Donnerstag, 10. Oktober 2019

Toxische Beziehungen und der Ruf zur inneren Wandlung


Zeichnung: Angelika Wende

In jeder Beziehung gibt es destruktive Elemente.
Es gibt Streit, Vorwürfe, Anklagen und bisweilen auch Respektlosigkeiten.
Was aber wenn eine Beziehung fast ausschließlich destruktiv wird? Was wenn es überhaupt keine Wertschätzung mehr gibt, wenn alles als Angriff verstanden wird und die Beziehung zum Schlachtfeld wird? Was wenn gelogen und betrogen wird, wenn Sucht oder sogar Gewalt ins Spiel kommen?
Dann sind die schöne Prinzessin oder der schöne Prinz, in die wir uns auf den ersten Blick verliebt haben zum Albtraum geworden der das Leben vergiftet. Wir befinden uns in einer toxischen Beziehung.

Toxische Beziehungen haben eine besondere Dynamik.
Nicht, dass wir es am Anfang nicht gespürt hätten. Nur haben wir dem leisen: Pass auf! , nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt, weil alles so besonders war, so intensiv, weil es sich so seelenverwandt angefühlt hat. Aber: Immer wenn wir unser berechtigtes misstrauisches Gefühl zum Schweigen bringen verraten wir uns selbst.

Worauf basiert eine toxische Beziehung?
Eine toxische Beziehung ist ein Konstrukt, das einen Aggressor und ein Opfer braucht. In diesen Beziehungen geht es immer um das Verhältnis von Macht und Ohnmacht. Das wiederrum hat zu tun mit Aggression, Angst und Regulierung des Selbstwertgefühls.Oft fehlen beim Opfer das Wissen und Fühlen um den eigenen Wert, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen und die Fähigkeit, diese auch zu artikulieren. Es lässt vieles zu nur um geliebt zu werden, oder weil es glaubt sein Leben nicht selbst in die Hand nehmen zu können und alleine unterzugehen. Es erträgt vieles in der Hoffnung seine Liebe könne das Unerträgliche wandeln und aus dem Unguten Gutes machen.

Opferpersönlichkeiten haben Persönlichkeitsmerkmale, die sich gleichen. Sie sind meist verletzte Kinder, die schon früh Liebe als etwas erfahren haben was weh tut, egal auf welcher Ebene. 
Sie lassen zu, was Menschen mit einer gesunden Bindungserfahrung niemals zulassen würden, weil sie es so „gelernt“ haben. Sie sind Übergriffe „gewöhnt“ und werten sie als etwas, was vertraut ist aus der Heimat der Unliebe. Menschen suchen in potentiellen Partnern unbewusst das Vertraute, das vermittelt scheinbar Sicherheit - auch wenn das in diesem Kontext völlig absurd erscheint.

Der Aggressor im Außen, dem Opferpersönlichkeiten immer wieder in unzähligen Beziehungen begegnen, hat eine Funktion die, wird sie bewusst, zu einer tiefgreifenden inneren Wandlung führen kann.
Jeder Aggressor im Außen ist ein verdrängter destruktiver Persönlichkeitsanteil in uns selbst, den wir fürchten und den wir ständig versuchen in uns selbst zu eliminieren. Solange dieser Persönlichkeitsanteil nicht erkannt und integriert wird sind wir in Gefahr Opfer zu bleiben. 
Solange werden wir eigene Gefühle wie Wut, Hass, Zorn, Ekel, Schuld und Scham unterdrücken und verdrängen, sie also nicht wahrnehmen und uns stattdessen unbewusst mit den vermeintlich attraktiven Anteilen des Aggressors, die dieser neben den destruktiven Anteilen immer auch hat, identifizieren, bleiben wir in der Opferrolle gefangen.

Opfer fühlen sich oft tief drinnen wertlos, nicht gut genug und vor allem nicht liebenswert. Sie empfinden sich als wenig selbstwirksam. Sie denken, sie haben nichts Gutes verdient und halten sich vielleicht sogar für einen schlechten Menschen.   
All das wurde ihnen als Kind genauso beigebracht. Das unbewusste Ohnmächtige in diesen Menschen meint sich mit der Macht des Aggressors identifizieren zu müssen um die eigene Machtlosigkeit nicht mehr so schmerzhaft zu spüren. Eine fatale Falle, in die das Unterbewusste führt. Paradox und ich gebe zu, schwer zu verstehen.

