Samstag, 16. April 2016

Aus der Praxis – Schuld und Schuldgefühl


Schuld, Schuldgefühl ... schon beim Schreiben dieser Worte spüre ich ein unangenehmes Grummeln im Bauch, ein Gefühl, das ich oft erlebt habe und hin und wieder noch immer erlebe, ein Gefühl, das mir das Herz beschwert.

„Schicksalsschläge lassen sich ertragen - sie kommen von außen, sind zufällig. Aber durch eigene Schuld leiden - das ist der Stachel des Lebens“, so drückte es Oscar Wilde einmal aus. Ein kluger und sensibler Geist, der das Thema Schuld hautnah erfahren hat, brachte ihm doch seine Homosexualität eine zweijährige Gefängnisstrafe ein, die letztlich seine Gesundheit ruinierte und zum Tod führte. Wilde fühlte sich schuldig seiner Frau gegenüber, den Kindern gegenüber, weil er nicht anders konnte als seine Veranlagung auszuleben.

Schuld spielt in unser aller Leben eine Rolle. Ein schuldloses Leben gibt es nicht. Wir alle haben uns irgendwann, irgendwem gegenüber schuldig gemacht, meist absichtslos. Betrachten wir das Thema Schuld, so kommen wir nicht umhin die wichtige Rolle des Komplexes „Schuld - Verantwortung“ einzubeziehen. Viele von uns meinen, wie Wilde, alle Schuld, die nicht durch einen Schicksalsschlag entstanden ist, bedeutet -  sie sind am Vorgefallenen, am Unglück, wie immer es auch aussehen mag, selbst schuld. Aber, wenn dem so ist, dann müsste die Schuld durch eigene Anstrengungen auch wieder wegzukriegen sein. Wenn das aber trotz aller Bemühungen nicht klappt, haben wir uns nicht genug angestrengt, also haben wir schon wieder versagt, dann sind wir wieder „schuld“. Ein unseliger Kreislauf.

Aber was ist Schuld und was sind Schuldgefühle?

Schuld und Schuldgefühle sind zweierlei. In den meisten Fällen ist es nicht eine objektive Schuld mit der wir beladen sind, es sind Schuldgefühle, die wir haben, weil wir etwas getan haben, das einem anderen Schaden zugefügt hat, oder uns selbst. Wir „fühlen“ uns schuldig, auch wenn es objektiv nur ein Fehler war, den wir gemacht haben, weil wir es nicht besser wussten oder nicht besser konnten. Schuldgefühle werden uns, machen wir sie uns nicht selbst, gemacht von anderen, die glauben, dass wir ihnen etwas angetan haben. Darin enthalten ist die Forderung nach Wiedergutmachung oder die Erwartung, dass wir Abbitte leisten, für das, was wir ihnen angetan haben. Auf diese Weise entstehen Opfer-Täter-Konstellationen, die unser Leben beherrschen können, wenn es uns nicht gelingt uns aus der Täterrolle herauszubewegen, die durch die Forderung nach Buße gleichzeitig auch zur Opferrolle wird. In den Augen dessen, dem wir etwas angetan haben, sind wir Täter, durch die Schuldgefühle, die uns belasten, sind wir Opfer. Auf diese Weise sitzen wir in der Falle und unsere Seele leidet. Das Leiden ist dann quasi die Buße, die wir uns selbst auferlegen. 

Wem nutzt das? Dem anderen, der uns leiden sieht, uns selbst, die wir glauben wir haben es verdient, weil wir uns schuldig gemacht haben? 

Wozu ist das gut? Für keinen, denn "Opfer" und "Täter", sind in diesem Konstrukt miteinander verstrickt und zu einem selbstbestimmten Leben nicht mehr fähig. Ein Übermaß an vitaler Lebensenergie wird für Schuld und Sühne verbraucht, die in Wahrheit nichts mehr gut und nichts mehr ungeschehen machen.

