Mittwoch, 20. August 2014

Gott kommt nur zum Weinen nach Afghanistan




Ich habe das Talent mein Leben kompliziert zu machen, dachte ich, während ich ins Bistro des ICE ging, um mir einen Kaffee zu holen. Ich bestellte einen Espresso und setzte mich auf eine der Bänke vor den Fenstern. Hinter den verklebten Scheiben zog das Draußen in Sekundenschnelle an mir vorbei. Die Unruhe in mir rüttelte an meiner Bodenhaftung, riss mich von einem Augenblick zum Anderen gedanklich irgendwohin. Seit ich denken kann hatte immer das Gefühl nirgendwo anzukommen und wenn ich dann doch an einem Platz angekommen war, suchte ich bereits den Nächsten. Ich war keine verlässliche Größe, weder für mich selbst, noch für andere. Dabei wünschte ich mir etwas zu finden, einen Ort, einen Menschen, etwas, das mir die Sicherheit gab bleiben zu dürfen, ohne mich selbst aufgeben zu müssen. Woher kam dieser plötzliche Wunsch nach Dauer? Wohl weil mir klar wurde, dass wir ohne sie nichts schaffen und nichts verwirklichen können. Dieser illusionäre Wunsch nach Ewigkeit, der wesentliche Impuls, der uns zum Handeln antreibt, hatte in meinem Denken nie Raum gefunden. Und plötzlich sehnte ich mich nach Ruhe, wollte anhalten, ankommen. Ich hatte den Impuls etwas tun zu müssen, um meine Gedanken zu sortieren. Ich nahm mein Heft heraus und den silbernen Füller, dann holte ich mir einen zweiten Espresso und begann zu schreiben. Im Zugbistro war es heiß, die Luft war stickig. Ich schrieb bis meine Hand schmerzte. Dann schraubte ich den Füller zu, schüttelte meine Hand aus und sah mich um. Mein Blick traf den stahlblauen Blick eines jungen Mannes.


Er machte eine nickende Kopfbewegung und grinste mich unverschämt an. Verwirrt sah ich auf mein Heft, dann wieder hoch. Der stahlblaue Blick fixierte mich noch immer aus einer grünen Bundeswehruniform heraus. "Wat schreiben se denn da?", fragte der Junge. Er brüllte es fast. Die anderen Fahrgäste verstummten für Sekunden. Mit einem Ruck stand er auf, griff seine Bierflasche, kam zu mir herüber und setzte sich direkt neben mich. Ich musste ein Stück zur Seite rücken, um ihn nicht zu berühren. In seinen Augen steckten kleine tiefschwarzen Punkte. Er hat gekifft, dachte ich. „Sind se Schriftstellerin oder so was Ähnliches?“, fragte er mich. "So was Ähnliches", nickte ich und  holte, wie um den Beweis antreten zu müssen, mein  Buch über die Angst aus der Tasche, das ich bei mir trug. Er sah sich den Umschlag an. „Angst kenn ich nicht. Aber ich kenne eine Schriftstellerin, hab sie in Afghanistan kennen gelernt, die hat ein Buch geschrieben, das heißt „Gott kommt nur zum Weinen nach Afghanistan“. Habs gelesen, das ist hart, härter als ihres da.“ 

Die Worte schossen staccatoartig aus seinem Mund, knallten wie Gewehrschüsse über seine fleischigen Lippen. Er nahm sich kaum Zeit zwischen den Sätzen Luft zu holen, so als habe er es eilig, als sei jemand hinter ihm her, bereit ihn zu stoppen, bevor er sie alle losgeworden war. „Was haben Sie in Afghanistan gemacht?, fragte ich ihn. "Na, ik war da unten, im Krieg", schoss es mir entgegen. „Aber, du bist doch noch so jung", sagte ich. „Ik bin dreiundzwanzig, wat denkst´n du?“ Es klang so, als sei er vierzig oder noch älter. "Das ist schon in Ordnung so, wir Jungen hatten es leichter, wir haben ja nichts zu verlieren. Die Alten, die mit die Kinder und ne Frau zu Hause hocken, für die war das echt hart, von denen sind viele schon nach einer Woche wieder Heim geflogen. Aber die Anderen, die haben wir mit unserer Naivität und unserer Leichtigkeit angesteckt.“ 