Das Opfer will dem „Mächtigen“ gefallen, es will von ihm anerkannt und geliebt werden, es sagt was er hören will und tut was ihm gut tut, es verzeiht sogar das Unverzeihliche, auch wenn es zur gleichen Zeit spürt, das ihm das nicht gut tut, ja sogar zerstörerisch wirkt.
Es hat sich jedoch längst unbewusst mit den Ansichten und Werten des Aggressor identifiziert und übersieht dabei völlig wohin es das führt: Es übergeht eigene Grenzen, es negiert eigene Werte und lässt zu was der gesunde Menschenverstand niemals zulassen würde. Jetzt ist das Opfer nicht mehr nur Opfer - indem es sich mit dem Aggressor identifiziert wird es selbst zum Aggressor,  es greift sich selbst an. Je mehr es sich aber  selbst angreift, desto mehr verliert es sich selbst und damit den Halt. Es löst sich auf. Das Leben wird haltlos, grenzenlos. Der Raum für Demütigung, Verletzung und Unterdrückung wird weit, so weit, dass alles erdenklich Destruktive möglich ist.

Und immer ist da die Hoffnung das Destruktive zu erlösen.
Doch diese Hoffnung ist eine kindliche Illusion.
Nichts wird besser, nicht auf diese Weise.
Destruktivität wird nicht erlöst, derart destruktive Mächte sind nicht zu wandeln. 
Aus einem Aggressor wird kein schöner Prinz, bzw. eine schöne Prinzessin. Destruktivität wird erlöst indem man sich massiv vom Aggressor abgrenzt und sich mit der eigenen Aggression auseinandersetzt. Dann kann Wandlung im eigenen Inneren stattfinden.












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Montag, 7. Oktober 2019

Art

Blue Memories





Fatigue


Silence


We can mirror perfectly the entire spectrum of our emotions, once we learn how to polish ourselves, in order to reflect it accurately. Because, if the vision is blurred, the others cannot see it as we see it. Even if sometimes the beauty expands out from the artists, transcending every limited perception. We call this masterpiece.

There are people that are connected to something bigger then their own person. And simplicity enriches the soul. What is art? Is this related to permanence, or all that we need is to feel that our inner child is still alive?

Mihalache Catalin

Samstag, 5. Oktober 2019

Compassion Fatigue - Wenn das Mitgefühl erschöpft

Foto: www


Burn-out entsteht durch jahrelange Überforderung von Körper, Geist und Seele. Zu viel Stress, zu viel Anspannung und zu wenig Entspannung führen auf Dauer dazu, dass der gesamte Organismus permanent auf Hochtouren fährt und folgerichtig irgendwann wie ein überhitzter Motor "ausbrennt". Das ist nichts Neues. Was viele nicht wissen: Der Burn-out ist nicht ausschließlich eine " Managerkrankheit", also nicht nur eine Folge permanenter Überarbeitung, zum Burn-out kommt es auch dann wenn das Verhältnis von Arbeit und Selbstfürsorge aus dem Gleichgewicht gerät.

Eine hohe Gefährdung auszubrennen haben alle Beziehungsarbeiter in sozialen, kommunikativen und helfenden Berufen sowie Hausfrauen und alleinerziehende Mütter. Diesen Menschen fällt es oft schwer eine Balance zwischen Mitgefühl und Abgrenzung, zwischen Anspruch und Erwartung, überzogener Erwartung an sich selbst und menschlicher Unveränderbarkeit und zwischen Belastung und Erholung zu finden.

Gerade in den helfenden Berufen ist der Satz: „I have done too much for to many for too long with too little regard for myself“, ein Zeichen für die eigene Verletzbarkeit.

Charles Figley, Direktor des Instituts für Traumatologie an der Tulane University in New Orleans (Louisiana, USA) führte den Begriff der Compassion fatigue ein, zu deutsch: Mitgefühlserschöpfung.
Menschen mit Mitgefühl sind sensibel, sie sind offen, sie strahlen Wärme aus, sie geben Zuwendung, haben Verständnis für die Nöte anderer und - sie wollen helfen. Dabei stellen sie oft deutlich die eigenen Bedürfnisse nach Offenheit, Wärme und Zuwendung zurück. Ihr größtes „Problem“: Sie können den Schmerz anderer selbst spüren.

Compassion Fatigue ist eine besondere Form des Ausbrennens, da laut Figley Menschen in helfenden Berufen mehr für andere als für sich sorgen. Sändiges Umsorgen jedoch führt zu einem erheblichen Verbrauch an Energie. 

