Freitag, 12. Juni 2015

AUS DER PRAXIS – Wie wir destruktive Glaubenssätze über uns selbst entmachten





Wir alle kennen sie, diese destruktiven Selbstgespräche, in denen wir uns selbst sagen, wie blöd wir sind, wie dumm, wie egoistisch, wie unfähig, wie unbelehrbar usw. In unseren Köpfen hausen Gedanken über uns selbst die nur einen Sinn haben – uns klein zu machen.

"Du bist nicht liebenswert", "du bist nicht gut genug", "du bist wertlos", "du wirst niemals glücklich sein", "du bist ein Versager" ...

Das ist die Stelle wo ihr das hinzufügen könnt, was Ihr so den lieben langen Tag immer wieder zu Euch selbst sagt. 

All diese destruktiven Sätze sind „Du Botschaften“, die aus unserem eigenen Inneren kommen, die unser Denken über uns selbst beherrschen und damit unsere Wirklichkeit beeinflussen. Sie schreiben den Text für das Drehbuch unseres Lebens und wir spulen über Jahrzehnte den gleichen Film ab, einen Film, in dem wir Regisseur und Darsteller in Personalunion sind. Eine Komödie ist das selten, eher eine Tragikkomödie, wenn nicht gar ein Drama, bei dem die Katharsis jeoch meist ausbleibt. Die Katharsis - nach Aristoteles die seelische Reinigung als Wirkung der antiken Tragödie, genau darum geht es im Grunde, wenn wir beginnen zu überdenken, was wir über uns denken.


Gedanken über uns selbst sind Überzeugungen über uns selbst, die uns irgendwann einmal beigebracht wurden zu einer Zeit als wir nicht fähig waren sie zu hinterfragen und sie geglaubt haben. Diese Überzeugungen verfestigen sich zu Glaubenssätzen und diesen Sätzen glauben wir meist ein Leben lang, jedenfalls solange bis wir uns fragen: Ist das wirklich wahr? 

Die Tatsache, dass Gedanken unser Leben beeinflussen, ist nicht neu. Schon in der Bibel steht: „Dir geschieht nach deinem Glauben“. Der Satz: „Wir sind das Ergebnis unserer Gedanken“, ist von Marc Aurel
 und die Erkenntnis: „Alles, was wir sind, ist das Ergebnis dessen,
was wir gedacht haben“, ist von Buddha. Obwohl zwischen diesen Worten über 2000 Jahre liegen, haben sie nichts von ihrer Wahrheit eingebüßt. Die Qualität und die Beschaffenheit dessen, was wir denken, führt uns in die gedachte Lebenslage. Genau hier liegt der Ansatzpunkt für die große Chance, uns selbst von der Macht unserer destruktiven Gedanken über uns selbst zu befreien.


Wie aber kommen wir den Glaubenssätzen, die wir über uns selbst haben auf die Spur?  
Viele von uns sind sich gar nicht bewusst, was da in ihrem Kopf herumspukt, denn diese Gedanken sind so verinnerlicht, so vertraut, das wir sie gar nicht mehr als das wahrnehmen was sie sind: Gift für unsere Existenz, Blockaden für unsere Entwicklung und Verursacher unseres Leidens.
Wenn ich sitze um zu meditieren, kommt bei mir zum Beispiel jedes Mal der Gedanke hoch: „Das schaffst du sowieso nicht, du bist viel zu hippelig, du kannst nicht still sitzen!“

Wer sagt denn das? Meine Mutter sagt das, sprich - sie hat das zu mir gesagt, als ich klein war und die Große glaubt das noch immer und macht sich das meditieren schwer oder lässt es sogar bleiben, obwohl sie es möchte. Nein, dieser Gedanke ist nicht hilfreich! Und es ist nicht meiner. Es ist ein Glaubenssatz aus meiner Kindheit, dem ich noch heute glaube und der noch heute mein Handeln, in diesem Falle mein Nichthandeln, bestimmt. Ich bin ihm aber endlich auf die Spur gekommen.

Den Glaubenssätzen, die wir über uns selbst haben kommen wir auf die Spur, wenn wir ganz bewusst unseren Selbstgesprächen und unseren inneren Monologen lauschen, wenn wir aufmerksam auf das hören, womit wir uns selbst beschimpfen, beleidigen oder runtermachen bis wir ziemlich klein gedacht sind.

