche gerät in Schieflage. Die Realität der Psyche lässt sich nicht austricksen. Sie geht in den Widerstand. Sie erhebt ihre Stimme gegen das, was wir ihr voraffimieren und fühlt sich nicht ernst genommen. Sie rebelliert gegen die Gaukelei und sagt: Das fühlt sich nicht gut an und richtig schon gar nicht. Die Seifenblase Selbstbetrug zerplatzt an der Realität.
Was wir im Tiefsten nicht glauben, wird nicht wahr, egal wie oft wir uns etwas suggerieren.
Affirmieren ist nichts weiter als der Versuch dem, was zu lösen ist und zwar durch intensive Arbeit an uns selbst, auszuweichen und eine Abkürzung zu nehmen, die nur weiter auf den Holzweg führt. Autosuggestionen können nur dann funktionieren, wenn es keine inneren Hemmnisse gibt, die eine positive Wirkung verhindern.
In einer Studie, die 2009 an der University of Waterloo in Kanada durchgeführt wurde, untersuchte man die Wirkung positiver Affirmationen auf Menschen mit dem Ergebnis, dass sie für die wenigsten Teilnehmer etwas Positives bewirkten. Fazit der leitendenden Wissenschaftlerin Joanne Wood, Professorin für Psychologie: „Es scheint, dass positive Selbstaussagen trotz ihrer weit verbreiteten Anerkennung für Menschen, die sie am meisten brauchen, nach hinten losgehen.“
 
Wenn wir etwas in unserem Leben verändern oder etwas erreichen wollen, müssen wir uns dem bewusst zuwenden und es eben nicht einfach nur weg haben wollen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen. Und das ist ein Prozess. Es hilft absolut nichts eine Makulatur drüber zu kippen, die nur dazu führt, dass die Verdrängung weiter aufrechterhalten wird.
 
Affirmieren als Heilmittelchen kann zudem unheilsame Nebenwirkungen haben. Wenn es nicht klappt, fühlen wir uns schlecht. Wir erleben neuen Frust, neue Enttäuschung, wieder das Gefühl nichts auf die Reihe zu kriegen, wieder negative Gedanken - unserer negatives Selbstbild und unser Selbstwertgefühl gehen weiter in den Keller. Anstatt uns zu stärken kann Affirmieren ins Gegenteil umschlagen: Zur Stärkung der negativen Selbstwahrnehmung.

Samstag, 18. November 2023

Hindernisse

 

                                                          Art Work: Rolf Puschnig

 
Wenn wir verstrickt sind und uns nicht lösen können, sehen wir oft die Gründe und Hindernisse im Außen.
Weil das so und so ist, geht es nicht, weil der, die so und so ist, geht es mir nicht gut, weil mir dies passiert ist, kann ich nicht, und, und, und …
Und wir bleiben in der Verstrickung.
Um die Verstrickung zu lösen ist der Blick auf Hindernisse im Außen nicht hilfreich. Auf diese Weise legen wir den Focus auf das scheinbar Unveränderbare und alles, dem wir Aufmerksamkeit schenken, wächst bekanntlich.
Das Hindernis wird immer größer und wir immer kleiner.
Wenn wir verstrickt sind und keine Möglichkeit sehen etwas zu verändern, ist es hilfreich uns zu fragen: Welches Hindernis ist in mir selbst?
Wenn wir dieses Hindernis erkennen, erkennen wir Möglichkeiten, die wir zuvor nicht sehen konnten.

Dienstag, 14. November 2023

Im Glashaus der Einsamkeit

 



Warum schaffen es manche Menschen nicht das Glashaus der Einsamkeit zu verlassen?
Unter anderem aus folgenden Gründen …
 
Selbstschutz
Manche Betroffene finden eine paradoxe Befriedigung in der Einsamkeit. Die Einsamkeit erlaubt ihnen, trotz des Schmerzes, den sie mit sich bringt, eine selbstschützende Isolation fortzusetzen. Oft hat die Erfahrung von Verrat, Zurückweisung, Demütigung und Enttäuschung in diesen Zustand geführt – einen Zustand, in dem sich der Einsame in seinem selbstgewählten Glashaus vor neuen Verletzungen schützt. Das Glashaus, so einsam es drinnen ist, bietet Schutz.
 
