Mittwoch, 17. August 2016

Aus der Praxis – Borderline

Zeichnung: AW

Sie ist voller Lebensangst und zugleich will sie nur leben. Sie sehnt sich nach Nähe und Zärtlichkeit und zugleich ist sie nach innen und außen abgeschottet. Sie sehnt sich nach Zuneigung und Liebe und zugleich hat sie panische Angst fallen gelassen zu werden. Ihr Bedürfnis nach Halt kippt um in die Angst vor Einengung. Ihr Bedürfnis nach Anlehnung kippt um in die Angst vor Ablehnung und Zurückweisung. Ihre Angst vor Zurückweisung mündet in das Zerstören jeder Beziehung.

Sie ist eine kluge, aufrichtige, starke, mitfühlende, stolze Frau und gleichzeitig wohnt ein kleines trauriges Mädchen in ihr, das resigniert hat und sich vor der Welt, dem Leben und den Menschen fürchtet. Sie sehnt sich nach Menschen und wagt es nicht, sich auf sie einzulassen. Sie fürchtet sich vor Nähe, weil Nähe erfahrungsgemäß immer Verletzung bedeutet. Sie führt Freundschaften nur zaghaft, weil sie es nicht ertragen kann zu tief in das Fremde hineingezogen zu werden. Sie kann reale Gefahren und das Gefühl von Angst nicht trennen. Sie hält es nicht gut mit sich alleine aus und kann sich selbst kaum aushalten. Sie steht unter permanenter innerer Spannung, die sich nur beruhigt, wenn sie sich körperlich auspowert. Sie kann sich schwer selbst beruhigen. Ihr Mangel an innerer Geborgenheit treibt sie von einer Stimmung in die nächste. Sie ist ständig am Kippen und fällt von einem Extrem ins andere. Es fällt ihr unsagbar schwer aus destruktiven Stimmungen wieder herauszufinden.

Sie weiß nicht, wie sie mit dem Leben umgehen soll und oft denkt sie, sie wird daran zerbrechen. Sie braucht jemanden, der ihr hilft, kann aber Hilfe nicht zulassen. Sie nimmt die Welt zutieftst widersprüchlich und fragmentarisch wahr, das schafft Verwirrung und Orientierungslosigkeit. Unfähig die Wirklichkeit in all ihren Facetten einzuschätzen, ist sie gefangen in ihrem zerstückelten Bild von Welt. Sie ist voller Angst, weil es ihr nicht gelingt die widersprüchliche Welt zu erfassen, sie zu verstehen und die Dinge angemessen einzuordnen. Für sie ist das Leben eine Ansammlung von Splittern, die keinen Zusammenhang ergeben.

Sie ist ständig in Hab-Acht-Stellung vor allen möglichen Missklängen und Gefahren. Sie hat eine erhöhte Sensibilität und ein ausgeprägtes Frühwarnsystem seit sie klein ist. Sie hat es gebraucht um zu überleben. Dass sie es heute nicht mehr braucht weiß sie nicht.

Aus Selbstschutz trägt sie eine Rüstung im Wissen, dass sie voller Risse ist und sie nicht schützen kann Sie führt ständig einen inneren Kampf zwischen Liebe und Hass in sich selbst und mit der Welt. Sie kann Gut und Böse nicht zusammenbringen. Sie lebt in der Spaltung und sieht und fühlt nur Schwarz oder Weiß. Ein Grau gibt es für sie nicht. Das kostet unheimlich viel Kraft und verbraucht unsagbar viel Energie. In ihrer Zerrissenheit weiß sie nicht, was sie braucht und was sie nicht braucht. Sie weiß nicht wo die Grenze zwischen sich selbst und den Anderen beginnt und wo sie endet. Sie kann sich oft selbst nicht spüren und dann verletzt sie sich selbst. Sie leidet darunter wie zerstörerisch ihr Leben war und ist. Am Meisten leidet sie unter dem zersetzenden Gefühl in sich selbst keinen Halt zu finden. Sie ist eine Verlorene in sich selbst. Unsicherheit, Wertlosigkeit, Misstrauen, Angst und der Schmerz grenzenloser Einsamkeit sind ihre Begleiter.

Es schmerzt mich die tiefe innere Verlassenheit und die ohnmächtige Wut der Verzweiflung dieses zutiefst beschädigten Selbst zu spüren. Es rührt mich in die Augen dieses einsamen kleinen starken Mädchens zu blicken, das, seit es geboren ist, unermüdlich seinen Platz in der Welt sucht, den Platz dem man ihm nicht geben wollte. Es rührt mich zu sehen, wie dieses verletzte Menschenkind trotz allem, eine scheinbar unzerstörbare Widerstandfähigkeit in sich trägt.
Sie ist eine Grenzgängerin. Man nennt das Borderline.


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