Sonntag, 1. Mai 2016

Angst ist nicht das Gegenteil von Liebe


Angst kennt jeder Mensch und jedes Tier. Sie ist eine archetypische Emotion, die so alt ist wie die Lebewesen auf der Erde. Als biologisches Warnsystem ist Angst dazu da, die Ressourcen blitzartig auf Flucht, Starre oder Verteidigung umzustellen. Somit ist die Angst eine lebenswichtige Einrichtung der Natur, um auf Gefahren zu reagieren. Wenn wir Angst haben steigen Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol, der Körper setzt Stresshormone frei, das Herz pumpt mehr Blut, die Muskulatur spannt sich an. Diese Reaktionen beschleunigen die Reflexe, schärfen die sinne und wir sind bereit zu reagieren.

Die meisten unserer Ängste sind erlernt: Wir übernehmen sie von den Eltern oder sie basieren auf traumatischen Erfahrungen der Kindheit. Solche angstbesetzten Erfahrungen brennen sich tief in das emotionale Gedächtnis ein. Viele von uns tragen immer noch das ängstliche traumatisierte innere Kind in sich, das darauf wartet gesehen und geheilt zu werden. Die Angst sitzt im Limbischen System, genauer, in der Amygdala. Sie dient Tier und Mensch als Alarmanlage. Innerhalb von wenigen Millisekunden bewertet sie Situationen und schätzt Gefahren ein. Einige Anblicke, Geräusche oder Gerüche lösen schon von Geburt an oder nach einmaliger Begegnung Angst aus. So fürchten sich Laborratten, die nie in Freiheit gelebt haben, wenn sie den Schrei einer Eule hören oder den Geruch eines Raubtiers wahrnehmen.

Nach neuesten Erkenntnissen ist eine genetisch verankerte Variante eines Rezeptors im Gehirn, der als Andockstelle für Noradrenalin dient, dafür verantwortlich, der Mensch sich besonders stark an emotional gefärbte Erlebnisse erinnert. Die Neigung, Angst zu empfinden ist von Mensch zu Mensch verschieden, eben weil sie von den individuellen Angsterfahrungen abhängt. So kann Angst als individuelles Persönlichkeitsmerkmal betrachtet werden, was heißt: es gibt Angstpersönlichkeiten.

Es gibt jedoch einige angeborene Schreck- und Angstreaktionen auf auslösende Schlüsselreize, die im Tierreich gut untersucht und auch beim Menschen nachweisbar sind, z.B. als Abwehr- oder Fluchtreflexe, etwa das Zurückschrecken vor einem Abgrund, die Schreckreaktionen bei unbekanntem Lärm. Angeboren ist auch die Angst vor kriechenden Tieren im Wald, die Angst vor Dunkelheit, und die Angst vor Höhen. Sie alle sind bei jedem Einzelnen mehr oder weniger ausgeprägt.

Wovor Menschen Angst haben, ist auch vom kulturellen Kontext abhängig, in dem sie leben. Kulturunterschiede in der Bewertung von einzelnen Gefahren kommen zum einen durch das kollektive Gedächtnis, zum anderen durch soziales Lernen zustande, denn Menschen neigen dazu, das Verhalten von Menschen in ihrer Umgebung unbewusst zu übernehmen. Kulturspezifische Ängste werden heute, im Gegensatz zu früher, durch den Einfluss der Medien geschürt. Sie werden schneller verbreitet, überhöht und vervielfacht.

Wir alle kennen das Gefühl der Angst. Wir mögen es nicht.

Angst zu haben ist nicht gesellschaftsfähig, wer Angst hat, dem entgleiten die Emotionen, wer zu viel Angst hat, ist schwach und nicht belastbar. Wenn wir Angst haben, befürchten wir von unseren Mitmenschen belächelt, verurteilt oder gar abgelehnt zu werden und - wir lehnen uns selbst ab. Mit anderen Worten: Wenn wir angst haben, haben wir ein Problem.

Doch genau das ist das Problem.
Viele von uns versuchen unsere Ängste zu verdrängen, sie zu bekämpfen und sie zu besiegen, um das Leben, und um im Leben, vor uns selbst und anderen zu bestehen. Dabei ignorieren wir, dass Angst etwas zutiefst lebendiges, menschliches ist und wie alles im leben zwei Seiten hat. Es gibt sogar Menschen, die uns einreden wollen, wer Angst hat sei nicht in der Liebe. Das macht unter Umständen noch mehr Angst, denn wer lässt sich schon gerne vorwerfen er habe nur Angst, weil er nicht in der Liebe ist und damit kein liebevoller oder liebenswerter Mensch und damit unerwacht oder unbewusst.

Das ist genauso wie einem Kind zu sagen: Du musst keine Angst haben, wenn es sie hat, anstatt es zu trösten und mit ihm seine Angst anzuschauen. Die Angst und die Liebe als Gegenspieler zu inszenieren ist ein Zeitgeistkonzept, das mehr und mehr um sich greift. Wozu ist das gut?, frage ich mich. Es ist Trennung, die so geschaffen wird, in Hell und Dunkel, in Gut und Ungut.

