Montag, 10. August 2015

Aus der Praxis – Gewalt in Beziehungen und Wege aus der Opferrolle


Malerei AW

Die Arbeit mit Opfern von seelischer und körperlicher Gewalt in Beziehungen ist eine enorme eine Herausforderung für Helfer und Opfer. Sie kann nur gelingen, wenn man berücksichtigt, dass das Opfer unter dem fast tranceartigen Einfluss des Aggressors steht und dieser tief in die Psyche eingedrungene Einfluss, auch wenn die Konstellation beendet ist, über einen langen Zeitraum bestehen und damit nachhaltig wirksam bleiben kann.

Alles was der Täter dem Opfer angetan hat, ob seelische oder körperliche Gewalt, wird vom Opfer verinnerlicht und wie alles tief Verinnerlichte widersetzt es sich zunächst der Befreiung. Das Opfer braucht viel Zeit um seine Wahrnehmung zu verändern, es braucht Zeit, bis ihm das, was es für normal hielt, unerträglich wird und als nicht normal fassbar wird. Damit ein Mensch sich aus einer Opfer-Täter Konstellation befreien kann, muss er verstehen, wie er überhaupt in die Falle der Gewaltspirale in der Beziehung treten konnte.

Der beste Selbstschutz ist das Begreifen
Opfer von seelischer oder körperlicher Gewalt haben ihre Grenzen meist schon sehr früh verloren oder konnten sie niemals ausbilden. Sie können einfach nicht erkennen, dass das, was ihnen wiederfährt Böses ist. Es ist ein langer Weg, um zu verinnerlichen, dass jede Form der Gewalt gegen die eigene Person, nicht normal ist. Opfer von Missbrauch und Gewalt brauchen einen geschützten Raum, sie brauchen wohlwollende Hilfe und empathisches Zuhören, um ihre Erfahrungen und Gefühle in Worte zu fassen. Das Leid muss Ausdruck finden. Das Opfer muss vor einem Zeugen zu sprechen beginnen, es muss die Gewalterfahrung erkennen und sie benennen, damit sie kritisch mit psychologischer Hilfe beleuchtet und verarbeitet werden kann.

Der Verantwortung entbinden
Das Opfer muss sich bewusst werden, dass seine Schuldgefühle oder der Glaube selbst der Verursacher des erfahrenen Leids zu sein, keinen Sinn machen und nicht hilfreich sind. Es konnte nicht anders reagieren(sonst hätte es das getan), weil es fremdbestimmt war, man muss ihm begreiflich machen, dass die Ohnmacht und die Hilflosigkeit, in der es sich befindet, nicht verdient oder gar pathologisch ist, sondern das Resultat vieler verschiedener Faktoren, wozu besonders die eigene Biografie gehört.

Der Blick in die Vergangenheit
Wenn dem Opfer der Missbrauch bewusst ist und es begonnen hat dem Täter Grenzen zu setzen oder sich von ihm zu trennen, ist es von großer Bedeutung die kindliche Vergangenheit anzuschauen um den Riss in der Seele zu finden, durch den der Täter eindringen konnte. Erst dann wird es möglich aufzudecken, was die Opferrolle bei allem Leid an unbewusster Faszination in sich trägt. 

Man muss vorsichtig sein, zu behaupten, das Opfer schaffe sich den Täter selbst. Opfer und Täter brauchen und bedingen sich gegenseitig: Ein Opfer kann nicht ohne einen Aggressor existieren und ein Aggressor nicht ohne ein Opfer. Ein potentiell gewalttätiger Mensch findet beim Anderen schnell die wunde Stelle, an der er ansetzen kann, um ihn zu erniedrigen, zu demütigen, zu missbrauchen oder sogar körperlich zu verletzen. Dass ihm das gelingt ist nicht allein in der psychischen Struktur des Opfers begründet, sondern in der Struktur des Täters und in der Struktur der Beziehung, die sich in Gewaltbeziehungen schrittweise entwickelt.

Das Profil des Täters analysieren
Daher ist ein Teil der Verarbeitung die Auseinandersetzung mit dem Täter und seiner psychischen Struktur. Geschieht das nicht, besteht die Gefahr, dass sich ein ehemaliges Opfer wieder genau solchen Personen zuwendet, die es gewalttätig behandeln. Zudem wirkt so die Erkenntnis, dass nicht sein Verhalten oder sein Sosein die Ursache der Gewalt ist, sondern der „kranke“ Charakter des Täters, der instinktiv die Schwächen des Opfers erkennt, es manipuliert und dann misshandelt und missbraucht.
  