Scham
Einsamkeit ist noch immer für viele Menschen ein Tabuthema. Wer einsam ist, mit dem muss etwas nicht stimmen, ist die landläufige Annahme. Für Betroffene ist Einsamkeit nicht zuletzt deshalb eine schambesetzte Erfahrung. Einsam zu sein ist so entgegengesetzt zu dem Leben, das wir als soziale Wesen leben sollten. Sich selbst einzugestehen zu niemanden, zu keiner Gruppe zu gehören, führt zu Schamgefühlen. Diese wiederum führen dazu, dass man am liebsten „im Erdboden versinken“ würde, heißt: nicht mehr gesehen werden will. Der Einsame verbirgt sich um die Scham zu verbergen vor sich selbst und anderen, wodurch er sich zunehmend isoliert und zunehmend entfremdet wird. Je länger die Einsamkeit dauert, desto schwerer fällt es aus sich herauszugehen und über diesen Tabustatus zu sprechen, aus Angst, das Bekenntnis könnte andere in die Flucht schlagen. 
 
Sicherheitszone
Tatsächlich ist das Verlassen der Einsamkeit etwas, das nicht durch pure Willenskraft oder einfach dadurch erreicht werden kann, dass man mehr rausgeht und sich unter Menschen mischt. Rausgehen ohne ein Ziel, ohne in zwischenmenschlichen Kontakt gehen zu können, weil da ja niemand ist, kann das Gefühl des einsam seins sogar noch verstärken. Man ist einsam unter Fremden. Man gehört nicht dazu. Man ist ein Solitär mitten unter all denen, die eine Gemeinschaft bilden. Verloren. Man ist anders als die anderen. Da wir alle dazugehören wollen ist dieses Empfinden ein sehr schmerzhaftes Gefühl, das abgewehrt werden muss. Drinnen lässt sich die Einsamkeit besser ertragen als im Außen, wo man direkt und unmittelbar, im Spiegel der Gemeinschaft, als Einzelwesen gesehen und konfrontiert wird. Drinnen ist es sicherer.
 
Kontrolle
Einsamkeit wird nur durch die Entwicklung intimer Beziehungen überwunden, die uns das Gefühl der Verbundenheit geben. Verbundenheit herstellen gelingt aber nicht durchs bloße Rausgehen.
Verbundenheit herstellen ist viel leichter gesagt als getan, besonders für Menschen deren Einsamkeit aus dem Zustand eines schmerzhaften Verlustes oder einer schmerzhaften zwischenmenschlichen Erfahrung resultiert. Jene Auslöser für den Rückzug in die Einsamkeit geben Grund zur Angst vor Nähe und/oder zum Misstrauen gegenüber der Nähe anderer.
Das Vertrauen ist verloren. Da ist mehr Angst erneut verletzt zu werden als sich durch die Einsamkeit selbst zu verletzen. Denn das hat man wenigstens, so paradox es klingt, selbst unter Kontrolle. 
 
“You are born alone. You die alone. The value of the space in between is trust and love.”
Louise Bourgeois

 
Wenn Du einsam bist und reden willst, ich bin da.
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 4. November 2023

Co-abhängig: Zwischen Angst, Schmerz, Scham, Ohnmacht und Wut

 

                                                     Malerei: Angelika Wende

 
Ein Mensch, den du liebst, trinkt oder nimmt andere Drogen. Dieser Mensch verändert sein Wesen, je weiter die Sucht fortschreitet. Du willst ihm helfen, du denkst, er müsste es doch nur sein lassen, dann wäre wieder alles gut. Du denkst, wenn du ihm wichtig wärst, wenn die Kinder ihm wichtig wären, würde er alles tun um aufzuhören.
Du musst erkennen, er hört nicht auf.
 