Ich dachte an die Leichtigkeit und wie es überhaupt möglich war im Krieg Leichtigkeit zu empfinden und dass der Junge Schlüsse zog, die ihm das Erlebte erträglicher machten. Ich bewunderte ihn, weil mir das nie gelang. „Ik hab mir das mit dem Bund nicht ausgesucht,“ sagte er, als wolle er sich vor mir rechtfertigen. „Ik hasse den Laden, aber ik hatte die Wahl zwischen Knast und Armee. Willste meine Geschichte hören?“ Er warnte mich: „Ik kenne die Schriftsteller, schreiben alles uff, denen kannste nix anvertrauen. Mach det Heft zu", sagte er, erhob sich, zog den Bund seiner Hose nach oben, rückte sein Glied mit dieser typisch männlichen Geste unter dem Stoff zurecht und ging Richtung Tresen. „Willste och en Bier?“ Ich schüttelte den Kopf. Er kam zurück, setze sich, rückte mit seinen kräftigen Körper dicht an mich heran. „Ik hatte schon mit vierzehn irre viel Kohle, hab gedealt, nur weiche Drogen, aber det lief echt gut. Hab nur Boss und Armani Klamotten getragen. Meiner Alten hab ik jede Woche nen Hunderter in die Hand jedrückt. Die wusste das, hat nur gesagt, dass ich nicht werden soll wie mein Vater, der im Knast wohnt." Er grinste mich breit an. Ich dachte an meinen Sohn und an seinen Vater und dass ich auch nicht wollte, dass mein Sohn wie er wird. Der Junge fuhr mich an: "Hey, hörste noch zu?“. „Ja, sicher, ich höre dir zu,“ beruhigte ich ihn."Irgendwann ham se mich dann erwischt. Kapiert haben die nichts. Die Kids, die gehen abends in die Clubs, vierzehn, fünfzehn sind die. Die Mädchen, die sind so zugeschminkt, dass du nicht siehst wie alt die wirklich sind. Die gehen schicken, nur das interessiert die. „Was machen die? Sie machen sich schick, oder was meinst du?, fragte ich. „Schicken, det bedeutet, die jagen sich das Zeug in den Hals oder in die Nase, egal was, Hauptsache et brummt im Kopp. Die große Blase im Hirn, wo du nichts mehr wahrnimmst wie es ist. Die machen das jedes Wochenende und keiner merkt was oder tut was dagegen.“ Er sah mich mit unbeteiligtem Blick an währende er einen Schluck aus der Flasche nahm.

Mir fiel die Kinnlade herunter, ich muss lächerlich ausgesehen haben. In seinen Worten waren weder Wut, noch Empathie, noch Enttäuschung. Er erzählte, als erzähle er, was er gestern zum Abendessen gegessen hatte. „Warum machen die Kids das?“, fragte ich ihn. „Na, wenn die dann drauf sind, Ecstasy, Speed, oder weiß der Geier was, dann quatschen die stundenlang mit einem völlig Fremden, als sei er ihr bester Freund oder sie liegen sich in den Armen und halten einander fest, die sind dann gut drauf. Die suchen Zuwendung, um die kümmert sich doch keiner. Bei mir war det genauso. Vater im Knast, Mutter den ganzen Tag am malochen und ich hab mir nach der Schule das Essen in die Mikrowelle geschoben, Schlüsselkind halt. Bis ich dreizehn war, dann bin ich nicht mehr Heim Mittags. Hab rumgehangen mit den Anderen, auf die auch keiner gewartet hat und mir die Joints reingezogen und dann wars ruhig im Kopf und warm im Bauch. Und irgendwann hab ich gedealt. Sagt einem ja och keener wat passiert, wenn man druff iss. Die haben keene Ahnung wie det Zeug wirkt, die Psychologen", berlinerte er. Er grinste verächtlich: "Die haben höchstens mal dran gezogen, wat wissen die schon?“ Aber wer soll die Kids dann aufklären?, fragte ich ihn.“ Na, die, die das Zeug konsumieren, die rauchen, die die Trips und die Pillen einwerfen, die wissen was das mit einem macht, nur die wissen das.“ „Du meinst, die  Süchtigen selbst?“ “Logisch, wer sonst, das Gequatsche von diesen Psychoheinis, die Aufklärungsplakate, keine Macht den Drogen und so, alles fürn Arsch. Und kriminell is et och noch. Det is besonders cool, is illegal, det gibt den Kick, den Reiz, verstehste?“ 

