Werde zur besten Version deiner selbst!“, ist eine in den sozialen Medien verbreitete allgegenwärtige Idee. Zur „besten Version seiner selbst“ werden wollen ist durchaus problematisch, nicht weil Entwicklung oder Wachstum etwas Schlechtes sind, sondern weil dieses Konzept auf einer fragwürdigen Grundannahme beruht: dem Gedanken, dass der gegenwärtige Mensch, der man ist, noch nicht gut genug ist.
Das geht noch besser. Nach dem Motto: Wenn ich nur disziplinierter, attraktiver, erfolgreicher, gelassener, sportlicher, produktiver werde, werde ich endlich glücklich sein.
Das Problem dabei ist, dass das Selbst zum permanenten Optimierungsprojekt wird. Der Mensch ist, so wie er ist, nicht okay, sondern orientiert sich an einem idealisierten Zukunftsbild seines Selbst.
Aus psychologischer Sicht entsteht dadurch eine Spaltung zwischen dem realen Selbst und dem idealen Selbst. Je größer die Distanz zwischen beiden „Versionen“ erlebt wird, desto stärker werden Gefühle von Unzulänglichkeit oder Scham, desto härter wird die Selbstkritik und die Selbstabwertung. Man erlebt sich nicht mehr als jemand, der sich entwickelt, sondern als jemand, der ständig hinter seinem eigenen Anspruch zurückbleibt.
Übrigens, das sogenannte „beste Selbst“ existiert nicht.
Wir Menschen sind keine Maschinen mit einem optimalen Endzustand. Deshalb steckt in der Formulierung „die beste Version meiner selbst“ eine höchst fragwürdige Annahme. Sie suggeriert, es gäbe irgendwo eine ideale Endfassung des Selbst, die nur noch freigelegt oder erreicht werden muss. Es gibt kein endgültiges Selbst, sondern der Mensch selbst ist ein fortlaufender Prozess des Werdens.
By the way: Wer will eigentlich die beste Version von mir? Wer entscheidet überhaupt, welche Version meines Selbst die „beste“ ist?
Das Leben bleibt nicht plötzlich stehen, es geht weiter.
Immer wieder gibt es neue Herausforderungen, neue Erfahrungen, neue Grenzen, neue Konflikte, neue Verluste und neue Verletzungen. Wer glaubt, irgendwann die endgültig beste Version seiner selbst erreicht zu haben, jagt einem Phantom hinterher.
Besonders problematisch wird das Konzept bei Menschen mit unsicherem Selbstwert. Für sie wird Selbstoptimierung leicht zu einer verdeckten Form der Selbstablehnung. Hinter dem Wunsch nach Wachstum steht dann unbewusst der Gedanke: „So wie ich jetzt bin, bin ich nicht gut genug.“ Die Verbesserung dient dann nicht dem eigenen inneren Wachstum, sondern der Hoffnung, endlich Anerkennung, Liebe oder sonstwas zu bekommen.
Manche Menschen geraten nach Trennungen in diese Dynamik. Sie wollen die „beste Version ihrer selbst“ werden, um dem ehemaligen Partner und der (Instagram)Welt zu beweisen, was er verloren hat. Die vermeintliche Selbstoptimierung ist dabei psychisch an den Ex-Partner gebunden. Die Veränderung erfolgt nicht aus innerer Motivation heraus, sondern als Abwehrreaktion auf eine Kränkung.
Alles höchst ungesund.
Gesünder ist es, nicht die beste, sondern die vollständigere Version unserer selbst zu werden. Dazu gehört alles, was uns ausmacht, nicht nur das, was wir uns wünschen zu sein.
Selbstwerdung entsteht nicht dadurch, dass wir alles Schwache, Ungeliebte und Schmerzhafte überwinden, sondern dadurch, dass wir alles integrieren. Wir entwickeln uns nicht dadurch, dass wir uns in Teilen ablehnen, sondern dadurch, dass wir uns als der Mensch, der wir im Ganzen sind, annehmen und achten.
Wachstum wird erst dann möglich, wenn wir uns nicht als Mängelexemplar begreifen. Veränderung entsteht dort, wo Selbstkritik durch Selbstverständnis und Selbstmitgefühl ersetzt wird. Reife entsteht nicht aus der Abwertung unseres gegenwärtigen Selbst, sondern aus der Fähigkeit, uns auch in unserer Unvollkommenheit zu achten und zu würdigen. Wer sich nur verändern will, weil er nicht sein möchte, wer er ist, bleibt im inneren Konflikt gefangen. Wirkliche Entwicklung beginnt dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Also nicht: Wie werde ich die beste Version meiner selbst?, sondern: Wie kann ich aufhören, gegen die Version meiner selbst zu kämpfen, die ich gerade bin?
"Das Beängstigendste ist, sich selbst vollständig anzunehmen. Nicht sich zu verbessern. Nicht über sich hinauszuwachsen. Sondern sich anzunehmen." C.G.Jung
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
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