Er wird immer verantwortungsloser, unzuverlässiger und unberechenbarer, du erreichst ihn nicht mehr, wenn er zugedröhnt ist, er wird vielleicht sogar aggressiv und behandelt dich mies, oder du hast Angst um ihn, ob den Folgen seines Verhaltens. Er bagatellisiert seine Sucht, fühlt sich unverstanden, macht dir Vorwürfe, greift dich an, demütigt, kränkt und beleidigt dich, gibt dir die Schuld für seine Sucht und seine Probleme.
Er verdreht deine Wahrnehmung, manipuliert dich und findet hundert Gründe und Erklärungen, warum er trinkt und keinen einzigen, warum er aufhören kann.
Er hat keine Krankheitseinsicht und übernimmt keine Verantwortung für seine Sucht, die sein und dein Leben und das Leben deiner Familie, nach und nach zerstört.
 
Du hast Angst.
Jeden Moment Angst vor dem Moment wo er anfängt sich zuzudröhnen und was dem folgt. Angst, dass es zum Streit kommt, zu Übergriffen, zu Ausrastern. Angst, dass er seinen Job verliert, einen Unfall baut, dass er sich und dich ruiniert und und und...
In deinem Kopf ist nur noch Angst und was als nächstes passieren wird. Du lebst ständig in Angst. Diese Angst kann traumatisch werden.
 
Du fühlst Schmerz.
Es schmerzt zu sehen wie sich ein geliebter Mensch verändert, wenn er unter Stoff steht, wie er sich nach und nach zugrunde richtet und dich und euer Leben mit. Es schmerzt diesen lallenden, debil wirkenden, unattraktiven, nicht mehr ernst zu nehmenden, aggressiven, weinerlichen, sich selbst bemitleidenden, erbärmlichen, jammernden, hilflosen, dunklen Schatten des Menschen zu erleben, der mit dem, den liebst, nichts mehr zu tun hat.
Es schmerzt immer wieder zu hoffen und dann enttäuscht zu werden durch nicht eingehaltene Versprechen, Täuschungs- und Betrugsmanöver.
Es schmerzt zu erleben wir dieser Mensch nichts mehr auf die Reihe bekommt und du immer mehr die/der bist, der für alles die Verantwortung übernimmt, der kämpft, damit noch irgendwas bleibt, von dem, was ihr einmal hattet, obwohl du selbst emotional und körperlich am Anschlag bist.
Es schmerzt dich einsam, ohnmächtig und hilflos zu fühlen.
Es schmerzt, dass du nichts, aber auch nichts tun kannst um das ändern zu können, egal was du tust. 
 
Du fühlst Wut.
Wut, weil der andere alles kaputt macht, was gut war.
Niemand kann das aushalten. Niemand kann sich an der Seite eines Süchtigen gut fühlen.
Die Wut wächst mit jedem Rausch. Angestaute Wut, die durch das Schlucken von Angst, Schmerz, Ohnmacht und Verzweiflung einen Punkt erreicht, an dem sie explodiert. Sie ist stark, vehement, sie muss sich entladen, sonst platzt du. Und dann kommt das Begreifen wie sinnlos der Ausbruch ist, weil er nichts ändert. Du schämst dich.
Aber es hört nicht auf.
Die Wut speist sich aus dem, was war und dem Wissen, dass es nicht besser wird. Weil die Sucht nicht aufhört. Nicht durch Wut, nicht durch Verstehen, nicht durch Liebe.
Wieder gibt es Ausfälle, Angriffe, Beleidigungen, Demütigungen und schreckliche Stunden während und nach dem Rausch. Wieder sammelt sich Wut.
Du beginnst dich selbst zu verachten.
Du fragst dich, was du da überhaupt machst, ob das ein Leben ist, das du dir wünscht. Du fragst dich, warum du das aushälst. Ob das überhaupt Liebe ist.
 
