Montag, 11. Februar 2019

Generation beziehungsmüde?



Foto: A. Wende

Es gibt leider eine ganze Menge Menschen, die nicht beziehungfähig sind. Und in Zeiten des Selbstoptimierungswahns und Selfie-Narzissmus werden es immer mehr. Bei vielen folgt eine Affäre der anderen. Meist sind sie blitzartig kurz und am Ende ist die Enttäuschung auf beiden Seiten groß. Tja, wieder nicht der oder die Richtige, sagen sie sich dann. Ich habe einfach kein Glück. Und ohne sich zu fragen was ihrem Glück denn im Wege stehen könnte suchen sie weiter, probieren weiter und konsumieren weiter. Mensch nach Mensch nach dem Motto: Trial and Error. Es ist ja auch gar einfach jemanden zu finden via Tinder und diversen Singlebörsen. Ihn zu halten dagegen ist schwer.

Die virtuelle Welt ist voll mit Suchenden der Liebe. Wenn man genau hinsieht, könnte man sich fragen, was suchen die denn alle?

Sie suchen jemanden, der sie versteht, der sie nimmt wie sie sind, sie am Besten bedingungslos liebt, die gleichen Werte, Träume und Vorstellungen vom Leben hat wie sie selbst und vor allem, einen, der sie glücklicher macht als sie es mit sich selbst sind. Dann soll er/sie auch noch dem persönlichen Idealbild von Attraktivität entsprechen und eine Rakete im Bett sein und bitte nicht kompliziert oder anstrengend. Leute, wo bleibt der ehrliche Blick in den Spiegel?

Wie soll das funktionieren, wenn vieles von dem, was gesucht wird, im eigenen Seelenhaus nicht im Ansatz vorhanden ist?

Verständnis für die eigenen Macken und Neurosen, ein liebevoller Umgang mit mir selbst? Habe ich das und all das andere was ich mir vom Partner ersehne? Das könnte sich so manch Suchender der Liebe einmal in einer stillen Stunde fragen und dabei seine Hand aufs Herz legen und schonungslos ehrlich zu sich sein.
Immer mehr wird vom Partner eingefordert, was der Suchende selbst gar nicht leisten kann. Die Ansprüche sind extrem hoch und die Toleranzgrenze niedrig, was natürlich zur Folge hat, dass Beziehungen immer kürzer werden und Menschen zum Konsumgut mutieren. Und dann kommt das Schlagwort: Generation beziehungsmüde. So einfach ist das. Nein, so einfach ist es nicht.

Diese Generation ist nicht beziehungsmüde sie ist sich ihrer selbst müde. 
Sie ist unzufrieden vor lauter  Überfluss. Satt und gierig zugleich. Narzisstisch und egozentrisch und mit wenig Mitgefühl ausgestattet, nicht einmal sich selbst gegenüber. Sie ist getrieben und zugleich müde vom Jagen nach dem, was man ihr vorgaukelt erjagen zu müssen. Sie ist überfüttert mit Idealvorstellungen, die kein Mensch erfüllen kann. 

Der Mensch ist heute nicht beziehungsunfähiger als zu anderen Zeiten, er bewertet Beziehung nur anders. Er überfrachtet sie mit Erwartungen, die illusorisch sind. Vom Wahn der Selbstoptimierung hin zum erwünschten Beziehungsoptimum ist der Weg schließlich nicht weit. 
Wenn ich von Selbstoptimierung spreche, meine ich nicht jene Menschen, die bewusst und stetig an sich selbst und ihrem inneren Wachstum arbeiten, sich ihren Neurosen stellen und etwas dagegen tun. Ich meine diejenigen, die nach dem Prinzip, immer mehr, immer besser, immer schneller leben und nicht genug bekommen von Anerkennung, Erfolg, Macht, Dingen und was sie sonst noch zu brauchen meinen um ein gutes Leben zu leben. Und das bitte möglichst angenehm und problemfrei. Haben anstatt sein ist die Haltung unserer Zeit und zeitgleich verkümmert der Mensch in einer Leere, die sich aus einer ungesunden Fülle an Äußerlichkeiten speist.

„Du bist mir nicht wirklich wichtig. Du interessierst mich nur so viel, wie du mir von Nutzen sein kannst.“ So in etwa ist die innere Haltung dieser Menschen und diese beeinflusst auch maßgeblich die Partnersuche.  
Der andere soll einen Nutzen bringen fürs gute Leben: Er soll als Heilmittelchen dienen für die eigenen Macken, Mängel und Bedürftigkeiten, damit diese nicht mehr gespürt werden. 
Ist er gefunden, macht er brav seinen Job, allerdings anders als gedacht: Er wird zum Spiegel genau dessen, was in uns selbst nicht so ist, wie wir uns das einbilden. Das Dilemma nimmt seinen Lauf. Passt nicht, heißt es eben dann am Ende. Weiter suchen. Aber gelernt wird nichts. 

Der Frust wächst und so geht der Trend geht zum Single-Leben mit ständig wechselnden Kurzzeitpartnern. Dabei schleichen sich allmählich bestimmte Muster ein, die dafür sorgen, sich nicht endgültig an einen Partner binden zu müssen.  
Angst vor zu viel Nähe, oh das schränkt  meine Freiheit ein. Keine Lust auf Kinder, die machen Stress und bringen Verantwortung mit sich. Langeweile oder Abneigung, sobald der erste Verliebtheitshormoncocktail sich verflüchtigt hat, oh, der andere hat ja Probleme wie ich, nö brauch ich nicht auch noch. 
Und so dreht sich das Liebeskarussell endlos weiter. Aufspringen, kurze schnelle Fahrt, abspringen und die nächste Runde. Die Suche geht weiter nach dem perfekten Partner, den es nicht gibt. Sich einen backen lassen geht nun mal nicht. 

Mit der Zeit häufen sich die unguten Erfahrungen aus vergangenen Beziehungen. Sie werden unverarbeitet in die nächste Beziehung mitgenommen und setzen dabei den neuen Partner unter Druck. Wie bitte hat Beziehung da noch eine realistische Chance?
Wer einfach nicht das passende Gegenstück findet, könnte sich selbst fragen, ob das, was er erwartet, nicht zu viel ist und ob er das, was er erwartet auch selbst wirklich geben kann und ob er bereit ist es zu geben in guten und in schlechten Zeiten. 

Oftmals müssen wir erst einmal an uns selbst arbeiten, wozu auch gehört die vorangegangenen Beziehungen aufzuarbeiten. Erst dann sind wir offen für eine neue Beziehung. Bis dahin zieht die eigene Neurose die andere treffsicher an. Ja, das Unterbewusstsein ist tricky. Und zwar solange bis wir ihm auf den Grund gehen. Also fangen wir doch erst mal bei der wichtigsten Beziehung an, nämlich die, die wir zu uns selbst haben. Und wenn diese sich dann hinreichend gut anfühlt, könnte das mit dem Anderen auch klappen. 

Namaste


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