In vielen Familien und Beziehungen gehört das „Schuld und Sühne Spiel“ zum Lebensalltag. Ich kenne Mütter, die sich die Schuld geben, weil die Tochter drogenabhängig ist oder weil der Sohn auf die schiefe Bahn geraten ist. Sie suchen bei sich den Fehler für die Sucht, sie zermartern sich Hirn und Seele um den Moment zu finden, in dem sie versagt haben, den Moment, an dem sie etwas versäumt oder etwas getan haben, was zu dieser Entwicklung geführt hat. Sie fragen sich ständig: Was habe ich falsch gemacht? Warum mein Kind? Sie werden keine Antwort finden, aber sie werden das Fragen niemals aufgeben, sie werden nicht aufhören nach ihrer Schuld zu suchen und sich ewig schuldig fühlen und sie werden sich ewig ohnmächtig fühlen, wenn es ihnen nicht gelingt ihr Kind zu retten und damit sich selbst von ihrer Schuld zu befreien. Diese Mütter leiden. Sie leiden am Leid ihrer Kinder und sie leiden an sich selbst. Das Leid potenziert sich und keinem wird auf diese Weise geholfen.

Schuldgefühle geben uns das Gefühl ein schlechter Mensch zu sein und nichts Gutes mehr verdient zu haben. „Schuldgefühle, die wir nicht loswerden, verhindern den Fluss des Lebens und sie verhindern die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und Identität", schreibt der Therapeut und Autor Heribert Fischedick in seinem Buch „Aufbrechen - Schuld als Chance“. Fischedick ist Therapeut und Theologe. In beiden Wirkungsbereichen ist er mit Schuld und Schuldgefühlen konfrontiert. Er kennzeichnet das Erleben von Schuldgefühlen als einen mehrdimensionalen Vorgang, der sich sowohl auf der Verstandesebene - „das hättest du nicht tun dürfen“,  als auch der Körperebene, z.B. durch psychosomatische Erkrankungen manifestiert. Gefühlsmäßig werden Schuldgefühle als Spannungszustand erlebt, der auf Entlastung drängt, was aber nicht gelingt. So somatisiert der Körper schließlich, was die Seele nicht aushält.

Fischedick macht eine wichtige Unterscheidung: Er trennt begrifflich das „materialistische“ vom „existenziellen Schuldverständnis“. So orientiert sich das materialistische Schuldverständnis am traditionellen moralischen System Gott-Eltern-Gesellschaft, das Regelverstöße einer Autorität gegenüber streng ahndet und in seinem dualistischen Weltbild nur „gut oder böse“ kennt. Hier wird Schuld als das Abweichen von der gesellschaftlich vorgegebenen Norm gesehen. Die Folge ist eine innere Zerrissenheit, „die darum weiß, den Forderungen nicht gewachsen zu sein und deshalb diesen Schatten ständig unterdrücken, verdrängen und verleugnen muss.“ 

Das existenzielle Schuldverständnis, nach Erich Fromm auch das „humanistische Gewissen“, ist die eigene Stimme, die in jedem Menschen spricht und die von keiner äußeren Strafe und Belohnung abhängt. Damit sind wir beim Thema Verantwortung angelangt.

Schuldig werden ist menschlich, wir alle machen Fehler, Schuldgefühle gehören zum Menschsein. Entscheidend aber ist, dass wir lernen zu unterscheiden, aus welcher Art Schuldverständnis heraus diese geboren werden und zu verstehen versuchen, weshalb wir uns schuldig fühlen, auf welche Weise wir glauben uns „schuldig“ gemacht zu haben, wem gegenüber, in welcher Lebenssituation - und vor allem aus unserer Biografie heraus nach Ursachen suchen, warum wir nicht anders konnten. 

Auf diese Weise kann es gelingen unsere Schuldgefühle anzunehmen ohne uns zur Sühne zu verurteilen oder uns als schlechten Menschen zu empfinden. Indem wir uns mit diesen Gefühlen auseinandersetzen holen wir sie aus dem Reich der Schatten ins Licht, wir integrieren sie und werden nicht mehr unbewusst in unserem Denken, Fühlen und Handeln von Schuldgefühlen gesteuert. Wir befreien uns aus der Opferrolle indem wir unsere Fehler bewusst anerkennen, ohne auf ewig den Büßer zu geben. 