Liebe, die weh tut, ist keine Liebe. Du weißt das. Du weißt, es geht schon lange nicht mehr um Liebe. Du bist abhängig von der Sehnsucht zu lieben und geliebt zu werden. Du findet dich nicht damit ab nicht geliebt zu werden, stattdessen findet du dich damit ab gebraucht zu werden. Du bist abhängig vom Gebrauchtwerden. Du bist selbst in eine Abhängigkeit geraten - in eine co-abhängige Verstrickung. An einem bestimmten Punkt hast du deine Bedürfnisse völlig aufgegeben um dich um den Süchtigen zu kümmern. War es dir bis zu diesem Punkt noch möglich, dein Selbstwertgefühl und andere positive Gefühle aus verschiedenen Aspekten und Bereichen deines Daseins zu beziehen, empfindet du nur noch dann eine Bedeutung, wenn du das Gefühl hast, vom Süchtigen gebraucht zu werden. 
 
Du fühlst Scham.
Du schämst dich für den Süchtigen und vor dir selbst, du machst dir Vorwürfe, dass du in dieser Hölle bleibst. Du fühlst dich klein und schwach und mies und schuldig wegen der Wut, die nicht weggeht. Du schämst dich, dass du so schawch bist, dich so unwürdig behandeln lässt. Du fragst dich, wie du so weit kommen konntest. Ob du das bist, dieses verzweifelte Etwas. Du erkennst dich selbst nicht mehr. Du schluckst. Immer wieder schluckst du den Schmerz, die Wut, die Scham. Das schwächt, macht müde und das Leben schwer.
Du weißt, du musst loslassen. Und weißt nicht wie.
Um die Wucht an negativen Gefühlen, nicht mehr spüren zu müssen, machst du etwas Ähnliches wie der Süchtige: Du manipulierst deine Gefühle, indem du sie unterdrückst, kompensierst oder abstellst. „Frozen feelings“ ist der amerikanische Ausdruck dafür. Deine Gefühle sind zwar noch da, aber du spürst sie nicht mehr. Du spürst dich nicht mehr.
Dieses Leben bedeutet Stress, und zwar Dauerstress. Dein Körper befindet sich in einem permanenten Alarmzustand, von dem es keine Erholung gibt. Viele Angehörige von Süchtigen haben stressbedingte Folgeschäden. Sie werden im Zusammenhang mit der Sucht eines nahestehenden Menschen krank. Spätestens an diesem Punkt, wenn der Körper oder die Seele Alarm schlagen denken Co-abhängige zum ersten Mal ernsthaft darüber nach den Süchtigen zu verlassen.
Und dann kommen Schuldgefühle.
Er/ sie ist doch krank. Ich darf doch einen kranken Menschen nicht verlassen. Er geht kaputt ohne mich. Nein, er geht auch kaputt mit dir, wenn er nichts ändert.
Kranksein bedeutet nicht, dass man es als naturgegeben ertragen muss. Wer krank ist, kann sich entscheiden, etwas dagegen zu tun.
Wenn Co-abhängige sagen: Er/sie ist doch schwer krank und deshalb kann er nichts dafür, geraten sie in eine Falle. 
 
Der Glaube ein suchtkranker kann Mensch könne sein Verhalten nicht mehr steuern oder gar entscheiden, was er tut und man deshalb nichts mehr von ihm erwarten kann, ist ein fataler Irrtum. Süchtige können sehr wohl vieles steuern – dich zum Beispiel, indem sie dich manipulieren!
Sie können steuern wie und wo sie Ihr Suchtmittel herbekommen, wo sie es verstecken und vieles mehr.
Sie können auch steuern, ob sie an ihrer Krankheit dahinsiechen wollen oder ob sie die Verantwortung übernehmen und sich Hilfe suchen um die Sucht zu stoppen.
Diese Hilfe können sich Co-abhängige auch suchen, bevor sie an der Seite eines krankheitsuneinsichtigen Süchtigen zugrunde gehen.
 
 
Wenn Du Hilfe suchst um dich aus der co-abhängigen Verstrickung zu befreien, bin ich für Dich da. Egal wo du bist – das Internet macht es online möglich.
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 2. November 2023

Aus der Praxis: Ich bin einsam, aber warum ist das so?