Ich nickte sprachlos. „Und wer nicht mitmacht ist draußen. Wer will das schon sein? Außenseiter sind einsam, da hat doch keener Bock druff. Die Welt ist kalt genug. Was haben die denn für ne Perspektive?“ Er starrte auf seine Bierflasche. „Ik habs geschafft damals. Entzug, sechs Wochen schwitzen wie ein Schwein und die Träume nachts. Du wirfst dich von einer Seite auf die Andere, dein Kopp fängt an zu arbeiten. Die Blase löst sich auf und du siehst zum ersten Mal wieder was da draußen los ist und die Welt sieht dich mit eiskalten Augen an. Scheiss Gefühl, sag ich dir, wenn du siehst, dass du nichts mehr auf die Reihe kriegst. Du ik hab da drüben im Osten Leute gesehn, die saßen schon dreißig Jahre auf der selben Couch und keine Aussicht auf einen neuen Fernseher wenn der alte den Geist aufgibt. Keine Kohle, allet versoffen oder verkifft, nichts außer dem wat se am Arsch haben. Ich will mit meiner Frau essen gehen können, oder ins Kino und ne ordentliche Bude haben. Mehr will ich nicht, das ist doch was, oder nich?“ 

"Ja", antwortete ich, "das ist was." Ich fragte mich, was das für eine Mutter war, die dem Sohn predigte nicht kriminell zu werden wie sein Vater und das Geld nahm, das er auf illegale Weise beschafft hatte. Hatte der Junge jemals eine Wahl gehabt? Lag die Ursache allen Übels in der Keimzelle Familie, wer war schuld, der Vater, die Mutter oder die Gesellschaft? Was war ich für eine Mutter, war ich besser als sie? Ich war verwirrt, fühlte mich angegriffen, ertappt. Würde mein Sohn eines Tages einer Frau in einem Zug eine ähnliche Geschichte erzählen? „Da guckste, hättste nicht gedacht von mir, so wie ik da sitze mit der feschen Uniform von der Deutschen Bundeswehr. Ich scheiss aufs Vaterland. Geht sowieso alles den Bach runter, da ist es doch völlig egal was du machst. Aber ich hab Freunde, das zählt. Mit denen treff ich mich heute Abend im Görlitzer Park, da gehts dann ab, saufen, bis du alles vergißt. „Ich kenne den Park, ich war da schon mal, aber der ist ziemlich dreckig, antwortete ich. „Dreckig? Weißt du was dreckig iss? Dreckig sind Leute die dich anlügen, det is dreckig.“ Er sah mich an, eindringlich, ernst. „Und du, wat machst du auf dem Wrangelkietz? Du bist doch ne feine Dame, oder seh ik det falsch?“ „Ich bin verliebt.“ Er lachte laut: "Nicht zu fassen, die Liebe, die ist auch nur eine Lüge.“ „Ich will wissen ob es so ist, deshalb gehe ich auf den Wrangelkietz, mein Freund lebt dort. Er schlug sich auf die Schenkel und lachte jovial: „Genau so sind se die Schriftsteller, wollen allet wissen. Na denn, allet Gute bei de Recherche.“ Er nahm seine Bierflasche vom Tisch und verließ, ohne sich noch einmal umzudrehen, das Zugbistro. Ich dachte über den Krieg nach, über den Jungen und über die Liebe. Vielleicht war sie doch nur eine Illusion, wie alles, was wir an einem anderen festmachen. Als ich am Ostbahnhof ausstieg und mir auf dem Bahnsteig eine Zigarette anzündete, spürte ich wie meine Finger zitterten.

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