Samstag, 17. Oktober 2015

Aus der Praxis – Mit der Angst leben lernen

Mixed Media AW


Abgetrennt von unserer inneren Wahrheit tappen wir im Dunkel. Wir fühlen uns von aller Welt verlassen und haben Angst. Diese Angst will uns etwas sagen, mach so nicht weiter, lass los von dem, was dir schadet.

Jede große Veränderung, jede Trennung, jeder Verlust, jede neue Erfahrung, jede Lebenskrise ist eingebettet in Angst.
Angst ist ein Gefühl, eine Explosion destruktiver Energie, die uns vollkommen ausfüllen kann. Sie ist manchmal übermächtig und undurchdringlich. Sie liegt irgendwo tief auf dem Boden unserer Seele, so dass wir sie nicht benennen und nicht identifizieren können. Sie erscheint uns gesichtslos oder sie wirkt auf uns wie eine dicke Nebelwand,  die uns von allem trennt, innen und außen. Wir versuchen dagegen anzukämpfen doch es misslingt, eben weil wir voller Angst sind. Wir wollen durch diese Wand hindurch, die uns von uns selbst trennt, aber wir schaffen es nicht, eben weil sie uns von uns selbst trennt und wir kein Licht mehr sehen durch die Nebelschwaden die sich in uns auftürmen. Wir wissen, es gibt keinen, der uns die Angst nehmen kann und uns sagen kann, was für uns das Richtige ist und das macht uns noch mehr Angst. Wir wissen, wir allein müssen die Antwort finden.

Manchmal ist das, was wir als Angst empfinden sogar nicht einmal die unsere.
Wir haben sie von jemand übernommen, einem Elternteil, einem Kind oder einem Partner. Angst ist ansteckend und in diesem Fall müssen wir uns befreien von dem, was nicht zu uns gehört. Manchmal sind unsere Ängst Phantome, die wir im Kopf erschaffen, Relikte einer erinnerten gelebten Vergangenheit, die uns großen Schaden zugefügt hat und manchmal sind unsere Ängste gewachsen, weil wir das Vertrauen in andere Menschen gründlich verloren haben. Wir sind wieder und wieder enttäuscht und belogen worden, man hat uns Versprechungen gemacht, die gebrochen wurden. Oder wir haben den Glauben an uns selbst verloren, weil wir immer wieder in ungesunden Beziehungen gelandet und geblieben sind, trotz besseren Wissens oder ohne es zu wissen. Wir haben es mit der Angst zu tun, wenn Menschen, die wir lieben, sich selbst zerstören und wir uns über Jahre abarbeiten, um sie zu retten und diese Menschen machen trotzdem weiter mit dem, was sie zerstört und wir müssen hilflos dabei zusehen, was diese Menschen sich selbst antun und damit uns.

All das macht Angst. Je mehr wir von all dem erfahren haben und erfahren macht die Angst groß und größer in uns selbst. All diese Ängste sind Ängste,  die aus Beziehungen zu anderen heraus Futter bekommen und wir sind nur noch eine Marionette der anderen und meistens sind wir uns dessen nicht einmal bewusst.

Die Angst will uns genau das vor Augen führen - all das, was uns nicht bewusst ist.
Wir schrecken davor zurück die Wahrheit zu erkennen was in einer für uns wichtigen Beziehung eigentlich passiert und das Zurückschrecken macht die Angst noch größer. Wir fürchten uns genau hinzusehen, stecken den Kopf in den Sand und trösten uns mit der Hoffnung, dass Gott oder die Zeit oder der andere es für uns lösen werden und damit machen wir uns machtlos. Indem wir die Lösung unserer Ängste dem lieben Gott, der Zeit oder anderen überlassen sind wir in der Rolle des hilflos Erwartenden, der sich allein von der Hoffnung nährt und nicht die entsprechenden Maßnahmen ergreift, die die Dinge für uns selbst verändern. Und dabei geschieht nur eins - unsere Angst wächst und macht uns klein und kleiner, so klein, das wir uns innerlichauflösen, erschöpft und müde werden, lebensmüde gar, weil wir uns dem Leben nicht mehr gewachsen fühlen. "Angst essen Seele auf", heißt ein Film von Rainer Werner Fassbinder, und genau so ist es - die Angst zerfrisst die Seele wie ein Gift. Also müssen wir entgiften. Wir müssen das, was nicht das unsere ist, ausleiten wie die Gifte einer körperlichen Erkrankung ausgeleitet werden müssen, damit der Organsimus gesunden kann.