 

                                                                         Foto: Pixybay

 

Ich bin einsam, aber warum ist das so?

 

Es gibt viele verschiedene, sehr individuelle Gründe warum Menschen einsam sind. Darüber habe ich schon oft geschrieben. Und es gibt auch Einstellungen und Überzeugungen, die das Leiden an Einsamkeit begünstigen.

 Das sind u.a. folgende:

Ich brauche einen Partner, um glücklich sein zu können.

Ich bin ein halber Mensch, wenn ich keinen Partner habe.

Alleine macht nichts wirklich Freude.

Ich brauche jemanden, um mir was Gutes zu kochen, essen zu gehen und den Abend zu genießen.

Ich brauche jemanden um Dinge zu erleben und zu teilen. Für mich allein bringt mir das nichts.

Das Leben ist leer, bedeutungslos und sinnlos ohne Partner, Familie, Freunde.  

 

Du könntest dich fragen:

Ist das alles wirklich wahr?

Des weiteren kannst du aufschreiben, was du selbst an Überzeugungen hast, bezüglich deiner Einsamkeit.

Und diese dann ebenso hinterfragen.

 

Gefühle von Einsamkeit und innere Leere entstehen oft auch dadurch, dass wir nichts haben, was uns von Innen hält.

Du könnest dich fragen:

 

Hast oder findest du nichts, was dir Bedeutung gibt?

Etwas wofür du brennst?

Etwas wofür du jeden Morgen aufstehst?

Etwas was du gerne tust oder gerne hast?

Eine Gabe, die du lebst?

Eine Vision, eine Botschaft, ein Lebensziel, einen Nordstern, der dich leitet?

Etwas wofür du stehst und wofür du eintrittst und dich engagierst?

Etwas was über dich selbst hinausgeht und was du in die Welt geben willst?

 

Was ist es, was deinem Leben Sinn gibt?

Was möchtest du mit deinem Leben anfangen?

Wie willst du es gestalten (auch alleine)?

Was gibt dir Kraft?

Was brauchst du genau um zufrieden zu sein?

Was hast du als Kind gerne gemacht?

 

Wenn du herausfindest was dir wertvoll und wichtig ist und danach handelst, es also tust, verlässt dich das Gefühl von innerer Leere und Einsamkeit nach und nach.

 


Wieso bist du einsam?

Hier geht es darum, Ursachen und Gründe zu identifizieren.

 

  • Liegt es daran, dass du nicht gut alleine sein kannst, du denkst Alleinsein, alleine leben, ist ungut, nicht okay?
  • Macht dir das Alleinsein Angst?
  • Fühlst du dich allein verloren wie ein verlassenes Kind?
  • Bist du schüchtern und kannst nicht auf andere zugehen?
  • Hast du ein mangelndes Selbstbewusstsein und kannst dich darum anderen gegenüber nicht öffnen?
  • Lernst du niemand kennen, weil du selten irgendwo hin gehst?
  • Bist du die meiste Zeit allein zuhause (Home Office z.B.) ?

 

  • Denkst du: Im Grunde interessiert sich sowieso niemand für mich?
  • Hälst du dich für uninteressant, unattraktiv, langweilig, nicht wertvoll, nicht liebenswert?
  • Hast du wenig Freunde und Kontakte, weil du nicht so gut mit Menschen umgehen kannst oder immer nur über dich selber redest, anstatt dich auch für die anderen zu interessieren und zuzuhören?
  •  Hast du niemanden, der an dir und an deinem Leben interessiert ist und dir Zuneigung und Aufmerksamkeit schenkt?
  •  Hast du Niemanden mit dem du über alles reden kannst?
  • Hast du niemanden, der deine Werte, Neigungen und Interessen teilt?