Wir hören sie dann, wenn wir uns sagen, was wir zu tun und zu lassen haben und damit verhindern was wir eigentlich so gerne tun oder erleben möchten.

Glauben wir diesen Glaubenssätzen versuchen wir automatisch sie zu bestätigen und, so paradox das klingt – wir nehmen nur das wahr, was sie bestätigt. In meinem Beispiel: Ich denke ich bin zu hippelig, also nehme ich nur noch wahr wie hippelig ich da sitze, wenn ich sitze, und werde noch hippeliger. Ich denke: Siehste, stimmt, du bist zu hippelig! Das Ende vom Lied – ich breche meine Meditationsversuche regelmäßig frustriert ab. Dadurch halte ich meinen Glaubenssatz nicht nur aufrecht, ich verstärke ihn sogar durch mein Handeln, nämlich durch den Abbruch meiner Handlung. Nicht hilfreich. So wird das nix.
Um dieser sich selbst bestätigenden Falle zu entkommen müssen wir lernen Erlebnisse, Erfahrungen und Gegenbeweise zu suchen oder zu schaffen (was noch schwerer ist als das Suchen, denn das fordert unsere Aktivität), die unsere destruktiven Glaubenssätze NICHT bestätigen.

Ich könnte ich mir sagen: Schau, du kannst ruhig sitzen, gerade tust du es doch, du sitzt hier auf dem Stuhl und schreibst. Das kannst du auch ohne zu schreiben – ruhig sitzen. Und es dann machen und schauen was mit dem neuen Gedanken: „Ich kann ruhig sitzen“ passiert.

Wir durchbrechen unsere Glaubenssätze dann, wenn wir lernen unsere Gedanken und Überzeugungen über uns selbst zu beobachten, anstatt durch ihren Filter die Welt zu betrachten. 
Wir müssen Distanz schaffen zwischen dem, was uns denkt und uns selbst und zwar solange, bis es uns gelingt uns von dem, was wir denken zu disidentifizieren. Solange das schädliche Gequatsche in unserem Kopf unbeobachtet vor sich hin plappert, nicht beobachtet und nicht hinterfragt wird, beherrscht es uns, unsere Beziehungen und unser Leben.

Viele von uns wissen das. Und trotzdem funktioniert es nicht.

Warum nicht?

Weil dies eine Übung ist, die Achtsamkeit, Regelmäßigkeit, Geduld und Zeit von uns verlangt, im Grunde ähnlich wie beim Erlernen der Meditation. Von nichts kommt nämlich nichts, auch so ein Glaubenssatz, einer der der Überprüfung auf seine Wahrheit (für mich), aber standhält. 

Wie soll etwas funktionieren, wenn wir es nicht üben, wenn wir nicht die Mühe aufwenden etwas immer wieder zu tun, weil wir erst einmal lernen müssen?  
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wir lernen durch Wiederholungen. Im Guten wie im Unguten. Was wir wiederholen verfestigt sich, so wie sich die alten Glaubensätze durch ihre ewige Wiederholung in Jahrzehnten verfestigt haben, braucht es Zeit sie zu erkennen, sie zu hinterfragen und sie zu entmachten, indem wir sie und durch neue hilfreichere ersetzen.

Jedes Mal, wenn ein destruktiver Gedanke auftaucht macht es Sinn einen Augenblick innezuhalten und uns zu fragen: Wie alt ist dieser Gedanke? Ist dieser Gedanke wirklich wahr und das Entscheidende: Ist dieser Gedanke hilfreich?

Diese Übung ist nicht so einfach wie es sich anhört und es braucht in der Tat Zeit und Geduld bis wir sie beherrschen. Wer es versucht hat weiß das. Aber es ist sinnvoll zu trainieren, denn am Ende stellt sich bei den meisten Glaubenssätzen heraus, dass wir nicht der oder das sind, was wir zu sein denken.

Ein höchst befreiendes Gefühl und ein Weg von der inneren Fremdbestimmung in die Selbstbestimmung.

So, ich gehe jetzt meditieren üben ...






















