Freitag, 12. August 2016

Vom Denken was andere über uns denken




Viele Menschen sind mit ihrem Denken immer im Außen. Sie beziehen sich auf das Außen und sie beziehen ihr Selbstbild aus dem Abgleich mit dem Außen. Sie machen sich Gedanken über das, was andere über sie denken könnten. Sie machen sich Gedanken, wie andere sie wahrnehmen und beurteilen, sie glauben zu erkennen, wenn sie gut Acht geben, wie andere auf sie reagieren und sie glauben so zu sein, wie man sie wahrnimmt und auf sie reagiert.

Um all das machen sie sich Gedanken, aber sie machen sich kaum Gedanken darüber wie sie selbst sich wahrnehmen, wie sie sich selbst fühlen und sich behandeln. So leben sie in der Abhängigkeit von den gedachten Gedanken über andere und den Gedanken, von denen sie denken, dass andere sie über sie haben.
 
So ein Denken ist wie der Satz, der über diesem steht, man muss ihn zwei Mal lesen, um ihn zu begreifen, und so viel Verwirrung wie dieser Satz schafft, schafft solch ein Denken in den Köpfen von Menschen, die ständig darüber nachdenken was andere über sie denken, und sich dann genauso fühlen wie sie denken, dass man über sie denkt. 

Es ist klar, wie wenig klar wir mir diesem Denken in unserem Sein sind, wie wenig selbstabhängig und wie fremdbestimmt wir mit einem solchen Denken durch das Leben gehen. Und tief drinnen ist da der Wunsch: Ich will ich sein, ich will mich entfalten und ich will frei sein für all das, was in mir lebt und was sich ausdrücken will. Ein frommer Wunsch, ein Wunsch, der sich nicht erfüllen wird für die, die so sehr vom Außen abhängen und vor lauter Abhängigkeit vom möglichen Denken anderer über sie das Denkstübchen ihn ihrem eigenen Kopf mit so viel Unsinnigem überfrachten, dass das, was es für sie über sich selbst zu denken gibt, keinen Raum findet.

Raum finden im Denken für sich selbst, sich abwenden vom fremden Denken und sich dem eigenen Denken zuwenden und damit ins Fühlen kommen. Und dann: Denken und Fühlen, was das Eigene ausmacht. 

Man hat uns diese Art des Denkens nicht beigebracht. Darum ist es so schwer und so eine große Herausforderung. Ich denke, es macht Sinn sie anzunehmen um aus dem Hamsterrad der tausendfachen Abhängigkeiten vom Außen herauszuspringen, es macht Sinn anzufangen selbst zu denken, um dann anzufangen uns selbst zu verstehen, um dorthin zu gelangen wo wir uns erlauben unsere eigenen Gefühle zu fühlen und jedes einzelne davon ernst nehmen und achten, um irgendwann bei uns selbst anzukommen. Wenn das gelungen ist, gelingt es das Außen als das zu begreifen, was es ist: Ein Spiegel dessen, was wir denken und was wir aufgrund dieses Denkens wahrnehmen. Und je respektvoller wir über uns selbst denken, je mehr wir uns selbst Beachtung und Achtung schenken, desto mehr können wir anderen davon zurückgeben. Dann erst werden wir etwas von dem bekommen, was wir uns wünschen.

...

Der Mensch hat verlernt zu handeln, er reagiert bloß noch. Er ergreift die Möglichkeiten des Lebens nicht, sondern lässt sich von ihm treiben. Er passt sich den Verhältnissen an, statt sie zu zwingen. Er lässt sich vom Leben formen, statt es wie ein Kunstwerk zu gestalten. Der moderne Mensch ist dekadent geworden, beherrscht von der Krankheit des Ressentiments, des reaktiven Gefühls schlechthin. 

Friedrich Nietzsche


Kommentare:

  1. Ja, es ist schwer und eine große Herausforderung, sich aus diesem Hamsterrad zu befreien! Aber ich nehme auch diese Herausforderung an, liebe Frau Wende! Mit allen Höhen und Tiefen! ;-)
    Chris

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