Den Selbstwert stärken
Nach der Beendigung der Opfer-Täter Konstellation fallen Opfer oft in einen Zustand von Angst und/oder Depression, weil sie begreifen, was man ihnen angetan hat und was sie sich haben antun lassen. Sie fühlen eine innere Leere oder sind ständig in innerer Unruhe und Panikgefühlen gefangen und sehen keine Perspektive für ein normales Leben. Sie leiden unter Schuldgefühlen, glauben sogar nicht selten, es verdient zu haben, dass man sie schlecht behandelt und werten sich damit selbst ab. Um diesem Zustand zu entkommen ist es lebensnotwendig, die destruktiven inneren Blockaden aufzulösen und den Selbstwert der Betroffenen zu stärken, mit dem Ziel, dass der betroffene Mensch sich der verschütteten Ressourcen und Fähigkeiten, die er besitzt, bewusst wird und sie zu nutzen lernt. 

Dieser Prozess gleicht dem Schürfen nach Gold in einem dunklen Erdloch. Viele Opfer von Gewalt sehen nicht mehr, dass sie auch neben der Opferrolle im Leben noch etwas geleistet haben, sie haben ihren Job weiter gemacht, sich um die Kinder gekümmert etc. Sie sind nicht nur Opfer, sie haben durchaus andere Teile der Persönlichkeit, die fähig sind selbstständig und klar zu denken und zu handeln. Das zu erkennen ist für viele Opfer neu und hilfreich. Auch Menschen, die in der Kindheit missbraucht und misshandelt wurden, haben das Schreckliche „überlebt“, sie verfügen also über Ressourcen. Dennoch hinterlassen diese kindlichen Traumata lebenslange Narben in der Seele, die aber weniger schmerzen, wenn es gelingt die eigene Biografie zu akzeptieren.

Abgrenzung
Abgrenzung heißt, zu lernen in einer Situation NEIN zu sagen, die unangenehm ist und die man nicht zulassen will. Abgrenzung heißt, sich vor fremden Einflüssen zu schützen.
Der Andere spürt, dass hier klare Grenzen gesetzt werden, auch wenn er versuchen wird diese zu durchbrechen. Aber entscheidend ist, wer NEIN sagt, wer – ICH MACHE DAS NICHT MEHR MIT, ICH STEHE DAFÜR NICHT MEHR ZUR VERFÜGUNG – sagt, kommt, je öfter er das tut, langsam wieder in die Macht über sich selbst. Er lernt wieder für sich selbst zu entscheiden und die Verantwortung für seine Bedürfnisse zu übernehmen.

Es ist ein sehr langer und schmerzhafter Weg aus der Opferrolle auszusteigen, denn man darf dabei nicht unterschätzen, dass Beziehungen in denen Missbrauch und Gewalt herrschen, dependende Beziehungen sind. Es ist wie mit einer Sucht, die, so schrecklich ihre Auswirkungen sind, dennoch Entzugserscheinungen mit sich bringt.

Jede Form der Gewalterfahrung in der Beziehung ist eine traumatische Erfahrung und ihre Bewältigung ist ein hochkomplexes Unterfangen. Oft bleiben auch nach der Bewältigungsarbeit Gefühle von Angst und Ohnmacht Teil des Alltags. Sie zu überwinden gelingt nicht immer, aber mit diesen Gefühlen leben zu lernen, kann gelingen.




Weiterführende Literatur: Abschied von der Opferrolle, Verena Kast

Sonntag, 9. August 2015

Gedankensplitter




Das Universum kennt keine Leere.
Die Leere gibt es gefühlt nur im Menschen.
Das ist das Problem des Menschen, dass er fühlt, was nicht ist.
Wer aber fühlt, dass es so nicht ist, dass es keine Leere gibt, ist angedockt an die Fülle des Universums – das ist das All-Eins.

Samstag, 8. August 2015

Aus der Praxis – Von destruktiven Gedanken zu hilfreichen Gedanken




Immer wenn du wütend, enttäuscht, ängstlich, verletzt oder gelähmt bist, könntest du dich fragen:

Entspricht mein Gedanke bezüglich der Situation den Tatsachen?
Stimmt das wirklich oder sehe ich das nur so?
Gibt es Beweise, dass das, was ich denke, wahr ist?
Stimmen meine Gefühle mit der Wirklichkeit überein?
Habe ich diese Gefühle auch, wenn ich diesen Gedanken nicht denken würde?

Ist der Gedanke hilfreich, um mich so zu fühlen, wie ich mich fühlen möchte?
Ist der Gedanke hilfreich um mein Problem zu lösen?