Mittwoch, 10. Juni 2015

Gedankensplitter



mixed media, aw


Die Selbstaufrichtung des Subjekts ist ein Widerstand gegen die Herrschaft der allgemeingültigen Realitätsdefinitionen. Es wehrt sich gegen die Dingwerdung oder Verdinglichung seines Seins durch die Bewegungen, die Sinn- und Wertstiftungen der Geschichte, mit dem Ziel sich von dieser Geschichte lösen ohne den allgemeinen Geschichtsraum, dem es angehört, verlassen zu können, aber um der eigenen inneren Wahrheit Ausdruck zu verleihen, ihr zu folgen und sich als Mensch zu individuieren. Was Foucault Subjektivierung nennt zielt auf dieses Werden, das sich Selbstwerden, das Subjektwerden, die Autokonstitution des Individuellen – die Authentizität der Persona.

Dienstag, 9. Juni 2015

Mut








Es genügt nicht, sich von der Vergangenheit zu lösen, es ist auch nötig die Veränderung willkommen zu heißen. Nicht indem wir verhindern, verändern sich die Dinge, sondern indem wir Neues ausprobieren und etwas wagen. Nur so öffnen wir die Tür für Wachstum.

Die Angst, etwas zu verändern führt zu Schonhaltung und zu Kompensation. Menschen kompensieren um sich für das zu entschädigen, was man ihnen verwehrt (hat) oder was sie nicht bekommen. Dadurch vermeiden sie Situationen, in denen sie mit dem konfrontiert werden, wovor sie Angst haben. Sie verstecken ihre Angst vor sich selbst und anderen. Das ist eine anstrengende Arbeit, denn die Vermeidung und Unterdrückung der Angst führt dazu, dass die Angst umso stärker wird. Die Folge: Die Komfortzone wird immer kleiner.
Was hilft gegen die Angst?
Mut!
Mut ist nicht wie viele glauben, die Abwesenheit von Angst. Mut ist die Fähigkeit zu denken, zu fühlen was ist und zu handeln, trotz der Angst. Mut bedeutet zu handeln und zwar gerade dann, wenn man Angst hat. Die Angst erst ermöglicht den Mut.
Feigheit dagegen ist der Kampf gegen die Angst.

Sonntag, 7. Juni 2015

Stumm



Zeichnung O.T. AW

Es sind die Stummen, die die schweigen und andere für sich sprechen lassen.
Es sind die Stummen, die aus Feigheit ihre Stimme zu erheben, anderen ihre Stimme geben.
Es sind die Stummen, die niemals sagen, was es ihnen missfällt, bis andere ihr Missfallen für sie ausdrücken. 
Es sind die Stummen, die sich verstecken hinter scheinbarer Gelassenheit, aus Angst zu sagen, was sie sagen wollen.
Es sind die Stummen, denen der Mut fehlt für sich selbst zu stehen und andere für sich stehen lassen.
Es sind die Stummen, die ersticken am Ungesagten
dann,
wenn
da
niemand
mehr ist,
der
für
sie
spricht.

Eine mörderische Wut


Zeichnung: AW

Da war diese Wut, diese mörderische Wut, die keinen Grund fand.
Eine Wut, die sich gegen sie selbst richtete, eine Wut, die zerriss, innen.
Diese Wut, die zwischen ihr und ihr und dem Leben stand.

Wann war es, dass sie zusammengefallen war in ein Nichts, das niemand sah und niemand hörte, das zertrampelt wurde, bis es nicht mehr schmerzen durfte und Taubheit sich breit machte, da wo Schmerz nicht sein sollte.

Sie erinnerte sich.
Und sah die Wut, die alte, die sie niemals ausprechen, niemals rauschreien, niemals hatte rauschlagen dürfen.

Sie sah sich als Kind, zusammenbrechend in ein Nichts.
Sie sah das Böse und zum ersten mal sah sie - es war das ihre.
Geboren aus dem Bösen, das man ihr zuschrieb.

Sie spürte den Moment in dem es sie zerrrissen und in zwei Teile gespalten hatte.
Sie erinnerte sich an die Geburt des Bösen als Schutz nach Außen und Beschützer des Inneren.
Sie fühlte die Hilflosigkeit, die nur das Böse vertreiben konnte.
Sie erkannte das verlassene, gedemütigte Kind, das sich wehrte mit Hass und Ablehnung.
Sie spürte die Anhäufung der Wut, die niemals ausgedrückt werden durfte.
Sie begriff das erlittene Unrecht und den Schrei nach Wiedergutmachung, der in ihr steckte.
Sie fühlte sich zerbrechen an der Vergeblichkeit ihres stummen Schreis.