 

  • Was denkst du über „die Menschen“?
  • Erwartest du viel von anderen?
  • Ziehst du dich schnell zurück, oder cuttest du Beziehungen, wenn du merkst, dass die Chemie nicht stimmt?
  • Bist du schnell beleidigt oder enttäuscht, wenn andere dich einmal zurückweisen oder keine Zeit für dich haben?
  • Bist du leicht zu enttäuschen, wenn deine Erwartungen nicht erfüllt werden?
  • Meldest du dich nicht, wenn andere sich nicht melden?
  • Glaubst du der andere muss von selbst erkennen, wie es dir geht und sich um dich kümmern, wenn es dir nicht gut geht?
  • Erwartest du, dass andere deine Bedürfnisse erfüllen, die du dir selbst nicht erfüllen kannst?
  • Bist du bereit dich um andere zu kümmern?
  • Bist du bereit dich zu committen und etwas in deine Beziehungen hineinzugeben, wie Zeit und Interesse, oder bist du eher unzuverlässig und nur da, wenn du Bock hast?
  • Was ist dir wichtiger? Unabhängigkeit, Autonomie, persönliche Freiheit oder Verbundenheit und Bindung?

 

  • Hast du (unbewusst) Angst vor Nähe und fürchtest (wieder) verletzt zu werden?
  • Fällt es dir schwer anderen zu vertrauen?
  • Bist du menschlich zu oft enttäuscht worden?
  • Hast du Angst vor Kritik und Zurückweisung?
  • Neigst du dazu zu glauben: Ich brauche niemanden.
  • Warst du als Kind oft allein?
  • Hast du dich als Kind schon verlassen und einsam gefühlt?

 

Wenn du all diese Fragen beantwortet hast, wirst du erkennen, was die wahren Ursachen dafür sind, dass du einsam bist. Wenn du die Ursachen kennst, kannst du etwas ändern, wenn du es willst.

  

Tipp: Anstatt: "Ich bin einsam“, kannst du sagen: "Ich fühle ich mich einsam.“ 

Diese Feststellung beinhaltet keine Bewertung, ob du den Zustand magst oder nicht, ob du ihn gut oder schlecht findest. Sie sagt auch nichts darüber aus, ob es in Zukunft weiterhin so sein wird. Sie erlaubt dir das Jetzt zu akzeptieren ohne es zu dramatisieren.

 

 

Mittwoch, 1. November 2023

Aus der Praxis: No Way! Wenn Menschen nicht zu helfen ist

 


Niemand ist gerne psychisch angeschlagen oder hat ernsthafte psychische Probleme oder Störungen. Es ist nicht leicht sich einzugestehen, dass die eigene Seele krankt. Dazu gehört eine große Portion Mut, Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und Selbsterkenntnis. Nun ist Selbsterkenntnis kein leichtes Unterfangen, sie ist jedoch die Voraussetzung um sich professionelle Hilfe zu suchen. Vor allem ist die Bereitschaft sich selbst erkennen zu wollen, die unbedingte Voraussetzung dafür, dass Hilfe wirken kann. Oft wird die Annahme von Hilfe als Hilflosigkeit und Kontrollverlust empfunden. Das Eingeständnis sich selbst gegenüber, dass man Hilfe braucht, ist jedoch Stärke und nicht Schwäche. Die Erkenntnis, dass wir nicht alles alleine bewältigen können oder sogar nicht mehr können,bedeutet, dass wir die Realität anerkennen und aufhören uns selbst etwas vorzumachen.
Damit Hilfe wirkt, müssen wir wie gesagt auch innerlich bereit sein sie anzunehmen.
Damit sie wirken kann bedarf es ...
 
1. Leidensdruck
Betroffene müssen ihren Zustand als Belastung empfinden und ihn als Belastung (an)erkennen.
2. Krankheitseinsicht
Dies ist die wichtigste Voraussetzung. Man muss wirklich einsehen, dass man ein Problem hat und Hilfe braucht. Das bedeutet, man muss sich dem Problem bewusst stellen. Fehlt die „Krankheitseinsicht“, sehr oft ist das bei Sucht so, kann Hilfe nichts ausrichten.
3. Eigenmotivation
Dieser Punkt ist ebenfalls mehr als relevant. Oft versuchen Angehörige, ihren Partner oder ein Familienmitglied zu einer Therapie zu bewegen. Die Betroffenen machen es dann halt, damit der Angehörige endlich Ruhe gibt. Es bringt meiner Erfahrung nach absolut nichts, wenn ein Mensch aufgrund von äußerem Druck in die Praxis kommt. Wenn er selbst keine Einsicht verspürt, ist er auch nicht bereit mitzuarbeiten.
 