Menschen in helfenden und pflegenden Berufen sind daher einer enormen emotionalen Belastung ausgesetzt. Tagtäglich sind sie umgeben von Menschen, die leiden. Geht dieses Erleben über Jahre, kommt es zu einer schleichenden Erschöpfung. Betroffene berichten von Gedächtnisproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten, immer wiederkehrenden destruktiven Gedanken, grundloser Traurigkeit oder Wut, intensiven Gefühle von Angst, Verzweiflung, Freudlosigkeit und einem generellen Interesseverlust am Leben bis hin zur Depression. Zu den körperlichen Symptomen zählen Magen-Darm Erkrankungen und/oder Schlafstörungen, Erkrankungen des Immunsystems, Herz und Kreislauferkrankungen.

Die verminderte Leistungsfähigkeit und das Unglücklichsein sind das Resultat einer Selbstausbeutung über die Grenzen der Gesundheitschädigung, die sich schleichend vollzieht. Je weiter dieser Prozess fortgeschritten ist, umso schwieriger ist es ihn umzukehren. Damit es soweit nicht kommt, ist die bewusste Selbstfürsorge für Helfende überlebenswichtig.
Ich sage „bewusst“, denn gerade diejenigen von uns, die von Mitgefühlserschöpfung bedroht sind, sind in der Regel Menschen vom Fach, die es eigentlich wissen müssen. Aber wie heißt es so schön, das Wissen nützt uns nichts, wenn wir es nicht umsetzen.
Deshalb hier für alle, die es brauchen können, mich selbst eingeschlossen, das ABC - der Selbstfürsorge:
A = Achtsamkeit: Achte auf Dich selbst, auf Deine Bedürfnisse, deine Grenzen und deine Ressourcen.
B = Balance: Achte auf die gesunde Balance von Arbeit, Freizeit und Entspannung
C = Connection: Bleib in Verbindung mit Dir selbst, anderen Menschen und der Natur.

"In order to have compassion for others, we have to have compassion for ourselves."
Pema Chodron

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Wie ist es richtig für mich?


Foto: Alexander Szugger
 
Das Gehirn steht über allem und es kann uns täuschen bei allem. Es ist ein hochkomplexes Organ, es macht Konstruktionen und es denkt in Konzepten, es denkt aus der Matrix unserer Konditionierungen und Erfahrungen heraus.
Unser Herz hat eine tiefe Verbindung zu uns selbst.
Es ist der Wegweiser zu unserer Seele und dem, was sie in diesem Leben erfahren will. Das Gehirn hat andere Prioritäten, nach denen es seine Entscheidungen ausrichtet. Zum Beispiel: Was denken die anderen? Was erwarten die anderen von mir? Was muss ich tun um gemocht, geliebt, anerkannt zu werden? Wie funktioniere ich im Sinne des Systems? u.v.m.
All das ist wichtig für die Orientierung in der materiellen Welt. Wenn aber das Denken überhand nimmt und ständig das Herz überstimmt, sind wir nicht bei uns selbst. Wir orientieren uns an der Außenwelt und an unseren erlernten Glaubensmustern und halten sie für unsere eigenen Überzeugungen.
Die Folge: Wir richten uns danach, was man tut, was andere von uns erwarten, was uns beigebracht wurde und was andere als falsch oder richtig ansehen.
So zu leben kann nicht gut gehen, weil das Herz nicht darin aufgehen kann, weil all das nicht seiner Frequenz entspricht - es nicht zur Resonanz mit uns selbst.
In Resonanz mit dem, der wir im Tiefsten sind, kommen wir mit dem Herzen. Wir spüren es, wenn wir das sichere Gefühl haben: so ist es richtig für mich.
Wenn wir dem Herzen folgen, auch wenn wir damit gegen den Strom schwimmen, auch wenn wir mit unserer Angst gehen, auch wenn wir damit vielleicht eine Weile sehr alleine gehen, kommen wir bei uns selbst an – wir leben unserem inneren Wesen entsprechend.
Wenn das gelingt spüren wir inneren Halt. Wenn wir diesen Halt in uns selbst gefunden haben, können wir auch in den Stürmen des Lebens ruhig und gelassen bleiben, dann haben wir das Gefühl inneren Friedens, des Einklangs mit uns selbst und dem Leben.
It´s a long way home ...