Diese Wut, diese ohnmächtige Wut, die sie in all den Jahren hinter tiefer Trauer sicher versteckt zu haben glaubte, sie war da, immer da gewesen, noch da ...

Bis einer kam, der ihr die Erlaubnis gab, sie endlich zu benennen.

Samstag, 6. Juni 2015

Willst du gut sein oder ganz?




Es ist unvorstellbar wie wir unbewusst einen großen Teil unserer Aufmerksamkeit und damit unserer Energie verbrauchen, um unsere ungewollten inneren Anteile vor uns selbst und anderen Menschen zu verbergen. Dabei vergessen wir: Die Energie folgt immer der Aufmerksamkeit. Wenn wir also viel Energie aufwenden um bestimmte Anteile unser Persönlichkeit zu leugnen und zu unterdrücken, kommt es unweigerlich dazu, dass wir im Außen Situationen, Erlebnisse oder Menschen anziehen, die uns exakt diese unterdrückten oder verleugneten Eigenschaften wie in einem Spiegel vorführen. Der Partner, unsere Kinder, Freunde, Kollegen, Nachbarn oder die böse Welt da draußen, führen uns vor, was wir nicht sehen wollen – und zwar in uns. Es ärgert uns wenn der Andere faul, unordentlich, gierig, neidisch ist, aggressiv, dumm, unbelehrbar ist usw. Es regt uns auf und wir verurteilen den Anderen dafür. Wir glauben, so sind wir nicht, wir glauben es besser zu wissen, zu können, zu leben. Und eine ganze Weile fühlt sich das auch ganz gut an. Aber irgendwann kommt bei jedem Menschen, der sich wahrhaftig und ernsthaft auf den Weg zu sich selbst macht, der alles entscheidende Punkt wo er begreift: Wahr ist – ich verurteile mich selbst. 

Wir verurteilen am Anderen, was wir an uns selbst nicht sehen wollen, was wir nicht sein wollen, was wir nicht fühlen wollen, was wir glauben nicht sein und nicht haben zu dürfen.

Erst wenn wir uns dessen gewahr werden und uns all das Ungeliebte in uns selbst bewusst machen, es dann liebevoll anerkennen, als ein unabdingbar zu uns Gehörendes, auch wenn es uns ganz und gar nicht gefällt, sind wir im Frieden. Dann werden wir aufhören andere zu bewerten und zu verurteilen.Wir beginnen unsere Schatten zu integrieren.Tun wir das nicht bleiben unsere verdrängten Eigenschaften im Schatten unserer Selbst. Sie sind dort unten aktiv und agieren automatisch und von uns unbemerkt. 

Nehmen wir die Wut als Beispiel. Bekenne ich mich nicht zu meiner Wut, wird sie sich immer wieder in kleinen Ausbrüchen entladen, meist dort wo sie nicht hingehört oder sie entlädt sich in sogar einem großen Knall, der zerstörerisch wirken kann, oder sie begegnet mir immer wieder im Außen, indem ich es mit aggressiven Menschen zu tun bekomme. 

In dem wir akzeptieren und bejahen was wir auch sind, sind wir unseren Schattenanteilen nicht mehr hilflos ausgeliefert, wir können den vollen Ausdrucks unseres gesamten Seins sehen, erfahren und leben. Das bedeutet, im Falle der Wut nicht, sie an anderen auszulassen, es bedeutet einen adäquaten Kanal zu finden um sie auszudrücken, ohne uns selbst und anderen zu schaden.


Wir können unsere ungeliebten Anteile annehmen und integrieren, indem wir das Geschenk darin finden, denn jede "ungute" Eigenschaft hat auch einen positiven Aspekt, eine Qualität, die uns hilfreich und nützlich sein kann. Nehmen wir wieder das Beispiel mit der Wut: Ihre hilfreiche Qualität ist, dass sie ein Motor für mehr Durchsetzungsvermögen und die gesunde Aggression sein kann, die es braucht um unsere Bedürfnisse anzumelden, sie ernst zu nehmen und sie uns zu erfüllen, sie kann hilfreich sein um uns die Kraft zu geben längst überfällige Veränderungen durchzuführen und sie kann uns helfen, uns nicht mehr alles gefallen zu lassen und uns besser abzugrenzen demgegenüber was uns vereinnahmen will.