Eine Therapie oder ein Coaching in Anspruch zu nehmen ist immer eine freiwillige Entscheidung, die allein aus uns selbst kommen muss. Unser Zustand muss uns bewusst sein und wir müssen die Bereitschaft haben zu genesen.
Leider ist es so, dass nicht allen Menschen zu helfen ist. 
 
Woran erkennt man, dass einem Menschen nicht zu helfen ist?
Wenn er die Schuld für alles immer bei anderen oder den Umständen sieht und nicht bereit ist Eigenverantwortung zu übernehmen.
Wenn er andauernd widerspricht, es besser weiß und sich dem Prozess verweigert.
Wenn er nichts an hilfreichen Werkzeugen, die ihm an die Hand gegeben werden - wie Übungen, Skills etc., einübt und kontinuierlich praktiziert.
Wenn er trotz Absprache keine Expositionsübungen macht.
Wenn er ständig klagt und nichts aktiv tut, damit eine Besserung eintritt. Der Klagende will klagen. Er hat keinen Impuls etwas zu tun, um seine Situation konstruktiv zum Besseren zu verändern. Ihm fehlt die innere Bereitschaft und Einsicht. So kann er natürlich keine Eigeninitiative ergreifen und handlungsfähig werden.
Wenn er sein Verhalten und seine Probleme immer wieder bagatellisiert.
Wenn er keine Eigenmotivation zeigt und in der Haltung verharrt: "Das ändert doch alles sowieso nichts."
Wenn er meint, er habe schon so viel getan und ihm kann sowieso keiner (mehr) helfen.
Wenn er glaubt, er weiß besser was mit ihm los ist als jeder andere, sogar besser als der, die TherapeutIN.
Wenn er den Helfer manipuliert und/oder offen oder subtil abwertet.
Wenn er meint, dass sein Leiden das Schlimmste der Welt ist, keiner ihn versteht und es unheilbar ist.
Wenn er meint mit seinem Leiden alles rechtfertigen und entschuldigen zu können, was ihm im Leben nicht gelingt.
Wenn er nicht daran glaubt, dass er selbst etwas ändern könnte.
Wenn er nicht bereit ist sich selbst zu hinterfragen.
Wenn er nicht daran arbeitet, sein destruktives Denken und Handeln oder seine selbstzerstörerischen Gewohnheiten zu verändern.
Wenn er nicht einsieht, warum er sich verändern soll und meint der Rest der Welt müssen sich ihm anpassen.
Wenn er zwar hohen Leidensdruck hat, aber kaum oder keine Krankheitseinsicht und keine Eigenmotivation.
Wenn er immer wieder betont: "Ich bin halt so. Ich kann nichts dagegen tun."
Wenn die Therapie lediglich als Ersatz fungiert für all das, was der Betroffenen im Leben nicht finden kann: stabile Beziehungen, Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Zuwendung.
Wenn er sich selbst nicht zwingend als einen Teil der Lösung sieht, sondern sich als Opfer fühlt. Wenn er also der festen Überzeugung ist, dass die Lösung seines Problems von außen kommen muss oder glaubt, dass jemand anderes sich ändern muss, damit es ihm besser geht. Aus dieser Opferidentifikation heraus kann der Mensch nicht handeln und sich nicht wandeln.
Wenn die unbewusste Überzeugung ist: "Es darf nicht heilen."
Wenn es einen sekündären Krankheitsgewinn gibt, der mehr Benefit hat, als die Genesung haben könnte.
Wenn er oft zu spät kommt oder Sitzungen absagt, vergisst und ausfallen lässt.
 
"Man kann nicht alle Umstände ändern, denen man sich stellt. Aber nichts wird sich je ändern, wenn du dich ihnen nicht stellst."
- James Baldwin