Sonntag, 5. Juli 2015

Zeit für Entrümpelung





Die Hitze, die seit Tagen über der Stadt liegt wie eine schwere Decke, strengt mich an. Sie macht mich schwer, pocht in meinen Beinen, in meinem Kopf. Ich bin froh, wenn ich an den Abenden endlich zuhause bin in der kühlen Altbauwohnung, die im Winter zu kalt ist und im Sommer so herrlich kühl. Ich schätze diesen Luxus jetzt ebenso sehr wie ich im Winter über den Nichtluxus fluche und denke, mir kann man es nicht recht machen.

Ich bin müde von der Hitze und vom mich Konzentrieren auf andere. Es strengt mich an, auch ohne Hitze strengt es mich an. Du wirst alt, denkt es mich und dass mir die Hitze früher nichts ausmachte und vieles andere auch nicht. Ich will raus aus der Hitze und raus aus all dem, was mich anstrengt und nehme es mir vor, immer wieder und tue es nicht. Ich tue vieles, was ich mir vornehme nicht, nicht mir zuliebe, sondern anderer wegen, die ich nicht enttäuschen will und so mich selbst enttäusche immer wieder und nicht lerne, wo ich doch weiß, was die Aufgabe ist, die ich beharrlich verweigere, weil es diesen Teil in mir gibt, der sagt: Das geht gar nicht! Das geht gar nicht, dass du alles hinter dir lässt, was dich nicht sein lässt und das geht gar nicht, dass es dir endlich schnurzpipegal ist, was dieses Alles dann macht, ohne dich. Das geht gar nicht, weil du doch die Verantwortung übernommen hast, damals irgendwann, als es dir nicht schwer fiel, so schwer wie es dir heute fällt und ich weiß – all das Lassen wäre Loslassen, etwas was ich nicht gut kann, wenn es um Andere geht und die Verantwortung für sie, die vielleicht doch nur in meinem Kopf ist, sagt da ein anderer Teil in mir, und dass ich den mal ausleeren soll, den Kopf. Es ist höchste Zeit für eine Entrümpelung.
Verschaff dir einen klaren Blick über das, was wirklich ist, sagt der Teil in mir, der es gut mit mir meint. Das geht nur, wenn du jetzt endlich Abstand nimmst von all dem, was nach dir greift und will und erwartet, mal laut, mal leise, aber immer mit einem "haben Wollen" für sich selbst und einem stummen Enttäuschtsein, wenn du nicht willst. Was mit dir ist sehen sie nicht, hören sie nicht, auch wenn du es sagst, immer wieder, oder sie glauben meinen zu müssen, was gut für dich ist, weil es in Wahrheit gut für sie ist und sie das nicht merken, dass es das ihre ist und nicht das deine, das nämlich, was du brauchst. Das siehst du wenn du jetzt endlich mal genau hinsiehst, sagt der Teil in mir, der es gut mit mir meint. Schau hin, dann siehst du, sie sorgen gut für sich, auch indem sie sich von dir versorgen lassen mit dem, was sie sich selbst nicht geben können oder wollen und du gibst solange bis du umkippst und dann kommen sie auch ohne dich klar. Jeder ist ersetzbar, auch du bist es, aber nicht für dich, weil du dich brauchst und dich nicht ersetzen kannst, für dich.
Du weißt das und du nimmst das noch immer nicht ernst und was muss passieren, damit du das endlich nicht nur weißt, sondern auch danach handelst?


Kommentare:

  1. Wieder ein so wunderbarer Text. Ich denke im Moment auch oft darüber nach, wie groß doch der Unterschied ist zwischen dem, was ich früher leisten konnte und dem, was mir heute, unzählige Zipperlein und Erfahrungen später, noch möglich ist. Dieses "Altern zulassen" und annehmen ist schwer in unserer westlichen Gesellschaft. Denn wenn du hier nicht mehr gebraucht werden kannst, bist du nichts mehr wert. In anderen Ländern gibt es noch den Respekt vor dem Alter, das wohlverdiente Ruhiger werden und schließlich Ausruhen ist dort normal.
    Irgendwann kommt sicher der Punkt, an dem man gezwungen ist, sich ganz auf sich selbst zu besinnen, damit man überhaupt wieder etwas geben kann. Man muss ja aus irgendeiner Quelle schöpfen können...
    Lieben Gruß
    Gabi

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  2. liebe gabi,
    ja, irgendwann müssen wir lernen mit unserer kraft zu haushalten und uns auf das wesentliche zu besinnen. nach innen gehen, um die quelle wieder zu finden und uns selbst wieder wertzuschätzen, wenn wir uns verloren haben. dazu braucht es stille und zeit nur für uns selbst.

    alles liebe dir,
    angelika

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