C.G. Jung sagte einmal: Das Gold liegt im Schatten eines jeden Menschen. 
Und er fragte: Willst du gut sein oder ganz?  







Freitag, 5. Juni 2015

AUS DER PRAXIS – Das Leid Angehöriger von seelisch kranken Menschen





Es gibt kaum ein unerträglicheres Gefühl, als den Menschen, den man liebt, leiden zu sehen und nichts, aber auch nichts tun zu können, um sein Leid zu beenden. Angehörige von seelisch kranken Menschen sind immer mitbetroffen, dennoch wird ihre emotionale Not oft nicht gesehen. Eine Studie belegt, dass Angehörige psychisch kranker oder suchtkranker Menschen, einer enormen Belastung ausgesetzt sind, die in etwa dem Stresspegel wie er bei einem Staatsexamen vorkommt, entspricht  - allerdings mit lebenslanger Perspektive. 

Die Angehörigen seelisch Kranker sind hinsichtlich psychischer und psychosomatischer Störungen doppelt so hoch belastet wie die Durchschnittsbevölkerung. Sie  fühlen sich mit der Situation total überfordert und hilflos im Wissen, dass sie nichts tun können. Sie sind sich zwar bewusst, dass sie sich um ihrer Selbstfürsorge Willen emotional distanzieren müssten, aber das sagt sich so leicht.

Gefangensein ist das passende Wort für diese Lebenssituation. Ihr zu entkommen bedarf es in den meisten Fällen Hilfe von Außen.

Es gibt drei wesentliche Beziehungsmuster, bei denen Angehörige seelisch kranker Menschen ein Gefühl von Gefangen-Sein und Vergeblichkeit erleben:

1. Das Verhalten hat einen “distanzierten und entziehenden Effekt”. Der seelisch Kranke zeigt kein Interesse, er wirkt starr und reaktionslos, das Gespräch mit ihm erscheint meist sinnlos und hoffnungslos. Der Betroffene will allein gelassen werden und empfindet die Fragen und angebotenen
--> Hilfeleistungen der anderen, als überfordernd. Die Angehörigen fühlen sich immer wieder zurückgestoßen, sie erleben widersprüchliche Gefühle von Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut und Mitleid. Die Folge: Sie geraten in einen Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt.

2. Die Abwehr der Einsicht und der daraus resultierenden  Verantwortungsübernahme des Kranken sich professionelle Hiulfe zu suchen ruft mit der Zeit sogar Gefühle von Feindseligkeit hervor. Die als Vergeblichkeit erfahrene angebotenen Hilfe, die rigide verweigert wird, nimmt diesen Menschen nach und nach die Kraft um gegen die trostlose und aussichtslose Stimmung anzukämpfen. Die Angehörigen fallen in ein Gefühl von Sinnlosigkeit, das sich auf das eigene Leben ausweiten kann.

3. Die geäußerte Verzweiflung und Hilflosigkeit des Betroffenen wecken Mitgefühl und Anteilnahme. Angehörige können jedoch weil sie den Betroffenen nicht noch zusätzlich belasten wollen, eigene Gefühle wie Wut, Ärger, Angst, Schuld, Scham oder Mitleid nicht zeigen, auch weil sie glauben, dass die Situation sich sonst weiter verschlechtert. Das führt zu einem permanenten Stresserleben. Sie empfinden nach und nach Kontrollverlust über ihrer eigenen Gefühle, indem sie versuchen sich in den Betroffenen hineinzuversetzen und beginnen schließlich mitzuleiden.

Nachdem alles ohne Erfolg versucht wurde um dem geliebten Menschen zu helfen wie z.B: aufmuntern, Durchhalteparolen, Appelle an den Willen, usw. bleibt am Ende eine depressive Gefühlslage, die es erschwert das eigene Leben zu führen. Kommt noch Feindseligkeit des Betroffenen hinzu führt dies schlussendlich zu Schuldgefühlen des Angehörigen. 
Am Ende sind sie selbst seelisch krank.

Was ist hilfreich?

Loslassen, aber das sagt sich so einfach. Wer einmal in dieser Situation steckt, kann nicht einfach loslassen, auch nicht wenn er weiß: Du hast keine Macht über andere Menschen.
Am hilfreichsten ist es, sich selbst therapeutische Hilfe zu suchen und zusätzlich eine Selbsthilfegruppe zu besuchen um sich mit Mitbetroffenen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.