Entgiften bedeutet: Wir müssen beginnen offen zu sein für die eigenen Gefühle, sämtliche Gefühle empfinden, auch jenes, das wir als Angst bezeichnen.
Und das ist das Schwerste, denn die Angst sucht sich viele Plätze wenn wir nicht in der Lage sind sie als das zu erkennen was sie wirklich ist - ws sie im Kern ist. Vielleicht ist unsere Angst um andere gar nicht die Angst um die anderen, sondern unsere Angst verlassen zu werden, vom anderen. Die Angst allein zu sein und einsam. Dann geht es nicht um die anderen, sondern allein um uns selbst. Es geht um eine Grundangst, die wir mitschleppen seit wir Kind sind, die sich fest macht an allem, was ihr entspricht um uns dort festzuhalten, wo wir schon damals festgehalten wurden und hilflos und ohnmächtig stecken blieben, weil wir keine Helfer hatten.

Die meisten Menschen haben ein ganzes Leben lang Angst in sich gespeichert und wir nehmen umso mehr Angst auf, je mehr wir bereits gespeichert haben, denn wir sind geradezu darauf konditioniert Angst zu haben. Gleich und gleich gesellt sich gern und genauso gesellt sich Angst zur Angst. Die  Folge ist, dass sie ins Unermessliche wächst, wenn wir ihr nicht Einhalt gebieten.
Aber wie?

Wir müssen von der Angst zur Stärke finden. 
Dazu müssen wir aufhören sie zu ignorieren. Sie zu ignorieren ist genauso als würden wir das Unkraut im Garten ignorieren, es wächst und wächst, bis es alle Blumen und Bäume überwuchert. Genauso ist es mit der Angst, wenn wir versuchen den Frieden in uns dadurch zu finden, dass wir unsere Angst verdrängen, laufen wir ins Unkraut und ersticken darin. Wenn wir aber die Stärke besitzen uns den Urgrund unserer Angst deutlich bewusst zu machen, sie zuzugeben und sie zu respektieren, finden wir am Ende Frieden.

Natürlich ist das kein Mittel um die Angst endgültig und sofort zu besiegen, aber es ist der Anfang um zu begreifen, dass wir die Angst, die wir ignorieren füttern. Wenn wir sie fühlen und uns mit ihr auseinandersetzen, wenn wir sie ausprechen, aufschreiben, mitteilen, ihr das wahre Gesicht geben, das sich hinter all ihren maskenhaften Erscheinungsformen verbirgt, wird sie klein und kleiner und wir wachsen mit jedem Mal, wenn wir das tun ein kleines Stückchen mehr. Wir schleichen es aus das Gift, das Leben zerstören kann und wir wissen dabei - es wird dauern.

Jedes nagende Angstgefühl fordert uns auf, einen bestimmten Bereich in unserem Leben und in unserem Inneren zu untersuchen. 
Indem wir die Angst und ihre Urprünge so genau erfassen wie es uns möglich ist, verbinden wir uns mit dem Bewusstsein der Wahrheit. Wir finden zu dem zurück was wir verloren haben in der Angst - zu unserer inneren Wahrheit. Erst wenn wir dort angelangt sind, sind wir wieder fähig zu handeln und den nächsten Schritt zu gehen, mutig, trotz unserer Angst und mit jedem mutigen Schritt wieder ein bisschen stärker als zuvor.

Es hört nie auf, wir werden immer Ängste haben, und deshalb gibt es kein Mittel um sie endgültig auszurotten, aber wir können lernen mit unseren Ängsten so umzugehen, das sie uns nicht auffressen.
Wenn wir die Angst nicht mehr verdrängen haben wir eine Chance uns aus ihrer Macht zu befreien und wieder Vertrauen in unsere Kraft zu finden, immer und immer wieder.

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