Angst ist weder gut noch ungut. Sie ist eines der elementarsten Gefühle menschlicher Emotionen. Wie alle Emotionen hat sie ihre Berechtigung. Wir können unsere Angst nicht einfach abschalten, wir müssen damit leben, ob wir wollen oder nicht.

Sicher kann die Angst auch pathologisch werden, dann, wenn sie alles andere überschattet, wenn sie zu Kontrollverlust führt, wie bei der generalisierten Angst, Phobien, Panikattacken oder anderen Angsterkrankungen. Aber davon spreche ich hier nicht.
Ich spreche von der ganz normalen Angst ganz normaler Menschen. Von Menschen, die im Laufe ihres Lebens Angst gespürt haben, immer wieder mit Ängsten zu kämpfen haben und von der Angst, die uns daran hindert, uns selbst zu entfalten oder neue Wege zu gehen.

Wir erschaffen uns nicht aus dem Nichts. Wir alle sind konditioniert, wir alle haben Angsterfahrungen gemacht.

Und weil das so ist, haben wir eben auch Angst vor Misserfolgen, vor Scheitern, vor Ablehnung, vor Enttäuschungen, vor Verletzungen, vor den Werturteilen anderer, Angst verlassen zu werden. Wir haben Angst davor, unsere Träume niemals in die Realität umsetzen zu können und vor allem - wir haben große Angst vor Veränderungen.

Viele Menschen laufen vor ihren Ängsten ständig davon. Entweder verdrängen sie sie oder sie suchen Mittel und Wege um sich vor ihr zu verstecken, indem sie sich ablenken mit den verschiedensten Kompensationsmitteln. Davon hält die Welt da draußen eine Menge bereit. Aber all diese Ausweichmanöver funktionieren auf Dauer nicht. Die Angst lässt sich nämlich nicht verjagen und schon gar nicht besiegen.

Der Gedanke - ich muss es schaffen meine Angst zu besiegen ist kontraproduktiv.

Angst lässt sich nicht besiegen, denn sie ist eine starke und höchst intensive Emotion. Sie ist sogar so stark wie die Liebe. Angst und Liebe sind eins, wie alles eins ist. Wenn wir lieben, haben wir Angst. Viele Mütter sagen: Mit der Geburt meines Kindes wurde die Angst geboren. Sie wurde nicht damit geboren, sie war schon immer da, aber sie kann damit ausgelöst werden. Wir haben Angst, dass dem geliebten Menschen, seien es unsere Kinder, der Partner, unsere Geschwister, unsere Eltern oder den besten Freunde, etwas zustoßen könnte, dass wir sie verlieren könnten und wir haben Angst um unsere geliebten Menschen, wenn sie krank sind oder an etwas leiden.

Die Liebe und die Angst gehören untrennbar zusammen. Und das heißt nicht, dass wir uns für eins entscheiden können oder müssen, aber wir können uns dafür entscheiden, trotz der Angst zu lieben und mit ihr - und das heißt eben nicht, dass ein Gefühl das andere ausschließt.

Mit der Liebe können wir trotz der Angst unglaubliche Dinge tun, wir können über uns hinauswachsen, wenn wir lieben und in der Liebe sind wir stärker als die Angst. Und das heißt nicht – dass es deshalb die Angst nicht mehr gibt. Sie beherrscht uns dann aber nicht.

Wer liebt, wer sich selbst liebt, wird seine Angst und die Ängste anderer nicht verurteilen, sondern er wird sie anerkennen und annehmen, als Teil des Ganzen, als Teil des eigenen Menschseins und das des Anderen.

Unser größtes Problem mit der Angst ist nicht die Angst selbst, sondern der Widerstand dagegen oder unsere Neigung sie zu verleugnen, weil wir sie als etwas Schlechtes begreifen.

Die Frage ist also nicht, wie wir unser Ängste bekämpfen, sondern wie wir unsere Angst auf ehrliche Weise durchleben, damit sie uns nicht am Leben hindert und unser Denken und Handeln nicht lähmt. Da sie nun mal unvermeidlich ist, ist es sinnvoll Frieden mit ihr zu schließen. Das bedeutet - uns nicht mehr gegen sie zu wehren und uns nicht mehr gegen sie aufzulehnen.

Was wir bekämpfen, wogegen wir uns mit aller Macht auflehnen, bleibt bestehen. Das, dem wir Aufmerksamkeit schenken, wächst.

Je mehr wir der Angst Aufmerksamkeit schenken, ihr Widerstand leisten, desto mehr Energie geben wir in die Angst hinein, desto mehr Kraft fließt in den Akt des Widerstehens. Übrigens: Angst ist immer auch ein Alarmzeichen dafür, dass in unserem Leben etwas nicht stimmt und damit sogar ein Helfer um zu begreifen, was das ist. Wir alle wissen wie viel Kraft es uns kostet unsere Sorgen und unsere Angst zu bekämpfen, oder so zu tun, als seien sie nicht existent. Das brennt aus.