Samstag, 28. September 2019

Das Märchen der Moderne

Malerei. Angelika Wende

Es war einmal ..., so beginnen Märchen.
Das Wunderbare an den Märchen ist, dass wir – ob als Kind oder als Erwachsener – Geborgenheit in ihnen finden und das seltsamerweise, obwohl jedes Märchen immer auch etwas Grausames und zutiefst Dunkles in sich trägt. Märchen beherrschen die Kunst, die Polaritäten und Gegensätze unserer menschlichen Existenz zusammenzufügen, sie eins werden zu lassen, untrennbar miteinander verbunden und einander bedingend.

Intuitiv verstehen wir im Märchen die elementaren Gesetzmäßigkeiten des Lebens. Wir fürchten uns nicht, weil uns alles selbstverständlich erscheint und weil wir wissen, dass jeder Märchenheld, jede Figur, egal ob Hexe, Magier, böse oder gute Fee, ihre ureigene Funktion erfüllt. Im Märchen begreifen wir das Ganze. Wir lauschen fasziniert, und unserer Innerstes weiß: Ja so ist es, bis dass der Tod sie scheidet oder ... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Märchen sind tröstlich, denn am Ende siegt die Kraft der Liebe und das schenkt uns Zuversicht.
Der moderne Mensch liest keine Märchen mehr, er findet kaum mehr Geborgenheit, weder in den alten Mythen, noch in sich selbst. Er leidet still an seiner unstillbaren Sehnsucht nach Liebe. In seiner Welt herrscht das Verbot der Leidenschaft und des platonischen Eros. Damit verträgt sich das Leistungsprinzip einer vom Habenwollen beherrschten Gesellschaft nicht. Der Zugang zur Liebe ist ihm versperrt. Liebe ist zum Sprachwort verkommen. Eros ist zur bloßen Erotik, zum Konsumgut, zur selbstbezogenen Genussoption verkommen, zu einer seelenlosen Begierde, die Geborgenheit per se ausschließt.

Längst ist der Mensch selbst zum Konsumgut geworden. Via Internet zu betrachten und auswählbar. Endlose Optionen, endlose Möglichkeiten potentieller Partner, endlose Möglichkeiten potentieller flüchtiger Begegnungen, ohne Tiefe und Berührung. Die Möglichkeiten sind grenzenlos, die Freiheit ist grenzenlos. Die innere Leere ist grenzenloser als alles andere.
Der moderne Mensch ist erschöpft und leer von der Sattheit seiner Welt, müde und depressiv von der Leistungsgesellschaft, die ihm gnadenlose Selbstausbeutung abfordert, innerlich verlassen auf der Suche nach dem, was ihn von innen hält, überfordert von einer Freiheit mit der er nichts anzufangen weiß.

Diese Gesellschaft schafft alles ab, was nicht in Suchmaschinen gefunden und nicht sofort konsumiert werden kann. Wie also seelische Schönheit, die von den Sinnesobjekten zu den geistigen Idealen und Ideen führt und schlussendlich zu Agape, der allumfassenden göttlichen Liebe, die mit der Liebe zu uns selbst als Geschöpf des Schöpfers beginnt, überhaupt noch im Ansatz begreifen?
Wie Geborgenheit finden in der Leere einer seelenlosen äußeren Fülle?

Der Weg zur Erkenntnis ist schmerzvoll.
Das ist die Weisheit, die in allen Märchen verborgen liegt.
Der Weg zum zufriedenen Konsumenten ist leicht, denn jede Form von Negativität wird im positivistischen Zeitgeistdenken ausgeblendet. Das ist das Märchen der Moderne.

Montag, 23. September 2019

Über die Liebe

Foto: A.Wende

Was wir lieben ist die Liebe.
Dieses warme verbundene tiefe Gefühl, die Einheit mit einem anderen, der unser Herz berührt und wir das seine, hebt auf wundersame Weise das Gefühl des Getrenntseins auf. Der Kugelmensch, den Göttervater Zeus im Zorn über dessen Übermut gespalten hat, hat seine andere Hälfte gefunden. Er fühlt sich ganz. So ist es gut, so soll es bleiben.
Aber oft bleibt es so nicht.

Das Fernbleiben der Liebe, das Verlieren der Liebe, das Ende der Liebe, empfinden wir als schmerzhaften Mangel.
Was geschieht wenn da keiner ist, auf den wir unsere Liebe übertragen können? Was geschieht, wenn niemand da ist, auf den wir unsere schöne Liebe richten können?
Dann bleibt vielleicht die schmerzvolle Sehnsucht danach. Dann bleiben vielleicht die Erinnerungen an unsere schöne Liebe, verbunden mit dem letzten Menschen, dem wir sie geschenkt haben und mit dem wir sie auf irgendeine Weise im Laufe des Zusammenlebens zerstört oder verloren haben.
Und wir trauern um diesen Verlust. Vielleicht lange, vielleicht so tief, dass wir den Glauben an die Liebe verlieren.
Wir leben ungeliebt dahin.

