Sonntag, 28. Juni 2026

Freiheit?

                                                                      Foto: A.W.


Bei der Hitze sitze ich seit Tagen überwiegend unfreiwillig in der Wohnung. Ich könnte zwar rausgehen und das mache ich auch am frühen Morgen , aber alles, was ich sonst gern mache, lasse ich freiwillig bleiben, weil ich Hitze nicht gut vertrage. Und während ich so in der Wohnung vor mich hinschmore, frage ich mich: Wie frei bin ich eigentlich?
Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach zu sein. Natürlich bin ich frei. Niemand hält mich fest. Die Tür ist nicht verschlossen. Ich könnte jederzeit hinausgehen. Und doch tue ich es nicht. Meine Entscheidung wird durch etwas beeinflusst, das ich nicht kontrollieren kann: die Hitze.

Was ist Freiheit überhaupt?, frage ich mich, während ich vor mich hin schwitze. Fast jeder von uns wünscht sie sich, doch fragt man, was genau damit gemeint ist, bleibt die Antwort oft erstaunlich unklar. Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Suche nach Freiheit so leicht zu einem endlosen inneren Prozess werden kann. Solange wir nicht genau wissen, was unter Freiheit verstanden wird, jagen wir womöglich einem Ideal hinterher, das sich niemals erfüllen kann.

Eine verbreitete Vorstellung ist Freiheit als Kontrolle über das eigene Leben. Freiheit bedeutet dann: Ich bestimme, was passiert. Ich bin nicht abhängig von nichts und niemanden, nicht mal von mir selbst, meinem Ego und meinen inneren Dämonen. Das klingt zunächst ziemlich selbstbestimmt. Doch diese Vorstellung hat ihren Preis. Freiheit wird dann zur Aufgabe, alles im Griff haben zu müssen. Jede Unsicherheit, jede Unvorhersehbarkeit und jede Form von Abhängigkeit erscheint als Bedrohung. Was als Befreiungsgedanke beginnt, endet nicht selten in innerer Enge.

Eine andere Vorstellung versteht Freiheit als Entlastung.
Im Sinne von: Ich muss nicht funktionieren, mich nicht anstrengen, nichts leisten. Ich muss eigentlich nichts außer SEIN. Naja, außer essen trinken, verdauen und sterben. Diese Freiheit wäre dann ein radikales Loslassen, nicht mehr kämpfen, für nichts und gegen nichts. Das hat auch seine Tücken, denn selbst das Loslassen wird dann zur Aufgabe und verwandelt sich im Zweifel in ein Projekt, das gelingen muss.

Manche Menschen verbinden Freiheit mit einem Leben ohne innere und äußere Probleme. Nach dem Motto: Ich will keine inneren Konflikte, keine Ambivalenzen, keinen Stress. Alles soll eindeutig, klar und widerspruchsfrei sein. Doch wir Menschen sind von Natur aus von unterschiedlichen Bedürfnissen, Trieben Gefühlen und Gedanken ausgestattet. Wer Freiheit mit innerer Konfliktlosigkeit gleichsetzt, beginnt gegen Teile seiner selbst zu kämpfen. Alles, was nicht in das gewünschte Sebstbild passt, wird als Hindernis erlebt und soll verschwinden. Die Suche nach Freiheit wird dadurch zu einem Kampf gegen das eigene Erleben.

Eine weitere Vorstellung besteht darin, Freiheit als Authentizität zu verstehen. Ich will so denken, fühlen und handeln, wie es mir entspricht. Diese Form der Freiheit verlangt nicht, innere Widersprüche zu beseitigen. Sie setzt vielmehr voraus, die unterschiedlichen Stimmen, Anteile und Impulse in uns wahrnehmen und unterscheiden zu können, ohne eine davon sofort unterdrücken oder absolut setzen zu müssen. Freiheit bedeutet dann uns selbst im Ganzen anzunehmen, mit allem, was wir sind oder nicht sind. Das bedeutet nicht, frei von inneren Konflikten zu sein, sondern uns nicht vollständig von ihnen bestimmen zu lassen.

Doch was ist Freiheit nun eigentlich für mich?
Freiheit ist nicht die Abwesenheit aller Grenzen, Konflikte oder Abhängigkeiten. Freiheit bedeutet auch nicht, das Leben vollständig kontrollieren zu können oder jederzeit genau das zu tun, was ich möchte. Ein solcher Zustand ist weder erreichbar noch menschlich.
Freiheit beginnt für mich dort, wo ich nicht mehr ausschließlich von meinen inneren und äußeren Bedingungen bestimmt werde. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, bewusst wahrzunehmen, zwischen Möglichkeiten zu unterscheiden und entsprechend der eigenen Wahrheit zu handeln. Frei ist nicht derjenige, der keine Ängste, Zweifel oder Widersprüche in sich trägt, sondern derjenige, der sich von ihnen nicht vollständig beherrschen lässt.
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ Für mich bringt es dieser Satz von Viktor Frankl auf den Punkt: Freiheit besteht nicht darin, alle Umstände kontrollieren zu können, sondern darin, wie wir uns zu ihnen verhalten.

Freiheit schließt Grenzen daher nicht aus.
Jeder Mensch lebt in persönlichen, biologischen, sozialen und geschichtlichen Bedingungen. Niemand von uns hat sich seine Herkunft, seine Vergangenheit oder viele Umstände seines Lebens ausgesucht. Freiheit besteht vielmehr darin, innerhalb dieser Bedingungen einen Handlungsspielraum zu entdecken und verantwortlich zu nutzen.

Innere Freiheit entsteht, wenn Gedanken, Gefühle und Impulse nicht mehr automatisch unser Handeln bestimmen. Äußere Freiheit entsteht dort, wo Menschen ohne Zwang leben, denken und handeln können. Beide Formen gehören zusammen, sind aber nicht identisch. Ein Mensch kann äußerlich frei und innerlich gefangen sein, ebenso kann jemand unter schwierigen äußeren Umständen eine bemerkenswerte innere Freiheit entwickeln.

Vielleicht lässt sich Freiheit so beschreiben: Freiheit ist die Fähigkeit, dem Leben bewusst zu begegnen, anstatt ausschließlich von Gewohnheiten, Ängsten, Zwängen oder äußeren Umständen gesteuert zu werden. Sie ist kein Zustand völliger Unabhängigkeit, sondern die Möglichkeit, sich immer wieder neu und verantwortlich zum eigenen Leben zu verhalten.
Freiheit ist kein Ziel, das irgendwann endgültig erreicht wird. Sie ist auch kein Zustand vollkommener Kontrolle oder völliger Konfliktlosigkeit. Freiheit ist vielmehr die Fähigkeit, dem Leben zu begegnen, offen für das, was ist, bewusst im eigenen Denken und Handeln und bereit, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen. Vielleicht zeigt sich Freiheit gerade an diesen heißen Sommertagen besonders deutlich: Nicht darin, dass die Hitze verschwindet, sondern darin, wie wir mit ihr umgehen.

 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de

 

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