Mittwoch, 17. Februar 2016

Aus der Praxis – Dem kindlichen Missbrauch folgt nicht selten der Selbstmissbrauch


Viele emotional und/oder körperlich missbrauchte Kinder behandeln sich als erwachsene Menschen genauso wie man sie als Kind behandelt hat. Sie missbrauchen und misshandeln sich selbst. Meist sind sie sich dessen nicht einmal bewusst. In einer Art Wiederholungszwang üben sie an sich selbst das aus, was ihnen als Kind angetan wurde. Selbstmissbrauch führt diese Menschen immer wieder in die gleiche Art von  missachtenden, missbrauchenden und co-abhängigen Beziehungen. Dazu neigen besonders Frauen. 

Sie glauben geliebt zu werden, wo man sie benutzt, sie glauben zu lieben, wo sie helfen können, sie bleiben in Beziehungen, obwohl sie ihnen nicht gut tun, sie kümmern sich um andere bis zur totalen seelischen und/oder körperlichen Erschöpfung, sie schlucken Demütigungen, sie verzeihen immer wieder, wo es längst unverzeihlich ist, was man ihnen antut, sie verstehen und verzeihen alles und sie leben damit, selbst weder verstanden noch geachtet, noch für das, was sie sind, geliebt zu werden. Manche dieser Frauen stecken sogar Schläge ein und „lieben“ weiter. 

Sie halten für Liebe, was man ihnen als Kind beigebracht hat. Sie haben verinnerlicht, Liebe muss weh tun oder seelische Schmerzen verursachen. Sie sind der Überzeugung, Liebe muss verdient oder erkämpft werden, sie glauben Liebe fordert ihr Opfer. Aber sie lieben nicht, sie haben lieben nicht gelernt und meist treffen sie auf Partner, die ebenso wenig lieben können wie sie selbst. Was diese Menschen für Liebe halten ist Bedürftigkeit, die Bedürftigkeit des verletzten Kindes, das sich nichts so sehr wünscht als endlich gesehen, gehalten und geliebt zu sein. Diese Bedürftigkeit ist geboren aus dem Mangel des ungeliebten Kindes. 

Das Minderwertigkeitsgefühl und das geringes Selbstwertgefühl dieser Menschen schreien nach Anerkennung. Die Angst wieder vom Partner, wie einst von den Eltern, zurückgewiesen zu werden, ist größer als der Schmerz und die Demütigungen, die sie tagtäglich in ihrer (selbst)missbrauchenden Beziehung erfahren. Sie schlucken alles um nicht wieder das Gefühl der existentiell bedrohlichen Verlassenheit zu erleben, das sie als Kind in Todesangst versetzt hat. 

Diese unbewusste, tief im System verankerte Angst, die Sucht nach Anerkennung und Zuwendung, führen dazu, dass diese Menschen „gebraucht“ werden müssen oder gar vom Wunsch getrieben sind andere zu retten um eine Existenzberechtigung zu spüren: Die Berechtigung auf Leben, die man ihnen als Kind nicht zugestanden hat und die durch Missbrauch zerstört wurde. Missbrauch zerstört die nicht nur die Seele, er zerstört das Gefühl, das Recht auf Leben zu haben. 

All das, was sie sich für sich selbst wünschen, tun diese verletzten Kinder für andere. Selbstmissbrauch führt immer in die Falle der Co-abhängigkeit. Co-abhängige halten Selbstmissbrauch unbewusst für „normal“. Sie haben es nicht anders gelernt. All das, was sie sich nicht selbst geben können, wird anderen gegeben, die sie benutzen und für ihre Bedürfnisse missbrauchen.

Ein Mensch, der sich selbst wertschätzt, lässt sich nicht missbrauchen und er missbraucht sich selbst nicht. Ein Mensch missbraucht sich selbst aufgrund fehlender Selbstachtung und Selbstliebe. Wenn das einmal erkannt wird ist es für die Betroffenen zutiefst erschütternd. Die meisten von ihnen wollen es nicht einmal wahrhaben. Das ist verständlich, denn zu erkennen, dass man sich selbst missbraucht und damit auf lange Sicht zerstört, ist erschütternd. Viele der Betroffenen geben daher ihr selbstmissbrauchendes Verhalten erst dann auf, wenn sie sich nicht nur seelisch, sondern auch körperlich zerstört haben. Wenn überhaupt.




Kommentare:

  1. Ich habe zwar schon vor einiger Zeit erkannt dass ich mich selbst missbrauche und immer weiter zerstöre, kann das Verhalten aber trotzdem nicht ablegen. Es passiert einfach von allein ohne dass ich was dagegen machen kann, bzw. je mehr ich dagegen angehe desto schlimmer wird es. Auch Therapeuten wissen nicht wie sie mir helfen können. Gibt es da überhaupt eine Lösung?

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    1. Wie schon erwähnt, wenn du dich bereits selbst zerstört hast, deine überschrittene Grenze!Ab diesem Punkt erkennst du die Konsequenzen deines Handelns. Der folgende Schritt ist zu Beschließen damit aufzuhören und dich selbst anzunehmen, genau so wie du dir selbst erscheinst,oder machst weiter.... mit erheblichen Konsequenzen( also noch zwei drei jahre, dann ist Ende). Willst du dich und deinen Umstand verändern folgt der nächste " kleine" Schritt. Viel Ruhe, mit dir selbst sein und eine Geschichte nach der anderen verarbeiten. Das dauert und empfehlenswert für diesen Prozess wäre eine Therapeutin, mit der die Chemie stimmt. Harte Arbeit folgt. Später, wenn du deine eigenen Träume und Visionen wieder erkennen, wahrnehmen (Bisschen Freude nur mit Dir!)kannst ist ein großer Schritt in Richtung Heilung getan. Solltest du ein Herz kennen, dass dich bedingungslis liebt kennen, denke immer daran dass du diesem Herz mit deiner Selbstzerstörung sehr sehr weh tust!!! LG

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  2. Ist das wahr?
    Passiert das von alleine?
    Wer beobachtet denn in Dir was da passiert?

    Diesen Beobachter gilt es zu aktivieren und als Regulativ und Schutz gegen das selbstmissbrauchende Verhalten einzusetzen.
    Dazu braucht man einen Therapeuten, der die innere Kind Arbeit machen kann.
    Und es braucht Selbstmitgefühl. Auch das kann man lernen.
    Ein langer Weg, aber meine Erfahrung in der Arbeit mit Menschen sagt: Er lohnt sich!

    Es sei denn es liegt dem Selbstmissbrauch ein schweres Trauma zugrunde. Dann macht eine Traumatherapie Sinn.


    LG Angelika Wende

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