Die Frage lautet also: Will ich Verantwortung für mein Leben übernehmen und nicht weiter aus Schuldgefühlen heraus in Selbstbestrafung und damit letztlich in die Selbstzerstörung verfallen?
Es muss deutlich werden, dass Schuldgefühle zur Verantwortlichkeit gehören“, schreibt Fischedick. Und Fritz Pearls, der Begründer der Gestalttherapie, schreibt dazu: „Solange man ein Symptom bekämpft, wird es schlimmer. Wenn man Verantwortung übernimmt für das, was man sich selber antut, wie man sein ganzes Dasein hervorbringt, in dem Augenblick, in dem man mit sich selbst in Berührung kommt, beginnt das Wachstum, beginnt die Integration, die Sammlung.“ Und damit meint er eben nicht, dass man doch „selbst schuld“ ist, vielmehr liegt auch hier der Fokus auf dem Begriff Verantwortung.

Niemand außer wir selbst ist dafür verantwortlich welche Bedeutung wir den Geschehnissen in unserem Leben geben, wir selbst sind also auch verantwortlich dafür, was wir in Bezug auf unsere Schuldgefühle tun oder unterlassen. Wir selbst sind verantwortlich für die möglichen Korrekturen unserer Fehler. Wir selbst sind verantwortlich für unsere Gefühle und wir sind verantwortlich dafür, wie wir uns von unguten Gefühlen entlasten, eben auch von Gefühlen der Schuld, die vielleicht gar keine ist Schuld ist, sondern eben "nur" das Gefühl von Schuld.

Wenn wir alles was in unserer Macht steht, alles was in unserem Verantwortungsbereich liegt, getan haben um unseren Fehler zu korrigieren und der andere diese Bemühungen nicht anerkennt, dann sind allein wir verantwortlich dafür, ob wir das Einfordern von Sühne weiterhin zulassen oder nicht. Das klingt alles sehr theoretisch und es das ist es auch. Die Mutter, die unter Schuldgefühlen leidet, wird das nicht entlasten. Eine Mutter glaubt sich immer verantwortlich für das Leben ihrer Kinder, sie hat schließlich mit der Geburt die Verantwortung für dieses Leben übernommen. Sie hat versagt, wenn dieses Leben ungut verläuft, das ist ihre Überzeugung und sie versagt in ihren Augen, wenn sie ihr Kind nicht beschützen, bewahren oder retten kann.
Aber – ist das wirklich wahr? 

Es ist nicht wahr. Wahr ist vielmehr, dass wir nichts unter Kontrolle haben, dass wir, wenn wir unser Bestes gegeben haben, was wir in diesem Moment in der Zeit geben und tun konnten, es nicht in der Hand haben was im Leben eines anderen geschieht, weder das Gute noch das Ungute. Wir sind Menschen und keine Götter. Und weil wir Menschen sind machen wir Fehler. Wir machen sie und unsere Kinder machen sie, weil wir nicht anders können, denn könnten wir anders, würden wir anders handeln. Und diese Fehler können nur wir selbst uns vergeben oder Gott. „Herr vergib uns, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Ich möchte hinzufügen: Auch wenn wir selbst unser Schuldiger sind. 

Schuld und Vergebung sind untrennbar miteinander verbunden. Wir sind solange in Schuld und Schuldgefühl verstrickt, wie wir uns selbst nicht vergeben. Kein anderer kann das für uns tun. Und es zu tun erfordert eine wichtige Einsicht: Schuldgefühle sind nur für eins (un)gut: Sie hindern uns am Leben, sie sind die Starre der Seele, die eintritt, wenn wir den Stachel der Schuld nicht irgendwann herausziehen. Die Liebe würde das nicht für uns wollen, ganz gleich wie fehlerhaft wir einmal gehandelt haben.

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