Sonntag, 28. Februar 2016

Die Grenze ist der Anfang



Malerei: AW

Als Kind habe ich versucht aus einem schwachen Vater einen starken Vater zu machen.
Ich habe versucht aus einem Mann, der sich selbst nicht liebt, einen Menschen zu machen, der mich liebt. Später habe ich mein halbes Leben damit verbracht aus schwachen Männern starke Männer zu machen, die mich lieben. Ich habe mein halbes Leben damit verbracht, Menschen, die sich selbst nicht achten und lieben, dazu zu bringen, sich zu achten und zu lieben, um von ihnen geliebt zu werden. Ich habe mein halbes Leben damit verbracht meine Familie glücklich machen zu wollen, um selbst glücklich werden zu dürfen.

Ich bin ein halbes Leben in Bäckereien gegangen um Rosen zu bekommen.
Bis ich begriff: Beim Bäcker gibt es keine Rosen.
Ich bin nicht die Einzige, die das versucht hat.

Viele von uns gehen über Jahrzehnte tagtäglich in Bäckereien um dort Rosen zu bekommen, immer und immer wieder. Sie hören nicht auf, auf ein Wunder zu hoffen, immer und immer wieder.
Sie würden die Hoffnung, die sie für andere haben, die Fähigkeit für andere zu sorgen, die Kraft, die sie haben um andere zu retten und sie aus dem Sumpf zu ziehen, niemals anzweifeln. Aber sie bezweifeln ihre Kraft und ihre Fähigkeit für sich selbst sorgen zu können.

Unsere Erfahrungen in der Kindheit haben dazu geführt, dass wir glauben uns um andere sorgen zu müssen, für andere da sein zu müssen, für andere Probeme lösen zu müssen, andere stark machen zu müssen, andere retten zu müssen um Liebe zu bekommen.

Viele von uns haben ein halbes Leben lang ihre Kraft und ihre Sorge in die Vergeblichkeit investiert um am Ende festzustellen: Wir haben uns selbst die Kraft geraubt, die wir für unsere eigene Lebendigkeit brauchen und die anderen sind genau das geblieben was sie sind und waren.
Aber wir sind nicht mehr der, der wir sind, wir sind ein Schatten unserer Selbst, wir haben uns im Sorgen für andere selbst verloren.
Wir sind an unserer Grenze angelangt.

Diese Grenze ist die Rettung.
Sie ist der Nullpunkt um da zu beginnen, wo wir als Kind aufgehört haben wir selbst zu sein, um für andere zu sein.
Sie ist der Nullpunkt um das verlorene Selbst suchen zu gehen, in uns selbst.
Sie ist der Punkt, an dem wir begreifen: Es ist nicht nur in Ordnung gut für uns selbst zu sorgen, es ist lebenswichtig.


...


Heilung geschieht langsam und still. 
Und es geschieht viel mehr, als wir ahnen. 
Und es geschieht auch dann viel, wenn wir denken, es geschieht wenig. 
Und manchmal geschieht dann alles, gerade dann, wenn wir meinen, es geschähe nichts. 
Denn Heilung geschieht langsam und still und in ihrer Zeit.



Meditationstext von Werner Sprenger
DURCH FREMDEN MUND SATT WERDEN?

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