Aber sind wir deshalb lieblos, im Sinne von „ohne Liebe“?
Und ist das Ausbleiben der Liebe schlimm?
Nein, weil in der Liebe auch ein universelles Element liegt.
Fernab der romantischen Liebe ist da Liebe.
Auch ohne das Geliebt werden tragen wir sie in uns. Wie sonst könnten wir sie auf den Geliebten übertragen? Vielleicht spüren wir sie nicht, wenn das Objekt der Übertragung fehlt oder wir spüren sie zu wenig. Wir machen sie fest am Anderen und übersehen sie in uns selbst. So als bräuchten wir unbedingt den anderen um Liebe zu fühlen.

Aber ist das wahr?
Liebe ist viel mehr als die konkrete Liebesbeziehung. Es macht daher Sinn sich in Zeiten des Getrenntseins als halbe Kugel zu fragen, worauf sich denn unsere Liebe eigentlich richtet, wenn dieser andere fehlt, der uns ganz machen soll.
Pablo Picasso sagte einmal: „Ich habe immer Freundschaft oder Liebe als Verbindung zwischen den Menschen gespürt. Ich selbst denke nur an die Liebe und im Grunde habe ich immer nur eines getan: lieben. Und wenn es niemanden mehr auf der Welt geben sollte, dann werde ich eben eine Pflanze oder einen Türgriff lieben, egal was.“
Ich möchte dem nichts weiter hinzufügen, denn damit ist für mich alles gesagt.

Sonntag, 22. September 2019

Hilfe in traurigen Zeiten



Malerei: Angelika Wende

Trauer und Traurigkeit sind zwar unschöne, aber evolutionsbiologisch und emotional sinnvolle seelische Reaktionen, dennoch gehören sie zu den grundlegenden Emotionen des Menschen. Trauer ist eine natürliche Reaktionen auf einen Verlust. Wir trauern wenn ein geliebter Mensch von uns geht, wir sind traurig, wenn eine Beziehung zerbricht, wenn wir von anderen enttäuscht, verletzt, zurückgewiesen oder abgelehnt werden. Wir sind traurig wenn ein Projekt scheitert oder wenn ein Traum zerbricht. Wir sind traurig wenn wir unseren Job verlieren oder wenn wir aufgrund einer Krankheit eine wichtige Fähigkeit verlieren.
Wir sind traurig, wenn wir eine Illusion loslassen müssen.

Traurigkeit aufgrund solcher Erlebnisse und Erfahrungen ist normal, sie ist ein Zeichen dafür, dass wir seelisch gesund sind. Traurigkeit ist nichts was wir überspielen oder unterdrücken sollten, denn sie ist ein wichtiger Teil des Verarbeitungsprozesses. Sie ist ein erster Schritt auf dem Weg zur Akzeptanz dessen was ist und die Voraussetzung für einen Neubeginn.

Trauer ist so individuell wie jeder Mensch selbst. Trauer darf nicht bewertet werden. Trauer ist jedoch kein passiver Zustand, der von alleine wieder vergeht. Trauer ist ein aktiver Prozess der inneren Auseinandersetzung, dessen Ziel die Akzeptanz ist. Darum sprechen wir auch von Trauerarbeit. Gelingt diese nicht wird der Mensch verbittert. Verbitterung führt zu Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit, Interessenverlust,  Schlafstörungen, innerer Lähmung und schneller Ermüdbarkeit. Ein vermindertes Selbstwertgefühl, Gefühle von Schuld oder Wertlosigkeit, destruktive Gedanken und pessimistische Zukunftsperspektiven beherrschen das Denken. Der Mensch isoliert sich und wendet sich von der eigenen Lebendigkeit und somit vom Leben selbst ab. Er resigniert und im Zweifel verzweifelt er. Dann bekommt die Trauer Krankheitswert. Sie führt zu Depressionen, Angsterkrankungen. Im schlimmsten Falle kann unbewältigte Trauer zum Suizid führen.

Aber um diese Trauer geht es mir heute nicht.
Es geht mir um die Traurigkeit, die uns alle hin und wieder überfällt, wenn wir etwas was uns wertvolle und wichtig ist verlieren.