Wenn du mit Nein antwortest, kannst du den den Gedanken loslassen mit der Erkenntnis:
Dieser Gedanke ist nicht hilfreich! 
Dann ersetze ihn durch einen hilfreichen Gedanken, z.B:
Wie könnte ich über die Sache denken um mich besser zu fühlen?
Welcher Gedanke ist hilfreich um mein Problem zu lösen?

Wie bei allem gilt: Übung schafft Wirkung :-)

Liebe?




verstehen gewichen
versprechen gebrochen
vertrauen verloren
achten missachtet
hoffen zerstört
und zuversicht aussichtslos
und alles gemeinsame einsam 
und alles an ... liebe? wut

Freitag, 7. August 2015

Gedankensplitter

zwei können sich so weit auseinander entwickeln, 
dass sie einander in der sprache nicht mehr verstehen. 
das ist moment in der zeit,
in dem sich ihre wege trennen.

Emotionslos



Es gibt Menschen, die mit Konflikten und Emotionen umgehen lernten, indem sie sie unfühlbar machen mussten. Sie hatten keine Möglichkeit, Gefühle überhaupt kennen zu lernen und den Umgang mit ihnen zu üben. Die innere Leere, die diese Menschen empfinden, ist die Folge der Leere ihrer frühen kindlichen Umgebung, in der es keine oder nur sehr wenig emotionale Kommunikation gab. 

Noch im späteren Leben bleiben ihre Gefühle diffus, sie sind sich selbst nicht „spürbar“ nahe und können es damit auch anderen nicht sein. Weil sie ihre Gefühle nicht wirklich spüren können, sondern sie sogar als störende innere Spannung empfinden, von der sich distanzieren müssen, haben sie keinen Zugang zu starken Affekten und deren Ausdruck. Die Gefühlswelt dieser Menschen ist nicht nachgereift, die kindliche Abspaltung beherrscht das Leben, das nur mit einem Teil des Ichs in der Gegenwart lebt. Der größere Teil der Person steckt in der emotionslosen Leere der Kindheit fest. 

Aus der Praxis – Vom retten Wollen




Wenn wir als Kind versucht haben, die Schwäche des Vaters auszugleichen - ihn zu „retten“ versucht haben - geraten wir als Erwachsene in der Regel an Menschen, die wir zu retten versuchen. So geraten besonders Frauen, die einen schwachen Vater erlebt haben, oft an Partner, die an einer Depression, an einer Sucht oder einem schwachen Selbstwertgefühl leiden. Sie versuchen alles Mögliche, um den Partner, wie damals den Vater, zu retten. Es wird ebenso misslingen wie der kindliche Rettungsversuch der Vergangenheit, denn keiner kann den anderen vor sich selbst retten. Dieser Rettungsversuch ist eine „Wahnvorstellung“ des Inneren Kindes, das glaubt, die eigene Ohnmacht zu überwinden, wenn es den Vater stärken kann, denn was es von ihm brauchte war Halt.

In der Psychologie nennen wir das eine 'Eltern-Lektion' zu wiederholen, in der unbewussten Hoffnung es dieses Mal zu schaffen und der gefühlten Ohnmacht, dem Mitleid und der Enttäuschung über den schwachen Vater endlich zu entkommen. Wer sich für einen anderen vergeblich aufopfert, zahlt oft einen hohen Preis und endet in Gefühlen der Bitterkeit, der Enttäuschung, der inneren Einsamkeit und einer ohnmächtigen Wut. Seelische und körperliche Krankheiten sind nicht selten die Folge.

Erst wenn einer Retter-Persönlichkeit bewusst wird, dass sie innerlich, wie in einer Art Trance, in der erlebten und nicht gelösten Vergangenheit denkt, fühlt und handelt, kann sie erkennen, dass alle Rettungsversuche nur dazu dienen, die Schwäche des Partners aufrechtzuerhalten, und sie zudem zur Schwächung der eigenen Lebenskraft führen. 

Wer sich dessen bewusst wird, dass und warum er sich in der Retterrolle so vertraut und „zuhause“ fühlt, macht den ersten Schritt, sich aus der ungesunden Verstrickung zu lösen und sich zu befreien. 

Die Befreiung beginnt wenn wir das Fenster zur Vergangenheit öffnen und uns unsere innere Beziehung zum Vater der Kindheit anschauen und dann die emotionalen Verstrickungen der Kindheit lösen – aus Liebe zu uns selbst und dem Menschen, den wir retten wollen.