Mittwoch, 7. Januar 2026

Leid zu vergleichen und zu bewerten, bedeutet: Die Herabwürdigung individueller menschlicher Erfahrungen

 



Mich wundert nichts mehr, was aber nicht heißt, dass ich nicht meinen Mund aufmache, um zu benennen, was mich zwar nicht mehr wundert, aber dennoch erschreckt.
Gestern schreibe ich, dass mir die Menschen, die seit Tagen nach einem Anschlag auf das Stromnetz in Berlin, frieren, leidtun. Dass es mich beschäftigt, wie es ihnen geht in der Kälte über Tage, ohne Strom. Dass ich mich in sie hineinversetzen kann.
Prompt kommt ein Mitmensch daher und kommentiert: „Die Menschen in der Ukraine tun mir mehr leid.“
Wundert mich nicht, wie gesagt, aber, auch wie gesagt, ich finde es erschreckend.
 
Leid lässt sich nicht vergleichen. Leid ist eine zutiefst persönliche und subjektive Erfahrung.  
Der Versuch, verschiedene Arten von Leid zu vergleichen oder zu bewerten, ist mehr als problematisch. Jeder Mensch erlebt Leid auf seine eigene Weise. Was für den einen als unüberwindbares Trauma oder als unaushaltbarer Schmerz empfunden wird, kann für einen anderen weniger gravierend sein. Das subjektive Erleben und Empfinden von Leid ist stark von persönlichen Erfahrungen, Erlebnissen, Hintergründen und emotionalen Zuständen abhängig. Leid, ob körperlich oder seelisch, ob individuell oder kollektiv, ist mit tiefen emotionalen Reaktionen verbunden. Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch empfindet anders und jeder Mensch reagiert anders auf das, was ihm widerfährt. Auch jede Kultur und jede Religion hat ihre eigene Sicht auf das Leid. Der Umgang mit Leid ist stark von kulturellen, religiösen und sozialen Faktoren geprägt. 
 
Indem ich ein Leid herabsetze, indem ich es mit einem anderen vergleiche, stelle ich es als irrelevant, weniger schlimm, weniger wichtig dar. Leid zu vergleichen, es zu bewerten oder es klein zu reden, bedeutet: Die Herabwürdigung individueller menschlicher Erfahrungen. 
Indem wir Leid vergleichen, schmälern wir die Empathie und das Mitgefühl, das jeder Mensch der leidet, verdient hat. Ebenso wie unsere Hilfe, wenn wir denn helfen können. Vergleichen sagt: Ein Leid ist weniger wertvoll oder weniger schmerzhaft als das andere, was zu einer Entwertung der Existenz und der Gefühle des betroffenen Menschen führt.
Das Vergleichen von Leid verstärkt nicht zuletzt auch die Ungleichheit in der Gesellschaft. Menschen, die in verschiedenen Situationen leiden, z.B. aufgrund von Krieg, Gewalt, Armut, Diskriminierung, Behinderung, seelischer und körperlicher Krankheit, können in ihren Erfahrungen nicht miteinander verglichen werden. Solche Vergleiche tun nichts anderes als die Strukturen und die Ursachen des Leids ignorieren. 
 
Leid zu vergleichen und zu bewerten ist anmaßend.
In meiner Welt ist es das.
Wer bitte maßt sich an zu entscheiden, welches Leid „akzeptabel“ oder „inakzeptabel, „klein“ oder „groß“, „schlimm" oder "weniger schlimm“, ist?
Das kann sich jeder mal selbst fragen.
Derartige Urteile und Normen führen nur dazu, dass diese Welt noch gespaltener, die Menschen noch selbstgerechter und die Herzen noch kälter werden. So arschkalt wie die Wohnungen vieler Menschen in Berlin jetzt.

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