Was können wir in Zeiten der Traurigkeit für uns tun?

1.    Zunächst einmal ist es wichtig uns einzugestehen, dass wir traurig sind. Es ist richtig und wichtig zu trauern und unsere Emotionen da sein zu lassen. Unterdrücken wir  sie kommen irgendwann wieder hoch und der Verarbeitungsprozess verlängert sich.

2.    Traurigkeit kann schnell zu Einsamkeit führen. Sich eine Zeitlang zurückzuziehen ist heilsam, aber sich dauerhaft zu isolieren, auch wenn uns danach ist, ist nicht hilfreich. Deshalb sollten wir uns mit den Menschen austauschen mit denen wir uns gut fühlen und die uns das Gefühl geben, dass sie es gut mit uns meinen. 

3.    Wer solche Menschen in seinem Leben nicht hat, muss wohl oder übel selbst für sich sorgen und das bedeutet auch: aktiv werden. Das braucht aber die Bereitschaft es auch zu tun. Was, wenn man so richtig traurig ist zugegebenermaßen keine leichte Übung ist. Aber eben hilfreich und das sollten wir uns bewusst machen. Das gelingt wenn wir uns immer wieder bewusst die Frage stellen: Was ist jetzt hilfreich für mich, damit ich mich besser fühle?

4.    Also wenn uns die Decke auf den Kopf fällt und die Wände der Wohnung immer näher auf uns zu rücken, nichts wir raus an die frische Luft. Jeden Tag wenigstens ein zwanzigminütiger Spaziergang kann Wunder wirken. Im Wald, im Park oder in einem Stadtteil, den wir noch nicht kennen und bewusst erforschen.

5.    Sport machen ist immer gut. Wenn wir uns bewegen wird das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet.  

6.    Kunst. 
     Mich hat die Kunst immer über Trauerphasen getragen. Und dabei ist es egal ob wir sie selbst machen, ins Museum gehen oder eine Ausstellung besuchen. Auch Filme oder Biografien über Künstler, die ja meistens alles andere als ein leichtes Leben hatten, können uns Kraft und neuen Mut schenken. 

7.    Natürlich Musik. 
     Egal in welcher Stimmung wir sind, mit Musik können wir viel erreichen. Sie hat therapeutischen Wert. Besonders heilsam ist Barockmusik.
Klassische Musik beruhigt das Herz und besänftigt die Seele. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Kantaten Johann Sebastian Bachs Blutdruck und Herzfrequenz in ähnlicher Weise senken wie Medikamente.

8.    Schreiben. 
     Schreib es dir von der Seele! 
     Es hilft ungemein, das weiß ich aus eigener Erfahrung und aus den Berichten meiner Klienten. Schreiben hat eine erwiesenermaßen therapeutische Wirkung. 
     Schreiben ist nicht gleich schreiben. Für manche ist ein Tagebuch die richtige Form, andere schreiben lieber Biografisches, wieder andere Gedichte oder Briefe, die sie nicht abschicken. Schreiben heilt. Es hilft Unausgesprochenes loszuwerden und Verdrängtes nach oben zu holen. In Krisen ist ein Tagebuch unser bester Freund. Schreiben, nutzen wir es als tägliches Ritual gibt uns Orientierung, Halt und das Gefühl, aktiv etwas tun zu können.

Wer regelmäßig schreibt ist sehr bei sich selbst. Er bekommt ein Gefühl für sich selbst, das ihn auch in schweren Zeiten trägt.

"Das geschriebene Wort erweist sich als vorzügliches Medium dafür, in der Formulierung Form für sich und das Leben zu finden. Die Buchstaben, das Papier, das beschriftet wird, auch der Bildschirm, auf dem die Buchstaben zu Wörtern werden, wird zum Spiegel, in den das Selbst blickt, und das Spiegelbild wirkt zurück auf das Selbst. So der Philosoph Wilhelm Schmid in seinen Buch "Mit sich selbst befreundet sein". 
Er hat Recht.

Und schließlich geht es genau darum – uns in unserer Trauer selbst beruhigen und helfen zu können um eine neue Form für unser Leben nach dem Verlust  zu finden.
In jedem Falle ist es wichtig unserer Trauer Raum zu geben. Sie auszudrücken, denn was sich nicht ausdrückt, drückt sich ein. Jede Form des Ausdrucks, den wir für unsere Traurigkeit finden ist hilfreich. Trauer braucht Aufmerksamkeit, nur so kann Heilung geschehen.