Aber wie kann es gelingen Frieden mit der Angst zu machen?

Es ist hilfreich zu wissen, dass alle anderen auch Angst haben. Und die, die meinen, du musst nur in die Liebe gehen und sie ist weg, haben vielleicht sogar die größte Angst. Sie haben Angst ihrer Angst ins Antlitz zu schauen und sie zu liebevoll zu umarmen als etwas, das in ihnen ist, warum auch immer. Sie kehren ihr den Rücken und schauen ins Licht der Liebe (welche Liebe soll das sein, eine die ausschließt, was nicht sein darf?) um sie nicht spüren zu müssen. Wo Licht ist, ist immer auch Schatten. Eins kann ohne das andere nicht sein.

Angst ist nicht verurteilenswert. Sie ist, was sie ist.

Erst die Verleugnung der Angst treibt uns in ungesunde Verhaltensweisen. Wir belügen uns selbst und andere, wir ertränken sie im Alkohol, betäuben sie mit Essen oder dämpfen sie mit Drogen oder chemischen Beruhigungsmitteln. Wir verlieren uns in esoterische Konzepte oder folgen selbsternannten Gurus, die uns Erlösung von der Angst versprechen. Damit geben wir der Angst die macht unsere seelische, geistige und körperliche Gesundheit zu zerstören. Das müsste uns Angst machen und nicht die Angst an sich. Sie ist zwar die Ursache für solche dekonstruktives Verhalten, aber die Wirkung die all das hat, dadurch, dass wir sie kaschieren oder besiegen wollen, ist weitaus zerstörerischer als die Angst selbst.

Wie wäre es denn, wenn wir einfach ehrlich wären und zu unserer Angst stehen würden? So wie der Dalai Lama, der, obwohl er als Buddhist gelernt hat, keine Angst vor dem Tod zu haben, Angst vorm Fliegen hat. Zitat: „Ich glaube ein Tod im Bett, friedlich, das wäre kein Problem! Aber bei einem Flugzeugabsturz?“

Wie wäre es, wenn wir unser Angst anerkennen würden? Dann könnten wir uns entspannen und sie akzeptieren, etwas aus ihr lernen und sogar von ihr profitieren. Die Angst weißt uns nämlich darauf hin, dass etwas nicht richtig ist, oder nach Veränderung drängt, sie zeigt uns wie verletzlich wir sind, sie führt uns dahin, wo wir mehr Mitgefühl mit uns selbst und anderen haben können und sie ist eine Chance Mut zu entwickeln, denn der steht immer hinter der Angst. Wir müssen ihn nur hervorholen.

Es ist mutig zu sagen - ja, ich habe Angst. Allein das macht sie schon kleiner.

Warum? Weil der Widerstand nachlässt. Wenn es uns gelingt, nicht ständig über unsere Ängste nachzugrübeln oder uns zwanghaft zu besänftigen, oder uns einzureden, dass wir keine Angst haben sollen, oder uns einreden lassen - du musst keine Angst haben. Immer dann wenn wir den Mut haben uns unsere Gefühle ehrlich einzugestehen, stellen wir uns der Angst. Das ist der Beginn um sie in unser Leben zu integrieren. Integrieren ist das Gegenteil von Abspalten. Es ist ein weg in Richtung Ganzheit - wir sind nämlich die ganze Summe all unserer Teile. Ein schöner runder Gedanke, wie ich finde. Wenn wir unsere Angst in etwas Positives verwandeln können, wenn wir sie als Antrieb verstehen lernen oder als Schutz, der uns vor Fehlern bewahrt, bekommt sie ein ganz anderes Gesicht, eins wovor wir uns nicht mehr fürchten müssen. Das erfordert Bewusstheit, Entschlossenheit, Mut und Übung.

Nicht die Angst selbst, unausgesprochene, verdrängte Angst macht krank.

Sie führt zu Herzrythmusstörungen, zu Schlafstörungen und anderen stressbedingten Erkrankungen. Verdrängte Angst führt sogar erst zu Panikattacken oder in die Depression.
Wenn wir beginnen uns unsere Ängste zu erlauben, sie zu empfinden und sie zum Ausdruck zu bringen, beginnen wir sie anzuerkennen, als teil unseres Wesens und damit hören wir auf ihr den Überwert zu geben, der uns am Handeln hindert - wir übernehmen Verantwortung für unser ganzes Sein und können entscheiden, wie wir mit unserer Angst umgehen wollen.
Fühle die Angst, umarme sie Angst mit deiner Liebe und handle trotzdem - so etwa kann das dann aussehen und sich anfühlen.
Trotz der Angst handeln, das ist Mut.

Mut kann uns viel Kraft geben. Je öfter wir mutig sind, desto mehr Selbstvertrauen bauen wir auf. Selbstvertrauen heißt auch - sich gewiss zu sein: Egal, was passiert - ich werde damit fertig. Ein guter Gedanke um die Angst zu umarmen und mit ihr loszugehen, finde ich.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen